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Der kafkASKe Fortsetzungsroman von Uri Bülbül knüpft an seine Schreib- und Erzählweise des Hypertextes an und ist ein Teil seiner ZERFAHRENHEIT (www.uribuelbuel.de), wovon zwei Bände «DER AUFTRAG» und «BRACHLAND» auch als Buch erschienen sind. SOKRATES ist ein Rhizomableger dieser ZERFAHRENHEIT, ein wahnhaft dionysischer Roman und entwickelt andere Verflechtungen im Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Traum und Wachsein, Realität und Illusion, Verschwörung und Freundschaft, Lüge und Wahrheit, Staat und Gesellschaft, Polizei und Kriminalität. Es ist ein episches Schimmelbuch, das das Gehirn befällt und das Bewusstsein belegt und durch alle Ebenen und Schichten seine Fäden zieht und Sporen hinterlässt. Ein Antibiotikum gegen die Rationalität des täglichen Irrsinns. Mit der Folge 220 beginnt die dritte Etappe des Fortsetzungsromans mit Erzählschleifen jenseits des Zeit-Raum-Kontinuums.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Der kafkASKe Fortsetzungsroman von Uri Bülbül knüpft an seine Schreib- und Erzählweise des Hypertextes an und ist ein Teil seiner ZERFAHRENHEIT (www.uribuelbuel.de), wovon zwei Bände «DER AUFTRAG» und «BRACHLAND» auch als Buch erschienen sind.
SOKRATES ist ein Rhizomableger dieser ZERFAHRENHEIT, ein wahnhaft dionysischer Roman und entwickelt andere Verflechtungen im Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Traum und Wachsein, Realität und Illusion, Verschwörung und Freundschaft, Lüge und Wahrheit, Staat und Gesellschaft, Polizei und Kriminalität.
Es ist ein episches Schimmelbuch, das das Gehirn befällt und das Bewusstsein belegt und durch alle Ebenen und Schichten seine Fäden zieht und Sporen hinterlässt.
Ein Antibiotikum gegen die Rationalität des täglichen Irrsinns.
Mit der Folge 220 beginnt die dritte Etappe des Fortsetzungs-romans mit Erzählschleifen jenseits des Zeit-Raum-Kontinuums.
Umschlagbild: Philomena @HamburgMittendrin
https://ask.fm/HamburgMittendrin/answers/142045095547
Der Schriftsteller und Theaterphilosoph Uri Nachtigall wird zuhause unter der Dusche von zwei Kripobeamten verhaftet. Als er mit der Kommissarin Johanna Metzger zu flirten versucht und das Erscheinen der Polizistin in seinem Badezimmer nicht ganz ernst nimmt, bricht ihm ihr Kollege Alfred Ross, der als „Brutalokommissar“ in die SOKRATES-Geschichte eingeht, die Nase.
Vollkommen schockiert, wendet er sich an seine Freundin, die Rechtsanwältin Ayleen Heersold. Diese empfiehlt ihm, sich mit Doctor Parranoia („Willkommen im Irrenhaus“)1 in Verbindung zu setzen. So landet der verängstigte Theaterphilosoph im psychiatrischen Sanatorium, wo ihn Schwester Maja alias Lapidaria empfängt und in ihre Obhut nimmt.
Im Sanatorium lernt Uri Nachtigall Basti @Maulwurfkuchen, Lara @derherbstinmir, ihre Mutter Betti @liebeanalle, Ben @Gedankenkammer kennen; sie alle haben ihre Geschichte, vor allem aber spielen sich auch Geschichten im Polizeipräsidium und in der Familie der jungen attraktiven Polizeikommissarin Johanna Metzger ab.
Zudem entdeckt Uri Nachtigall in der Bibliothek des Sanatoriums zwei Bücher unter seiner Autorschaft, die er nicht geschrieben hat. Um der Sache auf den Grund zu gehen, bleibt er „als Gast“ in der Psycho-Villa. Die in einem Waldstück gelegene Villa aber scheint ein Verkehrsknotenpunkt der Paranormalitäten zu sein, die aus allen Richtungen in die Realität einströmen.
Und über allen Wassern schwebt die geheimnisvolle Schönheit Nadia Shirayuki.
1https://ask.fm/DoctorParranoia
Folge 220
Intermezzo
Folge 221
Folge 222
Folge 223
Folge 224
Folge 225
Intermezzo
Folge 226
Folge 227
Folge 228
Folge 229
Folge 230
Folge 231
Folge 232
Folge 233
Intermezzo
Folge 234
Folge 235
Intermezzo
Folge 236
Folge 237
Folge 238
Folge 239
Folge 240
Folge 241
Folge 242
Intermezzo
Folge 243
Folge 244
Folge 245
Folge 246
Folge 247
Folge 248
Intermezzo
Folge 249
Folge 250
Folge 251
Folge 252
Intermezzo
Folge 253
Folge 254
Folge 255
Folge 256
Folge 257
Folge 258
Folge 259
Intermezzo
Folge 260
Intermezzo
Folge 261
Folge 262
Folge 263
Folge 264
Intermezzo
Folge 265
Folge 266
Folge 267
Folge 268
Folge 269
Folge 270
Intermezzo
Folge 271
Intermezzi
Folge 273
Folge 274
Intermezzo
Folge 275
Intermezzo
Folge 276
Intermezzi
Folge 277
Folge 278
Folge 279
Folge 280
Folge 281
Folge 282
Folge 283
Folge 284
Folge 285
Zwischenbilanz-Intermezzo
Folge 286
Folge 287
Folge 288
Folge 289
Folge 290
Folge 291
Folge 292
Folge 293
Folge 294
Folge 295
Folge 296
Folge 297
Folge 298
Folge 299
Intermezzo
Folge 300
Intermezzo
Folge 301
Folge 302
Folge 303
Folge 304
Folge 305
Intermezzo
Folge 306
Folge 307
Folge 308
Folge 309
Folge 310
Intermezzo
Folge 311
Folge 312
Intermezzi
Folge 313
Folge 314
Folge 315
Folge 316
Folge 317
Folge 318
Intermezzo
Folge 319
Folge 320
Folge 321
Folge 322
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Folge 326
Folge 327
Folge 328
Intermezzo
Folge 329
Folge 330
Folge 331
Folge 332
Intermezzo
Folge 333
Der verehrte Graf von Monte Inkasso @Graf_Otto beehrt mein Profil und fragt, ob ich denn nicht als Theater Querulant mal was Vernünftiges aufführen könne; denn SOKRATES sei schon lange «tooot»! Ich glaube, der Herr Graf ist ein Freund von Adonis Narrat und kommt bald ins Spiel ;) Teil 220:
Uri Bülbül
