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Endo Anacondas legendäre Kolumnen erzählen von der Welt im neuen Jahrtausend. Hemmungslos, poetisch, treffsicher und mit lustvoller Selbstironie beschreibt er die unendliche Schwierigkeit der menschlichen Existenz – vor allem der eigenen –, ganz egal ob in Salzburg, Berlin oder Bern. Das Sofa wird zum magischen Schiff, mit dem wir zu den letzten wirklichen Abenteuern schweben, zum fliegenden Teppich. Endlich wieder lieferbar – überarbeitet und mit einem neuen Vorwort.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2015
Endo Anacondas legendäre Kolumnen erzählen von der Welt im neuen Jahrtausend. Hemmungslos, poetisch, treffsicher und mit lustvoller Selbstironie beschreibt er die unendliche Schwierigkeit der menschlichen Existenz – vor allem der eigenen –, ganz egal ob in Salzburg, Berlin oder Bern.
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Endo Anaconda (* 6.9.1955 als Andreas Flückiger, gestorben 2022) wuchs in Biel auf. Mit zwölf Jahren wurde er in ein Internat nach Klagenfurt geschickt. In Wien absolvierte er eine Lehre als Siebdrucker. In den 1980er-Jahren kam er in die Schweiz zurück und gründete 1989 die Band »Stiller Has«.
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Endo Anaconda
Sofareisen
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Unionsverlag
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Die Erstausgabe erschien 2005 im Ammann Verlag, Zürich.
Für diese Ausgabe hat der Autor die Texte durchgesehen und durch ein Vorwort ergänzt.
© by Endo Anaconda, 2015
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: froodmat/photocase.com
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30924-1
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
SOFAREISEN
Vorwort — Im Auge des Orkans2001 – Der erste Windstoß des neuen Jahrtausends ließ den …Mein Lieblingsplatz, der BalkonFieberMeine Wohnung ist auch zu teuerDigitale UmweltverschmutzungSelbstgespräche im TramBesichtigungsterminOsterspaziergang mit ChristbaumDie Nordmanntanne lässt mir keine RuheDer grüne DaumenDer Gummibaum des Julio Romero de TorresUnverstanden im Land der MozartkugerlnFloristische KampfstoffeKatzen würden teurer kommenSpeckrolle vorwärtsSchlafende Kinder sollte man nicht weckenMit Zuchtlachs, aber ohne FeuerwerkWindeln im WeltallZwetschgenkuchen statt HackbratenWo Rauch ist, muss auch Feuer seinWie alle Jahre wieder …2002 – Ein schlechtes Jahr für die Schweizer Luftfahrt …ZeremonienmeisterNothing comparesJust run and drink waterDie letzte ReiseVon Menschen und AmeisenVom Sauniggel zum PauniggelNo Milk TodayMatrosen am MastAlles püriertForever youngSchnorcheln in Nepal»Leben ist …«Sardische JahresringeSofareisenSchlafstörungenMission Alpha CentauriAuf der Suche nach SchwabingKalahari Grün2003 – Unser Abwart, ein begeisterter Gartensitzplatzgärtner, meinte, es handle …Clowns statt KloneNassrasurNaturverbundenDer Bahnhof ist die Seele einer StadtVon Altöl, Schmelzbrötli und EmmentalerEin voller Kühlschrank vermittelt das Gefühl von SicherheitRauchen für den FriedenMehr Hunde als KinderAuf den Spuren des Franz von AssisiZweifel statt Psi-PhänomenTraum in BeigeKrieg im CampHütten- statt FleischkäseTurnschuhe zählenTschutschuDie Stones waren kolossalDie FriseRauchzeichenVom Kasperli zu Johnny DeppAls hätte ich schon immer hier gelebtUriella statt RivellaHellwach in RorschachKebab-TellerKnarren zum ChristfestDas Lied der PrärieMit dem Christenverfolger nach RawalpindiTraurige Schatten auf dem Sofa von Le CorbusierSchlomper, Sofapotato oder Messi?2004 – In Südostasien grassierte die Vogelgrippe. 