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In seinem zu Hause, inmitten Frankreichs, blickt ein Mann in den Spiegel. Er blickt in ein Gesicht, das ihn sein Leben über begleitet hat, und ihm doch fremd ist. Es ist die Reise in die Vergangenheit, die er darin erblickt. Diese Reise beginnt im Garten seines Hauses und führt ihn zu Begegnungen mit den Menschen, die im Verlauf seines Lebens die bedeutungsvollsten Rollen eingenommen haben. Die Momente an die er sich erinnert, halten ihm Stationen seines Lebens vor Augen, die den Menschen, den er zuvor im Spiegel erblickt hat, prägten. Doch bemerkt er bei seiner Reise bald, dass diese einzelnen Stationen von etwas verbunden werden. Etwas Dunklem. Dieses Dunkle scheint es zu sein, das den ihm fremden Teil dessen erschuf, was er im Gesicht des Mannes im Spiegel erblickte...
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Oliver Lang
Sommer. In Novellen.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Sommer. In Novellen. - Teil 1
Sommer. In Novellen. - Teil 2
Impressum neobooks
Er sah in den Spiegel. Er schaute in das Gesicht eines Mannes mit braunen Augen und braunem Haar. Der Blick dieses Gesichts sog an ihm. Für einen Moment verschwamm alles andere. Was sah er in den Augen, die ihn da ansahen? Er erkannte wieder, dass so vieles in dem Gesicht schon zu sehen gewesen war. Trauer und Wut. Manchmal Unbefangenheit und Freude. Sehr früh jedoch schon Schmerz. All das hatte das Gesicht im Verlauf der Jahre die hinter ihm lagen geformt. Leichte, zum Teil noch unscheinbare Falten waren darin mittlerweile zu sehen. Die Falten, die die Nase umgaben. Diejenigen die um den Mund gingen. Die meisten Falten aber hatten sich um die Augen gesetzt. Doch schien ihm nun, als würden eben diese Augen gar nicht davon zeugen wollen, was das Gesicht aussagte. Denn der Mann im Spiegel, an den er sich soeben wieder zu erinnern begann, war gar nicht der, der ihn da ansah. Natürlich nicht. Auf einmal wurde ihm klar, warum diese Augen, seine Augen, diese stoische Ruhe ausstrahlten, die sie so sehr von dem Gesicht unterschieden. Diese Augen warteten auf etwas. Das hatten sie immer. Von Anfang an. Sie hatten zwar auch Freude genießen können, jedoch das um soviel umfangreicher gewesen wirkende, Schwierige, bereitwillig in Kauf genommen. Dies war wovon das Gesicht berichtete. In den letzten Tagen wurde ihm Entscheidendes klarer. Es hatte mit dem Mann zu tun, den er nun im Spiegel betrachtete. Das worauf seine Augen ewig lang hatten warten müssen, lag vor der Tür hinter ihm. Die Tür auf die er nun durch den Spiegel blickte. Er drehte sich um und öffnete sie.
