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Sri Lanka 1983. Zum ersten Mal ist die junge Rucksacktouristin allein in Asien unterwegs. Es ist die Zeit, als der Bürgerkrieg auf der Tropeninsel beginnt. Im abgelegenen Fischerdorf Arugam Bay lernt sie den charismatischen Tamilen Sooriya kennen. Doch die sich entwickelnde Beziehung wird von den Auswirkungen des Bürgerkriegs eingeholt. Sooriya gerät in Gefahr. Als es längst keine Touristen im Krisengebiet mehr gibt, bleibt sie, um seine riskante Ausreise aus Sri Lanka vorzubereiten. Jahre später führt ihr Weg sie auf schicksalhafte Weise wieder zusammen. Sooriya lebt inzwischen auf Hawaii und ist ein angesehener Künstler geworden, der als internationaler Friedensstifter ausgezeichnet wurde. Überarbeitete und ergänzte Auflage des Reiseromans: "Sooriya Kumar. Sohn der Sonne".
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2020
Meiner Mutter Lilo in liebevollem Gedenken
„Mein Leben ist wie ein Fluss.
Ein Fluss muss fließen.
Kommt das Wasser zum Stillstand,
wird es trüb.
Nur durch das Fließen entsteht Klarheit.“
(Sooriya Kumar)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Das Telefon klingelte. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich abnehmen sollte. Eigentlich hatte ich schon die Türklinke in der Hand und wollte das Haus verlassen. Vielleicht ist es ja etwas Wichtiges, dachte ich und griff doch noch zum Hörer, eingemummt in eine dicke Jacke, Schal und Strickmütze, ausgehbereit für den frostigen Wintertag in Deutschland.
„Hi, hier spricht Sooriya, ich rufe aus Hawaii an.“
Die wärmende Kopfbedeckung, die ich über die Ohren gezogen hatte, streifte ich ab. Hatte ich richtig verstanden? Etwa ein Vierteljahrhundert hatte ich nichts mehr von Sooriya gehört. Doch als er weiter sprach, klang seine Stimme so vertraut, wie an jenem Tag, als wir in Colombo Abschied nahmen.
Nie hatte ich Sooriya und meine Erlebnisse in Sri Lanka vergessen. Zurück in Deutschland habe ich mich oft gefragt, was wohl aus ihm geworden ist, nachdem er seine Heimat wegen des Bürgerkriegs verlassen musste und in die USA reiste.
So sehr hat mich die Erinnerung verfolgt, dass ich Jahre später ein Buch über meine Begegnung mit ihm in Sri Lanka geschrieben habe. Nie hätte ich gedacht, jemals wieder von Sooriya zu hören.
„Wie geht es dir?“, hörte ich nun seine warme Stimme. „Behandelt dich das Leben gut?“
Am Telefon erfuhr ich, dass er schon seit vielen Jahren auf Hawaii lebte.
„Ich habe dein Buch gesehen“, warf er plötzlich unvermittelt ein. „Auch ich habe oft an dich und Arugam Bay gedacht.“
Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, erzählte er mir, dass ein alter Freund aus der Schweiz ihm das Buch bei einer Reise nach Indien in der abgelegenen Bergregion Arunachala überreicht habe.
„Sooriya, wusstest du eigentlich, dass ein Buch über dich geschrieben wurde, in deutscher Sprache?“, erinnerte er sich an die Worte des Freundes.
„Mir war sofort klar, dass du es warst“, sagte Sooriya. „Auch, wenn sich dein Nachname inzwischen geändert hat.“
So hatte er also nach so vielen Jahren im Zeitalter des Internets meine Telefonnummer herausgefunden, war ich überzeugt.
„Nein“, sagte Sooriya zu meiner Überraschung. „Kannst du dich noch an den Papierfetzen des Kuverts erinnern, den du mir damals in der Höhle gabst? Es stand die Telefonnummer deiner Mutter darauf. Ich habe ihn wiedergefunden. Du gabst ihn mir im Jahr 1984. Wir waren noch so jung …“
Ja, jung war ich. Reichlich unerfahren hatte ich meine Reise nach Sri Lanka angetreten. Dass die Erlebnisse und meine Begegnung mit Sooriya mich ein Leben lang begleiten würden, das ahnte ich damals nicht.
Nachdem Sooriya aufgelegt hatte, schlug ich mein Buch auf, in das ich seit Jahren nicht mehr geschaut hatte, und es war, als erlebe ich die Reise noch einmal …
Es war mein erster Flug. Noch nie war ich über die Grenzen Europas hinausgekommen, noch nie war ich allein verreist. Fast mein ganzes Leben hatte ich in der süddeutschen Kleinstadt verbracht, in der ich aufgewachsen bin. Es war der Sommer 1983.
Nun saß ich in der Touristenklasse einer Boeing auf dem Weg nach Asien. Sri Lanka kannte ich nur aus Büchern und natürlich aus Marcs Erzählungen. Marc hatte sich nur kurze Zeit in meiner Heimatstadt aufgehalten. Nur wenige Tage, in denen er mir von seinen Reisen erzählte, von Sri Lanka, dem ehemaligen Ceylon, von palmengesäumten Sandstränden, von Teeplantagen soweit das Auge reicht, von freundlichen Menschen, die immer lächeln, von einer geheimnisvollen, fremden Welt. Dann zog Marc weiter. Er hielt sich nirgendwo besonders lange auf. Und ich blieb in meiner Heimatstadt zurück und war infiziert. Er hatte mich angesteckt mit seinem Fernweh, seinem Reisefieber, seiner Sehnsucht nach Sri Lanka. Irgendetwas zog mich magisch dorthin. Aber jetzt, da ich mich der Tropeninsel im Indischen Ozean näherte, fragte ich mich, was ich in dem fremden Land eigentlich suchte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich bleiben würde. Mein Rückflugticket war meine Versicherung, jederzeit wieder aussteigen zu können.
Vielleicht wollte ich einfach nur weg, frei sein, unabhängig sein, meinen eigenen Weg gehen und etwas Neues erleben. Weit weg von der Enge meiner Heimatstadt – und unerreichbar für Rainer. Wir hatten uns vor einiger Zeit getrennt. Ich brauchte Abstand. Zirka achttausend Kilometer schien mir genau die richtige Distanz zu sein.
Unter uns war eine dicke Wolkendecke, als das Flugzeug zur Landung in Colombo ansetzte. Die Boeing tauchte in das graue Wolkenmeer ein und schien ins Bodenlose zu sinken. Regen prasselte gegen das Fenster. Neben der Landebahn wurde ein Schwarm schwarzer Vögel aufgeschreckt. Unsanft setzte die Maschine auf dem Asphalt auf, und die Passagiere klatschten, als ob der Pilot ein akrobatisches Kunststück vollbracht hätte. Dann wurde die Tür geöffnet.
Eine feuchtwarme Luft kroch in das klimatisierte Innere des Flugzeugs. Schon nach wenigen Minuten standen mir die Schweißperlen auf der Stirn. Ich fühlte mich wie in einer Sauna, in der gerade jemand einen Aufguss gemacht hatte, nur dass es nicht nach Pfefferminzöl duftete, sondern faulig und modrig roch.
„Passport, please!“
Der Mann am Schalter musterte mich mit Augen, die so schwarz waren, dass man die Pupillen kaum erkennen konnte.
„Tourist?“
Ich nickte, und er stempelte mein Visum für drei Monate ab. Als ich das Flughafengebäude verließ, goss es immer noch in Strömen. Unschlüssig stand ich am Ausgang während die Touristen an mir vorbei zu den bereitstehenden Reisebussen drängten. Was sollte ich die nächsten Wochen in diesem Land anfangen?
