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Schroffe Klippen, glitzerndes Meer und eigenwillige Bewohner Auf der kleinen Schäreninsel Kanelholmen geht alles seinen eigenen Gang. Hierhin flüchtet sich Marketingexpertin Cornelia, als ihr Leben in Stockholm ins Schleudern gerät. Sie will nur noch eins: ihre Ruhe – keinen Familienstreit mehr, keine lästernden Kolleginnen und niemanden, der alte Wunden aufreißt. Doch es kommt anders als gedacht, denn die Inselbewohner beharren darauf, Cornelia in ihre Gemeinschaft zu integrieren. So findet sie in der flippigen Lollo eine gute Freundin und durch den alten Ture ein neues Zuhause. Auch das kleine Insel-Tierheim kann ihre tatkräftige Hilfe bestens gebrauchen. Die sonst so verschlossene Cornelia taut langsam auf und stellt sich den neuen Herausforderungen. Dabei verliert sie nicht nur ihr Herz an den Mischlingswelpen Krümel, sondern entdeckt auch seltsame Nachrichten in ihrer Wohnung, die ihr Vormieter hinterlassen hat. Was ist mit dem in sich gekehrten Matte passiert? Kann Cornelia sein Geheimnis lüften? Als Printausgabe und Hörbuch bei Saga Egmont erhältlich sowie als eBook bei dotbooks
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Über dieses Buch:
Auf der kleinen Schäreninsel Kanelholmen geht alles seinen eigenen Gang. Hierhin flüchtet sich Marketingexpertin Cornelia, als ihr Leben in Stockholm ins Schleudern gerät. Sie will nur noch eins: ihre Ruhe – keinen Familienstreit mehr, keine lästernden Kolleginnen und niemanden, der alte Wunden aufreißt.
Doch es kommt anders als gedacht, denn die Inselbewohner beharren darauf, Cornelia in ihre Gemeinschaft zu integrieren. So findet sie in der flippigen Lollo eine gute Freundin und durch den alten Ture ein neues Zuhause. Auch das kleine Insel-Tierheim kann ihre tatkräftige Hilfe bestens gebrauchen. Die sonst so verschlossene Cornelia taut langsam auf und stellt sich den neuen Herausforderungen. Dabei verliert sie nicht nur ihr Herz an den Mischlingswelpen Krümel, sondern entdeckt auch seltsame Nachrichten in ihrer Wohnung, die ihr Vormieter hinterlassen hat. Was ist mit dem in sich gekehrten Matte passiert? Kann Cornelia sein Geheimnis lüften?
»Sommer auf Kanelholmen« erscheint außerdem als Hörbuch und Printausgabe bei Saga Egmont, www.sagaegmont.com/germany.
Über die Autorin:
Yvonne Ehn, aufgewachsen nahe Stockholm, studierte in den USA, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte. Ihre Romane handeln vom schwedischen Schärensommer und großen Gefühlen.
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihren Roman »Sommer auf Kanelholmen«.
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eBook-Ausgabe Juli 2025
Die schwedische Originalausgabe erschien erstmals 2022 unter dem Originaltitel »Sommar, hopp och vänskap på Kanelholmen« bei Saga Egmont, Kopenhagen, und Stella Forläg, Stockholm.
Copyright © der schwedischen Originalausgabe 2022 Yvonne Ehn und Saga Egmont
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2025 Yvonne Ehn und Saga Egmont
Copyright © der eBook-2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fe)
ISBN 978-3-98952-792-8
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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
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Yvonne Ehn
Sommer auf Kanelholmen
Roman
Aus dem Schwedischen von Julia Pfeiffer
dotbooks.
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Danksagung
Lesetipps
Für Mama, Oma und Opa
Danke für euer kleines Paradies in den Schären
Das Dröhnen des Schärenbootmotors vermengte sich mit dem Plätschern des Wassers, das der Bug zur Seite drängte. Der Himmel war grau. Der Wind war kühl. Salzwasser spritzte Cornelia ins Gesicht. Sie begrüßte die Frische. Denn mit jedem Meter, den das Boot zurücklegte, senkte sich ihr Puls. Gleichzeitig versuchte sie, sich einzureden, dass sie auf dem Weg zu etwas Neuem war und nicht etwas Altes zurückließ.
Das Alte gab es nicht mehr. Alles war weg. Und es war erschreckend schnell passiert.
Zu ihrer Arbeit würde sie jedenfalls nicht mehr zurückkehren. So viel stand fest.
Zugegeben, sie würde den bezahlten Luxus vermissen, sich während der Arbeitszeit im Wellnessraum des Büros die Verspannungen aus dem Körper massieren zu lassen. Obwohl sie das Angebot nicht besonders oft genutzt hatte, war es angenehm, zu wissen, dass es da war, wenn die Verspannungen im Körper zu groß wurden.
Sie konnte nicht wirklich behaupten, dass sie es genoss, von jemand anderem berührt zu werden. Eher hatte der enge Kontakt das dringende Bedürfnis hervorgerufen, sich die fremden, unsichtbaren Bazillen wieder vom Körper zu waschen. Und trotzdem war die Massage genau das gewesen, was sie hier und da gebraucht hatte.
Vor nur zwei Wochen hatte sie noch auf dieser Massageliege gelegen und ihr Gesicht durch das enge Loch gepresst. Lautlos waren die Tränen durch die Öffnung hinabgekullert und auf ihren Handrücken gelandet. Ein paar davon waren den Händen entglitten und auf dem dunklen Holzboden aufgeprallt. Dort hatten sie gelegen und sie vom frisch polierten Boden aus angestarrt. Es war, als hätten sie versucht, sie aufzuwecken und ihr klarzumachen, dass sie eine Veränderung brauchte. Dass sie sich nicht mehr jeden Morgen zur Arbeit quälen sollte.
Zwei Kolleginnen aus der Marketingabteilung hatten oft in der Kaffeeecke getuschelt, wenn sie aus ihrem Büro gekommen war. Sobald sie sie bemerkt hatten, hatten sie sich übertrieben laut und fröhlich über etwas Belangloses wie die Farbe der Kaffeetassen unterhalten und so getan, als würden sie nicht bemerken, dass sie ihr damit über all die Jahre hinweg Messer in den Rücken gebohrt hatten.
