18,99 €
1905. Es ist es Lenes größter Wunsch, der Enge ihres Dorfes auf Fanö zu entkommen. Sie ist mit Mads verlobt, den sie heiraten wird, wenn er von See zurückkommt. Als sie den Kopenhagener Industriellen Erik Hansen trifft, der sie in ihrer Tracht malen will, ändert sich ihr Leben für immer. Sylvia macht 1969 zum wiederholten Mal mit ihrer Familie Urlaub auf Fanö. Sie hadert mit ihrem Dasein als Hausfrau, doch dann bringt Carla vom Sommerhaus gegenüber Spannung in ihr eintöniges Leben. Ebenso wie die Mondlandung in diesem Jahr. Studentin Katrine hat sich von ihrem verheirateten Liebhaber getrennt – oder doch nicht? Sie flüchtet 2023 nach Fanö in die Villa Meta zu ihrer Verwandten Ida, der Enkelin von Lene. Dort lernt sie Sören kennen, der ihr Liebesleben noch turbulenter macht. Sie stellt sich die Frage, was für ein Leben sie eigentlich führen will. SOMMER AUF FANÖ zeigt Frauen mit ihren unterschiedlichen Geschichten. Sie alle verbindet der Drang, sich aus ihren persönlichen und gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Lene, Sophia, Ida, Sabine, Sylvia, Katrine, Carla – sie alle müssen kämpfen, um sich zu behaupten. Gleichzeitig ist der Roman eine Liebeserklärung an die Insel Fanö.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Autorinnenfoto: © Gerhard Wölk
Susanne Behrends schreibt seit ihrer Jugend. Sie studierte Germanistik und Theologie, arbeitete als Friedhofsgärtnerin, Fabrikarbeiterin und Altenpflegerin. Heute ist sie Fachschwester für Dialyse in Kiel.
Literarisch beteiligte sie sich an Schreibwettbewerben, Poetry-Slams, Lesungen im Literaturhaus Kiel und im Literaturhaus Hamburg und veranstaltete eigene Lesungen in Kneipen und Cafés. »Sommer auf Fanö« ist ihre erste Veröffentlichung.
LIEBESERKLÄRUNG AN EINE INSEL UND IHRE FRAUEN
Sagengestalten, Bernsteinwetter und Inselleben. SOMMER AUF FANÖ ist vor allem die Geschichte von fünf Frauen: Lene, Sophia, Sylvia, Ida und Katrine. 1905, 1969 und 2023 leben sie auf Fanö.
Susanne Behrends erzählt von ihren Leben auf der bekannten Nordseeinsel aus der Perspektive der jeweiligen Frauen. Alle fünf kämpfen darum, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen. Welcher gelingt dies am besten?
Ein Sommerbuch. Vom Leben auf Fanö. Der Insel, die der Sage nach von einer Frau geschaffen wurde, der Riesin Fenja.
»Der Sand knirschte unter ihren weißen Sommerstiefeln. Sophia ging immer weiter auf der hellen Fläche. Wind war aufgekommen, der an ihrem Sonnenschirm mit den elfenbeinfarbenen Spitzen zerrte. Sie ließ ihn einfach los, und er wehte vor ihr her, bis er nur noch ein kleiner Punkt am Horizont war.
Immer weiter, Richtung Norden lief sie zur Spitze der Insel, dort, wo sich die Fahrrinne für die Schiffe aus Esbjerg und der breite Priel befanden, der die Sandbank von der Insel trennte. Die morgendliche Sonne war hinter Wolken verschwunden. In der Ferne rauschte das Meer, das sich unter dem Wolkenhimmel grau verfärbt hatte.
Das Vogelzwitschern war verstummt. Nur das Donnern der Brandung war zu hören. Das Meer grollte und wälzte sich wie ein dunkles Tier langsam auf die Sandbank. Sophia ging über den weißen Sand ohne einen Plan im Kopf.«
SUSANNE BEHRENDS
SOMMER AUF FANÖ
Roman
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Urheber unzulässig.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
1. Auflage März 2025
Copyright © 2025 Klaas Jarchow Media Buchverlag GmbH & Co. KG Simrockstr. 9a, 22587 Hamburgwww.kjm-buchverlag.de
ISBN 978-3-96194-254-1
Satz, Gestaltung: Svenja Wiese, Hamburg
Cover und Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg
Cover unter Verwendung von frankix/iStock
Lektorat: Katrin Köhler, Wien
Korrektorat: Andrea Wolf, Hamburg E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
Alle Rechte vorbehalten
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an: [email protected]
Mehr zu unseren Büchern:www.kjm-buchverlag.de
Für Astrid
Der einen hängt ein Frosch im Kleid
Der anderen ein Affe
Betrachtet aus der Ewigkeit
Ist alles kalter Kaffee
PROLOG
Seit Ole die Salzmühle besaß, glaubte er, dass sein Leben eine glückliche Wendung genommen hatte. Er sollte eines Besseren belehrt werden.
Es ist nicht nötig, eine Goldmühle zu besitzen, um reich zu werden. Man kann auch reich werden, indem man Salz mahlt und dieses fleißig an der jütländischen Küste verkauft. Die Menschen lieben Salz. Ohne Salz ist das Leben fade, und die Speisen sind geschmacklos, denkt Ole. Was ist schon ein süßes Hefebrötchen ohne salzige Butter?
Er sieht aus dem Kajütenfenster hinüber zu dem Schiff seines Bruders Asger, das neben seinem Schiff ankert. Das Mahlen der Salzmühle von Asger kann er bis in seine Kajüte hören. Dann fällt sein Blick auf den kleinen, schwarzen Sack aus chinesischer Seide, in dem sich die Goldmünzen befinden, die er und sein Bruder durch den Verkauf des Salzes erworben haben. Wenn sie genug Goldmünzen angehäuft haben, dann kaufen sie sich einen Palast und ein Heer, um ihren Besitz vor Menja und Fenja zu schützen und um Frauen zu heiraten, die tausendmal schöner sind als diese großen, fetten Weiber, denen er und Asger in sklavischer Ergebenheit gedient haben. Jahrelang haben sie für ihre Frauen geschuftet, ohne etwas davon zu haben. Nicht einmal Kinder haben sie geboren. Irgendwann bekamen Ole und Asger einen Fußtritt, und Fenja und Menja nahmen sich einfach neue Männer. Sie haben ihnen die Salzmühlen als Abfindung geschenkt, die Goldmühlen haben sie für sich behalten.
Der würzige Geruch der Nordsee strömt durch das geöffnete Fenster der Kajüte. Plötzlich streift eine Böe das Wasser wie ein heftiges Ausatmen, und das Schiff beginnt zu schwanken. Ole steht auf, um das Fenster zu schließen, damit der Wind es nicht zuschlägt. Er blickt hinaus auf das Meer. Die Sonne ist untergegangen, und der Mond scheint blass am schiefergrauen Himmel. Am Horizont türmen sich schwarze Wolken, die sich dem Schiff nähern, wachsen und größer werden. In der Ferne hört Ole ein dunkles Grollen, wie das Knurren eines großen, nassen Raubtiers, das gerade erwacht.
