Sommer der Lügen - Marissa Stapley - E-Book
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Sommer der Lügen E-Book

Marissa Stapley

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Beschreibung

Für viele Paare ist das Harmony Resort die letzte Rettung. Geleitet von dem charismatischen Ehe-Guru Miles und seiner Frau Grace verspricht es einen Neuanfang. Johannas und Bens Ehe scheint perfekt, aber in Wirklichkeit kennen sie sich überhaupt nicht. Shell und Colin streiten ständig, aber was wirklich zwischen ihnen steht, wagen sie nicht auszusprechen. Als die Paare mit dem intensiven Therapieprogramm beginnen, wird deutlich, dass Harmony nicht das ist, was es zu sein scheint - ebenso wenig wie Miles und Grace selbst. Was verbergen sie? Und welchen Preis werden die Paare zahlen, um es herauszufinden?

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Seitenzahl: 435

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Marissa Stapley

Sommer der Lügen

Roman

 

 

Aus dem Englischen von Katharina Naumann

 

Über dieses Buch

Der Preis der Wahrheit

 

Für viele Paare ist das Harmony Resort die letzte Rettung. Geleitet von dem charismatischen Ehe-Guru Miles und seiner Frau Grace verspricht es einen Neuanfang. Johannas und Bens Ehe scheint perfekt, aber in Wirklichkeit kennen sie sich überhaupt nicht. Shell und Colin streiten ständig, aber was wirklich zwischen ihnen steht, wagen sie nicht auszusprechen. Als die Paare mit dem intensive Therapieprogramm beginnen, wird deutlich, dass Harmony nicht das ist, was es zu sein scheint - ebenso wenig wie Miles und Grace selbst. Was verbergen sie? Und welchen Preis müssen die Paare zahlen, um es herauszufinden?

Vita

Marissa Stapley hat als Zeitschriftenredakteurin gearbeitet und kreatives Schreiben unterrichtet, bevor sie sich an ihren ersten Roman wagte – in Kanada auf Anhieb ein Bestseller. Sie rezensiert Romane für die Zeitung Globe & Mail und berichtet im Toronto Star über Bücher und Kulturereignisse. Marissa Stapley lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Toronto.

 

Katharina Naumann ist Autorin, freie Lektorin und Übersetzerin und lebt in Hamburg. Sie hat unter anderem Werke von Jojo Moyes, Anna McPartlin und Jeanine Cummins übersetzt.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel «The Last Resort» bei Graydon House Books, Toronto.

Das Zitat auf Seite 175 stammt aus: Walt Whitman, Grashalme,

Übersetzung Wilhelm Schölermann, Jazzybee Verlag 2012.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«The Last Resort» Copyright © 2019 by Marissa Stapley

Redaktion Katharina Rottenbacher

Covergestaltung FAVORITBUERO, München

Coverabbildung Shutterstock

ISBN 978-3-644-20039-5

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Dieses Buch ist für meine Kinder.

Möge die Welt zu einem Ort werden, der eurer würdig ist.

Denn was weißt du, Frau, ob du den Mann retten kannst? Oder was weißt du, Mann, ob du die Frau retten kannst?

1. Korinther 7:16

Er ringt nach Luft. Blut rinnt in sein Auge. Seine Brille ist fort. Er hört, dass das Meer kommt, um ihn zu holen. So hat es nicht sein sollen.

«Jezebel», sagt er durch seine zerschmetterten Zähne, zwischen zwei pfeifenden Atemzügen, über die Wut hinweg, die ihn erfüllt. Er kriecht über den Felsen, kämpft mit seinen schmerzenden Händen, um Halt zu finden. «Komm her, du Jezebel.» Eine Welle klatscht ihm ins Gesicht, das Wasser dringt in seinen Mund. Aber er erreicht die steinerne Treppe, endlich, und schleppt sich nach oben. Er wird sie finden. Und dann wird es ihr leidtun.

CELEBRITYSCOOP.com
PROMI-EHEBERATER MILES MARKELL NACH ORKAN CHRISTINE AN DER RIVIERA MAYA VERMISST, VERMUTLICH TOT – Verdacht auf Fremdeinwirkung!

Orkan Christine traf zur Überraschung der Küstengemeinden am späten Sonntagabend direkt auf die Küste der Riviera Maya in Mexiko. Die größten Schäden entstanden um Zihua herum. Während der Aufräumarbeiten konzentrieren sich die lokalen Behörden gleichzeitig darauf, Hinweise auf den Verbleib von Dr. Miles Markell zu finden, der bereits in eine Kontroverse verwickelt ist (klicken Sie hier, um die Einzelheiten über die aktuellen Vorwürfe gegen Markell nachzulesen; zwei weitere sind heute hinzugekommen).

Miles (52) und seine Frau Grace (35) leiteten eines ihrer berühmten therapeutischen Paarseminare im luxuriösen Harmony-Resort, La Hacienda, nahe Zihua – ein Sommercamp für reiche, unglückliche Menschen –, als der Orkan eintraf. Bisher gibt es nur wenige Informationen über die Lage, aber es heißt, dass Miles der einzige Vermisste sei, obwohl die Schäden an der Anlage beträchtlich seien. Offenbar gab es ansonsten keinerlei Verletzte – vermutlich deshalb, weil sich die Gäste in der riesigen Hauptvilla des Resorts verbarrikadierten, die bereits seit Jahrzehnten den in der Region regelmäßig auftretenden Wirbelstürmen und tropischen Unwettern standhalten konnte. Hunderte Einwohner der Gegend, die nicht evakuiert werden konnten, hätten darin Platz und Schutz finden können.

Heute Morgen wurde darüber hinaus bekannt, dass eine anonyme Gruppe mit Sitz in Texas, die über sich nur verlautbaren lässt, dass sie «Freunde» des Promi-Therapeuten seien, demjenigen eine Belohnung in Höhe von 500000 US-Dollar in Aussicht stellt, der Miles Markell findet. Diese Gruppe soll einer lokalen Sekte angehören. Es wird befürchtet, dass diese Summe Taucher aus der Gegend dazu verleiten könnte, im nach dem Unwetter weiterhin aufgewühlten Meer gefährliche Tauchgänge durchzuführen.

In den sozialen Medien entstand deswegen Empörung. Viele fragen sich, warum das Geld nicht zur Rettung der Existenz betroffener Einwohner von Zihua verwendet wird (denen die Markells nicht helfen wollten), deren Häuser vom Sturm zerstört wurden und die immer noch nach vermissten Familienmitgliedern suchen.

Eines wissen wir jedoch mit Sicherheit: Hinter dem Hashtag #MilesMarkell verbergen sich zurzeit merkwürdige Einträge. Bleiben Sie dran.

Sie: Haben Sie schon einmal von dieser klinischen Studie über Geheimnisse gehört?

 

Er: Kommt mir bekannt vor.

 

Sie: Ich habe in einer psychologischen Fachzeitschrift darüber gelesen. Wir haben darüber einmal bei einem Strategie-Meeting im Resort gesprochen. Weil es nämlich nicht immer so war – so, wie es heute alle behaupten. Es gab auch gute, ruhige Zeiten. Es gab Momente, in denen ich dachte, wir könnten etwas verändern. Momente, in denen ich glaubte, mein Leben sei vollkommen. (Pause.)

 

Er: Brauchen Sie ein Taschentuch?

 

Sie: Ich weine nicht. Ich brauche nur einen Augenblick. Ich vermisse es sehr, wissen Sie. Ich habe es geliebt, was ich getan habe. Und ich habe diesen Ort geliebt. Und dann kamen sie. Diese Frauen und ihre Ehemänner – ich brauche nur einen Augenblick.

 

Er: Nehmen Sie sich alle Zeit der Welt.

 

Sie: Sie klingen ungeduldig.

 

Er: Ich habe gerade gesagt: «Nehmen Sie sich alle Zeit der Welt.»

 

Sie: Ja, aber das geht schon eine Weile so. Wie lange treffen wir uns schon in diesem Zimmer?

 

Er: Ungefähr ein Jahr.

 

Sie: Sie langweilen sich bestimmt schon.

