Solange du noch träumen kannst - Lucrezia Scali - E-Book

Solange du noch träumen kannst E-Book

Lucrezia Scali

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Beschreibung

Mia stammt aus wohlhabender Familie und hat gegen den Willen ihrer Eltern Tiermedizin studiert. Und die junge Ärztin verfolgt einen weiteren Traum: Sie möchte kranken Kindern helfen, und zwar mit einer Tiertherapie. Ihre ersten drei kleinen Patienten Lukas, Martina und Giulio schöpfen Dank Mia endlich wieder Hoffnung. Privat verläuft ihr Leben dafür eher chaotisch, denn nach längerem Single-Dasein lernt sie gleich zwei interessante Männer kennen. Alberto ist Chirurg und wäre der perfekte Schwiegersohn – ihre Eltern sind begeistert. Aber dann ist da ja noch Diego, der nette Polizist, der nicht aus gutem Hause kommt, aber ein gutes Herz hat …

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EPUB

Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Buch

Die dreißigjährige Mia stammt aus guter Familie. Gegen den Willen ihrer Eltern hat sie Tiermedizin studiert und eine kleine Tierklinik eröffnet. Ihr Herzensprojekt ist jedoch die tiergestützte Therapie, die sie in einer Kinderklinik anbietet. Sie bekommt drei kleine Patienten zugewiesen: den kleinen Lukas, der auf ein Spenderherz wartet, die leukämiekranke Martina und den elfjährigen autistischen Giulio. Dank Mia schöpfen ihre Patienten endlich wieder Hoffnung. Privat verläuft Mias Leben eher chaotisch, denn nach längerer Zeit allein lernt sie gleich zwei interessante Männer kennen. Der eine, Alberto, Chirurg, gefällt ihren Eltern gut, und anfangs auch Mia. Doch dann findet sie heraus, dass er nicht aufrichtig ist. Der andere Mann, Diego, ist »nur« Polizist und als solcher von ihrer Familie nicht als Schwiegersohn denkbar, doch er wirbt beharrlich um Mia und hat ein gutes Herz …

Autorin

Lucrezia Scali wurde 1986 in der Nähe von Turin geboren, wo sie auch heute noch lebt. Sie hat Tiermedizin studiert. Gleich mit ihrem ersten Roman Solange du noch träumen kannst feierte sie einen großen Erfolg in ihrem Heimatland.

Lucrezia Scali

Solange du nochträumen kannst

Roman

Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt und Barbara Neeb

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Te lo dico sottovoce« bei Newton Compton editori, Rom.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2017

Copyright © der Originalausgabe 2016 by Newton Compton editori s.r.l.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: mauritius images / Ivary Inc.

em · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-20202-6V002

www.goldmann-verlag.de

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Dieses Buch widme ich dir, für die Chance, die ich bekam, dir meine Gefühle zu schenken.

Kapitel Eins

Die Sonne strahlte hell auf den Sandstrand mit den windgebeugten Kokospalmen und tauchte diesen Winkel des Paradieses in ihr goldenes Licht. Keine Wolke trübte den türkisblauen Himmel, und die leichte Brise zeichnete durchsichtige Linien auf die Wasseroberfläche.

Ich lag auf einer Liege ganz dicht am Ufer und nippte an meinem Fruchtcocktail. Mein Gaumen schmeckte reife Erdbeeren und Ananas, mit einem Hauch von Zimt im Abgang.

Ich verbannte jede Sorge aus meinem Kopf, um die verdiente Erholung zu genießen. Einige Meter vor mir stieg ein Mann aus dem Meer und kam langsam auf mich zu. Nur noch ein paar Sekunden und ich würde sein Gesicht erkennen.

Fehlanzeige, denn auch an diesem Morgen ertönte plötzlich die Melodie von Beautiful Day. So ein Pech, ich befand mich also immer noch in der gleichen Welt wie sonst, und das einzig Paradiesische war die Postkarte, die ich mit Tesafilm an den Spiegel über der Kommode geklebt hatte.

Ich zwinkerte ein paarmal, als das Sonnenlicht auf meine Augen traf, und drehte mich murrend auf die Seite.

»Das ist unfair, warum hört es immer dann auf, wenn es am schönsten ist?«, jammerte ich und schlug die Bettdecke zurück.

Dann wickelte ich mich doch wieder in die Decke, um mir noch fünf Minuten Ruhe zu gönnen. Vielleicht würde ich, wenn ich jetzt die Augen zumachte und tief atmete, noch einmal einschlafen und Ihn wiedertreffen.

Keine Chance. Von der anderen Seite der Tür erklang ein Jaulen. In Dauerschleife und misstönend wie immer. Ich zählte bis zehn und, genau, da kam schon die Begleitmusik, ein unerträgliches Kratzen auf dem Walnussholz. Jeden Morgen das Gleiche.

»Ist gut, Bubu … ich steh ja schon auf …«, brummte ich.

Meine Worte wirkten auf ihn wie ein Adrenalinstoß: Die Taktfrequenz des Kratzens nahm zu, und das Jaulen verwandelte sich in ein schrilles Winseln.

Gähnend quälte ich mich aus dem Bett. Barfuß ging ich zur Tür und öffnete sie. Ich hielt den Atem an, und eine Lawine von dreißig Kilo Glückseligkeit brach über mich herein.

Bubu hatte lange Ohren, die zu beiden Seiten der Schnauze herabbaumelten und wie Fahnen im Wind flatterten, wenn er rannte. Er war nicht besonders groß, aber für einen Hund entwickelte er eine erstaunliche Kraft.

»Schluss! Aus!«, flehte ich ihn an und schützte mich so gut es ging vor dem Ansturm meines Fellnasenfreundes.

Ich stützte mich mit einer Hand an der Wand ab und versuchte aufzustehen, während ich mir mit der anderen den schmerzenden Hintern rieb.

»Komm, wir gehen in die Küche. Frühstück. Ich habe richtig Hunger …«

Bubu schenkte mir einen treuen Hundeblick, sprang auf und sauste zur Treppe. Vor zwei Jahren war ich in dieses alte Haus gezogen, auf einem Hügel, der von der Straße aus betrachtet einen perfekten Halbkreis bildete. Es war noch größtenteils renovierungsbedürftig, man hatte nur oberflächlich daran gearbeitet. An einigen Stellen kam bei der leisesten Berührung der Putz herunter und enthüllte die Spuren meiner Vorgänger. Die alten Dachziegel hatte ich kürzlich ersetzen lassen, und jetzt musste ich noch die Fenster austauschen, denn es zog an allen Ecken und Enden.

Die Küche war klein, aber ich liebte sie. Sie wirkte so frisch und hell. Auf dem Brett vor dem quadratischen Fenster über der Spüle stand eine Reihe Töpfe mit Gewürzkräutern. Die einzigen Pflanzen, die bei mir am Leben blieben. An den Wänden hingen Regalbretter aus unbehandeltem Holz, auf denen ich einige Bände aus meiner geliebten Kochbuchsammlung untergebracht hatte.

Bubu war schneller gewesen als ich. Erwartungsvoll hatte er sich vor dem leeren Fressnapf aufgebaut. Neugierig blickte er hinein und schob ihn mit einer Pfote weg, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Ich füllte den Napf bis zum Rand, und während Bubu geräuschvoll und hungrig sein Trockenfutter zermalmte, holte ich mir meine Lieblingstasse aus dem altmodischen Küchenschrank und goss mir Kaffee ein. Sein Duft rief Kindheitserinnerungen in mir wach, die eng mit diesem Haus verbunden waren. Meine Großmutter, die einen Apfelkuchen aus dem Ofen holte, sich dann aus dem Fenster beugte, um meinen Großvater zu rufen, der im Garten arbeitete. Sie musste ihn immer zweimal rufen, weil er beim ersten Mal so tat, als hörte er sie nicht.

Ich nahm mir den handgestrickten Umhang vom Stuhl, wickelte ihn mir um die Schultern und warf gleichzeitig einen Blick aus dem Fenster, wo die Sonnenstrahlen hell in den Garten fielen. Kein Kunstwerk, aber ordentlich angelegt und gut gepflegt, doch der Zauber von einst war verflogen.