Wenn er auch nur annähernd geahnt hätte, wie faszinierend die Untersuchungsrichterin durch ihre Schönheit war, hätte er sich mit seiner Morgentoilette mehr Mühe gegeben. So aber saß er muffelig und unrasiert neben seinem schnieken Freund und Auftraggeber, dem Anwalt Markus Kolbig, der äußerst ernst und konzentriert wirkte, und musste sich von der Richterin fragen lassen: «Und Sie sind der Beschuldigte, Arthur Francis Suthers?» «Na ja», hob er schwerfällig an. Da bohrte sich auch schon der spitze Ellenbogen des Anwalts in seine Rippen. Atemlos träumte er lieber von den Waden und Fesseln der Richterin in schwarzen Nylons, die er gesehen und schier angestarrt hatte, als sie den kleinen Verhandlungsraum betrat. Nun war er, wie es die phänomenologisierenden Kollegen auszudrücken pflegten, auf seine EIDETIK angewiesen, da ihr Körper ab der Bauchhöhe hinter dem Richtertisch verschwand. Das Wissen um ihre schönen Beine hatte sich wie ein Angelhaken in seinem Bewusstsein verhakt. Es galt eben nicht der Satz: Aus den Augen, aus dem Sinn. Nun wurde er also auch noch zu allem Überfluss für diesen schnöseligen und arroganten Suthers gehalten. Seine Laune war im Keller, seine Gefühle aufgewühlt. Der Richterin war der Rippenstoß nicht entgangen. Was sollte das für eine dämliche Verteidigungsstrategie werden? Sofort gab sie dem Gerichtsdiener ein Zeichen; sie hatte drei von ihnen angefordert: zwei bewachten die Tür von außen, da dies eine nicht öffentliche Sitzung war; und ein Gerichtsdiener stand innen an der Tür. Auf das Zeichen der Richterin straffte sich sein Körper. «Überprüfen Sie die Personalien dieses Mannes! Ich möchte seinen Ausweis auf meinem Tisch haben!» Hardenberg pfiff verächtlich durch die Zähne, als er an seine hintere Hosentasche griff, um erschrocken festzustellen, dass er sein Portemonnaie zu Hause liegen gelassen hatte. «Tut mir sehr Leid, aber...» Die Richterin schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: «Herrschaften, was wird das für eine Vorstellung? Wo ist der Verdächtigte? Wessen genau wird er beschuldigt? Und wer ist dieser Herr neben dem Herrn Rechtsanwalt? Warum kann er sich nicht ausweisen?» Kommissar Hoffmann konnte sich ein grinsen nur schwer verkneifen. «Wenn sie nur wüsste!» ging es ihm durch den Kopf und eine diebische Freude erhellte sein Gesicht. «Es gibt also Dinge, die der Richterin entgehen», stellte er still und heimlich für sich fest, als müsste er vor ihr sogar seine Gedanken verstecken. Aber was war das? Niklas spitzte die Ohren; das konnte doch nicht wahr sein! Die Richterin wandte sich an den Kommissar – aber mit was für einer Stimme! - in was für einem Ton? «Irgendetwas scheint Sie sehr zu erheitern, Herr Kommissar!» Niklas konnte es einfach nicht fassen, aber es war ganz klar und eigentlich für niemanden zu überhören, dass die Richterin eine äußerst vertraute und liebevolle Farbe in ihre Worte gelegt hatte. Unfassbar, dass diese Schönheit in den adipösen Kommissar verliebt war.
Guten Morgen großer Meister. Als ich mich gestern Abend der Interesse halber in Ihren Kulturtempel begab,..konnt ich nicht ahnen daß ich umgehend in die Requisitenkammer verfrachtet und in die Kulissenkiste geschmissen werde. Hätt ich's gewusst, wäre mein Rechtsanwalt über meinen Verbleib informiert
Der Graf von Monte Inkasso
Verehrter Graf, ein Anwalt wie Markus Kolbig von Kolbig und Partner, dessen Kanzleikollegin ja auf eine sehr überraschend schnelle Weise in der Psycho-Villa ums Leben gekommen ist, ein Anwalt, der schnieke vor Gericht neben seinem Detektiv und Freund sitzt und schön darauf bedacht ist, eine gute Figur vor der schönen Richterin zu machen, kann in jedem Fall mitgebracht werden - leider habe ich so meine Zweifel, was den Nutzen von Paragraphenreitern und Rechtsverdrehern angeht. Und Sie wissen ja: auf hoher See und vor Gericht... Ich kann meine Korrespondenz auch in juristischen Angelegenheiten selber viel besser und billiger führen - allerdings haben Anwälte den Vorteil, dass sie das Prozedere bei Verhandlungen besser kennen. Also ist ein Anwalt auf jeden Fall gut, solange man sich nicht blind auf ihn verlässt und immer schön selbst auch mit den Gedanken bei der Sache ist.
Aber es schmerzt mich zu hören, dass Sie sich einwenig in die Requisitenkammer abgeschoben fühlen. Ich versichere Ihnen, ein Freund des Herrn Marcellus Adonis Narrat zu sein, ist überhaupt nicht mit der Requisitenkammer zu vergleichen, sondern zumindest standesgemäß, möchte ich sagen :)
Und unsere verehrte Filomena @Phinaphilo , die ich nostalgisch wie ich bin, am liebsten mit "Ph" schreibe, hat nicht nur eine wunderbare Rolle in SOKRATES, den Sie tot... Entschuldigung: «toooot» wähnen, sondern bekommt von mir ganz aus dem Herzen auch den 3. Band des Romans gewidmet. Und Sie wären neben Marcellus Adonis Narrat mit von der Partie.
Und bitte Sie, das nicht mißzuverstehen: Gegen Ihren Vorschlag, Nietzsche zu rezitieren, ist dies überhaupt kein Einwand. Vielleicht bekommen wir die außergerichtliche Einigung zustande, dass Sokrates nicht tot ist, Nietzsche aber lebt!
Nun habe ich wirklich lange um die Frage herumphilosophiert, ob ich ein Romantiker sei und wenn ja, welcher Art. Höchste Zeit von der Romantik zum Roman zurückzukehren - SOKRATES Folge 221: Die schöne Richterin.
