Sommer auf Zeit - Danielle Ochsner - E-Book

Sommer auf Zeit E-Book

Danielle Ochsner

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Beschreibung

Mohnblumen auf weißer Seide. Eine unvergessene Sommerliebe. Eine Reise, die das Leben verändert.Seit er sich mit seiner Frau zerstritten hat, lebt Linus Berger in einem Wohnwagen im eigenen Garten. Beruflich befindet er sich in einer Sackgasse, und auch seine Tochter entfernt sich immer mehr von ihm.Auf einem Flohmarkt findet er durch Zufall ein Kleid, das seiner Sommerliebe Souri gehörte. Linus macht sich auf die Suche nach der Frau, die damals sein Leben so durcheinandergewirbelt hat. Doch wie findet man jemanden nach dreißig Jahren? Und kann eine Begegnung mit der Vergangenheit die Gegenwart heilen?Eine Reise durch fünf Länder, die Zeit und einen unvergesslichen Sommer – eine Geschichte über Versöhnung und die Kraft der Liebe.

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2019

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DANIELLE OCHSNER

________________________

Sommer

auf Zeit

________________________

Roman

© 2019 Danielle Ochsner

www.DanielleOchsner.com

Lektorat: Susanne Pavlovic, www.textehexe.com

Covergestaltung, Satz, Korrektorat:

Sabine Albrecht, www.benisa-werbung.de

Bildquellen: ©shutterstock.com/Hanast, ©MSNTY

Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind ungewollt und rein zufällig.

Orte, Markennamen oder Songs werden in einem fiktiven Kontext verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Merci

Die Tote von Saint Loup.

Über die Autorin

Now, I'm gonna love you

Till the heavens stop the rain

I'm gonna love you

Till the stars fall from the sky for you and I

The Doors

Touch Me

Kapitel 1

Paul und die Krähe

Bis zu diesem Septembermorgen ist es im Nelkenweg friedlich und beschaulich. Man kennt sich, hilft einander mit Zucker aus und lädt sich gegenseitig an Weihnachten oder Ostern auf einen Kaffee ein. Am Ende solch einer Einladung bummelt man dann angesäuselt nach Hause. Man wankt durch die kleine Straße, die eine Sackgasse ist: sieben Häuser an der Zahl, drei rechts und vier links. Das erste ist eine Kneipe, die morgens Kaffee an Hausfrauen ausschenkt und abends Bier an die Männer. Die Bewohner wissen Bescheid, über alles, Geheimnisse gibt es hier keine. Das eine erzählt man sich beim Einkaufen oder in der Linde beim Kaffee. Das andere hinter vorgehaltener Hand.

Zu diesem Zeitpunkt schlafen 937 Personen im Dorf tief. Dreihundert schnarchen laut.

Eine Frau ist wach, weil sie über einen Kuss nachdenkt, den sie am Abend zuvor bekam: Sie hatte einen Mann getroffen, den sie von der Arbeit kennt. Als der Tag zu Ende ging, wurde sie geküsst. Was im Grunde nichts Besonderes ist, für sie aber schon: Ihr letzter Kuss ist über acht Jahre her. Sie liegt seit Stunden wach und starrt an die Decke, das Handy fest in der linken Hand. Er hatte ihr kurz geschrieben und sich für den netten Abend bedankt. Worauf sie innerhalb von drei Sekunden zurückschrieb. Seither blieb das Handy still.

Zoe, Linus’ Tochter, ist wach, weil sie Game of Thrones in ihrem Zimmer gesehen hat und jetzt darüber mit ihrer Freundin chattet. Außerdem erwacht der Wirt der Linde: In dieser Nacht hat ihn die Blase ein halbes dutzend Mal zur Toilette getrieben. Er sieht ein, dass er nicht mehr der Jüngste ist und es unverzichtbar ist, einen Urologen aufzusuchen. Was sein muss, muss halt sein.

Zu guter Letzt ist Linus Berger alles andere als munter. Er hat beschissen geschlafen und erwacht von einem kratzenden Geräusch.

„Paul?“, fragt er träge. Er löst sich von dem Kissen, das er umklammert.

Es raschelt erneut. Die Geräusche sind ihm zuweilen noch immer fremd, obwohl er den Sommer hier im Wohnmobil verbracht hat und nicht in seinem Haus. Die Wände sind dünn, der Wagen wirkt etwas heruntergekommen. Ihm ist das egal.

„Paul …? Bist du das?“

Der Garten ist von zwei Seiten einsehbar. Im Norden steht die alte Buche, sie trägt ihr buntes Herbstkleid. Linus liebt es, wenn im Herbst die Blätter auf den Rasen fallen, obwohl es bedeutet, dass er Stunden damit verbringen muss, Laub zu rechen. Meistens lässt er einen großen Berg davon in der Ecke des Gartens liegen. Ein behaglicher Iglu für Kleintiere. Oder für Paul.

„Dachse schlafen nicht im Laub“, hat Zoe mal gesagt, weil sie eine Sendung darüber gesehen hat. „Die graben Löcher wie Füchse. Nur Igel überwintern im Laub.“

Er schiebt die Vorhänge zur Seite. In der Mitte hängen sie durch, ein paar Gleiter sind aus der Vorhangschiene gerutscht. Es ist nicht auszuschließen, dass Linus das reparieren wird … morgen oder nie.

Der Regen hat nachgelassen. Würde er seine Brille tragen, sähe er, dass der Rasen übersät ist von glitzernden Kristallen. Winzige Tautropfen, die an den Spitzen der Blätter gelandet sind, als hätte eine göttliche Hand in der Nacht prunkvolle Diamanten über das Gras gestreut.