„Träum nicht! Der Bus nach Colombo fährt gleich ab“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Die Frau, die mich angesprochen hatte, schob mich zur Seite. Sie war mir schon im Flugzeug aufgefallen. Offenbar reiste sie wie ich allein, aber im Gegensatz zu mir, schien sie sich hier auszukennen. Zielsicher überquerte sie den Parkplatz und steuerte auf eine Bushaltestelle zu.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein roter, ziemlich verrosteter Bus, der aussah, als hätte man ihn von einem englischen Schrottplatz importiert. Eilig setzte ich meinen Rucksack auf und folgte der Touristin. Ich hatte noch nicht die Straße erreicht, da startete der Busfahrer auch schon den Motor. Der schwere Rucksack hüpfte auf meinem Rücken auf und ab, während ich über die Straße hetzte. Meine Kleidung war vom Regen völlig durchnässt, und das T-Shirt klebte an meinem Körper. Atemlos erreichte ich den Bus in letzter Sekunde. Die Deutsche hatte schon auf einer der harten Sitzbänke Platz genommen, und ich setzte mich neben sie.
„Glück gehabt“, freute ich mich nach Luft ringend. „Gerade noch geschafft.“
„Das hat nichts mit Glück zu tun“, erwiderte die Touristin. „Das macht der immer so.“
Ächzend holperte der Bus über die Straße, die mit Schlaglöchern übersät war. Ich sah aus dem Fenster. Unaufhörlich prasselte der Regen auf die Wellblechdächer der Hütten am Straßenrand. Eine abgemagerte Kuh plünderte eine Müllhalde. Kinder, mit Shorts bekleidet, liefen barfuß durch den warmen Regen, die dunkelhäutigen Beine bis zu den Knien mit hellbraunem Schlamm verschmiert. Das Bild, das sich mir bot, hatte nichts mit der Idylle zu tun, die ich aus Marcs Erzählungen kannte. Aber Petra, so hatte sich die Frau neben mir vorgestellt, schien die Aussicht zu genießen.
Trotz der schlechten Sichtverhältnisse, ein Scheibenwischer funktionierte nicht, der andere verteilte quietschend den Schmutz auf der Frontscheibe, raste der Fahrer in atemberaubendem Tempo durch den sintflutartigen Regen. Auch als vor uns ein Ochsenkarren in Sicht kam, bremste er kaum ab, sondern setzte, laut hupend, zu einem Überholmanöver an. Schemenhaft konnte ich in dem Moment den Lastwagen erkennen, der auf uns zuraste. Nur knapp verfehlten sich die Außenspiegel der beiden Fahrzeuge. Ängstlich klammerte ich mich an meinem Sitz fest. Offenbar fanden die Einheimischen nichts Außergewöhnliches an dem Fahrstil des Mannes. Auch Petra nicht.
„Zum ersten Mal in Sri Lanka?“, fragte sie grinsend. Ich nickte.
Eigentlich hatte ich geplant, mir in Colombo ein Zimmer zu nehmen, aber je mehr wir uns dem Stadtzentrum näherten, desto weniger war ich von dieser Idee begeistert. Das Gedränge auf den Straßen wurde dichter. Fahrradfahrer versuchten zwischen Autos und Bussen vorwärtszukommen. Motor-Rikschas, kleine knatternde und stinkende Blechdosen auf drei Rädern, bahnten sich hupend ihren Weg. Obwohl es immer noch in Strömen goss, wimmelte es auf den Straßen von Menschen – tiefschwarze Haare und dunkle Augen, die Hautfarbe von hellbraun bis fast schwarz. Frauen in bunten Saris, andere in langen Wickelröcken mit enganliegenden, miederähnlichen Oberteilen, die Taille dazwischen nackt. Geschäftsmänner in langen Hosen und weißen Hemden, andere Einheimische mit Sarongs bekleidet, einer rockähnlichen Stoffbahn, die vorne zusammengefaltet wurde, passend für alle Größen.
Händler kauerten am Straßenrand und boten ihre vom Regen durchweichten Waren feil. Zierliche Frauen balancierten schwere Körbe auf dem Kopf. Ein in Lumpen gehüllter Bettler saß auf der Erde zwischen Unrat und Morast. Sein rechter Arm war amputiert, die linke Hand streckte er mir bittend entgegen.
„Ich bleibe nie länger in Colombo, als unbedingt nötig“, sprach mich Petra an, die meinen erschrockenen Gesichtsausdruck beobachtet hatte. „Nichts wie raus aus dem Chaos hier und erst mal am Strand ein bisschen relaxen. In einem Fischerdorf bei Hikkaduwa kenne ich ein kleines, ruhiges Hotel.“
Der Wolkenbruch hatte den Busbahnhof in Colombo überflutet. Als wir ausstiegen, standen wir knöcheltief in der trüben Brühe. Fremdartige Gerüche vermischten sich mit dem modrigen Gestank der Wasserlache. Kaum hatten wir den Bus verlassen, hielt auch schon eine Motor-Rikscha neben uns an.
„Tuk-Tuk, Madam?“, fragte der Fahrer. Er wartete keine Antwort ab, stieg aus und zerrte an meinem Gepäck. Vergeblich versuchte ich, ihm meinen Rucksack zu entreißen. Da baute sich Petra vor dem Einheimischen auf. Die Deutsche war groß und überragte den Sri-Lanker um fast einen Kopf, und sie war von ziemlich korpulenter Statur. Mit einem Handgriff schob sie den Mann einfach zur Seite.
„Glaubst du, in dem ruhigen Hotel am Strand ist noch ein Zimmer frei?“, fragte ich Petra.
„Bestimmt. Wir bringen dich schon irgendwie unter. Der Besitzer ist ein guter Freund von mir. Außerdem kenne ich die Leute im Dorf. Schon seit Jahren fahre ich immer wieder dorthin.“
Zielsicher bahnte sie sich den Weg durch die Menschenmenge.
„Wir nehmen den Minibus in Richtung Hikkaduwa”, rief sie mir zu.
Petra ging schnell. Ich hatte Mühe, sie in dem Gedränge nicht aus den Augen zu verlieren. Schließlich erreichten wir den Parkplatz auf dem die Kleinbusse standen.
Minibus war keine Untertreibung. Die Fahrzeuge waren so klein, dass man darin nicht aufrecht stehen konnte. Eigentlich boten sie Sitzplätze für zehn Personen, aber sie waren vollgestopft mit Menschen, die zusammengekauert auf Sitzen, Notsitzen und auf dem Boden saßen.
An der Vorderseite der Busse war das jeweilige Fahrtziel angeschrieben, doch nur in einheimischen Schriftzeichen, die ich nicht lesen konnte. Aus jedem Bus brüllte ein Mann einen Ortsnamen mit unglaublich schneller Aussprache, sich unermüdlich wiederholend.
„Ratnapura, Ratnapura, Ratnapura ...“, rief einer der Sri-Lanker lautstark. Aus dem nächsten Bus wurde ein anderer Ortsname gerufen. Die Männer schienen sich gegenseitig übertönen zu wollen. Völlig durchnässt folgte ich Petra über den matschigen Platz, bis sie endlich auf einen Minibus zusteuerte.
„Hikkaduwa, Hikkaduwa, Hikkaduwa ...“, rief der Mann aus Leibeskräften.
Wir blieben vor dem Fahrzeug stehen. Sofort wurde uns das Gepäck abgenommen und auf dem Dach des Busses verstaut. Mein sperriger Rucksack hätte im voll besetzten Inneren ohnehin keinen Platz gehabt. Ein Wunder, dass Petra und ich noch hineinpassten. Auf dem Boden sitzend nahm eine Frau ihr Kind auf den Schoß, und die Fahrgäste rückten noch näher zusammen, sodass eine Lücke entstand, in die wir uns zwängen konnten.
Jetzt sprang auch der Mann mit der schnellen Aussprache auf. Mit einer Hand hielt er sich an der geöffneten Schiebetür fest. Der Regen hatte nicht nachgelassen, dennoch streckte er den Kopf ins Freie, um einigermaßen aufrecht stehen zu können. Fasziniert starrte ich auf seine nackten, dunkelhäutigen Füße, die sich direkt neben mir befanden. Die Zehen standen weit auseinander, fast wie gespreizte Finger. Er krallte sich damit am Boden fest, wenn der Bus sich in die Kurven legte.
