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Große Gefühle in den Weiten Alaskas Gerald hat vor Jahren nach dem Tod seiner kleinen Schwester jegliche Lebensfreude verloren. Von Schuldgefühlen zerfressen hat er kaum noch Kontakt zu seiner Familie und Freunden. Stattdessen lebt er nun als Mitglied einer Holzfällercrew in den abgeschiedenen Weiten Alaskas. Als er einen schweren Unfall bei der Arbeit hat und im Örtchen Chickaloon festsitzt, steht auf einmal Julie vor ihm. Julie, die in ihm Gefühle weckt, die er begraben geglaubt hat. Die beiden kommen sich bald näher, aber Geralds Vergangenheit holt sie unerbittlich ein…
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Seitenzahl: 656
Veröffentlichungsjahr: 2017
Die AutorinSteffi Hege, 1984 geboren, wuchs im bayrischen Allgäu auf, wo sie auch heute noch mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt. Hauptberuflich arbeitet sie seit ihrem Hochschulabschluss 2006 als Sozialpädagogin. Bis 2015 im psychiatrischen Arbeitsfeld, aktuell als Sprachförderkraft in einer Kindertagesstätte. Sprache begleitet sie jedoch nicht nur in ihrer beruflichen Laufbahn, denn bereits seit 2014 schreibt sie leidenschaftlich. Nach dem kurzen Exkurs in das Genre der Regionalkrimis hat sie ihre Passion für Liebesgeschichten entdeckt. In ihre Liebesromane und Charaktere investiert sie neben viel Zeit vor allem Herzblut, da das Schreiben für sie ein unverzichtbarer Teil ihres Lebens geworden ist.
Das Buch
Große Gefühle in den Weiten Alaskas
Gerald hat vor Jahren nach dem Tod seiner kleinen Schwester jegliche Lebensfreude verloren. Von Schuldgefühlen zerfressen hat er kaum noch Kontakt zu seiner Familie und Freunden. Stattdessen lebt er nun als Mitglied einer Holzfällercrew in den abgeschiedenen Weiten Alaskas. Als er einen schweren Unfall bei der Arbeit hat und im Örtchen Chickaloon festsitzt, steht auf einmal Julie vor ihm. Julie, die in ihm Gefühle weckt, die er begraben geglaubt hat. Die beiden kommen sich bald näher, aber Geralds Vergangenheit holt sie unerbittlich ein…
Steffi Hege
So weit dein Herz mich trägt
Roman
Forever by Ullsteinforever.ullstein.de
Originalausgabe bei Forever Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin November 2017 (1) © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017 Umschlaggestaltung: zero-media.net, München Titelabbildung: © FinePic® Autorenfoto: © privat ISBN 978-3-95818-227-1 Hinweis zu Urheberrechten Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Der Helikopter taumelte, als er von einer Sturmbö erfasst wurde. Gerald hatte keine Ahnung, die wievielte es binnen weniger Minuten war, aber er klammerte sich längst am Polster seines Sitzes fest. Sie würden abstürzen und einfach wie ein Stein vom Himmel fallen und am Boden zerschellen. Dessen war er sich sicher. Anna …, dachte er. In diesem Moment fühlte er sich ihr ganz nah.
»Fuck, Jackson, halt den Vogel endlich ruhig, wenn du nicht willst, dass ich hier alles vollkotze!«, brüllte es Gerald ins Ohr. Trotz der lockeren Worte konnte Gerald die Angst in Tims Stimme hören, der neben ihm saß. Er wusste es also auch, dass sie in ernsthaften Schwierigkeiten steckten. Beunruhigt beugte er sich nach vorne, um einen Blick ins Cockpit zu erhaschen. Jackson war ein erfahrener Pilot und für gewöhnlich ruhig und souverän. Jetzt aber umklammerten seine Hände den Steuerknüppel so fest, dass die Gelenke seiner Finger unnatürlich hervortraten.
Gerald lehnte sich wieder zurück und versuchte das Tosen des Sturmes zu ignorieren, das bis ins Innere des Helikopters drang. In Gedanken verließ er den K-1200 K-Max Schwerlastenheber und wanderte zurück in die Zeit, als es noch undenkbar gewesen war, einen Job zu wählen, bei dem er jeden Tag sein Leben riskierte.
Es tat weh. Es tat so unglaublich weh über die vergangenen fünf Jahre zurückzufliegen und sich Annas lachendes Gesicht vorzustellen. Obwohl sie noch so jung war, bildeten sich kleine Lachfältchen um ihre großen, blauen Augen.
»Sei doch nicht immer so ernst Gerald«, rief sie, stieß ihn von der Seite an und wirbelte herum. »Du wirst auf´s College gehen und solltest Spaß haben!« Ihr blondes Haar wehte im Wind, als sie sich auf die Schaukel setzte und sich vom Boden abstieß. Gerald beobachtete sie und wünschte sich, dass er nur einmal so unbekümmert wie sie sein könnte. Aber wie sollte er, wenn er daran dachte, dass über zweihundert Meilen zwischen ihnen liegen würden, wenn er das College wählte, auf das er wirklich gehen wollte. Er schüttelte gedankenverloren den Kopf. Nein, niemals würde er seine kleine Schwester zurücklassen können, selbst wenn der Preis dafür seine Träume waren.
Der Helikopter taumelte und schien sich für einige Sekunden im freien Fall zu befinden, ehe er mit einem Ruck wieder nach oben gerissen wurde. Gerald wurde jäh zurück in die Realität geholt. »Heilige Maria, Mutter Gottes …«, brüllte Connor, der an seiner anderen Seite saß. Sein Gesicht war blass, die Augen vor Schreck geweitet. Gerald wurde es schummrig. Die Lage war wirklich schlimm, wenn selbst ein erfahrener Lumberjack wie Connor die Nerven verlor.
Er arbeitete schon fast zwanzig Jahre für die Delloway Tree Company und war unzählige Male mit dem Helikopter im Einsatz gewesen. Gerald wollte schreien, doch er verbot es sich. Verdammt, er war viel zu jung zum Sterben, hatte zu wenig gelebt. Er presste die Lippen hart aufeinander und krallte seine Finger noch fester ins Polster. Es war erbärmlich, sich vor Angst fast in die Hosen zu machen. Was musste Anna – ein unschuldiges Mädchen – erst gefühlt haben, als sie die Lichter des Trucks gesehen hatte, der auf sie zugerast war? Er sollte sich zusammenreißen und das, was auch immer nun kommen mochte, wie ein Mann hinnehmen.
»Sixth Logger an Tower, Sixth Logger an Tower, wir stecken in ernsthaften Schwierigkeiten«, rief Jackson ins Mikro. Er wartete einen Moment ab und schien einer Antwort zu lauschen, dann knurrte er einen deftigen Fluch. »Verfluchte Scheiße, seid ihr bescheuert? Wenn wir nicht bald eine Landemöglichkeit finden, dann kommen wir so runter! Nach Palmer sind es mindestens noch vierzig Meilen. Ich brauche verdammt nochmal einen näheren Landeplatz als in fucking Palmer!«, brüllte er zurück.
Wie Jackson überhaupt noch wissen konnte wo sie sich befanden, war Gerald angesichts der vielen Lämpchen, die ihm aus dem vorderen Teil des Helikopters entgegenblinkten, ein Rätsel. Er presste die Lippen hart aufeinander und schüttelte den Kopf. Wie oft hatte er sich gewünscht, einfach sterben zu können? Dennoch fiel es ihm nun schwer, den Gedanken zu akzeptieren.
Der Helikopter sackte wieder ab. Gerald erschien es wie eine Ewigkeit, bis er sich wieder fing und stabilisierte. Jackson fluchte laut. Das nächste Mal würde es ihm vermutlich nicht noch einmal gelingen, ihn unter Kontrolle zu bringen. Geralds ganzer Körper spannte sich an. Nun war es zu spät, seine Entscheidung, dem Trupp beigetreten zu sein, zu bereuen.
»Haltet euch gut fest, Männer.« Jackson drehte den Kopf kurz über die Schulter und warf einen ernsten Blick in die Runde. »Wir gehen runter.«
»Was meinst du damit?«, schrie Will, doch Jackson antwortete nicht, sondern drehte sich fluchend wieder auf dem Pilotensitz nach vorne. Der Helikopter erzitterte unter den wütenden Schlägen des Sturms. Das Metall knirschte drohend. Gerald presste die Lider zusammen und hielt sich mit aller Kraft an seinem Sitz fest. Es fiel ihm nicht schwer, in Gedanken wieder Annas Abbild heraufzubeschwören. Er hatte es so lange ganz tief in sich vergraben und sich verboten, an sie zu denken, dass es sich nun mit all der Macht der Liebe, die er für sie empfunden hatte, in seinem Inneren ausbreitete. Ich komme zu dir, dachte er als der Helikopter stürzte und vom Himmel taumelte.
»Das ist nicht der Landeplatz von Palmer«, stellte Connor trocken fest, als er einen Blick aus dem Fenster warf. Gerald löste seine klammen Finger vom Polster und legte die Hände in seinen Schoß. Hoffentlich bemerkten die anderen nicht, dass sie unkontrolliert zitterten. Es war ihm verflucht nochmal egal wo sie sich befanden, nur dass sie nicht in der Explosion des zerschellenden Hubschraubers verbrannt waren, zählte.
