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Gefährliches Idyll Kai möchte mit seinem besten Freund in Urlaub fahren. Warum also nicht nach Polen, zu Michaels Tante Jana? Doch bereits hinter der Grenze fangen die Schwierigkeiten an. Bei einer polnischen Bauernfamilie glauben sie Hilfe zu finden, doch dann gerät alles aus den Fugen. Michael und die Tochter der Bauernfamilie sind plötzlich spurlos verschwunden. Liebe ist wie der Wind Einige Wochen nach dem aufregenden Urlaub bekommt Kai unerwartet Besuch von seiner Freundin aus Polen. Adriana behauptet, von ihm schwanger zu sein. Kai ist geschockt. Er rast mit seinem Motorrad durch die Nacht und verunglückt schwer. Michael besucht seinen Freund im Krankenhaus, lernt dort die schwerkranke Vicky kennen und verliebt sich in sie. Gibt es für diese Liebe eine Zukunft?
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Das Buch
Gefährliches Idyll
Kai möchte mit seinem besten Freund in Urlaub fahren. Warum also nicht nach Polen, zu Michaels Tante Jana? Doch bereits hinter der Grenze fangen die Schwierigkeiten an. Bei einer polnischen Bauernfamilie glauben sie Hilfe zu finden, doch dann gerät alles aus den Fugen. Michael und die Tochter der Bauernfamilie sind plötzlich spurlos verschwunden.
Liebe ist wie der Wind
Einige Wochen nach dem aufregenden Urlaub bekommt Kai unerwartet Besuch von seiner Freundin aus Polen. Adriana behauptet, von ihm schwanger zu sein. Kai ist geschockt. Er rast mit seinem Motorrad durch die Nacht und verunglückt schwer. Michael besucht seinen Freund im Krankenhaus, lernt dort die schwerkranke Vicky kennen und verliebt sich in sie. Gibt es für diese Liebe eine Zukunft?
Zwei Erzählungen über Freundschaft und Liebe, Mut und die Frage, was im Leben wirklich wichtig ist.
Der Autor
Klaus Tillmann, 1965 in Bad Driburg geboren, lebt seit Anfang der 90er Jahre in Paderborn. Als Angestellter im Einzelhandel begann er in seiner Freizeit zu schreiben und verfasste zunächst ein Gedichtband und einige Kurzgeschichten. Später entstand dann der Roman „Solange es Freundschaft gibt“.
Klaus Tillmann
Solange es
Freundschaft gibt
Gefährliches Idyll
Liebe ist wie der Wind
Roman
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Copyright © 2012 Klaus Tillmann
ISBN 978-3-8442-1848-0
Inhaltsverzeichnis
Gefährliches Idyll - Einleitung
Die Grenze hinter sich
Erwachen mit Schrecken
Unter fremden Dächern
Magdalena
Polizeiwache Poznan
Verschwunden
In großer Gefahr
Tante Jana kommt
Der Sturm
Die Erpressung
Auf heißer Spur
Wieder daheim
Lauter Verliebte
Abschied
Liebe ist wie der Wind - Einleitung
Schreck in der Abendstunde
Angst um Kai
Das Leben ist nicht gerecht
Freunde sind für einander da
Schwere Zeit
Besuch im Krankenhaus
Das Mädchen mit dem Turban
Sonnenblume
Gefühlswelten
Hoffnung
Viel Wirbel um einen Wunsch
Was für ein Tag
Glück und Unglück
Niemals
Schwarzer Montag
Abschied
Jahre später
Am späten Nachmittag des Vortages hatten sie die Grenze nach langer Fahrt endlich erreicht. Lange Autoschlangen, die nicht zu enden schienen, schlängelten sich bis zu dem kleinen Zollhäuschen. Männer in Uniformen, mit grimmigen Blicken, kontrollierten alle Fahrzeuge. Mit langen Stöcken, an deren Ende ein Spiegel befestigt war, schauten sie in jeden Winkel unter die Autos. Ein Zollbeamter lief ständig mit seinem Spürhund um die Autos herum. Manchmal kam es vor, dass ein Autofahrer angewiesen wurde aus der Reihe heraus zu fahren und auf einem seitlich gelegenen kleinen Platz zu parken. Dort musste der Fahrer dann alles auspacken und von einem Beamten durchsuchen lassen. Es war heiß und der Gestank der Autoabgase machte das Atmen schwer. Die lange Autoschlange schleppte sich nur mühsam vorwärts. Eigentlich schien es gar nicht recht weiter zu gehen. Immer nur kurzes anfahren, stoppen und warten. Plötzlich rief eine Stimme: „Passport.“ Kai drehte das Seitenfenster herunter und reichte dem Zollbeamten die Pässe. Dieser schaute lange in die Ausweise, dann verharrte sein Blick auf den Gesichtern der beiden Jungen. Kurz darauf verschwand er mit den beiden Pässen in dem kleinen Zollhäuschen. „Was hat denn das jetzt zu bedeuten?“ fragte Kai. Michael zuckte nur mit den Schultern. Die Minuten, bis der Beamte mit den Pässen zurückkam, schienen wie Stunden. Dann trat der Beamte wieder ans Fenster und fragte mit erhobener Stimme: „Zu welchem Zweck wollen Sie in unser Land einreisen?“ Dabei durchstreifte sein Blick das Innere des Autos, welches mit Zelt,Schlafsäcken, Luftmatratzen, Decken und anderen Campingsachen voll gepackt war. Beinahe wäre Kai auf diese dumme Frage eine noch dümmere Antwort raus gerutscht, doch er beließ es dann lieber bei: „Wir wollen nur Urlaub machen.“ Der Beamte reichte die beiden Pässe und warf einen letzten prüfenden Blick ins Auto. „Gute Fahrt“, waren dann die letzten erlösenden Worte, bevor sie zur Weiterfahrt angewiesen wurden.
„Halleluja!“ rief Michael, nachdem der Zollbeamte und die Grenze außer Sicht waren. „Endlich kann’s richtig losgehen.“ Auch Kai war sehr erleichtert. Die beiden Jungen hatten in diesem Moment viel mehr als nur eine Landesgrenze überschritten. Ja, das was sie gerade überschritten hatten, war für sie auch ein Schritt in ein neues, aufregendes Abenteuer.