Früher drehte er sich leise nach rechts, um seine Frau nicht zu wecken, wenn er aufstand. Er genoss noch kurz die Wärme ihres Körpers, ihren Duft, bevor er zum Dentallabor fuhr, das er mit einem Kollegen in Aarau führt. Aber jetzt ist da nichts außer dem zweiten Kissen. An die Einsamkeit in der engen Behausung hat er sich längst noch nicht gewöhnt, das wird er nie. Seine Brille ruht neben dem Bett auf der kleinen Konsole, langsam tastet er danach. Sie fällt zu Boden. Linus flucht.

Gleichzeitig hört er ein erschrockenes, letztes Scharren von winzigen Krallen unter dem Fußboden. Die anschließende Stille bedeutet, dass Paul oder wer auch immer verschwunden ist. Er setzt sich die Brille auf, blinzelt zu seinem Haus hinüber, fragt sich, welcher Wochentag heute ist.

Es muss Sonntag sein, er hat morgens den Nachbarn nicht gehört. Der schließt sonst das Garagentor sehr laut, wenn er zur Arbeit fährt.

Die enorme Hitze des Augustes ist vorbei, genauso wie die Sommerferien: Der September überrascht mit kühleren Temperaturen, das Dorf geht wieder in den gemächlichen Trott über. Alles wie gehabt. Es dämmert, ein gedämpftes Licht zieht von Osten über den gepflügten Acker. Gestern hatte Linus am Rand neben den Kuhfladen, die wie Frisbeescheiben aussehen, eine tote Krähe gefunden. Sie lag wie ein Komma da, intakt, als würde sie sich von ihrem Flug erholen. In der Nähe hüpfte eine andere Krähe aufgeregt im Kreis. Als Linus zurück in den Garten ging, flatterte die andere zu ihrem Partner, stieß sie mit dem Schnabel an. Krähen, das weiß Linus, führen ein monogames Leben. Sie bleiben zusammen, bis sie aus der Lebensbahn geschossen werden. Bei Menschen ist das anders: Sie verwandeln sich. Linus hat sich verändert. Seine Frau genauso. Zumindest sagte sie zu ihm: „Du bist nicht mehr der, der du mal warst.“

Kann sein. Er ist an den Schläfen grau geworden, ein bisschen wie der Hund des Nachbarn: Zuerst bekam er eine graue Schnauze, dann Arthrose und schließlich eine Form von Alzheimer. Den Weg nach Hause fand er nicht mehr allein. Man kannte ihn im Dorf. Eddy hieß er. Behutsam wurde er von Schulkindern oder dem Wirt der Linde heimgeführt. Die Kinder bekamen als Dankeschön von seiner Besitzerin einen Schokoladenriegel. Anfangs verschenkte sie Äpfel, aber die Kleinen schauten dann immer so enttäuscht. Schließlich die Riegel. Seither kam es vor, dass der Hund aus dem Garten verschwand und das Gartentor dann offen war. Höchstens geborgt haben sie den Hund, sagten sie, als Linus sie mit Eddy erwischte, wie sie vom Haus wegliefen, statt auf das Haus zu. Nur geliehen. Das ist okay, fand er und schwieg. Manchmal saß der Hund verwirrt im Garten von Linus. Meistens neben der Feuerstelle, an der Zoe im Sommer mit ihren Freundinnen abends Marshmallows grillte.

Da Eddy kaum mehr etwas hörte, half es nicht, in die Hände zu klatschen, um ihn vom Grundstück zu vertreiben. Er musste ihn am Halsband führen. Nein, ich will keinen Schokoladenriegel. Aber Dankeschön.

Man hat Eddy diesen Sommer eingeschläfert.

„Da muss er nicht leiden, weißt du“, hatte er Zoe erklärt, die gefasst damit umging. Sie ist kein kleines Kind mehr. Nächstes Jahr wird sie vierzehn. Nein, fünfzehn.

Linus klettert aus dem Bett. Er stößt sich das Knie an der Ecke der Kochnische, der Schmerz schießt in sein Hirn und lässt ihn schlagartig wach werden. Die Restmüdigkeit ist weg. Einen Augenblick denkt er darüber nach, eine seiner Schlaftabletten zu nehmen. Aber im Grunde ist das jetzt egal. Er wird rausgehen wie ein Greis, senile Bettflucht nennt sich das, und rauchend den Zerfall der Krähe in Augenschein nehmen.

Alles zerfällt. Eddy ist tot, die Krähe ist tot und er, Linus Berger, ein Vertriebener aus seinem eigenen Haus.

Leise, um niemanden zu wecken, lässt er die Türe des Wohnmobils ins Schloss fallen. Die Kirchenglocken im Dorf schlagen siebenmal. Er zählt lautlos mit, während er barfuß durch das feuchte Gras stapft. Ein verirrter Tannenzapfen sticht ihn in die Fußsohle. Humpelnd gelangt er zum Ende seines Grundstückes. In direkter Nachbarschaft zu seinem geschniegelten Rasen liegt das Feld, das der Bauer bewirtschaftet.

„Mach was, Linus“, hat Conny gesagt, als sie noch der Meinung war, dass die Aussicht schöner werden könnte.

„Unser Grundstück sieht so aus, als wäre es selbst ein Acker! Wir könnten ein paar blühende Büsche dort setzen lassen, Linus. So als Grenze.“

Seit ein paar Jahren sagt sie kaum mehr etwas, sie sprechen wenig. Wenn sie ihn jetzt sieht, wie er im Garten steht und raucht, den Augen der Nachbarn ausgesetzt, seufzt sie höchstens noch. Es klingt verzweifelt.