»Wo verdammt nochmal hast du uns hingebracht?«, setzte Connor nach und lachte zittrig. Auch er schien erleichtert, auch wenn er zu verbergen versuchte, dass er um sein Leben gebangt hatte.
»Sei froh, dass ich uns überhaupt noch irgendwohin bringen konnte.« Jackson drehte sich grinsend zu ihnen herum. In seinem Mundwinkel baumelte eine Zigarette. »Die Sturmfront hatte sich direkt vor Palmer aufgebaut«, sagte er und steckte sie an. »Wenn der Tower mich nicht zu diesem privaten Landeplatz gelotst hätte, würden wir jetzt mit den Engeln fliegen, anstatt morgen wieder für Delloway zu starten.« Er zog an seiner Zigarette und inhalierte tief. Die Erleichterung in seinen Augen drückte aus was Gerald dachte: Wir hatten mehr als nur Glück.
»Und jetzt? Sag nicht, dass wir hier im Vogel schlafen sollen. Wir haben nicht mal etwas zu essen dabei«, sagte Will, der Gerald gegenübersaß, und spähte aus dem Fenster. Soweit Gerald von seinem Platz aus feststellen konnte, befanden sie sich mitten im Nirgendwo. Jedenfalls wiesen keine Straßenbeleuchtung oder die Lichter eines Hauses auf eine naheliegende Zivilisation hin. »Wir warten«, antwortete Jackson jedoch gelassen und zog genüsslich an seiner Zigarette. »Der Tower ist darüber informiert, dass wir hier gelandet sind. Sie werden jemanden herschicken. Soweit ich weiß, müsste Chickaloon ganz in der Nähe sein.«
»Du denkst, dass uns jemand abholen kommt? Verdammt, Jackson, greif dir verflucht nochmal dieses Funkgerät und kümmere dich darum. Ich bin am Verhungern und mir tun die Knochen weh. Ich habe keinen Bock, hier herumzusitzen und zu warten …«
Gerald schloss die Augen und legte seinen Kopf in den Nacken. Er achtete nicht weiter auf den maulenden Tim und die anderen, die sich feixend darüber austauschten, wie sie sich in der Kälte Alaskas in der Nacht aneinander kuscheln würden, um nicht zu erfrieren. Sie waren allesamt harte Kerle, das war Gerald klar. Andernfalls könnte keiner von ihnen den Knochenjob eines Holzfällers erledigen. Aber während sie nicht einmal in einer Situation wie dieser Schwäche zulassen konnten, musste er selbst sich verdammt zusammenreißen, um nicht zusammenzubrechen. Es war nicht nur das pure Glück, noch am Leben zu sein, das ihn aufwühlte. Es waren vielmehr die Erinnerungen, die er zugelassen hatte und die ihn nun zu überwältigen drohten.
Kurz nachdem er volljährig geworden war, hatte er bei der Delloway Tree Company in Colorado angeheuert. Harte Arbeit, mit dem Trupp von einem Ort zum nächsten zu ziehen, ein Kapitel in seinem Leben zu schließen und sich nicht an das vorherige erinnern zu müssen, das machte den Job aus. Er hatte gehofft, auf diese Weise weiterleben zu können. Er hatte geglaubt, dass nicht mehr jeder Atemzug wehtun würde, wenn er ein ganz anderes Leben führte, als er geplant hatte. Ein Leben, das unendlich weit weg von seinem alten war. Doch es war nicht genug gewesen. Immer wieder hatte ihn der Albtraum jenes Abends eingeholt, wenn er auch nur in die Nähe seines Heimatortes kam. Deshalb hatte er sich vor sechs Monaten von Delloway so weit entfernt wie nur möglich wegversetzen lassen. So war er bei Jackson Hollys Trupp in Alaska gelandet. Und die Männer und die Arbeit waren so, wie er es sich erhofft hatte. Hart, rau und weit davon entfernt, Raum für andere Lebensinhalte zuzulassen.
Zwar wusste Gerald, dass Connor als einziger von ihnen Familie hatte. Aber er sprach zum Glück nie von ihnen. Nur wenn er aus dem Urlaub oder einem verlängerten Wochenende zurückkam, den Gerald selbst mit den anderen in dem Ort verbrachte, in dem sie zuletzt stationiert waren, bekam Gerald den Hauch einer Ahnung, dass Connor glücklich war. Er wirkte dann stets weicher und schloss sich für kurze Zeit nicht mehr den derben Witzen über so manche kurzweilige Eroberung der anderen Männer an. Doch meist passte er sich schnell wieder an. Rauchte, trank und klopfte großspurige Sprüche. So waren sie: Jackson, Tim, Conner und Will. Und auch er – Gerald – tat sein Bestes, so wie sie zu sein. Doch egal wie sehr er sich bemühte, sie schienen ihn immer noch nicht als einen von ihnen zu akzeptieren.
»Hey Ger, wach auf. Da kommt jemand.« Gerald blinzelte benommen als Tim ihn unsanft mit dem Ellbogen anstieß. Die Gedanken an seine Kumpel hatten ihn etwas zur Ruhe kommen lassen. Verstohlen musterte er einen nach dem anderen. Bis die Scheinwerferkegel, die in weiter Ferne auftauchten, sie erreichten, würde noch eine ganze Weile vergehen. Obwohl er seit einem halben Jahr praktisch mit diesen Männern zusammenlebte, wusste er nur wenig über sie.
»Hey Kleiner, traurig, dass du heute Nacht nicht mit mir kuscheln darfst, oder was kuckst du so dämlich?«, zog Will ihn auf, als er ihn nachdenklich betrachtete. Gerald kniff die Augen zusammen und erwiderte seinen provokanten Blick. Will konnte er am wenigstens einschätzen.
Connor gab nur den harten Mann, das war ihm inzwischen klar geworden. Tim war ein Mitläufer und gab gerne seinen Senf dazu, war aber im Grunde genommen einfach gestrickt, und Jackson war insgeheim ein Softie. Er tanzte lieber mit den Frauen, umgarnte sie und eroberte ihre Gefühle mit schönen Worten, anstatt sie schnellstmöglich ins Bett zu locken, wie Will und Tim, die nur an die Befriedigung ihrer Triebe zu denken schienen. In diesem Punkt unterschieden die beiden sich nicht, dennoch konnte Gerald Will in keine Schublade stecken. Im einen Moment wirkte er beinahe melancholisch, wenn er mit starrem Blick brütend vor seinem Bier saß, im nächsten Augenblick konnte er wegen einer Kleinigkeit ausrasten. Auch jetzt schien ihm der Sinn nach Streit zu stehen.
Gerald ignorierte das warnende Stimmchen, dass er sich nicht von seinem herablassenden Grinsen provozieren lassen sollte und nickte Will herausfordernd zu. »Mit dir will ich bestimmt nicht kuscheln. Ich habe eher darüber nachgedacht, wie ich deinen Gestank die ganze Nacht ertragen soll. Du riechst wie eine Horde Büffel.« Tim grunzte amüsiert, ansonsten war es totenstill im Helikopter. Ein Muskel in Wills Unterkiefer zuckte, doch anstatt hochzugehen, wie Gerald es erwartete, breitete sich ein verächtliches Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Das kommt davon, wenn man hart arbeitet und nicht wie du den ganzen Tag wie eine Ballerina durch den Wald tänzelt, so wie ihr es ihm sonnigen Colorado anscheinend macht.«
Gerald erstarrte. Colorado – seine Heimat, die er so sehr zu vergessen versuchte. Das saß. Er lächelte eisig und hoffte, dass ihm der Schock nicht anzusehen war. Es konnte nicht gut sein, wenn Will seine Schwachstelle entdeckte. Er würde sie zu nutzen wissen, denn Wills Launen ihm gegenüber waren der Grund dafür, dass er immer noch wie der Neuling behandelt wurde. Will drängte ihn in die Rolle des Außenseiters und erinnerte ihn darüber hinaus auch noch stets an das, was er vergessen wollte: Dass er ein Leben vor Alaska geführt hatte. Wann immer es Will möglich war, hob er hervor, dass Gerald nicht wie die anderen schon seit Jahren diesem Trupp angehörte. Dabei arbeitete er genauso hart. Das wusste Will, und vermutlich ärgerte er sich darüber, dass er dem Job gewachsen war.
Gerald verbreiterte sein Lächeln und zuckte betont locker mit den Schultern. »Wer kann, der kann. Wer sogar tanzend diesen Job erledigt, ohne am Abend vor Schweiß nur so zu stinken, ist bei den Frauen wohl klar im Vorteil.«
»Als ob du an irgendeiner Frau interessiert wärst. Seit du hier bist haben wir dich jedenfalls noch nie mit einer gesehen«, brauste Will auf und schnellte in die Höhe.
»Jetzt kommt mal runter«, griff Connor ein und erhob sich ebenfalls von seinem Platz. »Wir sind alle gestresst und hungrig, schon klar. Aber uns gegenseitig fertig zu machen ändert auch nichts daran, und unser Taxi wird nicht ewig warten.« Besänftigend klopfte er Will auf die Schulter und nickte in Richtung Fenster.