100 Millionen Hühner …Denkmal der GastlichkeitWiener Konfekt und morbide GedankenPulver gut am GurtenHolt mich hier raus, ich bin ein Suppenstar!Wohnlandschaft auf StelzenIm Gedenken an Sir Peter UstinovDie Großmütter werden auch immer jüngerAbstimmungssonntagNullwachstum trotz Wilhelm BuschVon Hip-Hop- und HippiehosenDie einzigen BalkanesenFast wie zu HauseEin Berner in BerlinOstseewellenSiebenmeilenstiefelDie Jugend ist besser als ihr RufHerbstspaziergangFüdlitätsch nach Krampusart2005 – Ein Jahr der Jahrestage. 60 Jahre Kriegsende. 16 …HühnerfrikasseeWiener BlutZeitreiseNicht telegenSchweiz ist geil!Wo wohnen die Kasserolliers heute?Die tollen StewardessenIch würde »Lufthänsli« vorschlagenHelvetismenCervelat-ProminenzLokalitätenMehr über dieses Buch
Über Endo Anaconda
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Im Auge des Orkans
Die Jahre sind ins Land gegangen, seit Sofareisen wochenlang den ersten Platz der Schweizer Bestsellerlisten blockierte. Das war umso erstaunlicher, als es sich bei dem Buch um eine Kolumnensammlung handelt. Lohnschreiberei also, welcher ich selber, wohl weil ich noch immer von meinem literarischen Durchbuch als Romanschreiber träumte, keine größere Bedeutung beimaß.
Die Jahre sind nicht spurlos an mir vorübergegangen, am Buch übrigens auch nicht. Obwohl das Letztere robuster war als meine berufliche Karriere als Kolumnist. Es gibt doch tatsächlich immer noch Leute, die behaupten, mit Freude jeden Montag meine Bärbeisser-Kolumne zu lesen, obwohl ich seit zehn Jahren nicht mehr für die Berner Zeitung schreibe. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, obwohl sich draußen die Welt immer schneller dreht. Nichts hat sich geändert, alles ist schlimmer geworden.
Kolumnen schreiben jetzt andere, es sei ihnen vergönnt. Schließlich braucht jede ernstzunehmende Zeitung Geschichten, welche uns den täglichen Horror der News irgendwie erträglicher machen. Dieses beunruhigende, ferne Gemetzel, welches sich unterschwellig als Misston in unsere Selbstzufriedenheit schleicht, bevor wir uns wieder, Ablenkung suchend, durchs Abendprogramm zappen, nachdem wir die dreifach verglaste Balkontüre wegen Sturmwarnung verriegelt haben. Sicher im Auge des Orkans, in spannender Erwartung der Schadensmeldungen aus dem Berggebiet. Bis sich ins leichte Grausen über die heimischen Muren, Lawinen, Überschwemmungen und Brände eine bedenkliche Freude mischt. Weil man selber nie betroffen ist, wenn es einen nicht trifft. Dieses Sicherheitsgefühl braucht man, will man nicht im Kulturpessimismus enden. Der Alltag muss bewältigt werden, egal ob im Krieg oder in einer Gewitterfront. Vielleicht ist es die Beschreibung der Alltagsbewältigung im Zustand unserer allgemeinen Bewegungslosigkeit innerhalb der globalen Katastrophe, weswegen noch immer nach diesem Buch gefragt wird, obwohl große Teile des Personals entweder verstorben sind oder gesellschaftlich keine Rolle mehr spielen.