Die Abendsonne verschwand langsam hinter dem Horizont. Kai fuhr über die holprige Straße und Michael versuchte sich auf der Karte zu orientieren. Doch bald mussten sie einsehen, dass sie sich verfahren hatten. „Hat doch keinen Sinn mehr“, meinte Michael. „Lass uns nach einem Platz suchen, wo wir unser Zelt aufstellen können. Jetzt im Dunkeln finden wir uns doch nicht mehr zurecht.“ Kai stimmte zu, denn er war vom langen Fahren müde geworden. „Da, hinter dem kleinen Wäldchen, auf dem Hügel, findet sich sicher ein schönes Plätzchen, wo wir unser Zelt aufstellen können!“ rief Michael. „Aber da kann man doch nicht mit dem Auto hinfahren“, bemerkte Kai. „Na und, das können wir doch hier parken und die hundert Meter laufen. Ich muss mir sowieso dringend mal die Beine vertreten, die sind schon ganz steif.“ „Okay, dann nehmen wir nur das Nötigste mit und das Auto bleibt hier stehen. Der Weg durch den Wald, hinauf auf den Hügel, zog sich durch die Dunkelheit. Im Schein der Taschenlampe suchten Kai und Michael sich einen Weg durch das dichte Gestrüpp. Das Knacken der Äste und das Rascheln der Blätter schallten unheimlich durch die Stille der Nacht. Nach einigen Minuten hatten sie eine kleine Lichtung erreicht. Völlig geschafft ließ sich Michael ins Gras fallen. „Pass doch auf, rief Kai, halt doch mal die Zeltstange fest.“ Nach einiger Anstrengung war es geschafft und das Zelt stand. Die Tasche mit dem Proviant war verstaut und die Luftmatratzen aufgeblasen. Erschöpft krochen beide in ihre Schlafsäcke und es dauerte nicht lange bis sie schliefen.
Ein leichter Wind strich über das Leinentuch. Die aufgehende Sonne färbte das Innere des Zeltes in einem wärmenden Rot. Der frische Duft der grünen Wiese und das leise Singen der Vögel ließ sie langsam aus ihren Träumen erwachen. Kai öffnete den Reißverschluss des Zelteingangs steckte den Kopf nach draußen und atmete tief durch. Dann stupste er Michael an, der noch fest eingerollt in seinem Schlafsack lag. „Na wach schon auf, du Langschläfer!“ Langsam begriff Michael, dass es kein Traum mehr war. Die Luft, die ins Zelt drang, war so frisch und klar, dass der erste Atemzug fast schmerzte. Das war ganz anders als zu Hause in Gelsenkirchen. Da war die Luft stickig von den vielen Autoabgasen und den Rauchschwaden, die aus den großen Fabrikschornsteinen stiegen. Aber jetzt waren sie in Polen, fernab der großen Städte, weit draußen auf dem Land. Kai kletterte aus dem Zelt und blickte in die Ferne. „Ein weites, ruhiges Land“, dachte er, und diese Ruhe war es, die ihm dieses Gefühl von Zufriedenheit gab. Als Michael sich auch endlich von dem warmen Schlafsack getrennt hatte und aus dem Zelt kam, duftete schon der Kaffee, der auf dem Gaskocher dampfte. „Jetzt kann unser Urlaub richtig beginnen“, dachte Michael und griff nach dem Brot. Nach der letzten anstrengenden Nacht waren sie ganz schön hungrig. Schnell waren die letzten Vorräte verzerrt. „Wir müssen nachher erst mal einkaufen“, bemerkte Michael. „Aber erst müssen wir mal feststellen wo wir hier sind.“ „Wir haben uns gestern Nacht wohl ganz schön verfahren“, sagte Kai, „schon vergessen?“ „Ach, heute Mittag liegen wir sicher schon am Strand der Ostsee und aalen uns in der Sonne.“ „Aber nicht wenn wir hier noch lange rumhängen!“ rief Kai, und war bereits angefangen das Zelt abzubauen. „Roll schon mal die Schlafsäcke und Luftmatratzen zusammen.“ Einige Zeit später war alles zu zwei Bündeln geschnürt. „Dann wollen wir mal wieder“, sagte Kai, und warf sich eines der Bündel über die Schulter. Michael folgte ihm mit dem Rest. Das kleine Wäldchen hatte das unheimliche der letzten Nacht verloren. Der Gesang der Vögel und das Plätschern des Baches verlieh ihm sogar etwas Paradiesisches. Plötzlich blieb Kai stehen und ließ vor Schreck sein Bündel fallen. „Was ist los?“ rief Michael, der noch einige Meter zurück lag und sich durch das Gestrüpp kämpfte. „Unser Auto, unser Auto“, stotterte Kai, „es ist weg!“ Michael lief auf die Lichtung und schaute suchend auf die Straße. „Aber das muss doch die Ecke sein, wo wir es geparkt haben“, meinte Kai. „Vielleicht haben wir es doch mehr zur anderen Seite des Wäldchens abgestellt“, überlegte Michael. „Nein, nein!“ schrie Kai, „Das war genau dort. Sieh doch, der große Baum, da haben wir das Auto geparkt.“ Beide liefen den Hang hinunter zu dem großen Baum. „Sieh hier, da sind die Reifenspuren von unserem Auto genau zu sehen.“ „Das gibt es doch gar nicht!“ brüllte Kai, „verfluchte Scheiße, man hat unser Auto gestohlen.“ „Verdammt, alle unsere Sachen sind weg“, schimpfte Kai. „Und unser ganzes Geld auch noch“, bemerkte Michael. Kai ließ sich ins Gras sinken und lehnte sich an den Baum. „Was wird wohl mein Vater sagen?“
Sein Vater hatte sich über Kais bestandenes Abitur so sehr gefreut, und zur Belohnung versprochen, dass er Kai und Michael für die ersehnte Urlaubsreise sein Auto leiht. Was war die Freude da groß. Kais Vater arbeitete auf der Zeche. Die Arbeit war sehr schwer und das Geld immer knapp. In den letzten Jahren waren viele Zechen geschlossen worden und mehrere Kollegen des Vaters hatten bereits ihren Job verloren. Nicht mehr rentabel, hieß es in den einschlägigen Zeitungen, wenn wieder eine Zeche geschlossen wurde. Deshalb hatten seine Eltern auch so großen Wert darauf gelegt, dass Kai sein Abitur macht, um später etwas besseres, etwas mit Zukunft, zu erlernen. Seine Mutter machte den Haushalt und kümmerte sich um die drei Kinder. Die zwei Schwestern von Kai, Gabi und Silke gingen beide noch zur Schule. Michaels Eltern hatten sich vor Jahren scheiden lassen. Michael, einziges Kind aus der geschiedenen Ehe, lebte seitdem bei seinem Vater. Michaels Vater war Bäcker. Er stand von früh um vier bis abends in der Backstube. Die kleine Backstube, die schon Michaels Großvater gehört hatte, war ein alter traditionsreicher, gut gehender Bäckerladen. Manchmal musste Michael nach der Schule im Laden helfen oder die Auslieferungen übernehmen. Da sprang dann auch schon mal das ein oder andere Trinkgeld ab. Aber mit der Schule war er nun fertig. Fürs Abitur hatte es nicht gereicht und eine Lehrstelle hatte er auch noch nicht gefunden. Wenn sich keine Lehrstelle finden sollte, konnte er immer noch seinem Vater in der Backstube helfen. Aber darüber wollte Michael erst nach dem Urlaub nachdenken.