Die Lichterkegel waren am Rande des Landeplatzes zum Stillstand gekommen. Doch davon schien Will sich nicht ablenken zu lassen. Angespannt stand er da und fixierte Gerald mit gefährlich funkelnden Augen. »Nimm deine Pfoten von mir«, warnte er Connor, ohne seinen Blick von Gerald zu nehmen. Doch anstatt auf Wills scharfen Ton zu reagieren, packte Connor ihn an der Schulter und rüttelte ihn leicht. »Ich lass dich los, wenn du dich beruhigst. Mach jetzt keinen Scheiß, Will.« Obwohl Connor versuchte locker zu klingen, bemerkte Gerald den warnenden Unterton in dessen Stimme.
Auch Will schien er nicht zu entgehen. Mit einem Ruck machte er sich von Connor los und nickte ihm widerwillig zu. »Schon gut. Aber von so einem Hosenscheißer lass ich mich nicht anmachen. Wenn er das nochmal versucht, reiße ich ihm den Arsch auf, so dass er hinterher weder Frau noch Mann glücklich machen kann. Ich habe schon Bäume gefällt, da hat er noch an Mommys Rockzipfel gehangen.«
Das war zu viel für Gerald. Will konnte kaum sechs Jahre älter sein als er, und der Streit kam ihm gerade recht, um seinem aufgestauten Gefühlschaos Luft zu machen. »Du weißt einen Scheiß über mich«, zischte er und stand auf, um mit seinem Gegner auf Augenhöhe zu kommen. Noch eine dumme Bemerkung und er würde ihm seine arrogante Visage polieren. Doch Connor war schneller: »Hör auf, Gerald. Steig jetzt aus und lass Will in Ruhe«, warnte er ihn deutlich lauter als Will zuvor und deutete auf die Tür des Helikopters.
Gerald zögerte. Jetzt den Rückzug anzutreten bedeutete, dass Will gewonnen hatte. Das war ihm wohl ebenfalls klar. Mit einem höhnischen Grinsen stand er hinter Connor und wackelte provokant mit den Augenbrauen. Gerald schäumte vor Wut. Aber wenn er jetzt aber zuschlug, verlor er Connors Respekt. Und er schien ohnehin schon der einzige zu sein, der sich um ihn scherte. »Na gut. Der Klügere gibt nach«, grummelte er in Wills Richtung und öffnete schwungvoll die Tür. Die kalte Luft raubte ihm beinahe den Atem und half ihm, wieder klar zu denken.
Steifbeinig stieg er aus und verfluchte sich für seinen Hitzkopf. Er hatte nicht nachgedacht und Will hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt. Dabei war er vor allem wütend auf sich selbst. Darauf, dass er noch am Leben war und die Erinnerungen an glücklichere Tage zugelassen hatte, die ihn seit jenem Abend quälten. Es würde ihn einige Kraft kosten, sie wieder dorthin zu verstauen, wo sie hingehörten – in die Vergangenheit.
»Dann seid ihr also nur zufällig auf dem Landeplatz des alten Jack gelandet? Da habt ihr aber Glück, dass zurzeit nicht viele Touristen in der Stadt sind und Sharon über ihrem Pub noch ein paar Zimmer frei hat.«
Gerald lehnte die Stirn gegen das kühle Fenster des Trucks, mit dem Jack Reynolds sie von seinem privaten Landeplatz abholte. Der Kerl schien ein Sonderling zu sein. Vielleicht hatte er zu lange alleine gelebt und hatte deshalb sein Gehöft außerhalb der Kleinstadt Chickaloon aufgegeben und war in die Stadt gezogen. Jedenfalls plapperte er vor sich hin, seit sie sich in seinen schäbigen Truck gequetscht hatte.
Die Straße führte durch eine tiefe Schlucht. Rechts und links von ihnen erhoben sich die Western Chugach Mountains, in denen sie seit einer Woche das Holz schlugen. Jackson flog es dann nach Palmer, wo sie auch wohnten, und von dort aus wurde es abtransportiert. Wie sie nun erfahren hatten, hatte die Gewalt des Sturmes sie weit von ihrer Flugroute abgetrieben und sie waren nur wenige Meilen von ihrem Ausgangspunkt entfernt mitten im Nirgendwo gelandet.
Gerald fragte sich, was sie in der Stadt erwartete. Nicht einmal er konnte sich vorstellen, wer ein Leben so fernab wählte. Zumindest niemand, der alle Sinne beisammen hatte, da war er sich sicher.
Ihr Fahrer verstärkte diese Ahnung. »Ja, der alte Jack hat schon viele Leute in die Stadt kommen sehen. Wanderer, Abenteuer und Touristen. Aber die Lumberjacks, die in den Chugachs ihre Bäume fällen, die schlagen meistens in Palmer oder Anchorage ihr Lager auf. Sharon freut sich bestimmt, wenn ihr bei ihr übernachtet …«, murmelte der Alte und Gerald fand es ziemlich befremdlich, wie er in der dritten Person von sich sprach. Tim gab neben ihm sein grunzendes Lachen von sich. »Wie ist sie denn, diese Sharon?« Gerald musste grinsen. Tim schien sich einen Vorteil aus ihrer überraschenden Ankunft zu erhoffen.
»Sharon ist eine Seele von Mensch. Kocht den besten Eintopf in ganz Alaska. Bestimmt habt ihr Hunger …«, antwortete Jack, doch Gerald hörte nicht weiter hin. Mit gemischten Gefühlen betrachtete er die Lichter der Kleinstadt, denen sie sich nun rasch näherten. Er war immer noch angespannt. Die aufgeladene Stimmung zwischen Will und ihm und der Schrecken des Fluges steckten ihm in den Knochen. Zudem hatte er einen harten Arbeitstag hinter sich und war eigentlich todmüde. Dennoch spürte er, dass er nicht so schnell zur Ruhe kommen würde.
Anna war wieder zu nah. Wenn er sich heute Nacht schlafen legte, würden die Albträume kommen. Er wusste es und konnte nichts dagegen unternehmen. Das machte ihn nervös. Hoffentlich musste er sich das Zimmer nicht mit einem der anderen teilen. Oft wachte er schreiend auf, wenn er von Anna träumte, und er wollte einfach nicht, dass die anderen von ihr erfuhren. Sie würden vermutlich Fragen stellen, und er wollte keine Antworten finden müssen. Es würde eine lange Nacht werden. Hoffentlich hat Sharon gutes Bier, dachte er und atmete tief durch.
Es war seltsam ruhig, als Gerald aus Jacks verrostetem Truck stieg. Von dem Sturm, der hoch über ihnen noch am Himmel wüten musste, war in dem geschützten Tal, in dem die Stadt lag, nichts zu spüren. Und auch sonst war es in den Straßen wie ausgestorben. Niemand war unterwegs, obwohl der Abend erst angebrochen war. Nur aus der Bar, vor der Jack den Wagen abgestellt hatte, drang leise Musik.
Gerald wartete bis auch die anderen ausgestiegen waren und musterte die heruntergekommene Fassade des Hauses. An einigen Stellen blätterte die dunkelrote Farbe ab und die Neonröhre, mit der in großen Buchstaben der Name der Bar angebracht war, blinkte müde. Herzlich Willkommen in Chickaloon, dachte er müde und folgte Jack und den anderen ins Innere des Hauses.
»Was hast du so lange gemacht, Old Jack? Hast du die Jungs spazieren gefahren, oder warum hat das so lange gedauert?«
Gerald war überrascht, dass die üppige Mitvierzigerin, die um die Bar herumgeschossen kam, über ihre Ankunft bereits informiert zu sein schien.
»Du weißt, dass mein Truck nicht mehr der Jüngste ist«, verteidigte sich Jack und hievte sich ächzend auf einen der Barhocker. Sharon schnaubte leise und schenkte ihm keine weitere Beachtung. »Kommt, ihr könnt nach dem Schrecken bestimmt etwas Warmes im Magen vertragen«, sagte sie und führte die Neuankömmlinge zu einem freien Tisch. »Ich bringe euch gleich was.« Schon wuselte sie wieder davon.
»Und bitte fünf Bier«, rief Jackson ihr nach. Grinsend langte er in das vor ihm stehende Schälchen mit Nüssen und lehnte sich auf der hölzernen Bank zurück. »Ich denke, wir hätten es schlechter treffen können.« Zufrieden schob er sich eine Nuss in den Mund und schob die Schale über den Tisch an Connor weiter. Der nickte. »Woher wussten Sie, dass wir kommen?«, fragte er Sharon, als sie ihnen das Bier brachte.