Uri Bülbül
«Verstehe einer die Frauen!» ging es Niklas durch den Kopf, aber ungewollt kam es ihm auch über die Lippen. «Wie bitte?» Scharf wie eine Rasierklinge huschte diese Frage der Richterin über Niklas' Gesicht. Während sein Freund Kolbig taten- und verständnislos für die menschlichen Zwischentöne neben ihm saß, reagierte der fettleibige Kommissar recht schnell: «Herr Hardenberg ist ein privat ermittelnder Kollege und im Kommissariat bei uns bekannt wie wohl gelitten!» Hoffmann konnte also bei der Richterin Eisberge zum Schmelzen bringen; der eisige Wind von ihr zu Niklas flaute augenblicklich ab. Aber nur, weil Hoffmann sich rhetorisch geschickt dazwischen geworfen hatte, wofür Niklas ihm einen dankbaren Blick zuwarf. Nun befand er sich wieder auf der Lee-Seite des Lebens. Der Oberstaatsanwalt blieb ebenso reglos wie sein Gegenüber Kolbig. Sie würden nicht lange um das unangenehme Thema herum kommen. Und die Richterin ging in medias res: «Wo ist der Beschuldigte?» Nun hatte sie Kolbig im Blick. Und Niklas neigte selbst in dieser äußerst seltsamen wie unangenehmen Situation dazu, so etwas wie eine leise Eifersucht zu empfinden. Er hätte jede furchtbare Frage der Richterin auf sich genommen, selbst wenn ihre Blicke ihn getötet hätten, wenn sie doch nur auf ihn gerichtet wären. Waren sie aber nicht! Kolbig konnte nur solange schneidig und elegant wirken, solange er nichts sagen musste. Nun aber musste er sich äußern und zwar ohne sich an Paragraphen halten zu können: «Frau Richterin, mir ist der Verbleib meines Mandanten unbekannt. Gestern hat Herr Hardenberg noch mit ihm in der Haftzelle des Präsidiums gesprochen. Und heute erwartete ich, ihn hier anzutreffen!» Die Richterin nahm kommentarlos ihr Diktaphon in die Hand. Erst diktierte sie die Formalitäten wie Ort, Datum, Uhrzeit, dann die Anwesenden, wobei Niklas krampfhaft versuchte einen besonderen Tonfall herauszuhören, als sein Name ins Protokoll des Magnetbandes wanderte; dann wurde sachlich und eiskalt die Abwesenheit des Beschuldigten Francis Arthur Suthers, dessen Beruf einfach als „Regierungsbeamter“ angegeben wurde, konstatiert. „Regierungsbeamter“ - das klang Niklas Hardenberg sehr verdächtig dilettantisch! Die Richterin war also eingeweiht. Doch das mysteriöse Verschwinden des Beschuldigten passte offensichtlich in kein Konzept. «Rechtsanwalt Kolbig gibt an, über den Verbleib seines Mandanten nicht informiert zu sein. Er wird vom Gericht darauf aufmerksam gemacht, dass er keine falsch Aussage tätigen darf. Daraufhin wird er noch einmal gefragt, ob er wisse, ob sein Mandant flüchtig sei.» Sie hatte mit dem Diktaphon gesprochen, nun richtete sie einfach ihren fragenden Blick auf Kolbig. «Nein, definitiv: ich weiß nicht, ob mein Mandant flüchtig ist. Das müssten Sie die Herrschaften des Präsidiums fragen!» «Schreiben Sie mir nicht vor, was ich müsste!» Niklas erwartete jetzt einen pfiffigen Widerspruch seitens Kolbig. Aber der schnieke Anwalt schwieg einfach.
SOKRATES Folge 222: Wie sicher ist ein Video als Beweismittel?
Uri Bülbül
Hatten vielleicht die Piraten schon angefangen auf ihre Art im Cyberspace der Banken und Finanzmärkte Umverteilungskämpfe zu führen und Kapital "volkseigen" zu machen, wie es die blöden K-Gruppen genannt hätten? Ihnen war es weder in den Sinn gekommen, Flugzeuge zu kapern und den Versuch zu unternehmen, den Kapitalismus symbolisch im Herzen zu treffen und mit diesen Flugzeugen in das Worldtrade-Center zu fliegen, um den antikapitalistischen Klassenkampf blutig und symbolisch zu beschleunigen, noch hatten sie irgendwelche Hackererfolge zu vermelden; keinen Einbruch in das System des Pentagon, um die Raketen scharf zu machen und die Welt demonstrativ an den Rand des atomaren Holocaust zu bringen oder streng geheime Dokumente einfach im Internet zu veröffentlichen - nichts. Rein gar nichts. Außerhalb ihrer ewiggestrigen Phrasendrescherei mit Vokabeln der vergangenen Jahrhunderte, was sich heutzutage etwa so anhörte wie Walther von der Vogelweide für Betonköpfe, brachten die Linken nichts zustande. Aber die Piraten könnten in der Lage sein, von den Reichen im virtuellen Raum zu nehmen und es den Armen zu geben. Aber gleich so viel?
Er hatte sogar erwogen, Anwalt Kolbig ins Vertrauen zu ziehen und hatte die Frage für sich nicht endgültig geklärt. Er war noch mit der Suche nach möglichen Antworten beschäftigt, aber seine Reaktion – oder besser Reaktionslosigkeit vor der Richterin, die Antworten verlangte, stimmten ihn eher pessimistisch. Eine große Hilfe konnte Kolbig sicher nicht sein.
Oberstaatsanwalt Leopold Lauster spürte den Wahnsinn knistern. Der beklagte Häftling einfach verschwunden, weg, nicht mehr in seiner Zelle. Im Schnelldurchlauf hatte Hauptkommissar Hoffmann sofort die Überwachungsvideos gecheckt: nichts zu sehen. Der Wachtbericht enthielt etwas anderes Seltsames, aber nichts davon gehörte hierher. «Ich muss die beiden Kollegen befragen, die in der Nacht Dienst hatten», ging es Hoffmann durch den Kopf. Er beobachtete Hardenberg, während die Richterin ins Diktaphon sprach. Das Aktenzeichen des Schriftstücks der Staatsanwaltschaft war also auch festgehalten. «Meine Herren, Sie haben mir nur ein Video vorgelegt, auf dem zu sehen ist, wie eine Gestalt, wahrscheinlich ein Mann sich einem Auto nähert, das dem Beklagten als Dienstfahrzeug vom Innenministerium zur Verfügung gestellt wurde; die Gestalt beugt sich vor und macht sich an der vorderen und hinteren Stoßstange zu schaffen und dann öffnet er die Beifahrertür und beugt sich ins Auto; schließt dann wieder die Tür und geht. Das soll ausreichen, Arthur Francis Suthers festzusetzen? Sind Sie noch bei Sinnen?» Leopold Lauster unternahm einen Versuch: «Die Nummernschilder am Auto, als Herr Suthers kontrolliert wurde, waren gefälscht und ebenso befand sich in seinem Besitz ein nicht registrierter Revolver des Typs Smith and Wesson Special357MAG. Zudem leistete er gegen seine Festnahme Widerstand.» «Herr Oberstaatsanwalt, Sie beleidigen meinen Verstand!»