Das Wetter schlägt um, denkt er. Abends hat er noch mit seinem Bruder und den Fischern von Strandby die Mittsommerwende mit einem großen Feuer gefeiert, in dem eine Hexe aus Stroh brannte. In milder Luft färbte die Sonne den Himmel orange und verteilte goldene Sprenkel auf dem Meer. Jetzt hat es sich plötzlich stark abgekühlt, und der Wind bläst schärfer. Die Schiffe der Brüder zerren an ihren Ankerketten und werden von den Wellen hin- und hergeworfen. Es knarrt und stöhnt in den Planken, und Ole hört ein merkwürdiges Geräusch, wie das Geheul einer Robbe, oder ist es doch nur der Wind, der immer kräftiger bläst? Hat er nicht gerade seinen Namen gehört?
»Ole, Ole, das haben wir euch nicht erlaubt«, klingt es wie ein hohes Seufzen. Erschrocken späht Ole aus seinem Kajütenfenster und kann nichts erkennen als große, dunkle Wellen und fliegende Gischt, die über die Reling schlägt. Er stürzt aus der Kajüte an Deck, um besser sehen zu können.
Da ist sie! Ihr massiger Körper zeichnet sich dunkel vor dem grauen Himmel ab. Fenja beugt sich über sein Schiff.
»Ole, wie kannst du nur?«, flüstert sie und klingt wie das Heulen des Windes.
Ihre nackten Brüste hängen beängstigend dick über ihm. Weit darüber schwebt das Gesicht der Riesin mit den bösen Augen und dem spöttisch verzogenen Mund.
»Wir haben dir und deinem Bruder nie erlaubt, Gold anzuhäufen!«, grollt Fenja wie ein Donnern über dem Meer. Sie greift ins Wasser, holt die Kette mit dem Anker aus dem Sand und zieht daran. Das Schiff macht einen kräftigen Ruck. Ole stolpert, kann das Gleichgewicht nicht mehr halten und fällt rückwärts auf das Deck.
»Fenja!«, stammelt er. »Das Gold haben wir doch nur für dich und Menja angehäuft, weil wir so dankbar für die Salzmühlen sind!«
»Was für ein Blödsinn!«, schäumt Fenja und zieht das Schiff an der Kette hin und her. »Ihr wolltet euch kleine, dünne Frauchen nehmen und mit ihnen in Palästen wohnen. Das war der Plan! Glaubst du, wir können keine Gedanken lesen? Aber das erlauben wir euch nicht! Das haben wir nicht vorgesehen!«
Sie dreht sich um und zieht Oles Schiff hinter sich her durch die hohen Wellen der Nordsee. Fenja watet durch sie hindurch, als würde sie sich in einer Regenpfütze befinden. Ihre Beine stampfen durch die See und verursachen noch mehr Wellen und Aufruhr im Wasser. Neben ihr sieht Ole ihre Freundin Menja. Sie zieht an einer Ankerkette das Schiff seines Bruders hinter sich her. Asger klammert sich an die Reling, wie er selbst. Ole sieht seinen weit aufgerissenen Mund, so, als würde er ihm etwas zurufen, aber er hört nur das Rauschen der Wellen und den Wind.
Der Sturm heult auf, aber es ist nicht nur der Sturm. Fenja und Menja blasen über das Wasser, bis die Wellen hoch wie Häuser sind. Sie lassen die Schiffe los und blasen sie kräftig Richtung Süden, dort, wo sich die Sandbänke befinden, die man vom Festland aus sehen kann.
Die Sandbänke schimmern weiß im Mondlicht, und es leuchtet hell auf, wenn die Wellen sich an ihnen brechen. In rasender Geschwindigkeit trägt der Wind die Schiffe zu den Sandbänken, wo sie auf Grund laufen und zerbersten. Ole schluckt Wasser, salziges Wasser. Das Salz in den Säcken hat sich im Wasser aufgelöst, und die Salzmühlen der beiden Brüder mahlen weiter Salz auf dem Grund der Nordsee. Auch heute noch. Seitdem ist das Wasser dort das salzigste Wasser der Welt. Das Letzte, was Ole hört, ist das Lachen der Riesenfreundinnen.
»Eure hübschen, kleinen, weißen Gebeine werden diese Sandbänke befestigen. Sie werden dem Strandhafer, der hier wachsen wird, ein Halt für die Wurzeln sein. Ihr seid der Dünger für unsere neuen Inseln!« Menja und Fenja lachen und heulen mit dem Wind um die Wette.
»Das ist eure Strafe: Ihr seid der Dünger für unsere Inseln Mandö und Fanö!«
2023
Die Fähre »Fenja« näherte sich dem Hafen von Esbjerg. Unter der Woche war es nicht voll am Fährhafen. Nur ein paar Pkws mit dänischem Kennzeichen und ein Lastwagen mit Baumaterial standen in der Warteschlange. Katrine blickte auf die in Stein gemeißelte Frau in Inseltracht, die mit hinter dem Rücken verschränkten Händen über das Meer Richtung Fanö blickte, und warf einen Blick auf ihr Handy, um ihre Nachrichten zu überprüfen. Keine Nachricht von Kasper. Warum auch? Sie hatten sich alles gesagt, reinen Tisch gemacht. Wahrscheinlich saß er jetzt mit seiner Frau beim Frühstück, zusammen mit seinen schreienden, sich streitenden Kindern, um anschließend in die Uni zu fahren.
Nachdem sie in ihrem Lieblingsrestaurant einen tollen Abend mit ihrem verheirateten Seminarleiter und heimlichen Dauerliebhaber verbracht und miteinander ins Bett gegangen waren, hatte sie die Idee, mit ihm über eine gemeinsame Zukunft zu reden. Es gab aber keine Zukunft für sie mit Kasper. Es sei denn, sie wäre weiterhin bereit, ein Zweitleben mit ihm zu führen, neben seinem Hauptleben als Ehemann und Familienvater. Sie war laut geworden, weil sie seine Ausflüchte nicht mehr hören konnte. Warten, bis die Kinder etwas größer sind, damit sie die Trennung besser verkraften. Am Arsch! Sie schrie in ihrem Kopf weiter, so wie sie heute Nacht geschrien hatte. Kasper hatte sich angezogen und gesagt:
»Du bist betrunken, Katrine. Reden wir weiter, wenn du wieder nüchtern bist.«
Dann ging er und zog die Tür hinter sich zu, gegen die sie ihr Glas mit dem Rotwein schleuderte.
Sie stand mit ihrem Wagen ganz vorn in der Autoschlange, bemerkte aber erst, dass die Fähre angelegt hatte, als die Wagen hinter ihr hupten. Eine Frau stand in einer gelben Warnweste auf dem Autodeck und winkte verärgert. Katrine startete den Motor und fuhr auf die Fähre. Die Frau in der gelben Warnweste schüttelte den Kopf, so wie Katrines Mutter, wenn ihr mal wieder etwas an ihr nicht gefiel, und zeigte mit dem Finger auf die rechte Seite der Fähre. Sie folgte der Anweisung und fuhr auf die rechte Seite.