Kai und Michael waren seit der Grundschule die besten Freunde. Eigentlich schien die Welt doch ganz in Ordnung, der erste Urlaub, ganz alleine ohne Eltern. Das war doch schon was.
Doch nun platzte der Traum wie eine Seifenblase. Die anfängliche Wut ging jetzt mehr in Verzweiflung über. „Wovon soll ich denn das Auto bezahlen? Hast du eine Ahnung, was so ein VW-Golf kostet. Mein Studium hat sich jetzt wohl erledigt“, sagte Kai bedrückt. Was machen wir denn nun?“ „Wir müssen zur Polizei“, meinte Michael. „Ja prima, siehst du hier vielleicht eine Polizeiwache? Ich sehe nur Wiesen, Wiesen, Wiesen. Das war ja eine super Idee, das Auto hier stehen zu lassen“, schimpfte Kai. „Ach, jetzt bin ich es wohl noch in Schuld dass man das Auto geklaut hat!“ rief Michael. „Na, davon dass wir hier Rumsitzen und uns anbrüllen, kommt es auch nicht wieder. Lass uns lieber losgehen und das nächste Dorf suchen.“
Kai und Michael waren schon eine ganze Weile gegangen, aber die Straße und die Felder wollten kein Ende nehmen. Die Bündel auf ihren Rücken schienen bei jedem Schritt schwerer zu werden. Der Wind, der aufgekommen war, wurde immer heftiger. Dicke Wolken verdunkelten den Himmel. Die ersten Regentropfen platschten auf ihre Gesichter. So ein Mist, jetzt fängt das auch noch an zu regnen, sagt Kai. Das waren die ersten Worte die nach einigen Kilometern Fußmarsch gesprochen wurden.
Wortlos waren sie die ganze Zeit nebeneinander hergegangen. Plötzlich zerriss ein Donner das Schweigen. Dem Krachen des Donners folgte der Regen, der sich nun in Strömen ergoss. Kai stupste Michael an und zeigte auf einen alten Heuwagen der auf einem Feld stand. „Komm schnell, unter den Heuwagen.“ Kai setzte mit einem großen Sprung über den Graben, der den Weg von dem Feld trennte. Michael aber stolperte, rutschte auf dem nassen Boden aus und landete in dem Graben. „Au, verdammt mein Fuß!“ schrie er. Kai, der den Heuwagen schon fast erreicht hatte, blickte zurück und sah Michael am Boden liegen. „Na komm schon“, lachte Kai, „oder willst du da Wurzeln schlagen?“ „Ich kann nicht!“ rief Michael, „mein Fuß“. Kai ließ sein Bündel fallen und lief zu Michael zurück. „Was machst du denn?“ „Hilf mir lieber“, sagte Michael. Kai zog Michael aus dem Graben und half ihm hoch. „Au, mein Fuß, ich kann nicht stehen!“ schrie Michael. Vor Schmerzen verzog er sein Gesicht. Gestützt von Kai humpelte er zum Heuwagen und beide hockten sich darunter. „Lass mal sehen, was mit deinen Fuß ist“, meinte Kai. Vorsichtig schob er das Hosenbein hoch. „Das sieht aber nicht gut aus, ist ganz schön angeschwollen. Das hat uns gerade noch gefehlt. So kommen wir nicht mehr weiter.“ Kai zog sein T-Shirt aus. Es war vom Regen völlig durchnässt. Vorsichtig wickelte er es um Michaels verletztes Fußgelenk. „So, das kühlt erst mal.“„Hab ich vielleicht einen Hunger“, stellte Michael fest. „Na, meinst du ich nicht“, sagte Kai, aber wir haben nichts mehr zu essen. Wir haben im Moment aber auch nur Pech.“ „Ja, ja“, murmelte Kai und lehnte sich an ein Wagenrad. Nach einer Weile, der Regen hatte nachgelassen, hörte Kai Geräusche. Dann sah er einen Traktor geradewegs auf sie zukommen. Kai kroch unter dem Wagen hervor und winkte dem Traktorfahrer zu. Das Gefährt blieb knarrend vor dem Heuwagen stehen. Der Mann kletterte vom Traktor herunter und rief aufgeregt etwas, wobei er heftig mit den Händen durch die Luft wedelte. Kai verstand nicht was er wollte. Michael war nun auch unter dem Wagen hervorgekrochen und humpelte dem Mann entgegen. Nun schien sich der Fremde zu beruhigen. Er ging auf Michael zu und schaute auf den umwickelten Fuß. Dann griff er nach den beiden Rucksäcken, die noch im Gras lagen und legte sie auf die Ladefläche des Heuwagens. Anschließend half er Michael auf den Wagen. Kai, der zunächst noch verwundert den fremden Mann anschaute, kletterte kurz darauf auch hinauf. In der Zwischenzeit hatte der Mann den Heuwagen hinter den Traktor gekoppelt. Und dann fuhr das Gespann los. Langsam setzte sich der Traktor in Bewegung und rollte über die holprige Wiese auf die Straße.
