10,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 10,99 €
»Niemand wird den Geschmack der süßen Pfirsiche aus Colorado je wieder vergessen, der diesen beeindruckenden Debütroman gelesen hat.« Denis Scheck, Tagesspiegel
Am Fuße der Berge Colorados strömt der Gunnison River an einer alten Pfirsichfarm vorbei. Hier lebt in den 1940ern die 17-jährige Victoria mit ihrem Vater und ihrem Bruder in rauer Abgeschiedenheit. Doch der Tag, an dem sie dem freiheitsliebenden Wil begegnet, verändert alles. Bald ist Victoria gezwungen, das Leben, das sie kennt, aufzugeben und in die Wildnis zu fliehen. Dort muss sie ums Überleben kämpfen – um ihr eigenes und um das ihres ungeborenen Kindes. Als sie endlich die Kraft findet, neu anzufangen, droht der Fluss, alles zu zerstören, was ihrer Familie seit Generationen ein Zuhause war.
Ein bewegender Roman über unsere Verbindung zur Natur, über Familie und die Stärke einer Frau, die Unglaubliches erlebt und doch niemals den Mut verliert.
»Shelley Reads Heldin ist toll, die Naturszenen großartig, aber, Achtung: Ich hab mehr als ein Taschentuch gebraucht bis zum bewegenden Ende!« EMOTION
»Es sind die plastischen Beschreibungen der Natur, die Reads Roman herausheben. Sie erzählt eine eindringliche Geschichte über weibliche Widerstandskraft, Heimat und Colorado-Pfirsiche.« ZDF-Morgenmagazin
»Manche Bücher muss man einfach im Freien lesen, während die Bäume rauschen und die Vögel zwitschern. Dieses Debüt gehört dazu [...].« Freundin, Ulrike Schädlich
»Shelley Read packt jede Menge große Themen in ihren Roman: Die Kraft der Liebe, weibliche Widerstandskraft, die Brutalität von Rassismus, den Mut zum Neuanfang und die magische Verbindung zur Natur.« Long Story Short, Günter Keil
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 479
Veröffentlichungsjahr: 2023
»Erschütternd, Mut machend – und absolut unvergesslich. Shelley Reads poetische Stimme ist eine Naturgewalt.« Bonnie Garmus
Geschützt am Fuße der mächtigen Berge Colorados, umgeben von weiten Wäldern, strömt der Gunnison River am kleinen Städtchen Iola vorbei. In den 1940er Jahren lebt man hier in karger Abgeschiedenheit. Die 17-jährige Victoria versucht nach Kräften, ihrer Familie die früh verstorbene Mutter zu ersetzen. Doch mit dem Tag, an dem ein geheimnisvoller Fremder ihren Weg kreuzt, wird nichts mehr sein, wie es war. Bald ist Victoria gezwungen, alles, was ihr nah und wichtig ist, aufzugeben und in die Wildnis zu fliehen. Hier muss sie ums Überleben kämpfen – um ihr eigenes und um das ihres ungeborenen Kindes.
Ein Roman, so atemberaubend wie die raue Natur Colorados. Die Geschichte einer Frau, die alles zu verlieren droht, was sie liebt, und trotzdem die Kraft findet, weiterzuleben – dank der tiefen Verwurzelung mit ihrer Heimat.
Shelley Read lebt mit ihrer Familie mitten in den rauen Elk Mountains in Colorado. Sie ist tief verwurzelt in dieser Gegend, in der sie in fünfter Generation lebt. Ihr Debütroman »So weit der Fluss uns trägt«, der in über 30 Ländern erscheint, ist geprägt und inspiriert von ihrer Heimat.
www.cbertelsmann.de
Shelley Read
ROMAN
Aus dem amerikanischen Englisch von Wibke Kuhn
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel Go as a River bei Spiegel & Grau, New York.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright © 2023 by Shelley Read
International Rights Management: Susanna Lea Associates on behalf of Spiegel & Grau, LLC
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023
C.Bertelsmann in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Lektorat: Kristine Kress
Covergestaltung: Favoritbüro, München,
nach einem Entwurf von Marianne Issa El Khoury/TW
Covermotive: © Alamy and Getty Images
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-30461-4V004
www.cbertelsmann.de
Für Richard und Kathryn,meine Eltern und Leitsterne
Für Avery und Owen,meine Inspiration
Für Erik,mein Immer
An einem bestimmten Punkt sagt man zum Wald,zum Meer, zu den Bergen, zur Welt:Jetzt bin ich bereit.
Annie Dillard
Stell dir vor, was wabernd auf dem schwarzen Grund eines Sees liegt. Müll, vom Fluss angespült oder von Schiffen geworfen, zersetzt sich, bis er zerfranst ist. Schmollmündige Fische, weit weg vom Angelhaken schwimmend, Atmung und Bewegung untrennbar. Seegras, geschmeidig tanzend wie unbeobachtete Frauen. Stell dich an den Rand eines Sees, lass die kleinen Wellen träge nach deinen Schuhen schnappen, und stell dir vor, wie nah du an einer Welt bist, die so still und fremd ist wie der Mond, unerreichbar für Licht und Wärme und Geräusche.
Mein Zuhause liegt auf dem Grund eines Sees. Unsere Farm liegt dort im Schlamm, und ihre Überreste sind nicht mehr von gekenterten Booten zu unterscheiden. Schlanke Forellen durchstreifen die Reste meines Kinderzimmers und das Wohnzimmer, in dem am Sonntag die ganze Familie beisammensaß. Scheunen und Tröge verrotten. Zerknäulter Stacheldraht rostet. Das einst so fruchtbare Land mariniert in Stillstand.
Für die Geschichtsbücher könnte man das Blue Mesa Reservoir als heldenhaftes Projekt darstellen, als Teil der Vision, kostbares Wasser von den Nebenflüssen des Colorado River in den trockenen Südwesten umzuleiten. Vielleicht war es gute Absicht, als man den so wilden Gunnison River aufstaute und ihn zwang, ein See zu werden. Doch ich kenne eine andere Geschichte.
Ich habe als Kind oft knietief in diesem Abschnitt des Gunnison River gestanden, als er noch schnell und schäumend durch das Tal schoss, in dem ich geboren wurde, während sich ringsherum die weite und einsame Big Blue Wilderness erhob. Ich kannte die Stadt Iola, wie sie allmorgendlich zu ihren Frühstücksdüften und ihren geschäftigen Farmen und Ranches erwachte, wie der Sonnenaufgang die östliche Seite der Main Street erleuchtete und sich dann Zentimeter für Zentimeter weiter Richtung Innenstadt schob, über die Bahnschienen und den Schulhof, um schließlich das runde, blau-rote Buntglasfenster der winzigen Kirche aufflammen zu lassen. Ich habe mein Leben nach dem hohlen Pfeifen des 9-Uhr-22-, des 14-Uhr- und des 17-Uhr-47-Zuges ausgerichtet. Ich kannte alle Schleichwege und jeden Bewohner der Stadt und den ältesten, knorrigsten Baum, der zuverlässig die süßesten Pfirsiche im Obstgarten meiner Familie trug. Und ich kannte, vielleicht besser als die meisten, die Traurigkeit dieses Ortes.
Gute Absichten haben den Friedhof von Iola auf einen hohen Hügel verlegt – hoffentlich wurde jeder Grabstein meiner Familie anschließend wieder den richtigen sterblichen Überresten zugeordnet –, wo er sich heute noch befindet, hinter einem weißen Eisenzaun, verbogen und verschrammt vom Gewicht des Schnees. Ansonsten haben gute Absichten das gesamte Iola, Colorado, geflutet.
Stell dir vor, wie eine stille, vergessene Stadt sich langsam auf dem Grund eines Sees zersetzt, der früher einmal ein Fluss war. Wenn du dich dann fragst, ob die Freuden und Schmerzen eines Ortes weggespült werden, wenn die Wasser steigen und alles verschlingen, dann kann ich dir sagen, nein, das werden sie nicht. Die Landschaften unserer Jugend erschaffen uns, und wir tragen sie in uns. Alles, was sie uns gegeben und genommen haben, ist in der Person eingeschrieben, zu der wir herangewachsen sind.
Er sah nicht besonders gut aus.
Zumindest nicht auf den ersten Blick.
»Verzeihung«, sagte der junge Mann und zupfte mit schmutzigem Daumen und Zeigefinger am Schirm seiner abgewetzten roten Baseballkappe. »Geht’s hier zur Schlafstelle?«
Einfach so. Eine gewöhnliche Frage von einem schmutzigen Fremden, der die Main Street heraufkam, als ich gerade die Kreuzung mit der North Laura Street erreichte.