So sind Nella Martinetti, Uriella und Kurt Wasserfallen zu betrauern. Auch das politische Personal hat gewechselt. Stadtpräsident Klaus Baumgartner wurde durch Alexander Tschäppät ersetzt, und der geht nächstens in Pension. Was danach kommen soll, steht in den Sternen. Ich weiß nicht, ob Baumgartner immer noch versucht, seine Gewichtsprobleme mit Thonsalat in den Griff zu bekommen. Ich jedenfalls esse keinen Thunfisch mehr, habe nur noch eine ungeöffnete, wunderschön gestaltete Dose Tonno Carlo Forte auf der Küchenkommode stehen, als Mahnmal für eine aussterbende Gattung. In der Hoffnung, dass im Blech, olivenölkonserviert, genügend DNA erhalten bleibt, damit künftige Gentechnologen diesen beeindruckenden Meeresbewohner irgendwann einmal wieder zum Leben erwecken können.
Nur Christoph Blocher und unser SVP-Popstar Thomas Fuchs machen unbeirrt weiter. Blocher treibt den Bundesrat noch in den Wahnsinn, weil dieser den Volkswillen gegen den Willen des Volkes durchsetzen muss. Der Fuchs hingegen beabsichtigt, im Unterschied zu den Herren Haas und Mäusli, von der Kantonal- in die Bundespolitik aufzusteigen und als politisches Schwergewicht in einem Nationalratssessel die Erdkruste zu belasten.
Mehmet, ein anderer Held des Buches, hat seinen Job als Taxifahrer wegen Uber verloren, konnte aber erfolgreich die Branche wechseln. Mittlerweile hat er das zweihundertste Fastfood-Restaurant in der Stadt Bern eröffnet und ist deswegen vom Volkswirtschaftsdepartement mit dem »Goldenen Kebab im Lorbeerkranz« geehrt worden. Das sei ihm von Herzen gegönnt, ist doch der Duftchüssihandel seit Jahren rückläufig. Die Jungen nehmen nur noch so Partyzeugs, und das läuft alles übers Netz. Überhaupt entfliehen sie, anstatt psychodelische Erfahrungen zu sammeln, lieber mittels iPhone in andere Welten, um am nächsten Tag wieder fit fürs Praktikum zu sein. Die zunehmende Drogenverdrossenheit unserer Jugendlichen scheint die US-Wachstumsprognosen zu bedrohen, sodass die Amerikaner daran sind, den Hanf, welchen sie der Welt 1922 verboten haben, wieder zu legalisieren.
Trotzdem erfreut sich die Bevölkerung unseres Landes dank flächendeckender Medikamentierung mit Ritalin, Benzos und Antidepressiva einer erfreulichen psychischen Stabilität. Im Unterschied zu den Österreichern, die jetzt, nachdem unser Euro-Mindestkurs über den Jordan gegangen ist, die Frankenkredite für ihre Einbauküchen mit Euros abzahlen müssen. Die Mutationen innerhalb der Cervelat-Prominenz sind nicht weiter erwähnenswert. Irgendwie bin ich froh, kein Society-Kolumnist geworden zu sein. Seit ich Shawne Fielding und Thomas Borer im Blick vermisse, hat mein Interesse an der Glanz und Gloria-Branche deutlich nachgelassen. Über Rafael Beutl oder Frieda Hodel dürfen andere schreiben. Borer/Fielding sind für mich nicht zu toppen.
Bezüglich Handy bin ich meinen Überzeugungen untreu geworden, weil ich mittlerweile einen völlig veralteten Knochen der Marke Nokia mein Eigen nenne. Ab und zu verspüre ich das Bedürfnis, mich irgendwo in ein Funkloch zu verkriechen, weil ich den Verdacht habe, dass jedes meiner Telefonate, jedes parshipen, jedes gekaufte Joghurt, meine Krankendaten oder mein Fitnessstatus bis in alle Ewigkeit abgespeichert bleibt. Egal ob ich ins Muotathal flüchte, um mich dort im Höllloch zu verstecken, oder ob ich LED-beleuchtet (Osram gibts ja nicht mehr) verstorben ins Feuer fahre.
