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Im vierten Teil der Trilogie SOKO Steiermark ermitteln unsere Polizisten wieder in kuriosen und brisanten Fällen. • Im ersten Teil geht es um eine kuriose Entführung. Der Hund einer Grazer Geschäftsfrau wurde entführt. Die erste Lösegeldübergabe scheitert. Gelingt die Zweite? Auch bei der SOKO gibt es Veränderungen, an die vorher niemand gedacht hätte. • Im zweiten Teil versucht ein windiger Geschäftsmann, seine Frau loszuwerden.. Oder ist es doch umgekehrt? Selbst die Polizei muss lange auf erste Ansätze warten. • Ein lange Jahre zurückliegender Überfall und die damals verschwundene Beute beschäftigen unsere SOKO. Allerdings wird im Laufe der Ermittlungen immer klarer, dass diese in einem Fiasko enden könnten.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Nichts läuft richtig
Richard und Peter hatten sich in der Schule kennengelernt. Peters Eltern waren damals aus dem kleinen Ort Mank in Niederösterreich nach Fladnitz an der Raab gezogen, da Peters Vater dort Arbeit gefunden hatte. Vom ersten Tag, an dem die beiden sich in der Schule kennenlernten, waren sie ein Team. Richard fand es damals toll, wie Peter ihn gegen die Größeren der Klasse verteidigte, die ihn bis dahin immer gehänselt hatten. Und er war der Einzige, der ihn niemals Richi nannte, sondern immer Richard.
Sie machten gemeinsam die Abschlussprüfung und fanden in einer Schlosserei einen Ausbildungsplatz. Peter war der Erste, dem nach zwei Monaten Zweifel an der Entscheidung kamen. Je länger Richard damals nachdachte, desto mehr musste er Peter recht geben. Als die beiden ihren dritten Lehrlingslohn erhalten hatten, betranken sie sich und beschlossen bei dieser Gelegenheit, die Lehre zu beenden. Die Gründe, die sie damals ihren Eltern nannten, waren schnell aufgezählt. Zu wenig Kohle, zu wenig Freizeit und keinen Bock auf diese Drecksarbeit. Sie meldeten sich beim Arbeitsamt. Ohne Erfolg, denn ohne Ausbildung wollte sie kein Betrieb aufnehmen. Mit 16 Jahren verließen sie ihre Eltern, um in Graz ihr Glück zu suchen. Sie bekamen vom Sozialamt einen Zuschuss für den Umzug, die Mietbeihilfe reichte aus, um für die beiden eine kleine Zweizimmer Wohnung zu mieten und mit der Kohle vom Arbeitsamt kamen sie wenigstens zwei Wochen im Monat aus, ohne sich die Finger schmutzig machen zu müssen. Schnell aber hatten die beiden eine neue Erkenntnis gewonnen. Zwei Wochen sind kein ganzer Monat. Mühsam, aber doch, meldeten sie ihre Dienste bei einem Personalvermittler an. Als ungelernte Hilfskräfte bekamen sie natürlich kaum Geld, aber sie hatten sich gemeinsam auf 20 Stunden in der Woche geeinigt und damit deckten Sie den Rest der Kosten für den restlichen Monat ab. Nach Meinung der beiden war es ihnen nur durch die viele Freizeit möglich gewesen, die beiden Mädchen kennenzulernen. Babette und Luise. Babette, Richards Freundin, arbeitete in einer Drogerie, während Luise, Peters Freundin in einem Hotel lernte. Dumm für Peter und Richard war nur, dass die beiden Mädchen das Geld, welches sie verdienten, in Klamotten, Schmuck und Schminke anlegten. Ihr Interesse sich an einer größeren Wohnung oder gar an Lebensmitteln zu beteiligen, hielt sich in Grenzen. Seit sie sich kennengelernt hatten, mussten die beiden Herren nun vier Mäuler stopfen. Es dauerte nicht lange, bis sie erkannten, dass sich das Ganze im Monat nicht mehr ausging und jeder Versuch die beiden Mädchen auf finanzielle Beteiligung anzusprechen, verlief im nirgendwo. Peter machte sich auch damals wieder Gedanken. Irgendwann hatte er einen Plan im Kopf. Er weihte Richard ein. Richard war angesichts des Verdienstes Feuer und Flamme. So kam es, dass die beiden einer neuen Verdienstmöglichkeit nachgingen.
Richard und Peter trafen sich im Stadtpark. Beide sahen etwas abgehetzt aus, aber sie lachten wie kleine Kinder. „Mann, diesmal war es echt einfach.“ „Ja Richard, total einfach. Hast Du das Gesicht gesehen?“ „Peter, wie der uns angesehen hat. Zieht sich das Geld vom Automaten und wir ziehen es ihm 20 Sekunden später aus der Hand. Geil, geil, geil. Er hat es Dir gegeben, wie viel Kohle ist es denn?“ Peter kramte in seiner Hosentasche. „Hier mein Freund, 100 Euro.“ Richard stieß einen Jubelschrei aus. „Mann, wenn wir jeden Tag hundert Euro machen, dann sind das im Monat lässige 2800 Euro.“ „Mach langsam, an den Wochenenden wird nicht gearbeitet.“ „Na gut, dann 2000 Euro. Aber das ist mehr, als wir bisher im halben Jahr hatten. Genial mein Freund, richtig genial.“ „Ja, das war gut. Du denkst, wir sollten das öfter machen?“ Richard schaute seinen Freund erstaunt an. „Das fragst Du wirklich?“
Das war vor zwei Monaten. Jeden Tag hatten sie in einem anderen Stadtteil, in einer anderen Straße und bei verschiedenen Banken ihre schnellen und gezielten Überfälle begangen, aber inzwischen wurden die beiden von der Polizei gesucht und die Stadtzeitungen berichteten immer wieder von ihren Überfällen. Glück für die beiden war auch, dass die Opfer keine Personenbeschreibung abgeben konnten oder diese sich deutlich unterschieden. Eine solche Stadtzeitung legte Peter weg, nachdem er den Artikel über die zwei Unbekannten gelesen hatte. Er schnaufte durch. „Richard, wir sollten uns etwas anderes überlegen. Ich finde, das die Gefahr aufzufliegen, von Überfall zu Überfall größer wird.“ Richard, der von Peters guter Absicht überzeugt war, wollte wissen, ob Peter schon einen neuen Plan hatte. „Um ehrlich zu sein, noch nicht. Aber mir wird schon was Neues einfallen.“ „Ok, aber was werden die Mädchen dazu sagen?“ Peter musste seinen Ärger herunterschlucken. In einer schwachen Stunde hatte Richard seiner Babette von den Überfällen erzählt. Die war natürlich sofort zu Luise gerannt und zu guter letzt saßen Richard und Peter wie Schwerverbrecher am Tisch und mussten alles erzählen. Die Mädchen nahmen es den beiden nicht übel, wollten aber ein wenig Taschengeld haben, um nicht ihr sauer verdientes Geld zweimal umdrehen zu müssen. Peter konnte die Situation damals etwas beruhigen. Er versprach, wenn die Mädchen auf Taschengeld verzichten würden, sich nach einer größeren Wohnung umzuschauen. Auf diesen Deal waren sie eingegangen. Dazu hatten Peter und Richard aber noch keine Zeit gehabt. „Tja, denen werden wir es schon irgendwie verklickern. Ich hoffe nur, dass sie es verstehen.“ „Du hast recht“, sagte Richard, der mit dem Rücken zu Peter am Fenster stand. „Aber vielleicht haben die eine Idee?“ „Richard, das würde mich wundern.“