»Jack war hier, als er den Anruf bekam und ihm gesagt wurde, dass ein Logging Trupp wegen des Sturms auf seinem Privatgelände landet. Ich nehme an, dass ihr auch einen Platz zum Schlafen braucht. Ihr werden wohl kaum heute Nacht weiterfliegen, sobald der Sturm vorbei ist …?«
»Sag bloß, ihr habt hier sogar Telefon«, rutsche es Gerald bissig heraus. Innerlich fühle er sich immer noch viel zu angespannt und der Gedanke, für diese Nacht in der Kleinstadt gestrandet zu sein, versetzte ihn in Unruhe. Aber dafür konnten Sharon und Chickaloon schließlich nichts. »Sorry«, murmelte er und grinste Sharon zerknirscht an. Doch für Reue war es bereits zu spät. Mit eisiger Miene baute Sharon sich vor dem Tisch auf und verschränkte abweisend die Arme. »Ja, junger Mann, wir haben hier ein Telefonnetz, schließlich sind wir nicht rückständig, nur weil es bis zur nächsten größeren Stadt ein paar Meilen sind! Wir sind keine Stadt im Nirgendwo, wir haben sogar ein eigenes Krankenhaus.«
Gerald hob beschwichtigend die Hände. »So war das echt nicht gemeint. Ich dachte nur daran, dass ich vielleicht dein Telefon benutzen könnte …« Es war längst überfällig, dass er sich wieder einmal bei seiner Mom meldete. Die Gedanken an Anna hatten ihn daran erinnert. Es fiel ihm schwer, sich mehr oder weniger regelmäßig bei ihr zu melden, denn er hatte sie damals zusammen mit Anna auf die eine oder andere Weise ebenfalls verloren. Dennoch brachte er es nicht über sich, sie im Ungewissen darüber zu lassen, wo er gerade steckte und ob es ihm gutging. Er musste nur zusehen, dass er an ein Telefon kam, denn er hatte nicht vor, das plötzlich zu ändern. »Es tut mir wirklich leid, Sharon. Ich wollte dich nicht kränken«, setzte er hinterher und lächelte Sharon entwaffnend an.
»Wenn das so ist«, sagte Sharon und nickte ihm gnädig zu, »dann kannst du gerne das Münztelefon hier unten benutzen. Ihr bleibt doch über Nacht, oder?«
Sie brauchten nicht abstimmen, um sich dazu zu entscheiden. Keiner von ihnen hatte Lust, sich vors Radio zu setzen, um die Unwettermeldungen zu verfolgen und nicht zu verpassen, wann sie weiterfliegen konnten.
Während sie aßen, füllte sich die Bar. Die anderen schienen sich von der heiteren Stimmung der Gäste anstecken zu lassen, die bei Sharon ihr Feierabendbier tranken oder zu Abend aßen. Nur Gerald erreichte sie nicht. Innerlich immer noch wie gelähmt saß er auf seinem Platz und beobachtete die Einwohner der Kleinstadt, wie sie sich entspannt unterhielten oder das ein oder andere Tänzchen zu der Musik aus der Jukebox wagten. Connor lachte, als Tim sich ein Herz fasste und nach langem hin und her eine Blondine aufforderte. Es machte Gerald noch einsamer, nicht wie seine Kumpel sein zu können, sich ein Mädchen zu schnappen und einfach nur Spaß zu haben. Das Brennen in ihm wurde stärker.
»Bin gleich wieder da«, murmelte er, als Sharon ihnen die zweite Runde Bier brachte und Jackson ihr das Versprechen abnahm, mit ihm zu Tanzen, sobald es an der Bar ein wenig ruhiger wurde. In dieser Verfassung würde er keine Minute ruhig schlafen, das wusste Gerald.
Er lehnte sich gegen die hölzerne Wand, die das Münztelefon vom Gastraum trennte, und rieb sich müde über die Stirn. Es war Wochen her, seit er zuletzt mit seiner Mom gesprochen hatte – als sie sich aus den Tordrillo Mountains aus Zentralalaska näher zur Küsten hin zurückgezogen hatten, wo das Klima milder war und der Winter später und nicht so unerbittlich hart hereinbrach. Gerald griff nach dem Hörer und betrachtete die Vierteldollarmünze in seiner Hand. Der Gedanke, ihre vertraute Stimme zu hören und etwas Trost darin zu finden, ließ ihn nicht mehr los. Andererseits vermochte auch sie nicht zu ändern, was geschehen war, und sie konnte nichts sagen oder tun, das ihm zur Ruhe verhalf. Unschlüssig drehte er die Münze zwischen seinen Fingern herum. Seine Mom kannte ihn viel zu gut, um seine aufgewühlte Verfassung vor ihr zu verbergen. Er brachte sie nur unnötig in Aufruhr, wenn er sie jetzt anrief und sie damit an die vielen Dinge erinnerte, die zwischen ihnen standen. Mit einem schweren Seufzen hängte er den Telefonhörer wieder ein und machte sich auf den Weg zurück zu den anderen. Noch ein Bier, dann würde er hoffentlich zu betrunken für Albträume sein.
»Wo sind Tim und Will?«, fragte er Connor, als er zu ihm an die Bar trat, an die er in der Zwischenzeit umgezogen war. Jackson hatte es tatsächlich geschafft, Sharon einzulullen und tanzte mit ihr einen langsamen Tanz. Doch die anderen waren nicht zu entdecken.
»Sind schlafen gegangen«, antwortetet Connor und nahm den letzten Schluck aus seinem Glas. »Und das sollten wir auch tun. Morgen wird wieder ein harter Tag.« Er stand auf und sah Gerald abwartend an.
»Geh du ruhig schon vor. Ich trinke noch etwas«, sagte Gerald und setzte sich.
»Was ist los mit dir, Gerald?«, fragte Connor jedoch, anstatt zu gehen, und lehnte sich an den Tresen.
Gerald winkte Sharon zu, die ihren Tanz mit Jackson beendet hatte, und beobachtete sie aufmerksam, wie sie sein Bier zapfte. Er wollte Connor nicht in die Augen sehen müssen, wenn er ihn anlog. »Was soll mit mir los sein? Es ist gerade mal acht, und ich bin noch nicht müde …«
Connor schüttelte den Kopf und ließ sich auf den Barhocker neben ihm sinken. »Du weißt genau was ich meine, Junge. Du schottest dich ab, seit du dich uns angeschlossen hast. Du arbeitest wie ein Besessener und lachst so gut wie nie. Keinen lässt du an dich ran. Will hat recht. Es ist nicht normal, dass ein junger Kerl wie du sich nicht mal nach der Nähe einer Frau sehnt. Irgendetwas stimmt doch da nicht.«
Gerald nickte Sharon dankbar zu, als sie ihm sein Bier vor die Nase stellte, und nahm einen langen Zug. Bemüht locker wandte er sich Connor zu und verzog verächtlich den Mund. »Will? Wenn du mich fragst, dann ist er derjenige, mit dem etwas nicht stimmt. Ich habe ihn heute nur angeschaut und er ist an die Decke gegangen.«
»Und du hast dich auf seine Provokation eingelassen.« Ratlos schüttelte Connor den Kopf. »Was auch immer es ist, du musst mit ihm klarkommen. Sonst kannst du nicht bei uns bleiben. Vielleicht hilft es dir, Will ein bisschen besser zu verstehen …« Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und rieb sich nachdenklich das Kinn. »Er hasst es, dass du noch die Möglichkeiten hast, die er nie ergriffen hat. Er hätte die Farm seiner Eltern übernehmen können. Aber die Aussicht, als Holzfäller schneller zu Geld zu kommen, als es mit Farmarbeit wohl möglich wäre, hat ihm mehr zugesagt. Die Farm wurde versteigert, als seine Eltern starben. Will bereut seine Entscheidung, das weiß ich, aber es gibt kein Zurück mehr. Vermutlich wäre für ihn alles besser gewesen, als in diesem Job festzuhängen.« Connor nickte beklommen und wandte sich Gerald zu: »Vielleicht seid ihr euch ähnlicher, als euch bewusst ist. Es gibt nur einen bedeutenden Unterschied: Du kannst dich noch anders entscheiden.«
Gerald versteifte sich unwillkürlich. Connor hatte ja keine Ahnung. »Dann sollte Will vielleicht derjenige sein, der den Trupp verlässt, wenn er diese Arbeit so hasst«, antwortete er gepresst.
Connor nickte knapp. »Dazu wird es aber nicht kommen. Halte dich also besser ein wenig zurück.«
Gerald schnaubte leise und sah Connor hinterher, als er sich den Schlüssel für sein Nachtquartier von Sharon holte und davonging. Es fühlte sich an, als gefriere er innerlich. »Ich habe auch keine andere Wahl«, flüsterte er.
»Mit wem redest du?«
Gerald zuckte zusammen und drehte sich um. Für einen Moment war er wie erstarrt. Vor ihm stand die vermutlich hübscheste Frau, die er je gesehen hatte. »Ähm, mit niemandem«, murmelte er verlegen.
»Hm …« Die Frau runzelte die Stirn und nahm auf dem Barhocker neben ihm Platz, auf dem eben noch Connor gesessen hatte. »Für mich klang es ganz so als hättest du etwas gesagt«, sagte sie und schenkte Gerald ein süßes Lächeln. Ihre grünen Augen funkelten schelmisch und Gerald entspannte sich ein wenig. Sie nahm ihn einfach nur auf den Arm.
»Hab mit mir selbst geredet«, sagte er und nahm einen Schluck Bier.