Ida wusste nicht, dass sie kommen würde. Katrine hatte die Idee gehabt, als sie nachts weinend am Küchentisch saß, nachdem Kasper gegangen war. Sie würde nach Fanö fahren, zu Ida. Raus aus ihrer kleinen Zweizimmerwohnung, weg von Kasper, dem Studium, weg von Kopenhagen. Nachdem sie irgendwelche Sachen in eine Reisetasche gepackt hatte, die sie auf die Rückbank ihres Autos warf, war sie betrunken losgefahren. Der Alkohol in ihrem Blut würde sich während der Fahrt verflüchtigen. Es war ihr auch egal.
Die Fähre setzte sich in Bewegung. Katrine spürte, wie das Schiff vibrierte. Sie sah in den Rückspiegel. Ihre Wimperntusche war verlaufen und ihr Gesicht noch immer leicht verquollen. Sie wischte mit dem Finger unter ihre Augen, um die dunklen Ränder zu entfernen. Dann stieg sie aus dem Auto und lehnte sich an die Brüstung der Fähre. Die See glitzerte im Morgenlicht, und sie atmete tief den Geruch der Nordsee ein. »Auf Fanö ist die Luft meeresfrisch, und der Himmel ist himmelhoch.« Mit diesem Spruch warb eine Ferienhausvermittlung. Katrine fand diesen Slogan albern und gleichzeitig sehr treffend. Die kühle Morgenluft schien ihr wundgegrübeltes Gehirn wie eine Medizin zu beruhigen. Der Fahrtwind wehte ihr ins Gesicht, und sie fühlte sich ein wenig wacher und lebendiger als in der vergangenen Nacht, in der sie verzweifelt am Küchentisch gesessen hatte. Die Nordspitze Fanös kam in Sicht, auf der sich ein paar Windräder drehten. Als Kind war sie immer die Treppen hinauf auf das obere Deck gelaufen, sobald sie auf der Fähre waren. Von dort hatte man einen fantastischen Blick auf das Meer und die Insel, die immer näher kam. Heute hatte sie keine Lust dazu. Sie hing trübsinnig an der Brüstung des Autodecks und starrte auf die Fähre »Menja«, die ihnen entgegenkam und von Fanö nach Esbjerg fuhr. Im Sommer kam man im Zwölfminutentakt auf die Insel, wegen der vielen Touristen. Die »Fenja« passierte jetzt die neonfarbenen Pfeiler im Meer, die den Weg zur Insel markierten, damit die Fähren sich nicht auf den zahlreichen Untiefen im Wattenmeer festfuhren. Dann kam auch schon der weiß gestrichene Fanö Krogaard und das gelbe Haus der Ferienhausvermittlung von Nordby in Sicht.
Sie hatte versucht, Ida anzurufen, als sie auf einem Rastplatz in der Nähe von Kolding hielt, aber Ida hatte den Hörer nicht abgenommen.
»Das geht nicht mehr lange gut mit Ida«, sagte ihre Mutter häufig. Ida lebte völlig allein in ihrer Villa in den Dünen von Fanö Bad. Nur die Putzfrau sah einmal in der Woche nach ihr und die Feriengäste, die sich dorthin verirrten, weil sie nichts anderes mehr gefunden hatten. Ida war schon 81, aber körperlich noch sehr fit. Allerdings wurde sie immer merkwürdiger. Sie unterhielt sich mit Personen, die nur sie selbst sah, und vergaß viele Dinge, wie zum Beispiel den Herd auszumachen.
»Sie kann hier in Kopenhagen in ein Altersheim gehen, da erledigt man den Alltag für sie, und sie wäre in unserer Nähe«, sagte Katrines Mutter, wenn sie ein schlechtes Gewissen bekam. Ida wollte aber gar nicht zu ihnen nach Kopenhagen kommen, sondern in ihrer Villa am Strand auf Fanö bleiben.
Ida hatte keine eigene Familie und war nur eine entfernte Verwandte aus Katrines weit verzweigter großer Familie. Als sie noch klein war, fuhr sie im Sommer regelmäßig mit ihrer Mutter zu Ida nach Fanö. Sie wohnten damals in Esbjerg und fuhren von dort einfach mit der Fähre auf die Insel. Katrines Vater blieb während der Fanö-Urlaube zu Hause. Sie war jedes Mal froh, ihrem Alkohol trinkenden Vater zu entkommen, wenn sie mit ihrer Mutter auf die Insel fuhr. Ida freute sich immer, wenn Katrine mit ihrer Mutter zu Besuch kam. Lange vor dem Tod ihres Vaters war sie mit ihrer Mutter nach Kopenhagen gezogen, da die Mutter dort einen neuen Mann kennengelernt hatte, und die Fanö-Besuche hörten auf.
Früher hatte Ida ihre Villa an Feriengäste vermietet und Katrine und ihrer Mutter für ein paar Wochen im Sommer die Wohnung im zweiten Stock freigehalten, wo sie einen Blick über das Meer und den riesigen Strand hatten.
Ida hatte mittlerweile kein Interesse mehr, ihre Villa auf den neuesten Stand zu bringen, wie sie sagte. Die Möbel in den Ferienwohnungen waren alt und abgenutzt, und es kamen nur wenige Stammgäste, wie zum Beispiel Sabine aus Hamburg, die sich während ihres Urlaubs verpflichtet fühlte, immer mal nach Ida zu sehen. Sie machte oft Urlaub in Idas Villa. Die beiden hatten ein fast freundschaftliches Verhältnis zueinander. Erneut wählte Katrine Idas Nummer auf ihrem Handy. Aber sie nahm nicht ab. Mittlerweile war es neun Uhr, und Ida müsste längst wach sein.
Der Hafen von Nordby kam in Sicht, der Ort im Norden der Insel, wo die Fähren anlegten und die meisten Bewohner Fanös wohnten. Über dem Anleger der Fähre prangte ein Banner mit der Aufschrift »Late Night«. Im Sommer wurden regelmäßig Einkaufsabende veranstaltet. Die Geschäfte und Restaurants hatten bis spät in den Abend geöffnet, damit die Sommergäste auf der Insel sich amüsieren konnten und hoffentlich konsumieren würden, nachdem sie den Tag am Strand verbracht hatten. Aufgepeppt wurde das Ganze mit ein bisschen Folklore, ein paar Trachtenmädchen und einheimischer Volksmusik.
Es war noch früh, als sie von der Fähre durch den Ort auf den Postweg fuhr. Im Hafen von Nordby tummelten sich Robben auf der Sandbank, die vor ein paar Jahren in der Bucht auf der östlichen Seite der Insel entstanden war. Die Sandbank vergrößerte sich von Jahr zu Jahr, und die Robben ruhten dort bei Ebbe. Sie lagen dort, wo der Abstand zur Insel möglichst gering war, und blickten Richtung Kai. Sie waren ein beliebtes Fotomotiv der Touristen, die dort standen, um sie mit ihren Handys zu fotografieren.
Katrine bog ab auf den Strandweg, der Richtung Westen nach Fanö Bad führte, und fuhr am Baumarkt und dem Supermarkt vorbei Richtung Dünen, in die zahlreiche Sommerhäuser gebaut waren, die zu dieser Jahreszeit alle mit Feriengästen besetzt waren. Dann kam Fanö Bad in Sicht mit seinen nüchternen Ferienzentren. Graue, zweckmäßige und praktische Gebäude, in denen sich Ferienwohnungen befanden. Nur in den Dünen direkt am Strand gab es noch ein paar alte Villen im verfallenen Charme, die nach Betreuung und Renovierung schrien. Eine davon war die Villa Meta. Dort wohnte Ida. Katrine runzelte die Stirn. Hoffentlich war Ida nichts passiert. Sie trat unwillkürlich auf das Gaspedal.