Dieser Garten gehörte zu meinen lebhaftesten Kindheitserinnerungen. Ich hatte immer noch den Duft der Blumen in der Nase und sah vor mir, mit wie viel Liebe mein Großvater ihn gehegt hatte Er kam ins Haus zurück, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und Großmutter schalt ihn, weil er zu wenig Zeit mit ihr verbrachte. Dann hielt er ihr eine Rose hin, die er gerade gepflückt hatte. Auf seinem Gesicht erstrahlte ein breites Lächeln, und sie konnte ihm nicht lange böse sein.

»Die Blumen haben eine geheime Kraft, ihnen gelingt es, selbst in die düstersten Momente Farbe zu bringen«, sagte mein Großvater immer, wenn ich ihm half, die Rosen zu gießen und eifrig jede seiner Bewegungen nachahmte.

Bubu rannte los, streifte dabei meine Beine und setzte sich vor die Tür. Dann drehte er sich um und fixierte mich. Das war inzwischen unsere tägliche Verabredung geworden. Ich drückte die Klinke hinunter und öffnete ihm die Tür. Schwanzwedelnd sprang er hinaus und wälzte sich im kühlen Gras. Es war so herrlich, ihm beim Spielen zuzusehen. Kann sein, dass ich Bubu gerettet hatte, aber umgekehrt galt das ganz genauso.

Während Bubu draußen herumtobte und nach irgendwelchen Knochen buddelte, machte ich mich fertig und sah nach, welche Termine für den Tag auf dem Plan standen.

Punkt halb neun hielt ich vor dem Haus, in dem Fiamma wohnte. Die Fahrt dorthin dauerte drei Songs lang, das hatte ich inzwischen oft genug gestoppt. Zum Glück geriet ich nie in Staus, und so blieb diese Zahl unangetastet. Ich hupte kurz und wartete unten in der Gasse.

Ich folgte mit dem Blick Fiammas graziler Gestalt, die eiligen Schrittes auf mein Auto zukam. Eine kastanienbraune Haarpracht umrahmte ihre zarten Gesichtszüge. Die tiefgrünen Augen hoben sich leuchtend von ihrem hellen Teint ab.

An diesem Morgen hatte sie sich etwas schicker als sonst angezogen. Und mich überfiel eine Duftwolke Parfüm.

»Hallo, Mia! Na, wir sind aber heute Morgen pünktlich!«, rief sie aus, während sie ihre Handtasche auf die Rückbank legte.

Fiamma war seit der Schulzeit meine beste Freundin. Wir hatten uns am ersten Tag in der Grundschule kennengelernt. Während ich meine Mutter nicht loslassen wollte, lief sie schon vor ins Klassenzimmer. Sie hatte auf den leeren Platz in der Bank neben sich gezeigt, und in ihrem zahnlückigen Lächeln hatte ich eine Freundin gefunden.

Wir waren gemeinsam groß geworden, und ich hatte unsere Freundschaft nie in Zweifel gezogen.

»Das kann ich von dir nicht gerade behaupten, da du ja nicht einmal Zeit hattest, dich zu schminken …«, ich musterte sie von oben bis unten, »… und dich umzuziehen«, schloss ich grinsend.

Bevor Fiamma darauf etwas entgegnen konnte, klingelte ihr Handy. Sie meldete sich, nickte ein paarmal und sah mich zufrieden an. »Ich sage ihr sofort Bescheid und dass sie sich bei Ihnen sobald wie möglich melden soll. Danke und bis bald.«

Ich drehte ruckartig den Kopf und starrte sie an: »Sag mir, dass es so ist, wie ich denke. Bitte …«

»Das war der Direktor des Krankenhauses«, antwortete sie zögernd und klang plötzlich niedergeschlagen.

»Mach jetzt bloß keine Geschichten! Erzähl mir sofort, was er gesagt hat!«

Da ich so triumphierend klang, gab sie auf.

»Glückwunsch, beste Freundin! Wir haben eben die Erlaubnis erhalten, mit unserem Projekt zu starten. Die haben der Pet Therapy zugestimmt«, antwortete sie, selbst total aus dem Häuschen.

Ich seufzte erleichtert auf und suchte Fiammas Blick. Eine Sekunde sahen wir einander stumm an, und dann lächelte ich breit. Ja, wir hatten es geschafft, und mit diesem Erfolg hatte ich mich selbst überrascht. Gut, wir standen noch ganz am Anfang, aber ich genoss trotzdem diesen aufregenden Moment.

»Du sollst bei ihm im Büro vorbeischauen, um die Unterlagen zu unterschreiben. Unser Vorschlag wurde genau geprüft, und sie möchten das Projekt mit einigen Patienten testen. Wenn dein Handy nicht wie immer leise gestellt wäre, hättest du selbst mit ihm sprechen können.«

Fiamma hatte natürlich recht, ich sollte endlich mal diese schreckliche Angewohnheit ablegen.

»Ich werde mich noch mehr bemühen, vor allem nach dieser tollen Nachricht. Anfangs wirkten die gar nicht so begeistert von der Sache, vielleicht hielten sie es für Zeitverschwendung. Doch schließlich haben wir sie überzeugt! Ich bin schon ganz gespannt zu sehen, welche Wirkung unsere Hunde auf die Kinder im Krankenhaus haben.«

»Wie gut, dass wir drangeblieben sind, siehst du jetzt, dass man mit Beharrlichkeit alles erreichen kann?«, verkündete Fiamma triumphierend.

»Schon gut, du hast ja recht. Aber nach dieser wunderbaren Neuigkeit jetzt mal was ganz anderes: Wie ist dein Date gestern Abend gelaufen, erzähl schon?«, fragte ich neugierig.

»Du vergisst nie etwas, oder? Ich glaube, dass ich jede Einzelheit aus meinem Kopf gelöscht habe, damit ich nicht durchdrehe. Was soll ich sagen? Wieder mal ein Schlag ins Wasser …«, antwortete Fiamma, während sie sich einen perfekten Kajalstrich unter die Augen zog. »Die Typen sind doch alle gleich. Nur Versprechungen und schöne Worte – und dann? Kaum haben sie sich mit ihrer Frau ausgesöhnt, kehren sie wieder an den heimischen Futtertrog zurück.«

»Du weißt genau, wie ich darüber denke, aber du wirst immer wieder rückfällig. Du solltest endlich aufhören, dich mit Männern einzulassen, die bereits vergeben sind«, bemerkte ich trocken.

»Dir gelingt es ja wenigstens, ab und zu einen normalen Typen zu finden. Nur dass du sie immer wieder postwendend vertreibst. Hast du es schon mal mit einem anderen Deo probiert?«

»Jetzt soll also ich schuld sein? Ich glaube kaum, dass ich zu anspruchsvoll bin. Nur habe ich bis jetzt noch nicht den Mann gefunden, der mir komplett den Kopf verdreht hat.«

»Was erwartest du denn, etwa den Traumprinzen, Mia? Glaubst du, der vollkommene Mann wird irgendwann mit dem Schuh in der Hand an deine Tür klopfen, vielleicht noch hoch zu Ross auf einem blütenweißen Schimmel, und dir stolz sein Königreich zeigen?«

Ich verdrehte entnervt die Augen. »Blöde Kuh, ich warte doch nur auf den Richtigen. Und ich bin mir sicher, dass der früher oder später kommen wird«, antwortete ich seufzend. »Muss das Pferd wirklich ein Schimmel sein? Also für mich ist jede Farbe okay, es kommt doch auf den Reiter an.«

Fiamma schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich hast du zu oft Cinderella gesehen. Es wird kein Märchenprinz kommen, die sind viel zu sehr damit beschäftigt, eine widerspenstige Locke zu bändigen, zur Kosmetikerin zu gehen oder ihre Ehe zu retten«, schloss sie mit einem sarkastischen Lächeln.

»Halt mal. Willst du mir etwa sagen, dass ich falschliege, wenn ich auf den Richtigen warte? Und dass ich mich in irgendwelche Affären stürzen soll wie du?«, antwortete ich sauer und bog scharf um die Ecke.