Die Wohnungstüre wurde geöffnet. Babette stand im Zimmer. „Ey, ich schwöre Euch, die Töle bringe ich irgendwann noch einmal um.“ „Welche Töle“, fragte Peter. „Na die meiner Chefin, dieser dämliche Chihuahua. Jedes Mal, wenn die in den Laden kommt, pinkelt das Vieh irgendwo hin. Ich darf nachrennen und alles aufputzen.“ „Dann verstehe ich Deinen Ärger“, versuchte Richard seine Freundin zu beruhigen. Peter war hellhörig geworden. „Erzähl mir ein bisschen mehr von Deiner Chefin und ihrem Hund.“ Babette erzählte Peter, dass ihre Chefin alleinstehend ist, das Vieh ihr ein und alles war und das die Chefin mit ihren Drogeriemärkten ein Vermögen mache. Peter nickte stumm, aber in seinem Kopf entstand ein Plan. „Warten wir auf Luise, ich Glaube, ich habe da eine Idee,“ verkündete er Richard und Babette.
Die Männer der SOKO Steiermark arbeiteten wie immer, wenn es keine besonderen Fälle für sie gab, für die Kriminalpolizei, halfen bei kleineren Ermittlungen oder waren auf Fortbildung. Besonders Gerhard, denn seine Zustimmung die Rolle Maiers am Ende des Jahres zu übernehmen, forderte noch den ein oder anderen Lehrgang. Maier und sein Freund Müller sorgten dafür, dass er die Lehrgänge ohne weitere Einsätze oder Belastungen wahrnehmen konnte. Helga hatte etwas mehr Zeit für Kathi und konnte sie bei Schularbeiten unterstützen, während Veronika ihre zugesagte Hilfe beim Schulprojekt voll ausfüllte. Müller betrat das Büro seines Chefs. „Sag mal Ernst, ich lese gerade in den internen Mitteilungen, dass sich neuerdings zwei Männer an den Bargeldabhebungen von Bankkunden bedienen?“ „Ja das ist richtig. Allerdings gibt es kaum Verwertbares an Spuren. Selbst die Beschreibungen der Männer unterscheiden sich erheblich. Die Überfallenen sind so geschockt, dass sie es nicht schaffen einen klaren Blick zu behalten. Ich sage Dir, so etwas nervt gewaltig.“ „Uns Kriminalisten nervt das sicher, aber spektakulär ist es allemal. Hinzu kommt, dass bei der Vielzahl an Geldautomaten in der Stadt keine dichtere Überwachung möglich ist.“ „Ich weiß Hubert, aber was sollen wir machen. Es ist momentan nicht unsere Aufgabe. Was machen die Kollegen eigentlich?“ „Nun, Planner und Rainer arbeiten für die Kripo an einem Fall von Autodieben und Gerhard ist bei einem seiner Lehrgänge.“ „Apropos Gerhard“, schaute Maier den Kollegen an. „Ich habe mich erkundigt, es läuft gut für ihn. Er ist fleißig und absolviert die Prüfungen ohne größere Probleme. Der Brigadier weiß nur noch nicht, in welcher Art und Weise er Gerhard in Zukunft einstuft. Als Gruppeninspektor dürfte er meinen Job nicht antreten. Schauen wir mal, wie das abläuft. Er sagte mir zu, dass er sich darum kümmere.“ „Dann bin ich gespannt. Aber ich hätte kein Problem, wenn Gerhard, als Chef, einen niedrigeren Dienstgrad hätte als ich.“
Luise kam nach Hause. Auch ihr bemerkten die anderen an, dass sie keine gute Laune hatte. „Und welche Laus ist Dir über die Leber gelaufen?“, fragte Peter beim Abendessen. „Also ich bin ja immer freundlich, aber die Frau Stadtrat aus Wien hat sich bei meinem Chef beschwert, ich sei eine Zicke und sehr unfreundlich zu ihr.“ Peter lächelte. „Na ja, mit Zicke… .“ Weiter kam er nicht, denn der Ellbogen seiner Freundin beendete Peters Satz sehr schnell. „Gut, vielleicht war ich etwas unfreundlich zu ihr, aber diese Ziege lässt sich bedienen und gibt mir dafür fünf Cent Trinkgeld. Ich konnte es kaum glauben. Die verdient wie König und gibt mir fünf Cent. Da bin ich nur sehr freundlich gewesen und habe ihr die fünf Cent wieder auf den Tisch gelegt. Ich sagte ihr, dass ich keine Almosen bräuchte. Aber sie musste sich beschweren.“ „Und Dein Chef?“, fragte Babette. „Der gab mir ne Ermahnung, obwohl ich ihm die Geschichte erzählt habe. Wenn das noch einmal vorkäme, dann könnte ich mir ne andere Ausbildungsstelle suchen, meinte er.“ Ihre Mimik beim letzten Satz trug dazu bei, dass die anderen Lachen mussten. „Wie viel habt Ihr heute gemacht?“, wollte sie nun von Richard und Peter wissen. Peter hob die Augenbrauen und schnaufte durch. „Knappe zweihundert. Aber hört mal, es wird langsam gefährlich für uns. Die Bullen haben keine Beschreibung, aber die Zeitungen berichten über die Überfälle. Ich meine, wir sollten uns etwas anderes einfallen lassen.“ „Aber wenn es keine Beschreibungen von Euch gibt, dann ist das doch gut“, stellte Luise fest. „Schon, aber ich habe kein gutes Gefühl mehr.“ „Also ich will nicht, dass mein Richard in den Knast kommt“, fügte Babette dem Gespräch hinzu. Alle Augen waren in diesem Moment fragend auf Peter gerichtet. „Eine Idee hätte ich schon. Wir kämen vermutlich schneller an mehr Kohle und das ohne großes Aufsehen.“ „Mein Peter, wie er leibt und lebt. Lass mal hören?“ Peter erzählte von seinem neuen Plan, der Anklang fand. Die Vier beschlossen, sich in den nächsten Tagen um Einzelheiten zu kümmern.