Das durch den Türrahmen einfallende Licht blendete ihn kurz. Seine Augen hatten sich zuvor an das spärliche Licht in dem kleinen Räumchen, in dem er noch stand, gewöhnt. Er durchschritt den Türrahmen und verließ die kleine Toilette, die einen Teil des hinteren Garagengebäudes einnahm. Längs vor ihm, lag der Garten des Hauses in seiner ganzen Breite. Der Garten wurde links von ihm, vom Haus flankiert. Im rechten Bereich der ihm fernen, gegenüberliegenden Seite, standen zwei größere Bäume, die mit einigen kleineren Bäumen, eine dem Haus gegenüberliegende Reihe bildeten. Dazwischen, zwischen diesen beiden Begrenzungen, geschah so manches. Es war heute sehr lebendig hier, im Garten dieses Hauses. Unter den beiden großen Bäumen spielten einige Kinder. Sie liefen um die Bäume herum und schienen zu versuchen, sich dabei gegenseitig zu fangen. Direkt vor seinen Füßen begann ein Stück freier Rasen. Sein Blick folgte diesem, entlang der Breite des Gartens. Es war nicht weit, da endete nahe am Haus die freie Fläche. Der Rasen umrandete dort eine Steinfläche, die einen langen Tisch und beidseitig aufgestellte Bänke trug. An jeder Ecke dieses langen Tisches und an einigen Stellen unterhalb der Bänke, waren Ballons festgeklebt. Blaue, Pinke, Gelbe und ein Grüner. Eine Handvoll erwachsener Menschen, die auf den Bänken saßen, ließen sich auf vertiefte Gespräche miteinander ein, tranken aus Bechern oder aßen Kanapees die auf Tabletts auf dem Tisch standen. Sein Blick verließ den Tisch wieder. Er überwand eine kleinere Lücke. Einzelne in den Rasen eingelassene, ebene Steine führten zu einem Bereich hinter dem Tisch, der erneut komplett in Stein ausgelegt worden war. War des Bereichs Beginn recht weit entfernt von ihm, führte dieser fast bis an die ihm gegenüberliege Seite des Gartens. Dort wo der Bereich anfing, war eine Theke aufgebaut. An ihr wurden die Getränke ausgegeben, die in den Bechern der Gäste waren. Doch in diesem Moment war die Theke verwaist. Daher fiel sein Blick ein kleines Stück nach links. Nahe an der Theke führte eine Glastür ins Haus. Sie stand offen. Ein leichter Zug ließ eine Girlande, die am oberen Ausschnitt der Tür befestigt war und einige weitere Ballons, sanft hin- und hertreiben. Er bewegte seinen Kopf unvermittelt wieder in Richtung des Grases vor ihm. Etwas war von rechts herbei gehuscht. Als er die Situation erfasste, entstand ein Lächeln in seinem Gesicht. Vor ihm stand Yvonne und blickte ihn an. Yvonne war neun und damit deutlich älter als die zumeist fünfjährigen Kinder, die weiterhin in der Nähe der großen Bäume spielten. Ihre langen dunkelblonden Haare fielen offen bis auf das helle Kleid hinab, das sie an hatte. Dabei rahmten sie ein hübsches Gesicht ein, dem man die Verwandtschaft sowohl ihrer braunhaarigen Mutter, wie auch ihres blonden Vaters ansah. Für einen Tag an dem etwas gefeiert wurde, blickte Yvonne jedoch nicht sehr glücklich. Ihr wacher Blick wurde von einem stummen Mund begleitet. Doch das Lächeln das er ihr zuwarf, schien kurz darauf eine Wirkung zu haben. Es schien ihren Mund zum Leben zu erwecken.
>>Hallo Onkel.<< entgegnete sie ihm nun leicht lächelnd.
>>Hallo Yvonne!<<
Er sah sie weiterhin mit dem netten Gesichtsausdruck an.
>>Was machst du gerade Onkel?<<
Seine Gedanken wirkten für einen kurzen Augenblick als wären sie durcheinander.
>>Ach, ich wollte mich gerade wieder an den Tisch setzen, zu den Anderen.<<
Ein kurzer Moment der Stille entstand.
>>Und du? Was machst du Yvonne?<<
>>Ich habe gerade ein bisschen geschaukelt.<<
>>Aha.<< antwortete er mit nun aufmerksamem Gesichtsausdruck.