 

Er: Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Sie waren Psychologin, das haben wir gemeinsam. Es verleiht unseren Gesprächen Tiefe. Und Sie sind meine Patientin. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen, nicht …

 

Sie: Nicht, um mir meine Geheimnisse zu entlocken, nicht wahr? Aber wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Wir wissen beide, dass es nur um die Geheimnisse geht. Nur, dass ich Ihnen nicht alles erzählt habe. Ich habe Ihnen nicht erzählt, was wirklich passiert ist.

 

Er: (Ein scharrendes Geräusch.) Sie meinen, was mit Miles passiert ist? Wer ihn umgebracht hat? Wollen Sie heute darüber sprechen?

 

Sie: (Lange Pause.) In dieser Studie, die ich gerade erwähnt habe, heißt es, dass der durchschnittliche Mensch dreizehn Geheimnisse hat, mit denen er lebt. Von fünf davon hat er bisher keiner Menschenseele erzählt. Darum ging es damals im Resort: um Geheimnisse. Darum, Geheimnisse ans Licht zu bringen. Den Leuten dabei zu helfen, sie auszugraben. Aber dreizehn? Darüber denke ich immer noch nach.

 

Er: Ja, darum geht es in einer Therapie. Wir haben darüber ja schon gesprochen, über das Konzept, tief ins Unterbewusstsein des Patienten vorzudringen und das Thema zu finden, das er vermeidet, von dem er hofft, dass es unbemerkt bleibt. Oft liegt es eigentlich auf der Hand. Und doch …

 

Sie: Dreizehn Geheimnisse. Und fünf davon, die wir niemals jemand anderem anvertraut haben. Kommt Ihnen das viel vor?

 

Er: Die dreizehn Geheimnisse, oder die Tatsache, dass fünf für immer geheim bleiben?

 

Sie: Beides.

 

Er: Darüber müsste ich nachdenken.

 

Sie: Ich habe darüber viel nachgedacht. Ich hatte ja die Zeit dafür. Und ich finde das viel. Ich denke an die Leute im Resort in jenen letzten Wochen. Sie waren meine Testobjekte – und ja, Herr Doktor, ich gebe zu, dass es ein informelles und unzuverlässiges Testverfahren war, aber ich glaube dennoch, dass die Studie zu falschen Ergebnissen gekommen ist. All die Leute im Resort hatten nur ein Geheimnis. Jeder eins. Ich auch. Ich hatte auch nur eins. Aber es war ein großes Geheimnis. Und ich muss es lüften. Es ist Zeit. Ich kann nicht mehr damit leben. Miles Markell war nicht der, der er zu sein schien. Aber ich auch nicht.

TAG EINS

Von: Miles und Grace Markell

An: Unsichtbare Verteilerliste

Betr.: Willkommen!

 

Willkommen, Freunde! Wenn keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten, solltet ihr alle gegen 16.00 Uhr ankommen, und wir treffen uns kurz danach auf der Terrasse zum Eröffnungsabend. Wir verstehen, dass ihr nach der Reise vielleicht ein wenig müde seid, aber die erste Übung ist nicht freiwillig (alle geplanten Aktivitäten sind Pflicht). Macht euch keine Sorgen, ihr werdet morgen noch viel Zeit haben, euch zu entspannen und richtig anzukommen. Aber bitte nutzt die Zeit auch, um die vorgeschlagene Lektüre zu lesen. Die Bücher, die ihr dazu braucht, liegen auf euren Nachttischen.

Nach dem Eröffnungsabend seid ihr herzlich eingeladen, euch in euren Luxusbungalow zurückzuziehen, wo euch euer persönliches Mehrgängemenü serviert wird. Unsere Belegschaft ist euch jederzeit per Knopfdruck zu Diensten; macht davon Gebrauch, wann immer es nötig ist. Ihr braucht keine Einführung. Alles bei Harmony in La Hacienda ist intuitiv. Versprochen.

 

Wir können es kaum erwarten, euch kennenzulernen!

 

In Solidarität

Dres. Miles und Grace Markell

 

PS: Keine Handys/Laptops/elektronischen Geräte! Die Schließfächer befinden sich in der Lobby. Ruth Abraham, unsere Ärztin, hilft euch, den zulässigen Kontakt zu euren Familien aufzunehmen. Von jetzt an wird jedwede Kommunikation ausschließlich im Resort stattfinden. Es herrscht außerdem ein striktes Alkohol-Verbot, ihr könnt eure Duty-free-Einkäufe also gleich wegwerfen. Bis bald!

Das Flugzeug kreiste über dem Meer, das die Farbe von Blaubeeren oder eines Türkis hatte, je nachdem, über welcher Stelle man sich gerade befand. Einen Moment lang wirkten die schaumigen Wellen beinahe wie nicht von dieser Welt, und alles, was sie sah, schien ihr entgegenzustreben. Sie dachte schon, das Flugzeug stürze ab. Aber das tat es nicht. Es lag an ihr.

Nach der Landung wurden die Passagiere in einen Kleinbus geleitet. Alle vermieden es, einander anzusehen. Johannas Kopf lehnte schwer an der Kopfstütze. Das Fahrzeug glitt sanft vom Flughafenparkplatz, aber als es auf eine Schnellstraße voller Schlaglöcher kam, legte sie die Hand an ihre Schläfe. Sie versuchte, sich auf einen Schwarm Vögel zu konzentrieren, der vollkommen synchron über den Himmel flog, und sich ihren Finger nicht als Bohrer vorzustellen, der den Druck mildern konnte.

«Wie machen sie das, was meinst du?», fragte sie.

«Wie macht wer was?»

«Die Vögel. Wie machen sie das, dass sie so harmonisch zusammen fliegen? Woher wissen sie, wie das geht?»

Das Handy ihres Mannes machte Ping. Er griff in seine Tasche und warf einen Blick auf das Display. Dann kicherte er und hielt es ihr hin. «Sieh dir das an», sagte er, aber sie wollte es sich nicht ansehen. Sie wollte mit jemandem darüber sprechen, wie Vögel auf eine Weise miteinander kommunizierten, die weit älter war als Radiowellen. Sie blinzelte und sah die Worte in Solidarität auf dem Display, fett. Sie wandte den Blick vom grellen Bildschirm.

Der Kleinbus wurde jetzt langsamer und fuhr durch ein Städtchen, dessen Gebäude sich am Straßenrand drängten. Geschäftsfassaden in Petrol, Gelb, Pink und Blau; Taco-Imbisse; strohgedeckte Lädchen; bunte Kleider und Hüte, die auf Stangen hingen; Hunde und Ziegen und Menschen. Johanna fing den Blick eines Mädchens in einem magentafarbenen Top auf, das an einer Bushaltestelle wartete, und fragte sich, wer das Mädchen wohl war, wo es wohnte und ob es glücklich oder traurig war. Sie würde es nie erfahren.

Früher waren sich Ben und sie einig gewesen, dass es falsch war, sich in einem Resort zu verkriechen, das dem Land, auf dem es stand, jegliche Wahrheit wegpoliert hatte, aber genau das würden sie in den nächsten beiden Wochen tun. Die Dinge, über die sie sich früher einig gewesen waren, waren jetzt so fremd, wie Johannas Gesicht dem Mädchen gewesen sein musste, als sie im Vorbeifahren stumm aus dem Busfenster geschaut hatte, in einem Dorf, das sie nie kennenlernen würde.

Sie spürte den Druck in den Ohren, als der Van eine steile Straße an den Klippen hinauffuhr. Die Räder sackten in ein Schlagloch. Der Bus befreite sich knatternd, und Ben nahm ihre Hand und drückte sie, als wären sie gerade knapp einer Gefahr entronnen – und vielleicht stimmte das auch. Der Abhang war schwindelerregend steil. Seine Hand war kühl und trocken, aber unter seiner Haut sah sie seinen nervösen Puls, bemerkte seinen ungleichmäßigen Atem, als wäre ein Orchester aus dem Takt geraten. Ihre eigene Hand war schweißnass. «Die fetten Buchstaben sind ein bisschen viel», bemerkte sie. Er lachte.

