Sommer ohne Mutter - Lise Gast - E-Book

Sommer ohne Mutter E-Book

Lise Gast

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Beschreibung

Egbert hat Geburtstag und ist jetzt endlich 9 Jahre alt. Seine große Schwester, die zwölfjährige Cary, ist und bleibt aber die Ältere von den beiden und lässt ihn das auch neckisch spüren. Weil Mutter einen Wiedereinstieg in das Berufsleben plant und Vater für eine Weile auf Reisen ist, müssen die beiden Geschwister den Sommer über bei Tante und Onkel Fricke verbringen. Das ist großartig! Egbert ist begeistert, denn Onkel Fricke hat einen Dackel – die kleine, freche Hexe – auf die Egbert sich ganz besonders freut. Die drollige Hexe versüßt den beiden Geschwistern dann auch tatsächlich den Aufenthalt bei Onkel und Tante Fricke. Alles ist unbeschwert und der Sommer vergeht mit viel Spaß und Spiel. Doch dann verunglückt Tante Fricke beim Segelfliegen und muss ins Krankenhaus. Die Sorge wird noch größer als Cary plötzlich erkrankt. Ernst und Kummer überschattet von nun an das Geschehen und Egbert sucht Trost bei Onkel Fricke und der kleinen Hexe. Aber erst die unerwartete Heimkehr des Vaters bringt eine freudige Wendung und läutet das glückliche Ende des Sommers ein.Lise Gast (geboren 1908 als Elisabeth Gast, gestorben 1988) war eine deutsche Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Sie absolvierte eine Ausbildung zur landwirtschaftlichen Lehrerin. 1933 heiratete sie Georg Richter. Aus der Ehe gingen 8 Kinder hervor. 1936 erschien ihr erstes Buch "Tapfere junge Susanne". Darauf folgen unzählige weitere Geschichten, die alle unter dem Pseudonym Lise Gast veröffentlicht wurden. Nach Ende des zweiten Weltkriegs floh Gast mit ihren Kindern nach Württemberg, wo sie sich vollkommen der Schriftstellerei widmete. Nachdem sie erfuhr, dass ihr Mann in der Tschechoslowakei in einem Kriegsgefangenenlager gestorben war, gründete sie 1955 einen Ponyhof und verwendete das Alltagsgeschehen auf diesem Hof als Inspiration für ihre Geschichten. Insgesamt verfasste Gast etwa 120 Bücher und war neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch als Kolumnistin aktiv.-

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Lise Gast

Sommer ohne Mutter

Saga

Sommer ohne Mutter

© 1962 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711510063

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Geburtstagswünsche

Egbert tat, als schliefe er noch, als er die Mutter hereinkommen hörte. Sie ging auf Zehenspitzen und trug ein kleines Tablett mit dem Geburtstagskuchen vor sich her. Behutsam setzte sie es auf das Kindertischchen, stellte eine Vase mit Himmelschlüsseln dazu, und —

Nein, sonst noch nichts. Egbert reckte den Hals und versuchte, zwischen den Stäben des Kinderbetts hindurchzuspähen, aber das Bett war niedriger als die Tischplatte, man konnte nichts erkennen. Sobald die Mutter das Zimmer wieder verlassen hatte, fuhr er hoch wie der Teufel aus dem Kasten, aber — eine Sekunde zu spät. Cary war auch wach, und:

„Wirst du wohl! Du darfst doch noch nicht gucken!“, kam es drohend von ihrem Bett her. Egbert zog den Kopf geschwind wieder ein.

„Ich will ja gar nicht! Du erschreckst einen auch immer so!“ murmelte er beleidigt. „Überhaupt hab’ ich heute Geburtstag und du nicht, du hast gar nichts zu sagen, und ich darf ...“

„Aber vorher sehen, was man kriegt, das darf man auch am Geburtstag nicht, erst recht nicht!“ eiferte Cary. Sie war schon zwölf und versäumte keine Gelegenheit, den vier Jahre jüngeren Bruder zu erziehen. Vier? Ab heute nur drei! Heute wurde er neun, und Carys Geburtstag war erst im Herbst. Auf diese Weise holte er im Sommer immer sozusagen ein ganzes Jahr auf, und tief in seinem Inneren saß eine kleine, jedes Jahr neu aufblühende Hoffnung, daß er sie schließlich irgendwann einmal ein-, ja sogar überholen würde. Stets eine ältere, in jeder Beziehung überlegene Schwester vor der Nase zu haben, das machte ja auch keinen Spaß, wahrhaftig!