Nach einigen Minuten Fahrt hielt das Gespann auf einem alten Gehöft. Der Brunnen, der inmitten des Platzes stand, wurde von einem kleinen alten Wohnhaus und einigen zerfallenen Stallungen umrahmt. Ein großer, knorriger Baum neben dem Haus rundete das Bild ab. „Das ist ja wie vor fünfzig Jahren“, dachte Kai, „aber immer noch besser als auf der Wiese unter dem Heuwagen. Der Mann kletterte etwas ungeschickt von dem Traktor und signalisierte mit einer Handbewegung, dass sie ihm folgen sollten. Von schnatternden Gänsen umgeben, die kreuz und quer über den Hof liefen, gingen sie hinter dem Mann her, der in einer der Stallgebäude verschwunden war. Über eine wacklige Leiter gelangten sie auf einen Heuboden. Michael hatte Mühe, mit seinem schmerzenden Fuß, die Leiter hoch zu steigen. Aber er biss die Zähne zusammen. Aus einer Ecke des Heubodens zog der Bauer einige Säcke und drückte sie Kai in die Hand. Dann kletterte er die Leiter wieder herunter und verschwand. Kai und Michael ließen sich ins Heu fallen. „Ich glaube, hier können wir heute Nacht erst mal pennen“, meinte Michael. „Ja, sieht so aus“, antwortete Kai, öffnete eines der Bündel in dem die Schlafsäcke verschnürt waren und rollte sie aus. „So, erst mal aus den nassen Sachen und in die Schlafsäcke.“ Nach einer Weile wurde Ihre Unterhaltung durch das laute Knarren der alten Leiter unterbrochen. Ein Mädchen mit langen dunklen Haaren und großen braunen Augen schob sich die Leiter hoch. In der einen Hand hielt sie einen Korb. Oben angekommen breitete sie das Tuch, mit dem der Korb abgedeckt war, auf einem Heuballen aus und stellte einen Teller mit belegten Broten und eine Kanne heißen Tee darauf. Kai und Michael schauten sie immer noch sprachlos an. Das Mädchen lächelte und kletterte die Leiter wieder herab. „Danke!“ rief Michael ihr hinterher, und erst jetzt merkten sie, wie hungrig sie eigentlich waren. Michael goss etwas Tee in die Tassen die er noch in dem Korb gefunden hatte, und gierig aßen sie die Brote. Nun lagen sie wieder in ihren Schlafsäcken und schauten auf die alten Holzbalken unter der Decke und lauschten dem Trommeln der Regentropfen, die auf das Blechdach prasselten. Michael, der seinen verstauchten Fuß schon fast vergessen hatte, sah in Gedanken immer noch das Mädchen mit den wunderschönen langen, dunklen Haaren und den unendlich tiefen braunen Augen vor sich. Kai grübelte. Eigentlich wäre er viel lieber nach Italien gefahren oder nach Spanien. Dann wäre das Auto sicher nicht geklaut worden. Aber Michael wollte gerne seine Tante in Polen besuchen und außerdem war ein Urlaub in Italien auch viel zu teuer. „Mensch!“ rief Kai, „deine Tante wird sich schon wundern, wo wir bleiben.“ „Ja, was?“ fragte Kai, der mit seinen Gedanken immer noch bei dem dunkelhaarigen Mädchen war. „Deine Tante wird sicher schon ungeduldig auf uns warten.“ „Ja, die macht sich sicher schon Sorgen“, antwortete Michael.Michaels Tante Jana lebte in Olsztyn. Olsztyn ist eine kleine Stadt, hieß früher Allenstein und liegt südöstlich von Danzig. Der Mann von Tante Jana, Onkel Josch, war vor einigen Jahren gestorben. Seitdem lebte Tante Jana alleine in einer kleinen Mietwohnung. Früher als Onkel Josch noch lebte, hatten sie einen kleinen Bauernhof. Aber für Tante Jana alleine war das zuviel Arbeit. Da hat sie den Hof verkauft und ist in die Stadt gezogen. Tante Jana freute sich immer sehr, wenn Besuch kam. Wenn man sie wenigstens anrufen könnte, aber hier gab es bestimmt kein Telefon.