So war es dann auch. Die letzten Tage hatten sich Richard und Peter freigenommen, um sich auf die zukünftige Aufgabe vorzubereiten. Auch die Mädchen hatten ihren Beitrag dazu geleistet. Am Abend des vierten Tages war es so weit. Sie zogen Peters Plan durch. Wie verabredet hatte sich Babette bei Richard auf dem Handy gemeldet. Richard und Peter verließen die Wohnung und bezogen Posten vor dem Haus von Babettes Chefin. Sie mussten etwas über eine Stunde warten, bis diese vor dem Haus ankam. Als Karin Ortfried aus dem Wagen stieg, um die Garage zu öffnen, sprangen die beiden hinter der Hecke hervor, öffneten die hintere Wagentüre und nahmen den Hund aus dem Auto. So schnell, wie sie gekommen waren, so schnell waren sie auch wieder verschwunden. Frau Ortfried bekam den ersten Teil nicht mit, aber als sie sich umdrehte und die offene Wagentüre sah, wurde sie bleich. Sie rannte zum Auto und musste sehen, dass ihr Hektor weg war. In der Annahme, sie hätte die Wagentüre schlecht verschlossen und ihr Hektor sei aus dem Auto gesprungen, begann sie nach ihm zu rufen. Richard und Peter rannten in der Zwischenzeit mit dem Hund weg. Allerdings war Hektor nicht sehr zutraulich und biss Richard in die Hand. Vor lauter Schreck und Schmerz ließ er den Hund fallen. Peter versuchte noch ihn zu erwischen, allerdings war der Kleine schneller und rannte wieder zum Grundstück zurück. „Scheiße, ich blute.“ Richard hielt sich ein Taschentuch an die Hand. „Halt durch Kumpel, wir müssen erst mal weg hier und dann sehe ich mir das an“, erwiderte Peter. Erst zwei Straßen weiter nahm er sich die Zeit, Richard Hand anzusehen. „Hör mal, das ist nichts, was lebensgefährlich ist. Ein kleiner Verband und der Biss ist in drei Tagen vergessen.“ „Aber das Mistvieh hat mich gebissen.“ „Ich sehe es, aber jammer nicht rum, davon wird es auch nicht besser. Fahren wir nach Hause, damit ich Dich verbinden kann.“
Die Mädchen hatten zu Hause gewartet und halfen Peter beim Verbinden der Hand. „Mann, wenn der Tollwut hat, dann gehe ich drauf.“ Babette verdrehte die Augen. „Sei unbesorgt, der hat keine Tollwut. Du wirst ihn einfach zu fest angepackt haben.“ Nachdem Richard verbunden war, stellte Luise die Frage, was man nun machen solle. „Ich weiß es nicht“, antwortete Peter. „Kein Problem, wir versuchen das ein zweites Mal. Morgen habe ich frei und werde mit Peter das Vieh holen“, beantwortete Babette Luises Frage. „Mich kennt der und wird zahmer sein als bei Richard. Morgen früh werde ich noch eine Leine besorgen, damit wir ihn unter Kontrolle haben.“
Frau Ortfried war froh, dass ihr Hektor nach ein paar Rufen wieder auftauchte. Sie nahm den Hund auf und drohte ihm mit ihrem Zeigefinger. „Dudu Herkules, einfach weglaufen. Unanständiger Kerl. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ Damit war für sie die Sache vergessen, vorerst vergessen.
Tatsächlich hatte sich Babette am nächsten Morgen auf den Weg gemacht, eine Leine besorgt und bereits am Abend war sie mit Peter wieder vor dem Haus. Diesmal lief die Entführung ebenso schnell ab, wie am Vorabend. Und auch diesmal fing Babettes Chefin an, an sich selbst zu zweifeln. Doch so laut sie an diesem Abend nach ihrem Hund rief, er kam nicht wieder zurück. Tatsächlich war Hektor bei Babette, die er kannte, etwas friedlicher, auch wenn er immer wieder an der Leine zog und den Rückwärtsgang einlegen wollte. Irgendwann sah er ein, dass es keinen Zweck hatte, und folgte seinen Entführern. Richard zog sich ein wenig zurück, als die Bestie, wie er Hektor nannte, anfing an seinem Bein zu riechen, während Luise einen Teller mit Hundefutter auf den Boden stellte. „Und jetzt?“, fragte Luise. „Jetzt haben wir den Hund und jetzt muss einer von uns bei der Frau anrufen und Lösegeld fordern. Wer macht das?“ Peters Frage schien auf taube Ohren zu stoßen. „He Leute, jetzt mal los, einer muss anrufen oder soll ich das wieder machen?“ Richard bewegte sich. „Peter, Du kannst Dich am besten ausdrücken und bist cool. Bitte mach Du das.“ Die Mädchen nickten und Peter verstand. Es blieb an ihm hängen. „Ok ich mach das.“ Er stellte sein Handy um, damit seine Nummer nicht aufschien, und wählte die Nummer, die Babette ihm gegeben hatte. Frau Ortfried meldete sich am anderen Ende. „Hallo“, sprach Peter mit verstellter Stimme. „Wir haben Ihren Hund entführt.“ „Wie geht es meinem Kleinen? Ihm ist doch hoffentlich nichts passiert?“, fragte Babettes Chefin aufgeregt nach. „Nein, es geht ihm gut.“ „Was wollen Sie von mir? Bitte geben Sie mir Hektor wieder zurück“, fleht die Frau nun. „Beruhigen Sie sich. Sie werden den Hund bekommen, wenn Sie uns fünfzigtausend Euro übergeben. Wann und wo teilen wir Ihnen noch mit. Aber lassen Sie die Polizei aus dem Spiel, ansonsten sehen Sie den Hund nie wieder.“ Peter legte auf, ohne auf eine weitere Reaktion der Frau zu warten. „Peter Du bist Spitze“, sagte Richard. „So wie Du, hätte ich das nicht gekonnt, cool, Du bist echt cool.“
Karin Ortfried überlegte eine Weile. Am Ende ihrer Überlegungen griff sie zum Telefon und wählte die Nummer der Polizei. „Guten Tag mein Name ist Karin Ortfried, mein Hektor wurde entführt und ich habe einen Anruf bekommen, in dem die Summe von 50.000 Euro gefordert wurde. Können Sie mit jemanden zuverlässigen Schicken? Ich möchte auch nicht, dass die Öffentlichkeit von der Entführung erfährt.“ Der Polizist hatte die Fakten aufgenommen und versprach Frau Karin Ortfried, die Kollegen zu informieren. Es würde jemand vorbeikommen.