«Es wird bestimmt ziemlich intensiv.» Er drückte erneut ihre Hand, weil sie sich gegen eine Welle der Übelkeit krümmte. «Aber wir schaffen das.» Sie schaute nach links, wobei sie offenbar den unausgesprochenen Verhaltenskodex im Fahrzeug brach, denn die Frau auf der anderen Seite des Ganges schaute hastig weg. Ihr Haar war ein graubrauner Vorhang, der glänzte wie Glas. Wie bekam man so glänzendes Haar? Wurde einem das in die Wiege gelegt, oder musste man dafür bezahlen? Der Mann hatte silbernes Haar, das ebenfalls glänzte. Er tippte auf dem Display eines Smartphones herum.

«Nächstes Mal», sagte Ben, «machen wir etwas, was du möchtest. Vielleicht die Fahrradtour in Vietnam? Etwas ganz anderes. Versprochen. Nicht so etwas wie das hier.»

Es dauerte nicht lange, da kam ein Bauwerk in Sicht: eine Villa auf einem Hügel, von der Sonne beschienen, die ohne Vorwarnung begonnen hatte unterzugehen. Sie wirkte wie ein Stück orangefarbenes Papier, das in den Ozean glitt.

«Da ist sie», sagte Ben, und einen kurzen Augenblick lang dachte sie, er meine die Sonne.

Johanna sah, wie die hohen Fenster der Villa aufleuchteten. Es war, als wäre das Gebäude, das am Hang stand und in der Mitte von dampfenden Quellen umgeben war, eine riesige Sonnenuhr, die jetzt das Ende des Tages oder auch die wenige Zeit anzeigte, die ihnen noch blieb, um sie selbst und unbeobachtet zu sein. Die Auffahrt wand sich zwischen Bäumen hindurch, sodass die Villa, die Klippen und der Strand immer wieder auftauchten und wieder verschwanden, sie reizten, verschwanden, neckten, fort waren. In einem Moment konnte Johanna alles gleichzeitig sehen: die weiß getünchten Mauern, die Wellen, die gegen die Felsen schlugen, den weißen Sand, der zwischen den schwarzen Steinbrocken lag, zerklüftetes Mineral, das ins Meer ragte; im nächsten sah sie nichts außer Bäumen und Ranken und verspielten Vögeln.

«Wow», machte Ben.

«Ja, wirklich. Wunderschön.»

Aber er schaute nicht aus dem Fenster. Er nickte zur Seite, in Richtung der Frau mit dem polierten Haar und ihrem Mann mit dem silbernen Schopf. «Die gesamte Fahrt über.»

Johanna drückte sich die Fingerspitzen auf die Lider. «Wovon sprichst du?»

«Er ist am Handy. Wir sollten unsere Handys doch wegstecken.»

Johanna hörte, dass der Mann etwas von einer Sicherheitskontrolle sagte. «Wir sind für diese Leute verantwortlich», sagte er in drängendem Tonfall. «Abkürzungen können wir uns nicht leisten. Macht es noch einmal. Ja, die ganze Sache. Ich warte.»

«Na ja, wir sind ja noch nicht im Resort», gab Johanna zu bedenken. «Du hattest deins ja auch in der Hand.»

«Workaholic», flüsterte Ben. Sie verstand. Er brauchte das Gefühl, irgendwie weiter zu sein als die anderen. Zu glauben, dass ihre Eheprobleme im Vergleich zu denen der anderen geringfügig waren. Wir wussten immer, dass er einmal Jura studieren würde, sagte seine Mutter gern. Er kennt die Regeln für alles. Er stritt außerdem gern – aber das war eine andere Sache.

Der Kleinbus war jetzt an einem Kreisel vor der weißen Villa angekommen. Der Motor wurde ausgeschaltet. Türmchen, Kuppeln, Balkone, weiße Geländer, ein steiles Terrakotta-Dach und die einzelnen kleinen Bungalows, die darum herum wie Diamanten bis hinunter zum Strand verteilt waren. So viele Häuser. Mehr als nötig, so schien es, für nur zwölf Paare.

«Laden Sie die Energien Ihrer Ehe in einer überwältigenden und intimen Märchenumgebung wieder auf», hieß es in den Broschüren, die Ben an dem Morgen mitgebracht hatte, als er mit seinen Eltern zur Kirche gegangen und mit einem verzweifelten Flehen im Blick wiedergekommen war. Bitte, lass uns das hier versuchen. Verlass mich nicht. Lass uns daran arbeiten.

Dieser Ort hier war wirklich wie im Märchen. Johanna erinnerte sich an die eingestaubten Märchenbücher, die sie als Kind im Regal ihrer Großmutter gefunden hatte, Geschichten, die sie voll kindlichem Schrecken gelesen hatte – einem Schrecken voller Entzücken über Dinge, die nicht für leicht zu beeindruckende Geister gedacht waren – und in denen es um herausgepickte Augen und eine tote Bestie oder um eine verliebte Meerjungfrau ging, die sich in Meerschaum verwandelte, um ihrem Geliebten nicht im Wege zu stehen. Wahre Liebe, hatte Johanna schon sehr früh gelernt, hatte Konsequenzen. Ein Happy End hatte seinen Preis.

«Lass uns aussteigen», sagte Ben.

Vor dem Kleinbus standen in weißes Leinen gekleidete Resortmitarbeiter, die das Gepäck ausluden. Johanna roch das Salz in der Luft, den in der Sonne erwärmten Seetang, gebratenen Knoblauch und Chili aus einer weit entfernten Küche. Jemand drückte ihr eine Champagnerflöte mit Mangosaft in die Hand. Sie hielt das kalte Glas an ihre Stirn und dachte an ihren Hochzeitsempfang im MacArthur vor nur zwei Jahren. Die Bläschen im Champagner waren ihr an jenem Tag sofort zu Kopf gestiegen. Johanna hatte ihre Schwiegermutter dabei erwischt, wie sie sich auf der Toilette an der Schulter einer Freundin ausheulte. «Ich bin nur so glücklich», hatte sie gelogen, als sie Johanna gesehen hatte.

«Sie hätte auch ein Kleid wählen können, bei dem man diese Tattoos nicht so sieht», flüsterte die Freundin, als Johanna wieder ging. An diesem Abend hatte Johanna ihren ersten Migräneanfall gehabt. Kein besonders guter Start für ihre Flitterwochen.

Sie nahm einen Schluck Saft. Weit entfernt hörte sie das Meer, in der Nähe plätscherte Lounge-Musik aus Lautsprechern, die in den Felsen eingelassen waren. Ben ging voran, sein Glas in der Hand, und Johanna musste sich beeilen, um ihn einzuholen. Eine Frau trat vor, um ihn zu begrüßen, eine Frau, die Johanna kannte – wobei es ein wenig befremdlich war, jemanden zu kennen, den man noch nie zuvor gesehen hatte. Das hier war die Frau, die auf den Büchern abgebildet war, die Ben mit nach Hause gebracht hatte, die Frau aus den TED-Talks, die er für sie auf seinem Laptop abgespielt hatte, die Stimme aus den Podcasts, die sie sich beim Kochen angehört hatten. Dies war das strahlende Lächeln, das sie in den Ausschnitten der Sendungen Dr. Oz und The View gesehen hatte.

«Du musst Johanna sein», sagte Grace Markell.

Grace nahm ihre Hand, und Johanna vergaß ihre Kopfschmerzen. Aber Grace schüttelte ihre Hand nicht. Sie hielt sie einfach nur fest, lange genug, um ihrer Geste Bedeutung zu verleihen, aber nicht so lang, dass es unangenehm gewesen wäre. Sie sah Johanna dabei direkt in die Augen. Ihre Augen waren grau, wie Gewitterwolken. «Willkommen im Harmony», sagte sie. «Danke, dass du gekommen bist.»

«Danke, dass wir kommen durften», murmelte Johanna, und Grace ließ ihre Hand los. Eine jüngere, kleinere und stark geschminkte Frau mit aschblondem Haar, das sie zu einem straffen Dutt hochgesteckt hatte, stellte sich neben Grace. Sie sah aus, als wollte sie im Fernsehen auftreten.

«Ich heiße Ruth», sagte sie und schüttelte Johannas Hand auf und ab, ohne zu einem Ende zu kommen.