Sein Overall und seine Hände waren schwarz von Kohle. Ich nahm damals an, dass es Schmiere war oder Dreck von der Feldarbeit, obwohl die Farbe für beides zu dunkel war. Er hatte Schmutzspuren auf den Wangen. Braune Haut schimmerte unter herabrinnendem Schweiß. Unter seiner Kappe schauten glatte schwarze Haare hervor, viel dunkler als meines, das ein sehr gewöhnliches Braun hatte.
Der Herbsttag hatte so unspektakulär begonnen wie das Porridge und die Spiegeleier, die ich den Männern zum Frühstück vorgesetzt hatte. Ich bemerkte nichts Ungewöhnliches, als ich mich danach dem Haushalt und den sanftmütigen Tieren in ihren Ställen zuwandte, in der kühlen Morgenluft zwei Körbe Pfirsiche pflückte und meine tägliche Auslieferung machte, indem ich den klapprigen Anhänger hinter meinem Fahrrad herzog, um dann nach meiner Rückkehr das Mittagessen zu kochen. Aber mittlerweile weiß ich, dass das Außergewöhnliche immer unter dem Gewöhnlichen lauert, so wie die tiefe und geheimnisvolle Welt unter der Meeresoberfläche.
»Da geht’s nach überallhin«, erwiderte ich.
Ich hatte gar nicht versucht, witzig zu sein oder irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen, aber an der Art, wie er innehielt, und an dem leichten Lächeln auf seinen Lippen erkannte ich, dass meine Antwort ihn amüsierte. Er schaute mich auf eine Weise an, die meine Eingeweide Purzelbäume schlagen ließ.
»Ich meine – es ist eine ziemlich kleine Stadt.« Ich versuchte, die Dinge klarzustellen, deutlich zu machen, dass ich nicht die Art von Mädchen war, die den Jungs besonders ins Auge fiel oder der man auf der Straße nachpfiff.
Die Augen des Fremden waren dunkel und glänzten wie Rabenflügel. Und freundlich – das ist meine stärkste Erinnerung an diese Augen, freundlich vom ersten Blick bis zum letzten Starren –, da war eine Sanftheit, die aus seiner Mitte zu entspringen schien und sich verströmte wie ein überfließender Brunnen. Er musterte mich einen Augenblick, immer noch grinsend, dann tippte er wieder an den Schirm seiner Kappe und ging weiter in Richtung Dunlap’s Pension am Ende der Main Street.
Es war nicht gelogen, dass dieser eine löchrige Gehweg überallhin führte. Neben Dunlap’s hatten wir noch das Iola Hotel für die feinen Leute und die Taverne an seiner Rückseite für die Trinker, Jernigan’s Standard Station, den Eisenwarenladen, der gleichzeitig als Post diente, das Café, das immer nach Kaffee und Speck roch, und Chapman’s Big Little Store mit Lebensmitteln und einer Feinkosttheke und Klatsch ohne Ende. Am westlichen Ende der Straße stand der hohe Fahnenmast zwischen der Schule, die ich früher besucht hatte, und der Kirche aus weißen Holzbrettern, in der unsere Familie jeden Sonntag saß, auf Hochglanz gestriegelt und in unseren besten Sachen, damals, als Mutter noch lebte. Dahinter verschwand die Main Street abrupt in den Hügeln wie ein Punkt nach einem kurzen Satz.
Ich musste in dieselbe Richtung wie der Fremde – um meinen Bruder aus dem Pokerschuppen hinter Jernigan’s zu holen – aber ich wollte nicht unbedingt direkt hinter ihm hergehen. Also blieb ich an der Ecke stehen und schirmte meine Augen mit der Hand gegen die Nachmittagssonne ab, um ihn zu betrachten, während er weiterging. Er schlenderte ganz langsam und lässig dahin, als wäre sein einziges Ziel immer nur der nächste Schritt, seine Arme schwangen an den Seiten mit, während sein Kopf immer einen Tick hinter seinem Gehtempo zurück zu sein schien. Sein schmuddeliges weißes T-Shirt spannte sich unter den Hosenträgern seines Overalls. Er war schlank, hatte aber die muskulösen Schultern eines Hilfsarbeiters.
Als hätte er meinen Blick gespürt, drehte er sich plötzlich um und warf mir ein Lächeln zu, dessen Leuchten sein verdrecktes Gesicht überstrahlte. Ich schnappte nach Luft, als er mich dabei erwischte, wie ich ihm nachstarrte. Ein Hitzeschwall stieg mir den Hals hoch. Er tippte sich noch einmal an seine Kappe, wandte sich wieder um und schlenderte weiter. Obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte, war ich ziemlich sicher, dass er immer noch grinste.
Es war ein schicksalhafter Moment, das weiß ich rückblickend. Denn ich hätte mich umdrehen und die North Laura Street wieder nach Hause zurückgehen können, um Essen zu machen, ich hätte Seth alleine zurück zur Farm taumeln lassen können, wo er dann durch die Tür und direkt Daddy und Onkel Og vor die Füße gestolpert wäre, die ihm die Hölle heißgemacht hätten. Ich hätte zumindest auf die andere Seite der Main Street wechseln können und die gelegentlich vorbeifahrenden Autos und eine Reihe von sich gelb verfärbenden Pappeln zwischen unsere beiden Gehwege legen können. Aber ich tat es nicht, und damit war die Sache besiegelt.
Stattdessen machte ich einen langsamen Schritt nach vorn und dann den nächsten, wobei ich instinktiv spürte, wie bedeutend jede dieser Entscheidungen war, einen Fuß zu heben, auszustrecken und wieder auf den Boden zu setzen.
Niemand hatte mich jemals über die Sache mit der Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern aufgeklärt. Als meine Mutter starb, war ich noch zu jung, um diese Geheimnisse von ihr lernen zu können, und ich kann mir eigentlich sowieso nicht vorstellen, dass sie sie mit mir geteilt hätte. Sie war eine ruhige, anständige Frau gewesen, sehr gehorsam Gott und den Erwartungen anderer gegenüber. Nach allem, woran ich mich erinnere, hat sie meinen Bruder und mich durchaus geliebt, aber ihre Zuneigung drang nur innerhalb streng bemessener Grenzen an die Oberfläche, und sie beherrschte uns mit der großen Angst davor, wie wir alle am Tag des Jüngsten Gerichts abschneiden würden. Ich hatte ab und zu einen Blick auf ihre sorgfältig verborgene Leidenschaft getan, wenn sie zum Beispiel unsere Hintern mit der schwarzen Fliegenklatsche aus Gummi bearbeitete oder wenn sie sich nach dem Gebet hastig die Tränen abwischte, sodass unauffällige Flecken zurückblieben. Doch ich habe sie niemals meinen Vater küssen oder auch nur einmal in die Arme nehmen sehen. Obwohl meine Eltern die Familie und die Farm als effiziente, zuverlässige Partner führten, habe ich nie die Anwesenheit jener Liebe bemerkt, die so besonders ist zwischen einem Mann und einer Frau. Ich hatte keine Karte für dieses geheimnisvolle Gelände.
Das Einzige, was ich hatte, war dies hier: Kurz nach meinem zwölften Geburtstag schaute ich gerade in die trübe Herbstdämmerung vor dem Wohnzimmerfenster hinaus, als Sheriff Lyle in seinem langen schwarz-weißen Automobil die nasse Kiesauffahrt heraufgefahren kam und dann zögernd auf meinen Vater im Garten zuging. Durch die von meinem Atem beschlagene Fensterscheibe sah ich Daddy langsam auf die Knie sinken, einfach so im regenfrischen Schlamm. Ich hatte Ausschau gehalten nach meiner Mutter, meinem Cousin Calamus und meiner Tante Vivian, die schon seit Stunden von ihrer Pfirsichlieferung über den Pass nach Canyon City hätten zurück sein müssen. Mein Vater hatte ebenfalls Ausschau gehalten, und ihr Ausbleiben machte ihn so nervös, dass er den ganzen Abend damit verbrachte, die nassen Blätter zusammenzurechen, die er normalerweise hätte liegen lassen, damit sie über den Winter auf dem Gras kompostierten. Als Daddy unter dem Gewicht von Lyles Worten zusammenbrach, begriff mein junges Herz zwei große Wahrheiten: Meine fehlenden Familienmitglieder würden nicht wieder nach Hause kommen, und mein Vater hatte meine Mutter geliebt. Sie hatten nie romantische Gefühle gezeigt oder mit mir darüber gesprochen, aber mir wurde in diesem Augenblick klar, dass sie sie tatsächlich gekannt hatten, auf ihre eigene, stille Art. Ihre unauffällige Beziehung – und die tränenlose, nüchterne Art, wie mein Vater später Seth und mir ernst die Nachricht vom Tode meiner Mutter mitteilte – lehrte mich, dass Liebe eine höchst persönliche Angelegenheit ist, die nur zwischen zwei Menschen gehegt und auch betrauert wird. Sie gehört ihnen und sonst niemand, wie ein geheimer Schatz, wie ein privates Gedicht.