Die Villa Meta stand zwischen ein paar neuen, luxuriösen Sommerhäusern, die sie mit ihren zwei Stockwerken überragte. Die weiße Farbe blätterte ab, und es war fraglich, ob das alte Ziegeldach den nächsten Sturm überstehen würde. Mit ihren zahlreichen Erkern und Stuckverzierungen sah sie aus wie ein Miniaturmärchenschloss im Jahrhundertschlaf.
Katrine fuhr auf den Parkplatz vor der Villa und stieg noch immer beunruhigt aus. Hoffentlich war alles in Ordnung, und Ida machte die Tür auf wie immer. Sie drückte auf den Knopf neben der Haustür und hörte, wie es drinnen schellte. Niemand öffnete. Katrine klingelte noch einmal und spähte durch das Glasfenster der Eingangstür. Sie sah den bunten Flickenteppich im Flur und die alte Holzkommode, darüber das Ölgemälde mit der Frau in Fanö-Tracht in würdevoller Haltung, mit durchdringend blickenden, blauen Augen, das dort schon hing, als sie noch ein Kind war. Aber Ida war nirgendwo zu sehen.
»Darf ich fragen, was du hier willst?«, hörte sie eine Stimme hinter ihrem Rücken rufen. Katrine fuhr herum. Hinter ihr stand Ida mit einem Netz in der Hand und einer Umhängetasche quer über dem Bauch. Unter dem rot-blau karierten Fanö-Tuch, das sie am Hinterkopf verknotet hatte, quollen wild ihre weißen Haare hervor, die ihr gebräuntes, faltiges Gesicht umwallten. Ihre Füße steckten in hohen, schwarzen Gummistiefeln, und in ihrer Halsgrube leuchtete an einer silbernen Kette eine große, hellgelbe Bernsteinperle, die sie immer trug. Sie sah aus wie eine Piratin.
»Katrine!«, rief Ida. »Kindchen, was bist du groß geworden!«. Sie ließ das Netz fallen und breitete die Arme aus.
Katrine lief auf sie zu und nahm sie in die Arme. Ida reichte ihr gerade mal bis zum Busen, und Katrine drückte sie nur ein bisschen, weil sie sich so knochig und fragil anfühlte.
»Ich hab dich mehrmals angerufen«, sagte Katrine. »Wo warst du denn so früh am Morgen?«
»Wir haben Bernsteinwetter«, sagte Ida. »Guck mal auf die Dannebrogs. Wir haben Südwestwind, seit Tagen schon. Der Strand ist voll mit Bernstein.«
Sie sah Katrine prüfend an.
»Aber deswegen bist du nicht gekommen, nicht wahr? Ich wette, du hast Liebeskummer.«
Katrine wich zurück, überrascht von der glasklaren Diagnose. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schniefte und presste die Lippen zusammen, um nicht sofort loszuheulen.
»Oh je«, murmelte Ida und zupfte betreten an Katrines T-Shirt. »Komm erst mal rein, ich mach uns Kaffee. Oder noch besser: Kaffeepunsch! Mit einem ordentlichen Schuss, der Tote aufweckt. Nun komm, das ist kein Mann wert, du Trine!«
Sie ergriff den Saum von Katrines T-Shirt und zog sie hinter sich her ins Haus.
1905
Sie wuchtete einen der schweren Kartoffelsäcke auf den Wagen, und das Pferd, das bereits vor den Wagen gespannt war, scheute, als der Sack auf die Ladefläche aufschlug. Lene atmete hörbar aus. Das war der letzte Sack. Heute würde sie das Hotel beliefern. Es war früher Morgen und bereits hell. Die Sonne stieg als gelber Ball aus dem rosa Dunst über dem Meer Richtung Ribe. Lene hatte die Mutter überredet, fahren zu dürfen. Normalerweise passte sie morgens auf die kleinen Geschwister auf, machte ihnen Frühstück und schickte sie in die Schule, aber Marie, ihre Schwester, war nun alt genug, dass sie das übernehmen konnte.
Sie strich die Schürze über dem Rock glatt und zupfte an ihrem rot-blau karierten Kopftuch, das eng um ihren Kopf gewickelt war und keine einzige Strähne ihres blonden Haares sehen ließ. Um den Hals hatte sie ein gleichfarbiges Tuch geschlungen, das mit einer Bernsteinbrosche zusammengehalten wurde. Ihre Feiertagsjacke aus Samt hatte sie wieder ausziehen müssen.
»Willst du ein Hotel mit Kartoffeln beliefern oder hast du auch noch etwas anderes vor, Lene? Man muss keine Samtjacke anziehen, um Kartoffeln zu verkaufen!«, hatte die Mutter gesagt, bevor sie sich mit den Schafen auf den Weg machte. Lene konnte nicht beurteilen, ob die Mutter sie spöttisch oder ärgerlich ansah, weil sie bereits die Strude, die dunkle Stoffmaske, im Gesicht trug, die nur die Augen frei ließ. Die Frauen auf Fanö trugen sie, um sich vor dem scharfen Wind zu schützen, damit die Gesichtshaut schön hell und glatt blieb. Lene hatte ihre Alltagsjacke aus gemusterter Baumwolle angezogen, die eng am Körper lag, und darunter den weiten, gefalteten Rock aus gewebter, grüner Wolle. Dazu die Lederstiefel, die sie nur zu besonderen Gelegenheiten trug. Das hatte die Mutter nicht bemerkt.
Sie schnalzte mit der Zunge, ließ die Zügel auf den Rücken des Pferdes klatschen und zuckelte mit ihrer Kartoffellieferung Richtung Dorfausgang, vorbei an der Kirche aus rosa Backstein. Dann bog sie auf den Postweg ab, Richtung Norden. Einige Frauen des Dorfes winkten ihr zu. Lene winkte heftig zurück und hätte am liebsten vor Freude geschrien. Von allen Pflichten, die sonst auf sie warteten, war sie befreit. Sie fühlte sich wie die Männer des Dorfes, die auf ihren Segelbooten in die Welt hinaus in fremde Länder fuhren und dort Handel trieben, um mit Seidenstoffen, Silber, Gewürzen und Tee wieder zu ihren Frauen zurückzukehren. Lene würde heute nur Kartoffeln verkaufen, aber das war egal. Hauptsache, sie kam raus aus Sönderho, dem kleinen Dorf an der Südspitze der Insel, und konnte eintauchen in die mondäne Welt von Fanö Bad, dem neuen Kur- und Badeort im Nordwesten.
Sie zuckelte über den Postweg. Die Luft roch nach Heidekraut, das im August blühen und die Dünen lila färben würde. Dazwischen wuchs Strandhafer, der so blond und struppig aussah wie die Mähne ihres Pferdes.
»Ho!«, rief sie, »schneller, schneller!«
Das Pferd fiel in einen müden Trab.