«Schön, Sie kennenzulernen», sagte Johanna und ließ ihre eigene Hand ganz schlaff werden.

«Ruth ist unsere Assistentin.» Grace warf einen Blick auf ihr Klemmbrett. «Ich glaube nicht, dass du auf ihrer Liste stehst …» Sie schüttelte den Kopf. «Nein, du stehst auf meiner und Ben auf Miles’ Liste. Aber ihr werdet Ruth trotzdem kennenlernen. Sie leitet einige der Gruppensitzungen.»

Ruth lächelte strahlend. Ein wenig fuchsiafarbener Lippenstift klebte auf ihrem Zahn. Dann hob sie ein Klemmbrett mit einem Blatt Papier hoch, das eng beschrieben war. «Sie müssen das hier bitte beide unterschreiben», sagte sie. «Das ist der Paarvertrag.» Johanna unterschrieb, ohne sich den Text anzusehen; Ben überflog ihn kurz und kritzelte dann seinen Namen darunter.

«Die Gepäckträger kümmern sich um eure Koffer», sagte Grace. «Ihr findet oben auf der Terrasse einen Tisch mit eurem Namen darauf, euer Check-in-Paket und alles andere, was ihr braucht. Wir versammeln uns dort.»

«Unsere Koffer … sind wo?» Johannas nervöse Euphorie verwandelte sich in plötzliche Panik. Sie hatte ihre Reisetasche auf ihre Koffer gestellt, und jetzt war sie verschwunden. Sie brauchte die Tasche: Ihre Tabletten befanden sich darin.

«Sie sind schon in eurem Bungalow», sagte Grace mit einem letzten Lächeln, das vermutlich beruhigend wirken sollte.

«Ich muss nur schnell in unser Haus gehen und …», fing Johanna an.

Aber Grace war schon weitergegangen und begrüßte das nächste Paar. Ruth folgte ihr wie ein Gänseküken seiner Mutter. Johanna fühlte sich irgendwie betrogen, als Grace die Hand der Neuankömmlinge nahm.

Ben zog sie hinter sich her. «Komm, wir gehen.»

Ruth hatte ihre Verträge in einen Umschlag gesteckt und schaute sich jetzt mit großen Augen nach Johanna um, viel zu interessiert.

Ich bin kein Versuchskaninchen, wollte Johanna schreien. Ich bin ein Mensch. Aber sie tat es nicht. Sie ließ ihren Mann vorangehen; sie überließ ihm die Führung.

Shell folgte der kleinen Gruppe durch die Lobby und fand sich hinter einem jungen Paar wieder, das Händchen hielt. Kurz flackerte in ihr Ärger auf, dass sie ihr jetzt den Weg blockierten. Sie las die Tattoos der Frau:

Du bist nicht deine Gedanken stand da in kaum entzifferbarer Schrift auf dem linken Schulterblatt. Auf ihrem Unterarm stand: Und unterdessen dreht sich die Welt weiter.

Oder auch nicht, hätte sie dieser sehr jungen Frau am liebsten zugezischt. Das weißt du doch gar nicht, könnte sie ihr sagen. Kein Wunder, dass Shells Mann sie so sehr verabscheute, dass er lieber an ihr vorbeisah, als sie anzuschauen. Kein Wunder, dass er noch im Van saß. Er war mit einer verbitterten alten Spinatwachtel verheiratet. Shell hielt den Mund.

Aber dennoch stellte sie sich ein Paralleluniversum vor, in dem sie statt picobello gebügelter Kleidung Hemdchen ohne BH trug und so sexy war wie ein Pin-up-Girl und ihr Mann mit ihr Händchen hielt, statt sich die ganze Zeit nur um die Sicherheitskontrollen in der Goldmine in Nord-Ontario zu kümmern. Diese Mine war seine neue Geliebte, seine neue beste Freundin, seine neue Familie, sein neues Ein und Alles, das ersetzte, was sie verloren hatten. Urlaube hatten das früher so an sich gehabt: Sie hatten die Phantasie angeregt.

Die Frau mit den Tattoos roch nach Neroli und Moschus. Ihre Haare waren an den Spitzen gelockt und erinnerten Shell an das Haar ihrer Tochter, wenn es trocknete, während sie schlief.

Diese Gedanken waren gefährlich.

Aber ihre Gedanken wurden von einer Stimme hinter ihr unterbrochen.

«Hallo.» Shell drehte sich um und schaute zu Miles Markell auf. Er war größer, als er auf dem Bildschirm wirkte. Die meisten Menschen wirkten in der Realität eher kleiner. «Ist alles in Ordnung?»

«Nein», hörte sie sich mit der Stimme der schrecklichen Frau sagen, von der sie immer noch nicht glauben konnte, dass sie zu ihr gehörte. «Ich wäre wohl nicht hier, wenn alles in Ordnung wäre, oder?»

Seine Zähne leuchteten weiß im Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Er lächelte und lachte dann. Dann nahm er seine Brille ab und rieb sich die Augen, um Shell schließlich lange und nachdenklich anzusehen. «Hervorragend», sagte er und setzte die dunkel gerahmte Brille wieder auf. «Eine Frau ganz nach meinem Geschmack. Eine Frau, die die Wahrheit sagt.» Er hatte tiefe Lachfalten um den Mund. Seine Augen schienen zu tanzen, als unterdrückte er einen geheimen Scherz, den er gern teilen wollte. Als er sie ansah, hatte sie das Gefühl, ganz allein mit ihm zu sein, und das war ihr peinlich. «Shell Williams, richtig?»

«Ja, woher wissen Sie …»

«Es macht mir Spaß, zu raten wer von unseren Paaren wer ist», erwiderte er. «Grace und ich schreiben uns dafür jeweils Punkte auf, um ehrlich zu sein.» Er zwinkerte ihr zu. «Aber du solltest hier nicht allein stehen. Wo ist deine andere Hälfte?»

Sein leichter texanischer Tonfall klang wie geschmolzene Butter, ganz anders als die Stimmen, die sie um diese Zeit des Jahres zu Hause hörte, in der jeder unwillkürlich die Zähne zusammenbiss, weil der Winter so kalt war.

«Dienstlicher Anruf», sagte sie. «Er ist noch im Bus.»

Miles schaute zur Auffahrt. «Ah. Ich sehe, dass er unsere ungeschriebene Regel beachtet – ihr dürft eure Handys benutzen, bis ihr euren Fuß auf den Boden des Resorts setzt. Hat er auch einen Flachmann mit Whiskey dabei?»

«Nein», antwortete Shell, ohne zu lächeln. Sie war der Ansicht, dass man auch zu ehrlich sein konnte.

Miles hob eine gepflegte Hand, schnippte mit dem Finger und rief: «Ruth!» Die junge Frau, die Shell im Hintergrund einiger Online-Videos der Markells gesehen hatte, erschien. Ihre Stimme war fest, sie wirkte fähig. Ihr Make-up klebte in ihren Brauen.

«Was kann ich für dich tun?», fragte sie.

«Könntest du Mr. Williams bitte aus dem Bus helfen?»

«Sofort», sagte sie und trabte los. Shell stand hinter Miles und fragte sich, ob sie etwas sagen sollte, und wenn ja, was. Aber schon tauchte Ruth mit Colin auf.

«Hab ihn», sagte sie triumphierend.

«Colin. Du bist angekommen.» Miles schüttelte Colin die Hand und fügte hinzu: «Wir duzen uns hier alle, wenn euch das recht ist.»

«Ich tue das nur schnell ins Schließfach», sagte Ruth und hielt das Handy wie eine Trophäe in die Höhe. Aber Shell wusste, dass Colin noch ein zweites Handy in seinem Gepäck hatte. Sie könnte ihn verpetzen – aber auf eigene Gefahr. Also sagte sie lieber nichts.

«Alles klar, dann mal los», sagte Miles. «Die anderen sind schon oben.» Er legte seine Hand auf ihren unteren Rücken und schob sie auf eine Treppe am anderen Ende der Lobby zu.

«Ich muss mich um unser Gepäck kümmern», sagte Colin mit gerunzelter Stirn.

«Ich muss zu Hause anrufen», sagte Shell gleichzeitig, und Colin warf ihr einen Seitenblick zu, aber nur ganz kurz.