Maier bekam den Anruf des Brigadiers wenig später. Er rief Helga und Müller kurz vor deren Feierabend in sein Büro. „Passt auf, wir haben eine Entführung. Diese spielt sich im Umfeld der Besitzerin einer Drogeriekette ab. Absolute Diskretion ist angesagt. Hubert, ich bitte Dich das zu übernehmen, wenn Du Hilfe brauchst, dann ziehen wir Planner und Rainer bei der Kripo wieder ab. Helga, sobald Dir Hubert die Daten und ein Bild geschickt hat, gib das bitte in den Computer ein. Dann legt los.“ Nachdem Müller die Adresse der Frau erhalten hatte, machte er sich auf den Weg zu ihr. Beim Haus angekommen klingelte er. Frau Ortfried öffnete und bat ihn ins Haus. Als er im Wohnzimmer saß, begann er seine Fragen zu stellen. „Frau Ortfried, Hektor ist der Name des Entführten?“ „Ja Herr Inspektor, Hektor.“ „Können Sie mir weitere Daten nennen?“ „Natürlich. Hektor ist jetzt elf Jahre alt und lebt seit zehn Jahren bei mir. Er ist wie ein Kind für mich.“ Müller notierte sich das Alter. „Haben Sie ein Bild von Hektor?“ Frau Ortfried stand auf, ging zu einer Kommode und nahm ein Bild. „Hier das ist mein Hektor.“ Müller blieb der Mund offen stehen. „Das ist Hektor?“, stotterte er. „Das ist Hektor. Wie gesagt, er ist mein ein und alles, begleitet mich auf jedem Weg und ist immer in meiner Nähe. Vor zwei Tagen war er schon einmal weg, kam aber gleich wieder zurück. Die Situation war die gleiche. Meine Wagentüre stand offen und Hektor war verschwunden. Vorhin bekam ich einen Anruf. Es werden 50.000 Euro für seine Freilassung gefordert. Aber Herr Inspektor, dass sich die Sonderkommission der Polizei darum kümmert, zeigt mir, wie ernst Sie diese Entführung nehmen. Wenn ich nur daran denke, was ihm alles geschehen könnte. Ich bitte Sie, alles zu unternehmen, damit Hektor wieder gesund zu mir kommt.“ „Das werden wir Frau Ortfried. Darf ich das Bild mitnehmen? Wir werden es an die Polizeiposten weiterleiten.“ „Natürlich Herr Inspektor“, antwortete die Frau dem immer noch verdutzten Müller. Er stand auf und verabschiedete sich von der Frau, die sich nochmals bei ihm bedankte. Müller saß eine Minute im Wagen, um zu Verdauen, dass es sich beim Opfer um einen Hund handelte. Er rief Maier an. „Hallo Ernst, hier ist Hubert. Sag mal, weißt Du, wer und was der Entführte ist?“ „Nein Hubert, ich habe nur, was der Kollege bei der Meldung aufgenommen hat. Weißt Du denn schon mehr?“ „Ja, der Entführte heißt Hektor und ist elf Jahre alt.“ „Ach du liebe Zeit, ein Kind. Ich denke, ich werde Planner und Rainer hinzuziehen und wir müssen diese Entführung diskret behandeln.“ „Ernst, Hektor ist kein Kind, Hektor ist ein Hund.“ Müller bemerkte, wie Maier erstarrte. Es dauerte einige Sekunden, bis er seine Fassung wieder zurückhatte. „Aber nicht wirklich?“ „Doch Ernst. Lass Planner und Rainer bei der Kripo. Ich werde das machen. Ich werde das Bild abfotografieren und Helga schicken. Geh mal zu ihr ins Büro, aber sage ihr noch nichts.“ „Mach ich, auf das Gesicht bin ich auch gespannt.“ Müller schickte das Bild an Helga, in deren Büro mittlerweile Maier war. Es war so, wie die beiden Polizisten gedacht hatten, auch Helga blieb der Mund, vor lauter Erstaunen, offen stehen. Sie schaute Maier fragend an. „Helga, das ist Hektor, unser elfjähriges Entführungsopfer.“
Babettes Chefin startet Ihre Besuche in den Drogeriemärkten, wie jeden Tag, in dem Geschäft, in welchem Babette arbeitete. Babette sah sofort die roten Augen ihrer Chefin. Um nicht aufzufallen, sprach sie die Frau an. „Frau Ortfried, Sie haben ganz rote Augen und wo ist Hektor heute?“ „Ach Babette, ich habe wohl ein wenig zu viel Pollen abbekommen und Hektor hatte heute Morgen Durchfall, ich habe ihn in die Tierklinik gebracht, wo man ihn sich ansieht.“ „Chefin, wir führen gute Produkte, die den Augen helfen und für Hektor drücke ich die Daumen.“ „Ja, Sie haben recht, ich werde mir Tropfen mitnehmen. Vielen Dank.“ Nachdem die Chefin ins Büro gegangen war, atmete Babette erst einmal durch. Sie wartete bis zur ersten Pause und rief Luise an, die auf den Hund aufpasste. „Luise, hier ist alles klar. Die Chefin hat mir gesagt, dass der Hund in der Tierklinik ist. Kein Wort von Entführung oder Polizei.“ „Na toll, wenigstens ist bei Dir alles klar. Ich plage mich mit dem Hund herum. Das Vieh will nichts fressen. Egal welches Futter ich ihm hinstelle, er ignoriert es. Wenigstens geht er ab und zu ans Wasser, um zu trinken.“ „Mann, was der frisst weiß ich auch nicht. Aber die Männer sollen mal in ein Tiergeschäft gehen und anderes Futter kaufen. Irgendwann wird die Töle hoffentlich Hunger kriegen.“ „Sag ich Ihnen.“ „Du ich muss Schluss machen, die Chefin kommt.“ Babette drückte auf den Knopf des Handys, sah in den Raum und rauchte weiter, so, als ob nicht geschehen wäre. Ihre Chefin schenkte sich einen Kaffee ein. Babette hatte eine Idee. „Der arme Hektor“, sagte sie. „Hat er vielleicht etwas Verkehrtes gegessen?“ „Nein Babette, er hat das Gleiche bekommen wie immer. Nun, wahrscheinlich hat er sich nur einen kleinen Infekt hinzugezogen. Das wird schon wieder.“ „Sagen Sie Chefin, ich überlege auch schon, mir einen kleinen Hund anzuschaffen. Was frisst den so ein kleiner Hund?“ „Das kommt darauf an, mit was er aufgezogen wurde. Mein Kleiner bekommt nur edles Futter, teuer, aber gut für ihn.“ „Haben Sie eine spezielle Sorte?“ „Ja, aber die wird für Sie ein wenig über dem Budget liegen.“ Nach dieser Antwort verließ die Chefin den Aufenthaltsraum. Babette hatte nicht herausbekommen, was der Hund frisst. Also mussten die Männer irgendwelchen Hundekrimskrams kaufen und versuchen, was dem Biest schmeckt.