Fasziniert hatte Cornelia dabei zugesehen, wie die karrieregeilen Männer unterbewusst auf neue Dienstfahrzeuge, höhere Boni und bezahlte Putzhilfen hineiferten. Den höchsten Posten zu erreichen war das, wofür sie lebten. Und ganz oben auf der Prachtstraße des Managements standen ihre Freunde und streckten ihnen einladend die Hände entgegen, um sie Sprosse für Sprosse die Karriereleiter hinaufzuziehen.
Anstatt einander zu helfen, trampelten die Frauen in der Arbeitswelt hingegen aufeinander herum. Und sosehr sie es auch versuchte, Cornelia verstand nicht, warum.
Genauso hatte sie es auch nie verstanden, warum ihre Kolleginnen sie nicht mochten. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass sie so eng mit dem Leiter der Marketingabteilung zusammengearbeitet hatte, sein vollstes Vertrauen genoss und über Änderungen in der Organisation noch vor allen anderen Bescheid wusste. Allerdings war das nun auch wieder nicht so besonders gewesen, nachdem doch sie diejenige war, die die Texte für alle Veränderungen verfasst und ins Intranet der Firma gestellt hatte.
Hatte es vielleicht daran gelegen, dass sie allem Klatsch und Tratsch aus dem Weg gegangen war und deutlich gezeigt hatte, dass sie kein Teil davon sein wollte?
Ganz ehrlich, sie wusste es nicht. Aber jetzt spielte das auch keine Rolle mehr. Es lag nicht in ihrer Macht, ihre Kolleginnen zu verändern. Aber sie konnte sich selbst von ihnen befreien. Und das hatte sie jetzt getan.
Ohne darüber nachzudenken, wohin sie sollte, hatte sich Cornelia die vollgepackte Sporttasche über die Schulter geworfen und war von zu Hause weggelaufen. Als sie das Grand Hôtel am Södra Blasieholmshafen erreicht hatte, war ihr, als hätte ihr verstorbener Großvater ihre Schritte zum Kai gelenkt. Und ehe sie sichs versah, war sie an Bord eines Schärenbootes gegangen, von dem sie sich aus dieser Großstadt führen ließ, in der sie sich so lange Zeit sicher gefühlt hatte.
Cornelia wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich die erste Anlegestelle näherte und eine Schar von Mitreisenden sich an den Toren des Bootes aufzustellen begann. Obwohl der Himmel beunruhigend wolkenverhangen war, schienen es alle kaum erwarten zu können, ihren Sommerfreuden nachzuhängen.
Als das Boot wieder durch den Schärengarten pflügte, hörte Cornelia die Stimme ihres Großvaters: Lass dich niemals unterkriegen, Cornelia. Du musst immer zu dir selbst stehen.
Ach, wie sehr sie ihn vermisste.
»Entschuldigung, wissen Sie, ob die nächste Station Storkholmen ist?«
Cornelia zuckte zusammen und stellte fest, dass der Mann, der sie mit hochgezogenen Augenbrauen ansah, die Frage auf Englisch gestellt hatte. Er sah wetterbedingt mitgenommen, vielleicht sogar ein wenig schmutzig aus und trug einen Rucksack, an dem eine Isomatte montiert war.
»Ich hab keine Ahnung, leider«, antwortete sie. »Aber fragen Sie ihn dort drüben.«
Cornelia deutete auf einen jungen Typen, der die Tickets der Passagiere kontrollierte.
»Vielen Dank.«
Cornelia lächelte und richtete ihren Blick auf die Felsen und Schären, die langsam rechts an ihr vorbeizogen. Sie wusste, dass es in der Seemannssprache ein anderes Wort dafür gab, aber für sie war es einfach nur rechts.
Sie kannte die Worte aus der SMS inzwischen fast auswendig. Die Nachricht war der eigentliche Grund gewesen, weshalb sie sich jetzt auf diesem Boot befand und weg von allem wollte. Die Tatsache, dass sie auch ihren Kollegen entkam, war nur ein weiterer Vorteil.
Liebe Cornelia, ich möchte doch nur mit dir sprechen. Alles erklären. Bitte melde dich. Ich bin so froh, dass ich dich wiedergefunden habe. Deine Wohnung in diesem kleinen roten Häuschen in Södermalm sieht gemütlich aus, aber du bist nie zu Hause, wenn ich an dein Fenster klopfe. Wenn du dich schon nicht mit mir treffen möchtest, ruf mich doch bitte an? Bitte!!! Ich umarme dich, A
Cornelias Handynummer konnte man nicht einfach so im Internet finden. Das hatte sie schon überprüft. Dass sie der Absender der SMS mitsamt ihrer Adresse trotzdem gefunden hatte, erschreckte sie. Aber am allermeisten irritierte sie, dass A drei Ausrufezeichen verwendet hatte. Wer in aller Welt schrieb so? War ein Ausrufezeichen nicht genug? Oder gar keines? Wenn Cornelia etwas nicht leiden konnte, dann waren das Leute, die die Sprache missbrauchten. Das konnte sie zur Weißglut treiben.
Noch am selben Tag, an dem die SMS auf Cornelias Handy eingetroffen war, hatte sie sowohl den Mietvertrag als auch ihren Job gekündigt. Ihr Chef hatte sie gebeten, zu bleiben, mit dem Angebot auf eine bessere Bezahlung und Maßnahmen gegen die Kolleginnen, die sie davon abgehalten hatten, ihren Job zu genießen. Sie fühlte sich ein wenig schuldig, denn sie hatte ihn glauben lassen, dass die selbstgefälligen Kolleginnen, die so gerne über andere Frauen, insbesondere sie, lästerten, während sie den Männern Honig ums Maul schmierten, der Grund dafür waren, dass sie gehen musste. Doch wenn sie sich von A fernhalten wollte, durfte sie absolut keinem erzählen, dass sie fliehen wollte. Der Chef der Marketingabteilung war so nett gewesen, ihr sowohl den Resturlaub als auch die Überstunden anzurechnen, sodass sie schon in zwei Wochen gehen konnte.