Das kann ich jetzt schon ankündigen: In der Folge 224 wird ein kleines Filmrätsel sein, bin gespannt, wer den Film errät, der da von mir zitiert wird. Jetzt aber gibt es erst einmal Folge 223 des kafkASKen Fortsetzungsromans: Marshall McLuhan :)
Uri Bülbül
Hoffmann grinste in sich hinein, ohne nach außen auch nur eine Miene zu verziehen. Diese Frau würde es dem berüchtigten Albermann-Präsidium zeigen. Vielleicht begann nun die Ausmistung des Augiastalls. Bewusstlos registrierte Niklas wie ein Seismograph die Erschütterungen; wie sollte er die aufgezeichneten Kurven deuten. Ganz in der Erscheinung eines Hugo Boss machte Rechtsanwalt Kolbig eine schweigende gute Figur wie ein Model auf dem Werbeplakat. Was hatten diese Staatsverbrecher mit dem Mann aus dem Ministerium gemacht? Sie hatten ihn doch nicht etwa verschwinden lassen? Konnten sie wirklich so dumm sein? Hardenberg erwiderte den Blick des Kommissars. Gehörte er nicht auch zu dieser Clique? In Hoffmanns Augen blinkte eine gewisse Sympathie in Hardenbergs Richtung. Das war auch der Richterin nicht entgangen. Aber sie überging diesen leisen Wink geflissentlich, um Lauster etwas mehr unter Druck zu setzen: «Wer nahm Suthers fest? Und was war der Anlass?» «Hauptkommissar Alfred Ross» erwiderte der Oberstaatsanwalt lapidar. Die Richterin schwieg. Der zweite Teil ihrer Frage war nicht beantwortet. Der Oberstaatsanwalt pausierte und kam nun nicht umhin, seine Rede wieder aufzunehmen: «Der Anlass der Kontrolle ist mir unbekannt.» Kalt und schier teilnahmslos betätigte sie wieder das Diktiergerät. «Oberstaatsanwalt Dr. Leopold Lauster gibt an, dass die Festnahme durch HK Alfred Ross erfolgte; der Grund für die Personenüberprüfung sei ihm nicht bekannt. HK Ross ist zum Haftprüfungstermin, obwohl darüber unterrichtet, nicht erschienen. Er kann im Moment nicht zur Sache vernommen werden. Ausdrücklich wird an dieser Stelle für das Protokoll festgehalten, dass Arthur Francis Suthers im Auftrag des Innenministeriums Abteilung innere Revision ins Präsidium kam, um hier Prüfungen und gegebenenfalls Ermittlungen durchzuführen. Insofern ist der Verdacht an diesem Haftprüfungstermin nicht ausgeräumt worden, dass er in der Ausübung seines Amtes gehindert werden sollte. Die Erkenntnisse moderner Medientheorie insbesondere die des Herrn Marshall McLuhan legen nahe, dass gerade in einem solchen Fall wie dem vorliegenden, in den staatliche Einrichtungen verwickelt sind und unter Verdacht stehen, Manipulationen an Videos nicht auszuschließen sind und als einziges Beweismittel nicht ausreichen können, um einen hohen Beamten des Innenministeriums in der Innenrevison zu verhaften. Damit ist die Sitzung geschlossen.» Niklas traute seinen Ohren nicht: Marshall McLuhan war der Richterin nicht nur bekannt, sondern wurde auch ein Teil ihres protokollierten Beschlusses. Diese Frau hatte es ihm angetan. Er versuchte, ihre Nähe zu suchen, noch einmal Blickkontakt herzustellen. Aber sie stand einfach auf, nahm ihr Diktiergerät und verließ den kleinen Saal ohne sich mit jemandem weiter zu unterhalten. Nur kurz aber wandte sie sich dann in der Tür um und sagte zum Hauptkommissar Hoffmann: «Ich möchte Sie heute Mittag um 13.00 Uhr bei Antonio sehen.»
Ha, ha, der kafkASKe Fortsetzungsroman heißt noch immer SOKRATES und nicht etwa Marshall McLuhan, wie es die vorherige Folge in der Einleitungsfrage fälschlich suggerierte. Jetzt aber mit dem Filmzitat SOKRATES Folge 224: Was?
Uri Bülbül
Wollten sie womöglich zunächst ihre Wähler und Sympathisanten mit Geschenken bedenken? Niklas Hardenberg war laut Kontostand Multimilliardär. Für ihn ein Albtraum.
Dagegen sprach einiges:
Woher sollten sie wissen, daß Niklas Hardenberg mit ihnen sympathisierte?
Er hatte sich nirgendwo im Chat, in den Foren oder sonst an einem Ort des Cyberuniversums zu irgend etwas geäußert.
Wäre diese Vorteilsgewährung ein überaus bourgeoises Verhalten; mit Schmierereien, Vorteilsgewährungen und ähnlich widerlichen Seilschaften arbeiteten auch die etablierten Parteien. Er spürte: das war kein richtiges Gegenargument, denn so hätten auch die Piraten sein können. Im Namen hui im Verhalten pfui! Moralisch brauchte man Niklas nicht kommen. Die Moral war ihm eine allzu biegsame Angelegenheit. Niemand fühlte sich moralisch im Unrecht, ganz gleich, was er tat. Das schlechte Gewissen plagte meistens die Unschuldigen.