„Linus. Du musst was ändern.“

Womöglich hätte er damals diese verdammten Hortensien setzen sollen, oder Rosen. Oder sonst was mit Blümchen dran. Vielleicht hätte das geholfen.

Die Krähe sieht zerzaust aus, der Regen letzte Nacht hat ihr zugesetzt. Sie liegt seitlich, ein Flügel ist ausgebreitet, die Federn gespreizt wie die Finger einer Hand. Ihr Partner ist nicht zu sehen. Linus hat aber den Eindruck, dass er irgendwo in der Nähe sitzt. Am Ende des Feldes, wo der Wald beginnt und gegen Abend die Rehe zu sehen sind, hetzen die Kühe auseinander – Linus ist nicht klar, warum – und rennen in zwei Richtungen davon. Nach ein paar chaotischen Momenten finden sie wieder zu einer Herde zusammen.

Er bläst silberne Rauchwolken in den Septemberhimmel, der sich in Erwartung eines Sonntags biegt, in dem alles möglich ist. Alles. Früher glaubte er daran, dass jeder Morgen ein neues Versprechen birgt: Heute ist dein Tag. Mach was draus. Dein Tag, Linus. Alles ist möglich. Komm, High Five. Zack. Die Welt gehört dir.

Mit zunehmendem Alter schrumpfte die Zuversicht dahin, schmolz wie die Schokoladenriegel in den Händen der Dorfkinder. Heutzutage prüft er im Supermarkt die Ablaufdaten der Joghurts, bevor er sie kauft, weil er der Meinung ist, dass alle ihn betrügen wollen. Er liest das Kleingedruckte in Verträgen, unterschreibt nichts, bevor er nicht darüber geschlafen hat. Dies empfiehlt er auch seiner Tochter Zoe. Mit Nachdruck legt er ihr das stets ans Herz, auch wenn sie es nicht hören will. Womöglich wird er skurril wie Eddy, bevor er starb. Taub ist er noch nicht, aber das ist vielleicht das Nächste, was ihn ereilt.

Linus pinkelt seufzend an den Stamm der Buche, was kümmert es ihn, wenn jemand zusieht. Sein Wohnmobil hat zwar eine Toilette, er benutzt sie aber ungern. Er ist zu faul, den Kanister mit der Flüssigkeit regelmäßig zu wechseln. Während er den Reißverschluss der Jeans hochzieht und das Hemd wieder in die Hose stopft, glaubt er, oben am Fenster den Vorhang zu sehen, der sich bewegt. Conny wird doch nicht schon um diese Zeit, an einem Sonntag, wenn sie ausschlafen kann …? Oder doch? Die Zigarettenkippe legt er in den Aschenbecher, einen ausgedienten Blumentopf. Conny hat ihn auf den kleinen Tisch neben dem Eingang des Wohnmobils gestellt, im Frühling schon, ein paar Tage, nachdem er ausgezogen war. Der Blumentopf ist groß genug, dass Linus vermutlich ein Jahr lang täglich hundert Zigaretten hineinwerfen kann, ohne dass er überquillt.

Zoe sieht von ihrem Fenster aus den Vater im Garten stehen. Warum um alles in der Welt ist er barfuß, im September? Sie weiß nicht, wie man sich fühlt, wenn die Eltern sich trennen. Es scheint aber ein schräges Gefühl zu sein, das total down macht. In der Klasse taten alle so, als wäre ihr Vater gestorben oder ihre Mutter oder gar beide. Der Lehrer sagte: „Magst du die Prüfung schreiben oder brauchst du eine Pause vorher?“ Wozu?, fragte sie sich und entschied sich, bei dem falschen Spiel mitzumachen, in dem sie das arme Opfer mimt, zumindest am Anfang, als sie in der Siebten war. Jetzt in der Achten ist Ben neu zugezogen und alles hat sich verändert. Wenn die Eltern sich scheiden ließen, würde sie hier wohnen bleiben. Das ist sicher. Sie würde nie in einem schlottrigen Wohnmobil leben, das nicht mal WLAN hat. Sie will in der Nähe von Ben bleiben. Basta.

Sie hebt zögernd die Hand und winkt.

Linus sieht das nicht, er ist bereits im Inneren seines Wohnmobils und klopft sich die Füße ordentlich an der Fußmatte ab, dabei hinterlässt er zwei bräunliche Blätter. Zuerst mit dem linken Fuß das Haus betreten, immer, das bringt Glück. Er setzt Kaffee auf, öffnet die verblichenen Vorhänge. Brauner Baumwollstoff mit gelben Blüten. Ein Relikt aus den 90ern, wie ausnahmslos alles im Inneren des Fahrzeugs. Retro, Vintage, etwas in der Art. Er kommt sich manchmal vor, als hätte er einen Zeitsprung hinter sich, wäre durch ein grelles Fenster aus Blumen und kackbraunen Fliesen mindestens zwanzig Jahre zurückgeflogen. Der gelbe Duschvorhang aus Plastik bröselt, wenn Linus ihn zuzieht. Er duscht drüben im Haus, hier hat er kein fließendes Wasser. Im Keller steht eine Dusche neben der Waschküche. Früher mal hatten sie geplant, unten ein Studio für Zoe bauen zu lassen. Dann kam die Zeit, in der Conny eben meinte: „Linus. Wir müssen etwas ändern. DU musst etwas ändern.“ Als sie das sagte, schüttelte sie die blonden Haare nach hinten. Er konnte sich nur auf den Haarschopf konzentrieren. Als sie ihn fragte, ob er verstanden habe, nickte er und hatte keine Ahnung, was sie von ihm wollte. Lief doch gut, oder?