Während er flüchtig, rechts von sich, einen hinter dem Garagengebäude hervorragenden Teil der von Yvonne angesprochenen Schaukel wahrnahm, konzentrierte sich ein weiterer Teil seiner Aufmerksamkeit auf ihr stilles Verhalten. Er nahm den Zusammenhang wahr, der wohl zwischen ihrem, von den anderen Kindern isolierten Spiel und ihrer verhaltenen Stimmung bestand. Sie stand derweil immernoch recht regungslos vor ihm. Während er sie in dieser schweigsamen Pose betrachtete, begann er nachzudenken. Was konnte er ihr anbieten? Er schaute kurz auf, in Richtung der Bäume. Die anderen Kinder liefen weiterhin dazwischen umher. Ein Mädchen blieb im Sichtschutz eines der kleineren Bäume stehen. Es betrachtete einen Jungen, der offensichtlich der Fänger war. Der Junge blickte unsicher, aber auch verschmitzt in Richtung des Mädchens. Vermutlich lag der Grund dafür, dass Yvonne nicht länger mit den anderen Kindern spielen wollte, in dem Altersunterschied der zwischen ihnen lag. Da die Gäste die zu der Feier gekommen waren, bereits eine längere Weile da waren, war mit neun Jahren wohl das Maß des gemeinsamen Interesses an tobendem Spiel überschritten. Die kleineren Gäste hingegen, zeugten noch immer davon.
Er begann einen Vorschlag zu entwickeln.
>>Weißt du, ...<<
Plötzlich war aus Richtung der spielenden Kinder ein lautes Lachen zu hören. Der Junge den er zuvor, hinter dem Baum stehend, gesehen hatte, hatte das Mädchen gefangen, das sich kurz davor auf der anderen Seite des Baumes in Sicherheit wog. Obwohl der Junge bereits davongelaufen war, wohl um nicht gleich wieder dran zu kommen, stand das Mädchen, das nun mit Fangen dran war, immernoch am selben Platz. Sie bekam sich kaum ein vor Lachen. Ihr Gesicht strahlte dabei so sehr vor Freude, wie man dies nur bei Kindern sehen konnte. Bei diesem Anblick musste er selbst lächeln. Als er seinen Kopf wieder senkte, um seine Nichte erneut anzusehen, war er kurz irritiert. In seiner Wahrnehmung hatte sich für einen Augenblick das Gesicht des lachenden kleinen Mädchens, über das seiner Nichte gelegt. Er erinnerte sich dadurch unmittelbar an den Zeitraum in dem Yvonne in diesem Alter gewesen war. Die Erinnerung an vergessene Emotionen, die mit ihr in Zusammenhang standen, stieg in ihm auf. Das Gefühl des Lächelns in seinem Gesicht schien dagegen in die Ferne zu rücken, als er versuchte tiefer in dieses Vergangene einzutauchen. Dabei nahm er zwar den Garten und seine Nichte wahr, doch schienen ihm beide Eindrücke irgendwie entkoppelt zu sein von der Suche in der Vergangenheit. Doch dann spürte er, wie sich sein Lächeln noch einmal, in spitzer Form, über seine Mundwinkel legte. Er bekam eine Erinnerung zu greifen. Seine Nichte und er hatten damals etwas gemeinsam unternommen. Es musste sein erster gemeinsamer Ausflug mit ihr gewesen sein. Während die Konturen von Yvonne's neunjährigem Gesicht in seiner Wahrnehmung schwanden, gewann die Erinnerung an ihr Aussehen im Alter von vier Jahren an Stärke. Er sah ein Wochenende, das sie gemeinsam verbracht hatten. An jenem Wochenende waren Yvonne's Eltern für zwei Tage ein befreundetes, kinderloses Paar besuchen und hatten ihre kleine Tochter ihm überlassen. Während ein Teil von ihm weiterhin damit beschäftigt war, die Formulierung eines Vorschlags zur Beendigung der Langeweile seiner Nichte auszuarbeiten, ließ er es zu, dass ein anderer Teil von ihm für einige Sekunden ganz in die Erinnerung an jenes vergangene Wochenende abtauchte...