Wir waren da. Vor uns lag die kleine Privatklinik, direkt angrenzend an einen Bau aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ihre großen Fenster und der grobe Stein glänzten verheißungsvoll in der Sonne.

Ganz gleich, wie oft ich es sah, jedes Mal wurde mein Blick davon wie magisch angezogen. Seit ich mich in die Fakultät Veterinärmedizin eingeschrieben hatte, hatte ich immer davon geträumt, eine eigene Tierklinik zu eröffnen; später hatte ich es mit der Hilfe meiner Familie und einem Teil der Erbschaft meiner Großeltern geschafft, ihn zu verwirklichen. Das Gebäude war damals natürlich alt und heruntergekommen gewesen und hatte schon so lange leergestanden, dass das Zu-verkaufen-Schild bereits ganz verblasst war. Doch ich hatte mich sofort in diesen Ort verliebt und in alle nötigen Umbauten investiert, um es in eine Klinik zu verwandeln. Nun führten wir die Klinik schon einige Jahre und zogen höchste Befriedigung daraus, die allerdings nicht von entsprechenden Einkünften begleitet wurde.

»Ich finde, du solltest alles nicht so eng sehen und dich ein bisschen offener gegenüber möglichen Verehrern zeigen. Vielleicht hast du wirklich zu hohe Ansprüche. Sieh mal, Ryan Gosling weiß nicht einmal, dass es dich überhaupt gibt«, zog mich Fiamma auf. »Aber wenn du nicht nur auf den Märchenprinzen, sondern auch noch auf Amor warten willst, nur zu. Vielleicht sollte ich ihn mal anrufen, damit er seinen Pfeil abschießt«, bemerkte sie ironisch, während sie die Wagentür öffnete.

Ich schüttelte nur den Kopf. »Du bist schrecklich. Na gut, ich bin dabei, aber warne Amor lieber vor, dass ich mich nicht mit einem x-Beliebigen begnüge«, sagte ich und stellte den Motor ab.

»Ja klar, ich schick ihm nachher eine SMS, und er wird ein Wunder wirken, du wirst schon sehen«, ermutigte Fiamma mich. Sie legte mir einen Arm um die Schulter und folgte mir in Richtung Klinik.

Heute war der Tag der offenen Sprechstunde, und im Wartezimmer wimmelte es schon von Hunden, die fröhlich mit dem Schwanz wedelten oder brav neben ihren Besitzern lagen, und verängstigten Katzen in ihren verhassten Trageboxen. Diese kostenlosen Untersuchungstage organisierten wir ungefähr zweimal im Jahr, und sie waren immer ein großer Erfolg. Dadurch gelang es uns, neue Kunden zu gewinnen und ein gutes Verhältnis zu den bereits vorhandenen zu halten.

»Wo bleibt denn Antonio?«, fragte Fiamma, während sie am Computer eine Patientenakte ausfüllte. »Sonst ist er doch um die Zeit immer schon hier. Was meinst du, sind wir ihn etwa ein für alle Mal losgeworden?«

»Das hättest du wohl gern«, erwiderte ich amüsiert, weil ich gerade einen Mann zur Tür hereinspazieren sah.

»Hallo ihr zwei, guten Morgen«, sagte Antonio, der in der Tür stehengeblieben war und seinen Auftritt sichtlich genoss.

Er trug ein eng anliegendes petrolfarbiges T-Shirt, das seinen fitnessstudiogestählten Körper betonte, und eine Faded Jeans. Seine lockigen Haare fielen ihm tief in die Stirn.

Fiamma stieß mich an und deutete mit dem Kopf in seine Richtung. »Wenn man vom Teufel spricht …«, meinte sie und zwinkerte mir zu.

Antonio kam an die Anmeldung, zeigte mit dem Finger auf uns und kniff die Lider zusammen. »Ich habe euch gehört, und diese weibliche Verschwörung gegen mich gefällt mir nicht. Ich brauche sofort einen Anwalt.« Fiamma ging nicht auf ihn ein und kicherte in sich hinein. »Ach, das wurde aber auch Zeit. Wann verschwindest du von hier?«

Armer Antonio, er war der einzige Mann hier und deshalb ziemlich im Nachteil. Er zog die Augenbrauen hoch. »Mia, siehst du? Ich habe dir immer gesagt, dass deine Freundin wirklich unverschämt ist. Lässt du etwa zu, dass sie so mit mir redet?«

Ich zuckte nur mit den Schultern. »Tut mir leid, aber ich kann nichts zu deiner Verteidigung anführen … und zu spät bist du auch noch«, sagte ich abwehrend und bemühte mich, ernst zu bleiben.

Fiamma prustete los, froh, dass ihr jemand beisprang.

»Weiber …«, meinte Antonio nur schwach und machte eine verächtliche Handbewegung.

»Ich hasse dich!«, antwortete Fiamma hastig.

Antonio schnaubte verächtlich. »Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit, Schätzchen.«

Solche Dialoge waren an der Tagesordnung, besonders zwischen Fiamma und Antonio. Ihr Verhältnis konnte man als die klassische Hassliebe bezeichnen. So ging das die ganze Zeit, sie zankten sich wie Geschwister.

Fiamma beschloss, den Seitenhieb zu ignorieren, und rief den nächsten Patienten auf. Obwohl ich diese kleinen Sticheleien ziemlich witzig fand, hatten wir doch keine Zeit zu verschwenden. Der Terminplan für diesen Tag war beinahe voll, die Neuankömmlinge noch gar nicht berücksichtigt.

Von hier aus gesehen, zwischen Rezeption und Tür, sah das Wartezimmer ausgesprochen einladend aus. Die minimalistische Einrichtung und die weißen Wände ließen den Raum größer wirken. Rechts hatten wir weiche Sitzkissen und kleine Sofas aus Ökoleder platziert, um das Ambiente für die Tierbesitzer angenehm zu gestalten, aber wir hatten natürlich auch die Bedürfnisse der eigentlichen Kunden, unserer Patienten auf vier Pfoten, berücksichtigt.

Ein Räuspern ließ uns aufsehen.

»Oh, Vittorio. Du kannst wohl nicht ohne uns!«, rief ich aus und sprang auf.

Vittorio war der Kommandant der örtlichen Polizeiwache und einer der größten Geldgeber für die Tierrettungsaktivitäten der Klinik. Wir arbeiteten eng mit den Ordnungskräften zusammen. Wenn ihnen ein Notfall im Zusammenhang mit einem Tier gemeldet wurde, mussten wir mit zum Einsatz. Wir hatten rund um die Uhr verfügbar und erreichbar zu sein. Das hieß auch, Anrufe mitten in der Nacht entgegenzunehmen oder Tiere aus Situationen von Missbrauch oder Misshandlung zu befreien.

Vittorio stand kurz vor der Pensionierung, aber er wirkte immer noch jugendlich. Er war über einen Meter neunzig groß, und seine Haltung strahlte Erfahrung und Professionalität aus. Er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen: Der Mann wirkte wie ein sympathischer Bulle aus den Fernsehserien, mit ausladendem Bauch und gepflegtem Schnurrbart.

Vittorio sah mich an und nahm die Mütze ab, die er an die Brust drückte. »Keine Sorge, das hier ist ein Freundschaftsbesuch«, sagte er und schüttelte mir die Hand.

Antonio witterte die Chance, in ihm einen Verbündeten zu finden. »Sag bitte, dass du zu meiner Rettung gekommen bist. Es ist nicht schön, der einzige Mann hier zu sein. Ich stehe unter Dauerbeschuss.«

Vittorio legte Antonio freundschaftlich den Arm um die Schulter und sah ihn eindringlich an. »Denk nicht weiter darüber nach, du weißt doch, dass Frauen unberechenbar sind. Komm, ich geb dir einen Kaffee aus.«

Ich folgte ihnen zum Getränkeautomaten und lehnte mich dort mit dem Rücken an die Wand.

»Wie geht es dir, Vittorio?«

»Ganz gut, ich bin nur ein bisschen müde«, antwortete er mit seinem üblichen Piemonteser Tonfall. »Und wie läuft es bei euch? Immer nur am Zanken?«, fragte er neugierig.