Linus dreht das Radio auf. Draußen trägt eine Amsel ihrer Geliebten ein Lied vor, ein Moped knattert durch die sonst stille Straße, bevor es, nach ein paar Fehlzündungen, verstummt. Ein gemächlicher Sonntag eben. Bisher hat er nie gespürt, wenn sich sein Dasein um hundertachtzig Grad drehte, wenn etwas derart in sein Leben brach, dass es nie mehr sein würde wie vorher. Das war so fluffiges Esoterikzeugs. Dieses Jahr war es im Frühling passiert, das reichte. Die Anzeichen hat er übersehen, dafür lebt er jetzt im eigenen Garten in einem ausrangierten Wohnmobil.

Während er den heißen Kaffee in die einzige Tasse gießt, die er hat, erinnerte er sich, dass heute Flohmarkt in der nahen Kleinstadt Aarau ist. Immer am ersten Sonntag des Monats. Früher sind sie gerne mit Zoe dorthin gegangen, stöberten und fanden einmal sogar ein Schaukelpferd mit nur einer Kufe. Sein Vater reparierte es, aber Zoe fand, das Pferd schaue böse. Seit diesem Zeitpunkt steht es als Dekoration im Esszimmer drüben.

Sein altes Fahrrad hat nur drei Gänge, wovon zwei funktionieren. Linus schiebt es über den Rasen und hinterlässt Abdrücke im Gras. Vor dem Haus schwingt er sich auf den Sattel, die Kette ruckelt ein wenig, zieht dann mit einem lauten Knacken an. Am Ende des Nelkenwegs bei dem Gasthaus Linde schwitzt er schon. Als er in der Kleinstadt ankommt, ist sein Rücken durchnässt. Sport ist nicht seins. Nie gewesen.

Er stellt sein Rad neben ein Schaufenster mit Büstenhaltern, Unterhosen und einem durchsichtigen roten Nachthemd. Auf dem Schild über dem Eingang steht Lingerie Claudia.

Linus war vor ein paar Jahren im Laden, weil er für den Hochzeitstag etwas Hübsches kaufen wollte. Die Besitzerin, vermutlich eben jene Claudia, überwachte den Laden von der Kasse aus. Sie war über fünfzig, korpulent und hatte scharfe Augen, die alles sahen. Er fühlte sich unwohl, die Gegenwart dieser Frau verunsicherte ihn. Am liebsten hätte er das Geschäft schweigend wieder verlassen. Doch sie hatte den Kunden erspäht. Zwanzig Minuten später verließ er den Laden mit einem Karton, um den Frau Claudia eine rote Schleife gebunden hatte. Zwinkernd wünschte sie ihm „Viel Spaß noch und einen schönen Tag“.

Jetzt riecht es in der Gasse nach gegrilltem Fleisch. Auf beiden Seiten schmiegen sich Häuser aneinander. Mittig sind Tische aufgebaut, von einfachen Klapptischen aus weißem Plastik bis hin zu derben Tafeln aus massivem Holz. Vorne neben dem Grill steht ein Mann in einem karierten Hemd auf dürren Spatzenbeinen. Über dem Bauch dehnt sich der Stoff wie ein aufgeblähter Fallschirm. Zwei Knöpfe hängen um ihr Leben an gespannten Fäden. Um die Hüfte hat er sich ein Küchentuch gebunden, das längst nicht mehr weiß ist. Er wischt sich die fettigen Hände daran ab, das Muster sieht jetzt aus wie die Landkarte von Australien. Seine Frau schiebt ihm einen Kessel voller bleicher Würste zu, die noch auf den Grill wollen. Die Auswahl an kulinarischen Köstlichkeiten ist dürftig. Es gibt nur diesen einen Metzger, der stets am ersten Sonntag hier die Würste brät. Vermutlich macht er an diesem Tag mehr Umsatz als während eines ganzen Monats in seiner Metzgerei.

„Dauert das noch lange?“, fragt schüchtern ein kleiner Junge mit hochgezogenen Augenbrauen. „Papa?“ Er schüttelt die herabhängende Hand des Vaters. „Sag …“

Während die Leute vor ihm Senf aus einer Schüssel auf einen Pappteller klatschen und darauf warten, ihre bestellte Wurst zu bekommen, versucht der Kleine die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erhaschen. Letzterer starrt abwesend auf das Display seines Handys.

Eine Frau trägt ihren Pudel auf dem Arm. Mit jedem ihrer winzigen Schritte, die sie macht, heben und senken sich die Ohren, als würde er Anlauf nehmen, um zu fliegen. Die Gasse mit dem Kopfsteinpflaster wird zu seiner Startbahn.

Der goldene Minutenzeiger der Turmuhr schiebt sich auf zwölf Uhr. 60 Minuten bleiben. Linus hat noch keine Ahnung.

Kapitel 2

Hundert Mohnblüten

Linus wandelt mit der Bedächtigkeit eines Mannes über den Flohmarkt, der nichts zu tun hat, der einen Sonntag totschlagen muss. Er hat so viel Zeit, wie man sich vorstellen kann. Ihn erwartet niemand. Nicht mal Paul, der Waschbär. Linus’ Schwerfälligkeit drückt düster auf seine Laune. Vielleicht ist es auch beginnender Hunger, das weiß er nicht so genau.