In der schwülen Luft hing der Geruch von Schweiß und feuchter, muffig riechender Kleidung. Das nasse Haar der einheimischen Frau neben mir verbreitete einen penetranten Geruch von Kokosnussöl. Aus dem Lautsprecher dröhnte Musik. Nervenaufreibend sang eine schrille Frauenstimme eine melancholische Melodie, begleitet von den monotonen Klängen fremdartiger Musikinstrumente.
Zunächst führte die rasante Fahrt durch die Straßen der Hauptstadt Colombo, dann vorbei an den Armutsvierteln am Rande der Stadt. Als wir die Behausungen hinter uns gelassen hatten, raste der Fahrer in atemberaubendem Tempo die Küstenstraße entlang. Wenn wir ein Dorf passierten, bremste er nicht etwa ab, sondern donnerte laut hupend an den Hütten vorbei, dass die Passanten auf der Straße zur Seite springen mussten. Erst als eine große, weiße Tempelanlage in Sicht kam, nahm der Chauffeur den Fuß vom Gas. Einen Moment lang stoppte der Bus, und der Kassierer warf ein paar Geldscheine in einen Opferkasten.
„Sie bitten Buddha, die Fahrt zu beschützen“, erklärte Petra.
„Das haben wir auch bitter nötig“, entgegnete ich.
Während der Fahrt beobachteten uns die Einheimischen neugierig. Vor allem Petra schien ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aufgrund ihrer Körpergröße und der kräftigen Statur wirkte sie riesig neben den zierlichen, einheimischen Frauen. Ihre halblangen, blonden Haare hingen strähnig in ihr Gesicht. Die blasse Haut war mit Sommersprossen übersät, die so zahlreich und dicht waren, dass sie an manchen Stellen große, zusammenhängende Flecken bildeten. Unverwandt starrte ein kleines einheimisches Mädchen, das neben Petra saß, auf diese Pigmentmale. Ängstlich versuchte das dunkelhäutige Kind etwas weiter von Petra wegzurücken, was jedoch in dem engen Fahrzeug so gut wie unmöglich war.
Petra hatte sich entspannt zurückgelehnt und sah an mir vorbei aus der offenen Schiebetür. Zwischen Palmen und Fischerhütten konnte man das Meer sehen, das grau und aufgewühlt unter dunklen Regenwolken lag. Bizarre Felsen, an denen sich die Wellen brachen, ragten hin und wieder aus dem Wasser. Ein zufriedenes Lächeln lag auf Petras Gesicht. Sie schien die Fahrt sehr zu genießen. Ich dagegen hoffte nur, dass diese Tortur bald zu Ende sein würde. Zusammengekauert saß ich auf dem Boden und konnte die Beine nicht ausstrecken. In jeder Kurve versuchte ich verzweifelt, mich irgendwo festzuhalten, um nicht aus der geöffneten Schiebetür geschleudert zu werden.
Endlich, nach etwa dreistündiger Fahrt, erreichten wir unser Ziel – ein kleines Fischerdorf namens Akuralla. Mit steifen Gliedern wandte ich mich aus dem Fahrzeug. Unser Gepäck, das inzwischen völlig durchnässt war, wurde vom Dach des Minibusses heruntergeworfen. Und schon raste der Fahrer laut hupend weiter.
Direkt vor dem Hotel hatte der Bus angehalten. Malerisch stand das einstöckige, weiße Gebäude unter mächtigen Kokospalmen. Petra wurde schon von einer Freundin erwartet. Ein junger einheimischer Mann mit pechschwarzem, lockigem Haar begrüßte uns freundlich. Er stellte sich als der Manager des Hotels vor.
Meine Begleiterin zog zu ihrer Freundin in ein Doppelzimmer, aber für mich war kein Zimmer mehr frei. Es stellte sich heraus, dass das Hotel das einzige in dem kleinen Ort war. Die Sonne stand schon tief, und ich war müde von der langen Reise. Deshalb war ich sehr erleichtert, als der Manager mir anbot, mich für eine Nacht in einem Privatquartier unterzubringen. Am nächsten Tag würde ein Zimmer im Hotel frei werden, versprach er mir.
Die Unterkunft befand sich auf der anderen Straßenseite und war ein heruntergekommenes Gebäude, das aus einem einzigen Raum bestand. Durch und durch feucht waren die Wände, und es roch unangenehm nach Schimmel. Spinnweben hingen an dem scheibenlosen Fenster. Durch das Dach, das mit Palmblättern gedeckt war, tropfte der Regen. Das einzige Möbelstück in dem Raum war ein Bett, dessen Matratze mit einem zerschlissenen, grünkarierten Stoff überzogen war, der noch Flecken meiner Vorgänger aufwies.
Elektrisches Licht gab es nicht, stattdessen hatte man mir eine Kerze bereitgestellt. Auch eine Dusche war nicht vorhanden. Ein paar Schritte von meinem Quartier entfernt zeigte mir der Manager einen Brunnen, aus dem ich Wasser schöpfen konnte, um mich zu waschen.
Nur eine kurze Zeit der Dämmerung kündigte die Nacht an. Plötzlich war es stockdunkel. Mit der brennenden Kerze in der Hand ging ich zum Brunnen. Undefinierbare Geräusche drangen aus dem Dickicht, das sich an mein luftiges Badezimmer anschloss. Irgendwie hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber im schwachen Schein der Flamme konnte ich nicht sehen, ob sich in den Büschen ein Mensch oder vielleicht ein Tier verbarg. Und ich konnte auch nicht erkennen, ob das Wasser, das ich mit einem Eimer an einer Seilwinde aus dem dunklen Brunnen beförderte, wirklich so schwarz war, wie es in dem flackernden Kerzenlicht schien.
Das Gebüsch aufmerksam beobachtend, verzichtete ich darauf, mich auszuziehen. Ich kippte mir das Wasser kurzerhand über Kopf und Kleidung. Dann zog ich einen zweiten Eimer mit Wasser aus dem dunklen Loch, tauchte mein Handtuch ein und lief hastig zurück in mein Zimmer. Dort angekommen schloss ich die hölzernen Fensterläden und stellte erst jetzt fest, dass man die Tür nicht verriegeln konnte. Während ich den Eingang nicht aus den Augen ließ, benutzte ich das nasse Handtuch, um mich frisch zu machen.
Moskitos summten an meinem Ohr vorbei. Geckos flüchteten die Wände hoch und an der Decke entlang. Eine überdimensionale Kakerlake suchte Schutz in der Dunkelheit unter dem Bett. Zu dem Ekel vor dem Insekt kam noch meine Angst vor Spinnen. Ich versuchte, nicht daran zu denken, was alles unter meinem Bett krabbeln könnte. Denn ich fürchtete mich eigentlich vor allen Tieren, die mehr als vier Beine haben.
So hatte ich es ja gewollt, als ich allein nach Sri Lanka aufbrach. Na ja, vielleicht nicht ganz so. Mein Exfreund Rainer wäre jedenfalls zu einer abenteuerlichen Reise wie dieser nicht bereit gewesen. Viel lieber verbrachte er seine Ferien in einem komfortablen Hotel. Er hatte sich bei der Auswahl der Urlaubsziele immer durchgesetzt. Dieses Mal würde ich meine Reise selbst gestalten. Auf einer tropischen Insel musste ich ein paar Krabbeltiere eben in Kauf nehmen, versuchte ich mich zu beruhigen, als ich die Kerze ausblies und meine Augen schloss.
*
Schweißgebadet und übersät von Insektenstichen erwachte ich am nächsten Morgen. Über Nacht hatten sich die Regenwolken verzogen, die Sonne strahlte, und das Meer, das am Tag zuvor noch dunkelgrau und bedrohlich ausgesehen hatte, glitzerte in hellem Türkis.
Mein Zimmer im Hotel gegenüber war bereits vorbereitet. Der Raum war einfach eingerichtet und weiß gestrichen. Über dem Bett hing ein Moskitonetz, und an der Decke summte leise ein Ventilator. In einer Nische befanden sich ein Bad und endlich eine Dusche.