Abgesehen davon wusste ich nichts, vor allem nichts von den Anfängen der Liebe, von dieser unerklärlichen Anziehungskraft, die bewirkt, dass manche Jungs an einem vorbeigehen können, ohne dass man weiter Notiz von ihnen nimmt, während der Nächste eine glasklare Anziehung auf einen ausübt, die so wenig wegzuleugnen ist wie die Schwerkraft. Und ab diesem Moment kennt man nur noch Sehnsucht.
Es lag nur ein halber Block zwischen diesem Jungen und mir, als wir zur gleichen Zeit auf demselben schmalen Gehweg in derselben Stadt in Colorado entlanggingen. Ich folgte ihm und überlegte, woher er wohl gekommen war, von welchem Ort und von welchen Erlebnissen. Er und ich hatten unsere siebzehn Jahre – vielleicht ein bisschen mehr bei ihm, vielleicht aber auch ein bisschen weniger – gelebt, ohne von der Existenz des anderen auf dieser Erde zu wissen. Jetzt, in diesem Moment, kreuzten sich unsere Leben so sicher wie die North Laura mit der Main Street.
Mein Herz schlug schneller, als die Distanz zwischen uns von drei Häusern auf zwei zusammenschmolz, dann eines, und da merkte ich, dass er seine Schritte unmerklich verlangsamte.
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Wenn ich auch langsamer wurde, würde er wissen, dass ich meine Geschwindigkeit an seine anpasste und einem Fremden zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Doch wenn ich in meiner jetzigen Geschwindigkeit weiterging, würde ich ihn schnell eingeholt haben, und was dann? Oder, noch schlimmer, ich würde an ihm vorübergehen und spüren, wie sein Blick auf meinem Rücken brannte. Er würde sicher meinen schlaksigen Gang bemerken, meine nackten Beine und ausgetretenen Lederschuhe, mein zu klein gewordenes altes braunes Schulkleid und mein hundsgewöhnliches glattes Haar, das ich seit meinem sonntäglichen Bad nicht mehr gewaschen hatte.
Also verlangsamte ich meine Schritte. Als wäre er durch einen unsichtbaren Faden mit mir verbunden, wurde er ebenfalls langsamer. Ich wurde noch langsamer, und er auch, kaum dass er sich noch bewegte. Dann blieb er einfach stehen. Ich hatte keine andere Wahl, als es ihm gleichzutun, und da standen wir nun, wie zwei Statuen von Trotteln auf der Main Street.
Er bewegte sich nicht, weil er mit mir spielen wollte, das spürte ich. Ich stand da wie versteinert aus Angst und Unentschiedenheit und den verwirrenden ersten Regungen des Begehrens. Ich kannte diesen Jungen erst seit ein paar Minuten und weniger als einen Block, und trotzdem ließ er mein Inneres durcheinanderwirbeln wie Kiesel in einem Flussbett.
Ich hörte die mollige Frau des Doktors nicht und auch nicht die Stahlreifen ihres Kinderwagens, die sich hinter mir näherten. Als Mrs. Bernette und ihr Baby plötzlich neben mir auftauchten und versuchten, sich an mir vorbeizumanövrieren, erschrak ich wie ein nervöses Eichhörnchen.
Mrs. Bernette lächelte argwöhnisch, während sie ihre dünn gezupften Augenbrauen in einer unausgesprochenen Frage hochzog und mir ein knappes »Torie« zuwarf.
Ich brachte kaum ein höfliches Nicken zustande, ich konnte mich nicht mal an den Namen des Babys erinnern oder die Hand ausstrecken, um ihm freundlich das blonde Haar zu zerzausen.
Der Fremde trat übertrieben höflich einen Schritt zur Seite, um Mrs. Bernette vorbeizulassen. Neugierig musterte sie ihn von Kopf bis Fuß und lächelte schwach, als er sich an die Kappe tippte und »Ma’am« sagte. Sie schaute sich stirnrunzelnd zu mir um, als würde sie versuchen, ein Rätsel zu lösen, doch dann drehte sie sich wieder um und watschelte weiter in die Stadt.
Wir waren tatsächlich ein Rätsel, dieser Junge und ich. Und das Rätsel ging so: Was hat ein gemeinsames Schicksal, sobald es erst mal zusammengebunden ist? Die Antwort: zwei Marionetten an derselben Schnur.
»Victoria«, sagte er mit lässiger Vertrautheit, als er sich schließlich umdrehte und mir direkt ins Gesicht schaute. »Verfolgst du mich?« Jetzt war offenbar er dran mit Schlausein, und er grinste ebenso amüsiert über seinen eigenen Witz wie zuvor über den Witz, den er mir irrtümlich unterstellt hatte.
Ich stotterte wie ein Kind, das beim Stehlen eines Fünfcentstücks ertappt worden ist, bevor ich ein kurzes »Nein« hervorstieß.
Er verschränkte seine braunen Arme und sagte nichts. Ich hätte nicht entscheiden können, ob er über seine Frage nachdachte oder über mich oder vielleicht die Zufälligkeit dieses Moments.
Als ich mein Unbehagen ob unseres Schweigens nicht mehr aushielt, straffte ich mit gespielter Gefasstheit meinen Rücken und fragte: »Woher weißt du meinen Namen?«
»Ich passe gut auf«, sagte er. Er war direkt, aber trotzdem irgendwie bescheiden. »Victoria«, wiederholte er langsam, anscheinend um des reinen Vergnügens willen, die Silben in seinem Mund herumrollen zu lassen. »Ein Name wie für eine Königin.«
Sein Charme überstrahlte seine abgerissene Erscheinung, und sosehr ich mich anstrengte, unnahbar zu wirken, sah er mir doch an, dass ich das dachte. Seine dunklen Augen sprachen die Einladung aus, bevor sein Mund es tat. »Würdest du gerne mit mir gehen? Ich meine – hier …«, er zeigte neben sich, »… auf schickliche Art.«
Ich zögerte, denn ja, ich wollte neben ihm gehen, und trotzdem hielten mich entweder Anstand oder die natürliche Unbeholfenheit einer Jugendlichen davon ab. Oder vielleicht auch eine Vorahnung. »Nein danke«, sagte ich. »Ich kann nicht … ich meine … ich weiß ja nicht mal, wie du …«
»Ich heiße Wil«, unterbrach er mich, bevor ich fragen konnte. »Wilson Moon.« Er ließ seinen vollen Namen einen Augenblick in meinen Ohren klingen, dann kam er mit ausgestreckter Hand auf mich zu. »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Victoria.« Auf einmal ganz ernst, wartete er darauf, dass ich in den freien Raum zwischen uns trat und meine Hand in seine legte.
Ich zögerte unsicher, dann machte ich einen Knicks. Ich weiß nicht, wer von uns überraschter war. Ich hatte keinen Knicks mehr gemacht, seit ich als kleines Mädchen in die Sonntagsschule gegangen war, doch diese Geste war mir als Einziges eingefallen, was ich tun konnte, so viel Angst hatte ich davor, seine Hand zu berühren. Ich kam mir sofort dumm vor und erwartete, von ihm ausgelacht zu werden, aber er tat es nicht. Sein Grinsen verbreiterte sich zu einem richtigen Lächeln, strahlend, breit, aufrichtig, aber nicht im Geringsten spöttisch. Er nickte wissend, ließ seine Hand sinken, schob sie in die Tasche seines schmutzigen Overalls und blieb reglos vor mir stehen.
Ich konnte es damals noch nicht verstehen, als ich dort stand und an seinem Blick hing, aber ich sollte bald herausfinden, dass Wilson Moon die Zeit nicht so erlebte wie die meisten Menschen, und übrigens auch noch ein paar andere Dinge. Er hatte es nie eilig, er nestelte nicht nervös an etwas herum, und er empfand eine Schweigepause zwischen zwei Menschen auch nicht als ein peinliches Gefäß, das man dringend mit Geplauder füllen musste. Er blickte nur selten in die Zukunft, und in die Vergangenheit noch weniger, sondern fasste jeweils den gegenwärtigen Augenblick mit beiden Händen, um dessen Eigenheiten zu bewundern, ohne jede Entschuldigung oder das Gefühl, dass es anders sein sollte. Nichts davon konnte ich wissen, als ich stocksteif auf der Main Street stand, aber ich sollte bald die Weisheit seines Verhaltens erkennen und mit der Zeit lernen, diese Weisheit immer dann zu beherzigen, wenn ich es am nötigsten hatte.
Also ja, ich änderte meine Antwort und nahm die Einladung an, neben einem Jungen namens Wilson Moon, der jetzt kein Fremder mehr war, die Main Street hinunterzuspazieren.