Das Boot hupte ein paar Jugendliche an, die mit ihren Jetskis gefährlich nahe am Boot vorbeidüsten, was Cornelia in die Realität zurückholte. So unvorsichtig und leichtsinnig war sie nie gewesen. Vielleicht würde man sie für mutig halten, weil sie gerade ihre gesamte Existenz entwurzelt hatte, um woanders einen Neustart zu wagen. Doch die Wahrheit sah ganz anders aus. In Wahrheit war sie feige.
Wenn sie es schon nicht einmal zustande brachte, As vollen Namen zu denken, ja, geschweige denn auszusprechen, wie sollte sie dann die Kraft haben, die Person hinter dem Buchstaben zu treffen?
Cornelia wusste, dass sie sich früher oder später dem, was in ihr brodelte, stellen musste. So machten das erwachsene Menschen. Doch dazu war sie noch nicht bereit. Sie war immer noch viel zu wütend. Im Augenblick fiel es ihr leichter, einfach zu fliehen und von vorne anzufangen. Ein weiteres Mal.
Sie war mit ihrem Großvater aufgewachsen, weshalb sie in der Schule immer etwas altklug und daher alles andere als beliebt gewesen war. Freunde hatte sie nie viele gehabt. Oder, besser gesagt, gar keine. Keine richtigen zumindest, die nicht gleich einen Rückzieher gemacht hätten, wenn sie nur die geringste Aufmerksamkeit von einem der »Cool Kids« bekamen. Im Moment war es gut, allein zu sein. So war es einfacher, sich fernzuhalten. Es gab niemanden, der sie vermisste. Niemand suchte nach ihr. Niemand, außer A.
Einen neuen Job da draußen in den Schären zu finden würde bestimmt nicht einfach werden, aber sie sah keinen anderen Ausweg, als so weit wie möglich von dieser SMS wegzukommen.
Vielleicht konnte sie sich Kost und Logis verdienen, indem sie jemandem dabei half, ein Grundstück oder eine Hütte für den Sommer herzurichten. Oder vielleicht benötigte jemand Hilfe bei der Vermarktung eines neu gegründeten Unternehmens.
Irgendwo in diesem Schärengarten gab es doch bestimmt Platz für eine Frau, die ein Versteck brauchte.
Plötzlich blitzte die Sonne durch eine kleine Luke in der dunklen Himmelsdecke und wärmte ihre kalten Wangen. Es fühlte sich an, als wäre es ein Zeichen ihres Großvaters, der ihr sagte, dass alles gut werden würde.
Danke, Opa.
»Nächste Station: Kanelholmen.«
Die Stimme im Lautsprecher der Fähre war abgehackt, aber das Wort Kanelholmen machte etwas mit Cornelia. Sie kostete den Namen. Kaute ihn wie eine leckere Zimtschnecke. Kanelholmen. Das klang wie zu Hause. Sie beschloss, von Bord zu gehen.
Behutsam bewegte sie sich auf das Tor des Schärenbootes zu. Die wenigen übrigen Passagiere deuteten an, dass nicht mehr viele Haltestellen angesteuert werden würden.
Vor ihr stand ein älterer Herr mit einem Gehstock in der einen und einem Trolley in der anderen Hand. Die Ohrenschützer, die der Mann heruntergeklappt hatte, trugen noch die braun-gemusterte Originalfarbe, während der Rest der Mütze von der Sonne zu einem hellen Beige verblichen worden war. Cornelia vermutete, dass vorne auf dem Schild der Mütze ein Knopf angebracht war. Ihr Großvater hatte nämlich genau so ein Exemplar besessen und wenn es etwas gab, das sie gerne als Andenken an ihn hätte, wäre es diese alte, abgenutzte Mütze gewesen.
Cornelia bemerkte, wie der Mann damit kämpfte, den Trolley über die ausgeklappte Stahlrampe zu hieven. Sie eilte vor und fragte, ob er Hilfe benötigte.
»Engel!«, schnaufte er. »Gerne! Ich bin auf Storön gewesen und habe eingekauft, was man hier nicht bekommt. Meine Söhne haben mir natürlich angeboten, dass sie mich mit dem Motorboot fahren, aber, na ja, ich war stur und hab gesagt, dass ich alleine klarkomme. Ist dumm von mir gewesen. Nett von Ihnen, dass Sie mir helfen.«
Als sie das Schimmern seines warmen Blickes bemerkte, wurde sie erneut an ihren Großvater erinnert. Traurigkeit erfüllte ihren Körper. Eine Traurigkeit, die aus Liebe und Sehnsucht zugleich bestand.
»Bist du die Kleine von den Johansons?«, fragte der Mann kurze Zeit später, als sie den Kiesweg entlanggingen, der sich um die Insel schlängelte.
Den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend hatte es nur sie und ihren Großvater gegeben. Ihre Großmutter war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als Cornelia sieben Jahre alt gewesen war. Ihr Vater war nie Teil ihres Lebens gewesen, und ihre Mutter, tja, zu der hatte sie seit Jahren schon keinen Kontakt mehr.
Cornelia hatte sich oft gefragt, wie es wohl sein mochte, in einer Großfamilie aufzuwachsen. Ihre Lieblingsfilme als Kind, und wenn sie ehrlich sein sollte, auch noch als Erwachsene, handelten von rauschenden Abendessen und komplizierten Familienintrigen. Doch obwohl sie sich danach sehnte, Teil so einer verrückten, liebenden Familie zu sein, und ihr nichts lieber gewesen wäre, als zu bestätigen, dass sie die Kleine der Johansons war, konnte sie doch nicht lügen.
Deutlich hörte sie die Stimme ihres Großvaters: Man muss immer die Wahrheit sagen.
»Nein«, antwortete sie kurz und blickte zum Himmel hinauf. »Glauben Sie, es wird heute noch regnen? Heute Morgen haben die Meteorologen Schauer für den Nachmittag vorausgesagt.«
»Die Meteorologen«, sagte der Mann irritiert. »Quatsch! Die verstehen nicht, wie sich das Wetter hier draußen in den Schären verhält.«
Schweigend gingen sie weiter. Das Rascheln des starken Windes, der es den Büschen schwer machte, sich aufrecht zu halten, vermischte sich mit dem angenehmen Knirschen des Kieses unter ihren Schuhen.