Neun Jahre! Das war wie eine neue Haut und eine größere Schuhnummer. Überhaupt, ob er nun die Schuhe bekam, die er sich so heiß wünschte? Ein Paar Jungenschuhe, endlich richtige, neue, keine von Cary geerbten. In der Schule fanden sie, daß ein Junge keine Mädchenschuhe tragen dürfe, ohne ausgelacht zu werden, und sie sagten es unverblümt, Klaus und Horst und Wolf und Peter. Die hatten gut reden — Klaus besaß überhaupt keine Geschwister und bekam alles neu, und Horst und Wolf hatten ältere Brüder, aber keine Schwestern. Wenn sie etwas erbten, so waren es Jungensachen.

Egbert seufzte. Er hatte sich noch mehr gewünscht, und jetzt, kurz vor der Bescherung, ging er ganz schnell noch einmal alle seine Wünsche durch. Sollte man sich nicht lieber statt des Balles, den Cary ja doch „mitkriegte“, etwas ganz für sich allein wünschen, ein Taschenmesser mit Kette, das man am Gürtel festmachen konnte und das einem dann doch wirklich ganz allein gehörte, oder ...?

Ein Wunsch saß seit langem in ihm, ein ganz großer. Der hieß: Endlich soll einmal alles anders werden. Anders! Wenn man neun war, konnte man das verlangen. Nicht mehr mittags schlafen müssen, nicht mehr abends eher als Cary ins Bett geschickt werden, — groß sein.

„Das wünsch’ ich mir am aller-allermeisten“, murmelte er in sein Kopfkissen, eilig, weil Mutters leichte und gleichsam zärtliche Schritte im Flur schon wieder zu hören waren, „alles soll anders werden. Alle müssen Egbert zu mir sagen — ich will groß sein, endlich groß —.“ Egbert war fest davon überzeugt, daß alle Wünsche, die man kurz vor dem Anzünden der Geburtstagskerzen noch schnell sagte, in Erfüllung gingen. Jetzt ...

Schnell wieder hingelegt, Augen zu, höchstens geblinzelt. Mutter stand vor dem Tischchen. Man hörte, wie sie dies und das hinlegte, rückte, neu ordnete — und dann machte das Streichholz „ratsch“. Egbert fühlte die Spannung süß und beklemmend in sich aufsteigen — vielleicht bekam er den Ball, und es wurde alles anders? Immer hatte es doch mehrere Sachen gegeben, voriges Jahr und vor zwei Jahren ...

„Kräht der Hahn früh am Morgenkräht er laut, kräht er leis“,

sang Mutters Stimme halblaut und vorsichtig. Sie glaubte ja, er schliefe noch. Cary fiel ein:

„Guten Morgen, lieber Egbert,dein Geburtstag ist heut!“

Egbert tat, als würde er jetzt erst wach. Das gehörte dazu. Er blinzelte und setzte sich auf. Die beiden andern sangen weiter:

„Und die Kerze auf dem Tischeleuchtet hell, leuchtet weit ...

Guten Morgen, lieber Egbert —“

Ja, da standen die Schuhe! Jungenschuhe, glänzend braun, spiegelnd im Licht der Kerzen, und —

„Und der Kuchen auf dem Tischemacht sich dick, macht sich breit,

Guten Morgen, lieber Egbert ...“

Jetzt durfte man aufgewacht sein. Egbert stand barfuß im Schlafanzug vor dem Tisch, während Mutter und Cary noch ein bißchen weitersangen, ein bißchen, nicht mehr lange. „Drei Verse genügen“, hatte Mutter mal gesagt, und die Geschenke mußten doch auch erklärt werden.

„Das hier hast du von mir“, sagte Cary eifrig, „es geht aufzuziehen, gib acht —“

„Wollen wir mal probieren, ob die Schuhe passen?“ fragte die Mutter dazwischen. „Diesmal sind es richtige Jungenschuhe, siehst du. Vater hat extra geschrieben, daß ich solche kaufen soll.“

Der Vater war seit ein paar Wochen verreist. Er hatte manchmal in anderen Ländern zu tun, in England und in der Schweiz und im Augenblick sogar in Amerika, aber er vergaß auch dort natürlich nicht, daß Egbert Geburtstag hatte.