Obwohl unsere Unterhaltung nur aus Höflichkeiten bestand und der Spaziergang kurz war, wollte keiner von uns sich vom anderen trennen, als wir bei Dunlap’s angekommen und die ausgetretenen Stufen der Veranda hochgestiegen waren. Ich drückte mich mit Herzklopfen neben ihm auf der abgesplitterten Schwelle herum.
Wil hatte nicht viel von sich erzählt. Sogar als ich fragte, ob sich die Abkürzung »Wil« für »Wilson« mit einem oder zwei L schrieb, zuckte er nur mit den Schultern und antwortete: »Wie du willst.« Eine Tatsache, die ich über Wilson Moon an diesem Tag erfuhr, war, dass er bis jetzt in den Kohlebergwerken in Dolores gearbeitet hatte und weggelaufen war.
»Ich hatte einfach genug von dem Laden«, sagte er. »›Geh‹, hörte ich eine Stimme in mir sagen. ›Geh, jetzt sofort.‹« Die Kohlewaggons der Durango–Silverton-Linie waren gefüllt und bereit zur Abfahrt gewesen, sagte er, und als der Zug sein Pfeifsignal gab, klang es, als würde er ihn rufen, lang und schrill und nachdrücklich. Er wusste nur, dass diese ganzen Waggons irgendwohin fuhren, wo er nicht war. Und als der Zug sich langsam, aber sicher in Bewegung setzte, kletterte er blitzschnell eine rostige Leiter an einem der Waggons hoch und sprang auf ein warmes, schwarzes Kohlenbett. Sein Vorgesetzter entdeckte ihn und lief dem Zug noch eine Weile hinterher, wobei er brüllte und fluchte und wütend mit seinem Hut herumfuchtelte. Aber bald waren sein Vorarbeiter und die Minen nur noch winzige Punkte in der Ferne, und Wilson Moon wandte sein Gesicht dem Wind zu.
»Du hast nicht mal gewusst, wohin du unterwegs warst? Wo du am Ende landen würdest?«, fragte ich.
»Ist doch nicht so wichtig«, erwiderte er. »Ein Ort ist so gut wie der andere, oder?«
Der einzige Ort, den ich jemals gekannt hatte, war Iola und das umliegende Land an einem weiten, geraden Abschnitt des Gunnison River. Die kleine Stadt schmiegte sich an die Ausläufer der Big Blue Wilderness im Süden und die hoch aufragenden Elk Mountains im Westen und Norden. Ein Flickenteppich von Farmen und Ranches zog sich wie ein langer Schwanz am Flussufer Richtung Osten entlang. Mein Bruder und ich waren auf der Farm geboren, die mein Vater von seinem Vater geerbt hatte, in dem großen Eisenbett, das die Hälfte des blassgelben Schlafzimmers einnahm, das an die Rückwand des Hauses angefügt worden war, ein Raum, der nur für Geburten und Besucher reserviert war, bis Onkel Og nach dem Unfall bei uns einzog. Unsere Farm war nichts Besonderes und auch nicht sehr groß, gerade mal neunzehn Hektar, einschließlich der Scheunen und des Wohnhauses und der gekiesten Auffahrt, lang gezogen wie ein Wolfsheulen. Doch von der Scheune bis zum Zaun, der hinter unserem Grundstück verlief, erstreckte sich der einzige Pfirsichhain in ganz Gunnison County, in dem große und rosige und süße Früchte heranreiften. Die geschwungenen Ufer des Willow Creek bildeten die östliche Begrenzung unseres Grundstücks. Das eisige Wasser war eben erst vom Schnee der Berge abgeschmolzen und konnte es kaum erwarten, sich auf unsere Bäume und die bescheidenen Pflanzreihen von Kartoffeln und Zwiebeln zu ergießen. Abends sang das Flüsschen ein Schlaflied vor meinem Zimmerfenster, ließ mich einschlummern in dem Bett aus Rohrgeflecht, in dem ich fast jede Nacht meines Lebens verbracht hatte. Der Sonnenaufgang über dem weit entfernten Tenderfoot Mountain und das lang gezogene Pfeifen der drei Züge, die täglich den Bahnhof am Stadtrand passierten, dienten als meine zuverlässigsten Uhren. Ich wusste, wie die Nachmittagssonne ihr Licht schräg durch unser kleines Küchenfenster fallen ließ und an den Wintermorgen auch auf den langen Kieferntisch. Ich wusste, dass Krokusse und violette Rittersporne die ersten Wildblumen waren, die jedes Frühjahr auf unserem ganzen Grundstück aufblühten, und Weidenröschen und Goldruten die letzten. Ich wusste, dass ein Dutzend Klippenschwalben auf den Fluss herunterschießen würde, sobald ein Schwarm Eintagsfliegen geschlüpft war, und dass genau in diesem Moment eine Regenbogenforelle an der Angel meines Vaters anbeißen würde. Und ich wusste, dass die wildesten Stürme, dunkel und verhängnisvoll wie der Teufel, fast immer über die nordwestlichen Gipfel hinweggingen und dass jeder Singvogel und alle Raben und Elstern verstummten, bevor das Unwetter losbrach.
Also nein, ich fand nicht, dass ein Ort so gut war wie der andere, und ich fragte mich, warum dieser Junge überhaupt nichts von einem Zuhause zu wissen schien.
»Und deine Sachen?«, fragte ich. Ich war fasziniert vom Leben eines Vagabunden.
»Für die gilt dasselbe«, grinste er achselzuckend, als wüsste er etwas über Besitz, was ich nicht wusste, was sich am Ende als zutreffend herausstellen sollte. Er würde mir beibringen, wie wahrhaftig sich ein Leben anfühlen konnte, das aufs Wesentliche reduziert worden war, und wenn man erst mal diesen Punkt erreicht hatte, war im Grunde nichts mehr wichtig, außer der Entschlossenheit weiterzuleben. Wenn er mir das damals gesagt hätte, wäre ich unfähig gewesen, ihm zu glauben. Doch die Zeit zieht an unseren Fäden, und wir folgen wie die Marionetten.
Mir wollte keine Ausrede einfallen, warum ich ihm zu Dunlap’s folgen könnte. Selbst wenn ich nicht in Gesellschaft eines fremden Jungen gewesen wäre – ein Mädchen geht nicht ohne triftigen Grund und vertrauenswürdige Begleitung in eine Männerpension. Außerdem wurde es langsam Zeit zum Abendessen, und ich hatte immer noch die unangenehme Aufgabe vor mir, Seth aus seiner Pokerhöhle zu schleifen und nach Hause zu bringen. Und zwar bevor mein Vater nach Hause kam, der heute das letzte Heu für Mr. Mitchell eingebracht hatte.
Ich seufzte, um anzudeuten, dass jetzt der Moment gekommen war, in dem wir wieder auseinandergehen mussten: »Also …«, aber dann ging ich doch nicht weg. Ich erwartete, dass er den Wink verstehen und entsprechend handeln würde, doch wieder behielt er sein entspanntes Schweigen bei und lächelte mich an, wobei er ab und zu nach oben schaute, als wollte er etwas in den Wolkenfetzen am frühen Abendhimmel lesen.
»Ich glaube, ich geh dann mal«, sagte ich schließlich. »Ich muss noch Abendessen machen und so.«
Wil blickte wieder zum Himmel, dann fragte er mich, ob ich ihn am nächsten Tag wieder treffen wollte, ihm die Stadt zeigen und vielleicht ein Stück Pastete miteinander essen oder so.
»Du bist schließlich der einzige Mensch«, fügte er hinzu, »den ich in dieser kleinen Stadt kenne.«
»Na ja, kennen tust du mich ja nicht«, sagte ich. »Jedenfalls nicht gut.«
»Doch, natürlich kenn ich dich.« Er zwinkerte mir zu. »Du bist Miss Victoria, die Königin von Iola.« Er verbeugte sich und machte dabei eine gezierte Handbewegung, als würde er sich vor einem Mitglied des Königshauses verbeugen, und ich musste lachen. Dann richtete er sich wieder auf und betrachtete mich so lange, dass ich dachte, ich würde gleich dahinschmelzen wie Schokolade in den letzten Sonnenstrahlen, die gerade noch so über die Veranda fielen. Er sagte nichts, aber ich hatte ein Gefühl, als würde er unmögliche Dinge über mich wissen. Er kam näher an mich heran. Ich atmete zum ersten Mal tief seinen Geruch ein, moschusartig und scharf und seltsam einladend, und starrte für einen Moment in seine bodenlos dunklen Augen.
Wie kann ein Mädchen siebzehn Jahre leben, ohne sich jemals zu fragen, ob sie gesehen wird? Der Gedanke war mir vorher noch nie gekommen – dass jemand wirklich ins Herz der Dinge blicken könnte und dort mich sehen würde. Ich stand auf den staubigen Stufen der Männerpension und fühlte mich durchsichtig, ins Licht gehalten auf eine Art, die ich nie für möglich gehalten hätte, bevor mir Wilson Moon begegnete.