Sie nickte nachdenklich. »Liegt wohl an dem einsamen Leben, das ihr Holzfäller angeblich führt. Da ist es wohl unvermeidlich, dass man eigenartig wird.« Gerald öffnete den Mund, um zu protestieren, doch das Lächeln, das die Frau ihm schenkte und ihm damit zeigte, dass sie immer noch ihren Schalk mit ihm trieb, hielt ihn davon ab. Stattdessen nickte er. »So muss es wohl sein. Aber woher weißt du, dass ich ein Lumberjack bin?«
Sie lachte hell. Gerald rieselte bei dem Ton ein wohliger Schauder über den Rücken. Aufmerksam sah er sie an und wartete ihre Antwort ab. Die Frau sah sich um und beugte sich verstohlen zu ihm herüber. »Jeder hier weiß von eurer Notlandung auf Old Jacks Land. Du und deine Kumpel, ihr seid die Sensation des Abends.«
Gerald inhalierte ihren warmen Duft. Sie war ihm so nah, dass er jede einzelne ihrer langen, dunklen Wimpern ausmachen konnte. Ein sehnsüchtiges Ziehen meldete sich in ihm. Er wollte diese zarte Haut berühren. Wie hypnotisiert beugte auch er sich ein wenig nach vorne. Doch anstatt ihn wenigstens mit seinem Atem ihre Wange streicheln zu lassen, zog die Frau sich zurück und verzog ihre vollen Lippen zu einem wissenden Lächeln. Ihre Augen blitzen.
»Es ist irgendwie erbärmlich, dass ein Trupp heruntergekommener Holzfäller das Gesprächsthema des Abends ist, findest du nicht auch? Mir zeigt es jedenfalls, dass diese Stadt gewaltigen Aufholbedarf an Unterhaltung hat.« Sie wandte sich von Gerald ab und versuchte Sharon winkend auf sich aufmerksam zu machen.
Gerald konnte nicht anders, als sie fasziniert anzustarren. Sie spielte mit ihm, er wusste es und schaffte es dennoch nicht, einfach aufzustehen und zu gehen. Die Art, wie sie es tat, war zu unbedarft und zu nett, als dass er es ihr nachtragen konnte. Sharon hatte sie inzwischen bemerkt und stellte ihr eine Cola vor die Nase. Gerald wollte nicht, dass sie ging. »Wie wäre es, wenn ich dir einen Drink ausgebe und du erzählst mir, was für ein Unterhaltungsprogramm dir für diese Stadt vorschwebt?«, schlug er vor.
Sie sprang vom Hocker und Gerald befürchtete für einen Moment, dass sie genug von ihrem Spiel mit ihm hatte. Doch anstatt ihn sitzen zu lassen, griff sie nach seiner Hand und zerrte ihn von seinem Platz. »Tanz mit mir«, forderte sie ihn auf.
Gerald konnte nicht anders, als ihr gehorsam auf die kleine Tanzfläche in der Ecke der Bar zu folgen. Es war schön, ihren zierlichen Körper an sich zu spüren und wie sie sich sofort im Takt der Musik zu bewegen begann. Sie wirkte so frei, so arglos. Unbeholfen schlang er seine Arme um ihren Körper und sog ihre Wärme in sich auf. Sie schmiegte sich an ihn, und Gerald ging auf, dass sie ihn bewusst angesprochen hatte. Vielleicht hatte sie ihn schon länger beobachtet und nur auf einen günstigen Moment gewartet. Er wusste, dass er gut aussah. Schon früher war er bei den Mädchen gut angekommen, aber seit er als Holzfäller arbeitete, hatte sich sein Körper von dem eines Jungen zu dem eines gut trainierten Mannes entwickelt. Dennoch war er von ihrer Direktheit überrascht und wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Wie sie ihre Hüften bewegte …
»Du findest Tanzen also unterhaltsam?«, fragte er rau. Sie rückte mit ihrem Gesicht näher an ihn heran. »Das kommt ganz auf den Tanzpartner an«, flüsterte sie an sein Ohr und lachte leise. Gerald erschauderte. Ihr Duft und ihr offenkundiges Interesse benebelten ihn.
Zuletzt hatte er in Colorado seinem körperlichen Bedürfnis nachgegeben und sich auf einen One-Night-Stand eingelassen – etwas, das er, wie Will bemerkt hatte, wirklich nur sehr selten tat. Er mochte es nicht, dass die rein körperliche Intimität ihm eine Nähe vorgaukelte, die es in seinem Leben längst nicht mehr gab. Aber vielleicht brauchte er heute genau das … Wagemutig zog er sie näher an sich, während sie ihren Kopf an seine Schulter schmiegte. Ihr langes, dunkles Haar kitzelte ihn an der Nasenspitze. »Was für Unterhaltung würde dir noch gefallen?«, fragte er leise und streifte mit den Lippen ihr Ohrläppchen. Zufrieden beobachtete er, wie sich eine Gänsehaut auf ihrer Haut ausbreitete. Sie entzog sich ihm und wirkte plötzlich befangen. »Ich kenne noch nicht einmal deinen Namen …«
»Gerald«, antwortete Gerald ihr und zog sie sanft wieder an sich. »Ich heiße Gerald Turner.« Die Frau ließ sich nachgiebig gegen ihn sinken. Auch sie musste spüren, dass sie für diese eine Nacht zusammengehörten. Er schluckte trocken und fixierte ihren Mund. Verflucht, wie konnte eine Frau einen derart einladenden Mund haben? Vorsichtig legte er einen Finger unter ihr Kinn und hob ihren Kopf an. »Und wie heißt du?«, fragte er und sah ihr fest in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick. Ihre Wangen glühten, und Gerald ging auf, dass er längst gewonnen hatte. »Julie«, antwortete sie leise. »So ähnlich wie der Monat.« Gerald erstarrte.
»Und Juli ist doch der schönste Monat, den es gibt«, rief Anna bockig und warf ihm einen trotzigen Blick zu. Sie hatte im Juli Geburtstag, deshalb war er der schönste Monat für sie. Und nun behauptete er, dass November – sein Geburtsmonat – noch viel schöner sei. Ein kleines Teufelchen ritt ihn, sie ein wenig zu ärgern. »Und was bitteschön ist im Juli so besonders? Eis essen und baden kann man auch im August. Der November hingegen ist einzigartig. Er ist nicht mehr so herbstlich wie der Oktober, aber auch noch nicht so winterlich wie der Dezember.« Anna verzog weinerlich ihr Gesicht. »Ich bin das Besondere im Juli«, sagte sie leise.
Sie hatte recht. Gerald knickte ein. Wie immer hatte Anna recht. Sie war nicht nur das Besonderste im Juli, sie war es überhaupt – in seinem ganzen Leben. »Das stimmt allerdings«, sagte er und zog Anna liebevoll an sich. »Und deshalb ist der Juli jetzt auch mein Lieblingsmonat.«
Und es war wahr. Er liebte es, Anna zu ihrem Geburtstag mit einem besonderen Geschenk zu überraschen und die Freude darüber in ihren Augen zu sehen. Wie auch an ihrem Geburtstag vor fünf Jahren, als er ihr versprochen hatte, einen Ausflug zu einer Pferderanch mit ihr zu machen. Doch das hatte sie nicht mehr erlebt. Ihr Todestag lag ebenfalls im Juli.
Gerald schob Julie von sich und sah sie benommen an. Warum hatte sie das sagen müssen? Er hasste den Juli und die schmerzhaften Erinnerungen, die er mit diesem Monat verband. »Geht es dir gut?«, fragte Julie und trat mit besorgtem Gesichtsausdruck auf ihn zu. Gerald wehrte sie ab und atmete schwer gegen die Enge an, die sich wie ein Stahlring um seinen Brustkorb zog. Er war nicht auf der Hut gewesen und Julie hatte ihn eiskalt erwischt.
»Was ist mit dir?«, fragte sie und wollte ihre Hand auf seinen Oberarm legen. Gerald wich zurück. »Ich muss gehen«, antwortete er knapp und floh.
***
Julie sah Gerald verwirrt hinterher. Den ganzen Abend lang hatte sie den hübschen Kerl mit den etwas zu langen Haaren und dem verwegenen Dreitagebart beobachtet. Ja, er sah verdammt gut aus, aber das allein war es nicht, was ihre Blicke wie hypnotisiert anzog. Gerald strahlte etwas aus, das Julie nicht einordnen konnte, und das ließ ihr keine Ruhe. Etwas Melancholisches, Einsames. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie so auf ihn reagieren würde. Sonst hätte sie ihn nicht angesprochen. Aber mit wenigen Worten und noch weniger Berührungen hatte er sie gehabt. Beinahe war sie froh darüber, dass er sie so plötzlich hatte stehen lassen. Sie hatte keine Ahnung, worauf diese Begegnung sonst hinausgelaufen wäre. Oder noch schlimmer: Sie hatte eine ziemlich genaue Ahnung, und die war erschreckend. Sie war eigentlich keine Frau, die einfach so mit einem fremden Kerl ins Bett stieg.