„Das hier hat er geschickt. Solche Hemden tragen die Jungen drüben!“

„Die kleinen Jungen“, hatte Mutter sagen wollen. Aber sie verschluckte es rasch. Vater hatte es ihr extra geschrieben, und im letzten Augenblick war es ihr noch eingefallen.

„Er ist kein kleiner Junge mehr, der Egbert“, hieß es in dem Brief, der dieses bunte Hemd begleitet hatte. „Ich weiß, du möchtest am liebsten, daß er immer, immer dein allerliebster, kleiner Wuz bleibt, dein Klümpchen Mensch, wie du immer sagtest. Mit neun Jahren trägt man Jungenschuhe und geht eigene Wege damit, und wenn Freunde zu Besuch kommen, will man unter sich sein.“

„Fein, ich zieh’ es gleich an“, sagte Egbert. Es war ein hellblaues Hemd, auf dem Cowboys und Indianer, Mustangs, Lagerfeuer und Stiere zu sehen waren, ein richtiges Jungenhemd. „Und heute nachmittag will ich es auch anhaben.“

„Dann darfst du es aber nicht bekleckern“, sagte Cary sofort. „Wenn wir jetzt Schokolade bekommen zum Frühstück, und —“

„Laß nur. Egbert ist groß, und große Jungen bekleckern sich nicht mehr“, sagte Mutter freundlich. „Wollen wir jetzt frühstücken, ja? Dann kommt! Ich muß euch nämlich noch viel, viel erzählen.“

„Geburtstagssachen?“ fragte Egbert begierig.

Die Mutter lächelte ihn an.

„Man kann es so nennen.“ Sie ging den Kindern voran in die kleine, blitzblanke Küche, wo der Frühstückstisch am Fenster schon gedeckt war.

Egberts und Carys Eltern wohnten in einem Reihenhäuschen am Rande der Stadt. Es gab hier je ein winziges Gärtchen vor und hinter dem Haus, einen großen Spielplatz für alle Kinder zusammen und glatte, schöne, helle Straßen ohne Straßenbahnen und schnelle Autos. Die Autos, die sozusagen hier wohnten, fuhren alle langsam, denn zu ihnen gehörten auch Kinder, die über die Straßen liefen, um einem Ball nachzuspringen, Hopskästel mit Kreide auf den Asphalt zeichneten oder kreiselten. Jetzt, da es wieder Frühling wurde, quollen die Kinder nur so aus den Häusern heraus, jedes Jahr um diese Zeit wunderte man sich, daß so viele da waren. „Ihr dürft dann auch raus, natürlich“, versprach die Mutter, während sie die Geburtstagsschokolade eingoß, „und Egbert behält die neuen Schuhe an. Dürfen wir den Kuchen schon jetzt anschneiden, Egbert? Danke, ja. Für heute nachmittag backe ich dann noch einen Blechkuchen dazu.“

Früher hieß Egbert in der Familie Wuz, ‚der Wuz‘ eigentlich. Alle hatten ihn so genannt, es hatte sich so ergeben. Er wollte es nicht mehr hören, und Mutter hatte sich vorgenommen, von nun an ernstlich Egbert zu sagen. „Jedes ‚aus Versehen‘ kostet zehn Pfennig in dein Sparschwein!“ hatte sie versprochen. Noch war kein einziger Groschen hineingeklappert, und Egbert fühlte beinah eine kleine Enttäuschung.

„Hallo, Wuz! Wir gratulieren!“ klang es in diesem Augenblick zweistimmig. Egbert juchzte auf, rutschte vom Stuhl und stürzte den Ankommenden entgegen. Zwei Groschen, denn zwei Stimmen hatten ‚Wuz‘ gesagt!

Es waren Jörg und Reinhard, die beiden Studenten, die jede Woche zweimal bei ihnen aßen. Wenn sie Nachtdienst hatten — sie verdienten sich überall, wo sie nur konnten, etwas für ihr Studium dazu — erschienen sie auch manchmal frühmorgens und futterten sich mit einem guten Frühstück voll, ehe sie an ihre Tagesarbeit gingen. So heute.

„Haha, ihr müßt Strafe zahlen!“ schrie das Geburtstagskind, während die Mutter rasch Kaffee aufgoß.