Währenddessen versuchte Luise, dem Hund Kunststücke beizubringen. Sie versuchte es aber nur, denn Hektor wollte seine Ruhe haben. Richard und Peter kehrten vom Einkaufen zurück. „Hier eine Auswahl Hundefutter. Echt teuer das Zeug, aber was macht man nicht alles, um an ne menge Kohle zu kommen.“ Richard stellte die Tasche auf den Tisch. Luise schaute sich die Futterdosen an. „Meint Ihr wirklich, dass Ihr das Zeug dabei habt, was dem Hund schmeckt?“ „Was weiß ich?“, sagte Peter. „Du musst es einfach ausprobieren. Bist Du mit dem Teil wenigstens mal draußen gewesen?“ „Ne, war ich nicht.“ „Dann geh mal raus, nicht das mir der hier in die Bude pisst.“ Luise nahm die Leine zur Hand. „Richard hilf mir mal.“ Richard wollte den Hund anleinen, aber der knurrte, bellte ihn an und schnappte wieder nach ihm. „Mistvieh“, rief er, als er gerade noch die Hand wegzog. „Wahnsinn, dass Vieh hat es auf mich abgesehen. Wenn der so weitermacht, dann werfe ich ihn aus dem Fenster.“ „Beruhige Dich, das ist normal. Er steht halt auf frisches Fleisch“, lachte Peter. Er überlegte kurz. „Das ist übrigens eine Idee, wenn er das Dosenfutter nicht frisst, dann kaufen wir frisches Fleisch. Normal fahren die Teile doch darauf ab, oder?“ „Weiß nicht“, murmelte Luise. Sie hatte Hektor selbst angeleint und war auf dem Weg aus der Wohnung. Auf der Treppe kam ihr ein Mann mit einer Aktentasche entgegen. Er schaute etwas missmutig, als er den Hund sah. „Guten Tag, ich bin von der Hausverwaltung. Wohnen Sie bei Herrn Klaus?“ „Ja, warum?“ „Ich bin auf dem Weg zum ihm. Uns wurde mitgeteilt, dass er in seiner kleinen Wohnung mittlerweile eine Wohngemeinschaft hat. Laut Mietvertrag ist das Untervermieten nicht gestattet und Haustiere sind in dieser kleinen Wohnung ebenfalls nicht erlaubt.“ „Fragen Sie ihn selbst und der Hund ist nur für ein paar Urlaubstage hier.“ Sie ging weiter und ließ den Mann der Hausverwaltung stehen. Es interessierte sie nicht, was der Typ wollte. Auf der Straße pinkelte der Hund an jedes Eck. Dann bemerkte Luise, dass er sein Geschäft machte. Sie blieb stehen, um ihm die Zeit dazu zu geben. Sie rümpfte die Nase, als er fertig war. Der Gestank verbreitete sich unangenehm. Sie war noch keine zehn Meter weiter gegangen, als sie von zwei uniformierten der Stadtwache angehalten wurde. „Sie haben den Haufen des Hundes nicht entfernt, wie es das Gesetz vorschreibt. Ist das Ihr Hund?“ Luise schüttelte den Kopf. Was noch alles? „Nein, ich passe nur heute auf ihn auf.“ „Wissen Sie nicht, dass Sie verpflichtet sind den Hundehaufen zu entfernen? Überall in der Stadt gibt es Spender, in denen Sie kleine Säcke entnehmen können.“ „Ne, weiß ich nicht.“ Sie war es jetzt schon überdrüssig, von den beiden angehalten zu werden. „Ok, ich werde mir so was besorgen und dann den Haufen wegräumen. Ist das ok?“ „Nein, junge Frau, so einfach ist das nicht. Haben Sie einen Ausweis dabei?“ „Nein, sehen Sie doch, nur Zigaretten und Handy. Ich bin ja nur kurz raus mit dem Hund. Da werde ich keinen Reisekoffer mit irgendwelchen Unterlagen mitnehmen.“ Die beiden Herren der Stadtwache sahen sich an. „Haben Sie nichts dabei mit dem Sie sich ausweisen können?“ „Ne, sagte ich doch.“ „Ist das Ihr Handy? Wenn ja, dann geben Sie mir bitte Ihre Nummer.“ Luise gab dem Mann die Nummer. Er rief kurz bei ihr an, damit bestätigt war, dass es sich um ihre Nummer handelte. Danach rief er bei der Stadtwache an und gab ihre Nummer durch. Kurz danach schaute er sie an. „Sie sind Luise Dermer?“ „Jep, das bin ich.“ „Frau Dermer, stimmt die Adresse?“ Er las die Adresse vor. „Mann, ja, Name passt, Adresse passt und jetzt?“, fragte sie schnippisch. Ihr wurde der ganze Aufwand zu viel. Der zweite Typ hatte mittlerweile einen Block aus der Tasche gezogen. „Sie werden jetzt eine Geldbuße erhalten, weil Sie den Haufen nicht entfernt haben. Wollen Sie gleich zahlen oder soll es über die Behörde laufen?“ „Hey, ich sagte doch, ich werde ein Sackerl besorgen und die Scheiße entfernen. Wozu ne Geldbuße?“ „Als erzieherische Maßnahme. In Zukunft werden Sie dann wohl gleich an die Beseitigung des Haufens denken. Wir wollen aber gnädig sein, nachdem der Hund nur heute bei Ihnen ist. 90 Euro werden wohl genug sein.“ Während dieser Ansage hatte der zweite Kerl von der Stadtwache Bilder vom Hundehaufen gemacht. Luise fing an zu lachen, als sie das sah. Passanten blieben nun neugierig stehen. „Der Typ fotografiert Scheiße, ich halte es nicht aus. Wohl ein Bild für dem Kaminsims zu Hause? Und was sagen Sie, 90 Euro?“ „Frau Dermer, lassen Sie die Beleidigungen. 90 Euro sind sehr human für diese Ordnungswidrigkeit. Zahlen Sie sofort oder müssen wir es über die Behörde laufen lassen?