Cornelia sah sich neugierig um und begriff nun, was die Freunde ihres Großvaters, die Sommerhäuser in den Schären besaßen, immer meinten. Sie verstand deren Sehnsucht. Es lag etwas Friedsames über den Schären, genau wie sie es immer behauptet hatten. Etwas, das Ruhe, Erholung und glückliche Sommertage versprach. Das Wetter spielte keine Rolle.
»Wen besuchen Sie denn hier draußen? Ich bin übrigens Ture.«
Der Mann hob kurz seine Mütze, bevor er sie zurück auf das schneeweiße, zerzauste Haar setzte.
»Cornelia.« Sie nickte, ohne ihr Gepäck loszulassen. »Ich kenne niemanden hier. Ich dachte, ich helfe Ihnen noch dabei, Ihre Sachen nach Hause zu bringen, und sehe mich dann nach einem Hostel um. Gibt es hier überhaupt so etwas?«
Sie warf ihm einen hoffnungsvollen Blick zu.
»Mit einem Hostel kann Kanelholmen leider nicht dienen, aber ich habe eine kleine Wohnung in der Villa Wonne, die leersteht, wenn du sie ausborgen möchtest.«
»Villa Wonne?«
Cornelia lehnte sich vorn, während sie den Trolley weiterzog.
»Ja, so heißt das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Es war die Idee meines Urgroßvaters – der alte Kauz. Mit dem Alter haben meine Frau und ich nach und nach gefunden, dass das Haus zu groß für uns beide ist, deshalb haben wir es mit der Hilfe unserer Söhne zu einem kleinen Miethaus umgebaut. Wir nutzen das Erdgeschoss, der Rest des Hauses wird vermietet. Es ist gleich hier um die Ecke«, erklärte er und fuchtelte mit seinem Stock in der Luft herum.
Cornelia fragte sich, was es wohl kosten würde, eine Wohnung so weit von jeglicher Zivilisation zu mieten. Andererseits gab es bestimmt viele, die jede Menge Geld dafür bezahlen würden, auf einer Insel wohnen zu dürfen, auf der niemand das Wort Stress auch nur in den Mund zu nehmen schien.
»Ich würde die Wohnung gerne mieten.«
»Mieten? Hast du Tomaten auf den Ohren? Ich sagte ausborgen.«
Cornelia unterdrückte ein Grinsen, als Ture mit seinem Stock ein trockenes Ästchen aus dem Weg räumte und über den Berg schubste.
»Aber warum vermietest du die Wohnung nicht?«
»Glaub mir, das hab ich versucht, meine Liebe. Seit der letzte Mieter nicht mehr dort wohnt, haben sich einige Leute das Haus angesehen. Und ich hab mir die Leute angesehen, aber die waren alle zu groß.«
»Zu groß?«
Ture blieb stehen und musterte sie von oben bis unten. Cornelia war froh um die kurze Pause und nutzte die Gelegenheit, sich ihre dünne Sommerjacke um die Taille zu binden. Für einen älteren Mann war Ture ziemlich gut in Form, und, ehrlich gesagt, fiel es ihr nicht leicht, mit ihm Schritt zu halten, vor allem, weil sie das Gepäck von ihnen beiden schleppte.
»Wie groß bist du?«
»Eins siebenundfünfzig.«
»Das ist ja wunderbar! Dann bist du die Erste, die dort oben auf dem Dachboden aufrecht gehen könnte.« Er nickte, während er wieder Fahrt aufnahm. »Also, sie ist voll möbliert und gemütlich, mit voll ausgestatteter Küche, aber sie lockt natürlich keine Menschen an, die den ganzen Tag mit geneigtem Kopf und gebücktem Rücken herumlaufen müssten. Es wäre mir eine Freude, wenn du dort wohnen wollen würdest. Ja, damit die Rohre und die Toilette durchgespült werden und so. Dort oben ist es.«
Cornelia folgte Tures Blick und hielt kurz inne. Ihr Kinn klappte nach unten. Ganz oben auf dem Berg thronte ein dreistöckiges Haus aus sonnengelb gestrichenem Holz und weinrotem Gebälk. Das schöne Gebäude und der gepflegte Garten davor raubten ihr den Atem. Als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, drehte sie sich langsam um und bewunderte die Aussicht über das Meer, die von der Wohnung im Dachgeschoss aus bestimmt noch magischer war.
War das das Kindheitshaus dieses alten Mannes?
Die Holzstiege an der Stirnseite des Hauses führte zu einer erhöhten Terrasse im zweiten Stock, die ungefähr so groß war wie die Wohnung, die Cornelia in Södermalm gerade zurückgelassen hatte. Unter den Planen auf der einen Seite vermutete sie Gartenmöbel und daneben einen Grill unter einer dicken Winterhaube. Sie befreite ihre Schulter von der schweren Sporttasche, legte ihre Hände an das hölzerne Geländer und ließ die kilometerweite Aussicht auf sich wirken. Träumte sie, oder war es wirklich wahr, dass sie ihren nächsten Morgentee hier draußen genießen würde?
Als sie den Schlüssel ins Schloss steckte, versuchte sie, den Gedanken daran zu verdrängen, dass die Habseligkeiten des vorigen Mieters, der bei einem tragischen Bootsunglück ums Leben gekommen war, immer noch da waren. Ohne zu zögern, hatte sie gesagt, dass das kein Problem wäre und sie sich um die Entrümpelung der Wohnung kümmern würde. Jetzt, da sie den engen Hausflur betrat, traf sie die Reue mit voller Wucht. Feuchte, stickige Luft und ein Sammelsurium alter Möbel und Bücherstapel hießen sie willkommen.
»Ausgezeichnet, du hast die Tür aufbekommen«, bemerkte Ture, als er im Flur neben ihr auftauchte. »Tja, es ist schon eine ganz schöne Zumutung, aber nachdem wir die Wohnung nie vermieten konnten und der Rest des Dachbodens voll ist, haben wir alles gelassen, wie es ist. Behalte gerne, was du haben möchtest, den Rest kannst du wegschmeißen.«
»Aber möchte die Familie des vorigen Mieters die Sachen denn nicht haben?«
Große Augen durchsuchten das Chaos.