„Setzt euch, ihr bekommt sofort etwas Ordentliches. Ja, sehr schön, daß ihr grade jetzt kommt, wir frühstücken heute üppig und so lange wir wollen.“

Die beiden Studenten setzten sich. Sie hatten Egbert natürlich etwas mitgebracht, der eine einen Frosch, der hopsen konnte, wenn man auf seinem Bauch eine Feder herumlegte. Lustig an diesem Frosch war, daß man nie wußte, wann er hopste.

Jörg hatte dieses Spielzeug selbst gebastelt und schon viele Leute damit erschreckt, wie er begeistert erzählte. Einmal hatte er den Frosch sogar einem nichtsahnenden Professor auf das Rednerpult gesetzt, die Feder ganz, ganz fest angedrückt, und dann saßen sie alle und warteten gespannt, wann der Frosch springen würde. Es dauerte fast zwanzig Minuten, und der Professor, der sich in diesem Augenblick gerade die Nase putzte, erschrak verhältnismäßig wenig, nahm den Frosch in die Hand und betrachtete ihn eingehend. „So eingehend“, berichtete Jörg lachend, „daß ich Angst hatte, er würde ihn überhaupt nicht mehr herausrücken. Und was hätte ich dem Wuz dann schenken sollen?“

„Zehn Pfennig!“ schrie Egbert.

„Ich finde den Frosch viel schöner als zehn Pfennig“, sagte Jörg und tat, als habe er Egbert falsch verstanden. Egbert und Cary erklärten eifrig und überlaut.

Reinhard hatte ein leeres Heft mitgebracht.

„Du kannst dir wünschen, was ich hineinzeichnen soll“, sagte er, „jeden Tag aber nur eine Seite voll. Na, heute auch zwei, weil Geburtstag ist.“

Auf diese Weise saß man lange beim Frühstück.

„Am liebsten gingen wir gar nicht weg“, sagte Reinhard schließlich, „aus unserer Bude müssen wir sowieso raus. Wir bekamen sie nur für das Winterhalbjahr. Jetzt heißt es also wieder Wohnung suchen —.“ Er seufzte. Mutter sah ihn nachdenklich an.

Sie war überhaupt stiller als sonst. Als die beiden Studenten aufbrachen, gab ihnen die ganze Familie noch das Geleit bis zur Straßenecke. Dort nahm die Mutter beide Kinder an der Hand, ging mit ihnen zum Haus zurück und setzte sich mit ihnen auf die Stufen vor der Haustür. Die Sonne schien warm, beinah wie im Sommer. Die Steine waren gar nicht mehr kalt.

„Tja, ich wollte euch doch noch was erzählen“, sagte die Mutter.

„Eine Geschichte?“ fragte Egbert begierig. Cary sah die Mutter prüfend an — nein, keine Geschichte.

„Was Wirkliches, du Dummer“, sagte sie strafend, „du immer mit deinem Geschichtenerzählen!“

„Ja, etwas Wirkliches.“ Die Mutter nahm sich zusammen und fing an. „Paßt auf, es ist so. Egbert hat sich doch gewünscht, endlich groß zu sein. Wenn man groß ist, wird vieles anders im Leben. Vielleicht wird jetzt wirklich einmal alles anders bei uns, jedenfalls für einige Zeit.

Vaters Reise dauert diesmal länger als sonst, weil sie nach Amerika ging — vier Monate, vielleicht fünf, das war noch nie so und wird wohl auch eine Ausnahme bleiben. Aber Ausnahmen kann man ja ruhig ausnützen, und so habe ich einen Plan gefaßt. Dr. Sommer, bei dem ich viele Jahre als Schwester arbeitete — ich hab’ euch oft davon erzählt — schrieb mir nun gerade, er würde sich sehr, sehr freuen, wenn ich für eine Zeitlang zu ihm zurückkäme. Er findet keine Operationsschwester, mit der er so gut zusammenarbeiten kann wie mit mir. Glaubt ihr, daß mich das freut?“ Sie sah ihre Kinder an. Carys kluges Gesicht unter dem dunklen, nach hinten gebundenen Haar erwiderte ihren Blick ernst und beinah erwachsen. Sie nickte langsam. Egbert enthielt sich der Stimme.

„Jetzt hopst er, paßt auf!“ schrie er dann plötzlich. Der Frosch saß vor ihm auf der Stufe.