Moral war ebenso metaphysisch wie unwiderlegbar, weil niemals um eine Ausrede verlegen wie der Marxismus auch. Apropos metaphysisch - ebenso metaphysisch waren auch seine eigenen Spekulationen über die Herkunft des Geldes auf seinem Konto. «Was war das denn?» riss ihn Kolbig aus seinen in die Ferne schweifenden Gedanken. Wenn er sich eine Insel kaufen würde, würde er die schöne Richterin auf jeden Fall mitnehmen wollen. Verständnislos und etwas desinteressiert wie desorientiert sah er seinem Anwaltsfreund ins Gesicht. «Was?» «Wir haben heute gewonnen, obwohl wir gar nichts dazu beigetragen haben. Wir haben gewonnen!» «Was?» fragte Niklas etwas verdutzt. Kolbig ärgerte sich darüber; formte aus Zeigefinger und Daumen eine imaginäre Pistole und sagte: «Wenn du noch einmal „was“ sagst, erschieße ich dich!» Niklas begriff gar nichts: «Was?» «Peng!» machte Markus Kolbig. «Du bist tot! Mann, Mann, Mann, mit dir ist auch gar nichts anzufangen! Die Richterin dachte zunächst, wir hätten etwas mit Suthers Verschwinden zu tun. Aber dann kam ihr die glänzende Erkenntnis, dass auch das Präsidium dahinter stecken könnte oder das Ministerium selbst. Wer weiß das schon? Sag mal! Hörst du mir überhaupt zu?» Jetzt wirkte Hardenberg schon fast debil: «Was?» «Ich muss jetzt weiter! Wir reden wieder miteinander, wenn du bei Bewusstsein bist!» Damit ließ Markus Kolbig seinen Ermittler stehen und machte sich in den Gängen des Amts- und Landgerichts auf und davon.
«Was war das denn?» fragte Lara vollkommen verständnislos, drehte sich noch einmal nach dem Gebäude mit dem Turm um, zögerte ohne sich von Bellarosa zu verabschieden und sich für ihre Gastfreundschaft zu bedanken, einfach wegzugehen. Sie konnte das kaum übers Herz bringen. Hispaniola Solenodon alias Rudi hatte es eilig; Basti @Maulwurfkuchens Freund war ihnen schnuppernd und schnüffelnd vorausgeeilt und Basti wollte den Anschluss an ihn nicht verlieren. Er zog Lara ungeduldig am Arm: «Los, komm schon! Wir müssen weiter. Wir können nicht länger hier bleiben. Mach schnell, sonst verlieren wir Rudi aus den Augen.»
Eine seltsame Geschichte ist das! Basti weiß etwas, was uns Furchtbares erahnen lassen könnte. Aber lieber erzählt er von einem Nasenbär. Sind Lara und er nun unterwegs in die Psycho-Villa? Oder befinden sie sich auf einem Irrweg? SOKRATES Folge 225: Wer oder was ist Nemo?
Uri Bülbül
Der Schlitzrüssler eilte davon, wild den Erdboden beschnuppernd. Dann aber kurz bevor Lara und Basti den Anschluss zu verlieren drohten, blieb er, ohne sich umzudrehen, stehen, schnüffelte pausenlos weiter und wartete. Basti hielt Laras Arm fest und zog sie unerbittlich und bestimmt mit sich. «Du darfst nicht zurückschauen. Du darfst jetzt nicht zögern, was hinter uns liegt, muss hinter uns bleiben; wir dürfen uns das nicht, niemals ansehen!» redete er eindringlich auf Lara ein. Sie ließ sich zwar mitziehen, aber nicht ganz ohne Widerwillen. Sie hatte noch einige Fragen offen und hätte gerne Antworten gehabt, aber sie spürte auch eine unerklärliche Dringlichkeit, was sie Basti folgen ließ, ohne wirklich Widerstand zu leisten. Dann aber plötzlich blieb sie doch stehen, ruckartig zog sie an Basti, womit sie ihn auch zum Stehen zwang. «Halt! Jetzt sag mir endlich, was du weißt! Du weißt etwas und willst es mir nicht sagen! Ich will es aber hier und jetzt und sofort wissen!» «Ich will dich nicht verlieren, wie einst Orpheus Eurydike verlor! Gut, ich bin kein genialer Sänger und du bist auch nicht meine Frau. Der Vergleich hinkt vielleicht ein bißchen, aber er sagt schon auch etwas aus, verstehst du?» Lara musste nicht lange überlegen, sie antwortete trotzig: «Nein, ich verstehe nicht.» «Gut, dann sage ich es so: deine Mutter ist fast verrückt vor Sorge. Wir müssen zurück, bitte, damit sie sich wieder beruhigen kann. Wenn du aber jetzt zurück schaust, werden wir uns wieder verlaufen und kommen nicht zurück. Also bitte, lass uns schnell weiter gehen. Du und ich und Rudi können Bellarosa nicht helfen. Komm jetzt, bitte!» Lara gehorchte. Da sie kurz Rudi aus den Augen verloren hatte, wollte sie auch nicht zurück schauen, denn Rudi war ihnen vorausgeeilt und nicht zurück gelaufen. «Wirst du mir trotzdem noch verraten, was du noch weißt?» fragte Lara. «Ja, zu Hause, ich meine in der Villa», antwortete Basti und sprach weiter, was für Lara keinen wirklichen Sinn ergab: «Und ich werde in der Villa dem, der uns schreibt, schreiben: „Ich will auch bitte, dass in der Geschichte auch ein Nasenbär vorkommt und der dann Nemo heißt, bitte. :3“ Ja, das werde ich ihm schreiben.» «Nemo? Ist das nicht ein Fisch?» fragte Lara. Basti schüttelte erst den Kopf, dann nickte er und schüttelte dann wieder den Kopf. Lara musste darüber lächeln. Irgendwie schaffte er es immer wieder, dass sie nicht böse auf ihn sein konnte, obwohl sie sich im Moment über ihn geärgert hatte, weil er so geheimnisvoll tat und ihr irgendetwas von Orpheus und Eurydike erzählte. «Es gibt einen Fisch namens Nemo und einen Kapitän, der so heißt wie der Fisch, aber eigentlich ist „nemo“ lateinisch und heißt „niemand“.» «Ganz schön verwirrend ist das!» sagte Lara. «Fisch, Kapitän, Nasenbär und alle heißen sie „Nemo“. Was soll das?» fragte sie schwitzend und keuchend. Es war anstrengend so schnell Rudi zu folgen und sich gleichzeitig mit Basti zu unterhalten.
Sind Körperflüssigkeiten von Uri Nachtigall in Ayleens Leiche? Wird das je jemand erfahren? Oder bleibt der Eindruck, dass Rufus eine eigenständige Figur ist?