«Wir haben Angestellte, die sich um euer Gepäck kümmern», sagte Miles. «Seht ihr eure Koffer irgendwo? Und ihr habt keine Zeit mehr, in euren Bungalow zu gehen – aber vertraut mir, nach der Zeremonie werdet ihr euch erfrischt fühlen.» Jetzt legte er eine Hand auf Colins Schulter und schob ihn weiter. «Kommt, wir gehen.»

Shell blieb zurück. «Ich muss wirklich zu Hause anrufen», sagte sie zu Ruth, obwohl das gar nicht stimmte. «Meine Tochter …» Es fühlte sich an wie ein Messer in ihrem Herzen.

«Wir versuchen alle, den Kontakt nach Hause so knapp wie möglich zu halten. Wer kümmert sich um eure Kinder?»

«Meine Mutter», hörte Shell sich sagen und wunderte sich, dass ihr Herz immer noch schlug, dass sie immer noch atmen konnte.

«Würde vielleicht auch eine E-Mail reichen?»

«Oh. Ah …» Nein. Absolut nicht.

«Glaubst du, dass es reichen würde, jeden zweiten Tag Kontakt zu deiner Mutter und deiner Tochter zu haben?»

Sie hatte keine Wahl, sie musste ein Lächeln aufsetzen. Entweder das, oder sie würde Ruth bei den Schultern packen und sie so lange schütteln, bis sich ihr Haar aus dem straffen Dutt löste – und dann ihr junges Leben zerstören, indem sie ihr absolut alles erzählte. Gott, sie brauchte unbedingt einen Drink. «Perfekt», sagte sie. «Sie sind wirklich eine Hilfe.»

Ruth warf einen Blick auf ihr Klemmbrett. «Jeden zweiten Morgen also, direkt nach dem Frühstück, in der zwanzigminütigen Pause, die Sie bis zum ersten Termin haben. In Ordnung? Und wir duzen uns.»

«Danke», sagte Shell und war erleichtert, als sie Ruth hinter sich ließ, aber es war nicht die richtige Art von Erleichterung.

«Scheiße», sagte Colin, als sie neben ihm am Fuß der Treppe stand. «Ich muss diesen Anruf wirklich weiterführen.»

«Natürlich musst du das», sagte sie. «Was könnte wichtiger sein als die Leute, die in der Mine arbeiten?»

Entweder spürte er ihre Bissigkeit nicht, oder er ignorierte sie, als er die Treppe hinaufging. Die Dachterrasse war mit Terrakottafliesen ausgelegt, genau wie die Lobby. Kleine Tische mit weißen Tischdecken standen darauf. An jedes Tischchen waren zwei Teakstühle geschoben, von denen aus man direkt auf ein kleines Podium blicken konnte. Weißer, hauchdünner Stoff bauschte sich in der sanften Brise. Die Stoffbahnen waren an Säulen gebunden und kreuzten sich oben. Auf jedem Tischchen standen kleine Gestecke: Kapernblüten und staubfarbene Bromelien in gläsernen Kugeln. Ein Infinity-Pool begann dort, wo die Kacheln endeten, umschloss die Terrasse und reichte ins Nichts. An jedem Tisch saßen schon Gäste, nur einer ganz vorn war noch leer. Shell ging darauf zu und entdeckte eine Platzkarte, auf der Mr. und Mrs. Colin Williams stand. Es wirkte so altmodisch, ihre Namen auf diese Weise zu schreiben. Und so merkwürdig, sich selbst so verbunden mit ihrem Ehemann zu sehen. Etwas wie eine Erinnerung stieg in ihr auf, ein weiches Gefühl. Aber dann drang Miles’ durch das Mikrophon verstärkte Stimme in ihre Gedanken, und sie fragte sich, wie er es geschafft hatte, so schnell dort auf das Podium zu kommen.

«Spektakulär, oder? Das Dorf, das ihr am Fuß des Berges seht, ist Zihua. In diesem Augenblick sieht das Gebäude aufgrund seines Designs und der Sonne, die sich in den Fenstern spiegelt, für die Dorfbewohner so aus, als stünde es in Flammen. Ironisch, nicht? Denn immerhin seid ihr ja alle gekommen, um eure Ehen aus der Hölle zu befreien.» Er lachte, und auch im Publikum gab es einige Lacher. «Puerto Morelos liegt etwas weiter oben an der Küste, danach kommt Akumal. Aber wir könnten uns genauso gut in einer anderen Welt befinden.»

War das ein selbstzufriedenes Grinsen? Einen Moment lang fragte sie sich, ob er glaubte, über den kleinen Fischerdörfern zu stehen, nicht nur rein räumlich. Dann war das Grinsen fort, und vielleicht hatte sie es sich auch nur eingebildet. «So, haben alle ihre Tische gefunden? Bitte schaltet eure Mikrophone nicht ein, wenn ihr nicht an der Reihe seid, sonst haben wir ein Problem mit den Rückkopplungen.»

Miles ging jetzt mit einem Klemmbrett und dem Mikrophon zwischen den Tischen umher. An jedem Tisch blieb er stehen, nickte und notierte etwas auf dem Papier.

«Ihr müsst mir verzeihen», sagte er ins Mikrophon, «Multitasking ist nichts für mich.» Shell fragte sich, wohin Ruth, die patente Assistentin, wohl gegangen war. Sie sah sie nirgends auf der Terrasse.

«Komm, ich helfe dir.» Grace trat zu ihrem Mann und nahm ihm das Klemmbrett aus der Hand.

«Danke, Liebling», sagte Miles. Für den Bruchteil einer Sekunde standen die beiden ganz allein mitten auf der Terrasse, lächelten einander bewundernd an und schienen die Leute um sich herum nicht mehr wahrzunehmen. Miles bedeckte das Mikrophon, um Grace etwas zu sagen, dann zeigte er auf das Klemmbrett. Sie betrachtete es einen Augenblick und ging dann am äußeren Rand der Terrasse entlang, wobei sie im Gehen Notizen machte. Schließlich trat sie nach vorn, setzte sich auf einen Hocker und schlug die Beine übereinander. Die Schuhe glitten ihr von den Füßen und landeten auf dem Boden.

«O-kay!», sagte Miles wie ein begeisterter kleiner Junge. «Seid ihr bereit für unsere Eisbrecher-Übung?» Niemand rührte sich. Die wenigen Paare, die sich leise unterhalten hatten, verstummten abrupt. «Wir wollen wissen, was ihr über eure Partner wisst. Wir wollen vor allem wissen, was ihr nicht wisst. Wir wollen wissen, von wo aus wir anfangen.»

Grace hielt jetzt ebenfalls ein Mikrophon in der Hand. «Erkläre ihnen doch einfach, was sie tun sollen, ja, Liebling?», sagte sie. «Du siehst doch, wie verängstigt sie alle aussehen.»

«Warum tust du das nicht einfach?», versetzte Miles und verdrehte die Augen gespielt genervt. «Du bist doch so viel netter als ich. Die Leute tun alles viel lieber, wenn du sie darum bittest.»

«Na gut», lenkte Grace ein. «Also, wir bilden jetzt Gruppen. Alle in der ersten Reihe müssen eine Reihe zurückgehen und sich mit dem Paar direkt hinter ihnen zusammentun. Die in der letzten Reihe kommen eine Reihe vor und tun sich mit dem Paar vor ihnen zusammen. Fangen wir an!»

Sofort entstand Hektik. Shell und Colin bildeten mit der Frau mit dem Tattoo und ihrem Mann, die sie schon in der Lobby gesehen hatten, eine Gruppe. Mit seinem weichen Haar und dem offenen Lächeln erinnerte er Shell an einen hübschen Welpen.

«Also, wir machen es so», fuhr Grace fort. Man hörte ihren texanischen Akzent heraus, aber er war nicht so stark wie bei Miles. Sie klangen beide selbstsicher, ihr Tonfall war weich. «Ihr stellt euch jetzt den anderen vor, und dann, wenn die Zeit um ist, stellt ihr die anderen der Gruppe vor. Ganz einfach.»