… Er saß am Steuer seines alten Wagens und befuhr die relativ leere Landstraße, die in Richtung Gebirge führte. Es war ein sonniger, früher Samstagmorgen, an dem er gemeinsam mit ihr aufgestanden war, um noch deutlich vor Mittag in dem Freizeitpark anzukommen, den er während der Abwesenheit ihrer Eltern mit ihr besuchen wollte. Als die Straße wenig Aufmerksamkeit erforderte, blickte er in den Rückspiegel. Dort sah er sie sitzen. Sie saß in dem Kindersitz, den seine Schwester ihm dagelassen hatte und blickte um sich. Sie schien abwechselnd aus dem Seitenfenster zu blicken, sich auf der Rückbank umzusehen und zu versuchen unter der Kopfstütze des leeren Beifahrer-Vordersitzes nach vorne, auf die Straße zu sehen. Er konnte ihr Gesicht dadurch von vorne sehen, wie auch im Profil betrachten. Die Kleine glich ihr zweifelsohne in großen Teilen. Seine Schwester hatte, als sie noch ebenso klein war, andere Kleidung und eine andere Frisur. Die grundsätzlichen Züge waren dem Wesen auf der Rückbank aber sehr ähnlich. Zwischen den Blicken die er ganz auf die Fahrbahn ausrichtete, kam er jedoch ins Nachdenken. Etwas war in dem Gesicht doch anders, als in dem, welches als das Gesicht seiner Schwester in seiner Erinnerung zugegen war. Sie hatte mittlerweile nach ihrer kleinen Stoffpuppe gegriffen, bezüglich der sie selbst daran gedacht hatte sie mitzunehmen. Es war für ihn das erste Mal, dass er mit einem kleinen Kind wohin fuhr. Außer der Stoffpuppe war nichts anwesend, was sie hätte unterhalten können. Keine kindertaugliche Musik, keine weiteren Spielsachen. Er beobachtete in den zur Verfügung stehenden Momenten, wie sie die bedruckte und bestickte Puppe zu etwas Lebendigem animierte. Sie benutzte für die Bewegungen der Puppe alle ihre Finger und verlieh ihr, mit dem kindlichen Spiel typischer, überzogen gesprochener Betonung, Lebendigkeit. Dabei wurden ihre Bäckchen abwechselnd dick und formten im Anschluss einen spitzen Mund. Er musste Lächeln. In einem Moment in dem sie innehielt, erkannte er es dann. Ihr Gesicht machte in diesem Moment keinen Ausdruck, den sie ihm absichtlich vorgab. Genau jetzt war er zu sehen, der Unterschied zu seiner Schwester. Was er im Rückspiegel sah, war ein Gesicht, das in sich glücklich war. Es wirkte zufrieden. Was er in seiner Erinnerung vor sich sah, war blasser. Wie die fade Erinnerung an ein Gesicht. Nur, dass die Genauigkeit der Erinnerung selbst nicht das Problem war. Das Gesicht in seiner Erinnerung war das farblosere, weil es ausdrucksloser wirkte. Es wirkte trauriger. Für einen Moment war er in seiner eigenen und der Kindheit seiner Schwester angekommen. Doch dann blickte er zuerst wieder durch den Rückspiegel in das Gesicht der Kleinen und danach auf die Straße vor ihm.
Nach einer dreiviertel Stunde, die sie noch, gegen Ende durch zunehmend kurvigere Straßen in den Ausläufern des Gebirges, unterwegs waren, kamen sie an. Er steuerte den Wagen auf den Parkplatz des Freizeitparks und stieg mit ihr aus. Gemeinsam gingen sie zum Eingangs- und Kassenbereich. Es war ein kombinierter Tier- und Freizeitpark, der sich eher an den Bedürfnissen kleinerer Kinder orientierte. Nachdem er Eintrittskarten für die Kleine und sich gekauft hatte, suchten sie gemeinsam die Toiletten im Eingangsbereich auf. Anschließend verließen sie diesen wieder, diesmal jedoch entgegengesetzt der Richtung aus der sie ursprünglich gekommen waren.
Vor ihnen führte ein mit kleinen braunen Steinchen bestreuter Weg in einem Tal entlang. An vielen Stellen waren Abzweigungen, die zu allerlei Fahrgeschäften und Themenbereichen führten. Die Attraktionen für etwas größere unter den kleinen Kindern, lagen meist an den Füßen der Hügel, die unweit oder direkt am Weg begannen. Waren die Wege bisher sehr kurz, schien nun ein ausgedehnter Spaziergang vor ihnen zu liegen.