Julie schnaubte leise und kehrte zur Bar zurück. Sie brauchte dringend ein Bier, um sich zu beruhigen und ihre zittrigen Knie wieder in den Griff zu bekommen. Wahrscheinlich hatte er vorhin mit seiner Freundin gesprochen, als er zum Münztelefon gegangen war. Warum auch sonst hätte er sie plötzlich einfach so stehen lassen sollen, wenn er nicht in einer Beziehung war? Hatte sich das schlechte Gewissen in ihm geregt? War er von dieser seltsamen Anziehungskraft zwischen ihnen ebenso überrascht worden wie sie und zur Besinnung gekommen, als sie sich vorgestellt hatte?
Fragen über Fragen drängten sich ihr auf, die Julie sich eigentlich nicht stellen wollte. Ihr war bewusst, dass die Holzfäller sicher nicht lange in Chickaloon bleiben würden. Es lohnte sich nicht, sich den Kopf über einen von ihnen zu zerbrechen. Dennoch konnte sie nicht anders, als den restlichen Abend über Gerald und sein Verhalten nachzudenken. Und auch wenn sie am Ende beschloss, die kurzweilige Begegnung einfach zu vergessen, konnte sie diese nachdenklichen Augen nicht mehr aus ihrer Erinnerung löschen.
»Verdammt, warum dauert das denn so lange?«
Gerald warf Will einen abschätzenden Blick zu. Seit ihrer Auseinandersetzung am Vorabend hatten sie nur wenige Worte miteinander gewechselt. Wie er selbst hatte Will sich zurückgehalten. Wahrscheinich hatte Connor ihm ebenfalls ins Gewissen geredet.
»Keine Ahnung, vielleicht sollte jemand Tim mal erklären, dass er die Motorsäge erst anwerfen muss, ehe er damit einen Baum fällen kann«, antwortete Gerald. Die frostige Stimmung aufzulockern konnte nicht schaden. Tatsächlich reagierte Will mit einem breiten Grinsen und hob das Funkgerät an seinen Mund. »Hey Tim, hast du die Motorsäge auch an? Wenn du noch länger für diesen verfluchten Baum brauchst, frieren wir hier noch fest. Over.« Kleine Wölkchen stiegen vor Wills Mund auf. Obwohl heute kein Wind die Temperaturen noch frostiger wirken ließ, war es eisig kalt.
»Scheiße Will, dieser Baum ist hart wie Beton. Aber ich glaube, ich hab ihn gleich«, hörte Gerald Tims Antwort keuchend durch das Mikrofon des Funkgerätes. Im Hintergrund war das Brummen der Motorsäge zu hören. Ein seltsames Gefühl regte sich in Geralds Magengrube. Etwas stimmt nicht mit diesem Baum. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er gestern deutlich mehr Bier als gewöhnlich getrunken und kaum geschlafen hatte. Wie bereits befürchtet, hatte ihn ein grauenvoller Albtraum aus dem Schlaf gerissen.
»Die Motorsäge benutzt er wohl richtig. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis wir an die Arbeit dürfen.« Will wandte sich mit einem Kopfschütteln ab und ging zu ihren eigenen Motorsägen hinüber, die sie auf dem Stumpf des zuvor gefällten Baumes abgestellt hatten, den Jackson bereits mit dem Helikopter abtransportiert hatte. Gerald sah ihm nachdenklich hinterher. Aus diesem Kerl wurde er einfach nicht schlau. Nachdem er ihn gestern aus einer Laune heraus vermutlich windelweich geprügelt hätte, wäre Connor nicht dazwischen gegangen, griff er jetzt seinen Scherz auf.
»Was ist, Kleiner? Hast du schon Wurzeln geschlagen?« Grinsend drehte Will sich zu ihm herum. Der lachende Ausdruck in seinen Augen wich jähem Schrecken. Gerald wusste was passierte, noch ehe er seinem Blick folgte. Das dumpfe Knarzen und das Brechen von Ästen verrieten ihm, dass der Baum fiel.
»Lauf!«, schrie Will, doch Geralds Beine waren schwer wie Blei. Stille. Gerald drehte sich wie hypnotisiert um und sah, dass sich die Äste der Fichte mit denen der danebenstehenden verhakt hatten. Über ihm schwebend verharrte sie in der Luft. Gerald atmete schwer. Er schaffte es einfach nicht, sich von der Stelle zu bewegen. Wieso fiel der Baum in ihre Richtung? Er sollte meterweit von ihnen entfernt zu Boden stürzen …
Als der plötzlich aufkommende Wind den Baum aus seiner Verankerung löste, konnte er nur noch die Arme schützend vors Gesicht reißen. Dichtes Astwerk umfing ihn und riss ihn von den Beinen. Gerald spürte seinen Körper nicht mehr, als er begraben unter dichtem Grün auf dem Boden lag und nach Atem rang. Ein stechender Schmerz durchzuckte seine Brust. Der Geschmack nach Blut breitete sich auf seiner Zunge aus. »Gerald!« Wills Schreien drang aus weiter Ferne an sein Ohr. Gerald japste krampfhaft, aber er konnte einfach nicht richtig atmen. Blut rann ihm über die Stirn und in die Augen und vernebelte seine Sicht. Dann wurde es schwarz um ihn herum.
»Anna!« Gerald kämpfte sich von der weichen Unterlage in die Höhe. Die Lichter, die auf sie zugekommen waren. Annas Schrei. Ein harter Aufprall. Gerald konnte das kreischende Geräusch immer noch hören, mit dem das Metall seines Wagens bei dem Zusammenstoß geborsten war. »Anna … Ich muss zu ihr«, rief er verzweifelt und stemmte sich erneut gegen die scheinbar unzähligen Hände, die ihn auf die Unterlage zurückdrängten. Er ignorierte den beißenden Schmerz, den das grelle Licht der Deckenbeleuchtung in seinem Kopf auslöste, und wehrte sich verbissen.
»Beruhigen Sie sich, Mr. Turner. Bitte«, bat ihn eine Stimme eindringlich. Sie klang besorgt. Gerald wandte den Kopf und sah in das Gesicht der hübschesten Frau, die er je gesehen hatte. Benommen versuchte er zu erfassen woher er sie kannte, während er sich weiter gegen die vielen Hände stemmte, die ihn festhielten.
»Ich spritze Ihnen etwas zur Beruhigung, Mr. Turner. Sie müssen sich unbedingt ausruhen«, sagte eine andere, viel dunklere Stimme. Gerald drehte mühsam den Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen war. An seiner anderen Seite stand ein Mann in einem weißen Kittel. Er sah konzentriert auf das Medikamentenfläschchen in seiner Hand und zog eine Spritze auf. Er wollte ihn betäuben. »Nein!«, schrie er und entriss der jungen Frau seinen Arm. Er würde nicht zulassen, dass sie das taten. Sie würden ihm nicht sagen, dass Anna tot war. Sie musste unglaubliche Angst haben. Er wollte sie sehen, ihre Hand halten, sich von ihr verabschieden.
Gerald presste wütend die Lippen aufeinander, als er wieder auf sein Lager zurückgedrängt wurde und nichts anderes tun konnte, als dabei zuzusehen wie der Arzt ihm die Spritze in den Arm drückte. »Anna«, murmelte er nur wenig später schläfrig. »Ich will doch nur zu ihr.«
»Was ist passiert?« Gerald stöhnte, als er flatternd die Lider öffnete. Sein Schädel fühlte sich an als würde er gespalten. Er blinzelte in das gedimmte Licht und drehte vorsichtig seinen Kopf.
»Wo bin ich?«, fragte er Connor leise, der an seinem Bett auf einem Stuhl saß und seine Hände betrachtete. Überrascht blickte er auf. »Du bist wach«, stellte er fest und atmete zittrig ein und aus.
»Wo bin ich?«, widerholte Gerald leise.
»Verflucht, Junge, bin ich froh, dich sprechen zu hören«, sagte Connor und sah erleichtert aus. »So wie du geblutet hast, dachten wir alle, dass du das nicht überleben würdest.« Er schüttelte gedankenverloren den Kopf und betrachtete erleichtert Geralds Gesicht. »Ich gehe schnell die Krankenschwester holen. Bin gleich wieder da«, murmelte er und verschwand durch die Tür.
Gerald sah sich benebelt um. Nur langsam kehrte die Erinnerung zurück. Er war eingeklemmt gewesen und hatte nicht richtig atmen können … Um ihn herum standen allerhand piepende und blinkende medizinische Geräte. Elektroden klebten auf seiner nackten Brust, um die ein dicker Verband geschlungen war. Tropfen für Tropfen rann eine klare Flüssigkeit durch einen Schlauch direkt in seinen Arm.
Gerald wagte es nicht, sich die Nadel zu ziehen. Stattdessen zog er die Klemme ab, die an seinem Zeigefinger befestigt war, und setzte sich vorsichtig auf. Sein Schädel pochte dumpf, und vor seinen Augen zuckten kleine Lichtblitze. Dennoch kämpfte er sich in die Höhe. Das Zimmer schien sich plötzlich zu drehen. »Fuck«, fluchte er leise und ließ sich, halb sitzend, zurück ins Kissen sinken.