Er lässt sich von den Menschen treiben, die sich zusammenfügen wie Schwarmfische. Kleinstadtmenschen, die er nett grüßt, wenn sie ihn zuerst ansprechen. Er macht nie den Anfang, da er Angst davor hat, in ein oberflächliches Gespräch verwoben zu werden. Also grüßt er nickend und wendet seinen Blick überrascht nach oben, unten, links oder rechts. Als hätte er dort etwas entdeckt, das ihn davon abhält, ein bisschen zu reden.

Er würde ja gerne mitreden, aber eben.

Bei einem Tisch mit Geschirr bleibt er stehen, nicht weil er Porzellan und Messer liebt, er hat genau für eine Person Essgeschirr: einen Teller. Eine Tasse. Eine Gabel. Einen Löffel und ein Messer. Das reicht. Zoe kommt nie in sein Wohnmobil. Obwohl Linus nicht nur ein ausgezeichneter Koch ist, sondern einer, der mit Leidenschaft Speisen zubereitete. Früher. Ja, jetzt nicht mehr. Eine Tasse zieht seinen Blick auf sich, auf blauem Hintergrund ist Obelix abgebildet. Es erinnert ihn an ein Heft, in das er früher seine Notizen kritzelte.

Die Kunden haben alles durcheinandergebracht, kein Teller steht mehr auf dem nächsten. Die Teller mit den Blümchenmotiven sind voneinander getrennt worden, jeder ist an einer anderen Ecke des Tisches platziert. Dazwischen ein Dutzend Tassen mit einer Werbung von Tchibo, Teetassen, die Ringe aus Kalk haben. Silberbesteck in einem aufgeschlagenen Koffer, der mit violettem Samt gefüttert ist. Die alte Dame mit der blonden Dauerwelle sagt, das Besteck sei aber nicht vollzählig. Da fehle doch wohl mehr als nur ein Messer.

„Gütige Frau“, säuselt der Mann hinter dem Verkaufstisch und präsentiert sein Lächeln. „Ich habe dieses Besteck aus der Liquidation eines der edelsten Hotels in Interlaken gekauft. Das ist das Einzige, was ich davon zur Verfügung habe.“ Er nennt ihr einen Preis, der die Dame dazu bringt, ihm mit ihrem dürren Finger zu drohen. Nie und nimmer würde sie den geforderten Betrag zahlen. Sie sei noch bei Sinnen. Was man von ihm nicht behaupten könne. Ihre blonde Dauerwelle zittert aufgeregt. Der Verkäufer reibt sich die Hände, kommt um den Tisch herum, beugt sich zu der Frau hinunter und flüstert ihr etwas zu. Linus läuft weiter, weicht einem Hippie-Pärchen aus, das eng umschlungen durch sein eigenes Universum schlendert. Beide mit identischen Haarnestern am Hinterkopf, den gleich großen Brillen und Rucksäcken aus rezyklierten Kunststoff-Blachen-Material. Mit Sicherheit vegan und plastikfrei.

Das kennt er von Zoe. Seit einem Jahr ist Plastik keine Option mehr. Als sie vor einiger Zeit im Supermarkt waren und Linus keine Einkaufstasche dabeihatte, machte Zoe an der Kasse eine Szene, die einem trotzigen Kleinkind entsprach. Recht hatte sie ja, als Vater konnte er das in diesem Augenblick nur leider nicht zugeben. Schon gar nicht, weil Frau Zimmermann hinter ihnen in der Schlange stand. Sie steckt gerne ihre gepuderte Nase in die Angelegenheiten anderer. Also kaufte Linus zwei Tüten aus Papier und versprach, dass er diese ein Dutzend Mal für Einkäufe benützen würde.

„Versprochen, Paps?“

„Gewiss, mein Schatz.“

Die Stimmung des frühen Nachmittags überzieht mit der Trägheit von Sirup die sonntäglichen Besucher. Eile ist nicht geboten, im Gegenteil: Manch einer vergisst die Zeit und die wartende Familie, während er ein Spielzeugauto in seinen Händen birgt, das gleiche Modell wie das erste, das mit zwanzig gekauft wurde. Gleichzeitig umschließen die Hände einer Frau ein Foulard, das mit dem Motiv einer gelben Sonnenuhr auf blauem Grund verziert ist. „Hermès“, flüstert sie so leise, dass niemand ihr das Glück entreißen kann. Womöglich stellt sie zu Hause fest, dass es nur eine billige Kopie ist. Made in China. Das kleine Etikett lässt sich aber mit der Schere leicht entfernen. Der Neid ihrer Freundinnen bleibt gewährleistet. Während der Mann das winzige Spielzeugauto seufzend zurück in den offenen Karton legt, zu den anderen Autos, denen Räder fehlen, eine Motorhaube oder beide Türen.

Das Kind quengelt, es besteht auf einem Eis oder muss dringend aufs Klo. Vielleicht auch beides. Während die alte Frau mit den blonden Löckchen glücklich ihr unvollständiges Set mit Silberbesteck in einer Tasche aus der Migros heim trägt. Beinahe geschenkt war es. Im Grunde braucht sie nicht zwölf Löffel, gleich viele Gabeln und neun Messer. Sie lebt allein, seit mehreren Jahren schon. Womöglich kommt ihr Enkel an Weihnachten mit seiner Freundin zu Besuch. Dann könnte sie das neue Service polieren und damit den Tisch gefällig eindecken.