Antonio zog eine Augenbraue hoch. »Sie verschwören sich gegen mich. Die sind einfach neidisch auf so viel Schönheit«, erklärte er und präsentierte stolz seine Muskeln. »Es hat schon seinen Grund, dass das weibliche Klientel immer nach mir fragt.«

Fast hätte ich vor Lachen meinen Kaffee ausgespuckt. »Nein, entschuldige mal, du Mann der tausend Fähigkeiten. Die Frauen fragen nach dir, weil du sie mit deinen blöden Witzen unterhältst«, antwortete ich spöttisch und zwickte ihn in den Arm. »Wann wirst du endlich mal erwachsen?«

Antonio drehte sich zu mir um und grinste mich breit an. »Wie ich es liebe, wenn du wütend bist.«

Vittorio bemühte sich, sein Lachen mit einem Hustenanfall zu kaschieren.

»Schön zu sehen, wie ihr jungen Leute euch gegenseitig hochnehmt. Oh, selige Jugend«

»Zum Glück sind wir nur Kollegen, ich müsste schon verrückt sein, mich mit einem wie dem zusammenzutun.«

Antonio nahm meine Worte als Herausforderung. »Wenn du das so siehst, wer würde dich schon wollen?« Er grinste höhnisch. Wollte das letzte Wort behalten.

»Jetzt seid mal still. Ich bin hier, weil ich eine wichtige Nachricht für euch habe«, setzte Vittorio an und trank einen Schluck Kaffee. »Bei uns auf dem Revier gibt es einen Neuzugang. Er heißt Diego, kommt aus Gallipoli, und ich muss zugeben, dass ich seit Jahren keinen Kollegen mehr wie ihn hatte.«

»Vittorio, warum nie eine Frau?«, fragte Antonio.

»Hör auf! Warum kannst du nicht einmal ernst bleiben?«, fuhr ich ihn sofort an.

Vittorio räusperte sich. »Im Moment gibt es keine Frauen bei uns, aber vielleicht ist das auch besser so. Wie solltest du dich sonst konzentrieren?« Er schüttelte den Kopf. »Der Mann ist ziemlich in sich gekehrt und wirkt distanziert, aber er ist außerordentlich engagiert. Er scheint wie geschaffen für diesen Job.«

»Er mag ja gut in seinem Job sein, aber er ist jemand Fremdes. Ich habe mich so daran gewöhnt, dich immer an meiner Seite zu haben. Zwischen uns hat sich eine gewisse Vertrautheit entwickelt«, wandte ich ein.

»Das weiß ich genau, und deswegen bin ich ja auch hier. Ich möchte, dass Diego dich so gut wie möglich unterstützt; und ich bin mir sicher, dass ihr prima zusammenarbeiten werdet. In so was habe ich mich noch nie geirrt. Ich gehe bald in Pension und muss wissen, dass jemand meinen Platz einnehmen wird.«

Ich war durcheinander. Nickte, obwohl ich ihn eigentlich anflehen wollte, uns nicht zu verlassen. »Na gut. Dann werde ich Diego wohl bald kennenlernen.«

Ich versuchte, meine Enttäuschung über diese Nachricht nicht erkennen zu lassen. Schließlich wusste ich, dass es früher oder später dazu kommen musste, aber doch nicht so bald! Im Lauf der Zeit hatte sich zwischen uns und den anderen Leuten auf dem Revier eine ganz besondere Beziehung entwickelt, die ich noch nicht aufgeben wollte.

Vittorio wirkte geknickt darüber, dass er mir die Laune verdorben hatte, und er umarmte mich fest. »Komm schon, ich bin doch noch da. Du wirst dich nur an einen neuen Assistenten gewöhnen müssen, der ein bisschen bärbeißig, starrsinnig und eigentlich immer schlecht gelaunt ist«, schloss Vittorio amüsiert.

Na toll! Ich seufzte und versuchte, mich wieder in den Griff zu bekommen. »Auch noch starrsinnig? Das kann ja heiter werden …« Ich verdrehte die Augen.

Vittorio sah auf die Uhr. »Ich hoffe, du schaust mich nun nicht ewig so böse an. Jetzt muss ich aber los. Also dann, bis bald und viel Glück!« Er ging zur Tür. »Ach, Mia, ich habe noch was vergessen. Weißt du was, ihr seid auch noch Nachbarn. Das habe ich entdeckt, als ich seinen Lebenslauf gelesen habe. Wenn es also einen Notfall gibt, brauchst du nur zwei Schritte zu gehen und an seine Tür zu klopfen.«

Diese Neuigkeit machte mich sprachlos. In mir schrillten weitere Alarmglocken auf. Mir war der Mann schon unsympathisch, bevor ich ihn überhaupt kennengelernt hatte. Nicht nur, dass ich durch ihn einen tüchtigen Kollegen verlor, er hatte auch noch die Frechheit, in meiner Nähe einzuziehen. Ich fühlte mich verletzlich. Und atmete tief durch, um wieder zur Vernunft zu kommen.

Antonio schlug mir freundlich auf die Schulter. »Das ist doch wirklich ein Glück!«, meinte er, bevor er ging und mich im Pausenraum zurückließ.

Zwei Stunden später saß ich am Steuer meines Wagens. Während ich gleichmäßig dahinfuhr, schaltete ich das Radio an und stellte lauter, weil gerade einige Hits aus den Achtzigern gespielt wurden.

Unter dem blitzblanken Himmel vor mir öffnete sich im hellen Schein der Frühlingssonne das weite Land und die Natur, die nach langem Winterschlaf erwachte. Ich ließ den Anblick der aufblühenden Felder hinter mir, um ihn durch den der Stadt zu ersetzen. Geschäfte, Verkehr, Beton spiegelten sich nun in meinen Augen. Ich ließ das Seitenfenster herunter, damit etwas Luft hineinkam, und je näher ich meinem Ziel kam, desto lauter klopfte mein Herz. Nun hatte ich es fast erreicht.

Ich stellte den Wagen im Schatten ab, auf dem einzigen freien Parkplatz zwischen der Mauer eines kürzlich erbauten Gebäudes und einem großen militärgrünen SUV.

Dann ging ich auf den Eingang zu, ließ die Automatiktür hinter mir und näherte mich der Anmeldung. Man bat mich, in einem Warteraum Platz zu nehmen, aber schon nach wenigen Minuten kam die Schwester zurück und sagte mir, dass der Direktor mich erwartete.

Ich folgte ihr durch einen langen Flur und klopfte schließlich zweimal an eine Tür. Ich versuchte, eine plötzlich aufkommende Schüchternheit in den Griff zu bekommen. Ich war völlig durch den Wind und kam mir so unbeholfen vor, vielleicht eine ganz natürliche Reaktion auf die aufregende Neuigkeit.

»Setzen Sie sich doch. Ich habe schon auf Sie gewartet«, rief der Direktor aus und erhob sich von seinem Drehstuhl. »Ich freue mich, Sie wiederzusehen«, sagte er und schüttelte mir die Hand.

Seit ich diesen Raum das erste Mal betreten hatte, um ihm mein Projekt vorzuschlagen, waren einige Monate vergangen. Hier war alles noch wie damals: der aufgeräumte Schreibtisch, die beiden Stühle und eine Vase mit frischen Blumen, jetzt waren es Tulpen. Der Direktor der Klinik hatte sich von Anfang an interessiert gezeigt, aber er hatte sich Zeit ausgebeten, um mir eine endgültige Antwort zu geben. Ich konnte kaum glauben, dass ich heute hier in seinem Büro saß, um mir das Ja abzuholen.

»Sie sind immer so freundlich zu mir. Ich muss Ihnen danken, dass Sie an mich und die tiergestützte Therapie glauben. Sie werden sehen, dass ich Sie nicht enttäuschen werde«, sagte ich begeistert.

Der Direktor lächelte und strich sich über das Kinn. Seine klugen Augen waren hinter einer modischen Brille verborgen. »Sie müssen keine Angst haben, mich zu enttäuschen, sondern die Kinder, denen ich Ihren Besuch versprochen habe. Die können es kaum erwarten, Sie kennenzulernen und mit dem Projekt anzufangen, so wie wir es bei unserem letzten Treffen besprochen haben. Ich habe drei Patienten unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Problemen ausgewählt, um dadurch einen breiteren Überblick über die zu erzielenden Resultate zu bekommen.«

»Ich kann es ebenfalls kaum erwarten. Und ich bin überzeugt, dass wir optimale Ergebnisse erzielen.«

Der Direktor versuchte, ganz kurz zusammenzufassen, weshalb ich hier war.