Der Regen hatte nachgelassen. Die letzten Tropfen platschten auf das Wellblechdach. Ein Sonnenstrahl schob sich durch eine der Fugen zwischen den Holzsparren ins Innere der Scheune. „Ob wir heute noch weiterkommen nach Olsztyn?“ fragte Michael. „Ich glaube nicht“, meinte Kai. „In ein paar Stunden wird es dunkel. Aber vielleicht lässt sich herausfinden, wo wir hier sind. Lass uns mal mit den Leuten reden.“ Die Brote und der heiße Tee hatten die Lebensgeister wieder geweckt. Draußen auf dem großen Platz um den alten Brunnen hatten sich riesige Pfützen gebildet. Die einzigen, die das wohl richtig gut fanden, waren die Gänse, die gemütlich darin planschten. Kai und Michael versuchten den Pfützen auszuweichen und gingen rüber zu dem Wohnhaus. Vorsichtig klopfte Michael an die große, grüne Holztür. Aber niemand öffnete. „Nicht so zaghaft“, meinte Kai und klopfte noch mal kräftig. Knarrend öffnete sich die Tür einen Spalt. „Hallo!“ rief Kai, aber niemand antwortete. Kai blickte in den Raum. Eine alte Kochstelle, Tisch und Bänke aus Holz und ein durchgesessener Schaukelstuhl standen da auf den abgetretenen Holzdielen, außerdem noch ein Schrank. Der Schrank viel ihm besonders auf. Er war sicher noch viel älter als die anderen Sachen. In das Holz waren kunstvolle Verzierungen geschnitzt und kleine bunte Bilder umrahmten die Türen und Fensterchen. Das war nicht so wie zu Hause, wo in jedem Raum kunst- stoffbeschichtete, hochglanzpolierte Spanplattenschränke standen. Dieser Schrank strahlte eine Gemütlichkeit aus, wie Kai sie zu Hause nicht kannte. Im hinteren Teil des Raumes öffnete sich plötzlich eine weitere kleine Tür. Kai, noch etwas in Gedanken, erschrak, als er die Frau, die nun den Raum betrat erblickte. „Die muss ja noch viel älter sein als der Schrank“, dachte er. Die Frau war klein und ihr Rücken krumm. Auf einen Stock gestützt, den Oberkörper weit nach vorn gebeugt, schlurfte sie mühsam auf den Schaukelstuhl zu und ließ sich nach Luft schnappend darin nieder. Erst jetzt bemerkte sie die beiden Jungen, die noch immer in der Tür standen. Ohne ein Wort zu sagen, winkte sie die beiden zu sich und gab ihnen Zeichen, dass sie sich zu ihr auf die Bank setzen sollten. In diesem Augenblick betraten auch der Bauer, die Bäuerin und das Mädchen die Wohnstube. Der Bauer sagte etwas zu dem Mädchen, aber Kai und Michael verstanden die polnische Sprache nicht. Das Mädchen kicherte und fragte dann: „Where do you come from?" Zwei verdutzte Gesichter, - sie spricht englisch stellte Michael fest und antwortete: „We are from Germany.“ „Ach, aus Deutschland“, meldete sich nun die Stimme aus dem Schaukelstuhl. Da war die Verwunderung perfekt. Kai und Michael machten sich mit den neuen Gesichtern bekannt und im Nu war eine rege deutsch-polnisch-englische Unterhaltung in Gange. Kai erzählte, was ihnen passiert war, dass ihnen Auto, Geld und Pässe gestohlen wurden. Fragen über Fragen, wie es jetzt in Deutschland ist usw. prasselten auf sie ein. Es wurde hin und her übersetzt und viel gelacht. Die Bäuerin hatte in der Zwischenzeit begonnen, das Abendessen zu richten und lauschte dabei den fröhlichen Wortspielen und Übersetzungen der Gäste. Magdalena, das Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren freute sich und war aufgeregt. Wann hatte sie schon mal Besuch aus Deutschland? Und dann noch so spannend - mit gestohlenem Auto. Morgen würde der Vater die Jungen zur Polizei in die Stadt bringen. Nun waren sie erst mal ihre Gäste. Während des Abendessens fiel Michaels Blick immer wieder auf Magdalena. Manchmal, wenn sich ihre Blicke trafen, lächelte sie. Dann vergaß er für einen Moment den schön gedeckten Tisch mit dem frischen, duftenden Brot, welches die Bäuerin selbst gebacken hatte, den saftigen, knallroten Tomaten, die ganz sicher aus dem eigenen Garten waren und nicht nur nach Wasser schmeckten wie die aus Holland importierten Treibhaustomaten und all den anderen leckeren Sachen. Dann vergaß er sogar das gestohlene Auto und seinen schmerzenden Fuß. Lange noch wurde geredet und gelacht.
Das Essen war in der Zwischenzeit vom Tisch geräumt worden. Nun lagen Wörterbücher und Fotos darauf. Völlig durcheinander wurde hin und her übersetzt und es gab Erklärungen zu den Fotos. Die Bäuerin brachte eine große Schüssel mit einer milchigen Flüssigkeit. Michael sollte seinen Fuß darin baden. Das tat gut und die Schwellung ging ein wenig zurück. So verging eine ganze Weile. Draußen war es bereits dämmrig geworden. Die Aufregung des Tages und auch das gute, reichliche Essen trugen dazu bei, dass Kai und Michael ihre Müdigkeit nicht länger verbergen konnten. Magdalena sagte mitten im Gespräch: „Meine Eltern möchten, dass ihr unsere Gäste seid. Meine Mutter hat ein Zimmer für euch hergerichtet.“ Kai und Michael waren abermals erstaunt. „Aber wir haben unsere Sachen doch in der Scheune und da ist doch... .“ Michael wurde unterbrochen. „Kommt gar nicht in Frage, ihr seid unsere Gäste und schlaft im Zimmer. Wir werden in der Wohnstube schlafen“, sagte die Großmutter. Michael und Kai waren beschämt und viel zu müde, um noch weiter zu diskutieren. Also folgten sie in das vorbereitete Zimmer. Das Schlafzimmer war klein. Den größten Teil des Raumes füllte das alte Holzbett aus. An der Seite, neben der Tür, standen ein kleiner klappriger Schrank und eine Kommode. Das Bett war mit riesigen Kopfkissen und Oberbetten bedeckt. Michael ließ sich hinein fallen. „Hui, das ist so weich wie eine Wolke“. „Bestimmt alles mit Gänsefedern gefüllt“, meinte Kai. Ihre Sachen hatte man auch schon aus der Scheune geholt und unter dem Fenster aufgereiht. Völlig überwältigt von den Ereignissen des Tages dauerte es nicht lange bis Kai schlief. Michael lag auf dem Bett und dachte an die schönen braunen Augen und das Lächeln auf ihrem Gesicht, wenn sie sich mit ihren Blicken während des Essens oder später beim Erzählen am Tisch berührten - Magdalena.