“ Mittlerweile standen 9 Passanten um sie herum. Luise hörte pro und contra, wobei sich die meisten beschwerten, dass die Strafe zu niedrig sei. „Ok, lassen wir es über die Behörde laufen, ich habe jetzt keine Kohle dabei und meine Adresse haben Sie ja.“ Der Mann von der Stadtwache nickte. „Ist in Ordnung.“ Eine Frau, die ebenfalls einen Hund an der Leine hatte, gab Luise ein Plastiksackerl, damit sie den Haufen wegräumen konnte, während der eine einen Zettel ausfüllte, den er ihr gab, bevor sich die Versammlung auflöste. Als die beiden Herren weg waren, stand sie da und schüttelte mit dem Kopf. Zu den Passanten gewandt, die noch bei ihr standen, sagte sie: „Irre diese Typen, der eine fotografiert Scheiße und der andere labert nur Scheiße.“
„Richard, mach mal die Türe auf. Wird wohl Luise sein, die ihre Zigaretten vergessen hat.“ Richard ging zur Türe, öffnete diese und sah einen Mann, der neben der Aktentasche auch einen Block in der Hand hielt. „Guten Tag, ich bin von der Hausverwaltung. Uns wurde gemeldet, dass der Mieter, Herr Klaus untervermietet. Sind Sie Herr Klaus?“ „Nein, ich bin ein Freund. Warten Sie. Peter, komm mal.“ Peter kam zur Türe. Der Mann sagte seinen Satz wieder auf. „He, wie kommt jemand dazu, einen solchen Blödsinn zu verzapfen?“ „Das wissen wir nicht, aber wir sind verpflichtet, jeder Meldung nachzugehen. Wollen Sie mich in die Wohnung lassen?“ „Nein, warum?“ „Herr Klaus, das sagte ich Ihnen bereits. Außerdem sind wir berechtigt, Ihre Wohnung zu besichtigen, wenn Mietverstöße vermutet werden. Sehen Sie, hier im Mietvertrag können Sie es nachlesen.“ Er hielt Peter den Mietvertrag vor die Nase. Ein Absatz war mit einem Leuchtstift markiert worden. „Aha, na dann kommen Sie mal rein.“ Der Mann ging in die kleine Wohnung und schaute sich um. „Wie viele Personen wohnen hier?“ „Nur wir zwei, mein Kumpel hier und ich“, antwortete Peter. „Ich bin einer Frau auf der Treppe begegnet, die behauptet auch bei Ihnen zu wohnen.“ „Ja ne, wohnen ist ein wenig übertrieben. Es war wohl meine Freundin Luise, die ist nur zu ab und an zu Besuch hier. Genauso wie die Freundin meines Kumpels.“ Der Mann nickte stumm und notierte sich die Worte Peters im Block. „Sie haben also nichts untervermietet?“ „Nein, sage ich doch.“ „Gut, dann will ich so akzeptieren. Noch etwas, Sie wissen, dass Tierhaltung in dieser kleinen Wohnung, laut Mietvertrag, nicht erlaubt ist?“ „Keine Ahnung, aber der Köter ist nur ein paar Tage hier. Wir passen auf ihn auf.“ Auch das notierte sich der Herr im Anzug. Anzugtypen konnte Peter nicht ausstehen und war froh, als der Mann wieder ging, ohne irgendwelche Schwierigkeiten zu machen. Dieser traf auf der Treppe wieder auf Luise. „Nur einige Tage, dann muss der Hund die Wohnung wieder verlassen“, sagte er etwas spitz zu ihr. „Ja ja, ist schon recht.“ Was für ein Idiot, dachte sich Luise. Nachdem sie die Wohnung betreten hatte, erzählte sie Richard und Peter, was sich auf der Straße abgespielt hatte. Während Peter nur ungläubig schaute, sagte Richard: „Wenn wir die Kohle haben, dann zahlen wir das aus der Portokasse.“
„Habe ich richtig gehört? Bei dem Entführten handelt es sich um einen Hund?“ Maier war außer sich. „Nur weil die Dame ein paar Geschäfte hat und sich sozial engagiert, sollen wir den Fall bearbeiten?“ Der Brigadier, den Maier am Telefon hatte, wand sich ein wenig um die Antwort. „Herr Oberleutnant Maier, ich verstehe ja, dass Sie wütend sind. Aber was soll ich machen? Die Order kam von ganz oben. Im Moment gibt es nun mal keinen anderen brisanten Fall.“ „Ah, verstehe, von ganz oben“, entgegnete Maier, „Keinen anderen brisanten Fall. Als wenn ein entführter Hund ein brisanter Fall wäre. Also Müller wird das bearbeiten. Planner und Rainer lassen wir bei der Kripo und Begner bei seinem Lehrgang. Nur damit Sie wissen, wie brisant ich den Fall einschätze.“ „Ja Maier, ist gut, sollten Sie die Kollegen benötigen, dürfen Sie jederzeit auf sie zugreifen.“ „Danke“, sagte Maier und legte auf. Müller, der während des Telefonats die ganze Zeit anwesend war, schmunzelte. „Die haben doch einen Vogel. Ich beneide Gerhard nicht, wenn er diesen Posten übernimmt. Mit solchen Deppen von ganz oben muss man sich herumschlagen, während reihenweise Menschen an Bankautomaten überfallen werden. Verzeih mir Hubert, aber da kommt mir die Galle hoch.“ „Schon gut, ich verstehe Dich ja, aber sieh es positiv, bald bist Du diesen Irrsinn los.“ „Hast ja recht. Gibt es in diesem brisanten Fall schon Neuigkeiten?“ „Nein noch nicht. Ich werde zur Ortfried fahren und mit ihr alles besprechen. Wenn es zu einer Geldübergabe kommt, dann sollten wir auf alles vorbereitet sein.“