»Wie ich Ihnen schon gesagt habe, wenn alles gut läuft, wird es die Möglichkeit geben, das Projekt zu überdenken und es zu erweitern«, sagte er, während er einen Stapel Papiere auf dem Schreibtisch zusammenschob.

Es klopfte, und jemand öffnete die Tür einen Spalt.

»Ich hätte gern Ihre Meinung über diesen Befund …« Der Mann unterbrach sich abrupt, als er mich bemerkte.

»Komm ruhig herein, Alberto. Du kommst genau im richtigen Moment«, meinte der Direktor und forderte ihn auf, neben mir Platz zu nehmen. Ein attraktiver Mann um die vierzig betrat den Raum. Breite Schultern, sehr groß und hager, mit ausgeprägter Kinnpartie und kurzen Haaren. Er streckte mir die Hand zur Begrüßung hin, und sein Lächeln enthüllte weiße Zähne, die einen deutlichen Kontrast zu seinen haselnussbraunen, von kleinen Fältchen umgebenen Augen bildeten. »Sehr erfreut, Alberto«, stellte er sich mit samtiger Stimme vor.

Ich neigte den Kopf leicht und antwortete: »Ich heiße Mia.«

»Mia, das ist einer unserer besten Ärzte. Alberto wird sich freuen, Ihnen das ganze Haus zu zeigen, und Sie können ihn alles fragen«, dann fügte er hinzu: »Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit bei diesem Vorhaben.«

Ich stand auf und reichte dem Direktor die Hand. »Vielen Dank für das Kompliment und vor allem für diese wunderbare Chance.«

Der Direktor gab Alberto eine Akte. »Ich verlasse Sie jetzt, denn mich erwarten einige Pflichten. Melden Sie sich, wenn Sie Zeit für ein Kennenlerngespräch mit den Kindern und ihren Eltern haben«, sagte er noch, dann klingelte das Telefon.

Ich lächelte ihn, wie ich hoffte, beruhigend an und verabschiedete mich.

Dann folgte ich Alberto, der das Büro verließ und schnellen Schrittes auf den rechten Flügel des Krankenhauses zulief, der blendend weiß in der Sonne leuchtete.

»Sie sind also Tierärztin …«

Mir fiel es nie leicht, über das zu reden, was ich tat. Nicht weil ich unzufrieden damit war, sondern weil es für mich war, als würde ich einen zu intimen Teil von mir preisgeben.

»Ja, ich leite eine Tierklinik ein wenig außerhalb der Stadt.«

»Stellen Sie sich vor, ich habe als Kind auch davon geträumt, einmal Tierarzt zu werden«, sagte er, und seine Stimme verriet eine gewisse Bitterkeit.

»Und warum haben Sie Ihre Meinung geändert?«

Alberto zuckte mit den Schultern und antwortete nicht sofort. Er wirkte nachdenklich.

»Ich habe es einfach aufgegeben. Mein Vater war ein bekannter Chirurg, inzwischen ist er in Pension, und er wünschte sich, dass ich ihm in seinem Beruf nachfolge«, antwortete er sanft. »Eigentlich sollte ich ihm danken, denn ich liebe meine Arbeit wirklich.«

Ich betrachtete sein ernstes Gesicht. Seiner Stimme hatte man eine gewisse Enttäuschung angehört.

Bei seiner Erzählung war in mir eine Erinnerung aus der Pubertät hochgekommen: Ich wusste genau, was es hieß, sich den Erwartungen der eigenen Familie zu widersetzen, denn auch ich hatte hart dafür gekämpft, mir meinen Traum zu erfüllen.

Alberto wechselte das Thema, er blätterte die Akte in seiner Hand durch. »Sie werden sich um drei Patienten kümmern. Einer heißt Lukas und leidet seit vielen Monaten an Leukämie, dann ist da noch ein Mädchen, das an schwerer hypertropher Kardiomyopathie leidet. Der letzte ist ein elfjähriger autistischer Junge.«

Ich nickte im Weitergehen. »Können Sie mir schon sagen, wo ich meine Arbeit durchführen kann?«

»Wenn das Wetter es erlaubt, steht Ihnen der Garten zur Verfügung, Sie können ihn nach Ihren Bedürfnissen nutzen. In den Krankenzimmern sind Tiere nicht erlaubt, aber es gibt einige Gemeinschaftsräume, die wir dafür ausrüsten können. Was meinen Sie?«

Ich zwang mich, die Gefühle zu unterdrücken, die mich zu überwältigen drohten.

Alberto blieb stehen angesichts meines Schweigens. »Ist alles in Ordnung?«

»Ich glaube schon.«

Einen Moment lang begegneten sich unsere Augen. Alberto blickte mich ernst und durchdringend an.

Der Ton seines Piepers unterbrach diesen endlosen Moment der Verlegenheit. »Es tut mir schrecklich leid, aber ich muss gehen«, sagte Alberto.

»Das macht nichts, wir sehen uns ja bald wieder. Ganz im Gegenteil, Sie waren überaus freundlich und sehr geduldig«, antwortete ich und streckte ihm die Hand hin.

Längere Pause.

Alberto nahm meine Hand und schüttelte sie kräftig, während auf seinem Gesicht ein sanftes, einnehmendes Lächeln erschien. »Wir können uns ruhig duzen«, sagte er.

Ich biss mir auf die Lippe und sah ihm nach, wie er langsam Schritt für Schritt zurückwich, sich dann umdrehte und in einem der Krankenzimmer verschwand. Ich blieb noch einige Momente stehen und fragte mich, was Fiamma wohl von ihm gehalten hätte. Sie hätte ihm zweifellos die Bestnote gegeben.

Als ich an jenem Abend nach Hause kam, tat mir der Rücken weh. Ich setzte mich auf das Sofa, um mich auszuruhen, streckte die Beine von mir und döste langsam weg.

Das Geräusch von Krallen auf dem Boden ließ mich hochschrecken. Ich sah auf die Uhr und merkte, dass es beinahe Zeit zum Abendessen war.

»Was ist denn los?«, meckerte ich Bubu an, der ungeduldig im Raum auf und ab lief. Ehrlich gesagt wusste ich genau, was er wollte. Mit der Zeit hatte ich gelernt, jedes seiner Signale zu deuten.

»Kannst du nicht mal fünf Minuten warten? Oder noch besser, du kannst doch kommen und gehen, wie du willst, schließlich bist du nach dem Hundealter volljährig«, murmelte ich und schloss leicht die Augen.

Bubu schien meine Antwort nicht zu gefallen, er sprang auf das Sofa und kratzte mir mit der Pfote über den Arm.

Ich musste laut lachen und umarmte ihn. »Okay, Botschaft angekommen. Gehen wir.«

Ich zog mir ein Sweatshirt mit Kapuze an und ging mit ihm Gassi.

Die Liebe zu Tieren hatten mir meine Großeltern vermittelt. Ganze Tage hatte ich zusammen mit Opa auf dem Sofa verbracht, mir mit ihm Tierdokumentationen angesehen und Fragen auf ihn abgefeuert wie ein kleines Maschinengewehr. Ich war ein sehr wissbegieriges Mädchen.

Ich fröstelte und zog die Kapuze hoch, wobei ich darauf achtete, dass die Ohren bedeckt waren.

Bubu blieb an jedem einzelnen Baum stehen und markierte sein Revier.

Die Straßenlaternen verbreiteten ein gedämpftes Licht auf dem Weg. Aus den Fenstern der benachbarten Häuser fiel ein heller Schein in das Abenddunkel. Begleitet von meinem unvermeidlichen iPod füllten sich meine Ohren mit den Klängen mitreißender Jazzmusik. Ich lief langsam, wiegte mich in den Hüften im Rhythmus und ließ zu, dass mein Körper dem Takt der Musik folgte.