Auf der Terrasse saßen die anderen Hotelgäste beim Frühstück. Petra war mit ihrer Freundin in ein Gespräch vertieft. An einem anderen Tisch unterhielten sich zwei Frauen auf Schweizerdeutsch. Ich setzte mich zu ihnen und bestellte einen Fruchtsaft. Obwohl ich natürlich Englisch sprechen konnte, war ich doch ganz froh, mich in meiner Muttersprache unterhalten zu können.
„Das würde ich lieber nicht tun“, sprach mich die ältere der beiden Frauen an. „Die mischen da doch Wasser rein. Davon kannst du krank werden.“
Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Die Schweizerin musterte mich von Kopf bis Fuß.
„Was ist denn überhaupt mit deiner Haut geschehen?“, fragte sie kopfschüttelnd.
Als ich am Morgen in den Spiegel gesehen hatte, war ich selbst erschrocken. Ich sah aus, als hätte ich die Masern. Unzählige Insektenstiche, die auf meinem Gesicht und dem ganzen Körper verteilt waren, hatten sich zu roten Flecken entwickelt, die dick angeschwollen waren und furchtbar juckten.
„Mit einem Insektenschutzmittel wäre das nicht passiert“, belehrte mich die Schweizerin. Sie ging in ihr Zimmer und kam mit einer Tasche zurück, die bis zum Rand mit Medikamenten gefüllt war. Umständlich kramte sie zwischen Schachteln, Töpfchen und Tuben eine Salbe hervor.
„Darf ich vorstellen“, ergriff nun die andere das Wort. „Meine Schwester Brigitte. Von Beruf Krankenschwester, aus Leidenschaft Hypochonder. Krankheiten sind ihr Lieblingsthema.“ Die jüngere Schweizerin stellte sich als Kerstin vor. Sie war etwa in meinem Alter, Anfang zwanzig.
Bei dem Sri-Lanker, der sich mir als Hotelmanager vorgestellt hatte, bestellte ich ein Frühstück. Die Berufsbezeichnung Manager hörte sich für den jungen, einheimischen Mann offenbar wichtiger an, als Kellner, Koch oder Reinigungskraft. Anura, so informierte mich Brigitte, war im Hotel für alle Arbeiten zuständig. Abgesehen von ihm gab es kein Personal.
Nach dem Frühstück verbrachte ich den Vormittag mit Kerstin am Strand. Endlich lernte ich das Sri Lanka kennen, von dem mir Marc vorgeschwärmt hatte. Mal türkisblau, mal smaragdgrün bespülte der Ozean den kilometerlangen Sandstrand. Windschiefe Kokospalmen säumten die Bucht. Fischer stachen in buntbemalten Auslegerbooten in See oder zogen gemeinsam, mit monotonen Sprechgesängen, ihre Netze an Land. Dunkelhäutige Kinder spielten im heißen Sand und beobachteten uns neugierig. Kerstin und ich waren die einzigen Touristinnen am Strand. Brigitte zog es vor, im Schatten auf der Terrasse zu sitzen und zu lesen.
Als die Sonne um die Mittagszeit erbarmungslos vom Himmel brannte, begaben wir uns wieder ins Hotel zum Essen. Für meinen Gaumen war die einheimische Küche ungewohnt. Zu rotbraunem Reis wurden verschiedene höllisch scharfe Gemüse- und Fischcurrys gereicht. Obwohl Anura versicherte, dass er nur wenig Chili verwendet habe, trieb mir das Essen die Schweißperlen auf die Stirn. Verzweifelt rang ich nach Luft und hatte das Gefühl, jeden Moment Feuer zu speien. Petra und ihre Freundin dagegen genossen die einheimische Küche. Sie waren nicht zum ersten Mal in Sri Lanka, und ihre Geschmacksnerven konnten eine gehörige Portion Chili vertragen.
Abends gab es nicht viel zu tun in dem kleinen Fischerdorf. Nach Einbruch der Dunkelheit war der Ort wie ausgestorben. In den Hütten der Einheimischen gab es kein elektrisches Licht, und auch die Straße war nicht beleuchtet. Das Hotel war das einzige Gebäude im Dorf, das über einen Stromgenerator verfügte. Dieser sorgte zwar dafür, dass wir Licht und kalte Getränke aus dem Kühlschrank hatten, verursachte jedoch einen höllischen Lärm, der das beruhigende Rauschen der Wellen bei weitem übertönte.
Brigitte sprach wirklich von nichts anderem, als von Krankheiten und anderen Gefahren der Tropen. Sie konnte Horrorstorys über giftige Schlangen, Spinnen und Skorpione berichten. Wenn das Licht auf der Terrasse die Mücken anlockte, zog sie sich in ihr Zimmer unter das Moskitonetz zurück.
Petra ließ den Abend meist mit einigen Gläsern Arrack ausklingen, einem einheimischen Schnaps, der aus Palmblütensaft gewonnen wurde. Der Alkohol machte die sonst eher reservierte Petra redselig, und sie genoss es sichtlich, Kerstin und mir von ihren Reiseerfahrungen zu berichten. Sie war älter als wir. Ich schätzte sie auf Mitte dreißig. Petra hatte schon einiges von Sri Lanka gesehen. Seit Jahren verbrachte sie jeden Urlaub auf der Insel.
„Ich kenne das Land“, berichtete sie mit schwerer Zunge. „Am Anfang habe ich mich die meiste Zeit in den Touristenorten aufgehalten. Später bin ich durch das Landesinnere gereist, zu den antiken Städten, den Tempeln und berühmten Buddha-Statuen. Inzwischen verbringe ich meine Zeit am liebsten in Akuralla. Hier sind die Leute noch nicht so verdorben, wie in Hikkaduwa oder den anderen Touristenghettos.“
Zu später Stunde hatte der Arrack seine Wirkung getan. Petra leerte ihr letztes Glas und erhob sich schwerfällig, um ins Bett zu gehen.
Auch ich war todmüde. Seit meiner Ankunft machten mir die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit zu schaffen. Das ruhige Hotel in Akuralla war genau der richtige Ort, um mich erst einmal an das tropische Klima zu gewöhnen.
Es dauerte ein paar Tage, bis ich mich einigermaßen akklimatisiert hatte und meine Unternehmungslust wieder erwachte. Ich beschloss, mir den Touristenort Hikkaduwa anzusehen, der nicht weit entfernt war. Anura begleitete mich zur Straße und hielt vor dem Hotel den Minibus mit einem Handzeichen für mich an.
„Hikkaduwa, Hikkaduwa?”, fragte der Kassierer. Ich nickte und quetschte mich in den überfüllten Kleinbus. Mehrere Fahrgäste standen in gebückter Haltung dicht aneinander gedrängt, die Köpfe unter der niedrigen Decke eingezogen. Wenigstens wurde dieses Mal die Schiebetür geschlossen, sodass ich nicht Angst haben musste, während der Fahrt aus dem Fahrzeug geschleudert zu werden. Umfallen konnte man jedenfalls nicht in dem mit Menschen vollgestopften Bus. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis wir Hikkaduwa erreichten.
Kaum war ich ausgestiegen und versuchte, meinen Nacken zu entspannen, sprach mich auch schon ein kleiner Junge an: „Hotel, Madam? Souvenirs? Batik?“
Eigentlich wollte ich mich erst einmal in Ruhe umsehen, aber es war nicht möglich, auch nur wenige Schritte über die Küstenstraße zu gehen, ohne von einem Händler angesprochen zu werden. Ein Hotel reihte sich hier an das andere, Restaurants an Souvenirläden. Doch große Hotelkomplexe waren nicht zu sehen. Idyllisch duckten sich die niedrigen Gebäude unter den Palmen.
In einem Tee-Shop erkundigte ich mich nach dem Weg zur Post, denn ich wollte eine Karte an meine Mutter schicken. Vor meiner Abreise hatte ich ihr versprechen müssen, regelmäßig zu schreiben. Sie war der Meinung, es sei zu gefährlich für mich, allein nach Asien zu fliegen. Wahrscheinlich stellte sie sich vor, ich würde unter wilden Einheimischen im Dschungel hausen, umgeben von giftigen Spinnen und gefährlichen Krokodilen. Womöglich könnte ich überfallen und ausgeraubt werden, oder eine schwere Tropenkrankheit einfangen. Die blühende Fantasie meiner Mutter war mir bekannt.