Er wollte weg von hier. Er hasste Krankenhäuser. Als er das letzte Mal in einem aufgewacht war, hatte er erfahren, dass seine kleine Schwester tot war. Während er im künstlichen Koma gelegen hatte, hatte sie nur wenige Zimmer von ihm entfernt um ihr Leben gekämpft und verloren – fünf Tage nach ihrem neunten Geburtstag. Sie war einfach fort gewesen, als er aufgewacht war. Gerald war bewusst, dass es eine Erinnerung war. Doch der Schmerz war plötzlich so frisch und so nah, dass es ihm nur mühsam gelang, sich an der Oberfläche der Dunkelheit aus hilflosem Entsetzen und Verzweiflung zu halten.
»Wie geht es Ihnen, Mr. Turner?«, durchbrach eine helle Stimme seine Gedanken.
»Also, Junge, ich geh dann mal. Sie wollen dich jetzt bestimmt untersuchen und so. Ich schau morgen wieder vorbei, bevor wir aufbrechen, okay?«, verabschiedete sich Connor, der neben einer Krankenschwester ans Fußende des Bettes trat. Verlegen drehte er seine Wollmütze in den Händen und schien nicht recht zu wissen, wie er mit der Situation umgehen sollte. Gerald nickte ihm zu und Connor trat eilig den Rückzug an. Gerald starrte ihm hinterher, um nicht in seine Erinnerungen abzudriften. Connor war der Beweis, dass er Jahre zwischen sich und die Vergangenheit gebracht hatte.
»Mr. Turner?«
»Mein Kopf tut weh«, antwortete er der Krankenschwester abwesend.
»Na das ist auch kein Wunder. Sie haben eine schwere Gehirnerschütterung und sollten ruhig liegen bleiben.« Beherzt griff sie zu und half Gerald, sich wieder flach auf den Rücken zu legen. »Außerdem sollten Sie Ihre Finger vom Pulsoximeter lassen, solange ein Arzt nicht anordnet, ihn zu entfernen. Er misst den Sauerstoffgehalt in Ihrem Blut«, tadelte sie Gerald leise und griff nach seiner Hand, um den Clip wieder an seinem Platz zu befestigen. Ein sanftes Kribbeln durchflutete Gerald, als ihre warmen Finger sich um seine Hand legten. Ein süßer Duft umhüllte ihn, und zum ersten Mal, seit sie das Zimmer betreten hatte, sah er der Krankenschwester ins Gesicht.
»Julie?«, fragte er überrascht. Sie sah mit dem dunkelblauen Shirt und der dazu passenden Hose anders aus. Die dunklen Haare, die ihr bei ihrer ersten Begegnung in sanften Wellen über die Schultern geflossen waren, trug sie zu einem strengen Knoten im Nacken zusammengebunden. Aber sie war es eindeutig.
Julie verlangsamte für einen Moment ihre Arbeit, Geralds Kissen zu richten. Ihre Augen huschten unsicher über sein Gesicht. Dann aber fuhr sie fort und schob Gerald das frisch aufgeschüttelte Kissen vorsichtig unter den Kopf. »Sie erinnern sich an mich?«
Gerald folgte ihr mit seinem Blick, als sie ihm den Rücken zuwandte und den Monitor des Gerätes überprüfte, das nun wieder den Sauerstoffgehalt in seinem Blut maß. »Natürlich erinnere ich mich. Es ist nicht lange her«, antwortete er leise. Wie hätte er diesen süßen Duft je vergessen können und diese einladenden Lippen?
»Das ist gut«, antwortete Julie. »Nachdem Sie anscheinend einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen haben, ist es ein gutes Zeichen, sich an kurz zurückliegende Ereignisse zu erinnern.«
Gerald nickte langsam. Warum behandelte sie ihn, als würde sie ihn nicht kennen? Gestern noch hatte er ihren zierlichen Körper in den Armen gehalten und für einen ganz kurzen Moment hatte sie ihm gehört. Oder war seither viel mehr Zeit vergangen, als er vermutete? »Seit wann bin ich hier?«
Julie wandte sich ihm wieder zu und lächelte höflich. »Sie sind heute Morgen von Ihrem Piloten zu uns ins Chickaloon Medical Center gebracht worden, nachdem Sie unter die Äste eines fallenden Baumes geraten sind. Sie hatten Glück, Mr. Turner. Hätte der Stamm Sie erwischt, hätten wir wohl nichts mehr für Sie tun können.«
Die Fichte. Will, der panisch seinen Namen rief. Schlagartig erinnerte Gerald sich, was geschehen war. Er hatte nicht atmen können, und Connor hatte gesagt, dass sie nicht daran geglaubt hatten, dass er überleben würde. Warum aber hatte Jackson ihn dann in dieses Provinzkrankenhaus geflogen? Gerald fühlte keinen körperlichen Schmerz, doch er war sich sicher, dass er das der Infusion zu verdanken hatte. Seine Hände zitterten, als er vorsichtig den Verband um seiner Brust betastete.
»Das muss ein ziemlicher Schock für Sie sein«, sagte Julie leise und legte ihm für einen kurzen Moment die Hand auf die Schulter. »Versuchen Sie einfach nicht darüber nachzudenken, was hätte passieren können. Tatsächlich haben Sie keine Verletzungen davongetragen, die nicht wieder heilen werden.«
»Was habe ich denn sonst noch, außer einer Gehirnerschütterung?«, fragte er bitter. Es fiel ihm schwer zu akzeptieren, dass er anscheinend wieder einmal glimpflich davongekommen war. Anna hatte nicht so viel Glück gehabt wie er.
»Ich hole den Arzt. Er wird Sie aufklären«, sagte Julie und wandte sich ab, um zu gehen.
»Würdest du mich bitte Gerald nennen«, hielt Gerald sie zurück. Dass zumindest eine Person in der ganzen Situation ihm nicht völlig fremd war, war ein tröstliches Gefühl. Aber dass sie ihn wie vermutlich jeden anderen Patienten auch behandelte, irritierte ihn.
»Mal sehen«, antwortete Julie mit dünner Stimme und räusperte sich. »Ich gehe jetzt Dr. Richmond holen.«
***
Julie fühlte sich innerlich aufgerieben, als sie das Krankenzimmer verließ. Für einen Augenblick lehnte sie sich gegen die weiß gestrichene Wand des Ganges und atmetet tief durch, um ihre Nerven wieder unter Kontrolle zu bringen.
Sie wurden in dem kleinen Krankenhaus mit nur einer Station zum Glück nicht sehr häufig mit Unfällen wie Geralds konfrontiert. Für gewöhnlich wurden Unfallopfer nach Palmer oder Anchorage gebracht. Doch der Pilot des Logging Helikopters hatte in seiner Panik das nächstgelegene Krankenhaus angeflogen. Als er den Tower per Funk darüber informiert hatte, dass er einen Schwerverletzten herbringen würde und sie angerufen worden waren, um bereit zu sein, hatten Julies Nerven vor Anspannung vibriert. Lass es nicht Gerald sein, hatte sie im Stillen gebetet. Bestimmt waren noch mehr Holzfällergruppen in den Wäldern der Chugach Mountains unterwegs. Doch bereits an dem dunkelblonden Haarschopf, der aus der Kopffixierung der Rettungstrage hervorgeschaut hatte, hatte sie erkannt, dass er es sein musste.
Julie stieß sich von der Wand ab und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, Daniel Richmond zu finden. Es war unprofessionell, Privates und Berufliches zu vermischen. Und überhaupt – sie kannte Gerald im Prinzip nicht. Ihre kurze Begegnung änderte nichts daran. Er ist nur kein völlig unbekanntes Gesicht, rief sie sich ins Gedächtnis und öffnete die Tür zum Dienstzimmer. Dort saß allerdings nur Carolyn, die Oberschwester, am Tisch und verteilte die Nachtmedikation in die dafür vorgesehenen Döschen.
»Mr. Turner ist aufgewacht. Es scheint ihm den Umständen entsprechend gut zu gehen, aber Daniel sollte nach ihm sehen«, informierte Julie sie. Carolyn seufzte erleichtert. »Gott sei Dank. Es wäre schade um einen so jungen Kerl … Daniel ist im Bereitschaftsraum. Wollte sich nur kurz hinlegen.«
Julie nickte und machte sich auf dem Weg zu ihm. Sie war ihm dankbar, dass er nach einer Zwölfstundenschicht und nach der anstrengenden Operation noch hier war, um abzuwarten wann Gerald aufwachte.
»Ist er wach?«, fragte Daniel alarmiert und schoss vom Bett des diensthabenden Arztes in die Höhe, kaum dass Julie die Tür einen Spalt breit öffnete. Sie nickte. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus, als sie Daniels müde Züge betrachtete. Wäre er nicht gewesen, hätte Gerald wohl kaum die Chance, wieder völlig gesund zu werden. »Gut, dann werde ich gleich zu ihm gehen«, sagte Daniel und rappelte sich vom Bett hoch.