Schüchtern wich ich zurück, aber dann willigte ich ein, ihn am nächsten Tag wiederzusehen. Ich wollte mehr von ihm, es war wie ein dringendes Verlangen nach Sonnenschein, der zu lange hinter den Wolken versteckt war. Doch bevor wir eine richtige Verabredung treffen konnten – uns eine Zeit, einen Ort, einen Grund ausdenken –, rief mitten auf der Main Street eine vertraute Stimme nach mir und traf mich von hinten wie ein Stein.
»Torie!«
Da stand mein Bruder Seth, schwankend in der Mitte der Main Street, und umklammerte mit seiner Linken den Hals einer braunen Bierflasche.
»Torie, geh weg von diesem dreckigen Hurensohn!«, lallte er und zeigte mit der Flasche auf Wil, wobei er Bier verschüttete, das dunkle Flecken auf der unbefestigten Straße hinterließ.
»Mein Bruder. Betrunken«, seufzte ich Wil zu und drehte mich rasch um. Ich eilte die Stufen hinunter, warf ein entnervtes »Ich muss jetzt gehen« nach hinten und rannte zu Seth, bevor er Ärger machen konnte.
»Wer war dieser Bastard?«, grunzte Seth durch die Lucky Strike, die zwischen seinen Lippen steckte. Die Frage war mehr an Wil gerichtet als an mich.
»Niemand«, sagte ich und schob Seth von hinten die Straße hinunter, die Hände auf seinen Schultern, als würde ich die Zügel eines widerspenstigen Mulis halten. So steuerte ich ihn zurück zur Kreuzung der North Laura und Main Street. Obwohl er über ein Jahr jünger war als ich, war Seth mir mit ungefähr fünfzehn Jahren über den Kopf gewachsen und hatte in den sechs Monaten danach mindestens noch mal fünf Zentimeter zugelegt. Ich war allerdings kein großes Mädchen, und Seth war im Vergleich zu den anderen Jungs in seinem Alter immer noch klein und gedrungen – allerdings mit den Anlagen eines Boxers, körperlich wie mental. Ich hatte meine liebe Mühe, ihn aus Wils Blickfeld zu schieben und weg von den anderen Schaulustigen und uns auf den Heimweg zu bringen.
»Das war nur ein Junge, der nach dem Weg gefragt hat«, log ich, obwohl das keine fünfzehn Minuten vorher noch wahr gewesen wäre. »Der ist nur auf der Durchreise.«
»Brauner Hurensohn …«
»Du stinkst, Seth«, fiel ich ihm ins Wort. »Schlimmer als der Schweinestall, um den du dich besser kümmern solltest, wenn unser Vater heimkommt.«
»Scheiß doch auf unsern Vater«, lallte er mit dem Mut des Betrunkenen. Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und warf sie dann auf die Straße.
»Tu ausnahmsweise mal das, was man dir sagt, und erspar uns eine Menge Ärger«, sagte ich, während ich seine Lucky Strike austrat und dann über meine Schulter einen Blick auf Wil warf, der immer noch auf Dunlaps Veranda stand und mich las wie einen Krimi.
»Diese Schweine werden aus diesem mistgefüllten Stall fliegen, bevor ich mir was von dir befehlen lass, Mädel. Bild dir bloß nicht ein, du könntest …«
»Halt die Klappe, Seth«, seufzte ich. »Halt einfach deine verdammte Klappe.« Ich konnte mir kein weiteres Wort mehr anhören. Ich hasste ihn in diesem Moment mehr als je zuvor. Mein Hass hatte schon da mit Wil zu tun. Und er hatte schon lange mit meinem Vater und Onkel Og und meiner Mutter und meinem Cousin und meiner Tante zu tun, die ich langsam, aber sicher vergaß. Aber vor allem war meine Abscheu vor Seth rau und stachlig wie eine Distel, und sie war mit jedem Tag unseres Lebens gewachsen.
Ich begann, ihn von hinten mit aller Kraft zu schubsen. Er steckte einen Stoß ein, stolperte vorwärts, dann steckte er den nächsten Stoß ein, und obwohl er die ganze Zeit fluchte und jammerte und Bier soff, kämpfte er nie gegen mich an. Vielleicht war er zu betrunken, um sich darum zu scheren, oder vielleicht wusste er genauso gut wie ich, dass er im Schweinestall sein musste, bevor die Sonne hinter dem Hügelkamm versank.
Wir bogen in die North Laura Street ein. Wo sie endete, schlängelte sich ein unbefestigter Weg durchs Gras zu unserer Farm, vorbei an der Spitze des kiefernbestandenen Grundstücks der verrückten Ruby-Alice Akers und über ein weites, grasbewachsenes Feld. Es war der kürzeste Weg zwischen unserer Farm und der Stadt, und Seth und ich waren ihn schon tausendmal zusammen gegangen. Als wir noch klein waren, ernannte unsere Mutter immer Seth zu meinem Aufpasser, wenn wir diesen Pfad benutzten, egal ob wir kamen oder gingen, obwohl er jünger war und weit weniger Verantwortungsgefühl hatte als ich – einfach nur weil er ein Junge war. Als wir heranwuchsen, passte ich auf ihn auf, nicht weil mir das irgendjemand aufgetragen hatte, sondern weil ich es musste, meinetwegen genauso wie seinetwegen, und auch wegen unseres Vaters. Aber sosehr ich mich auch bemühte, ich konnte Seth nicht vor seinen eigenen Dummheiten bewahren, und ich hatte es auch verdammt satt, es ständig zu versuchen.
Ich trieb ihn eilig über den Pfad, ich schob, er stolperte und fluchte. Dann ließ er die Bierflasche aus der Hand fallen. Bevor ich richtig erfasst hatte, dass die Flasche auf dem Pfad lag, trat ich auch schon darauf und stürzte nach vorn, wobei ich Seth zu Boden stieß und mit meiner rechten Hüfte und dem Ellenbogen unsanft im Dreck landete. Kleine Dinge: der lose Griff eines betrunkenen Jungen, eine fallen gelassene Flasche, ein verstauchter Knöchel, ein zerrissener Kleiderärmel. Aber nur zu oft ist es eine kleine, schicksalhafte Wendung, die unser Leben von Grund auf ändert – der lockende Pfeifenruf eines Kohlenzugs, eine Frage von einem Fremden auf einer Kreuzung, eine braune Bierflasche auf einem Trampelpfad. Sosehr wir uns auch vom Gegenteil überzeugen wollen, unsere bestimmenden Momente lassen sich nicht behutsam pflücken wie der reifste und köstlichste Pfirsich von einem Zweig. Im endlosen Stolpern auf dem Weg zu uns selbst ernten wir die Früchte, die wir bekommen.
Ich lag einen verwirrten Augenblick im Staub. Seth lachte leise, dann verstummte er. Schmerz strahlte durch meinen Unterschenkel. Als ich vorsichtig meinen Oberkörper hochstemmte, glitten Wils Arme plötzlich unter mich mit der Selbstverständlichkeit eines Bräutigams, der seine Braut hochhebt. Und obwohl wir keine Schwelle überschritten – nur das Feld mit den verwelkten Goldruten und den hohen, brüchigen Grashalmen –, erinnere ich mich an diesen Moment als unseren Anfang. Ich zuckte nicht zusammen, als er mich berührte, protestierte nicht gegen seine sanfte Umarmung, als er mich mühelos hochhob und mich an seine kohleverschmutzte Brust drückte, und versuchte gar nicht erst, mit meinem bereits schwellenden Fußknöchel zu gehen.
»Du bist mir gefolgt«, stellte ich fest.
»Jupp«, war seine ganze Antwort, wobei er auf Seth hinunterschaute, der auf der Seite liegend neben dem Pfad eingeschlafen war. »Was machen wir mit dem?«, fragte Wil.
»Für den werd ich keinen verdammten Finger rühren«, erwiderte ich zu Wils großer Erheiterung. Für den werd ich keinen verdammten Finger rühren, wiederholte ich im Geiste, erschrocken über meine Rebellion in Gedanken und Taten. Ich würde meinen Bruder schlafend im Staub liegen lassen. Und mich stattdessen von diesem Fremden tragen lassen.