Peter rief bei Frau Ortfried an. „Halten Sie ab heute Mittag das Geld bereit. Ich werde Ihnen noch sagen, wo die Übergabe stattfindet. Haben Sie verstanden?“ „Ja, aber wie geht es Hektor?“ „Dem geht es gut, keine Angst. Ich melde mich wieder.“ „Ich weiß nicht, der frisst immer noch nichts“, sagte Richard. „Dann soll er verhungern, wenn er meint. Ich halte das mit dem Vieh hier sowieso nicht mehr lange aus und ausgerechnet heute müssen Babette und Luise arbeiten. Gehst Du mit dem Teil raus zum Pinkeln?“ Richard verneinte Peters Frage. „Sicher nicht. Der mag mich nicht und ich will kein Aufsehen erregen, wenn ich den erschlagen muss.“ „Richard bitte“, wurde Peter nun lauter. „Das Ding bringt uns 50.000 Euro, also lass ihn am Leben. Du musst ja keine Liebesbeziehung mit ihm anfangen oder Deine Hand hinhalten. Geh mit dem Hund raus. Ich werde ihn Dir sogar anleinen. Die zehn Minuten wirst Du schon überstehen und nimm irgendeinen Beutel für seine Scheiße mit.“ Als Richard die Wohnung verlassen hatte, kam Peter an diesem Morgen zum ersten Mal zur Ruhe. Er fragte sich, wie zum Teufel er es die ganzen Jahre geschafft hatte, Richard ohne Nervenzusammenbruch mitzuziehen. Er war einfach nicht der hellste, aber er nahm sich vor, irgendwann in der Zukunft, sich von Richard ein wenig zu distanzieren. Sein Blick fiel auf die diversen Hundefutterdosen. Babette hatte ihm eine SMS geschickt, in welcher sie ihm mitteilte, dass sie nicht herausgefunden hatte, was der Hund frisst. Peter legte seinen Kopf in die Hände. Im Moment hatte er das Gefühl, überfordert zu sein. Dennoch, sie mussten das jetzt durchziehen. Mit der Kohle konnte er wenigstens sein Versprechen einlösen und eine größere Wohnung suchen. Richard kam wieder zurück. „Das waren aber keine zehn Minuten“, fauchte Peter ihn an. „Ich weiß, aber mich regt das auf. Der Köter bleibt an jedem Eck stehen und pinkelt. Geschissen hat er nicht.“ Peter versuchte, ruhig zu bleiben. „Richard, wie sollte er auch, er frisst nichts, also kann er keinen Mist produzieren. Logisch, oder?“ „Ja, is irgendwie logisch.“ „Gut, Thema abgehakt. Ich werde mich auf den Weg machen und einen ruhigen Platz für die Geldübergabe suchen. Halte Du mit dem Hund die Stellung und versuche, Dich nicht beißen zu lassen.“ „Gut Peter, aber lass mich nicht zu lange alleine mit dem Biest.“ Peter versprach es ihm.
„Herr Inspektor, Sie haben gehört, was der Entführer sagte.“ Müller hatte den Anruf mitbekommen, nur was sollte er machen? „Ja Frau Ortfried. Ich bleibe bei Ihnen und wenn der Entführer wieder anruft, dann können wir handeln.“ „Sagen Sie, wollen Sie keine Fangschaltung oder was man in einem solchen Fall macht, einrichten?“ „Jetzt will die auch noch eine Fangschaltung“, dachte Müller. „Frau Ortfried, eine Fangschaltung würde uns bei der Kürze der Telefonate nicht sehr viel bringen und eine Handyortung ist ebenfalls schwierig.“ Er dachte den Satz zu Ende. „Und vor allem ein Aufwand, der sich wegen eines Hundes kaum lohnt.“ „Frau Ortfried, haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wer Ihrem Hektor das angetan haben könnte? Haben Sie einen Verdacht?“ „Nein Herr Inspektor, keinen Verdacht und wer käme denn auf die Idee einen Hund zu entführen?“ „Bekannte, Nachbarn, Angestellte?“ „Nein, nein. Meine Bekannte lieben Hektor, die Nachbarn ebenfalls und meine Angestellten sind allesamt handverlesen. Nur ich stelle Personal ein, jeder muss einen einwandfreien Leumund haben, darf nicht vorbestraft sein und einen gepflegten Eindruck machen.“ „Nicht gerade einfach“, murmelte Müller. „Wenn Sie hier auf den nächsten Anruf warten, darf ich Sie dann zum Mittagessen einladen?“ „Nein danke Frau Ortfried, aber wenn Sie einen Kaffee haben, dann würde ich diesen gerne nehmen.“ Wortlos verließ die Frau den Raum. Müller verfiel in Gedanken. Seit Jahrzehnten war er bei der Polizei, aber ein solcher Fall war ihm noch nie untergekommen. Wer kam denn wirklich darauf einen Hund zu entführen? Es musste jemand aus dem Umfeld der Frau sein. „Ihr Ein und Alles“, hatte sie gesagt. Zufall war die Entführung also keiner. Frau Ortfried kam mit einem kleinen Tablett zurück. „Hier Herr Müller, Ihr Kaffee.“ „Vielen Dank. Ich habe mir mittlerweile Gedanken gemacht. Für mich steht es fest, dass der Entführer aus Ihrem Umfeld kommen muss. Könnten wir die Zeit überbrücken und eine Liste von Personen erstellen?“ „Gerne doch. Ich werde nur im Hauptgeschäft anrufen und mitteilen, dass ich heute nicht komme.“ „Bei dieser Gelegenheit bitten Sie die Damen doch um eine Liste Ihrer Mitarbeiter.“ „Herr Inspektor, ich habe eine Kopie meiner Angestellten hier im Haus. Darf ich Sie ein paar Minuten alleine lassen. Ich gehe ins Büro, um anzurufen und bringe die Mitarbeiterliste mit.“ Auch wenn Müller dieses vornehme Getue nervte, er lächelte und stimmte der Frau zu.