Gelegenheit über SOKRATES, die Technik des Fragenstellens, Hermeneutik zu philosophieren.
Über Implikationen in Fragestellungen habe ich schon häufiger geschrieben. Es gibt sozusagen keine voraussetzungslose Frage: "Wie heißt du?" beispielsweise impliziert schon, dass der angesprochene einen Namen hat und diesen nur als Antwort preisgeben muss. Selbst bei einer Antwort wie etwa "Das kann ich dir nicht sagen" würde man nicht sofort daran denken, dass der Gefragte es nicht sagen kann, weil er gar keinen Namen hat, sondern weil er anonym bleiben will oder muss. So ist unser Denken, Sprechen und unsere Kommunikation von unzähligen Implikationen durchsetzt, es sind stillschweigende Voraussetzungen, die sowohl Verständigung als auch Mißverständnisse ermöglichen.
Implikationen sind das Ungesagte, das Unausgesprochene, was sich in Sätzen befindet und ebenfalls eine große Rolle spielt.
Die Kunst des Verstehens (Hermeneutik) setzt sich mit dieser Problematik auseinander und versucht Methoden der Interpretation zu entwickeln, damit das Unausgesprochene und im Verborgenen Liegende möglichst verständlich und verbindlich zu Tage gefördert werden kann. Und "verbindlich" bedeutet in diesem Fall auch logisch einsichtig, so dass man eigentlich am Ende im besten Fall ein Aha-Effekt hat.
So wäre die Interpretation eine echt bereichernde Tätigkeit; leider ist die Hermeneutik nicht nur mit Ideologie behaftet und belastet, ich würde am liebsten sagen: konterminiert, sie ist zudem auch noch obendrein an Machteffekte gekoppelt: Wer hat das Recht, die richtige Auslegung einer sprachlichen Äußerung für sich zu beanspruchen? Z.B. die Bibelauslegung. Aber auch juristische Texte erfordern eine Interpretation und Anwendung auf einen konkreten individuellen Fall, was der Interpretationsmacht eines Gerichts und der Richter darin obliegt.
In der Dichtung hat auch der Staat die Hand über die Interpretation gelegt: es sind Schule und Lehrer, die Texte auswählen, gewichten und bestimmen, was gelesen und wie von Schülern gedeutet werden muss. Und in diesem Kontext steht die Frage: was will uns der Dichter damit sagen? Und auch hier die Implikation: a) der Dichter will etwas sagen? b) wir sind seine Adressaten? wobei man schon fragen darf, wer denn dieses "wir" nun schon wieder sein soll! Die Gemeinschaft derjenigen, die dem Deutschunterricht ausgesetzt sind?
Wer Fragen zu fiktionalen Texten stellt, muss sich auch auf diese Texte einlassen und schon vor seinen Fragen damit anfangen, für sich Implikationen zu entdecken und aufzudecken. Was in dem bisher Geschriebenen spricht dafür, dass Uri Nachtigall und Rufus dieselbe Person sein könnten? Und warum gehst du davon aus, dass Themen unerledigt bleiben werden ("wird das je jemand erfahren")? Und warum ist es nur ein "Eindruck", dass Rufus eine eigenständige Figur ist? Steckt dahinter die Behauptung, dass Uri Nachtigall als mein Avatar nekrophil sei und damit womöglich auch ich? Das wäre ein Fall von hermeneutischem Dilettantismus.
Da stellt jemand anonym eine Frage zu SOKRATES und denkt, ich könnte aufgrund der Wortwahl und des besonders suggestiv-implikativen Stils nicht erahnen, wer es ist. Aber lassen wir das! Kommen wir lieber zu SOKRATES Folge 226: der Wald und die Koma-Patienten...
Uri Bülbül
«Einen Fisch und einen Kapitän namens Nemo gibt es schon, einen Nasenbär noch nicht. Jetzt kann es einen Kapitän, einen Fisch und einen Nasenbär geben. Alle mit Namen „Nemo“.» Lara hasste Sport, lange Wanderungen, überhaupt jede Form von unnötiger körperlicher Anstrengung. Sie bekam kaum noch Luft durch das schnelle gehen, während es drückend schwül wurde, als wären sie in einem tropischen Gewächshaus. «Bist du sicher, dass wir in die richtige Richtung laufen?» fragte sie atemlos. Basti schien diese Wanderung weniger Probleme zu bereiten, obwohl auch sein Hemd durchgeschwitzt war. «Ich bin mir nur sicher, dass wir Rudi folgen müssen. Wenn er sich nicht verirrt hat, sind wir auf dem richtigen Weg, sonst sind wir verloren!» «Vielleicht könnte uns auch Nadia helfen», warf Lara ein. Sie brauchte dringend eine kleine Verschnaufspause. «Vielleicht können wir aber auch hier auf Nadia warten, bis wir alt und grau sind!» erwiderte Basti ungeduldig. Sie befanden sich an einem steilen Anstieg, der mit Büschen, Bäumen, Farn und Schlingpflanzen dicht bewachsen war. Es kostete viel Kraft sich durch diesen Wildwuchs nach oben zu kämpfen. Immerhin kletterten sie auf einen Berg oder Hügel mit einem steilen Hang. Das konnte so falsch nicht sein, was Lara etwas beruhigte. Über ihnen im Himmel kreisten Zopilote mit weißen und schwarzen Federn, grauen Federkragen am orangenen Hals, einem braunen Kopf und mit einem orangenen Kamm über ihren Schnäbeln, wo sich ihre Nase befand. Einige von ihren kreischten und krächzten grausam laut. «Die warten nur, bis wir vor Müdigkeit umfallen, dann kommen sie und hacken uns die Augen aus und weiden sich an unseren Innereien», bemerkte Basti düster. Diese Vögel mit ihren langen scharfen Krallen, die immer näher kamen in ihrem Kreisflug, waren in der Tat Angst einflößend. «Ich kann nicht mehr», stöhne Lara.