Am Ende des Sommers würde Mads zurückkommen. Er war mit ihrem Vater im Frühjahr aufgebrochen. Sie hatten auf einem Schiff angeheuert, das bis weit ins Mittelmeer segelte, und sie war gespannt auf das, was die Männer von ihrer Reise mitbringen würden. Goldene Ringe würde er mitbringen, das war sicher. Am Ende des Sommers würde sie Mads heiraten, so war es abgemacht. Sie dachte daran, wie sie als Kinder zusammen gespielt hatten und wie sie zu ihm herübergeschielt hatte auf die Jungenseite im Klassenzimmer. Und er grinste sie an und sah jedes Mal zu ihr, wenn sie zu ihm sah. Ihre Eltern verstanden sich gut. Sie waren Nachbarn und begrüßten es, als Mads um ihre Hand anhielt. Wenn sie verheiratet wäre, hätte sie ihren eigenen Hausstand. Sie würden in das Altenteil der Großmutter ziehen, die letztes Jahr gestorben war. Tage und Wochen hatte Lene mit ihrer Mutter und den anderen Frauen von Sönderho im Schilf gestanden und Reet geschnitten, um das Dach des Altenteils neu eindecken zu können.
Das Pferd war wieder in einen müden Schritt gefallen. Es war schon alt, und das Traben war zu mühselig. Sie konnte jetzt das Meer auf der Ostseite sehen. Die Sonne hatte sich aus dem Dunst befreit und war bereits ein Stück höher gestiegen. Keine Wolke am Himmel, der sich in einem blassen Blau im Wasser spiegelte, das glatt wie Glas dalag. Kein Hauch vom Wind war spürbar, der sonst beständig über die Insel wehte. Vögel piepten in den niedrigen, krüppeligen Kiefern auf der linken Seite. Geradeaus vor ihr kam Nordby in Sicht, mit seinen kleinen, roten Bauernhäusern und den schmucken Kapitänsvillen. Dort legte die Fähre aus Esbjerg an und brachte die Touristen, die sich in Fanö Bad erholen und vergnügen wollten. Touristen aus der ganzen Welt, wie sie aus der Zeitung wusste. Nicht nur aus Kopenhagen. Nein, sie kamen auch aus Hamburg, Wien, Berlin, ja angeblich sogar aus England und Russland! Die Reichsten der Reichen, die sich hier auf ihrer Insel amüsieren wollten. Fanö Bad wurde als »europäisch« beschrieben. Ein weltgewandter, vornehmer Ort auf ihrer Insel! Alle Welt kam nach Fanö Bad.
Manchmal kamen sie auch nach Sönderho. Männer in hellen Anzügen mit ihren schönen, in weiße Spitze gekleideten Frauen und ihren Kindern. Sie fuhren auf Pferdekutschen ins Dorf. Die Kinder zeigten mit dem Finger auf die Dorfbewohner, und die Erwachsenen bestaunten die Trachten und kunstvoll um den Kopf geschlungenen Tücher der Sönderhoer Frauen. Dann saßen sie im Garten vor dem Sönderho Kro, spannten ihre weißen Spitzensonnenschirme auf, tranken Kaffee und aßen Vanillekränze. Die Männer bestellten einen Schnaps und die Frauen einen dieser bunten Liköre, die es in allen Farben gab. Lene träumte manchmal von so einem weißen Kleid aus Spitze, wie es die reichen Frauen aus Kopenhagen und Hamburg trugen. Sie würde es zu ihrer Hochzeit anziehen, wenn sie so eines hätte, und nicht die altmodische Tracht mit dem schwarzen Rock, dem riesigen Blumenkranz auf dem Kopf und dem herzförmigen Spiegel auf dem Hinterkopf, der den bösen Blick abhalten sollte.
Seit so viele Touristen da waren, gab es neue Verdienstmöglichkeiten. Die Frauen in Nordby pflückten Blumen in ihren Gärten und verkauften die bunten Sträuße am Strandweg, der nach Fanö Bad führte. Es gab junge Mädchen in Nordby, die in Fanö Bad als Zimmermädchen arbeiteten. Die Jungen verdienten sich Geld, indem sie die Pferde, die vor die Badewagen gespannt waren, ein Stück weit in die Nordsee führten, damit es die Gäste nicht so weit ins Wasser hatten. Lene würde heute dem Kongen af Danmark Kartoffeln verkaufen. Gute, dänische Kartoffeln, die außen noch ganz schwarz waren von der fetten Erde auf der Ostseite der Insel. Nach dem Verkauf der Kartoffeln würde sie sich ein bisschen umsehen in Fanö Bad. Nervös zupfte sie an ihrem Kopftuch, tastete nach dem großen Stoffknoten mitten auf ihrem Kopf und prüfte, ob er noch richtig saß.
Als sie Nordby erreichte, kam leichter Wind aus Westen auf, der ihr weich über das Gesicht strich. Sie bog ab auf den Strandweg, der sie nach Fanö Bad führen würde. Früher mussten sich die Feriengäste von Nordby aus auf verschlungenen Pfaden durch die Dünen kämpfen, um an den riesigen Strand auf der Westseite zu gelangen. Seit es dort die Hotels gab, führte eine breite, befestigte Straße nach Fanö Bad, auf der man bequem gehen oder mit dem Fahrrad oder Pferdefuhrwerken fahren konnte.
Schon von Weitem sah sie die Dächer der großen Hotels hinter den Dünen aufragen. Mehrstöckige Gebäude, die einer Großstadt entsprungen schienen und sich hier willkürlich in der kargen Dünenlandschaft niedergelassen hatten. Auf allen wehte der Dannebrog. Es sah so festlich aus! Ihre Aufregung wuchs, als sie sich dem Ort weiter näherte.
Die Sportplätze kamen in Sicht, auf denen die Gäste Tennis und Golf spielten. Noch nie hatte sie Tennis oder Golf gespielt, wusste gar nicht, wie das ging, aber es sah hübsch aus, wenn die weiß gekleideten Hotelgäste die Bälle schlugen. Lene war froh, wenn sie sich nach der Feldarbeit, dem Brotbacken, dem Haussaubermachen setzen und ein wenig ausruhen konnte. Ihr Lieblingsplatz war auf der großen Düne, dort, wo das Seezeichen stand. Sie saß dort neben dem großen roten Holzgerüst auf den harten Halmen des Strandhafers und blickte aufs Meer hinaus. Irgendwann würden dort die Segel der Schiffe auftauchen, und die Männer wären wieder zu Hause.
Auf der Straße nach Fanö Bad waren noch andere Fuhrwerke mit Lieferungen unterwegs, und sie grüßte nach allen Seiten. Es war noch früh, Feriengäste waren kaum auf der Straße zu sehen, als sie auf den Kongen af Danmark zusteuerte, dem Hotel, das ihr die Kartoffeln abkaufen sollte. Dort hinten fuhr jemand auf seinem Fahrrad Richtung Strand. Der Strandboden war sehr fest, man konnte darauf sogar mit dem Rad fahren. Davon waren die Hotelgäste so begeistert, dass sie gar nicht genug vom Strand bekommen konnten. Lene blickte dem Radfahrer sehnsüchtig hinterher. Wenn sie ein Rad hätte, könnte sie in nicht mal einer halben Stunde in Nordby sein oder an den Strand von Sönderho fahren.