Tröstlich ist allerdings, dass die Jungmannschaft mit der digitalen Welt besser zurechtkommt als ich. Ich scheitere schon an der Sprache des Manuals. All die neuen Worte, vor denen ich mich ekle, sodass ich mich weigere, sie auswendig zu lernen. Indes ich, den Tod der Sprache befürchtend, in der Einsamkeit meines analogen Bücherturms noch immer altersstarrsinnig Kafka, Dürrenmatt und Simon Gfeller in der gedruckten Ausgabe lese. Aus dieser düsteren Stimmung reißen mich höchstens die SMS, die mir mein Sohn schickt, dessen Sprachschöpfungen ihn für mich in die Nähe der konkreten Poesie à la Ernst Jandl rücken.
Die Zeiten ändern sich, doch Sofareisen sind aktueller denn je. Womöglich wird man in Zukunft die Schweiz nur noch virtuell verlassen können, weil Pauschalreisen bald nur noch etwas für sehr Abenteuerlustige sind. Bald wird es attraktiver sein, zum Beispiel Sibirien virtuell zu bereisen, zurückversetzt in eine Zeit, als die Tundra noch kalt und weiß war. Weil sie sich in einen morastigen, Methan furzenden Sumpf verwandelt hat, nur weil man den Klimaschutz für einige Prozente Wirtschaftswachstum opferte. Wachstumswahn, für den unsere Kinder zu Weihnachten ihre iPhones an die Wand werfen, weil sie ein neues wollen. Die seltenen Erden, welche man zur Produktion derselben benötigt, kratzen dann Gleichaltrige in Afrika oder sonst wo mit bloßen Händen aus dem Boden.
Aus dem virtuellen Wachstum ist längst ein Überwachstum geworden. Jeder überwacht jeden. Wir delegieren unser Leben an die Rechner in der Cloud und sind bald nicht mehr in der Lage, ohne Google den nächsten Zebrastreifen zu finden.
Die ganze Welt auf einem Display. Wozu dann noch in die EU, wenn sowieso schon alles Welt ist? Weshalb der einheimischen Finanzgang kündigen, um sich der Mafia in die Arme zu werfen? Dann lieber, die aufsteigende Angst vor der Angst im Nacken, im windstillen Auge des Orkans durch die Balkontüre nach draußen schauen, was nach meinem Wohnungswechsel auch weniger deprimierend ist. Mittlerweile wohne ich nämlich im Obstberg-Quartier und schaue in den Hof des Laubegg-Schulhauses. Tobenden Kindern zuzusehen ist alleweil erheiternder, als auf die Wyleregg-Kreuzung zu starren und das Lichtspiel der Ampel im Stoßverkehr zu betrachten.
Endo Anaconda28. 07. 2015
Der erste Windstoß des neuen Jahrtausends ließ den Steuererklärungsstapel in sich zusammenkrachen. Da stand ich nun vor dem Badezimmerspiegel und den Trümmern eines abgebrochenen Aufbruchs. Sie ist ausgezogen, zur Mama. Mit Kind, Kegel und Telefon. Mir blieben bloß die Zimmerpflanzen. Oleander, Gummibaum und Schwiegermutterzungen. Wochenlang saß ich herum, rauchte oder drückte vor dem Spiegel Mitesser aus. Bis ich mit dem Sortieren der Belege von vorne anfing. Dann stürzten die Flugzeuge in die Türme. Irgendwie gelang es mir trotzdem, den privaten Blues mit der globalen Tragödie in Einklang zu bringen und wenigstens ab und zu den Mülleimer hinunterzutragen. Das überstand ich nur dank der Liebe, obwohl auch diese nicht klappte. Zum Glück gaben wenigstens Weihnachten, Ostern und der 1. August meinem Leben einen groben, kultischen Rahmen. Zwischendurch verschaffte ich mir mit kleinen Spielereien ein wenig Kurzweil. Zum Beispiel mit dem Abbrennen verspäteter Augustfeuerwerke. Auch die Pflege der Raumbegrünung begünstigte das Wiederfinden meiner inneren Balance. So richtig Freude herrschte aber erst wieder, als die Schweiz als letztes Land der Welt beschloss, sich den Vereinten Nationen anzugliedern. Jetzt ist nur noch der Vatikan kein UNO-Mitglied. Aber dieser ist ja ohnehin mehr des Himmels als von dieser Welt. Obwohl er seit 500 Jahren von unserer Schweizergarde militärisch besetzt ist.