Doktor Theresa machte um halbsechs Uhr in der Frühe noch eine Runde durch die Intensivstation. Die Apparate (und mit deren Hilfe sie selbst) hatten alles unter Kontrolle. Die Werte waren normal, die Geräusche regelmäßig auf der Station. Aber Theresa suchte noch einmal den Kontakt zu den Schlafenden und im Koma Liegenden, wovon es nun zwei seltsame wie schwere Fälle gab. Ein Patient lag schon seit über einem Jahr auf der Station: Karl Lembrecht, ein Langzeitstudent, der schon die Dreißig überschritten hatte, und nun seit gestern die Kommissarin Johanna Metzger nach ihrem Verkehrsunfall. In Lembrechts Zimmer war es seltsam kühl; Theresa überprüfte die Fenster, die Regelung der Klimaanlage und stellte sich anschließend ans Bett des Patienten. Sie berührte seine Stirn, streichelte ihn ein wenig gedankenverloren, wurde aber das Gefühl der Kälte nicht los. Was stimmt hier nicht? fragte sie sich und fand keine Antwort auf ihre Frage. In einer halben Stunde würde ihr Dienst vorbei sein, sie hatte die Patientenkartei dieses Mannes immer wieder durchgelesen. Sein letzter Arztbesuch, bevor er ins Koma fiel, lag über drei Jahre zurück.
Zwei Dinge sind zu sagen: 1. als ich meine Zwischenbemerkungen zu SOKRATES schrieb, erwähnte ich zwei Personen nicht, die eine Rolle in dem kafkASKen Fortsetzungsroman spielen: @Gedankenkammer und @DerApfeltyp ; 2. Diese Personen werden selbstverständlich ihren Platz im Roman finden: Folge 227
Uri Bülbül
Er hatte sich aus Sorge vor Hepatitis eine Blutuntersuchung machen lassen, und es war damals nichts diagnostiziert worden. Warum er das gemacht hatte, war unklar. Er war nicht verreist gewesen oder in einen Unfall oder ähnliches verwickelt. Vielleicht hatte er eine Sexpartnerin oder einen Sexpartner mit Hepatitis und hatte dann Angst, sich angesteckt zu haben. Aber das war Spekulation. Und Doktor Theresa Wagner mochte keine Spekulationen – höchstens Hypothesen! Jedenfalls war die Blutuntersuchung ohne Befund gewesen. Und als er wegen des Komas durchgecheckt wurde, blieb es bei diesem Ergebnis. Karl Lembrecht war ohne Befund und doch im Koma. Er war ein interessanter wie rätselhafter Fall, dieser Lembrecht. Theresa sah ihn sich lange an, bevor sie zur Kommissarin ging.
Als Hoffmann aus dem Gericht zurück ins Präsidium kam, riefen zwei Kollegen aus dem Bereitschaftsdienst ihn zu sich. Sie hatten eine aufgewühlte, völlig zerzauste Frau vor sich sitzen, die unbedingt eine Vermisstenanzeige aufgeben wollte, aber einen stark verwirrten Eindruck machte. Die Polizisten hätten sie für gewöhnlich nicht ernst genommen, ihre Anzeige aufgenommen und beiseite gelegt oder sofort in den Papierkorb geschmissen, weil sie sie für verrückt gehalten hätten. Aber in letzter Zeit war einfach zu viel Seltsames passiert, als dass sie von einem Normalfall ausgehen konnten. Und da kam ihnen HK Hoffmann gerade recht. Er verstand etwas von verrückten Frauen und wirren Geschichten. Ein etwas unbeholfen dreinblickender Bereitschaftspolizist saß an einer altertümlichen Schreibmaschine und nahm die Aussage einer zerzausten Brunetten auf; eine schlanke Frau etwa um die Mitte Vierzig mit großen neugierigen und lebhaften graugrünen Augen, einem spitzen Gesicht und feinem Mund rang offensichtlich nach Fassung und versuchte dem Beamten ihr Anliegen am Rande ihrer Geduld zu erklären. Sicherlich hatte sie eine sehr anstrengende Nachtwanderung hinter sich, hatte wohl auch häufiger mit dem Boden Ganzkörperkontakt gehabt, ihre Hose hatte Grasflecken und hier und da klebte Erde am Hosenschlag und an ihren Schuhen, aber der Blick in ihr Gesicht verriet Hoffmann, dass diese Frau nicht irre war. «Guten Tag, ich bin Hauptkommissar Julius Hoffmann. Ich habe gehört, sie vermissen Ihre Tochter und eine weitere Person?!» Ein dicker Mann hatte das Zimmer betreten; respektvoll nickte der Polizist an der Schreibmaschine ihm zu. Als er sie kompetent und ruhig ansprach, löste sich in ihr ein Knoten, ein Krampf der schmerzhaften Hoffnungslosigkeit und sie hätte beinahe geweint. Aber das gehörte nicht zum Repertoire einer wahrhaften kämpferischen Mutter, die tief besorgt um ihre Tochter nun die Hilfe der Polizei suchte. «Ja, ich vermisse meine achtzehnjährige Tochter Lara und einen Freund mit dem sie unterwegs war. Sie wollten nur ein bißchen spazieren gehen und kamen nicht wieder. Sie sind die ganze Nacht weggeblieben und auch heute morgen nicht aufgetaucht.»
+++ ACHTUNG +++ Hier 'Sturmvogel 23' an 'Nachtfalter 17' +++ Wieso hat 'Tante Kowalski' noch nicht geliefert! +++ bitte kommen +++...
Der Graf von Monte Inkasso
Diese Nachricht des Herrn Grafen ist im Polizeipräsidium angekommen und aufgenommen und abgespeichert worden. Und nun Herr Graf?