Nach einem knappen dutzend Metern spürte er, wie etwas gegen seine rechte Hand stieß. Im nächsten Moment ergriff dieses etwas ihn und ihm wurde, mit dem gleichzeitigen Blick den er dem Geschehen widmete, klar, dass seine Nichte ihm die Hand gereicht hatte.
>>Oh, ja klar.<<
Er ergriff sie, schenkte ihr ein Lächeln und bekam Gleiches zurück.
>>Yvonne, sag, wo möchtest du als erstes hingehen?<<
>>Ich weiß nicht Onkel.<<
Sie passierten eine Reihe von Ständen mit Süßigkeiten. Er konnte sehen wie ihre hübschen grünen Augen im Vorbeigehen an dem Süßen klebten. Nun registrierte er auch wie klein und zart sich eigentlich ihre kleine Hand anfühlte. Er musste schmunzeln. Solcherlei Ausflug war definitiv nicht nur für seine Nichte eine Attraktion.
>>Kann ich was Süßes haben?<<
Er hatte die Frage erwartet. Er ließ das Schmunzeln aus seinem Gesicht verschwinden. Es war nur noch ein ganz leichtes Lächeln zu sehen als er ihr seinen Kopf erneut zuwendete und entspannt zu ihr sprach.
>>Später Yvonne. Ich möchte, dass wir beide erst etwas, hm...<<
Er brauchte einen Moment für einen geeigneten Begriff, legte aber keine besondere Kreativität an den Tag.
>>... vernünftigeres Essen als Süßigkeiten. Da es aber noch zu früh zum Mittagessen ist, sollten wir uns erst einmal den Park ansehen.<<
>>Mm, gut.<< antwortete sie knapp und gut gelaunt.
Nachdem sie die nächste Abzweigung, die zu einer kleinen Achterbahn führte, passiert hatten, kam hinter einer sanften Linksbiegung ein mittelgroßer Platz zum Vorschein. Auf dem Platz standen mehrere Karusselle und ein Verkaufsstand für Speisen und Getränke.
>>Oh Onkel Robert, guck mal. Karusselle!<<
Ihre Schrittgeschwindigkeit erhöhte sich. Nach wenigen Schritten zog sie bereits an seiner Hand.
>>Warte doch Yvonne...<< sprach er lachend.
>>… Wir sind gleich da.<<
Seine Nichte wechselte in einen etwas weniger schnellen Laufschritt, in dem sie kurz darauf an den Karussellen ankamen. Neben einem winzigen für Kleinstkinder, waren dort zwei recht große Karusselle nach dem üblichen Schema aufgebaut. Das eine bot Sitzplätze in Form von Fahr- und Flugzeugen, das andere in Form von allerlei Tieren. Rechts von diesen beiden offensichtlichen Publikumsmagneten, stand ein kleines Kettenkarussell. Er blickte auf seine Nichte.
>>Hm...<< sprach sie während ihr rechter Zeigefinger auf dem Mund ruhte.
>>Ich will auf das da. Das mit den Pferden.<< fasste sie dann zusammen, während ihr Finger nun auf das Karussell mit den Tieren deutete.
>>Na, das hab ich mir jetzt schon fast gedacht...<< äußerte er daraufhin mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck.