Mein Lieblingsplatz ist der Balkon. Von hier aus überblicke ich fast die ganze Länge des Marzilibades. Ich sitze viel auf meinem Balkon – auch in der kalten Jahreszeit. An der frischen Luft kann ich, ohne die Wohnung zu verstinken, meinem Lieblingshobby nachgehen – der Kettenraucherei!
Im Sommer sehe ich die Aareschwimmer mit ihren verschnürten Kehrichtsäcken den Fluss hinuntertreiben. Sie schreien, weil das Wasser kalt ist. Anfangs meinte ich immer, jemand sei am Ertrinken und ich müsse retten gehen. Mittlerweile überhöre ich die meist lustig gemeinten Schreie der Kältegeschockten, obwohl ich als Jugendlicher einen Rettungsschwimmerkurs absolviert habe. Ich habe die Aareschwimmerei vor einiger Zeit aufgegeben, weil mir immer die Zigaretten nass geworden sind.
Im Winter ist es ruhiger. Den wenigen steinharten Aareschwimmern ist es wahrscheinlich zu kalt, um herumzuschreien. Dafür sehe ich die Schwäne starten und landen. Für mich als Balkonornithologen sind die Schwäne die Jumbojets der Wasservogelwelt. Ich höre sie, lange bevor ich sie sehen kann. Startende Schwäne erzeugen ein unanständiges Geräusch – ein heiseres Stöhnen, wie im RTL-Nachtprogramm.
Ab und zu hechelt leise eine Gruppe joggender ÖMCs vorbei (Öppis mit Computer), um schön in Form zu bleiben. Sonst läuft nicht viel. So sehe ich mir halt seit drei Jahren im Winter die Bäume an, die es auch nicht leicht haben. Für den gewöhnlichen Aarewanderer ist Baum gleich Baum. Ich sehe das differenzierter. Auch unter den Bäumen gibt es die ewigen Verlierer. Von den fünf Aarebäumen, die ich von meinem Balkon aus sehe, stehen vier ganz zufrieden herum. Der fünfte jedoch kommt immer an die Kasse. Durch exakte Beobachtungen habe ich herausgefunden, dass die meisten Hunde, die ihre Halter durch meinen Aareabschnitt zerren, die ersten vier Bäume ungedüngt lassen, um dann mit 65-prozentiger Wahrscheinlichkeit ihr Bein am fünften zu heben. Nicht, dass sich der Unglückliche das ständige Angebiseltwerden anmerken lassen würde – aber leid tut er mir trotzdem.
Einmal, im vorletzten Sommer, wurde der Fünfte sogar von einem Diplomaten-BMW gerammt. Das Auto konnte man wegschmeißen. Die Fahrerin hat dank Airbag überlebt. Sie hatte den Baum übersehen, weil sie sich gerade im Rückspiegel schminkte – und das mit 70 Stundenkilometern!
Am Wochenende geht es am Dalmaziquai zu wie am Nürburgring. Dann lasse ich, um nicht in Bümpliz einen Parkplatz suchen zu müssen, mein Auto stehen. Alle Rostlauben des Kantons Freiburg parkieren entlang der Aare. So nehme ich halt das Dalmazibähnli (vulgo Junkie-Express) zur Bundesterrasse, wo sich die Drogenszene tummelt. Die Mini-Standseilbahn war schon rot, lange bevor Rot-Grün angefangen hat, die grünen Trams rot anzumalen.