SOKRATES Folge 228:
«Wie alt ist der junge Mann, der mit Ihrer Tochter unterwegs ist?» fragte Hoffmann sachlich. «15», antwortete die Frau kurz und bündig. Hoffmann machte keine Umschweife: «Können Sie wirklich ausschließen, dass die beiden jungen Leute beim Spazierengehen durch den Wald sich näher gekommen sind und eine abenteuerliche Liebesnacht miteinander hatten?» Kurz lachte die Frau kreischend laut auf, was ein wenig hysterisch wirkte. «Lara und Basti? Ja, das kann ich ausschließen!» Der Polizist an der Schreibmaschine durch die Anwesenheit des Kommissars ermutigt, ergriff auch das Wort: «Was macht Sie denn so sicher?» Kaum hatte er die Frage ausformuliert, schon erntete er einen versteinernden Blick vom Kommissar. «Ich kenne die beiden!» antwortete sie. Hoffmann wollte wieder zur sachlichen Ebene zurückkehren und nicht die Intuition einer verzweifelten Mutter verletzen oder in Frage stellen: «Wo haben Sie die vermissten Personen zuletzt gesehen?» Betti beschrieb genau den Spaziergang bis zum Gartenhaus der Psycho-Villa, wie sie dort Basti @Maulwurfkuchen schlafend vorfanden, dass er unter Narkolepsie leidet, was Narkolepsie für eine Krankheit ist, wie sie sich dann voneinander trennten und Lara und Basti am Gartenhaus vorbei weiter spazierten. Eigentlich könne man sich in dem Garten weder verlaufen noch gebe es da eine besondere Gefahrenquelle. Sie habe auch den ganzen Garten abgesucht, bevor sie in den Wald gegangen sei, um weiter zu suchen. Auch von ihrer Begegnung deutlich nach Mitternacht auf dem Waldweg mit dem Porsche eines Kriminalpolizisten berichtete Betti in einer ziemlichen Ausführlichkeit. Der Bereitschaftspolizist an der Schreibmaschine gab bald auf, durch seltsame Blicke Bettis Erzählung stumm zu kommentieren und tippte einfach alles, was sie erzählte und so kam ein ganze drei DIN A 4 Seiten umfassender Bericht einzeilig geschrieben zustande. «Das Außergewöhnliche ist, die Kinder wären sicher zum Abendessen wieder zurück gekommen; dass sie dann aber die ganze Nacht nicht wieder aufgetaucht sind, ist deutlich ein Signal, dass sie sich in Not befinden», schloss Betti ihren Bericht, was ebenfalls protokolliert wurde. «Ich schlage vor», sagte Hoffmann, «ich fahre Sie zurück zur Villa; denn die Wahrscheinlichkeit, dass Lara und Basti dort wieder auftauchen oder sich zu melden versuchen, ist am größten. Und Sie, Herr Kollege, telefonieren die Krankenhäuser ab und erkundigen sich mal, ob irgendwer eingeliefert wurde, dessen Beschreibung auf unsere vermissten Personen passt. Wenn Sie einen Treffer haben, melden Sie sich umgehend bei mir. Ich bin mit der Dame unterwegs zum forensischen Sanatorium.» Betti kam ein zufriedenes Lächeln trotz all ihrer Sorgen und Ängste über die Lippen. Dieser Mann schien wirklich ein gutes Herz zu haben. Der Polizist griff zum Telefon und murmelte: ...
Es ist dunkel, es ist Nacht, von irgendwo lärmt ein Radio mit einem Sprecher; ich denke, es ist Zeit für eine SOKRATES-Folge. Wie wäre es mit Teil 229: Hoffmann und Betti unterwegs zur Psycho-Villa. Eine Menge Leute sind in den Roman eingeführt und einige von ihnen verschwunden: zwei sind tot.
Uri Bülbül
...«Frauenversteher!», während Betti und Hoffmann das Zimmer verließen. Hoffmann, schon an der Tür, drehte sich kurz um, da war er wieder: dieser versteinernde Blick. Als sie unterwegs zum Parkhaus des Präsidiums allein waren, sagte Betti: «Schwester Maja und ich haben schon die umliegenden Krankenhäuser angerufen. Eine halbe Stunde, bevor ich zu Ihnen kam, war dort niemand eingeliefert worden, der eines der Kinder hätte sein können.» Hoffmann lächelte die zerzauste Frau mit den dünnen langen Haaren an: «Der Kollege soll noch einmal anrufen. Das kann nicht schaden.» Sie erreichten einen silbergrauen Audi Quattro. «Ist das Ihr Dienstfahrzeug?» fragte Betti erstaunt. «Es ist mein Auto, ein altes Schätzchen, das Urquattro schlechthin», erklärte Hoffmann. Sie stiegen ein, wobei er ganz gentleman like ihr die Tür aufhielt und nach dem sie eingestiegen war, umsichtig zuschlug. Seine Gesten und Bewegungen hatten etwas sehr Beruhigendes. Sie fühlte sich wohl beim Kommissar. Er war das genaue Gegenteil von dem Rüpel, der sie im Morgengrauen auf dem Waldweg angefahren hatte. Hoffmann fuhr ruhig und gelassen, aber keineswegs langsam aus dem Parkhaus des Präsidiums; kaum näherte sich das Auto der Schranke, schon wurde sie auch geöffnet. Er grüßte freundlich den Wachhabenden. Betti fühlte, wie sich langsam die Müdigkeit in ihren Gliedern ausbreitete und sie schwer werden ließ. Sie hatte ganz verzweifelt jeden Quadratmeter des Waldes, weit und so gut es ging, abgesucht, war dabei mit dem Fuß umgeknickt, hatte sich am Gestrüpp aufgekratzt und war mehrmals gestürzt. Aber sie hatte keine Spur von Lara und Basti gefunden. Das konnte doch nicht nur an der Dunkelheit gelegen haben. Hoffmanns sonorige Stimme holte sie sanft aus ihren Gedanken, ohne ihre Entspannung zu stören. «Wir werden sicher auch an der Stelle vorbei kommen, an der Sie den Kollegen mit dem Porsche getroffen haben. Da würde ich mich gerne ein wenig umsehen. Und natürlich auch an der Unfallstelle, an der die Kollegin Johanna Metzger verunglückt ist. Was das Verschwinden der Kinder angeht, werde ich einen Freund von mir kontaktieren; er ist Förster und kennt den Wald wie seine Westentasche: Friedhelm Förster heißt er sinnigerweise. Sein Name ist Programm.» Betti musste über Hoffmann kichern. Zufrieden mit der erreichten Reaktion steuerte er den Wagen aus der Stadt. «Wissen Sie? Ross ist kein schlechter Kollege und kein schlechter Kommissar. Er agiert und reagiert häufig äußerst seltsam und merkwürdig. Das hat ihm nicht nur Freunde im Präsidium eingebracht. Aber sein Aufgabenbereich in einer riesigen Grauzone ist auch nicht einfach. Wie auch immer, ich will ihn nicht Ihnen gegenüber rechtfertigen. Sie sollen ihn nur ein bißchen verstehen, um ein entspannteres Verhältnis zu ihm zu haben.» «Ich will am liebsten überhaupt kein Verhältnis zu ihm haben», versetzte Betti. Ross interessierte sie herzlich wenig. Dafür aber dieser Förster mit dem lustig passenden Namen umso mehr. «Hat der Förster keine Hunde?»
Doktor Theresa Wagner @Pizzaboote wirft einen nachdenklichen Blick zurück auf ihre vergangene Nachtschicht auf der Intensivstation, während sie ihren Hund ausführt: SOKRATES Folge 230:
Uri Bülbül