„Ja, ich würde es sehr, sehr gern tun. Nicht für immer, bewahre. Für immer bin ich am liebsten bei euch, bei Vater und bei euch beiden, in unserm süßen Häuschen. Aber für eine Zeitlang ...“ Eine Weile war es still.

„Nur müßtet ihr woanders hin, wenn ich nach München gehe“, fuhr Mutter fort. „Wie wäre das, für ein halbes Jahr? Was meint ihr?“

„Ich glaube, er hopst überhaupt nie“, sagte Egbert und nahm den Frosch, ein kleines Zögern überwindend, wieder in die Hand. „Er will nicht.“

„Du hast die Feder zu fest angedrückt“, sagte Cary weise, „gib her ...“

„Nein, das ist mein Frosch!“

„Ich will dir ja nur zeigen, wie man’s richtig macht!“

„Ruhig! Ihr werdet euch doch am Geburtstag nicht zanken!“ sagte Mutter mit einem kleinen Seufzer. „Nein, der Frosch gehört Egbert, auch wenn Cary älter ist. Paßt auf: ich gehe jetzt in die Küche und koche Egberts Geburtstagsessen. Solange bleibt ihr hier draußen. Ihr könnt auch den neuen Ball mitnehmen. Bei Tisch erzähle ich euch weiter.“

Sie stand auf und sah den beiden nach, wie sie davonstoben, dem Spielplatz zu, Egbert mit dem Frosch in der Hand, Cary mit dem Ball. Hatten sie eigentlich begriffen, wovon sie mit ihnen gesprochen hatte?

Bei Tisch also ging es weiter.

Es gab eine Speisenfolge, die Egbert sich hatte ausdenken dürfen: Brühsuppe mit Klößchen, Eierkuchen und Apfelmus. Mutter hatte zum Apfelmus sogar noch Waffeln spendiert. Müde und von der Frühlingsluft wie betrunken aßen sich die Kinder toll und voll und bewältigten nicht einmal das Apfelmus ganz. So etwas kam selten vor.

„Satt bis oben“, erklärte Egbert, und Cary blinzelte. Die Mutter sagte:

„Wir sind vorhin nicht weitergekommen. Ich habe also an Dr. Sommer geschrieben, daß ich gern komme, wenn ich euch für diese Zeit verborgen kann. Was meint ihr?“ „Verborgen? Wohin denn?“ Egbert und Cary hatten schon manchmal vierzehn Tage bei den Großeltern verbracht. Einmal waren sie in einem Kinderheim gewesen und einmal im Haus einer Tante, die selbst vier Kinder hatte. Diesmal aber handelte es sich nicht um vierzehn Tage oder vier Wochen, sondern um ein halbes Jahr.

„Ich dachte an Tante Fricke. Sie hat mich oft und oft gequält, euch einmal haben zu dürfen.“

Cary lachte.

„Dort ist es fein. Dorthin ginge ich gern. Und sie will uns nehmen?“

„Ich habe mit ihr gesprochen, aber noch nicht endgültig. Ich wollte ja nichts fest ausmachen, solange ich nicht wußte, ob ihr mögt. Ihr sollt mögen, ihr sollt euch drauf freuen, verstehst du. Sonst bleibe ich hier und sage Dr. Sommer ab.“

Cary blickte die Mutter an. Die Mutter sah immer hübsch und jung aus. Sie war die schönste Mutter der ganzen Siedlung, blond und mit heller Haut und in den Bewegungen leicht und geschmeidig wie ein junges Mädchen. Jetzt aber sah sie noch jünger aus als sonst, fand Cary. Ihr Blick war gespannt, unsicher und ein bißchen bittend.

„Ich freu’ mich jedenfalls“, sagte Cary schnell und bestimmt und lauter als nötig. „Ich freue mich! Tante Fricke ist so lustig, und Onkel Fricke nimmt uns bestimmt im Auto mit. Nicht, Egbert?“ Sie sah den Bruder auffordernd an.

„Ja-a“, sagte Egbert, „o ja, Tante Fricke ist nett ... Wo schlafen wir denn dann dort?“ fragte er nun plötzlich interessiert.

„In Annelies’ Zimmer. Annelies ist ja nicht mehr zu Hause. Also ihr wollt wirklich?“ Mutters Frage klang unterdrückt glücklich. Cary nickte. Und da nickte auch Egbert.