«Na ja, eigentlich ist es gar nicht so einfach», sagte Miles. «Diese Übung erfordert genaues Zuhören. Wenn ihr nicht zuhört, wenn ihr nur dasitzt und euch überlegt, was ihr sagen sollt – und seien wir ehrlich, die meiste Zeit tun wir doch genau das –, habt ihr ein Problem. Klingt nach ziemlichem Druck, oder? Und genau darum geht es.» Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, und Shell begriff, dass es sein Markenzeichen war. «Wir haben nur zwei Wochen. Für eine Therapie ist das nicht viel. Das ist für gar nichts viel. Wir haben keine großen Chancen, aber wir werden dennoch Erfolg haben.» Die Gäste redeten nervös durcheinander. Er wartete einen Augenblick, bis sich die Paare wieder gesetzt hatten. Dann hob sich eine Hand ganz vorn: eine Frau mit einem strähnigen blonden Bob und einem T-Shirt, das von ihren zarten, knochigen Schultern rutschte.

«Müssen wir diese Vorstellung wirklich machen? Mein Mann ist nicht so gut darin, vor anderen zu sprechen …»

«Dann redest einfach du weiter», gab Miles zurück. «Das hier ist Pflicht, also schiebt euer Lampenfieber und eure Ängste und eure Ausreden beiseite. Wenn ihr nicht mitmacht, müsst ihr den Rest der Woche abwaschen. Ihr glaubt vielleicht, dass ich Witze mache, aber das stimmt nicht. Ihr kennt doch die Weisheit: Texaner lügen nicht.»

«Das ist keine Weisheit, Schatz», sagte Grace.

«Hier jedenfalls schon.»

Eine Mitarbeiterin brachte ein Wägelchen mit einem Tablett voller gerollter Tücher. Er nahm es und verteilte die Tücher mit einer goldenen Zange. Sie waren seidig und fühlten sich kühl an. Shell sah zu, wie die Frau mit den rotbraunen Haaren, die ihr gegenübersaß, das Tuch entfaltete, es sich gegen die Stirn drückte und die Augen schloss.

Als Nächstes stellte eine Kellnerin einen Krug mit Gurken- und Limettenwasser auf ihren Tisch, zusammen mit vier langstieligen Gläsern. Der Mann mit dem weichen Haar hob den Krug und goss allen davon ein. Shell verstand nicht genau, was sie daran so ärgerte.

«Unser Wasser ist übrigens das beste der Welt», sagte Miles gerade. «Dreifach gefiltert, remineralisiert und basisch. Am Ende dieser Woche werdet ihr euch alle besser fühlen als je zuvor.»

«Okay, wir sollten weitermachen», sagte Grace. «Irgendwelche Fragen?»

Wieder hob sich eine Hand, diesmal am Tisch neben ihnen – ein kleiner Mann mit kurzem dunklen Haar, das am Ansatz grau war. Shell stellte ihn sich in seinem Badezimmer vor, wie er sich die Haare färbte. Er trug eine Brille und einen Kinnbart und einen Pullover mit V-Ausschnitt, der viel zu warm für das Wetter aussah. «Wie lange sollen wir denn reden?», fragte er.

«Zwei bis drei Minuten, aber wir werden die Zeit nicht messen», antwortete Grace. Sie musste wirklich Geduld haben, dachte Shell, sich mit diesen Leuten auseinanderzusetzen, mit ihren Fragen und Bedürfnissen, und das Tag für Tag, Woche für Woche.

«Na ja, manchmal benutzt Ruth eine Stoppuhr», mischte sich Miles ein, und Shell sah, dass Ruth wieder auf der Terrasse stand, ein wenig an der Seite. Ihre Wangen färbten sich ganz rosig unter Miles’ Lächeln.

«Leg die Stoppuhr weg», sagte Grace, und jetzt runzelte Ruth die Stirn. «Das hier ist wirklich keine große Sache. Nur ein lustiges Spiel für uns alle, damit wir uns besser kennenlernen. Es wird Spaß machen. In den nächsten zwei Wochen werden wir ohnehin lernen, wie wir besser auf die Fehler reagieren, die wir und andere machen, also macht euch keine großen Gedanken.» Das klang vertraut. Shell war sich sicher, es schon einmal in einem Podcast gehört zu haben.

Eine Frau mit braunen Haaren, die etwas weiter in der Mitte saß, hob die Hand, und Grace nickte ihr zu, aber Miles schüttelte den Kopf.

«Keine Fragen mehr», sagte er. «Ihr habt zwanzig Minuten für euer Gespräch, ab jetzt.» Er tippte auf seine Rolex.

Grace tappte zurück zu ihrem Hocker, aber er blieb wie ein Wächter stehen, wo er war. Vogelgezwitscher und Stille, bis die ersten Stimmen erklangen. «Hallo, ich heiße …»

«Wir sind aus …»

«Schön, Sie kennenzulernen …»

«Wir haben doch zusammen im Bus gesessen, oder?», sagte der Mann, der Shell gegenübersaß. «Ich heiße Ben.» Er wandte sich an Colin. «Habe dich am Handy gehört. Ist nicht so einfach, nicht mehr ans Büro zu denken, was?»

Colin starrte ihn nur an. «Ja», antwortete er schließlich.

«Was arbeitest du denn?»

«Ich bin im Bergbau tätig.»

Funkstille. Ben sagte: «Na komm schon, das ist alles? Wir sollen uns doch hier kennenlernen.» Er lächelte, aber es war ein aufgesetztes Lächeln, viel zu breit, um seine Verärgerung zu maskieren. Das ist doch meine Abteilung, dachte Shell. Ich bin hier diejenige, die euch alle hasst.

Sie wandte sich an die Frau. «Ich heiße Shell», sagte sie.

«Johanna», antwortete die Frau leise.

Kommt, wir vergessen das alles, hätte Shell am liebsten gesagt. Wir laufen einfach los, suchen uns eine Strandbar und trinken einen Cocktail. Die beiden waren jung; sie hatten bestimmt interessante Dinge zu erzählen, wenn man außerhalb der Grenzen dieser unangenehmen Übung mit ihnen sprach. Sie seufzte. «Mein Mann ist Einsatzleiter in einem Bergbauunternehmen.»

«Was wird denn da gefördert?»

«Es ist eine Goldmine.»

«Faszinierend.»

«Findest du?», sagte Shell und sah Colins verletzten Gesichtsausdruck. Aber diesmal war sie ausnahmsweise nicht ärgerlich auf ihn. Ihr Ärger bezog sich darauf, dass sie nicht in der Lage gewesen war, irgendetwas Interessantes über sich selbst zu sagen, um sich vorzustellen. Ich habe früher auch gearbeitet. Wir arbeiteten zusammen. Aber dann bekam ich ein Kind und setzte eine Weile aus. Und jetzt …

Johanna legte sich das kühle Tuch auf die Augen.

«Und was machst du?», fragte Ben Shell.

«Ich bin Hausfrau und …»

Er ließ sie den Satz nicht beenden.

«Wie viele Kinder?», fragte er.

Stille.

«Eine Tochter», antwortete Colin, und Shell stieß den angehaltenen Atem wieder aus. Sie dachte an das Wort in der E-Mail, die sie auf dem Weg zum Resort erhalten hatten. Solidarität. Sie entglitt ihnen, schnell.

«Und ihr?», brachte Shell heraus.

«Nein, wir haben keine Kinder», sagte Ben. «Noch nicht. Aber wir wollen welche.»

Die Stimmen an den anderen Tischen wurden jetzt lauter. Shell hörte Gelächter, hörte einen Mann rufen: «So ein Zufall, da bin ich auch aufs College gegangen! Bobcats forever!» Sie nahm ihr Wasserglas und dachte an das Kristallglas, das sie vor ein paar Wochen nach ihrem Mann geworfen hatte, an die schlimme Wunde an seiner Stirn, seine bitteren Worte: Du hättest mich umbringen können! War es das, was du wolltest? Sieh dich doch an! Es hatten immer noch Scherben auf dem Boden gelegen, als sie am nächsten Morgen in die Küche kam und Colin fort war. Später hatte er ihr gesagt, er sei gegangen, weil er sich nicht sicher gefühlt habe, und sie hatte ihn ausgelacht, grausam und hart.