Linus schiebt die Hände tief in die Taschen seiner Jeans und bleibt stehen, um einer Taube Platz zu machen, die zu einem Kind hüpft. Es hat einen Keks fallen lassen. Sie schlägt aufgeregt mit den Flügeln. Dort angekommen werden ihre Hoffnungen jäh zerschlagen, weil das Kind ihn mit dicken Fingern wieder aufhebt. Es steckt die Süßigkeit genüsslich in den Mund. Die Taube hebt ab und fliegt in einem großen Bogen weg. Vor den Glasfenstern der Altstadt haben die Mieter Drähte gespannt, damit die Tauben nicht landen können. Ihr Kot, so heißt es, sei sauer, das greife die Fassade an. Was bei so alten Gebäuden fatal sein kann.

„Ach, sieh an. Der Herr Berger. Lange nicht gesehen. Wie geht es denn so?“

Linus drehte sich überrascht um. Der Buchhändler! Er verkauft antiquarische Bücher. Die meisten seiner Angebote sind nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt sind. Dennoch ist Linus schon öfter fündig geworden. Da der Platz im Camper gering ist, stapelt er die Bücher im Fußraum des Cockpits.

Er erwidert, es ginge ihm bestens. Dabei zieht er seine Hände aus den Taschen, streicht sich über die dunklen Haare, die augenblicklich wieder aufspringen wie Bettfedern.

„Der Frau geht es auch gut, ja? Ich sollte ja schon lange wegen des Backenzahns, wissen Sie? Ich habe gelegentlich Schmerzen. Vielleicht könnten Sie einen Blick darauf werfen …?“ Unvermittelt öffnet der bejahrte Mann den Mund zu einem großen O und beugt sich zu Linus vor. „Sie sind auch sowas wie ein Zahnarzt, nicht?“

„Es ist besser, wenn Sie einen Termin bei ihr veranlassen. Ich kann nichts machen. Hier ist nicht der geeignete Ort dafür.“

Der Mann schließt den Mund wieder, wischt ihn mit einem Taschentuch ab. „Verstehe schon. Ich gehe schlicht und einfach nicht gerne zum Zahnarzt. Auch nicht, wenn er so bezaubernd ist wie Ihre Frau.“

Der Buchhändler fängt an zu kichern, unerwartet hoch für einen so korpulenten Mann. In einer Holzkiste am Boden lagert er Modehefte. Hinter dieser Kiste, das weiß Linus, stapeln sich jene Illustrierten, die nicht in Kinderhände gelangen sollen. Häufig sind diese aus den frühen Siebzigern, blankbusige Modelle mit blond gefärbtem Haar, laszive Posen als Titel.

Linus nimmt einen Band von Thomas Mann in die Hand, das Cover ist hinten mittig zerrissen. Wer tut sowas mit einem Buch? Ein Buch über das englische Königshaus, ein Roman von Konsalik, einer von Stephen King. Wahllos auf dem schönen Tisch gestapelt. Als Linus in einem Buch über die Eisenbahnen dieser Welt blättert, segelt eine Postkarte vor seine Füße. Er hebt sie auf. Sie zeigt den Eiffelturm in Schwarzweiß. Der Himmel hinter Paris ist überzogen mit Schäfchenwolken. Interessiert wendet er sie. Die Adresse ist unleserlich, es sieht aus, als hätte jemand Wein oder Kaffee darüber geschüttet. Die Briefmarke, eine rote, französische Marke, die mit Franc angeschrieben ist, klebt rechts oben. Jemand schrieb mit schwungvoller Schrift, dass Paris hinreißend sei und man im Gegensatz dazu Pech mit dem Hotel gehabt habe. Man bleibe noch eine Woche und fahre dann zurück nach Zürich. Geschätzte Grüße.

„Können Sie haben, Herr Berger. Nehmen Sie sie mit.“

Linus will die Karte nicht, kann sie aber jetzt kaum ablehnen. Er bedankt sich, schiebt sie in die Gesäßtasche und will weiter, als er auf ein gelbes Buch aufmerksam wird. Der Mann neben ihm hat es in den Händen gehalten und wieder zurück auf den Tisch gelegt. Bram Stockers Dracula in alter Schrift. Er blättert vorsichtig, es ist auf Englisch verfasst. Soviel er sehen kann, sind die Seiten vollzählig. Keine Kritzeleien oder Flecken.

„Ah. Ich sehe, Sie haben etwas Besonderes gefunden. Das Buch da gehörte zu einer Kiste, die ich in Zürich einem Freund abkaufte. Das Kilo drei Franken. Selbiges Buch ist das einzige, das wohl etwas Geld einbringt. Die anderen waren Ramsch und ich habe die meisten davon entsorgt. Dieses da ist eine frühe Ausgabe. Die kostet entsprechend, Herr Berger.“

Linus Berger erwidert, mehr zu sich selbst: „Abraham Stocker. Ein Freund Oscar Wildes, bevor er diesem die Freundin ausspannte.“

„Weiß ich jetzt nicht. Ich lese nicht so alte Bücher. Eigentlich lese ich gar nicht, aber verkaufen tut sich der Kram ordentlich. Außerdem mag ich Western lieber.“

Linus erinnert sich, dass er vor einer gefühlten Ewigkeit am Grab von Wilde in Paris war. In einem anderen Leben. Lange her. Unvergesslich, es hat bleibenden Eindruck hinterlassen.

„Wie viel?“, fragt er.

Die kleinen Äuglein des Mannes blitzen, er wittert ein Geschäft.

„Hundertzehn.“

Linus legt eine Hand hinter sein Ohr, als hätte er es nicht verstanden. „Bitte?“

„Ja. Ich könnte es Ihnen für hundert geben. Als guten Kunden.“

Linus schüttelt den Kopf, in Zeitlupe, und schaut sich um.