Sie lenkte das Pferd zum Dienstboteneingang des Hotels. Ein hell gekleideter Herr kam ihr entgegen, zweifellos ein Tourist. Er trug eine Staffelei mit weißer Leinwand und einen Holzkasten mit sich, vermutlich mit Tuben und Pinseln darin. Lächelnd blickte er zu Lene auf dem Wagen herauf, lüftete seinen Strohhut und grüßte sie. Sie fühlte einen interessierten Blick aus seinen hellblauen Augen und spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Verlegen zupfte sie an ihrem Kopftuch und grüßte leise zurück.
Sie sprang vom Wagen und band das Pferd an einen Pflock, vor dem Dienstboteneingang. Der Herr stand noch immer dort und beobachtete sie. Sie straffte ihre Schultern und hielt den Kopf gerade. Warum starrt er so?, fragte sie sich und blickte verärgert zurück. In ihrer Inseltracht mit dem Kopftuch und der Bernsteinbrosche kam sie sich rückständig und altmodisch vor.
Jetzt kam der Mann lächelnd auf sie zu.
Was will er von mir?, dachte Lene. Sie stand dort wie ein gefangenes Vögelchen vor dem Dienstboteneingang des Hotels, wie festgewachsen, und ärgerte sich über sich selbst, weil sie nicht wusste, was sie machen sollte. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und blickte ihm aufgebracht entgegen.
»Entschuldigen Sie«, sagte der Herr. Lene musterte ihn. Die hellen Augen im gebräunten Gesicht unter dem Strohhut, das weiße Baumwollhemd und die scharfen Bügelfalten seiner Hose.
»Ich suche ein Modell«, sagte der Herr und lächelte. »Ich möchte eine Einwohnerin in ihrer Tracht malen.«
Sie runzelte die Stirn. Er wollte sie malen? Glaubte er, sie hätte nichts Besseres zu tun, als sich von ihm malen zu lassen? Sie wusste, dass es Künstler auf Fanö gab, die vom Festland kamen, um die Natur und die Bewohner der Insel zu malen, aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass einer von ihnen Interesse daran hätte, sie zu malen.
»Ich werde selbstverständlich dafür zahlen«, unterbrach der Herr ihre Gedanken. »Wie wäre es mit einer Krone pro Sitzung?«
Sie starrte ihn an. Wie viele Kronen würde wohl ein Fahrrad kosten?
»Mein Name ist Hansen«, sagte er. »Erik Hansen.«
Er fingerte in der Brusttasche seines weißen Hemdes, zog eine Karte hervor und gab sie ihr.
»Lene Nielsen«, sagte sie und wieder spürte sie, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Sie nahm die Karte.
Erik Hansen, Kunstmaler, stand auf der Karte und darunter eine Adresse. Er kam aus Kopenhagen.
»Überlegen Sie es sich, Lene«, sagte Herr Hansen. »Ich wohne hier in unserer Villa während meines Aufenthaltes. Das ist die Villa Meta mit dem dunklen Dach und den vielen Stuckverzierungen. Sie liegt direkt am Strand. Fragen Sie einfach nach mir, wenn Sie einverstanden sind mit meinem Angebot.« Er lächelte und zwinkerte ihr mit seinen blassblauen Augen zu. Dann zog er wieder seinen Strohhut, nickte ihr zu und ging in die Richtung des Fahrradfahrers, hinunter an den Strand.
Sie blickte ihm nach. Das Blut wich ihr langsam aus dem Gesicht. Er wollte sie bezahlen. Sie würde einfach nur dasitzen, er würde sie malen, und sie bekam Geld dafür. Lene fühlte sich plötzlich erwachsen und unabhängig, weil Herr Hansen ihr eine Arbeit anbot und sie gesiezt hatte. Sie würde Geld zu ihrer eigenen Verfügung erhalten. Würde die Mutter einverstanden sein? Warum nicht? Wenn sie ihre Arbeit genauso gut erledigen würde wie immer, dann könnte sie doch danach zu ihm kommen und sich malen lassen? Jede einzelne Krone würde sie sparen, und dann würde sie sich ein Fahrrad leisten. Das Geld, das sie verdienen würde, wäre ihr eigenes Geld, mit dem sie machen konnte, was sie wollte. Sie brauchte weder ihren Vater noch Mads, ihren zukünftigen Ehemann, darum bitten, ihr ein Fahrrad zu kaufen. Nein, sie würde es einfach selbst von ihrem eigenen Geld bezahlen.
Sie klopfte an die Tür des Dienstboteneingangs und wartete, bis ihr geöffnet wurde.
1969
Die Milchtüte, die Sylvia aus dem Erdloch holte, fühlte sich kühl an. Sie stellte sie neben die Kaffeekanne und goss erneut heißes Wasser auf den Filter mit dem Pulverkaffee. Dann schob sie den Holzdeckel zurück auf das Erdloch in der Küche, das als Kühlschrank diente. Der Raum war so klein, dass nur eine Person darin Platz hatte. Aber das machte nichts. Außer Sylvia fühlte sich niemand für die Küchenarbeit zuständig. Sie atmete den Duft des dänischen Kaffees ein, den sie gestern bei ihrer Ankunft beim Kaufmann am Postweg eingekauft hatten. Er roch aromatisch und würzig. Sylvia liebte den starken Geschmack. Aber nur im Urlaub. Sie nahmen auf der Heimreise nach Deutschland jedes Mal ein Pfund Kaffee mit, und zu Hause schmeckte er ihr dann nicht mehr.
Das erste Mal, als sie diesen köstlichen Kaffee getrunken hatte, war sie mit Bernhard in den Flitterwochen gewesen. Nach der Trauung auf dem Standesamt in Kiel waren sie mit dem Auto einfach ins Blaue gefahren, Richtung Norden über die dänische Grenze an die Nordsee. Als sie Esbjerg erreicht hatten, hatten sie beschlossen, mit der Fähre auf die Insel Fanö zu fahren, die vor Esbjerg lag. Als die Fähre die Insel im Sonnenschein erreicht hatte, während es drüben in Esbjerg auf dem Festland bewölkt gewesen war, hatte Sylvia sich wie in einer anderen Welt gefühlt. Abgeschnitten vom Alltag waren sie auf der sonnigen Insel Fanö, im Flitterwochenhimmel gewesen.
Sie goss wieder etwas heißes Wasser in den Kaffeefilter.
Das erste Mal auf Fanö hatten sie ein Zimmer im Fanö Krogaard gemietet. Der alte Gasthof lag fast direkt am Fähranleger und sah nicht teuer aus. Er war dunkelrot gestrichen, wie viele Häuser auf Fanö, und machte einen einladenden und gemütlichen Eindruck.
Sylvia und Bernhard waren den ganzen Tag am Strand gewesen, hatten in der warmen, sommerlichen Nordsee gebadet, waren den Wellensaum entlang spaziert, hatten Muscheln gesammelt und sich in den weißen Dünen abgeknutscht, wo der Sand sauber und fein wie Puderzucker war. Abends hatten sie in Nordby ein Stück geräucherten Aal und zwei Flaschen Bier gekauft. Sie wollten nicht im Gasthaus essen. Bernhard hatte ein Baugeschäft aufgemacht, und sie hatten gerade ihr Haus fertig gebaut. Sie mussten sparen.