Vielleicht befürchtete sie auch, ich könnte Opfer eines Bombenattentats werden. Kurz vor meiner Abreise hatten die Medien in Deutschland über politische Unruhen in Sri Lanka berichtet. Es gab Konflikte zwischen hinduistischen Tamilen, die hauptsächlich im Norden und Osten der Insel lebten, und buddhistischen Singhalesen. In Sri Lanka wurde die Regierung von den Singhalesen gestellt. Die tamilische Minderheit verlangte mehr Mitbestimmungsrecht. Seit meiner Ankunft hatte ich jedoch von Unruhen nichts bemerkt. Es gab keinen Grund zur Sorge. Ich war gesund und hielt mich an einem friedlichen Urlaubsort auf. Das wollte ich meiner Mutter zu ihrer Beruhigung mitteilen.
Das Flair der kleinen Ortschaft gefiel mir, wenn nur diese aufdringlichen Schlepper und Händler nicht gewesen wären, die den Bummel durch die Straßen zu einem Spießrutenlauf werden ließen. Unermüdlich versuchten sie, mich in ein Gespräch zu verwickeln, oder mich in irgendeinen Shop zu lotsen. Die geschäftstüchtigen Jungs stellten immer die gleichen Fragen: „Wie ist dein Name? Woher kommst du? Reist du alleine?“
„Ich kann dir Hikkaduwa zeigen“, bot mir einer der Boys an. „Wenn du ein Motorrad mietest, kann ich dir die ganze Insel zeigen.“
Dann nestelte er unbeholfen an dem Knoten seines Sarongs herum und hauchte mit tiefer Stimme und Augenaufschlag: „Wenn du willst, kann ich dir alles zeigen.“
Aber ich war nicht daran interessiert „alles“ zu sehen und betrat einen Laden, um das Gespräch zu beenden. Zuerst musste ich mich an das schummrige Licht in dem fensterlosen Raum gewöhnen. Die Luft war angefüllt mit einem fast betäubenden Geruch von schweren Duftölen, asiatischen Gewürzen und tropischen Früchten. Bis unter die Decke waren die Regale vollgestopft mit einem Sammelsurium an Haushaltswaren, Souvenirs, Schmuck und Lebensmitteln. Der alte Mann, der vor dem Shop im Schatten gesessen hatte, war mir gefolgt. Zunächst blieb er an der Tür stehen und ließ mich umschauen. Dann reichte er mir ein Glas schwarzen Tee mit Milch und bot mir an, mich für einen Moment zu setzen.
Kaum hatte ich sein Angebot angenommen, begann er, mir seine Waren zu präsentieren. Der stark gezuckerte Tee war heiß. Ich konnte nur langsam trinken. Gelangweilt sah ich mir die Waren an, ohne an einem Kauf interessiert zu sein.
Aber dann befand sich in dem umfangreichen Angebot doch ein Stück, das mein Interesse weckte. Es war ein kunstvoll gearbeiteter silberner Ring mit einem großen Saphir. Um ihn näher zu betrachten, nahm ich ihn in die Hand. Das war das Startzeichen für den Verkäufer, mich in Preisverhandlungen zu verwickeln. Überschwänglich pries er die Vorzüge und den Wert des Schmuckstücks und hielt den Ring gegen das Licht, das zur Tür hereinfiel, damit ich den Stein funkeln sehen konnte.
„Die Saphire stammen aus unserem Land“, betonte er stolz. „So billig bekommst du sie nirgendwo.“
Als er meinen skeptischen Blick sah, ging er mit dem Preis noch herunter. Ein spezielles Angebot nur für mich, versicherte er. Mein Teeglas war fast leer. Immer aufdringlicher wurde der Alte in seinem Bemühen, mir diesen Ring zu verkaufen. Er drängte mich, das Schmuckstück doch einmal anzuprobieren. Wieder bot er einen noch günstigeren Preis, natürlich nur, weil mir der Ring so gut stehe. Er verdiene nichts mehr daran, jammerte er.
In diesem Moment betrat ein Kunde das Geschäft. Zuerst konnte ich im Gegenlicht nur erkennen, dass er einen Sarong trug. Der Mann war ungewöhnlich groß für einen Einheimischen, gut einen Kopf größer als der Verkäufer. Erst als er direkt vor mir stand, bemerkte ich, dass er gar kein Sri-Lanker war. Seine Haut war braungebrannt und kaum heller, als die des Verkäufers. Auf seinem Oberarm hatte er eine Tätowierung in Form eines Cannabisblatts. Hellblond war sein halblanges Haar, und er musterte mich mit tiefblauen Augen.
Der Händler schien ihn zu kennen. Er zeigte sich nicht besonders begeistert von dem Erscheinen des Kunden. Sofort versuchte der Alte, ihn in die Ecke zu manövrieren, in der sich die Lebensmittel befanden. Ganz offensichtlich wollte er ihn schnell wieder loswerden, um die Preisverhandlungen mit mir ungestört fortsetzen zu können. Aber der Tourist im Sarong ließ sich Zeit und prüfte die Früchte genau, die der Verkäufer ihm anbot. Dann kam der Blonde auf mich zu. Immer noch saß ich auf dem Stuhl und hielt das inzwischen leere Teeglas in der Hand. Er beugte sich zu mir herab und flüsterte mir ins Ohr: „Wenn du ihm die Hälfte zahlst, ist das immer noch zu viel.”
Er hatte deutsch gesprochen. Woher wusste er, dass ich Deutsche war? Seitdem er in den Laden gekommen war, hatte ich kein Wort gesagt. Augenzwinkernd lächelte er mir zu und bezahlte die Papayas, die er ausgewählt hatte. Ohne den Versuch zu handeln, gab der Verkäufer ihm das Wechselgeld zurück.
Auch ich stand jetzt auf und ging an dem enttäuschten Alten vorbei, der schon wieder ein dampfendes Teeglas in der Hand hielt. In einiger Entfernung konnte ich noch den Deutschen im Sarong sehen, der barfuß in Richtung Ortsende ging. Keine Schlepper folgten ihm oder sprachen ihn an. Nur ein paar einheimische Jungs grüßten ihn von der anderen Straßenseite.
Gerne hätte ich den Abend in einem der Restaurants in Hikkaduwa verbracht, aber es war Zeit den Bus nach Akuralla zu nehmen.
Die Sonne ging bereits unter, als ich mein Hotel erreichte. Erst orange, dann blutrot bis hin zu dunklem Violett färbte sich der Himmel über dem Meer. Die Schwestern aus der Schweiz warteten bereits auf das Abendessen, und ich nahm an ihrem Tisch Platz.
Plötzlich sah ich am Strand einen einheimischen Mann, der sich mit schnellen Schritten dem Hotel näherte. „Anura“, rief er schon von weitem. Unser Hotelmanager kam aus der Küche und begrüßte den Sri-Lanker freundschaftlich. Irgendetwas musste passiert sein. Anuras Gesicht zeigte Entsetzen, als er hörte, was der Mann zu berichten hatte. Die beiden zogen sich in die Küche zurück. Wir hörten, wie sie aufgeregt in ihrer Sprache miteinander diskutierten. Schließlich beruhigte sich ihr Tonfall ein wenig. Der fremde Sri-Lanker kam aus der Küche, nickte uns kurz zu und verließ das Hotel.
„Es hat ein schreckliches Massaker gegeben“, berichtete Anura uns wenig später. „Tamilische Rebellen haben eine Armeetruppe überfallen und dreizehn singhalesische Soldaten ermordet. Die Bevölkerung ist sehr aufgebracht. Die Tat wird gerächt werden.“
Hass blitzte in seinen Augen. Anura war Singhalese, so wie die meisten Sri-Lanker, die hier an der Südwestküste lebten.