»Seine Werte sind stabil. Er spricht und kann sich erinnern. Vielleicht sollte Kent nach ihm sehen und du nach Hause gehen. Du siehst müde aus«, stellte Julie fest. Daniel schenkte ihr ein schiefes Lächeln. »Er ist mein Patient, und ich kann erst richtig schlafen, wenn ich sicher bin, dass er keine schwereren Kopfverletzungen davongetragen hat und wir ihn nicht doch besser nach Anchorage schaffen sollten.«
Julie nickte. Sie verstand was Daniel ihr sagen wollte. Kent war im Bereich der Unfallchirurgie nicht halb so erfahren wie er. Das war keine arrogante Anmaßung, sondern die Realität. Bevor Daniel nach Alaska gekommen war, hatte er in der Notaufnahme einer New Yorker Klinik gearbeitet und in einem Jahr vermutlich mehr Menschen behandelt als Kent in den sieben Jahren, die er bereits im Medical Center arbeitete.
»Du warst heute unglaublich«, sagte sie zu Daniel, als sie nebeneinander den Stationsgang entlangschritten. »Wir alle sind beinahe in Panik verfallen, aber du bist völlig ruhig geblieben.« Julie wäre im Schockraum angesichts des bewusstlosen und blutverschmierten Geralds beinahe durchgedreht. Alle Kräfte des kleinen Gesundheitszentrums, die zu entbehren waren, waren zur Erstversorgung gerufen worden, da unklar war, welchen Ausmaßes Geralds Verletzungen waren. Doch Daniel hatte ruhig agiert, die notwendigen Schritte unternommen, um Gerald zu stabilisieren, und die weiteren Untersuchungen angeordnet, um sicherzustellen, dass keine schwere Kopfverletzung vorlag und er nach Anchorage gebracht werden musste. Zwar konnte er sich erst jetzt, nachdem Gerald aufgewacht war, restlos davon überzeugen, aber aufgrund der ersten Ergebnisse seiner Untersuchungen und seiner Erfahrung hatte Daniel die Entscheidung getroffen, Gerald selbst zu operieren. Mehrere Stunden hatte es gedauert, bis er den gebrochenen Knochen in Geralds Unterschenkels geschient und den verletzten Muskel wieder zusammengenäht hatte.
Julie wurde wieder übel, als sie an das Bild des beinahe unnatürlich weißen Unterschenkelknochens dachte, der sich durch Geralds Muskeln und Haut gebohrt hatte. Während sie sich zitternd vor Erschöpfung auf der Toilette übergeben hatte, als Gerald in den OP geschafft worden war, hatte Daniel getan was getan werden musste. Julie schämte sich für ihr unprofessionelles Verhalten. Es tröstete sie nur ein wenig, dass Daniel nichts davon ahnte.
»Du warst ebenfalls unglaublich, Julie«, sagte er, als könne er den Zweifel von ihrem Gesicht ablesen und blieb stehen. »Du hast dich genau ans Protokoll der Erstversorgung eines Schwerverletzten gehalten, warst souverän und aufmerksam. Genauso wie eine Schwester sich in so einer Situation verhalten muss. Ich habe schon viel Schlimmeres gesehen und bin abgestumpft. Aber du hast eben erst deine Ausbildung beendet, und du bist ebenfalls immer noch hier bei deinem Patienten.« Der Ausdruck, mit dem Daniel sie betrachtete, war Julie unangenehm. Es lag mehr als nur Anerkennung in seinem Blick. Würde er auch nur ahnen, weshalb sie sich Gerald auf eine seltsame Art und Weise verpflichtet fühlte … »Du hast ganze Arbeit geleistet und bist eine talentierte Krankenschwester«, fuhr Daniel fort.
»Danke«, flüsterte Julie beschämt und zuckte verlegen mit den Schultern. »Bringen wir es hinter uns und machen dann Feierabend. Den haben wir uns wohl verdient.« Im Stillen schwor sie sich, sich Gerald gegenüber genau so professionell zu verhalten wie Daniel sie einschätzte. Zumindest in diesem Punkt wollte sie seiner Anerkennung gerecht werden.
***
Frustriert schlug Gerald die Augen zu, als Dr. Richmond und Schwester Julie – wie sie sich im Beisein des Arztes offiziell vorgestellt hatte – sich von seinem Krankenbett entfernten, um Feierabend zu machen. Gemeinsam. Noch während sie sich auf dem Weg zu Tür befanden, hörte er, wie Dr. Richmond Julie zum Essen einlud. Und sie nahm an.
Gerald hatte keine Ahnung was ihn derart ärgerte. Julie schien nicht daran interessiert zu sein, ihre Bekanntschaft vom Vorabend zu vertiefen. Das sollte ihn nicht stören. Sie war nur irgendeine Frau, und er konnte sich jederzeit eine andere Frau suchen, wenn er das wollte. Sein letzter Sex lag schon Monate zurück. Vielleicht zog Julie ihn deshalb so an. Kylie oder Kayla war ihr Name, und er hatte sie in Chicago in einer Bar kennengelernt. Ja, sobald er wieder gesund und mit den Jungs unterwegs war, würde er sich so eine suchen.
Vermutlich war das der springende Punkt, der ihn so frustrierte. Er würde dieses Krankenhaus nicht gesund verlassen. Die Heilung der Muskeln seines rechten Beines würde Zeit in Anspruch nehmen. Zwischen sechs und sechzehn Wochen, hatte Dr. Richmond gesagt. Das sei nicht genau vorhersehbar und hänge von verschiedenen Faktoren ab. Unter anderem davon, wie intensiv er bei der notwendigen Krankengymnastik mitarbeite. Selbst dann stand es in den Sternen, ob die Nerven wieder vollständig verheilen und sein Bein wieder voll funktionieren würde. Dr. Richmond hatte von Monaten, vielleicht sogar Jahren gesprochen. Wenn er Pech hatte, würde er für immer ein Taubheitsgefühl spüren und hinken.
Gerald atmete flach, um den stechenden Schmerz seiner gebrochenen Rippen so wenig wie möglich zu spüren. Ein Schutzengel hatte dort oben in den Wäldern über ihn gewacht, das war ihm klar. Aber im Moment fühlte es sich nicht so an.
Die Infusion war längst durchgelaufen, und langsam setzten die Schmerzen ein, die die Knochenbrüche, Prellungen und unzähligen Schürfwunden auf seinem Oberkörper und die Platzwunde über seiner linken Augenbraue verursachten.
Wie sollte es nur für ihn weitergehen, wenn er nicht wieder auf die Beine kam? Gerald krallte seine Finger ins Laken des Krankenhausbettes, um sich festzuhalten. Darüber nachzudenken, wie er die Zeit bis zu seiner Genesung überstehen sollte, verschob er. Sein Schädel pochte dumpf und er war unendlich müde. Dennoch fiel er nur in einen sehr unruhigen Schlaf, nachdem die Nachtschwester nach ihm gesehen und eine neue Flasche mit Schmerzmittel in den Infusionsständer gehängt hatte.
»Barney Drayer hat heute Morgen wieder gefragt wann er endlich entlassen wird. Er macht sich Sorgen, dass es seiner Hündin Lacey bei seiner Nachbarin nicht gut geht.« Tanya, die Nachtschwester, hob für einen kurzen Moment den Blick von ihren Notizen und schmunzelte Daniel über den Rand ihrer Brille hinweg an. Er nickte seufzend. »Ich weiß. Er erzählt mir jeden Tag wie schlau sie ist und dass er mindestens eine Stunde am Tag mit ihr spazieren gehen muss, weil ihr sonst langweilig wird. Die Nachbarin sieht das wohl anders.«
Julie presste ihre Lippen aufeinander, um nicht zu lachen. Barney Drayer war wirklich ein spezieller Fall. Er war ein ziemlich ruppiger alter Kerl und schien nur diesem Hund gegenüber eine weiche Seite zu besitzen. Sie war nicht gerade traurig, wenn er entlassen wurde, denn er hasste es, ans Bett gefesselt zu sein, und machte seinem Unmut darüber vor allem bei den Schwestern Luft. »Wie lange muss er denn noch bleiben?«, fragte sie Daniel. »Ich meine, wir sollten ihn und Lacey nicht länger als nötig trennen.«
Daniel warf einen Blick herüber und nickte zustimmend. »Du hast recht. Wenn seine Entzündungswerte weiter gefallen sind, kann er gehen. Aber er muss versprechen, dass er in zwei Tagen nochmal vorbeikommt und sich Blut abnehmen lässt.«
»Ich kümmere mich nachher gleich um die Blutabnahme«, sagte Julie erleichtert.
»Gut, was haben wir denn noch?«, murmelte Tanya und überflog ihre Notizen für die morgendliche Übergabe. Daniel zwinkerte Julie verstohlen zu. Er schien sie in Bezug auf Mr. Drayer durchschaut zu haben.
Julie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Daniels verschmitztem Grinsen nach schien er ihr ihre Haltung jedoch nicht übel zu nehmen. Überhaupt wirkte er heute Morgen frisch und belebt, ganz so als hätte die Herausforderung des gestrigen Tages ihm zu neuem Schwung verholfen. Vielleicht lag es aber auch an ihrem gemeinsamen Abend. Julie konnte nicht definieren was es war, aber es schien mehr gewesen zu sein, als ein Feierabendbier mit einem Kollegen. Ein warmes Kribbeln breitete sich in ihr aus. Sie mochte Daniel.