>>... Na gut, dann wollen wir mal.<<
Sie schritten auf das Karussell zu und stellten sich in die sehr kurze Schlange von Müttern sowie Vätern, die vor dem Karussell mit ihren Kindern warteten. Yvonne bekam schon mit dem nächsten Schwung Besuchern der das Karussell betreten durfte, einen Platz und setzte sich auf eines der braunen Pferde. Dabei half er ihr, denn sie musste um auf der Figur Platz nehmen zu können, daran emporklettern. Nach den letzten Sicherheitsansagen begann die Begleitmusik und die Fahrt des Karussells. Während diese andauerte, blickte er abwechselnd auf seine Nichte und die Umgebung um sich herum. Es strömten mittlerweile etwas mehr Besucher in den Park, als dies der Fall war, während sie noch den Weg zu den Karussellen entlanggegangen waren. Nach zwei Orientierungsrunden winkte ihm seine kleine Nichte zu, worauf er mit einem entzückten Lächeln antworten musste, das er von einem Winken begleiten ließ. Sie hatte sichtlich Spaß daran. Als die Fahrt keine zwei Minuten später beendet war, schritt er auf sie zu, half ihr von der Figur herunter und verließ den Bewegungsradius des Karussells. Er wollte gerade zur Frage übergehen, wie sie die Fahrt denn fand, als sie bereits auf die Frage antwortete, die danach gefolgt wäre.
>>Nochmal!<<
Er lachte kurz auf.
>>Gut. Wir müssen uns aber wieder anstellen.<<
Sie eilten in die Schlange, die kaum länger als zuvor war, während das Karussell erneut losfuhr.
>>Worauf möchtest du dieses Mal fahren?<< fragte er sie.
>>Ich möchte auf dem Schweinchen reiten.<<
Er blickte kurz suchend zum Karussell, identifizierte die Figur um die es seiner Nichte ging und wartete mit ihr gemeinsam auf die nächste Fahrt. Als das Karussell hielt, die Kinder die an der Fahrt teilgenommen hatten abgestiegen waren und die nächste Gruppe angezeigt bekam aufsteigen zu dürfen, gingen sie zu der Schweine-Figur. Sie konnte darauf alleine Platz nehmen, da diese viel niedriger war als das Pferd auf dem sie zuvor saß. Erneut startete die Maschine und drehte die daran erfreuten Kinder in moderater Geschwindigkeit im Kreis. Durch die geringere Höhe und kleineren Auf- und Ab-Bewegungen der Figur, fand sich seine Nichte schneller darauf zurecht und konnte die Fahrt bereits ab der ersten Umdrehung des Karussells genießen. Wieder vergingen rund zwei Minuten bis die Fahrt endete.
Als das Karussell anhielt, stand er bereits in der Nähe der Figur, auf der sie saß. Sie stieg ab und lief zu ihm.
>>Nochmal!<< rief sie im Entgegenkommen laut aus, und kicherte dabei.
>>Das macht Spaß Onkel Robert! Onkel Robert, was ist das da für ein Tier?<<
>>Äh, das, hm. Das dürfte ein Alpaka sein.<<
>>Darauf, - darauf will ich nochmal.<<
Er blickte auf die Uhr und dachte kurz nach.
>>Weißt du was Yvonne?<<
>>Nein, was weißt du denn Onkel Robert?<<
Ihre aufgeregte Stimmung legte sich ein klein wenig, bevor sie mit enttäuschter Stimme eine Vermutung anstellte.
>>Müssen wir schon wieder gehen? Aber wir sind doch grad' erst gekommen!<<
Er musste ein Grinsen unterdrücken. Dann sah er ihr in die vor Schreck geöffneten Augen und zerstreute ihre Sorgen.
>>Nein, wir müssen noch nicht gehen Yvonne. Aber ich weiß, dass es hier noch ganz viele andere schöne Sachen zu sehen gibt. Wenn wir aber hier so viel Zeit verbringen, können wir die gar nicht mehr alle sehen.<<
Ihr Gesicht wurde nachdenklich. Er sprach weiter.
>>Schau mal, das Tier auf dem du jetzt fahren wolltest, das gibt es wirklich hier in diesem Park.<<
>>In e-echt?<< fragte sie überrascht.
>>Ja, das lebendige Tier. Sogar ganz schön viele. Ich möchte dir einen Vorschlag machen. Schau, siehst du das Karussell dort?<<
Er zeigte zu dem kleinen Kettenkarussell.