Als sie den Fanö Krogaard betreten hatten, war ihnen die Wirtin entgegengekommen, und Sylvia hatte schon befürchtet, sie könnte den Aal riechen, der in Papier verpackt in ihrer Strandtasche gelegen hatte. Sie hatte verstohlen zu Bernhard gesehen. Sein Gesicht, seine Arme und seine Beine in den kurzen Shorts waren rotverbrannt bis zu den Socken und den Sandalen, die er trug. Er hatte die Wirtin gewinnend angelächelt. Die Wirtin hatte zurückgelächelt und in perfektem Deutsch gefragt, ob ihnen der Tag gefallen hätte. Sylvia hatte begeistert erzählt, wie sehr.
»Sie haben Glück mit dem Wetter«, hatte die Wirtin gesagt. »Wenn Sie das erste Mal auf Fanö sind und es regnet, kommen Sie nicht wieder, aber wenn beim ersten Mal auf Fanö die Sonne scheint, dann werden Sie immer wieder hierher zurückkommen.« Sylvia hatte sie angestrahlt und gedacht, sie würden bestimmt in den Süden fahren, nach Spanien oder Italien, wenn Bernhards Baugeschäft endlich florieren würde. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wie recht die Wirtin behalten würde.
Abends hatte sie mit Bernhard in ihrem Hotelzimmer im ersten Stock gesessen, von wo aus sie direkt auf die Nordsee und das Festland im Osten blickten. Am Horizont hatte Esbjerg mit seinen Lichtern wie ein Versprechen geleuchtet, und die Fähre war noch immer zwischen dem Festland und der Insel hin- und hergefahren. Sie hatten das Stück Räucheraal auf das Papier, mit dem er eingewickelt war, auf die Fensterbank gelegt, und Bernhard hatte ihn mit seinem Taschenmesser in kleine Stückchen geschnitten, die sie gegessen hatten. Dazu hatten sie Tuborg-Bier aus der Flasche getrunken. Dann hatten sie beide rotglühend von der Sonne, der Liebe und dem Alkohol in einem Bett mit einer dicken Federdecke gelegen und auf die Nordsee hinausgehorcht, deren Geruch und Geräusche der Wind durch das halb geöffnete Fenster und einer sich sanft bewegenden Gardine zu ihnen geweht hatte. Sylvia hatte auf die dunkelgrün gemusterte Tapete und das Waschbecken mit dem altmodischem, goldfarbenen Wasserhahn gesehen, hatte die dicke Federdecke zurückgeschlagen und sich ihr Nachthemd ausgezogen. Bernhard hatte sie angelächelt und seinerseits seinen Schlafanzug abgestreift.
Am nächsten Morgen hatte sie ein fürstliches Frühstück mit hart gekochten Eiern, knusprigen Brötchen, Schinken, Käse und köstlicher Himbeermarmelade erwartet. Auf dem Tisch hatte eine große Kaffeekanne mit starkem, dänischem Kaffee gestanden, von dem Sylvia gar nicht genug bekommen konnte, und die Wirtin hatte gemeint, sie könnten gern noch eine Kanne haben, wenn sie wollten.
Sylvia musste lächeln, als sie daran dachte. Sie sah auf den Frühstückstisch im Sommerhaus, den sie bereits gedeckt hatte mit salziger, dänischer Butter, fettem dänischen Käse, rot eingefärbter Mettwurst und der wunderbaren Himbeermarmelade. Bernhard war im Opel unterwegs zum Kaufmann, um Kopenhagener und Brötchen zu kaufen, die mit Mohn und Sesam bestreut waren. Jeder von ihnen aß in Dänemark morgens zum Frühstück einen Kopenhagener, einen Blätterteigkuchen mit Vanillepudding in der Mitte und mit Zuckerguss verziert. Sie hatten schließlich Urlaub. Die Kinder schliefen noch, und Sylvia genoss die Stille am Morgen. Sie sah aus dem Küchenfenster auf den Store Klit, den Weg, der durch die Dünen, vorbei an Viehweiden bis zum Postweg führte, der Hauptstraße, die von Norden nach Süden die ganze Insel durchquerte. Im Sommerhaus roch es nach Holz, vermischt mit dem Geruch von Zigaretten und frisch aufgebrühtem Kaffee. Sylvia liebte diesen Geruch und trank noch einen Schluck.
Das Haus hatten sie entdeckt, als sie im Winter wieder auf die Insel gefahren waren, um Ausschau nach einer Ferienunterkunft für den Sommer zu halten. Sylvia war schwanger mit Sabine gewesen. Sie hatten in ihrem Opel gesessen, während die Fähre sie bei stürmischer See übergesetzt hatte, und hatten wieder ein Zimmer für eine Nacht bei der freundlichen Wirtin im Fanö Krogaard gemietet, die sie wiedererkannt und gesagt hatte: »Hab ich es Ihnen nicht gesagt? Einmal Fanö, immer Fanö!«
Urlaub auf Fanö war das Praktischste, was sie tun konnten mit einem Baby. Die Fahrt mit dem Auto von Kiel nach Fanö dauerte nur vier Stunden. Und in einem dänischen Sommerhaus konnten sie tun und lassen, was sie wollten. Außerdem war es billig in Dänemark. Mit dem Flugzeug nach Spanien wäre wesentlich teurer geworden. Zunächst hatten sie sich gerade erst ein großes Ecksofa für das neue Haus gekauft, das Bernhard für sie gebaut hatte.
Sie waren ins Touristenbüro gegangen und hatten gesagt, dass sie ein Haus für drei Wochen im August mieten wollten. Der Angestellte dort hatte ihnen ein großes Schlüsselbund gegeben und hatte gesagt, sie sollten sich die Häuser ansehen und sich eins aussuchen. In Rindby, einem Ort in der Mitte der Insel, der aus ein paar Bauernhäusern, Viehweiden und sehr vielen Sommerhäusern bestand, waren sie dann fündig geworden.
Toft-Bo, so hieß das Haus. Es lag im Store Klit, dort, wo die Dünen auf Fanö am höchsten sind. An eine Düne gekuschelt, stand es zusammen mit zwei anderen Häusern in einem Dünental. In der Mitte war ein Platz, auf dem man im Sommer Federball oder Boccia spielen konnte, so hatte Sylvia es sich vorgestellt.
Toft-Bo war klein und einfach. Es war außen und im Wohnzimmer mit Holz verkleidet. In der Wohnstube gab es einen Tisch mit Stühlen und einer hölzernen Eckbank und vor dem Fenster zwei Korbsessel mit einem kleinen Tisch dazwischen, auf dem eine Porzellanfigur stand, die ein Mädchen in Fanö-Tracht darstellte. Vom Wohnzimmer gingen zwei Schlafzimmer ab, in denen Stockbetten standen. Die Zimmer waren tapeziert mit einer weiß-rot gemusterten Tapete. Die dänischen Nationalfarben. Zwischen den Schlafzimmern befand sich das dunkelblau gestrichene Bad, ausgestattet mit einem kleinen Waschbecken und einer Toilette. Die Küche war eine Nische ohne Tür, in der gerade mal ein Herd, eine Spüle und ein Regal Platz hatten.
In den Räumen hing ein Geruch nach Holz und Zigaretten, und das fand Sylvia behaglich und gemütlich.