„Ich geh dann mal wieder. Schönen Sonntag noch.“

Er wusste, dass der dicke Mann sich um den Tisch zwängen würde, um ihm den Weg abzuschneiden. Er schwitzt perlige Tropfen.

„Ich gebe es Ihnen für die Hälfte“, sagt er müde und hält ihm das Buch hin. Deal.

Linus’ Tag ist gerettet, die Müdigkeit verschwunden und es hatte sich gelohnt hierherzukommen. Er drückt das Buch an seine Brust wie eine Boje und trödelt lächelnd weiter, vorbei an Ramsch, Sockenwolle und Glasflaschen. Am Ende der Gasse geht er die Treppenstufen zum Eingang eines Hauses hoch, bleibt stehen, stellt sich vor die Hausmauer und zündet sich eine Zigarette an. Von hier aus kann er die Menschenmenge sehen, er hat den Überblick wie von einem Jagdsitz aus. Sein Blick bleibt bei einem Tisch mit Second-Hand-Klamotten hängen. Dort wühlen einige junge Frauen in einem Korb mit Stoff. Könnten auch Kleider sein, er sieht das nicht richtig. Er nimmt die Brille von der Nase, haucht auf die Gläser und wischt sie mit dem Zipfel seines T-Shirts sauber. Ja, Kleider sind es. Sie lachen, schubsen sich und schließlich kauft jede von ihnen eines der Stücke. Nicht ohne vorher mit der Frau zu verhandeln. Die Verkäuferin trägt große Ohrringe, die jedes Mal mit Schwung schaukeln, wenn sie den Preis nicht akzeptiert. Neben ihr hängen Jacken und noch mehr Kleider.

Linus drückt die Zigarette aus. Bedächtig schlendert er in die entgegengesetzte Richtung, zurück zu seinem Fahrrad und zurück zum Grill mit den Bratwürsten. Langsam bekommt er Hunger. Er reagiert nicht, als jemand ruft.

„Hallo.“ Und: „Hallo, Sie da.“

Die Frau mit den Ohrringen hält ihm eine Postkarte über die Schulter.

„Haben Sie verloren. Da. Paris. War ich noch nie. Soll herrlich sein dort.“

Sie kaut etwas, riecht nach Räucherstäbchen, und hat Sommersprossen um die Nase.

„Im Frühling, meine ich. Im Herbst eher weniger. Aber eigentlich ist es überall zu jeder Jahreszeit schön.“ Sie lacht, dreht sich um und legt die Tücher ordentlich zusammen, die jemand durcheinandergebracht hat.

Ein Mann mit dichten, schwarzen Haaren schaut auf seine Uhr, kurz vor eins. Er nimmt die eine braune Jacke ganz vorne vom Kleiderständer, geht damit vor den Spiegel, der an einem ramponierten Stuhl lehnt. Durch das Entfernen der Jacke wird der Blick auf die aufgereihten Kleider frei, die wie Soldaten in einer präzisen Linie ausgerichtet sind.

Schlagartig spielen Fleetwood Mac in Linus’ Kopf. Diesen einen Song, den er seit damals nicht mehr hören kann. Go your own way. Da ist ihr Lachen, das er heute noch hört, wenn er allein ist und seinen Gedanken nachhängt. Ihre Lebensfreude mischt sich mit dem Song. „Komm schon, Linus. Komm. Lass uns tanzen.“ Er tanzt grundsätzlich nicht. Das entspricht nicht seinem gemäßigten Naturell, dem zurückhaltenden Charakter. Ihm fehlt seit jeher das unbeschwerte Gen. Sie hatte es, dieses Gen. Sie. Und schließlich tanzte er mit, und soweit er sich erinnern kann, gefiel es ihm sogar.

Er taumelt zum Kleiderständer. Was er dort sieht, muss eine Vision sein. So etwas gibt es nicht. Es fühlt sich an wie ein Traum, einer von denen, die ihn nachts erwachen lassen und so durcheinanderbringen, dass er nicht mehr einschlafen kann. Wann hört das endlich auf? Linus sieht das Kleid, weiß, mit gestickten, roten Mohnblumen übersät. Er sieht sie darin barfuß tanzen. Er kennt jede einzelne dieser hundert Blüten, die am Ende ihrer gemeinsamen Geschichte wie hundert Blutstropfen aussahen. Träume kann man nicht berühren, sie verschwinden, wenn man die Hand nach ihnen ausstreckt. Linus tut genau das und nichts verschwindet. Der Stoff fühlt sich vertraut an, mehr als das, er fühlt sich warm und wirklich an. Real wie der Mann, der jetzt die Jacke mit dem Fellkragen trägt. Er legt Linus besorgt die Hand auf die Schulter.

„Alles okay, Mann?“

Ja. Sicher, alles ist okay. Aber nichts ist mehr so, wie es war. Alles ändert sich stetig. Er atmet ein und wieder aus, dabei hält er das Kleid fest wie einen Säugling. Sein Shirt klebt am Rücken, während Bilder in seinem Kopf vorbeiziehen wie ein zu schnell gespielter Film.

Es gibt eine Stelle im Körper, die wehtut, wenn man verlassen wird oder wenn man jemanden verlässt. Das Zentrum dieses Schmerzes ist hinter dem Brustbein, genau dort brennt es jetzt bei Linus.

„Setzen Sie sich. Hier auf den Stuhl. Kommen Sie.“ Der Mann mit dem Fellkragen hebt vorsichtig den Spiegel weg. Linus setzt sich.