»Die wollten überhaupt nichts haben. Konnten den Verlust ihres einzigen Kindes kaum verkraften. Mattias ging es nicht so gut. Wir haben alle versucht, an ihn ranzukommen, aber er hat sich mehr und mehr in seiner Wohnung vergraben. Scheinbar ist es ihm immer schwerer gefallen, aufzuräumen und sich von Dingen zu trennen. Sogar alte Verpackungen und Kartons hat er aufbewahrt. Meine Söhne haben all diese Dinge schon weggebracht, aber Zeitungen, Bücher und solche Sachen sind noch da. Ich glaube, man nennt diese Leute Messies. Komische Worte erfindet man heutzutage. Neuerdings gibt es für alles eine Diagnose. Früher war man einfach ein Knallkopf oder Sonderling. Oder einfach ein bisschen anders. Wir sind alle unterschiedlich. Mehr nicht, oder?«
Ture schob mit seinem Stock den Samtvorhang zur Seite und betrat das Wohnzimmer.
»Nun ja, wie gesagt … es gibt jede Menge zu tun.«
Cornelia war es, als würden ihr die Augen aus dem Gesicht springen. Keine einzige saubere Oberfläche, so weit das Auge reichte. Überall Krempel, Möbel und Papierstapel. Sie fühlte sich, als würde sich ein Schmutzekzem langsam auf ihrem Körper breitmachen. Wenn es so etwas überhaupt gab. Aber wenn es Messies gab, dann gab es bestimmt auch eine passende allergische Reaktion dazu. Sie stieß einen lautlosen Seufzer aus und unterdrückte den Impuls, alles direkt aus dem Fenster zu werfen und ihren gesamten Körper mit Desinfektionsmittel einzureiben.
»Gibt es denn einen Recyclinghof auf der Insel?«, fragte sie, während die Zwangsneurotikerin in ihr aufschrie.
Darauf bedacht, nichts zu berühren, setzte sie einen vorsichtigen Schritt in die Wohnung.
»Nicht auf Kanelholmen, aber es gibt einen auf Skattholmen. Wenn du den Kopf aus dem Fenster streckst und nach rechts schaust, kannst du die Brücke nach Skattholmen sehen. Aber der Recyclinghof liegt auf der anderen Seite der Insel. Einer meiner Söhne kann dir helfen, die Sachen mit dem Motorboot rüberzubringen, wenn du ausmisten willst. Also dann, meine Liebe, ich lass dich jetzt mal allein, damit du dich eingewöhnen kannst. Das Abendessen wird um Punkt sechs serviert. Die Tür ist unten auf der gleichen Seite wie diese Wohnung, aber vorne. Isst du eigentlich alles? Du bist doch keine Veganerin oder wie man das nennt?«
Die Wahrheit war, dass Cornelia eine zunehmende Abneigung dagegen entwickelte, Tiere zu essen, aber darüber wagte sie kein Wort zu verlieren, als sie Tures verständnisloser Blick traf.
»Ich esse alles, außer Eingeweide.«
»Nun gut. Dann bis sechs.«
So schnell, wie er neben ihr aufgetaucht war, war er auch schon wieder durch die Tür verschwunden und lief die breite Holztreppe nach unten.
Wie in aller Welt sollte sie das schaffen?
Ein wenig Dreck hat noch niemanden umgebracht, hörte sie ihren Großvater sagen. Du musst lernen, ein bisschen Staub und Unordnung auszuhalten.
Das hier war jedoch meilenweit von ein bisschen Unordnung und Dreck entfernt, aber vielleicht war es gleichzeitig eine Möglichkeit, sich mit der Zwangsstörung auseinanderzusetzen, die ihr so viele Jahre ihres Lebens gestohlen hatte.
Was hatte der Gruppentherapeut noch mal gesagt? Wenn ihr euch schmutzigen Umgebungen aussetzt und feststellt, dass sie euch nicht schaden, kommt ihr weiter. Anfangs war Cornelia bereit gewesen, es zu versuchen – es klang ja einleuchtend –, doch als der Therapeut sie gebeten hatte, in einen Abfallcontainer zu klettern und dessen Wände abzuschlecken, nun, da hatte sie kehrtgemacht und war davongelaufen. Es gab Grenzen!
Das Entrümpeln war kein Problem für sie. Da sie keinen Bezug zum Vormieter hatte, würde es nicht besonders schwierig werden. Traurig war es zwar, aber sie würde es schaffen, bestimmt.
Der Schmutz hingegen machte sie ganz hibbelig. Tiefe, langsame Atemzüge, um den Puls zu senken, waren leider auch keine Option. Da würden sich die Lungen nur mit Spinnweben und Staub füllen. Und genau genommen bestand Staub aus lauter toten Hautzellen. Wie eklig!
Cornelia dachte einen Moment lang nach. Dann fasste sie einen Entschluss. Wenn sie es schaffen wollte, in diesem wunderschönen Haus zu wohnen, war sie gezwungen, sich ihren Phobien zu stellen. Und im Gegensatz zu dem, was ihr Therapeut behauptet hatte, musste sie auch nicht gleich alles abschlecken. Sie könnte damit beginnen, erst einmal den Schmutz wegzuwischen, der ihr unter die Finger kam. Danach würde sie sich daranmachen, die ganzen Geräte und Möbel auszuräumen.
Der Beschluss erfüllte sie mit Freude, eine Freude, wie sie sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Mit ausgestreckten Armen, immer noch vorsichtig, nichts zu berühren, und mit einem zur Decke gerichteten Blick, drehte sie sich um sich selbst.
Was für ein Glück sie gerade gehabt hatte … das war ja fast schon unglaubwürdig.Du hattest recht, geliebter Opa, alles wird gut.
Mit einem breiten Lächeln machte sie eines der fünf Wohnzimmerfenster weit auf. Da der Wind hier oben am Berg kräftig wehte, brauchte man keinen Gegenzug von der anderen Seite der Wohnung. Die angenehme Frühsommerbrise kroch auch so in jede Ecke des Wohnzimmers und vertrieb die stickige Luft.
Auch wenn es anstrengend werden würde, die Zwangsgedanken herauszufordern, hatte sie das Gefühl, dass sie sich hier wohlfühlen würde. Lieber erschöpft sein, weil man sich ein gemütliches, neues Zuhause erschafft, als Energie zu verlieren, weil man ständig auf der Hut vor den Kollegen und vor A ist.