Im Bähnli herrscht Rauchverbot. Trotzdem genieße ich die kurze Fahrt. Die schöne Aussicht wird allerdings mit Werbung verunmöglicht. Am schlimmsten ist die Figurella-Werbung. Ich werde aufgefordert, meine eventuellen Hemmungen zu überwinden und »schön in Form zu sein«. Vielleicht sollte ich den Stutz selber unter die Füße nehmen, denke ich mir erst. Doch dann zahle ich wieder einen Franken und nehme die nächste Bahn retour. Bei der Retourfahrt fixiert mich schon wieder dieses omnipräsente Figurella-Modell – dieser bodygewordene, ständige Vorwurf.
Resigniert mache ich mich auf den Heimweg, um die Bio-Henne aus meinem Frigo vor dem Verfallsdatum zu retten. Ich werde sie nach Großmutterart zubereiten und mich mit ihr und einer guten Flasche 96er Shiraz auf den Balkon verziehen, den Schwänen beim Landemanöver zusehen, meine Baumstudien betreiben und etwas rauchen. Es ist zwar Winter, es weht eine eisige Brise, und die Nachbarn werden komisch schauen – aber sie sind von mir ja einiges gewöhnt.
Trotz aller Vorsicht hat mich das Fieber erwischt. Erst dachte ich, ich sei, von der anhaltenden Föhnwetterlage verleitet, meinem Lieblingshobby – der verdammten Bronchienteererei – auf dem Balkon zu leichtgeschürzt nachgegangen.
Doch Herr Doktor Schlegel, der zur Zeit an der Sanierung meiner Stimme arbeitet, meinte, diesmal treffe mich keine Schuld. Es sei ein Virus.
Gott segne seinen Berufsstand – lieber krank als schuldig. So richtig gesund war ich sowieso noch nie, seit ich mir in den Tropen die Malaria, Amöben, Ruhr, Gelbfieber, Fußpilz und unter der Haut nistende Spinnen geholt habe. Die verdammten Viecher schlüpfen erst nach 25 Jahren. Ich habe mich daran gewöhnt und verkaufe die Biester an eine bekannte Zoohandlung in der Altstadt. Das bringt mir neben der Kolumnenschreiberei ein weiteres regelmäßiges Einkommen.
Eingehüllt in zwei Wolldecken, halluziniere ich den Christbaum an meiner Seite, der den Abfuhrtermin verpasst hat. Ich tue, was ich nicht tun sollte – eine halbe Schachtel lang. Glücklich tot, starre ich mit meiner dürren Nordmanntanne auf die Aare und meine, wir sitzen am Ganges.
Unheilvoll lausche ich der schmurgelnden Influenza in meiner Brust. Wie konnte das passieren?
Hat mir der Erreger am Zytglogge aufgelauert? Oder linste er bei Adrianos von einem Ruccolablatt heimtückisch auf meine Raucherparodontose?
Hat mir ein Friburger beim Abendverkauf seine kontaminierten Tröpfchen ins Genick gehustet, oder war es die Kioskverkäuferin? Ihre Hand zuckte so krank wie eine Stichsäge, als ich beim letzten Zigarettenkauf mein Münz nicht schnell genug aus der Tasche kramen konnte.
Hat es mich etwa im Coop Ostermundigen erwischt? Eher unwahrscheinlich! Früher schwätzte ich ab und zu noch mit der Dame an der Kasse. Heute will sie nur noch wissen, ob ich eine Supercard habe. – Ich habe keine. Kein Gespräch – keine Tröpfcheninfektion. Kann auch sein, dass mich mein Sohnemann vollgeschnuddelt hat – aber so ein Babyvirus kann doch einen 1oo-Kilo-Brocken nicht umwerfen.