„Mir geht es gut.“

Die Verkäuferin beugt sich besorgt über ihn, Ohrringe baumeln vor seinem Gesicht, viel zu nah, um die Konturen scharf zu sehen.

„Mir geht es gut“, wiederholt er und merkt, dass er mit seiner Hand noch immer den Zipfel des Kleides umklammert hält. Wenn er loslässt, ist anschließend alles ohne Probleme. Er braucht nur die Augen zu schließen und wieder zu öffnen. Dann säße er in seinem Wohnmobil auf dem Platz beim Tisch. Vor sich ein Buch oder eine Pizza. Die mit den extra Sardellen und viel Käse. Die einzige Wärme in seinem Bauch wären dann nicht Schuldgefühle, sondern rührte von zu schnellem Essen.

Er lässt das Kleid los. Nichts passiert. Die Ohrringfrau zieht eine Flasche Evian aus ihrer Patchwork-Tasche.

„Ist Wasser vom Brunnen drin. Aber sauber ist es. Hier. Nehmen Sie.“

Während er einen Schluck trinkt, nur weil er nett sein will, sieht er den blauen Himmel über der Stadt. Keine einzige Wolke, nichts. Blitzblank und sauber geputzt präsentiert er sich den Menschen, die über den Flohmarkt bummeln.

Die ersten Händler räumen die Waren, die niemand kaufen wollte, wieder in Kisten ein. Bücher werden aufeinandergelegt, Behälter mit alten, leeren Weinflaschen gestapelt, die letzte Ration von Würsten in zwei Reihen auf den Grill positioniert. Um drei ist hier Schluss.

Der Mann zieht die Jacke mit dem Fellkragen aus, er zahlt einen lächerlich tiefen Preis und bietet Linus an, ihn heimzufahren. Dieser winkt ab. Der Mann bleibt beharrlich neben ihm stehen, seine neue alte Jacke über den Arm geworfen. Linus will nach Hause, eine tiefe, körperliche Müdigkeit lähmt ihn. Seine Augen brennen, er zieht die Brille von der Nase, reibt sich das Gesicht und setzt sie wieder auf.

„Was kostet das Kleid?“, fragt er die Frau mit den Ohrringen. Sie lächelt nicht mehr. Ihr Gesicht ist nicht schön, wie man es von Zeitschriften kennt. Aber es hat etwas Besonderes: bezaubernde Lachfältchen um die dunklen Augen, eher kleine, weiße Zähne, die Linus an die winzigen Krallen von Mäusen erinnern. Sie hat gebräunte Haut wie jemand, der lange im Süden gelebt hat. Um ihre langen Haare hat sie ein grünes Tuch gewickelt, es wird durch eine Klammer, welche die Form einer Blume hat, über der Stirn gehalten.

„Ich möchte es kaufen“, fährt Linus fort. „Für meine Tochter. Sie wird fünfzehn.“ Er nimmt sich zusammen, keine Schwäche zeigen, mit dem Kleid nach Hause fahren und dort nachdenken. Ja, einfach weg hier. Er schiebt die Hände in die vorderen Taschen der Jeans, er hat keine Brieftasche dabei, sein Geld steckt lose in den Hosentaschen. Zusammen mit dem billigen Feuerzeug von Aldi. Zoe sagte, Zündhölzer seien besser für die Umwelt. Wenn das letzte seiner Feuerzeuge den Geist aufgibt, wird er sich welche kaufen.

Die Frau denkt nach, während der Mann mit dem Fellkragen sich verabschiedet und Linus „Alles Gute. Ja? Aufpassen auf die Gesundheit“ wünscht. Sie nennt einen Preis, dann noch einen niedrigeren.

„Es ist ein ausgefallenes Kleid, wissen Sie. Der Stoff ist aus dünn gewobener Seide, und es ist ein Einzelstück. Größe 36. Ist Ihre Tochter zierlich?“

Nein, Zoe neigt zu Übergewicht. Wenn sie nicht aufpasst, wird sie später zu schwer sein.

„Ja“, lügt Linus.

Sie nimmt das Kleid vom Bügel und hält es in ihren Armen wie einen Blumenstrauß. Es sei wirklich ein einzigartiges Kleid, betont sie. Sie habe es heute das erste Mal in den Verkauf genommen.

Linus glaubt, dass sie damit den Preis in die Höhe treiben will. Er hätte jeden Preis dafür bezahlt, jeden.

Er steht auf, um seinem Ansinnen mehr Eindruck zu verleihen. Er möchte ihr zeigen, dass er kein Schwächling ist. Aber eigentlich will er einfach sein Fahrrad nehmen und heim radeln. Zusammen mit dem Kleid.

Sie schüttelt die Falten aus dem Kleid, streicht es glatt und sagt, mit einem fragenden Blick auf Linus: „Sie können es haben, wenn Sie mir verraten, warum Sie es kaufen möchten.“

„Warum? Es gefällt mir. Ich mag die Blumen.“

Zwei Frauen grüßen und fangen an, in den Foulards zu wühlen. Neugierig folgen sie dem Gespräch.

Die Frau mit den Ohrringen nickt. Linus hat ein unbehagliches Gefühl. Diese Verhandlung erfordert einiges an Geduld, die besitzt er nicht. Er will gehen. Schließlich legt er zwei zusammengeknüllte Geldscheine auf den Tisch neben einen steinernen Buddha, dem links unten eine Ecke fehlt. Als sie nicht reagiert, zieht er noch die letzten Münzen aus der Tasche und legt sie dazu.

„Reicht das?“