Für den Urlaub reicht das, dachte Sylvia. Vor ihrer Heirat hatten sie und Bernhard gern gezeltet. Da war ein Sommerhaus schon eine Verbesserung, und mit einem Baby war es auch komfortabler.
Als ihr erster Sommerurlaub auf Fanö zu Ende ging, war sie verliebt. In das Haus, die großen Dünen, die es umgab, den weiten Strand und den hohen Himmel, der sich über Fanö spannte.
Sie mussten das Haus sauber und ordentlich übergeben. Die Besitzer persönlich würden es ihnen abnehmen. Das waren die Tofts aus Esbjerg. Sylvia war nervös und putzte das Haus bis in die letzte Pore sauber. Sie putzte die Fenster und wienerte sie so gründlich mit Zeitungspapier, bis keine einzige Schliere mehr zu sehen war. Als die Tofts eintrafen, war sie völlig erschöpft. Bernhard hatte in der Zwischenzeit das Auto gewaschen und gepackt, und jetzt stand sie mit dem Baby im Arm neben Bernhard und begrüßte die Tofts.
Herr Toft war groß und blond, und seine Frau, war klein und zierlich mit schwarz gefärbten Haaren, sehr blasser Haut und langen Fingernägeln mit rotem Lack, der bereits abblätterte. Frau Toft grüßte, ohne zu lächeln und betrat das Sommerhaus. Sie besah sich die glänzende Spüle, den Herd, der auch nicht einen Fettspritzer hatte, und die klar geputzten Fensterscheiben.
»Fin«, murmelte sie. »Fin, fin«, sagte sie und strahlte Sylvia an. Das Eis war gebrochen.
»Na, dann trinken wir noch einen, oder?«, fragte Bernhard und strahlte zurück. Er holte eine Flasche Schnaps aus dem Auto, die übrig geblieben war vom Urlaub. Jetzt war auch Herr Toft begeistert.
»Prima Idee, Bornhöft!«, sagte er zu Bernhard.
Schnaps war ziemlich teuer in Dänemark im Gegensatz zu dänischer Butter, die Sylvia und Bernhard in ihrem Opel für die Heimreise gestapelt hatten.
Sie prosteten sich zu. Irgendwann duzten sie sich und nannten sich beim Vornamen. Mimi und Sylvia, Per und Bernhard. Per allerdings nannte Bernhard sein Leben lang immer nur »Bornhöft«.
Mimi konnte kein Deutsch, und Per sprach es nur fragmentarisch. Sylvia und Bernhard konnten nur »mange tak« und »god dag« auf Dänisch sagen. Aber mit ein bisschen Plattdeutsch und ein bisschen Schnaps verständigten sie sich ganz gut. Sie begriffen irgendwann, dass Mimi und Per ihnen das Haus direkt und ohne Vermittlung des Touristenbüros vermieten würden und sie dann weniger Miete zahlen würden.
Mimi bot Sylvia einen dünnen Zigarillo an. Sie arbeitete in Esbjerg in einer Tabakfabrik und drehte den ganzen Tag Zigarillos und Zigarren, glaubte Sylvia verstanden zu haben. Sie lehnte höflich ab und schaukelte Sabine ein bisschen auf ihren Knien. Mimi steckte sich den Zigarillo dann selbst an und blies genussvoll den Rauch aus.
Per war ebenfalls Maurer, so wie Bernhard, und erzählte, er hätte das Sommerhaus allein renoviert. Toft-Bo war ursprünglich ein Gefechtsunterstand aus der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg, aber jetzt sei es ein friedliches Sommerhaus, versicherte er mit den Augen zwinkernd, und alle lachten. Sylvia und Bernhard lachten besonders herzlich, so als ob sie damit bekräftigen wollten, dass auch sie froh waren, dass der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besetzung Dänemarks endlich Geschichte waren.
Mittlerweile waren sie schon im elften Sommer hier. Sylvia hatte sieben Jahre nach Sabine noch eine Tochter geboren, Cordula, nachdem sie die Hoffnung auf ein zweites Kind fast aufgegeben hatte.
Diesmal hatten sie sogar einen Fernseher mitgebracht. Bernhard wollte unbedingt die Mondlandung sehen. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit würde ein Mensch den Mond betreten. Sie hatten schon ausprobiert, ob sie Empfang hatten. Sylvia hatte oben auf der Düne hinter Toft-Bo gestanden und die Antenne festgehalten, während Bernhard ihr aus dem geöffneten Fenster Kommandos gab: »Weiter nach links, nein, doch nicht so weit!«, und Sylvia hatte die Antenne hin- und hergeschwenkt, um einen besseren Empfang zu bekommen. Das war auch den Nachbarn in den anderen Ferienhäusern aufgefallen. Schließlich hatte Sylvia die Jessens aus Flensburg, die jeden Sommer in Aranca, dem orange gestrichenen Haus schräg gegenüber wohnten, eingeladen. Mimi und Per würden ebenfalls kommen. Sie würden zusammen die Mondlandung sehen.
Ein Auto knirschte über den Schotter des Store Klit. Bernhard kam zurück mit Brötchen und Kuchen. Er parkte den Opel direkt vor dem Haus.
»Papa ist wieder da!«, Cordula kam aus dem Kinderschlafzimmer.
»Frühstück!«, rief sie.
»Was ist mit Sabine?«, fragte Sylvia.
»Die liegt noch im Bett und liest«, sagte Cordula.
Sie setzte sich an den Frühstückstisch. »Ich will Milch mit Kaba!«, sagte sie und klapperte mit ihrem Milchbecher auf dem Tisch herum.
Sylvia nahm die Kaffeekanne, trug sie zum Frühstückstisch und stülpte einen wattierten Kaffeewärmer darüber, dann goss sie Milch in Cordulas Becher und gab einen Teelöffel braunes Kakaopulver dazu.
2023
Der Strand von Rindby leuchtete auf, als die Sonne für einen kurzen Moment hinter den Wolken hervorkam. Ida klammerte sich an das Lenkrad ihres Motorrollers und blickte auf das Watt und die Nordsee, die sich bis an den Horizont zurückgezogen hatte. Es war Ebbe, der Wind wehte noch immer aus Südwesten über den harten Meeresboden, den die Nordsee für ein paar Stunden freigegeben hatte. Sie blinzelte, schirmte mit ihrer Hand die Augen ab und hielt Ausschau nach Möwen.
»Dort, wo die Möwen sind, ist auch der Bernstein«, murmelte sie.
Bernstein, so leicht wie die Tangbüschel, die Pflanzenteilchen und Holzstückchen, Muscheln und Krabben, die von den Wellen auf den Strand geworfen werden. Und mittendrin der Bernstein. Dort, wo die Möwen sich am Strand um Futter streiten, dort ist auch der Bernstein.
Sie tuckerte im Schritttempo mit ihrem alten Motorroller über den Strand. Der Südwestwind blies ihr ins Gesicht, und ihr Fanö-Kopftuch flatterte. Ihre Haut war wie immer braun und von der scharfen Luft über die Jahre zerfurcht. In ihrer Halsgrube leuchtete die große, gelbe Perle aus Bernstein. Jeden Tag war Ida draußen am Strand auf der Suche.