„Für euch besteht keine Gefahr“, versuchte er uns zu beruhigen. „Das ist im Norden der Insel geschehen. Die tamilischen Rebellen, die sich Tamil Tigers nennen, sind weit weg von hier.“
Immer öfter fuhr ich nun nach Hikkaduwa. In den Restaurants und Tee-Shops traf sich eine internationale Mischung von Reisenden. Es wurden Erfahrungen ausgetauscht, von denen ich allerdings noch nicht viele vorzuweisen hatte. Man kam schnell miteinander ins Gespräch, vor allem diejenigen, die allein reisten.
In einem dieser Restaurants lernte ich Maggie und Theresa kennen. Die beiden Engländerinnen kamen jeden Tag hier her. Maggie war die ältere, eine temperamentvolle, quirlige Person, die jeden, der mit ihr am Tisch saß, sofort in ein Gespräch verwickelte. Sie war eine äußerst auffällige Erscheinung. Ihr Haar war hennarot gefärbt. Um die Hüften trug sie ein bunt gemustertes Tuch, und dazu ein miederähnliches Oberteil, wie es die einheimischen Frauen trugen. Ganz anders war Theresa, die jüngere der Britinnen. Meist saß sie still und schüchtern in der Runde. Theresas Kleidung war schlicht und unauffällig. Die blonden Haare trug sie streng nach hinten gekämmt und zu einem Zopf zusammengebunden.
Ich hatte den Engländerinnen erzählt, dass ich daran dachte, mir ein Zimmer in Hikkaduwa zu suchen. Lediglich der Trubel am Strand hielt mich bis jetzt davon ab. Maggie und Theresa schlugen vor, mir ihre Unterkunft zu zeigen, die etwas außerhalb in Dodanduwa lag. Der kleine Fischerort war von Hikkaduwa aus zu Fuß zu erreichen. Dort war gerade ein Zimmer frei geworden.
Zunächst folgten wir der Hauptstraße, bis die Souvenirgeschäfte, Restaurants und Hotels sich lichteten und die ersten Fischerhütten erschienen. Hier gab es keine Schlepper mehr, und je weiter wir uns von Hikkaduwa entfernten, desto weniger Touristen begegneten uns. Die Einheimischen, die vor ihren Hütten saßen, zeigten kein Interesse an uns. Am Strand, der hin und wieder zwischen den Behausungen sichtbar wurde, waren keine Badegäste zu sehen.
Schließlich erreichten wir unser Ziel. Von der Straße aus war nur an einem unscheinbaren, handgemalten Schild zu erkennen, dass hier Zimmer vermietet wurden. Zwischen zwei Hütten führte ein schmaler Weg in Richtung Strand. Wir folgten dem Pfad und standen plötzlich inmitten eines wunderschönen, tropischen Gartens. Bananenstauden und duftende Blumen säumten eine kleine Terrasse, von der aus ein paar Stufen zum Strand hinunter führten.
Neben der Treppe befanden sich drei kleine Häuschen, die hellblau angestrichen waren. Auf dem einzigen Tisch auf der Terrasse lag eine Katze und döste im Schatten. Im Garten spielte ein kleiner Junge, und auf einer Leine flatterte Wäsche im Wind. Zuerst glaubte ich, mich in einem privaten Garten zu befinden, doch Maggie und Theresa ließen sich an dem Tisch nieder, und kurz darauf kam ein älterer Mann aus der Hütte.
Sein Haar war dunkelgrau. Er ging etwas breitbeinig und nach hinten geneigt, wobei er seinen kugelrunden nackten Bauch nach vorne streckte, als wolle er mit dieser Körperhaltung verhindern, dass sein Sarong nach unten rutscht. Wir tranken Tee. Kalte Getränke gebe es heute leider nicht, entschuldigte sich der Grauhaarige. Der Strom sei ausgefallen.
Maggie und Theresa bewohnten eines der hellblauen Häuschen. Das zweite hatte ein Deutscher gemietet, der für ein paar Tage nach Colombo gefahren war. Zurzeit stand die dritte Unterkunft leer. Gerne holte der Vermieter den Schlüssel, damit ich sie besichtigen konnte.
Eigentlich war es nur ein einziger heller Raum, in dem ein Bett und ein Tisch standen. In einer abgegrenzten Nische des Zimmers befand sich das Bad. Aus der Wand ragte ein rostiges, gebogenes Rohr als Dusche. Über eine Rinne im Betonboden wurde das Wasser abgeleitet, das durch eine Öffnung in der Mauer nach draußen fließen konnte. Dort wurde es für die Bewässerung des Gartens genutzt. Üppig gedieh am Abfluss eine Gruppe Bananenstauden. Das große Fenster im Zimmer gab einen wunderschönen Blick auf den Strand frei, und die Meeresbrise sorgte für eine angenehme Temperatur.
Schnell wurde ich mit dem grauhaarigen Vermieter einig und machte mich auf den Rückweg nach Akuralla, um mein Zimmer zu kündigen. Am nächsten Tag zog ich in die grüne Oase nach Dodanduwa um.
*
Mister Sirisena hieß mein neuer Vermieter. Er lebte in einer Hütte, die aus Palmblättern geflochten war, mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Als Wohnzimmer und Schlafstätte diente der einzige Raum der Familie. Gekocht wurde im Freien auf einer Feuerstelle, die durch eine Bambuswand vom Garten abgetrennt war.
Den älteren Sohn bekamen wir nur selten zu Gesicht. Er ging wohl irgendwo einer Arbeit nach. Die Tochter, ein hübsches, fröhliches Mädchen, hielt sich öfter im Garten auf. Aber sie verschwand jedes Mal sofort in der Hütte, wenn wir den Platz betraten. Manchmal lugte sie neugierig durch die Tür und beobachtete uns. An unserem Kleidungsstil, der für sie wohl ziemlich freizügig war, schien sie besonders interessiert zu sein. Wenn wir sie entdeckten, winkten wir sie zu uns an den Tisch. Dann fühlte das Mädchen sich ertappt, lächelte uns mit einer Mischung aus Schuldbewusstsein und schelmischem Blitzen in den Augen an, und zog sich sofort wieder in die Hütte zurück. Wir fanden das sehr schade, denn wir hätten uns gerne einmal mit ihr unterhalten. Erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, dass sich meine Konversation mit den Einheimischen in Sri Lanka eigentlich ausschließlich auf Männer beschränkte. Kontakt hatten wir nur zum Jüngsten der Kinder, einem etwa sechsjährigen Jungen. Der Kleine half beim Servieren der Mahlzeiten.
Auch die Frau unseres Vermieters hielt sich immer im Hintergrund. Sie war eine ältere, wohlbeleibte Frau mit graumelierten Haaren, die sie im Nacken zu einem dicken Zopf geflochten hatte. Genau wie ihr Mann neigte sie sich beim Gehen leicht nach hinten, und zwischen ihrem bunten Wickelrock und dem eng anliegenden, geknöpften Oberteil, quoll der dicke, braune Bauch hervor. Im Garten hielt sie sich nur auf, wenn wir die Terrasse verlassen hatten. Dann sah ich sie manchmal von meinem Zimmer aus wie sie schweigend ihrer Arbeit nachging, die Wäsche am Brunnen auf einem flachen Stein schrubbte, oder den Sand von den Steinplatten fegte.
Die Singhalesin sprach kein Englisch. Upali, der jüngste Sohn, übernahm die Rolle des Dolmetschers. Selten hörte man die Mutter ein Wort sagen. Wenn der Kleine ihr unser Anliegen übersetzte, lächelte sie nur freundlich und wackelte mit dem Kopf, wie es die Einheimischen als Zeichen der Zustimmung tun. Es war kein Nicken und kein Kopfschütteln, sie neigte den Kopf kurz zur einen Schulter, dann zur anderen und wiederholte die Bewegung mehrmals.