Ein schwarzer Wagen schoss an mir vorbei und blieb vor dem Haus rechts von mir stehen. Anfangs schien es so, als wollte er überhaupt nicht bremsen, aber dann quietschten die Reifen ohrenbetäubend in den Gassen.

Die dunkle Nacht war nicht gerade hilfreich, um das Gesicht meines neuen Nachbarn zu erkennen, aber ich war mir sicher, dass sich auf der Beifahrerseite zwei schöne Frauenbeine aus dem Wagen geschält hatten.

Bubu trabte völlig unbeeindruckt vor mir her, sprang von einer Pfütze zur anderen und spritzte jede Menge Schlamm hoch. Das war wirklich eine dumme Angewohnheit von ihm.

Das also ist Diego, dachte ich. Ich kam fast um vor Neugier.

Kapitel Zwei

Ich schreckte aus einem seltsamen Traum hoch. Es war Sommer, und ich lag dösend auf einer Liege am Strand, während ein Schwarm Möwen an einem wolkenverhangenen Himmel gerade Linien und spiralförmige Muster zeichnete. Nur von Palmen und farbenfrohen Häusern umgeben hatte ich das Gefühl, die einzige Touristin weit und breit zu sein. In der Ferne war das Meer mit Booten getüpfelt, die mit windgeblähten Segeln am Horizont entlangglitten. Über allem lag eine gedämpfte Stille.

Als der Unbekannte wieder aus dem Wasser auftauchte, zögerte ich keinen Moment. Ich lief zu ihm und sah ihm endlich ins Gesicht. Mit einer Hand strich ich ihm über die Wange und spürte die rauen Bartstoppeln unter meinen Fingerspitzen. Er erwiderte meine Zärtlichkeit und sah mich bewundernd an. Begehrte er mich so sehr, wie ich ihn begehrte?

Gähnend schaute ich auf den Wecker, mir kam es vor, als hätte ich keine Minute geschlafen. Dann kuschelte ich mich wieder unter meine Bettdecke: Es war eindeutig noch zu früh, um in die Wirklichkeit zurückzukehren. Ich schloss die Augen in der Hoffnung, den Traum fortzusetzen, aber schon glitt er davon und löste sich in verblassenden Bildern auf.

Ich vergrub den Kopf tief in das nach Weichspüler duftende Kissen und versuchte, noch einmal einzuschlafen, um den Strand erneut vor meinen Augen auftauchen zu sehen. Doch Bubus Schnarchen machte jede Bemühung, mich zu entspannen, zunichte.

Ich stieg aus dem Bett und ging zum Fenster. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich die Läden öffnete, Stimmen drangen vom anderen Ende der Straße zu mir. Als ich hinuntersah, bemerkte ich, dass das Auto nicht mehr in dem Gässchen parkte. Nur die tiefen Spurrillen waren zu erkennen, die die Räder in dem feuchten Boden hinterlassen hatten.

Aus mir unerfindlichen Gründen fand ich die Situation irgendwie interessant.

Mit einer heißen Dusche spülte ich die letzten Spuren des Traums von mir ab. Das Wasser perlte belebend über meinen Körper. Ich atmete tief durch. Weshalb fühlte ich mich so zu meinem neuen Nachbarn hingezogen, obwohl ich ihn noch nie gesehen hatte? Wie erbärmlich war das denn?

Nachdem ich meine Haare kurz trockengerubbelt hatte, schlüpfte ich schnell in die Sachen, die ich bereits am Vorabend herausgelegt hatte, und lief zur Haustür. Als ich gerade die Jacke überziehen wollte, hörte ich es klopfen. Ich öffnete, der blendende Sonnenschein zwang mich, meine Augen mit der Hand abzuschirmen. Vor mir stand ein hochgewachsener Mann mit markanten Zügen und einer prominenten Nase, die sich perfekt in sein Gesicht einfügte.

Ein intensiver Duft drängte sich mir auf. Ein vertrauter Geruch, der mich weit in die Vergangenheit zurückwarf, bis in meine Kindheit. Schlagartig erinnerte ich mich an unbeschwerte Nachmittage in der Gartenlaube in den Bergen, an den weichen Apfelkuchen meiner Oma und die Jacke meines Großvaters, in deren Taschen sich immer Pfefferminzbonbons versteckten. Dann erkannte ich den Fremden plötzlich: Es war der Mann aus meinen Träumen. Ich konnte nicht fassen, dass er nun genau so vor mir stand, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Wie wahrscheinlich war das wohl? Ich war so verwirrt, dass ich zunächst mit leicht geöffnetem Mund wie angewurzelt dastand. Dann versuchte ich, mich selbst davon zu überzeugen, dass er es ja gar nicht sein konnte, brauchte allerdings noch ein paar Sekunden, ehe ich ein Wort herausbrachte. Ich muss ein dämliches Bild abgegeben haben.

»Hallo …«, stammelte ich in meiner Überraschung.

Er maß mich mit einem gleichgültigen Blick und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen.

»Ich bin gerade hierhergezogen und anscheinend dein neuer Nachbar.« Seine Stimme klang herablassend und löste alles Mögliche aus, nur keine Sympathie. Er wirkte so verflucht von sich überzeugt.

»Freut mich, ich bin Mia. Und du …«, brachte ich mit leisem Stimmchen heraus und streckte ihm die Hand hin, um meine Verlegenheit zu überspielen.

»Ich heiße Diego«, antwortete er knapp.

Sein Händedruck war fest, und der leicht apulische Dialekteinschlag ließ die Worte noch markiger wirken.

Diego zog seine Hand weg, schob sich eine Haarsträhne zurück und betrachtete mich düster. Er wirkte nervös, fuhr sich ständig mit der Hand zum Gürtel und klopfte mit dem Fuß auf den Boden.

»Hör mal, es ist leider keine Zeit für Smalltalk, reden wir gleich von der Arbeit«, platzte er ungeduldig heraus.

Ich spürte, wie aus heiterem Himmel etwas in mir hochkochte. Was für eine Arroganz. Dieser Mann hatte soeben eine Barriere zwischen uns aufgebaut und mich in Verlegenheit gebracht. Er nahm die Sonnenbrille ab, und ich konnte ihm in die Augen sehen: grau und kühl, unmöglich, etwas darin zu lesen.

»Okay, ich bin ganz Ohr«, brach ich kurz angebunden das Schweigen zwischen uns.

»Vittorio hat mich gerade angerufen und mich über einen geheimen Hundekampf in einer aufgegebenen Lagerhalle an der Staatsstraße informiert. Zwei Beamte sind bereits vor Ort, aber wir brauchen deine Unterstützung.« Nun klang er wieder professionell wie ein echter Polizeibeamter.

»O Gott. Gib mir fünf Minuten, damit ich meine Autoschlüssel und einen Erste-Hilfe-Kasten hole.«

»Wir haben wenig Zeit, du kommst am besten gleich mit mir. Damit sind wir schneller«, erklärte Diego und zeigte auf sein Motorrad, das ganz in der Nähe stand.

Absolute Panik bei mir. Was sollte ich tun? Auf diese Maschine würde ich mich nicht mal unter dem Einfluss von irgendwelchen Betäubungsmitteln setzen.

»Wow! Die sieht ja klasse aus!«, lobte ich mit falscher Bewunderung.

Ein bisschen zu enthusiastisch vielleicht, aber insgesamt eine überzeugende Vorstellung.

Er horchte auf. »Ach wirklich? Kennst du dich etwa damit aus?« Diego verzog ironisch die Lippen, als er meinen Gesichtsausdruck sah.

»Wie bitte?«, antwortete ich, als hätte ich ihn nicht verstanden.

»Stehst du auf Motorräder?«

»Oh ja … ich liebe sie!«, bestätigte ich fast schreiend, obwohl mir mein Instinkt dringend davon abriet.

So ein verdammter Mistkerl, dachte ich. Warum hatte ich mich nur zu so einer Lüge hinreißen lassen? Es war wirklich nicht der Moment, mit nicht vorhandenen Vorlieben zu prahlen.