Michael drehte sich im Bett um auf die andere Seite. „Würdest du bitte deinen Ellenbogen aus meinem Gesicht nehmen“, beschwerte sich Kai, der unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. „Entschuldigung, und guten Morgen“, murmelte Michael. Kai öffnete seine Augen verschlafen zu kleinen Schlitzen und schielte auf seine Armbanduhr. „Was, schon halb zehn! Ich glaube wir sollten mal langsam aufstehen.“ Michael versuchte, sich in der fremden Umgebung, die er nun vorfand, zurecht zu finden. Nach und nach fiel ihm wieder ein, wie er in dieses Bett gelangt war und in was für einem Schlamassel sie steckten. Und er erinnerte sich an Magdalena, was ihn beflügelte, das wohlig warme Bett zu verlassen. Auf der Kommode stand eine mit Wasser gefüllte Waschschüssel. Daneben fand sich ein Stück Seife und ein fein säuberlich gefaltetes Handtuch. Vorsichtig steckte Michael die Fingerspitzen in das Wasser und zuckte. „Das ist ja eiskalt!“ „Stell dich nicht so an“, lästerte Kai, der sich mit einem sportlichen Schwung aus dem Bett in Richtung Waschschüssel katapultiert hatte. Und Michaels Kopf direkt in dieselbe drückte. Schnaufend bedankte sich Michael für die Erfrischung und zog sich an.
Unten in der warmen Wohnstube knarrte der alte Schaukelstuhl auf den Holzdielen, in dem die Großmutter saß und strickte. Auf dem Tisch stand ein vorbereitetes Frühstück für die Beiden. „Guten Morgen“, begrüßte die Großmutter Kai und Michael, als diese den Raum betraten. „Guten Morgen“, erwiderten die beiden und Michael fragte: “Wo ist den der Rest der Familie?“ „Mein Sohn und meine Schwiegertochter sind schon seit sieben Uhr auf dem Feld und Magdalena ist bereits zur Schule. Aber frühstückt nun erst mal in aller Ruhe. Heute Mittag fährt mein Sohn dann mit euch nach Poznan, ehemals Posen, zur Polizei.“ „Wo sind wir hier eigentlich, ich meine wie heißt der Ort hier?“ „Der kleine Ort hier heißt Srem. Die Nächste Stadt heißt Tulce, aber dort gibt es keine Polizeistation“, antwortet die Großmutter. Deshalb müsst ihr nach Poznan. „Gibt es hier irgendwo ein Telefon?“ wollte Michael wissen. „Nein, nur in Tulce, das ist etwa vier Kilometer von hier.“ „Ich müsste dringend meine Tante Jana in Olsztyn anrufen. Die wundert sich sicher schon, wo wir bleiben.“ „In der Scheune steht ein altes Fahrrad. Damit kannst du nach dem Frühstück nach Tulce fahren.“ „Und ich soll dann wohl hinterherlaufen“, scherzte Kai. „Nein, nein“, meldete sich die Stimme aus dem Schaukelstuhl. Du kannst dich hier in der Zwischenzeit nützlich machen. Der Stall muss noch ausgemistet werden.“ Beinahe hätte sich Kai an dem Brotstück vor Schreck verschluckt. „Was? Ja, äh, natürlich“, stotterte er. - Aber Michael, kannst du denn mit deinem schlimmen Fuß überhaupt Fahrrad fahren? Soll ich nicht lieber mit dem Rad nach Tulce flitzen und deine Tante anrufen?“ „Danke der Nachfrage“, lachte Michael, meinem Fuß geht es schon viel besser.“ Er hatte den Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als ihn ein Ellenbogen in der Seite traf. „Verräter“, flüsterte Kai ihm ins Ohr und langte erneut in den Brotkorb, um sich für die bevorstehende körperliche Arbeit ausreichend zu stärken.
Das Fahrrad war alt und ohne Gangschaltung. Es klapperte beim fahren verdächtig, als wolle es augenblicklich auseinander fallen. Die rostige Kette schnarrte. „Ein Tropfen Öl würde hier Wunder tun“, dachte Michael. als er auf die Straße nach Tulce abbog. „Aber immer noch besser als zu Fuß zu gehen“, stellte er zufrieden fest. Nur wenige Autos kamen ihm entgegen. Ein Pferdefuhrwerk trottete gemächlich vor ihm her. Überhaupt schienen es die Menschen hier alle nicht besonders eilig zu haben. Kurz hinter dem Ortsschild von Tulce überholte er das Pferdefuhrwerk, steuerte geradewegs auf die Telefonzelle zu, die er am Straßenrand entdeckt hatte und hielt an. Michael lehnte das Fahrrad an das Telefonhäuschen und kramte das Kleingeld, das er von Magdalenas Großmutter bekommen hatte, aus seiner Hosentasche. Aufgeregt suchte er den Zettel mit der Telefonnummer seiner Tante. Die Münzen rasselten in den Geldschlitz des Telefons. Dann wählte er die Nummer. Es klingelte. Einmal, zweimal – sieben mal – neun mal, aber keiner hob ab. „Mist, ist das denn die falsche Nummer?“ Er versuchte es erneut. Aber wieder meldete sich niemand. „So was blödes!“ schimpfte er, „den ganzen Weg umsonst gestrampelt.“ Verärgert machte er sich auf den Rückweg. Auf halber Strecke an der Abzweigung nach Srem sah er, wie aus einem Bus einige Leute ausstiegen. Als er näher heran kam, erkannte er dass auch Magdalena dabei war. Sie hatte einige Bücher unter dem Arm und ging die Straße abwärts. Michael fuhr schneller, bis er mit Magdalena auf gleicher Höhe war und begrüßte sie freudig. Magdalena hatte ihn bereits erblickt, den das Klappern des Fahrrads war schon von weitem zu hören. Sie lächelte ihn an und ihre Augen strahlten. Sie grüßte: „Dzieñ dobry“ Michael wusste, dass das „Guten Tag“ heißt. Er lachte und sagte ebenfalls:„“Dzieñ dobry.“ Dann setzte sich Magdalena vor ihm auf die Querstange und sagte: „Ktoredy sie idzie do Srem?“ (Wie komme ich nach Srem?). Michael hatte kein Wort verstanden, aber er setzte das Fahrrad langsam in Bewegung und fuhr weiter in Richtung Bauernhof. Magdalena umfasste ihn mit einem Arm, um auf der Querstange Halt zu finden. Das war ein schönes Gefühl von Vertrautheit. Ihr duftendes Haar wehte ihm gelegentlich durch sein Gesicht. Vorbei an endlosen Feldern und einigen alten Gehöften erreichten sie dann den Hof von Magdalenas Eltern. Magdalena hüpfte von der Querstange des Fahrrads, drückte Michael einen Kuss auf die Wange und verschwand im Haus. Michael genoss die Situation. Dann bemerkte er Kai, der auf der Bank vor dem Wohnhaus saß und wartete. „Na“, rief er. „Bist du bis zur Telefonzelle gekommen, oder bist du unterwegs zu sehr abgelenkt worden?“. Michael grinste. „Und hast du die Ställe ordentlich ausgemistet?“ Nun grinste Kai. „Die alte Dame hat mich ganz schön veräppelt. Der Stall war schon sauber. Ich brauchte gar nichts mehr tun. Nun lachten beide, bis ihnen die Tränen in den Augen standen. „Meine Tante habe ich nicht erreicht“, verkündete Michael. „Müssen wir später noch mal versuchen.“
Die Mittagssonne stand bereits hoch, als der Bauer mit seinem alten Traktor auf den Hof fuhr. Der Anhänger war voll mit Steckrüben. „Komm, lass uns beim Abladen der Rüben helfen“, kommandierte Kai. Michael war noch etwas aus der Puste von der kleinen Fahrradtour mit Magdalena, aber er ließ sich nicht lange bitten. Im Nu waren die Rüben abgeladen. Der Bauer lächelte zufrieden. Magdalenas Mutter war in der Zwischenzeit im Haus verschwunden und bereitete das Mittagessen zu.