Hundert feldstecher- und handybewaffnete Hobbyornithologen lauern vor meinem Haus auf die startenden Schwäne. Sie schicken ihre SMS der Vogelwarte Sempach und melden, dass der Anaconda mit seinem Christbaum auf dem Balkon sitzt und raucht.
Früher wurde per Handy noch geredet – heute gibts nur noch SMS. Die Schwäne haben sich wegen dem Strahlensmog verflogen – einst vermittelten sie mir Aufbruchsgefühle. Jetzt herrscht Totenstille – auch der Christbaum schweigt.
Wahrscheinlich bin ich hinüber. Himmel, Hölle oder Fegefeuer? Ich befrage den Stadtplan, wo in Bern das Jenseits zu finden ist, und werde fündig. Im City-West. Man kann bequem mit dem Auto hinfahren. Der Himmel befindet sich in einem Großraumbüro im sechsten Stock. Die Engel machen »öppis mit Computer«. Das Fegefeuer findet man im Fitnessstudio im ersten UG. Figurella lässt grüßen.
Im 25. Untergeschoss ist die Hölle. Dort müssen die Verdammten in der Heiligenschein-Stanzerei Nachtschicht schieben. Es ist zwar höllisch heiß dort – aber es gibt wenigstens Rauchpausen. Das Fieberthermometer zeigt jetzt 39,5 Grad Celsius. Fieber …
Natürlich habe ich seinerzeit Klaus Baumgartner gewählt. Die Auswahl war ja auch nicht rasend. Er stand auf der Liste und wird zudem nicht groß von politischen Visionen geplagt. Visionen kämen teurer, und Bern muss sparen. Er hat seine Arbeit gut gemacht und seine Stadt immer gut repräsentiert. Zumindest hat er einen guten Schneider. Auch seine Hüte finde ich toll. Selbst ein Schwergewicht, mag ich gut gekleidete schwere Jungs. Der Stapi liebt seinen Job, und er liebt Bern. Mit einem Jahresgehalt von 250 000 Franken wäre ich schon lange nach Muri geflüchtet. Ich verdiene kaum ein Drittel davon und überlege mir manchmal, ob ich mir diese Stadt überhaupt noch leisten kann. Die Steuern und die hohe Miete. Da geht es mir nicht anders als dem Stadtpräsidenten. »Lieber ein Loch in der Hose als ein Gewitter im Anzug«, hat sich Klaus Baumgartner wohl gedacht und muss sich jetzt eine billigere Wohnung suchen. Damit das scheinheilige Gschtürm endlich ein Ende hat.
Und der Dienstmercedes? Der Mann ist 63 und nicht der Leichtathlet Markus Ryffel. Er genießt sein Amt, und ich mag es ihm gönnen, dass er seine Aktentasche nicht mehr alleine schleppen muss. Mit dem Privatauto fände er kaum einen Parkplatz, und die meisten Taxifahrer wissen heutzutage nicht einmal mehr, wo das Bundeshaus ist, geschweige denn der Sitz der Stadtregierung im Erlacherhof. Mir ist halt der Bär im Dienstmercedes immer noch lieber als der Fuchs im Geländewagen (will er auf Bärensafari gehen?). Die Überlebenschancen für Fußgänger sind im Kollisionsfall beim Mercedes höher als bei der Ramboschleuder, mit welcher der Fuchs durch die Stadt kutschiert.
In Ermangelung wichtiger politischer Themen appelliert man halt an den Neid der Leute und hackt auf unserem Stapi herum, nur weil er das gute Leben liebt. Sogar von einem Rücktritt war die Rede. Lächerlich! Für den finanziellen Ruin dieser Stadt ist Rot-Grün nicht verantwortlich und schon gar nicht Klaus Baumgartner. Der einzige Effekt ist ein obdachloser Stadtpräsident, der womöglich im Bärengraben übernachten muss. Dort müsste er dann Fuchs, Haas und Mäusli Gute Nacht sagen. Mir ergeht es ähnlich wie dem Stadtpräsidenten.