Diego hielt meinem Blick entschlossen stand. »Dann beeil dich, was stehst du noch herum? Du willst sie doch steuern, oder?«

Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken. Wie konnte er es wagen, sich so über mich lustig zu machen? Oh ja, Vittorio würde was zu hören bekommen über seinen Neuzugang im Revier.

Ich presste die Lippen zusammen, ging ins Haus zurück und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Diego wich geschickt nach hinten aus, um nicht getroffen zu werden. Schade.

Panik überfiel mich. Er musste begriffen haben, dass ich ihm nur etwas vorspielte. Ich wollte die Dinge nicht noch schlimmer machen, als sie es schon waren. Es gab nichts, worüber ich mir Sorgen machen musste, das hier war nur mein neuer Kollege und Nachbar, der mich gerade dazu aufgefordert hatte, mich einem meiner schlimmsten Albträume zu stellen. Wem wollte ich denn etwas vormachen? Ich konnte ihm ja schlecht sagen, dass ich meinen zarten Allerwertesten nicht mehr auf ein Motorrad gesetzt hatte, nachdem ich fast die Maschine meines Exfreundes zu Schrott gefahren hatte.

»Und jetzt?«, murmelte ich verzweifelt vor mich hin.

Ich schaute durch den Spion und sah Diego, wie er das Ohr an die Tür presste.

»Was zum Henker …?«, flüsterte ich und schlug mir schnell mit der Hand auf den Mund, damit er mich nicht hörte.

Ich legte die Kette vor und öffnete die Tür einen Spaltbreit. »Hey, was tust du da?«

Diego konnte einen Sturz gerade noch so verhindern und trat schnell ein paar Schritte zurück.

»Was denn?«

»Verdammt, hast du gerade an meiner Tür gelauscht?«

»Entschuldige, was sagst du? Ich habe bemerkt, dass es mit deiner Fassade nicht zum Besten steht. Schau mal, da ist ein Fleck. Das solltest du mal jemandem zeigen, könnte Schimmel sein! Üble Sache.«

Ich schlug die Tür zu und beobachtete durch den Spion, dass er sich hingekniet hatte, um irgendeine Stelle an meinem Haus anzustarren, dann fing er sogar an, am Putz rumzukratzen.

»Ha. Das werde ich Vittorio sagen, dass der Kerl auch noch durchgeknallt ist«, grummelte ich verärgert.

Ich blieb noch eine Weile gegen die Wand gelehnt stehen, dann ließ ich mich auf den nächsten Stuhl sinken. Verzweifelt blickte ich mich um, als könnte sich die Lösung meines Dilemmas irgendwie vor meinen Augen manifestieren. Dann schloss ich sie in der Hoffnung, so die Kontrolle über die Situation wiederzuerlangen. Als ich sie wieder öffnete, blickte ich geradewegs in Bubus Augen, der es sich unter dem Tisch bequem gemacht hatte.

»Tu’s einfach!«, sprach ich mir Mut zu.

Ich packte alles Nötige zusammen, schaute noch einmal nach, ob Bubus Näpfe auch gefüllt waren, und ging schließlich nach draußen. Diego sah auf seine Armbanduhr und reichte mir dann einen Helm. »Für heute lassen wir es gut sein, weil wir losmüssen. Setz den auf und halt dich an mir fest«, rief er, während er schon den Ständer hochklappte.

Sobald ich im Sattel saß, brauste das Motorrad los.

Ängstlich suchte ich Halt an seiner Hüfte, unter der Lederjacke konnte ich die Muskeln spüren. Eine plötzliche Rechtskurve zwang mich, mich noch fester an ihn zu klammern, und ich presste mich mit meinem ganzen Körper gegen seinen Rücken.

»Alles gut da hinten?«, fragte Diego.

Gar nichts war gut. Fester Boden unter den Füßen, das wäre gut gewesen. Aber ich verbarg meine Furcht und säuselte bloß: »Es ist fantastisch!«

Etwa zehn Kilometer folgten wir der Landstraße. Das Motorrad raste über den löchrigen Asphalt, und kleine Kiesel spritzten unter seinen Rädern weg. Rechts und links von der Straße verliefen zwei lange Reihen uralter Bäume, die ihren Schatten auf verwitterte Werbetafeln warfen.

Endlich kam die Lagerhalle in Sicht. Ein riesiges, heruntergekommenes Gebäude, das perfekte Versteck für illegale Aktivitäten. Das steil abfallende Dach hatte auf der linken Seite ein großes Loch, notdürftig geflickt mit Aluminiumplatten, und das verrostete Tor stand weit offen. Auf dem Vorplatz standen zwei Polizeiwagen mit Blaulicht und eine Menge mir unbekannter Menschen, die aufgeregt brüllten und gestikulierten. Ich kam mir vor wie im Film. Ich drehte mich um und sah noch andere Streifenwagen heranrasen. Es musste wirklich ein großes Ding sein.

Wir parkten das Motorrad neben einem der Autos und liefen schnell zum Halleneingang. In dem Gebäude hatten die Beamten die Männer versammelt, die nicht schnell genug geflüchtet waren, und überprüften ihre Papiere. Es waren einige bekannte Gesichter aus einem Netzwerk von Kriminellen unter ihnen. Der große Raum in der Mitte der Halle war als Kampfarena genutzt worden. Doppelt gespannte Seile begrenzten den Bereich, um den umgestürzte Stühle, durcheinandergewürfelte Tische und zerbrochene Bierflaschen lagen. Der Gestank war unerträglich, eine Mischung aus Staub, Urin und altem Schweiß. Der Boden war mit Müll übersät, dazwischen dunkelrote Spritzer. Scherben glänzten im Licht der Neonröhren an der Decke.

Die Beamten durchsuchten die verbliebenen Kriminellen, beschlagnahmten Geld sowie Hieb- und Stichwaffen. Wir wussten aus Erfahrung, dass bei Hundekämpfen auch andere illegale Geschäfte abgewickelt wurden. Mein Blick verharrte auf der Kampfzone, und ich konnte gerade noch einen Brechreiz unterdrücken: überall getrocknetes Blut, Haare und Erbrochenes.

Ich sah mich nach den Hunden um und begann mit zitternden Knien die Anlage abzusuchen.

»Hier, Mia! Sie sind hier!«, schrie Diego, um sich in dem allgemeinen Lärm Gehör zu verschaffen.

Drei Pitbulls lagen sterbend auf der Erde, ein weiterer war vermutlich bereits tot. Ich näherte mich ihnen vorsichtig und schob mit den Füßen Glasscherben beiseite, damit ich mich hinknien konnte. Ich legte eine Hand auf den reglosen Körper, um den Herzschlag zu erspüren, versuchte, ihm die Augen zu öffnen auf der Suche nach einem Lebenszeichen. Nichts. Der Hund war an einer Wunde am Hals verblutet. Ich nahm mir eine Decke und breitete sie über ihn. Dann ging ich zu den anderen drei Hunden. Der Zustand des ersten machte mir große Sorgen, er atmete schwer, Schauder liefen in schnellen Abständen durch seinen Körper, der von tiefen Wunden gezeichnet war. Aus einer davon strömte Blut. Dieser Hund klammerte sich mit aller Kraft ans Leben. Seine Augen glänzten, glänzten vor Angst.

»Diego, wir müssen sie sofort von hier fortschaffen«, erklärte ich. »Ich rufe Antonio und Fiamma an. Wir brauchen den Transporter und drei Käfige, um alle in die Klinik zu bringen. Im Moment kann ich sie nur überwachen und die Wunden so gut es geht desinfizieren«, meinte ich weiter, während ich schon in meiner Jacke nach dem Handy kramte.

Meine Hand zitterte. Obwohl es schon lange her war, verfolgte mich dieses Gefühl immer noch wie ein dunkler Schatten. Ich hatte immer noch die verzweifelten Klagelaute des ersten Hundes in den Ohren, dem ich geholfen hatte, jenen traurigen Ton, der dann leise erstarb. Ich war noch jung und unerfahren gewesen und hatte den Blick abwenden müssen, als dieser Körper sein Leben aushauchte. Er war in meinen Armen und blutverschmierten Händen gestorben, und ein Kollege hatte mich fest an sich gedrückt, bis mein Atem sich wieder beruhigt hatte. Diego fragte, ob ich Hilfe bräuchte, doch nachdem ich dies verneinte, ging er, um seine Kollegen zu unterstützen.