„Nach dem Essen wird mein Sohn mit euch nach Poznan zur Polizei fahren“, sagte Magdalenas Oma. „Darf ich mitfahren?“ rief Magdalena. „Du bleibst schön hier und erledigst deine Schulaufgaben. Und dann haben wir noch die ganze Wäsche zu machen.“ „Ja aber...“ Ein ernster Blick der Mutter ließ Magdalena verstummen.
Die Jungen warteten bereits vor dem Haus. Der Bauer hatte das zweite Scheunentor geöffnet und war darin verschwunden. Das schleifende Geräusch eines Anlassers und das knatternde Geräusch einer nicht ganz intakten Auspuffanlage verkündeten das Starten eines Autos. Kai musste sich das Lachen verkneifen, als er den alten Fiat Uno aus der Scheune poltern sah. „Was ist denn das für eine Erbsendose!“ rief er. Der Bauer winkte zum Einsteigen. „Mit der Schüssel kommen wir doch niemals bis nach Poznan“, lachte Michael. Schnaufend setzte sich der Fiat in Bewegung und hoppelte über die Hofauffahrt auf die Straße. Der Bauer drückte aufs Gas und murmelte etwas vor sich hin. Der Fiat prustete kräftig und kam langsam auf Touren.
Eine halbe Stunde später erreichten sie Poznan. Der Bauer zeigte auf ein graues Gebäude. „Das ist die Polizeiwache“, sagte Kai zu Michael. Der Fiat hielt ruckelnd an. Kai und Michael stiegen aus. Das Auto setzte sich wieder in Bewegung und verschwand. Ein merkwürdiges Gefühl überkam Michael und Kai. Jetzt spürten beide, wie fremd und hilflos sie waren. Je näher sie auf das Polizeigebäude zugingen, je stärker wurde dieses Gefühl. Hier in der kalten, grauen Stadt vermissten sie die Geborgenheit, die sie bei der Familie Pukis erfahren hatten. Michaels Gedanken waren wieder bei Magdalena.
Über Olsztyn schien die Sonne. Tante Jana schaute auf die Küchenuhr. „Wo bleiben bloß diese Jungen“, dachte sie. „Sie sollten doch schon längst angekommen sein. Da wird doch wohl nichts passiert sein. Eigentlich hätten sie ja schon gestern Nachmittag ankommen müssen.“ Ihre Hand lag schon auf dem Telefon. Sollte sie mal in Gelsenkirchen anrufen und nachfragen, ob die Jungen erst später losgefahren sind? „Vielleicht waren sie ja heute Morgen schon hier, als ich zum einkaufen war“, überlegte Tante Jana. „Ich hätte doch zu Hause bleiben sollen“, machte sie sich Vorwürfe. In diesem Moment läutete das Telefon. Tante Jana erschrak. Beinnahe hätte sie den Fernsprecher von dem kleinen Schränkchen gestoßen. Sie ergriff den Hörer und meldete sich. „Hallo Jana, hier ist der Erwin aus Gelsenkirchen. Ich wollte mal hören ob die Jungen gut angekommen sind.“ „Mensch Erwin, ich mache mir schon Sorgen. Die Jungen sind bis jetzt noch nicht hier.“ „Ach du musst dir doch keine Sorgen machen. Die Bengel sind bestimmt nicht aus ihren Schlafsäcken gekommen. Zu Hause liegen sie ja auch am liebsten bis Mittags im Bett. Die werden bestimmt gleich eintreffen. Dann sollen sie sich mal bei mir melden, damit ich weiß, dass alles in Ordnung ist. Und sonst alles gesund bei dir?“ „Ja, ja man ist ja kein junges Mädchen mehr, aber es geht schon.“ Das Telefonat hatte sie etwas beruhigt. Trotzdem schaute Tante Jana bei jedem vorbeifahrenden Auto aus dem Fenster, in der Hoffnung, dass Michael und Kai endlich kämen. Die Jungen hatten das Polizeigebäude betreten. Lange Gänge und unzählige Türen sorgten für noch mehr Unbehagen. An den Türen waren Schilder angebracht, die beide nicht lesen konnten. Vor manchen Türen standen seitlich Stühle, auf denen Leute saßen und warteten. „Wo müssen wir jetzt hin?“ Michael schaute Kai fragend an. „Klopfen wir doch einfach mal irgendwo und gehen rein.“ Michael klopfte an die Tür vor der er gerade stand, aber nichts tat sich. Er hatte das Gefühl, als würden ihn plötzlich alle Leute, die auf dem Gang saßen, anschauen. Er öffnete die Tür. Ein Beamter in blauer Uniform erhob sich schimpfend von seinem Stuhl, ging zur Tür und machte diese mit einem Ruck wieder zu. „Was war denn das jetzt?“ wunderte sich Kai. Sehr freundlich schienen die polnischen Beamten nicht zu sein. Kai klopfte an der Tür gegenüber. Ohne eine Reaktion abzuwarten, öffnete er dieselbe und ging in den Raum. Michael folgte. Der Polizist in diesem Raum schien etwas irritiert. Er überschüttete die beiden mit Fragen, aber die Jungen verstanden nichts. Kai versuchte es mit Englisch. Der Polizist zuckte mit den Schultern. Er überlegte kurz. Dann griff er zum Telefon. Einige Minuten später öffnete sich eine Tür seitlich des Raums. Eine Frau kam rein. Sie versuchte sich mit einigen Worten Deutsch. Aber trotz großer Bemühungen verstand sie nicht, was die Jungen sagen wollten. Sie schickte die beiden wieder raus auf den Gang. „Na, das kann ja noch heiter werden“, sagte Michael zu Kai. „Hier versteht uns kein Mensch.“