«Wie habt ihr beide euch denn kennengelernt?», fragte Shell, die versuchte, die hässlichen Erinnerungen wieder zu verdrängen.

Ben lächelte und entspannte sich sichtlich. Shell begriff, dass er einer jener Menschen war, die am liebsten über sich selbst redeten. «Ich bin Bezirksstaatsanwalt, und Jo ist Sozialarbeiterin. Wir haben uns im Gericht kennengelernt. Sie war dort mit einer der Frauen, die sie betreut hat, und ich habe versucht, diese Frau ins Gefängnis zu bekommen, weil sie den Fluchtwagen für den Raubüberfall ihres Freundes gefahren hatte. Zum zweiten Mal.» Er wandte sich an Johanna, als hoffte er, dass sie den Faden der Geschichte aufnehmen würde, aber sie schwieg. Er fuhr fort: «Jo stand auf und sprach mit so viel Leidenschaft und Vertrauen über diese Frau, obwohl ich in ihr nur eine einzige Katastrophe sah. Sie glaubte so sehr an sie, dass ich mich daran erinnerte, warum wir unsere Jobs machen – weil wir an etwas glauben. An Menschen. Außerdem fand ich sie absolut hinreißend. Ich meine, seht euch nur meine wunderschöne Frau an, nicht wahr?»

Johanna nahm das Tuch von ihren Augen und lächelte schwach. Sie tat Shell leid, und gleichzeitig war sie ihr unsympathisch.

«Noch vier Minuten», dröhnte Miles’ Stimme aus den Lautsprechern.

«Jedenfalls», sagte Ben, «habe ich schließlich nur Sozialstunden für die Frau gefordert, aber dafür sehr viele. Hinterher kam Johanna zu mir. Sie war total sauer.» Er wandte sich wieder zu seiner Frau. «Was hast du damals noch zu mir gesagt? Na komm, sag schon, Schatz.»

Johanna schloss erneut die Augen. «Ich glaube, ich sagte: ‹Sie sind ein Arschloch.›» Jetzt öffnete sie die Augen und legte ihrem Mann eine Hand auf den Arm. «Du hast ihr so viele Sozialstunden aufgebrummt, dass sie ihren Job verlor, erinnerst du dich?» Sie neigte den Kopf zu ihm und murmelte ihm ins Ohr: «Ben, es wird richtig schlimm. Ich glaube, ich muss …»

«Jetzt nicht, Johanna», sagte Ben leise. «Wir müssen das durchziehen, du weißt, dass das Pflicht ist.» Dann lächelte er Shell und Colin an. «Entschuldigt. Sie ist ein bisschen, äh, müde von der Reise. Genau, also, sie hat mich ein Arschloch genannt. Das waren ihre ersten Worte an mich. Wie hätte ich mich da nicht in sie verlieben können? Wir gingen Mittagessen, dann Abendessen, dann fuhren wir den Pacific Coast Highway hinunter. Den Rest des Wochenendes verbrachten wir im Hotelzimmer. Sie haben das Essen vor der Tür abgestellt. Wir sind nicht ein einziges Mal rausgekommen.» Er grinste.

Ihre Geschichte war zu Ende, begriff Shell. Vielleicht sollten sich Colin und sie den Rest ausmalen, sich diese attraktiven Fremden vorstellen, wie sie sich in irgendeinem Hotelzimmer in Santa Monica die Kleider vom Leib rissen. Shells Lächeln blieb auf ihrem Gesicht wie festgetackert.

«Wunderbar», sagte sie.

«Wie habt ihr euch denn kennengelernt?», fragte Ben.

Shell schwieg.

«Wir haben uns an der Uni getroffen», antwortete Colin. «Wir haben beide Geologie studiert, in British Columbia. Shell war – sie war bekannt dafür, zu allem eine Meinung zu haben. Sie galt als diejenige, die ganz sicher Erfolg haben würde im Leben.»

«Es gab dazu doch keine Umfrage», sagte Shell peinlich berührt.

«Und ich weiß noch, dass ich dachte, das ist mal eine starke Frau. Eine fähige Frau. Eine Frau, die weiß, was sie will.» Er brach ab. Shell dachte erst, dass er nur eine Pause machte. Aber nein, er war schon fertig. Sie blickte auf den Tisch und blinzelte ein paarmal. Als sie damals ein Paar wurden, hatte es sich angefühlt wie das Natürlichste der Welt. Ein ähnlicher Hintergrund, ähnlich attraktiv, gleiche Größe, gleiches Hauptfach, beide aus Toronto stammend. Und sie hatten sich ineinander verliebt – nur dass sie sich überhaupt nicht mehr daran erinnern konnte, wie sich das angefühlt hatte.

«Es ist schon zwanzig Jahre her», sagte sie, als könnte das irgendetwas erklären.

«Wow. Das ist ja ein ganzes Leben. Jo und ich kennen uns erst drei Jahre.»

Shell hielt den Blick gesenkt. Sie dachte an das, was Ben gerade über seine Frau gesagt hatte: dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen war. Ein modernes Märchen in einem Hotelzimmer am Meer. Aber war es denn sinnvoll, dass diese beiden Leute, die einander noch kaum kannten, hier an einer Therapie teilnahmen? Nach drei Jahren? Drei Jahre waren gar nichts.

«Shell?», sagte Ben.

«Tut mir leid – wie bitte?»

«Willst du noch etwas hinzufügen?»

«Ähm. Nein. Es ist einfach schon sehr lange her, das ist alles.»

Die golden-orangefarbene Sonne hing direkt über dem Horizont, als hätte Gott sie an der Angel. Und dann, einfach so, sank sie unter die Oberfläche und war fort. Johanna fing Shells Blick auf.

«Die Zeit ist um», rief Miles, und Johannas Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie stand plötzlich auf und sagte: «Ich kann das wirklich nicht. Ben, es tut einfach zu sehr weh. Ich muss gehen.» Und sie wankte ohne ein weiteres Wort davon.

«Tut mir so leid.» Ben, der bis dahin ziemlich selbstgefällig ausgesehen hatte – wunderschöne Ehefrau, süße Kennenlern-Geschichte, die eindeutig toller gewesen war als ihre –, wirkte plötzlich beschämt. «Sie – sie hat oft Migräne. Ich sollte ihr hinterhergehen. Es war nett, euch kennenzulernen. Wir werden diese Woche dann wohl abwaschen.» Er zuckte die Achseln, aber Shell merkte, dass er nicht so gleichmütig war, wie er zu wirken versuchte. Was wohl an diesem Abend in ihrem Bungalow hinter verschlossenen Türen passieren würde? Was wohl hinter all den anderen Türen passieren würde?

«Unglaublich», sagte Shell, als sie wieder allein waren. Um sie herum hörte man immer noch Stimmen, und zuerst war sie sich nicht ganz sicher, was Colin gesagt hatte. Aber dann stand er ebenfalls auf.

«Komm», sagte er. «Bevor sie anfangen.»

«Was?»

«Ich habe eine Sicherheitsbesprechung abbrechen müssen, als diese Ruth mich aus dem Bus gezerrt hat.»

«Na und?»

«Ich muss wissen, was jetzt passiert. Es ist wirklich wichtig.»

«Auf keinen Fall. Wir können nicht einfach gehen.»

«Es ist sinnlos. Das hier ist eine völlig sinnlose Übung. Wenn du leise sprichst, können wir unbemerkt verschwinden.»

«Ich gehe aber nicht!»

«Verdammt, Shell. Wir sind erwachsen. Das hier ist ein Sommercamp. Sie können uns doch nicht jede unserer Bewegungen diktieren.»

«Weißt du eigentlich, was jede deiner Bewegungen diktiert? Dein Job!» Sie schrie jetzt. Die anderen Stimmen wurden leiser, die Ersten starrten in ihre Richtung. «Es war deine Idee hierherzukommen!»

«Du hast versprochen, mitzukommen und es wenigstens zu versuchen.» Er senkte erneut die Stimme. «Entweder das, oder …»

«Und was hat das Weggehen …»

«Na komm. Wir können in unseren Therapiestunden miteinander diskutieren. Nicht hier.» Auf der Terrasse herrschte Stille. Shell überlegte: Sollte sie aufstehen und ihrem Mann widerstandslos folgen, oder sollte sie darauf beharren hierzubleiben? Wer wollte sie sein?