Ich zitterte. Ob es vom Schmerz herrührte oder von den ersten Liebesfunken, weiß ich nicht – vielleicht beides –, aber ich zitterte am ganzen Körper, als hätte Wil mich aus einem gefrorenen Teich gezogen. Meine Arme klammerten sich an seinen sehnigen Hals, als er dahinging. Sein Kopf ging leicht auf und ab, um den Zug meiner Arme auszugleichen, als würde er zustimmend nicken. Ich fühlte mich leicht wie ein Kind in seinen Armen, und ich vertraute ihm auch wie ein Kind. Es sah mir gar nicht ähnlich, so bereitwillig Hilfe und Schutz anzunehmen, so wenig Misstrauen zu hegen angesichts der Dinge, die dieser fremde Junge mit mir vorhaben könnte. Und doch, dieses Mädchen auf seinem Arm war ich. Wir bewegten uns über den Pfad, den ich schon mein ganzes Leben entlanggegangen war, auf eine Art, die ich nie zuvor gekannt hatte. Ich spürte, wie sich alles um mich herum leise verwandelte. Mein Vater wartete jetzt vielleicht schon auf der Farm, und Onkel Og saß höchstwahrscheinlich auf seinem Schaukelstuhl am Fenster oder auf der Veranda, wie immer – beide mögliche Zeugen davon, wie ich von einem Fremden übers Feld getragen wurde. Doch nachdem ich jahrelang das Urteil meines Vaters und Onkel Ogs Zorn gefürchtet hatte, war es mir jetzt egal, was sie denken oder wie sie reagieren könnten. Angesichts der überwältigenden Erfahrung von Wils Armen um mich schrumpften mein Vater und Onkel Og und Autorität und Anstand einfach zusammen. Sogar die Berge in der Umgebung, sogar die Folgen all dessen kamen mir so klein vor, dass ich sie als unerheblich empfand.
Ich hatte die Farm an diesem Morgen als gewöhnliches Mädchen an einem gewöhnlichen Tag verlassen. Noch konnte ich nicht abschätzen, welch neue Landkarte sich in meinem Inneren entfaltet hatte, aber ich wusste, dass ich als ein ungewöhnliches Mädchen zurückkam. Ich fühlte mich so, wie sich die Entdecker, von denen ich in der Schule gelernt hatte, gefühlt haben müssen, wenn sie eine ferne und rätselhafte Küste von ihrer scheinbar unendlichen See erblickten. Auf einmal war ich der Magellan meines eigenen Innenlebens – ich wusste nicht, was ich entdeckt hatte. Ich legte meinen Kopf an Wils breite Schulter und überlegte, von wo und wem er gekommen war und wie lange ein Vagabund jemals an einem Ort blieb.
Unser weißes Farmhaus kam in Sicht, dann die baufälligen Hühnerställe, der Schweinekoben und der zusammengeflickte graue Stall, in dem Gerätschaften und Erntekörbe und unser Wallach Abel standen. Seit dem Sommer, in dem der Unfall passierte, waren hier keine Gebäude und keine Zäune mehr gestrichen worden. In der Tat war fast alles auf der Farm seit damals nicht mehr richtig gepflegt worden, und heute, fünf Jahre später, ohne meinen Cousin Calamus, der sich um solche Arbeiten gekümmert hatte, die ihm obendrein von meiner Mutter zugeteilt wurden, war die Farm völlig heruntergekommen. Was einen früher an weißes Leinen denken ließ, erinnerte jetzt nur noch an einen groben Kartoffelsack. Diese Verwandlung hatte sich so langsam vollzogen, dass ich sie gar nicht in ihrem vollen Ausmaß erfasst hatte, bis zu diesem Moment, in dem ich versuchte, die Szenerie so zu sehen, wie Wil sie sehen musste. Mein ganzes Leben steckte in dieser Farm, und als er sie erblickte, fühlte ich mich schäbig und abgetragen.
Ich hätte am liebsten gesagt: »So sind wir eigentlich gar nicht … oder ich bin jedenfalls nicht so… es war nur so, dass ein Unfall passiert ist und …« Trotzdem standen die stummen Zeugen vor uns, wie eine endgültige Verkündigung des Verfalls meiner Familie. Zu diesen ganzen heruntergekommenen Gebäuden kam außerdem die Tatsache, dass irgendwo hinter uns ein betrunkener Bruder im Staub lag, und nun kam auch noch der rostige Wagen meines Vaters die lange Auffahrt heraufgerumpelt. Als mein Vater auf der Fahrerseite ausstieg und mit Zorn in seinen Schritten auf uns zukam, sah ich, wie Onkel Og in seinem Rollstuhl auf die Veranda mit der abblätternden Farbe herausrollte, damit er besser sehen konnte, was hier jetzt gleich passieren würde – er erhoffte sich zweifellos ein Handgemenge. Ich hing in Wils Armen, unfähig, irgendetwas von dem, was er hier sah, reinzuwaschen oder mit ihm nach hinten in unsere Pfirsichplantage zu laufen, das einzig Schöne, was von dieser Farm geblieben war. Ich schloss die Augen und wartete gespannt darauf, wie mein Vater den Zusammenstoß von meinem Leben mit dem von Wil aufnehmen würde.
Überraschenderweise kam es dann doch von hinten.
Seth war wieder zu sich gekommen. Er hatte uns leise verfolgt, bis sich sein aufgestauter Ärger in einem mächtigen Satz entlud, mit dem er auf Wils Rücken landete. Der daraufhin entbrennende Kampf kommt mir jetzt surreal vor, meine Erinnerung ist eine verschwommene Zeitlupenversion der tatsächlichen Ereignisse. Ich erinnere mich an Details, die ich immer noch nicht erklären kann, zum Beispiel wie es Wil gelang, mich so sanft auf den Boden zu setzen, wo mir nichts passieren konnte, und wie die Jungs über mir wirbelten wie ein kleiner Tornado, wobei Wil wie ein Vogel in der Luft tanzte, um Seths wütenden Fausthieben zu entgehen. Ich kann mich noch ganz deutlich an den einen soliden Schlag von Wil erinnern, der Seth zu Boden schickte, wo er mit blutiger Nase fluchend liegen blieb, und wie mein Vater angeschnauft kam, Seth auf die Füße zog und sich dann mit ausgestreckten Armen zwischen die beiden Jungs stellte wie ein Schiedsrichter.
Seth keuchte und stemmte seine Brust gegen die Hand meines Vaters, er beschimpfte Wil und versuchte, ihn erneut anzugreifen. Wil trat ruhig zurück und betrachtete Seth wie ein Wolf, der seine Beute selbstsicher niederstarrt.
»Wer in drei Teufels Namen bist du, Junge?«, schrie mein Vater Wil an. Dann bellte er Seth an, er solle sich gefälligst beruhigen, und packte seinen Sohn mit der Faust am Kragen.
»Wilson Moon, Sir«, erwiderte Wil gefasst, ohne Seth aus den Augen zu lassen. Er tippte sich grüßend an die Mütze, die wundersamerweise immer noch auf seinem Kopf saß.
»Das sagt mir überhaupt nichts«, sagte mein Vater.
»Ich bin nur auf der Durchreise, Sir.«
»Auf der Durchreise mit meiner Tochter auf dem Arm und meinem Sohn auf deinem Rücken?«, fragte mein Vater schroff. Er wirkte ebenso misstrauisch wie verblüfft.
»Ja, Sir«, antwortete Wil, ohne einen anderen Erklärungsversuch nachzuschieben als diesen: »Die eine hab ich aufgehoben, den andern hab ich versucht abzuwehren.«
Mein Vater schaute auf den Boden, wo ich saß, betrachtete meinen geschwollenen Knöchel und mein zerrissenes Kleid, und ohne mir auch nur in die Augen zu schauen, wo er die Wahrheit hätte lesen können, fragte er: »Hat dieser Junge dir wehgetan?«
»Nein, Daddy«, erwiderte ich. »Es war Seths Schuld. Dieser Junge hat mich verletzt aufgefunden und hat mir nur nach Hause geholfen, das war alles.«
»Ist doch gar nicht wahr!«, knurrte Seth. »Dieser Hurensohn ist uns von der Stadt gefolgt, um seine dreckigen Pfoten auf sie legen zu können.« Mit erneuerter Wut stemmte er sich wieder gegen meinen Vater und boxte Richtung Wil in die Luft. Dabei rief er: »Ich bring dich um, du Scheißlatino!«
Mein Vater hielt Seth noch fester und schaute mit gerunzelten Brauen von mir zu Wil und dann wieder zu mir. Er befahl Seth, den Mund zu halten, dann fragte er mich ernst: »Ist das wahr?«
»Nein, Daddy«, wiederholte ich. »Seth ist einfach nur betrunken, das ist alles.«
»Das sieht man«, sagte mein Vater und warf seinem Sohn einen müden Blick zu. Seth ergab sich endlich Vaters Griff, ließ sich von seiner Faust herabhängen und stampfte trotzig im Staub auf wie ein wütendes Kind.
Mein Vater musterte Wil noch einmal, dann winkte er ihn mit seiner freien Hand fort und sagte: »Sieh zu, dass du weiterkommst, Junge, und ich will dich nicht noch mal in der Nähe meines Grundstücks oder meiner Familie sehen. Hast du mich verstanden?«
»Ja, Sir. Glasklar«, gab Wil zurück und tippte sich noch einmal an seine Kappe.