>>Darauf zu fahren, macht ganz schön viel Spaß, auch wenn das Karussell nicht so schön aussieht wie das hier, auf dem du gerade gefahren bist. Was hältst du davon, wenn du auf diesem Karussell dort noch eine Runde fährst und wir dann zu den echten Tieren gehen?<<
Sie überlegte kurz.
>>Und wenn wir dann zurück kommen, darf ich nochmal hier fahren, ja?<<
>>Einverstanden.<<
Er nahm sie lächelnd an die Hand und ging mit ihr an dem Karussell mit den Fahr- und Flugzeugen vorbei, zu dem Kettenkarussell. Obwohl an den anderen Karussellen mittlerweile mehr Leute anstanden als zuvor, war die Schlange hier kaum länger als anfangs. Nach kurzem Warten kam sie an die Reihe. Er hob sie in den Sitz, legte die Stange, die zur Sicherung diente, wieder an die Stelle, an der sie zuvor ruhte und gab ihr Anweisungen sich während der Fahrt mit beiden Händen an den Ketten festzuhalten.
>>Und du brauchst keine Angst haben, es kann dir nichts passieren wenn du dich festhältst.<<
An diesem Fahrgeschäft wurde richtige Musik gespielt, die einen sehr ruhigen Klang hatte. Trotz dieses, auf einen erwachsenen Menschen sehr beruhigend wirkenden Ambientes, war die Emotion seiner Nichte eine ähnliche, aber nochmals ausgeprägtere als zuvor. Nachdem sich das Karussell angehoben und in Gang gesetzt hatte, kicherte sie laut und klatschte kurz in die Hände, was ihn wiederum kurz an seiner Idee zweifeln ließ. Doch die Instabilität die sich daraus für das Kind ergab, bewirkte, dass sie von ganz alleine wieder nach den Ketten griff. Eine Fahrt schien hier etwas länger zu dauern als auf den beiden anderen Karussellen. Als die Fahrt dann zu Ende war, eilte er zu ihr, stellte sich vor den Sitz und half ihr heraus. Nach vorne gebeugt, stellte er sie sanft wieder auf den Boden. Doch in dem Moment, in dem er sie losgelassen hatte, um sich wieder aufzurichten, beugte sie sich plötzlich vor und umarmte ihn. Er war überrascht. Dann erwiderte er den Druck und sah sie lächelnd an.
>>Danke, Onkel Robert! Das war toll!<<
Ihre Augen strahlten vor Freude. Dieser Anblick schien sich ihm seltsam deutlich einzuprägen.
>>Das freut mich. Schön das es dir gefallen hat. Aber komm...<<
Er richtete sich auf und versuchte seine Gedanken zu ordnen.
>>... Lass uns jetzt zu den Tieren gehen.<<
>>Ja, los geht’s!<<
Sie griff nach seiner Hand und marschierte mit ihm los.
Sie gingen auf dem Weg der sie zu den Karussellen gebracht hatte, weiter das Tal entlang. Er überflog an den unterschiedlichen Gabelungen die sie dabei betraten, die Ausschilderungen, anhand derer die Themenbereiche oder Attraktionen ersichtlich wurden, zu denen man kam, wenn man den Hauptweg verließ. Sie waren nur knapp eine Minute unterwegs, als er stehen blieb. Er las das Hinweisschild neben dem er stand, ausführlich. Nach kurzem Zögern blickte er den Hügel hinauf, den der Weg hoch führte, der neben dem Schild vom Hauptweg abzweigte. Dann sah er seine Nichte an, die das Geschehen kommentarlos verfolgt hatte.
>>Weißt du was?<< fragte er sie nach einem weiteren kurzen Zögern.
>>Nein. Was?<<
>>Da oben ein Stück weit auf dem großen Hügel, hinter diesem kleinerem Hügel dort, der im Weg ist... Da ist etwas. Das würde ich dir gerne zeigen bevor wir zu den Tieren gehen. Vielleicht gefällt es dir ja. Was meinst du?<<
>>Was kann man da machen?<<
>>Lass dich überraschen!<<
>>Na gut. Dann gehen wir erst da hin.<< sagte sie abschließend vollkommen gutmütig.