Die Entdeckungsreise durch die kleine Wohnung führte sie durch eine perlgraue, verspiegelte Tür im Wohnzimmer weiter ins Schlafzimmer. Beide Räume boten eine Aussicht über den Garten, den Hang und das Meer. An beiden Seiten des gerundeten Schlafzimmerfensters befanden sich zwei weiß gestrichene Dachbalken. Sie freute sich schon darauf, den ganzen Plunder wegzuräumen und stattdessen ein paar Topfpflanzen auf die niedrigen Balken zu stellen. Vielleicht würde eine Leuchterblume dort gut gedeihen.
Ihr Körper füllte sich mit Freude, und bevor sie sich selbst zurückhalten konnte, flog sie schon durch die Luft und landete auf dem Bett. Zu spät fiel ihr ein, dass sie der Schmutz vermutlich umbringen würde.
Als der abgestandene Gestank, begleitet von monatelang schlummerndem Staub, von der Bettdecke aufstieg und ihren Körper umhüllte, musste sie sich bemühen, nicht gleich laut aufzuschreien. Nach ein paar tiefen Atemzügen durch den Stoff ihres Oberteils beruhigte sich der Herzschlag wieder. Sie würde das schaffen. Sie musste es schaffen.
Denn hier wollte sie bleiben.
Für eine lange Zeit.
»Komm rein, Cornelia, nur keine Scheu! Damit kommst du in unserer schrulligen Familie nicht weit.« Ture fuchtelte mit der Hand in der Luft, als sie vorsichtig über die Schwelle des Speisesaals im Erdgeschoss trat. Sie bemerkte, dass Ture seine Mütze drinnen nicht trug. »Also, das hier sind meine Frau Greta, meine Söhne Krister, Joakim und Sven. Krister hat eine Tochter im Teenager-Alter, Isabel, die bei ihrer Mama wohnt und lieber in Stockholm ist als hier draußen auf Kanelholmen, aber um Mittsommer herum kommt sie immer hierher. Joakim ist mit Johanna verheiratet. Die beiden sind die Eltern von den Kleinen, die hier herumrennen. Und Sven ist unser Nesthäkchen.«
Cornelia wich zwei Mädchen aus, die auf ihren Großvater zustürmten und seine Beine von beiden Seiten umarmten. Ture lachte und tätschelte den Kindern liebevoll die Köpfchen. Der Rest der Familie trat vor und reichte Cornelia die Hand. Es gehörte zu ihren Stärken, sich Namen und Gesichter zu merken. Konzentriert erfasste sie, welcher Vorname zu welchem Gesicht gehörte.
Die Aufmerksamkeit für Tures Familie unterdrückte das Bedürfnis, sich beide Hände und Unterarme desinfizieren zu wollen, nachdem sie so viele Personen begrüßt hatte. Solange nur die Kinder nicht in ihre Nähe kamen. Das wäre eine Herausforderung zu viel gewesen.
Dass Kinder kleine Bakterienschleudern waren, war allgemein bekannt. Klar konnten sie auch niedlich und unterhaltsam sein, mit ihren kleinlauten Kommentaren, aber Cornelia war Kindern gegenüber immer schon misstrauisch gewesen. Nicht dass sie je so viele getroffen hätte, sie hatte ja keine nennenswerten Freunde, aber manchmal hatten Kollegen ihren Nachwuchs zur Arbeit mitgenommen, und da war sie immer lieber auf Abstand gegangen. Denn hätte sie nicht aufgepasst, wäre sie bestimmt in ein undurchschaubares Spiel verwickelt worden, das mit Filzstiftbemalung im Gesicht und Murmeln in der Nase geendet hätte.
»Wie schön, dass es eine neue Mieterin gibt«, sagte Krister, als sie sich gesetzt hatten und die Karotten herumgereicht wurden.
»Vielleicht kann dir Cornelia mit den Hunden helfen, Krille?«, sagte Sven, der jüngste der Brüder, während er sich ein paar Frühkartoffeln auf den Teller schaufelte. »Wenn sie noch nicht weggelaufen ist, nachdem sie uns alle erst mal kennengelernt hat, wäre sie vielleicht gut für die Neue, die du reinbekommen hast?«
»Hast du Erfahrung mit Hunden?«, fragte Krister.
»Unser Nachbar hatte einen, in meiner Kindheit. Ich hab manchmal auf ihn aufgepasst. Aber selbst hab ich nie einen gehabt.«
Vorsichtig begegnete sie den freundlichen blauen Augen, die sie hoffnungsvoll ansahen. Unauffällig betrachtete sie den Rest seines Gesichts. Normalerweise mochte sie Bärte nicht – wenn Frauen nur wüssten, was für Bakterienherde das waren, würden sie sich niemals von Männern mit Gesichtsbehaarung küssen lassen –, aber er schien zumindest den Verstand zu haben, ihn anständig zu pflegen. Das kurz geschnittene, dunkle Haar passte zu seiner runden Gesichtsform. Und er sah sauber aus. Das Beste jedoch war, wie seine Augen vor Freude strahlten, als er ihr von dem Heim für herrenlose Hunde erzählte, das er neben der Wohnung der Eltern betrieb.
»Gestern hab ich eine Hündin von den Nachbarn bekommen, ein kleines, armes Hündchen. Hat angekettet am Steg zu einem Schärenboot gesessen«, erklärte er. »Niemand hat reagiert, bevor der Nachbar zweimal mit mehreren Stunden Abstand an ihr vorbeigegangen ist. Ganz einsam und traurig war sie.«
Das rührte Cornelia. Obwohl sie, seit sie erwachsen war, den Geruch von Hunden kaum ertragen konnte, war es ihr wichtig, dass alle Tiere mit Respekt behandelt wurden. Kürzlich hatte sie gelesen, dass schwere Tierquälerei immer strenger bestraft wurde, und das freute sie.
»Wie kann man denn so etwas machen?«, fragte sie ihn, während sie sich eine Gabel Salat in den Mund schob.