Ohne mich anzusehen, drehte Wil sich um und trottete geradewegs durch das gelbe Feld zurück Richtung Stadt. Der lavendelfarbene Horizont schien an ihm zu nippen, bis seine Gestalt immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Ich überlegte, ob er wieder zurück zum Bahnhof gehen würde. Wenn ein Ort für ihn so gut war wie jeder andere, könnte ihm ein anderer Ort auf dieser Bahnstrecke besser tun als die Stadt, in der Seth lebte. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass er das Gegenteil erwog, während er in der Ferne immer kleiner wurde – dass Iola für ihn ein Ort geworden war, den er allen anderen vorzog, ein Ort, von dem er nicht wegen Seth fliehen wollte, sondern an dem er wegen mir bleiben wollte.
»Die ganze Zeit, während ich da ging«, erzählte er mir später, als wir gemütlich unter seiner Bettdecke lagen, »hab ich mir überlegt, wie ich es schaffe, zu dir zurückzukommen.«
Oft wünschte ich, er wäre weitergegangen und auf den nächsten Zug nach irgendwo anders gesprungen.
Mein Vater stieß meinen Bruder angewidert weg, und Seth stolperte ohne ein Wort des Protests in Richtung Schweinestall. Dann bückte sich mein Vater, hob mich unter großer Mühe hoch und trug mich zum Wohngebäude. Im Vergleich zu Wil fühlte er sich knochig an und irgendwie wacklig – weniger belastet durch mein Gewicht als durch die mühsamen Jahre seit dem Tod meiner Mutter. Ich wagte nicht, ihm meine Arme um den Hals zu legen wie bei Wil, vor lauter Angst, ihn damit endgültig zu Boden zu ziehen. Wie unsere Farm war auch mein Vater jeden Tag ein Stückchen mehr verkümmert, und als ich jetzt in seinen einst so starken Armen war, hatte ich das Gefühl, von einem schwachen, alten Muli getragen zu werden. Ich wollte ihm sagen, dass er mich ruhig runterlassen konnte, dass ich auch humpeln konnte, aber ich wusste, dass er sich darauf auf keinen Fall einlassen würde, und mein Vater mochte keine überflüssigen Worte.
Onkel Ogden stieß einen hohen, lang gezogenen Pfiff aus, als mein Vater mich die verwitterten Verandastufen hochtrug und an Ogs Rollstuhl vorbei zur Haustür. Ogs hinterhältiges Grinsen verriet mir, dass er die Vorstellung genossen hatte, ihm meine Verletzung völlig gleichgültig war und er sich große Hoffnungen auf weiteren Ärger machte, was traurigerweise ja wirklich eintreffen sollte. Daddy ignorierte ihn und trug mich hinein, wo er mich der Länge nach aufs Sofa legte und dann in die Küche ging, um Dr. Bernette anzurufen. Ich bettete mein Bein auf die von meiner Mutter handgenähten Musselinkissen und wartete.
Mutter hatte dieses Zimmer immer »den Salon« genannt. Wir durften es bloß an Sonntagnachmittagen nutzen, wenn die Jungs und ich noch sauber und manierlich vom Kirchgang waren. Ich hatte stundenlang Schach mit Seth und Cal gespielt, wobei wir unsere schlaksigen Körper auf dem Salonteppich mit den Zöpfen ausstreckten, während meine Mutter auf dem Schaukelstuhl in der Ecke ihre Bibel studierte und mein Vater die Zeitung las oder auf dem goldgelben Wollsofa döste. Oft kam auch Tante Vivian aus ihrem Pensionszimmer in der Stadt zu Besuch. Sie versuchte, still zu sitzen und zu sticken, aber machte oft Pausen, um uns etwas zu erzählen, was sie im Collier’s Weekly gelesen oder in einer Wochenschau vor der Kinovorstellung in Montrose gesehen hatte. Wäre sie nicht gewesen, hätte ich nie von einem Ort namens Hollywood gehört oder die klangvollen Namen seiner Stars: Errol Flynn, Basil Rathbone, Greer Garson und – das war mein liebster, wegen seiner weichen, runden Silben – Olivia de Havilland, eine Frau, von der ich mir nur vorstellen konnte, dass sie schön war wie ihr Name. Mutter bezeichnete das alles als Unfug, aber das machte jedes bisschen Klatsch, das Tante Viv mit uns teilte, nur umso köstlicher. Ab und zu konnte Viv meine Mutter überzeugen, dass sie uns einen »Dick und Doof«-Sketch im Radio anhören ließ. Die Jungs und ich lachten uns halb tot, bis die Albernheit so gründlich mit Seth durchging, dass er nicht widerstehen konnte, sich mit Cal zu boxen oder zu ringen, und dann befahl Mutter, dass das Radio ausgeschaltet wurde und wir Kinder den Salon verlassen mussten. Ich ging widerwillig, aber letztlich doch gehorsam hinaus, weil ich diese Sippenhaft gewohnt war, und Viv warf mir einen wissenden, entschuldigenden Blick zu.
Während ich mit diesen Geistern im stillen Dämmerlicht dasaß und auf die Ankunft des Arztes wartete, der meinen Knöchel untersuchen sollte, dachte ich mir, dass meine Mutter, wenn sie mich von irgendeinem Punkt im Himmel sehen könnte, mich noch aus dem Jenseits schimpfen würde, weil ich mein Bein aufs Sofa gelegt hatte. An der Wand gegenüber von mir hing das weiße Regal, auf dem Mutter ihre Sammlung von Porzellankreuzen aufbewahrt hatte. Darunter einer von ihren sorgfältig gestickten Bibelsprüchen, von denen sie eine ganze Auswahl angefertigt und überall im Haus verteilt hatte, damit sie uns sowohl inspirierten als auch ermahnten. Dieser hier zeigte zwei Hände, die zum Gebet gefaltet waren und eingerahmt wurden von dem Bibelvers: »Jener muss wachsen, ich aber abnehmen. Johannes 3, 30.« Mir fiel mit einem Hauch von Scham der Staub auf, der sich auf dem dunklen Rahmen abgelagert hatte. Gegenüber hing eine weitere Stickarbeit, umkränzt von einem Band aus blauen Blüten: »Ich will deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; meine Mauern sind immerdar vor dir. Jesaja 49, 16.« Ich konnte mich vage an eine Predigt über diesen Bibelspruch erinnern und wie Mutter die Hand nach mir ausstreckte, während ich brav neben ihr in der Kirchenbank saß, und meinen Oberschenkel leicht drückte, bevor sie ihre Hände wieder ordentlich auf dem Schoß faltete.
Durch die hauchfeinen Gardinen des Salons konnte ich das Profil von Onkel Og erkennen und eine fette Schulter, die hinter dem hohen hölzernen Rückenteil seines Rollstuhls hervorquoll. Er schob sich einen Priem Kautabak in die Wange, dann starrte er von der Veranda in die Richtung, in die Wil weggegangen war, als würde er immer noch seine Silhouette verfolgen. Alle paar Minuten hob er eine rote Kaffeedose zum Mund und spuckte hinein, woraufhin er einen Schluck aus seinem silbernen Flachmann nahm.
Ogden hatte Tante Viv in ebendiesem Salon umworben, obwohl er damals so anders war, dass ich den charmanten jungen Collegestudenten, der damals regelmäßig zu Besuch kam, kaum mit diesem gebrochenen Mann unter einen Hut bringen konnte, der auf unserer Veranda dahinsiechte. Viv und er hatten sich 1941 kennengelernt, auf einer Tanzveranstaltung des staatlichen Colleges in Gunnison, das Og damals besuchte. Vivian war uneingeladen mit zwei Freundinnen zum Tanzen gegangen, alle wollten sich verlieben, und alle waren sie erfolgreich darin, einem College-Studenten so sehr den Kopf zu verdrehen, dass er irgendwann vor ihnen niederkniete und einen Antrag machte. Wenn man Vivians Bericht Glauben schenken wollte, als sie am Morgen nach der Tanzveranstaltung gackerig wie ein Huhn zum Frühstück erschien, war ihr Student der beste Fang des Trios.
Ich teilte ihre Meinung eigentlich, als sie Ogden in der Woche darauf am Samstag zum Abendessen mitbrachte. Viv hatte mir erzählt, dass er nicht so gut aussah wie Clark Gable in Es geschah in einer Nacht, aber so unwiderstehlich war wie Fred Astaire in Swing Time. Ich hatte noch nie einen Film gesehen, deswegen war ich nicht sicher, was sie meinte, bis ich sah, wie Og aus seinem roten Pontiac stieg und unsere Auffahrt hochkam. Er ging so leichtfüßig, dass es aussah, als würden seine braun-weißen Budapester kaum den Boden berühren. Viv stieß ein Quietschen aus, als sie ihm entgegenlief, um ihn zu begrüßen. Dabei bewegten sich ihre brünetten Locken, mit denen sie den ganzen Nachmittag beschäftigt gewesen war, keinen Millimeter, weil sie so bombenfest mit Haarspray fixiert waren. Og gab Daddy an der Haustür die Hand und überreichte meiner Mutter einen Blumenstrauß. Mit einer roten Fliege um den Hals und einer kichernden Vivian am Arm sprang er in unsere Farm wie ein herausgeputztes Kastenteufelchen.