Peter hatte sich in ein Kaffee gesetzt, um über einen geeigneten Ort zur Geldübergabe nachzudenken. Was war wichtig an einem solchen Platz? Er musste gut einsehbar sein, falls die Frau entgegen ihres Versprechens doch die Polizei eingeschalten hatte, es musste ein Ort sein, an dem man sich unauffällig des hinterlegten Geldes bedienen konnte und man musste schnell verschwinden können. Also leicht war das nicht. Vor allem aber und das war für ihn das Wichtigste, wer sollte das Geld holen? Richard auf keinen Fall, Babette auch nicht. Blieben nur er und Luise. Nachdem er mit Babettes Chefin telefoniert hatte, wäre es vermutlich besser, eine Frau würde das Geld an sich nehmen. „Ja, so werden wir das machen“, schoss es ihm durch den Kopf. Nur der Ort bereitete ihm noch ein wenig Kopfschmerzen. Peter bezahlte den Kaffee und machte sich auf den Weg zur Herrengasse, wo er das Tourismusbüro betrat. Er holte sich einen der kostenlosen Stadtpläne, um in aller Ruhe suchen zu können. Abermals setzte er sich in ein Kaffee. Viele kleine Gassen, durch die man verschwinden könnte befanden sich in der inneren Stadt. Allerdings war der Hauptplatz auch kein schlechter Ort. Nein, zu gefährlich, wenn man diese Ortfried beobachtete. In dem Moment, als eine Trambahn an ihm vorbeifuhr, hatte er die Idee. In diesem Moment war er wieder stolz auf sich. Alles war einfach, wenn man nur Länger darüber nachdachte. Peter bezahlte und machte sich wieder auf den Weg zu Richard und dem Hund.
Maier rief bei Müller an. „Bist Du im Haus und ist diese Ortfried neben Dir?“ „Ja, das bin ich.“ „Dann geh mal nach draußen. Mir reicht es langsam, ich muss mit Dir reden.“ „Ich werde Dich in fünf Minuten zurückrufen.“ Müller stand auf. „Frau Ortfried, ich muss für einen Moment nach draußen gehen. Ein wichtiges Telefonat. Ich bin auf jeden Fall im Garten. Sollte der Entführer anrufen, dann machen Sie sich bitte bemerkbar.“ „Das verspreche ich Ihnen Herr Inspektor.“ Müller machte sich auf den Weg in den Garten. „Ernst, was kann ich für Dich tun?“ „Hubert, ich werde hier noch wahnsinnig. Laufend rufen die Kollegen an und verarschen uns. Selbst Gerhard hat angerufen und süffisant gefragt, ob wir ohne ihn klarkommen.“ „Darüber darfst Du gar nicht nachdenken. Lasse sie reden. Wir schaukeln das Ding schon. Aber wenn es Dir im Büro zu viel wird, dann komm zu uns. Das macht auf die Ortfried bestimmt Eindruck, wenn der Chef der SOKO selbst kommt und sich der Entführung annimmt.“ Müller hatte dies scherzhaft gesagt, aber Maier befand die Idee für gut. „Ich werde das machen, ich komme zu Euch. Danke Hubert, bis bald.“ Müller schaute auf sein Handy. Hatte er eben richtig gehört? Maier wollte tatsächlich kommen? Dann musste es wirklich übel sein, im Büro zu sitzen und den Spott über sich ergehen zu lassen. „Na ja“, dachte er sich, „Dann bin ich mit der Ortfried wenigstens nicht mehr alleine.“ Natürlich war die Ortfried erfreut, den Chef der SOKO nach etwa einer halben Stunde begrüßen zu dürfen. „Ich sehe, Sie nehmen die Sorgen der Bürger ernst. Darf ich auch Ihnen einen Kaffee anbieten?“ Maier bedankte sich. Als Frau Ortfried das Zimmer verlassen hatte, wandte er sich an Müller. „Verdammt Hubert, was machen wir hier?“ Müller begann zu lachen. „Wir warten auf den Anruf des Entführers.“ „Österreichs Polizei lacht über uns und wir spielen die Deppen.“ „Ernst, mach eine gute Miene, lächle und die Frau ist zufrieden.“ Maier verzog das Gesicht. „Na gut, dann warten wir.“
Als Peter die Wohnung betrat, sah er Babette, die bereits zu Hause war, am Tisch sitzen und weinen. „Was ist los Babette?“ Sie deutete nur mit dem Kopf in Richtung Schlafzimmer. Peter ging hinein. Richard saß am Boden und neben ihm lag der Hund. Peter sah sofort, dass sich das Tier nicht mehr rührte. „Was ist passiert Richard?“ „Ich dachte, ich kann ihm ein paar Leckerli geben, da er ja sonst nichts frisst. Aber was macht der? Bellt, knurrt und beißt mich wieder in die Hand. Das war mir zu viel, ich habe den Fleischklopfer genommen und ihm einmal auf den Kopf gehauen. Seither liegt er da.“ Peter sah, dass nun auch an Richards zweiter Hand ein Verband war. Er beugte sich zu dem Hund hinunter, der aus dem Kopf blutete. „Mausetot, Richard, der ist mausetot.“ Jetzt war der Moment gekommen, in dem es aus Peter herausplatzte. „Wahnsinn, Ihr macht mich noch alle wahnsinnig. Wie sollen wir der Frau einen toten Hund zurückbringen? Richard, nicht mal zwei Stunden kann man Dich alleine lassen und schon begehst Du einen Mord. Und was hat das Fräulein Babette zu sagen? Nichts, die sitzt nur hier und heult. Wirklich, Ihr macht mich wahnsinnig. Ich habe die Schnauze voll von Euch, gestrichen voll. Jetzt haben wir nicht nur eine Entführung begangen, sondern dank Richard auch einen Mord. Lasst Euch was einfallen, wenn ich zurück bin, dann will ich etwas Vernünftiges hören.“ Er verließ die Wohnung und knallte die Türe, als Zeichen seiner Wut, laut zu.
Babette heulte noch mehr als zuvor. Richard saß wortlos am Boden. Er schaute Babette an. „Was sollen wir jetzt machen?“ Heulend antwortete sie ihm. „Ich weiß es doch auch nicht, der arme kleine Hektor.“ „Na toll, zuerst war er für Dich ein Mistvieh und jetzt ist er der arme.“ „Richard, wie konntest Du ihn ermorden. Peter hat recht. Deswegen werden wir ins Gefängnis gehen müssen.“