»Du sagst es. Leider wundert mich mittlerweile aber schon gar nichts mehr.«
Wie ein plätschernder Fluss setzten sich die Gespräche rund um den Tisch fort. Lautes Gelächter folgte, als Joakim und Johanna von Sommerhausbesitzern erzählten, die Kunden in der Holzhandlung waren, die sie gemeinsam betrieben. Die Kunden hatten ein sagenhaft übertriebenes Selbstvertrauen an den Tag gelegt und geglaubt, sie könnten direkt aus dem Finanzviertel daherkommen und einfach mal so eine Terrasse oder ein Spielhäuschen zusammenbauen. Sven, der auch dort arbeitete, konnte sich das Lachen nicht verkneifen, als er von einem Kunden erzählte, der eine ganze Garage mit einer Farbe für Innenräume gestrichen hatte.
Cornelia hörte nur mit halbem Ohr zu. Wie sehr sie es auch versuchte, sie konnte den Gedanken an das arme Hündchen vom Steg nicht loslassen. Es wunderte sie, weil sie eigentlich kein Hundemensch war. Sie war auch kein Katzenmensch. Nicht einmal ein Menschenmensch, ehrlich gesagt.
Das Leben, das sie bisher geführt hatte, war isoliert gewesen. Außer ihrem Arbeitsplatz und den beruflichen Reisen gab es nicht viele Orte, die sie besuchte. Mit einem guten Buch zu Hause zu sein war für sie Gesellschaft genug. Als introvertierte Person raubte ihr der Arbeitstag mit seinen erzwungenen Geschäftsbeziehungen genug Energie. Deshalb brauchte sie die Abende und Wochenenden zur Erholung, bevor der Stress am Montagmorgen von Neuem begann.
Doch jetzt, als sie an diesem Tisch saß und die Liebe so deutlich von einem zum anderen wandern spürte, wurde ihr traurig bewusst, wie viel ihr durch ihre Selbstisolation entgangen war.
»Ich würde es gerne mit der Hündin versuchen«, sagte sie zu Krister, als sie den Tisch abgeräumt hatten und Kaffee tranken. »Wie kann ich dir helfen?«
Leuchtende Augen strahlten sie an.
»Super. Ich muss nur noch kurz nach Skattholmen sausen und den Kamin für eine Freundin anheizen, die auf dem Weg raus in die Schären ist. Gönn dir noch ein Tässchen in der Zwischenzeit, okay?«
Eine Müdigkeit überfiel Cornelia. Der Tag hatte ihr schon viele schöne Eindrücke beschert, die sie erst einmal verdauen musste. Sie beschloss, die zweite Tasse Kaffee gleich zu trinken, um sich dann mit einem der verstaubten Bücher, die sie in der Wohnung gefunden hatte, zurückzuziehen. Wenn sie das arme Hündchen dann kennengelernt hätte, würde sie sich schlafen legen.
»Ja klar, ich trink noch einen Kaffee und geh dann schon mal in die Wohnung rauf. Komm einfach vorbei, wenn du wieder zurück bist.«
Lollo hatte viele Bekannte, aber keine richtig gute Freundin. Keine, der sie ihre Geheimnisse anvertrauen konnte und die sie auch für sich behalten würde. Aber Lollo kam auch so klar. Sie war schon immer klargekommen. Ihre Kindheit und Jugend hatte sie überlebt, weil sie immer das freche Mädchen in der Klasse gespielt hatte. Das Mädchen, das einen dummen Kommentar einfach weglachen oder eine Beleidigung wegwinken konnte. Es war ihre Art der Bewältigung gewesen: zu lachen und niemanden zu nahe an sich heranzulassen. Doch hinter ihrem fröhlichen Äußeren nagte etwas ganz anderes an ihr: die Einsamkeit.
Obwohl sie immer einen ihrer Bekannten anrufen und fragen konnte, ob sie nicht etwas unternehmen wollten, machte ihr diese Distanz zu schaffen. Das Fehlen einer innigen und liebevollen Freundschaft.
Sie war mitten in der Stadt aufgewachsen und hatte schnell gelernt, dass man eine harte Schale brauchte, um durchzukommen. Manchmal war sie vom Weg abgekommen, doch da hatte sie ihre alleinerziehende Mutter schnell und mit strenger Hand zurechtgewiesen.
So wie damals, als Lollo Lakritze aus dem kleinen Laden nebenan geklaut und ihre Mutter sie gezwungen hatte, wieder zurückzugehen und dafür zu bezahlen. Wie peinlich ihr das gewesen war! Aber es hatte gewirkt. Es war das erste und letzte Mal gewesen, dass sie etwas hatte mitgehen lassen. Jetzt käme es ihr nicht einmal mehr in den Sinn, einen Kugelschreiber von der Autowerkstatt, in der sie als Kundenbetreuerin arbeitete, mit nach Hause zu nehmen.
In einem männerdominierten Beruf zu arbeiten war ihr ganz recht. Sie mochte es, mit den Jungs herumzualbern, und auch, wenn sie manchmal nervige Bemerkungen aushalten musste, konnte sie diese durch ein Lachen einfach abtun, genau wie früher. Damit war die Sache erledigt. Obwohl die Kalender mit den nackten Damen abgenommen worden waren, als sie in der Werkstatt angefangen hatte, war es schwer, mit dem Jargon zu brechen, speziell bei den älteren Semestern.
»Lollo, ich muss nachsehen, ob wir ’ne Batterie im Lager haben. Kannst du mal eben rausgehen? Da wartet ’n Kunde.«
Schnell schloss Lollo die Dating-App, schlürfte den letzten Schluck Kaffee aus und ging hinaus zum Kundenempfang.
»Hallo, wie kann ich helfen?«
Ihr Lächeln war echt. Sie mochte ihren Job.
»Vor ein paar Tagen war ich mit meinem Auto hier beim Service, aber jetzt glaub ich, dass es beim Fahren nach rechts zieht. Das Lenkrad wackelt auch manchmal. Ich hab ein bisschen gegoogelt und …«
Lollo grinste leicht vor sich hin. Heutzutage googelten alle alles und klangen jedes Mal wie selbsternannte Experten. Wenn es sich um ein besonders ausgeprägtes Exemplar der sogenannten Lesserwisser handelte, drängte sie ihr Gegenüber gelegentlich dazu, mit ihrer jahrelangen Erfahrung zu brillieren, untermalt natürlich von einem strahlenden Lächeln. Aber meistens sagte sie ihren Kunden nur, dass sie ihr Auto drinnen abstellen sollten und dass sie es sich ansehen würden.