In unserer familiären Unterkunft gab es keine Speisekarte. Bestellten wir Fisch zum Abendessen, so ging Mr. Sirisena zum Strand und besorgte frischen Thunfisch, Hai oder kleinere Meerestiere, je nachdem, was die Fischer gerade an Land gezogen hatten. Äußerten wir keine speziellen Wünsche, gab es das Nationalgericht Reis und Curry. Zu einer Mahlzeit gehörten mindestens fünf dieser scharfen Gemüsecurrys, die in kleinen Schälchen zu braunem Reis gereicht wurden.
„Es ist nicht heiß“, beteuerte Upali jedes Mal, wenn er die Gerichte servierte, wobei er damit nicht die Temperatur des Essens, sondern die Schärfe meinte. Dann beobachtete er aus einiger Entfernung amüsiert, wie uns Europäern das Essen die Schweißperlen auf die Stirn trieb und wir verzweifelt nach Luft rangen. Zu den Mahlzeiten wurde uns eine große Schale mit Kokosraspeln gereicht. Die sollten angeblich die Schärfe der Gewürze mildern. Wir benötigten wahrlich eine Menge davon. Der Sechsjährige, der uns grinsend zusah, knabberte unterdessen Chilischoten, als wären sie Süßigkeiten.
Am Abend blieb Mr. Sirisena wach, bis wir uns in die Zimmer zurückgezogen hatten. Dann legte er sich zum Schlafen auf den Holztisch auf der Terrasse. Zwar versicherte er, dass er unter freiem Himmel besser schlafen könne als in der stickigen Hütte, aber ich hatte doch das Gefühl, dass er den Platz und seine Gäste bewachen wollte. Wenn in der Nacht mal wieder der Strom ausfiel, lag ich auf meinem Bett, eine Taschenlampe griffbereit, und lauschte den Geräuschen, die durch das Fenster in mein Zimmer drangen – dem Rauschen der Wellen, dem Knistern der Palmblätter, dem Zirpen der Grillen, dem Kläffen der Hunde – und Mr. Sirisenas leisem Schnarchen, das von der Terrasse zu hören war und mich beruhigt einschlafen ließ.
Vormittags genoss ich die Ruhe am Strand. Hier gab es keine Händler und Schlepper. Nur ab und zu kam ein Tourist aus Hikkaduwa bei einem ausgedehnten Strandspaziergang bis hier her.
Im Sand liegend, beobachtete ich ein paar schwarze, abgemagerte Kühe, die im Schatten einer Palme vor sich hindösten. Eine von ihnen kaute gemächlich an einem Stück Zeitungspapier. Auf der Terrasse konnte ich Theresa sehen. Maggie joggte am Strand entlang. Sie war immer in Bewegung. Um die Mittagszeit wurde es Maggie in unserer Unterkunft zu langweilig. Sie machte sich auf nach Hikkaduwa. Theresa und ich begleiteten sie.
Wir schlenderten über die Hauptstraße. Ein ziemlich zeitaufwendiges Unterfangen, da wir von den Boys geradezu belagert und umringt wurden. Theresa war schon völlig entnervt, aber Maggie ließ sich von den aufdringlichen Händlern einfach nicht aus der Ruhe bringen. Freundlich unterhielt sie sich mit jedem, der sie ansprach und beantwortete geduldig immer dieselben Fragen. Bereitwillig ließ sie sich in jeden Souvenirshop manövrieren, in sämtliche Schmuckgeschäfte, Batikshops oder Boutiquen. Aber Maggie kaufte nichts, sondern flirtete mit den Jungs, und wenn deren Repertoire weitgehend erschöpft war, begann sie ihrerseits Fragen zu stellen.
„Bist du in Hikkaduwa aufgewachsen?“, fragte sie einen etwa 18-jährigen Schmuckverkäufer.
Dieser bejahte, indem er mit dem Kopf wackelte.
„Bestimmt hast du eine nette kleine Freundin“, plauderte Maggie weiter und musterte den Jungen von Kopf bis Fuß.
„Eine Freundin habe ich nicht“, entgegnete der Einheimische. „Unsere Mädchen sind anders als die Touristinnen aus den westlichen Ländern. Leider!“
Der junge Sri-Lanker wich nicht mehr von Maggies Seite. Er begleitete uns, bis wir ein Restaurant betraten. Abwartend blieb er am Eingang stehen. Hier hatten Schmuckverkäufer keinen Zutritt, denn die Betreiber befürchteten, die Gäste könnten sich beim Essen belästigt fühlen.
Maggie nahm keine Notiz mehr von dem jungen Händler. Schon kurze Zeit später war sie in ein Gespräch mit einem blonden Mann aus Colorado vertieft, der am Tisch neben uns saß. Es dauerte nicht lange, da setzte sie sich zu ihm, und er bestellte für beide Bier. Für die Einheimischen war der Gerstensaft ein Luxusgetränk. Bier wurde in großen Flaschen serviert, und der Kellner kredenzte das Gebräu, als handle es sich um einen erlesenen Wein. Maggie amüsierte sich großartig, und der Flasche Bier folgten noch etliche weitere.
Inzwischen war die Sonne untergegangen. Theresa drängte zum Aufbruch. Aber Maggie dachte gar nicht daran, den Abend jetzt schon abzubrechen. Je höher ihr Alkoholpegel stieg, desto heftiger flirtete sie mit dem Blondschopf. Irgendwann beschlossen Theresa und ich ohne Maggie aufzubrechen.
Als wir die Restaurants und Shops hinter uns gelassen hatten, war es stockdunkel auf der Straße nach Dodanduwa. Kein Lichtschein drang um diese Zeit mehr aus den Fischerhütten. Zum Glück hatte Theresa vorsorglich eine Taschenlampe eingesteckt.
Streunende Hunde folgten uns am Straßenrand, abgemagerte Tiere mit räudigem Fell. Einer hatte eine blutige Wunde am Hals und hinkte. Knurrend, mit gesenktem Kopf, lief er in kurzer Distanz hinter uns her. Wir versuchten, ihn zu ignorieren. Nur wenn das Tier uns zu nahe kam, leuchtete Theresa ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht. Dann blieb der Streuner für einen Moment geblendet stehen, und wir konnten wieder einen größeren Abstand gewinnen. Wir waren sehr erleichtert, als wir unser Gästehaus erreichten.
Erst am nächsten Mittag tauchte Maggie wieder auf. Die hennaroten Haare waren zerzaust, das Gesicht blass und übernächtigt. Einen Moment lang sah sie uns mit wirrem Blick an, als würde sie uns überhaupt nicht kennen. Dann ging sie wortlos an uns vorbei in ihr Zimmer und kam bis zum späten Nachmittag nicht mehr heraus. Als sie das Zimmer wieder verließ, war ihr anzusehen, dass es ihr nicht gut ging.
An diesem Tag hatte Maggie keine Lust nach Hikkaduwa zu gehen. Ausnahmsweise wollte sie einen ruhigen Abend auf der Terrasse verbringen.
„Ich habe einem Touristen eine Flasche Whisky abgekauft, die sollten wir uns heute gönnen“, schlug Maggie mir vor.
„Mr. Sirisena, trinken Sie ein Glas mit uns“, lud sie unseren Vermieter ein. „Einen schottischen Whisky bekommt man in Sri Lanka nicht alle Tage.“
Mr. Sirisena lehnte dankend ab. Doch nachdem seine Frau und die Kinder schlafen gegangen waren, setzte er sich doch zu uns an den Tisch.
„Meine Familie braucht das nicht zu sehen“, flüsterte er, als die Engländerin ihm einschenkte. „Ich muss Vorbild für meine Kinder sein. Über Alkohol wissen sie nicht viel. Sie sehen nur, dass er die Touristen manchmal verrückt macht.“
Aber der schottische Whisky schmeckte ihm doch, und Mr. Sirisena leerte das Glas in einem Zug.
„Das ist was anderes als Arrack“, lobte er.
Der Whisky tat schnell seine Wirkung. Mr. Sirisena war es nicht gewohnt, Alkohol zu trinken. Unser sonst so zurückhaltender Vermieter geriet ins Plaudern und wurde ein klein wenig sentimental, als er von früheren Zeiten erzählte.