Meine jetzige Wohnung ist mir auch zu teuer – nur interessiert das niemanden. Sie kostet monatlich 2000 Franken, wegen der guten Lage an der Aare, und würde mich längerfristig gesehen finanziell ruinieren. Es ist zwar nur eine Vierzimmerwohnung, aber preislich gesehen genau das, was sich Klaus Baumgartner knapp leisten könnte. Das Rasenmähen übernimmt der Abwart – er ist in den Nebenkosten inbegriffen.
Ich wäre bereit, mit Baumgartner zu tauschen. Genaugenommen könnte ich mir die Stapiwohnung zwar nicht leisten – aber denen, die sich eine städtische Wohnung nach der Mietzinserhöhung nicht mehr leisten können, hilft ja sowieso die Fürsorge. Er könnte sich meine Wohnung wenigstens einmal anschauen. Ich würde ihm einen leckeren Thonsalat in Tupperware servieren, und er könnte mir streng vertraulich verraten, wo er seine Schalen schneidern lässt. Nur müsste er meinen Weihnachtsbaum übernehmen. Er ist kaum gebraucht, eine Nordmanntanne, und verliert seine Nadeln nicht.
Großvater hatte noch ein Wandtelefon. Wenn es klingelte, hörte man es noch zwei Häuser weiter. Großvater brüllte beim Telefonieren so laut in die Hörermuschel, als ob er ein Sprechrohr benutzen würde. Sein Telefon war ihm heilig. Es wurde erst nach seinem Ableben von der Wand geschraubt.
Ganz anders meine Apparate. Ich werfe sie von Zeit zu Zeit an die Wand. Als vor zwei Wochen mein letztes Modell den Weg aller Telefone ging, beschloss ich, mir endlich einmal etwas Solides zu kaufen. Das Model Classic E104 von Swisscom. Von denen besitze ich schon den Fax NP 6. Die 70-seitige Bedienungsanleitung habe ich nicht verstanden – aber ein Kollege brachte das Ding wenigstens so weit, dass ich damit senden und empfangen kann. Mehr will ich ja auch nicht. Ich bin zufrieden mit dem Gerät. Alle anderen Funktionen sind sowieso digitale Umweltverschmutzung.
Das Telefon Classic E104 erinnerte mich außerdem an meine Kaffeemaschine Typ Jura Classic 100. Diese ist ein Juwel schweizerischen Kaffeemaschinenbaus, man kann sie sogar reparieren lassen. Das kostet allerdings mehr als eine neue Maschine.
Kurz, die Bezeichnung Classic E104 für ein Telefon schien mir Solidität zu versprechen.
Die Bedienungsanleitung ist zwar nur 45 Seiten lang, aber dafür ist sie kleingedruckt. Im Moment bin ich seit einer Woche auf Seite 3. Ich bin immer noch unerreichbar. Das Model Classic fc 104 hat den Aufprall nicht überlebt. Ich werde mich wohl nach einem Wandtelefon umsehen müssen. Dann wäre das Telefon schon an der Wand, und ich bräuchte es nicht mehr zu werfen.
Im Süden pflegt man auf offener Straße spontan zu singen oder lauthals seine Meinung kundzutun. Hierzulande begegnet man spontanem Verhalten eher skeptisch. Sogar die Fasnacht hat etwas Kontrolliertes. Ich habe sowieso den Verdacht, das sind alles verkleidete Lehrer.
Singt man unter dem Jahr spontan ein Lied, wird man mit Hartgeld beworfen. Führt man ein Selbstgespräch, gilt man als Hälä. Vielleicht, weil es früher gefährlich war, zu viel zu reden. Ein falsches Wort, und man wurde gevierteilt, ins Rad geflochten, geteert und gefedert oder im heißen Öl gesotten. So sprach man meist nur, wenn man gefragt wurde. Auch sonst beschränkte man sich auf das Allernötigste.