„Kommt, wir rufen an“, sagte Mutter und wollte aufstehen. Cary aber kam ihr zuvor und rückte das Tischchen mit dem Telefon schnell in Mutters Reichweite. „Bleib sitzen, es geht auch so!“

Die Mutter drehte die Wählscheibe. Die beiden horchten und blickten gespannt auf Mutters Mund. Jetzt meldete sich drüben eine Stimme. Ja, das war Tante Fricke. Unverkennbar! Sie sprach hoch und ein bißchen blechern, aber immer vergnügt.

„Ob ich die Kinder will? Ich habe grade ein vierbeiniges bekommen“, hörte Cary, die dicht neben der Mutter stand, „ja, ein sehr ungezogenes. Dreimal hab’ ich es schon versohlt. Hat den Teppich angeknabbert und meine Hausschuhe verschleppt ...“

„Den Teppich angeknabbert?“ flüsterte Cary.

„Du, das tun meine bestimmt nicht“, lachte die Mutter, die schon richtig verstanden hatte. „Und wie heißt dein Pflegekind?“

„Hexe. Ist auch eine. Wiegt kaum fünf Pfund und frißt täglich zehn ...“

„Ein Dackel! Tante Fricke, nicht wahr, ein Dackel!“ rief Cary jetzt so laut, daß man es im Telefon bestimmt hörte. „Siehst du, Mutter, ich hab’ es gleich erraten! Ein junger Dackel!“

„Da hast du jetzt wohl keine Zeit für zwei zweibeinige Kinder?“ fragte Mutter vorsichtig. Tante Fricke lachte.

„Doch! War doch ausgemacht! Wenn sie mögen?“

„Du meinst es wirklich ernst?“

„Natürlich! Wann bringst du sie mir denn?“

„Ein Dackel! Dürfen wir mit ihm spazieren gehn?“ jauchzte Cary. „Hat er schon ein Halsband — und eine Leine? Und darf ich ...“

„Jajaja! Alles! Ich bin froh, wenn die Kinder kommen! Sie können ihn ausführen und auf ihn achtgeben und alles. Wie ich höre, hat Cary Lust. Und der Wuz?“

„Er heißt ab heute Egbert“, sagte die Mutter und lächelte ihren Sohn über den Hörer hinweg an. „Ja, ich glaube, er will auch. Jedenfalls hat er nichts dagegen gesagt.“

„Oder?“ fragte sie lachend, nachdem sie aufgelegt hatte. „Was könnte man denn dagegen haben, wenn man in ein Haus mit einem jungen Dackel kommt?“

Sie wußte, wie sehr sich ihre Kinder einen Hund wünschten. Schon immer. Alle Versuche, sich hier einen zu halten, waren an zwei übergroßen und sehr streitsüchtigen Katern der Nachbarschaft gescheitert, zum Kummer von Cary und Egbert.

„Jetzt!“ rief Egbert und sah verklärt zu seiner Mutter auf. „Endlich!“ Der Frosch war gesprungen und saß mitten im Apfelmus.

Die Mutter lachte, packte ihren kleinen Geburtagsjungen am Kopf und küßte ihn stürmisch und zärtlich ab, was dem gar nicht gefiel.

„Laß mich! Ich ersticke!“ röchelte er und versuchte, sich den Liebkosungen zu entziehen. Cary sah zu, halb schadenfroh, halb eifersüchtig.

„Jetzt hast du Wuz gesagt“, grollte sie. Mutter lachte und küßte weiter, wo sie nur ein Stück von Egberts Wangen oder Stirn erwischte.

„Überhaupt nichts hab’ ich gesagt! Ach ihr Kindsköpfe! Ihr schrecklichen, abscheulichen, gräßlichen, geliebten Kindsköpfe! Geht nur zu eurer Hexe, geht!“

Es wurde ein langer, schöner, lustiger Geburtstag. Die Mutter und Cary bereiteten alles vor, und dann sprach die Mutter ein bißchen mit ihrer Tochter allein, als Egbert schlief. Für kurz hatte er sich doch hingelegt. Er mußte nicht, aber er durfte.

„Du nimmst dir dein Geburtstagsbuch und legst dich hin, bis deine Gäste kommen“, hatte die Mutter geraten. „Natürlich nicht ins