„Als ich ein kleiner Junge war“, begann er, „war Hikkaduwa noch ein verschlafenes Dorf. Mein Vater war Fischer. Geld hatten wir nur wenig, aber immer genug zu essen. Fische holte mein Vater aus dem Meer, im Garten pflanzte meine Mutter Bananen, Mangos, Papayas und Gemüse an. Ich war ein guter Kletterer und konnte die Kokosnüsse von den Palmen holen. Reis bekamen wir von den Bauern für die Fische.“
Mr. Sirisena schob Maggie sein Glas erneut zu, damit sie nachschenkte.
„Ich weiß noch, als die ersten Touristen kamen“, fuhr er fort. „Mit Rucksäcken reisten sie an. Lange Haare und Bärte hatten die jungen, weißen Männer. Später waren auch Frauen dabei, die kaum etwas anhatten, wenn sie ins Meer schwimmen gingen. Mein Vater verbot mir von da an, zum Strand von Hikkaduwa zu gehen. Die jungen Leute verbrachten ihre Zeit damit, in der Sonne zu liegen, und wohnten bei den Fischern und Reisbauern, die sie gut für Unterkunft und Essen bezahlten. Deshalb nahmen manche diese Gäste gerne auf. Wir haben nie an Touristen vermietet. Mein Vater wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Er sagte, sie würden unser Denken verderben. Inzwischen bestimmen die Fremden das Leben in Hikkaduwa. Schon lange ist mein Vater tot. Manchmal bin ich froh, dass er nicht mit ansehen muss, was aus dem Dorf und den Menschen hier geworden ist.“
„Die Touristen haben nicht nur Schlechtes gebracht“, erwiderte Maggie. „Sie bringen Geld. Auch deine Familie lebt doch von den Gästen.“
„Das ist richtig“, stimmte Mr. Sirisena zu. „Es geht uns gut. Aber manchmal sorge ich mich um meine Kinder. Ich möchte nicht, dass meine Söhne so werden, wie die Beachboys in Hikkaduwa. Die wollen nicht mehr zur Schule gehen, manche handeln mit Drogen. Einige verkaufen ihre Körper an die Weißen. Die Väter können nichts dagegen tun. Schließlich verdienen die Boys oft an einem Tag so viel, wie ein Fischer oder Reisbauer im ganzen Monat. Dieses Leben ist nicht gut für unsere Söhne.“
„Sie sprechen nur von den Söhnen. Was ist mit ihrer Tochter?“, hakte Maggie nach. „Wir bekommen sie so selten zu Gesicht. Ich weiß, dass sie Englisch spricht. Sie ist eine gebildete, junge Frau. Gerne würde ich mich mal mit ihr unterhalten. Aber sie geht uns immer aus dem Weg.“
„Meine Tochter wird bald heiraten“, entgegnete Mr. Sirisena. „Bis dahin wird sie sich von den Gästen fernhalten. Mädchen, die sich zu viel mit Touristen abgeben, heiraten nicht in gute Familien. Mit den Eltern des Bräutigams habe ich schon alles arrangiert. Nächste Woche wird meine Tochter ihren zukünftigen Mann kennenlernen. Ich habe einen guten Ehemann für sie gefunden. Er ist älter als sie und erfahren.“
„Sie haben ihre Tochter einem fremden, älteren Mann versprochen?“ In Maggies Stimme flammte Empörung auf. „Was ist, wenn sie ihn nicht mag?“
„Wenn sie eine gute Ehefrau ist, wird sie mit ihm ein gutes Leben haben“, antwortete Mr. Sirisena. „In unserem Land ist eben manches anders, als in Europa.“
Unser Vermieter bedankte sich für den Whisky und verabschiedete sich. In dieser Nacht schlief er nicht auf dem Tisch unter freiem Himmel, sondern in der Hütte bei seiner Familie.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, merkte ich, dass mir der Whisky auch zu Kopf gestiegen war. Mir war hundeelend. In meinem Zimmer war es unerträglich schwül. Benommen öffnete ich die Fensterläden und hoffte, dass die frische Meeresbrise meinen Kopf wieder in denkfähigen Zustand versetzen würde.
Am Strand sah ich einen jungen Mann, der einen Sarong trug. Sein Blick war über das Meer gerichtet, die Gischt umspülte seine nackten Füße. Hell leuchteten die blonden Haare in der Sonne. An seiner Schulter konnte ich eine Tätowierung in Form eines Cannabisblatts sehen. Ich erkannte ihn sofort wieder. Seit unserer Begegnung in dem Shop in Hikkaduwa hatte ich ihn nicht wiedergesehen. Der Mann musste Christian sein, der Bewohner des dritten Hauses. Maggie hatte erwähnt, dass er heute aus Colombo zurückkommen würde. Sie hatte mir schon von ihm erzählt.
„Chris reist seit über einem Jahr durch Sri Lanka und Indien“, hatte sie gesagt. „Die meiste Zeit verbringt er mit den Einheimischen. Wir haben nicht viel Kontakt zu ihm.“
Chris frühstückte nicht mit uns, sondern mit Mr. Sirisena an einem kleinen Tisch neben der Küche. Während für uns Toast aufgetragen wurde, gab es für ihn schon morgens Reis und Dhal, ein höllisch scharfes Curry-Gericht aus roten Linsen. Genau wie die Einheimischen benutzte er kein Besteck, sondern die Hand zum Essen. Er mischte den Reis und den Linsenbrei mit der rechten Hand und formte kleine Portionen, die er dann mit den Fingern zum Mund führte. Nach dem Essen brachte Upali ihm eine Schale mit Wasser und Limonenstücken, in der er seine Hand reinigen konnte.
Chris verbrachte die meiste Zeit auf dem Platz. Nur ab und zu ging er nach Hikkaduwa, blieb aber meistens nicht lange. Maggie hatte ihn dort schon gesehen, wie er sich mit einheimischen Boys unterhielt. Die kleinen Geschäftemacher, schienen ihn gut zu kennen.
Genau wie die einheimischen Frauen wusch Chris seine Wäsche auf dem flachen Stein am Brunnen. Am Abend nahm er zusammen mit Mister Sirisena sein Reis und Curry ein. Die Frau unseres Vermieters und ihre Kinder aßen in der Hütte. Zu meinem Erstaunen, schien das scharfe Essen dem Deutschen nicht das Geringste auszumachen.
„Meine Geschmacksnerven haben sich längst an die Schärfe gewöhnt“, sagte er einmal zu mir. „Außerdem schützen die Gewürze vor Krankheiten.“
Als ich einen Bissen seiner Mahlzeit probierte, hatte ich wirklich das Gefühl, Desinfektionsmittel zu schlucken.
Maggie kam meist spät in der Nacht von ihren Streifzügen durch die Restaurants in Hikkaduwa zurück. Theresa begleitete sie dabei nicht mehr. Sie zog sich abends zeitig in ihr Zimmer zurück, um zu lesen, oder Briefe nach Hause zu schreiben. Ich hatte den Eindruck, dass das Mädchen Heimweh und Sehnsucht nach ihren Freunden in England hatte.
So ergab es sich, dass ich die Abende oft mit Chris auf der Terrasse verbrachte. Er hatte mich auch gleich von unserer Begegnung in dem Shop in Hikkaduwa wiedererkannt. Chris machte sich augenzwinkernd lustig über meine Unerfahrenheit in punkto Verhandeln oder über meine Empfindlichkeit in Bezug auf das einheimische Essen. Umso näher wir uns kennenlernten, desto anregender wurden unsere abendlichen Gespräche.
Beim Schein einer Petroleumlampe erzählte mir Chris von seinen Reisen. Er schwärmte von Indien, von den Beachpartys in Goa, wo sich Traveler aller Nationalitäten zu Weihnachten trafen.
„Dort sieht man viele Leute wieder, die man vorher irgendwo in Asien getroffen hat“, berichtete er. „Vielleicht ist Weihnachten auch für Traveler und Aussteiger eine Zeit, in der man nicht gerne allein sein will. Goa ist ein Treffpunkt für diese einsamen Seelen, die trotz allem das Feiern unter Palmen dem Singen unterm Christbaum vorziehen.“