«Ich gehe nicht.»

Aber er ging. Shell hob das Kinn und starrte geradeaus. Die Leute würden irgendwann aufhören, sie anzusehen, oder? Miles und Grace kamen zu ihrem Tisch. «Tut mir leid», sagte sie, aber ihr Mut war verraucht, und ihre Wangen wurden ganz heiß vor Scham.

«Das muss dir nicht leidtun», sagte Miles. «Manche Paare sind Monate, sogar Jahre in Therapie, bevor sie ihren Durchbruch haben – wenn sie überhaupt einen haben. Die meisten geben einfach auf, irgendwann, und gehen zurück in ihr Leben voller stiller Verzweiflung, oder sie trennen sich, beenden alles und reißen ihre Leben auseinander.» Er sprach in sein Mikrophon, aber nur zu ihr. Dann wandte er sich ans Publikum. «Was Shell uns hier so eindrücklich gezeigt hat, ist, dass wir unsere Schutzschichten schnell ablegen müssen. Und das wird weh tun. Es wird Konflikte geben. Aber genau das wollen wir, besonders am Anfang. Du hast das toll gemacht, Shell. Du warst ehrlich, verwundbar und echt. Es gibt nichts, wofür du dich schämen müsstest.»

«Sieh dich um, Shell», sagte Grace. «Du bist unter Freunden. Wir werden uns in dieser Woche alle verletzlich und entblößt fühlen. Aber das Wichtigste ist, dass wir das gemeinsam durchstehen werden.»

Stille. Miles setzte sich an ihren Tisch, auf den Stuhl, den ihr Mann frei gemacht hatte. «Ich werde dich vorstellen», sagte er. «Ich weiß, wer du bist.»

TAG ZWEI

Viele Paare, die wir in unserer Praxis sehen, haben schlicht aufgehört, miteinander über etwas anderes als das Notwendigste zu sprechen («Wer holt die Kinder von der Schule ab?», «Ist noch Milch im Kühlschrank?» – Klingt das bekannt?). Sie haben sich an den Mangel an Kommunikation gewöhnt; er kommt ihnen normal vor. Aber das ist nicht normal! Sie müssen Ihre Reise damit beginnen, dass Sie sich darauf einlassen, die Kommunikation mit Ihrem Partner wieder zu erlernen. Sie müssen es wieder normal werden lassen, miteinander zu reden.

Aber gehen Sie dabei umsichtig vor.

Wenn so viel ungesagt geblieben ist, kann die Wahrheit an die Oberfläche dringen und Auseinandersetzungen verursachen, die Ihrem erneuten Engagement für die Beziehung entgegenwirken. Legen Sie erst die Basis. Was isst Ihr Ehemann am liebsten? Wenn Grace etwas Wichtiges mit Miles besprechen möchte, lässt sie den Koch oft sein Lieblingsessen zubereiten (Hähnchen in Schokosoße, falls es Sie interessiert). Mag Ihre Frau Blumen? Bestellen Sie welche! (Grace hat eine Schwäche für Orchideen, die es zum Glück in Mexiko massenweise gibt.)

In der Ehe geht es nicht nur darum zu nehmen. Sie müssen erst geben, bevor Sie erwarten können, etwas zu bekommen. Und Sie müssen es gerade dann tun, wenn Sie am wenigsten Lust dazu haben.

 

Aus dem New-York-Times-Bestseller «Wie man seine Ehe in Ehren und die Liebe frisch hält», von Dres. Miles und Grace Markell

Sie: Aber wo soll ich anfangen? Soll ich mich auf Miles konzentrieren, wie er versucht hat, mich zurückzustoßen, und dass ich das nicht zugelassen habe? Zuerst hat es mich wirklich aus dem Gleichgewicht gebracht, ja, aber dann wurde ich immer stärker. Oder soll ich mich auf Johanna und Ben konzentrieren, auf ihre Zerbrechlichkeit, ihre Kopfschmerzen – wie schön sie war, wie hingerissen er von ihr war und wie hoffnungslos die ganze Sache war? Was wirklich unter der Oberfläche vor sich ging? Oder auf Shell Williams und ihre Wodkaflaschen und starken Schlaftabletten, die ich in ihrem Gepäck gefunden – und natürlich sofort sichergestellt habe. Oder auf ihren Mann, der nicht nur ein, sondern zwei Ersatzhandys bei sich versteckt hatte? Aber Miles hatte beschlossen, sie ihm zu lassen.

Er: Warten Sie. Sie haben ihre Sachen durchsucht?

Sie: Ihr Gepäck wurde immer durchsucht. Miles’ Idee. Wir hatten die Gepäckträger dazu abgestellt. Sie erledigten das, während die Gäste zur Eröffnungsübung oben auf der Terrasse waren. Potenzielle Schmuggelware gaben sie mir. Es stand in jedem Vertrag, aber sie haben ihn alle nicht gelesen, egal wie oft wir sie dazu aufforderten, es zu tun. Johanna hatte auch etwas dabei. Ein verschreibungspflichtiges Medikament, das nicht für sie war. Das hatte ich beinahe vergessen.

Er: Das wirkt … doch sehr extrem. Das haben Sie noch nie erwähnt, dass das Gepäck durchsucht wurde.

Sie: Die ganze Sache war extrem. Darum ging es ja. (Pause.) Aber vielleicht sollte ich mit Miles und mir anfangen. Mit unserer Liebe – denn wir liebten uns. So krank und verdreht unsere Beziehung auch war, so krank und verdreht er wurde, ich liebte ihn. Und er liebte mich auch, früher. Als wir uns kennenlernten. Am Anfang ist da immer Liebe. Das Problem ist, dass ich ihn, glaube ich, zu sehr geliebt habe. Das hat ihm das Gefühl gegeben, er könne sich alles erlauben.

Die Morgensonne fiel durch Palmwedel ins Restaurant und warf Schatten- und Lichtflecken auf Johannas und Bens Tisch. Huevos Rancheros, Joghurt und grüne Säfte. «Und ein wenig Speck», sagte der Kellner und stellte ihn neben Johannas Teller. Ihr Magen zog sich zusammen und grummelte. «Der ist für ihn, nicht für mich», sagte sie und schob den Teller über den Tisch, um sich dann die Hand an ihrer Serviette abzuwischen.

«Du tust gerade so, als würde dich jede Berührung mit Fleisch kontaminieren», sagte Ben.

Sie antwortete nicht. Warum auch? Sie legte die Serviette wieder auf den Tisch und schaute sich um. Das Restaurant hieß Treehouse. Zwei hölzerne Treppen führten hinauf zu der Empore, die aus Holzbalken und -planken unter einem spitzen Palmwedeldach gebaut war. Von dort aus hatte man einen freien Blick auf den Ozean, auf den Strand und die Anlage des Resorts. Die Luft schien zu summen. Johanna sah Paare, die einander zuwinkten und sich begrüßten, die an den Tischen der anderen stehen blieben und sich unterhielten. Am Abend zuvor, als die Schmerzen sie ans Bett gefesselt hatten, hatte Ben sie immer wieder gebeten, doch zur Eröffnungsübung zurückzukehren. Schließlich hatte sie so getan, als schliefe sie, und gebetet, die Welt möge sie lange genug allein lassen, damit sie eine der Tabletten nehmen konnte, die sie in ihrer Tasche versteckt hatte. Aber als sie aus dem Bett gekrochen war, um sie zu suchen, waren sie fort – die einzigen Tabletten, die je gegen den schrillen Schmerz ihrer Migräne gewirkt hatten, die Tabletten, die so viel mehr für sie waren als nur Pillen. Seitdem hatte sie an nichts anderes mehr gedacht als an sie. An Cleo, wie sie lächelte, Cleo, wie sie weinte, Cleo, die tot neben ihrem Auto lag. Ein Albtraum, das alles. Schließlich, kurz vor Einbruch der Dämmerung, hatte der Schmerz nachgelassen, und sie hatte ein wenig geschlafen. Jetzt fühlte sie sich unsicher. Erschöpft und aufgedreht gleichzeitig.