Der zweite Hund kam auf die Beine, fuhr zu mir herum und knurrte mich zähnefletschend an. Sein Körper war von den Spuren des Kampfes gezeichnet, der bis vor ein paar Stunden hier getobt hatte, an manchen Stellen konnte man die nackte Haut sehen, weil die Kontrahenten sich beim Verbeißen das Fell ausgerissen hatten.

Der Hund jaulte, erst einmal, dann noch einmal. Er schloss die Augen und wich leise winselnd ein wenig zurück.

Ich kauerte mich in respektvollem Abstand vor ihm nieder: »Komm her, mein Schöner. Komm her.« Der Hund machte einen Schritt nach vorn, dann blieb er wieder stehen. Schwankend hielt er sich auf nur drei Beinen aufrecht, eine Vorderpfote zog er nach, den Blick hielt er starr auf den Boden gesenkt. An einigen Stellen waren die Wunden so tief, dass man fast bis auf die Knochen sehen konnte. Quer über die Kehle verlief eine Narbe, die sich entzündet hatte. Er sträubte das Fell.

»Noch ein Stück«, lockte ich ihn und hielt ihm einen Hundekeks hin. Selbst jetzt sah er kaum hoch, doch er leckte sich mit der Zunge übers Maul und kam wenigstens ein paar Zentimeter näher. Dann setzte er sich hin, sein Schwanz fegte über den Boden und wirbelte ein paar Glassplitter beiseite.

Ich blieb, wo ich war.

»Sehr gut«, flüsterte ich zufrieden. Mit letzter Kraft richtete er sich noch einmal auf und kam zu mir, bei jedem Schritt schien er sich schwerer auf den Beinen halten zu können. Er wedelte zum ersten Mal mit dem Schwanz, als er meine Handfläche berührte und sich vorsichtig den Keks nahm.

»Du bist wirklich ganz tapfer«, sagte ich und strich ihm mit den Fingerspitzen leicht übers Fell. Eine Träne kullerte mir über die Wange. Ganz ruhig lockerte ich die Schnur um seinen Hals, und funktionierte sie durch einen kleinen Knoten zu einem Halsband um, damit ich ihn vorübergehend einem Polizeibeamten übergeben konnte.

Das Tier, das mir am meisten Sorgen bereitete, war ein junges Weibchen mit einem kurzen, rauen Fell, rostbraun mit weißen Flecken. Ihr Atem ging so schwach, dass er kaum wahrnehmbar war. Sie keuchte und winselte leise. Ich versuchte, einige Blutungen zu stillen und ihr dabei zu verstehen zu geben, dass ich keine Gefahr für sie darstellte. Ich war nicht wie ihr Besitzer.

»Ganz ruhig, Kleine. Ich will dir doch helfen, und ich verspreche dir, dass du nie mehr hierher zurückmusst. Bei mir bist du in Sicherheit«, flüsterte ich, während ich mit den Fingerspitzen die gestutzten Ohren streichelte. In einer unglaublichen Kraftanstrengung hob die Hündin die Pfote und kratzte über meine Hand. Mit dieser Geste zeigte sie mir, dass sie Kontakt zu mir aufnehmen wollte. Sie hatte mich verstanden.

Ich blieb bei den Hunden und ließ sie nicht aus den Augen. Wenige Minuten später trafen Antonio und Fiamma ein, bahnten sich ihren Weg durch das Chaos und halfen mir dabei, die Tiere zur Klinik zu schaffen. Bevor ich der Lagerhalle den Rücken kehrte, suchte ich Diego, weil ich ihm für die Zusammenarbeit danken wollte, aber da bemerkte ich, dass sein Motorrad bereits verschwunden war. Er war gegangen, ohne sich zu verabschieden, ohne ein kleines »Ciao« oder einen Händedruck. Echt ein toller Anfang.

Ich bemühte mich, dem Vorfall keine Bedeutung zu schenken, und konzentrierte mich stattdessen auf die arbeitsreiche Nacht. Zum Glück waren zwei der Hunde stabil, ein paar Nähte genügten, damit sie versorgt waren. Ich brachte sie auf der Krankenstation unter. Solange sie noch nicht vollständig geheilt und erzogen waren, würden wir sie nicht zur Adoption freigeben können.

Der Zustand der Kleinen dagegen war eher beunruhigend. Sie hatte viel Blut verloren und brauchte sofort eine Transfusion. Die Röntgenaufnahmen zeigten außerdem einen Bruch im Vorderbein. Von Fiamma assistiert führte ich eine Notoperation durch. Eine Stunde später lag die Hündin fertig verbunden und sehr geschwächt vor mir auf dem Operationstisch.

»Jetzt sehen wir uns einmal dein neues Zuhause an«, flüsterte ich und streichelte sie. »Nur keine Angst, wir kümmern uns hier um dich«, sagte ich, während ich sie auf meinen Armen in eine der Boxen trug, die ich schon vorbereitet hatte. Die Betäubung würde noch ein paar Stunden anhalten. Ehe ich die Tür schloss, warf ich einen letzten Blick auf sie, dann löschte ich das Licht.

»So eine Sauerei!«, schimpfte ich, als ich wieder bei meinen Kollegen war. »Ich kann nicht glauben, dass es noch solche Hobbys gibt. Zur Hölle mit diesen Schweinen!«, fuhr ich fort, während ich die Latexhandschuhe in den Abfalleimer warf. Ich kochte vor Wut, irgendwie musste ich mich ja abreagieren.

Fiamma kam zu mir und umarmte mich. »Ja, ich weiß. Und weil ich dich so gut kenne, sage ich, dass du mal dringend rausmusst«, meinte sie verständnisvoll. »Du und ich, wir zwei gehen heute Abend aus. Wir werden irgendwo was trinken, schließlich müssen wir noch die Bewilligung unseres Projektes feiern.«

»Wo möchtest du denn hin?«

»Ins Controvento«, erwiderte Fiamma.

»Nein, kommt überhaupt nicht in Frage«, widersprach ich energisch. »Viel zu chaotisch … Darauf habe ich keine Lust. Die Parkplatzsuche im Zentrum ist schon die Hölle. Warum gehen wir nicht in die gleiche Bar wie sonst? Dort ist es angenehm ruhig, und wir können uns unterhalten, ohne zu schreien.«

Fiamma schnaubte empört auf. »Wir brauchen zur Abwechslung mal was, wo das Leben tobt, meine Liebe. Komm, heute Abend ist so richtig chillen angesagt. Das haben wir schon so lange nicht mehr gemacht!«

Ich dachte kurz nach. Schließlich lenkte ich ein: »Du hast gewonnen. Aber ich muss vorher noch mal nach Hause und mit Bubu Gassi gehen, und umziehen sollte ich mich vielleicht auch noch. Sagen wir in zwei Stunden vor dem Controvento?«

Fiamma antwortete begeistert: »Perfekt!«

Auf dem Nachhauseweg musste ich über die Begegnung vor einigen Stunden nachdenken. Diego drängte sich ständig in meine Gedanken. Ein sehr merkwürdiges und noch fremdes Gefühl, zumindest für mich. Zu Hause schnappte ich mir die Leine und öffnete wieder die Tür.

Bubu flitzte hinaus, dann blieb er bei jeder Pflanze stehen, um daran zu schnüffeln. Er schüttelte sich kraftvoll und klaubte dann einen dünnen herabgefallenen Ast auf, den er vor meine Füße legte. Bellend bettelte er um meine Aufmerksamkeit und hüpfte mit kleinen Sprüngen um mich herum.

Ich warf den Ast in die Richtung von Diegos Haus, hatte aber nicht gut gezielt, sodass er in seinem Garten landete.

Gleich darauf ging im Inneren des Hauses das Licht an. Ich erschrak. »Bubu, komm sofort her«, befahl ich leise, aber klar und deutlich.

Mir brach der Schweiß aus. Doch Bubu trabte unerschütterlich weiter über den Rasen. Oh Mist, ich hasste das, wenn er nicht auf mich hörte. Er war einfach ein Dickschädel und unglaublich stur.