Er redete den ganzen Abend angeregt, begeisterte meine Familie mit einer Erzählung nach der anderen von seinen Abenteuern. Sogar meine Mutter, die deutlich skeptisch war angesichts seines Übereifers und sich sicher auch Sorgen um sein Seelenheil machte, musste ein-, zweimal über seine geistreichen Bemerkungen lachen. Ich hatte noch nie jemand gekannt, der den Sonnenaufgang über dem Grand Canyon gesehen hatte, im nahe gelegenen San-Juan-Gebirge bis auf eine Höhe von viertausendzweihundert Metern geklettert war und oben in Idaho in einem hängenden Metallstuhl auf einen verschneiten Hügel gefahren und dann mit zwei an seinen Füßen festgeschnallten Brettern hinuntergeglitten war. Ogden hatte das alles getan und noch mehr, zusammen mit seinem Bruder Jimmy, und er schien den Kitzel jeder Unternehmung noch einmal zu erleben, während er seine Geschichten zum Besten gab. Er sprang sogar vom Abendbrottisch auf, um zu demonstrieren, wie er Ski gefahren war: seine Arme angelegt zu einem engen L, imaginäre Skistöcke in den Händen, gebeugte Knie, schwingende Hüften. Er machte rhythmische Zischgeräusche und fuhr die Piste seiner Erinnerung hinunter, während wir mit unserem Besteck vor den Mündern innehielten und Vivian strahlte.
Am Samstag darauf brachte Og seinen Bruder Jimmy mit zum Essen, und zur großen Freude von meinen Brüdern und mir verdoppelte sich das Theater. Jimmy war ein paar Jahre jünger als Og, hatte aber denselben geschmeidigen Körperbau und eine noch größere Neigung zu Ausbrüchen. Sie steigerten sich gegenseitig wie Bergen und seine Bauchrednerpuppe McCarthy und brachten Leben und Lachen in unser Haus.
Og und Vivian heirateten kurz vor der Ernte in jenem Jahr. Wir dekorierten die Kirche mit blassrosa Bändern und den violetten Penstemonblüten, die Mutter und ich von den Stauden am Rande des Obstgartens mitgebracht hatten. Jimmy stand neben Ogden, während sie darauf warteten, dass Viv den Gang zum Altar herunterschritt, und beide grinsten, als könnten sie jeden Moment in einen hysterischen Anfall ausbrechen.
Niemand, der an jenem Tag in der aus Brettern erbauten Kirche saß, hätte voraussehen können, dass innerhalb von drei Monaten uniformierte Männer am anderen Ende der Welt beschließen würden, Bomben auf einen hawaiianischen Hafen zu werfen, von dem wir noch nie gehört hatten, und das Resultat dieses Angriffs sein würde, dass man uns Ogden und Jimmy wegnahm und in den Krieg schickte.
Als ich ungefähr fünf war, hatte sich mit der Geschwindigkeit und der Nachhaltigkeit einer in Panik geratenen Bullenherde die Neuigkeit in der Stadt verbreitet, dass dem Bankier aus Montrose, Mr. Massey, sein glänzender, elfenbeinfarbener Auburn Speedster ausgerechnet auf den Eisenbahnschienen von Iola abgesoffen war und der Wagen von einer einfahrenden Lokomotive schwer beschädigt worden war. Die Leute erzählten sich, dass Mr. Massey auf dem Fahrersitz zerquetscht worden sei, während das Auto sich um ihn zusammengeknüllt habe wie ein Kokon. Andere Gerüchte wollten wissen, dass er von den Rädern des Zuges geköpft oder aus dem offenen Cabrio auf die Windschutzscheibe der Lokomotive geschleudert worden sei, sodass er dem Lokführer direkt in die Augen schaute, als er seinen letzten Atemzug tat. In Wirklichkeit war Mr. Massey vor dem Zusammenstoß aus dem Auto gesprungen und so Verletzungen entgangen, aber die Geschichte trieb so absurde Blüten, dass bis zum Ende des Tages jeder Stadtbewohner einmal mit dem Auto oder dem Fahrrad zur Eisenbahnstrecke fuhr oder zu Pferd hinritt, um den demolierten Speedster mit eigenen Augen zu sehen. Ich lieferte gerade mit meinem Vater und Cal Pfirsiche aus, wobei ich auf einem umgedrehten Erntekorb zwischen ihren Sitzen kauern musste, als mein Vater plötzlich den Lieferwagen auf eine Straße lenkte, auf der wir sonst kaum fuhren, um uns am Depot vorbei und über die Schienen zu fahren. Das wunderschöne Automobil – einst so bewundert, wie es die Main Street hinunterfuhr, eine Verbindung zu einem anderen Leben, an das die Leute von Iola selten auch nur einen Gedanken verschwendeten – war in einen Haufen Schrott verwandelt worden, kaum größer als eine zusammengequetschte riesige Konservendose.
Der Krieg tat Ogden das an, was der Zug Mr. Masseys schnittigem Automobil angetan hatte: Er hatte ihm seine einmalige Schönheit und vielversprechende Zukunft genommen und sie zermalmt. Ein Jahr nach diesem Unglück tat der Unfall, der auf einen Schlag Cal, Vivian und meine Mutter raubte, dasselbe meiner Familie an. Ich lernte von Kindesbeinen an, wie hartnäckig Katastrophen sein können. Durch das Fenster des Salons, mit jedem wütenden braunen Ausspucken in seine Dose, mit jedem Schluck Whisky, erinnerte mich Og daran, niemals die äußere Erscheinung als Hinweis auf eventuelle zukünftige Ereignisse zu nehmen.
Als mein Vater aus der Küche hinüberrief, dass Dr. Bernette unterwegs sei, und dann mit einem Türenknallen wegging, um seine Arbeiten auf der Farm zu erledigen, hatte ich meinen verletzten Knöchel schon fast vergessen. Ich dachte an Wil und wägte meinen Wunsch, ihn wiederzusehen, gegen die übergroße Klarheit ab, dass es das Klügste wäre, alle Gedanken an ihn fahren zu lassen, solange er noch schön und unversehrt war.
Mein Knöchel war nicht gebrochen. Dr. Bernette verband ihn mit einer breiten weißen Bandage und wies mich an, ihn ein paar Tage nicht zu belasten. Sein Auto war noch nicht mal am Ende unserer langen Auffahrt angekommen, da widersetzte ich mich bereits seinen Anweisungen, indem ich zum Kochen in die Küche humpelte. Es war gut, dass ich das tat, denn Verletzung hin oder her, mein Vater, Og und Seth erschienen alle wie jeden Abend um sieben Uhr hungrig in der Küche und erwarteten, dass ich bis dahin ein Essen zubereitet hatte. Ich hatte hastig das Abendessen zusammengewürfelt – Rindfleischstücke, gebraten mit Kohl aus unserem Küchengarten, eine Schale mit übrig gebliebenen Buttermilchbrötchen vom Vorabend, vier Kolben gebutterter Mais und die letzten Stücke von einem zwei Tage alten Pfirsichkuchen – aber keiner beklagte sich. Das einzige Geräusch während des Abendessens war das Kratzen von Besteck auf den Tellern und ab und zu ein Rülpser von Onkel Og. Seth hielt den Kopf gesenkt, um seine blaue, geschwollene Nase möglichst zu verstecken, und schlang sein Essen in großen Bissen herunter. Entweder hatte der Kampf ihn so gierig gemacht, oder er wollte einfach so schnell wie möglich vom Tisch aufstehen. Er aß seinen Teller doppelt so schnell leer wie wir und stand sofort auf.
»Du gehst heute Abend nicht raus, mein Sohn«, entschied mein Vater, bevor Seth Gelegenheit hatte, seine Pläne zu verkünden.
»Was scherst du dich darum?«, gab Seth zurück. Er blinzelte, als wären die Lampen in der Küche zu grell. Seine entstellte Nase ließ sein Gesicht ganz fremdartig aussehen.
»Pass bloß auf deinen Ton auf, Junge«, warnte ihn mein Vater. Er bestrich sich ein Brötchen mit Butter und biss herzhaft hinein, wobei er auf die freie Tischfläche zwischen sich und Seths Platz starrte.
Seth trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Mein Vater schluckte und befahl ihm, sich wieder hinzusetzen. »Abendessen ist noch nicht vorbei«, fügte er hinzu.