„Problema?“ fragte plötzlich ein älterer Herr, der neben der Tür auf dem Stuhl saß. Verdutzte Gesichter. „Kann ich euch irgendwie helfen?“ wandte er sich weiter an die Jungen. „Ich heiße Josef. Ich habe einige Jahre in Deutschland gearbeitet. Deshalb spreche ich ganz gut Deutsch.“ „Oh, das wäre super!“ rief Kai. „Wir haben hier ein echtes Verständigungsproblem.“ Er erzählte dem Mann von dem gestohlenen Auto. Zu dritt betraten sie erneut den Raum. Der Mann sprach nun mit dem Polizeibeamten. Dieser nickte und begann in seine alte Schreibmaschine ein Formular einzuspannen und etwas zu tippen. Nun wurden die Adressen der beiden Jungen notiert und jede Menge Fragen gestellt. Der Beamte wollte die Pässe der beiden sehen. „Die waren doch im Auto“, sagte Michael. „Dann habt ihr genau drei Probleme“, informierte sie Josef. „Ihr braucht neue Pässe, eine Aufenthaltsgenehmigung, für die ihr wiederum die Pässe braucht und ihr dürft das Land vorläufig nicht verlassen. Kennt ihr hier jemanden, der eure Identität beglaubigen kann?“ „Ja, deine Tante Jana!“ rief Kai. „Mensch die haben wir ja völlig vergessen“, fiel Michael ein. „Fragen wir den Beamten, ob wir Tante Jana von hier anrufen dürfen.“ Josef übersetzte. Ohne zu zögern schwenkte der Polizist den Teleskoparm, auf dem das Telefon stand, zuMichael hinüber. Dieser kramte nach dem Zettel mit der Telefonnummer und wählte. Kaum hatte es das zweite Mal geklingelt, meldete sich Tante Jana. „Ja wo seid ihr denn?“ Auf der Polizeiwache in Poznan“, sagte Michael. „Wie bitte? In Poznan? Das ist ja noch über 300 km von Olsztyn entfernt.“ Tante Jana erschrak. „Was ist denn überhaupt passiert? Geht es euch gut?“ Michael erklärte in knappen Sätzen, was geschehen war. Dann reichte er den Hörer dem Beamten. Dieser führte ein längeres Gespräch mit Tante Jana, machte sich nebenbei einige Notizen und schaute die beiden Jungen zwischendurch immer wieder an. Dann gab er Michael den Telefonhörer zurück. „Ich setzte mich morgen früh in den Zug“, erklärte Tante Jana. Dann kann ich am Nachmittag bei euch sein. Wir treffen uns gegen 15.00 Uhr am Bahnhof. „Prima“, bedankte sich Michael. „Also, dann bis morgen.“ Er legte den Hörer auf die Gabel. Der Polizist tippte noch eine ganze Weile, dann richtete er sich Josef etwas zu sagen. Josef wandte sich an die Jungen und erklärte dass sie nun gehen dürften. Sie müssten morgen noch mal kommen, um die Protokolle und Anträge für die neuen Pässe zu unterschreiben. „Puh“, stöhnte Michael. „Das ist erst mal geschafft.“ Draußen auf dem Flur bedankten sich die beiden bei Josef. Ohne Ihre Hilfe wären wir hier erst nächste Woche wieder raus gekommen.“ „Ist schon in Ordnung“, winkte Josef ab. „Ich wünsche euch noch viel Glück und dass ihr euer Auto wieder findet.
Draußen angekommen atmeten beide erst mal tief durch. Eine Kirchenuhr in der Ferne schlug fünfmal. „Jetzt haben wir noch etwa eine Stunde, bis Magdalenas Vater uns wieder abholt“, stellte Michael fest. „Komm, setzten wir uns dort auf die Bank und genießen noch ein wenig die Sonne“, entschied Kai.
Bereits eine halbe Stunde später kam Magdalenas Vater vorgefahren. Der Auspuff knallte ein letztes Mal, bevor der alte Fiat zum stehen kam. Im Innenraum stapelten sich volle Einkaufstüten auf der Rückbank. „Und da sollen wir beide noch reinpassen“, rief Kai. „Da quetsch du dich mal hinten zwischen die Einkauftüten. Du hast die kürzeren Beine.“ Irgendwie passte es dann doch. Der kleine Fiat krächzte unter der Last und setzte sich schwermütig in Bewegung. Als der Fiat die Hofeinfahrt erreichte, liefen die Gänse laut schnatternd auseinander, um sich vor dem knatternden Monster auf vier Rädern in Sicherheit zu bringen. Michael und Kai schnappten sich einige der Einkaufstüten und trugen sie ins Haus. Derweil parkte der Bauer den Fiat wieder in der Scheune. Beim Abendessen berichteten die beiden, was sie auf der Polizeiwache alles erlebt hatten.
Michael schaute zu Magdalena hinüber. „Wollen wir noch einen kleinen Spaziergang machen?“ „Gute Idee“, meinte Kai. Michael warf Kai einen vielsagenden Blick zu. „Wolltest du nicht noch einen Brief an deine Eltern schreiben?“ „Ich wollte einen Brief schreiben? - Ach ja natürlich“, antwortete Kai und zwinkerte Michael zu.