Diesmal entschied sie sich für die letztere Variante. Sie hatte heute Morgen aufgesperrt, und es war nur noch eine halbe Stunde bis zwei Uhr, was bedeutete, dass sie für den heutigen Tag Schluss machen konnte. Sie wollte so schnell wie möglich nach Hause, um sich für das Date heute Abend vorzubereiten. Sie hatte also keine Zeit, sich auf eine Diskussion zwischen Google und Wirklichkeit einzulassen.
Der Mann, mit dem sie sich heute treffen wollte, hieß Alfie. Wenn Lollo früh anfing, frühstückte sie um fünf Uhr und aß um zehn schon zu Mittag. Alfie hatte erzählt, dass er das Mittagessen für gewöhnlich ausfallen ließ, wenn er von zu Hause aus arbeitete, was heute der Fall war. Deshalb war es für beide nicht merkwürdig, so früh schon zu Abend zu essen.
Ein halbes Jahr hatte sie gebraucht, um darüber hinwegzukommen, dass ihr Ex-Freund einfach seine Koffer gepackt und sie ohne Erklärung stehengelassen hatte. Nicht, dass es ein großer Verlust gewesen wäre, aber er war doch immerhin Gesellschaft gewesen. Ein halbes Jahr lang war sie also sauer gewesen, bevor sie sich wieder in den Onlinedating-Dschungel gewagt hatte.
Lollo und Alfie hatten schon ein wenig in der Dating-App gechattet, bevor sie sich das erste Mal auf einen Kaffee und das zweite Mal auf ein für sie alkoholfreies Bier getroffen hatten und nun war sie bei ihm daheim zum Abendessen eingeladen. Sie stellte sich vor, wie sie sich im Kerzenschein liebevolle Blicke zuwarfen und über den Esstisch hinweg zaghaft die Hände des anderen suchten.
Alfie schien kein Problem damit zu haben, dass sie keinen Alkohol trank, was sich gut anfühlte. Der Grund dafür lag weit zurück. Als Lollo ihren Abschluss gemacht hatte, hatten ihre Schulkollegen gedacht, es wäre lustig, sie betrunken zu sehen, weil sie sie noch nie so richtig besoffen erlebt hatten. Zwei Jungs aus der Parallelklasse hatten mit ihr um die Wette getrunken, und bevor sie sichs versah, hatte der Alkohol seine Wirkung gezeigt.
Ihre erste Erinnerung danach war, wie sie im Krankenhaus neben ihrer verheulten Mutter an der Bettkante aufwachte. Lollo würde niemals die Sorge, gemischt mit der Enttäuschung und der Furcht, in den funkelnden Augen ihrer Mutter vergessen. Nie wieder wollte sie, dass sie ihre hart arbeitende Mutter so ansah und ihr ihr tiefes Seelenleid offenbarte. Deshalb hatte sie sowohl sich selbst als auch ihrer Mutter geschworen, nie wieder Alkohol zu trinken. Und daran hatte sie sich auch gehalten.
Die Stimme ihres Navis holte sie zurück in die Gegenwart und sagte, dass sie nach rechts abbiegen sollte, und einige Minuten später, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Lollo bog in die Einfahrt und betätigte den Hebel, der das Verdeck des Cabrios etwas müßig hochfahren ließ, bevor sie den Motor abstellte. Erst jetzt bemerkte sie, wie viele Vögel sich in den Bäumen zu einer Konferenz versammelt hatten.
Der Frühsommer war herrlich warm, und obwohl sie die Jungs auf der Arbeit oft damit aufzogen, dass ihr im Winter die Fensterscheiben am Verdeck anfroren, sodass sie nicht einmal mehr ins Auto kam, so beneideten sie sie, wenn sie im Sommer mit hochgeklapptem Dach davonsauste.
Die Nervosität meldete sich und machte sich in ihr breit. Sie war im Netz schon auf eine ganze Reihe Idioten gestoßen. Gott weiß, wie viele. Doch Alfie hatte einen respektablen Job als mittlere Führungskraft in einem großen schwedischen Unternehmen und hatte auf ihren bisherigen Dates keine sexuellen Andeutungen oder Annäherungsversuche gemacht. Ein ganz normaler Mensch. Einfach ein guter Fang.
Sie streifte sich einen Fussel von dem Fünfzigerjahre-Kleid und frischte ihren roten Lippenstift auf, bevor sie aus dem Auto stieg. Sie mochte es, ihren männerdominierten Beruf hinter sich zu lassen, sobald sie nach Hause kam. Die Garderobe quoll über mit – für manche vielleicht ungewohnt – Flohmarkt-Schnäppchen, bestehend aus Kleidern und Röcken in den buntesten Farben. Am liebsten mochte sie die Fünfziger- und Rockabilly-Klamotten, doch es versteckten sich auch ein paar enge Kleider aus den Sechzigern, denen sie nicht hatte widerstehen können, in ihrem Schrank.
Zur Feier des Tages trug Lollo heute einen leuchtend roten Rock, einen passenden Schal um den Hals und ein enges weißes Lycra-Top.
Alfie musterte sie anerkennend von oben bis unten, als er die Tür öffnete. Dann umarmte er sie fest. Ein Duft von gebratenem Fleisch und kräftigem Aftershave umhüllte sie. Der Duft eines Mannes.
Das Abendessen war, untermalt von netten Gesprächen und jeder Menge Lachen, unerwartet schnell verflogen. Lollo ignorierte das Gefühl, dass es Alfie ziemlich eilig zu haben schien. Immerhin hatten sie es schön. Es war ihr egal, dass er ungeduldig war. Schon bald würden sie es sich zu entspannter Musik auf dem Sofa gemütlich machen, dachte sie. Wie wunderbar es würde, sich nah aneinanderzukuscheln und die Finger ineinandergleiten zu lassen. Endlich wieder einmal ein bisschen menschliche Wärme.
Und danach, wenn sich alles richtig anfühlte – tja dann …? Obwohl es ihr schwerfiel, andere Menschen in ihr Leben zu lassen, sehnte sie sich danach, das Gewicht eines männlichen Körpers an dem ihren zu spüren. Es war schon eine ganze Weile her.