Er freute sich ob des gelungenen Überraschungsmoments und war gespannt auf ihre Reaktion. Nachdem sie nach einigen Höhenmetern einen kleineren Hügel umgangen hatten, der die Sicht von der Kreuzung aus versperrt hatte, kam ein weiteres Fahrgeschäft zum Vorschein.
>>Aaah! Ein Riesenrad! Das ist aber groß.<<
Sie stand mit hoch erhobenem Kopf da und beobachtete das sich drehende Gestell mit den daran hängenden offenen Gondeln. Ihr Gesicht wirkte erst überrascht, dann etwas nachdenklich. Er hielt ihr seine Hand hin und nachdem sie diese ergriffen hatte, bewältigten sie die letzten hundert Meter bis zu dem Riesenrad.
Er ging zum Kassenhäuschen, kaufte zwei Karten und stellte sich mit ihr in die Schlange. Sie mussten eine Zeit lang warten bis sie am Bereich angekommen waren, an dem man die Gondeln betreten konnte. Als sie an der Reihe waren, betraten sie die Gondeln zusammen mit zwei circa zehnjährigen Jungen und setzten sich, den Jungs gegenüber, nebeneinander. Die Fahrt startete in kurzen Schritten, da die nachfolgenden drei Gondeln ebenfalls besetzt wurden.
Während des Halts für die letzte der drei Gondeln, in der noch Passagiere zusteigen sollten, stand seine Nichte halb auf, um den Bereich um das Riesenrad besser sehen zu können. Sie waren zu diesem Zeitpunkt in etwa auf vier Metern Höhe angekommen. Während sie etwas zögernd nach unten sah, nahm die Gondel plötzlich Fahrt auf und begab sich in luftigere Höhen. Yvonne erschrak und griff nach seinem Arm.
>>Ich hab Angst. Das ist so hoch Onkel Robert.<<
Sie hatte sich wieder hingesetzt und blickte ihn leicht verängstigt an. Dadurch, dass sich das Riesenrad nicht auf dem Niveau des Tals befand, sondern einige dutzend Meter höher stand, ergab sich geschwind eine wunderbare Aussicht auf das Tal. Dies erzeugte jedoch einen noch ausgeprägteren Höheneindruck, als zu Beginn der Fahrt.
>>Du brauchst keine Angst zu haben Yvonne. Es kann dir nichts passieren.<< sprach er sanft zu ihr, während die Gondel den höchsten Punkt überschritt und wieder hinabfuhr.
Seine Nichte wirkte nicht wirklich überzeugt. Die für sie fremde Situation löste in ihrem Gehirn weiterhin eine Art Notprogramm aus. Dann drehte er sich etwas zu ihr, griff ihr unter die Arme und sah sie dabei an.
>>Magst du auf meinen Schoß?<<
>>Ja.<<
Ihre Stimme erklang mit einer Mischung aus noch anhaltender Verängstigung und Erleichterung. In der Zwischenzeit war das Riesenrad einmal um seine Achse herumgefahren und blieb kurz hinter dem höchsten Punkt stehen. Er blickte ihr von der Seite ins Gesicht. Ihre Angst schien sich etwas gelegt zu haben und war einer gewissen Verwunderung gewichen. Dann richtete er sich etwas auf und sah sich um.
>>Schau mal Yvonne. Siehst du den Hügel da hinten?<<
Er zeigte mit dem Finger von sich, in Richtung Ende des Tals. Die Steigungen, die beidseitig den Bereich um den Hauptweg einrahmten, trafen dort auf den Fuß einer weiteren, jedoch steileren Gebirgsfalte. Seine Nichte versuchte den fernen Punkt zu fokussieren, blieb aber still.
>>Der ist ganz schön weit weg, stimmt's? Bis ganz da hinten geht der Park in dem wir sind.<<
