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Die achtzehnjährige Leni ist mit ihrem gelebten Einsiedlertum rundum zufrieden. Wenn sie allein am Meer sitzt oder einfach nur am Schreibtisch um zu zeichnen, ist sie glücklich. Als ihr alleinerziehender Vater sie zu einem Treffen mit einem jungen Mann nötigt, geraten ihre Überzeugungen dennoch ins Wanken und das, obwohl sie ihr Zwangsdate bei einer ersten Begegnung bereits mit wenig schmeichelhaften Eigenschaften wie dreist und dickfällig bedacht hatte. Der Beginn einer Beziehung zwischen Freundschaft und aufkeimender Liebe, dessen Entwicklung auf rätselhafte Weise mit dem traurigen Schicksal der vierjährigen Maggie verknüpft zu sein scheint.
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Britta Bley
Sommer, Sonne, Strand und Er
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Warum nichts blieb, wie es war
Dreistigkeit siegt
Schlafanzug und schwarze Füße
Fremdgesteuert
Dröhnender Kopfschmerz und eingeschweißte Schokocroissants
Über noch mehr Dreistigkeit und kleine Vögel
Trübe Gedanken und lachende Augen
Puppenliebe
Unverhofft kommt oft
Luftsprünge
Moralapostel ohne Moral
Ein neues Gefühl von Vertrautheit
Kinderliebe
Zeit für sich
Zusammenhänge
Der Anfang vom Ende
Neuanfang
Impressum neobooks
Maggie zupfte fordernd am Hemd ihres Vaters, bis dieser schließlich stehen blieb und das kleine Wunderding erneut aus seiner Hosentasche zog. Mehr als eine halbe Stunde waren sie bereits unterwegs, für einen Fußmarsch, der unter normalen Umständen keine zehn Minuten gedauert hätte. Doch nun bewies ihr Vater abermals eine Engelsgeduld, indem er ihren Heimweg unterbrach und das bunt glitzernde Jo-Jo gekonnt auf- und abschnellen ließ. Die unmittelbare Belohnung erfolgte in Form eines vergnügten Kreischens seitens Maggie. Dabei strahlten ihre großen blauen Augen ihren Vater schwärmerisch an.
„Papa, Papa, darf ich es jetzt auch mal versuchen?“
Statt eine Antwort abzuwarten, versuchten Maggies kleine Hände vergeblich das glitzernde Spielzeug aus der Luft zu greifen. Aus Angst, seine Tochter womöglich zu treffen, unterbrach er sein Spiel, indem er das Jo-Jo, am höchsten Punkt angelangt, fest mit der Rechten umschloss.
„Ich befürchte, das ist noch ein bisschen schwierig und das Band wird für dich zu lang sein“, äußerte der Vater seine Bedenken, in der Absicht, seiner Tochter einen vorprogrammierten Misserfolg ersparen zu wollen.
Entrüstet stemmte sie ihre kindlichen Ärmchen in die Seite und stampfte wütend auf, wie sie es sich bei den Großen abgeschaut hatte.
„Du kannst es mich ja wenigstens mal versuchen lassen, vielleicht schaffe ich es ja doch!“, forderte Maggie trotzig.
Dabei war der eben noch bewundernde Blick einem bösen Funkeln gewichen.
Er verspürte beim Betrachten dieses willensstarken, kleinen Persönchens, seiner Tochter, unendliche Liebe und Stolz. Um nicht den Eindruck zu vermitteln, sie nicht ernst zu nehmen, verkniff er sich sein Lächeln und reichte seiner Tochter ergeben das Jo-Jo. Gerade wollte er zu einigen grundlegenden Erklärungen ansetzen, als sie sich das Spielzeug auch schon geschnappt hatte.
Mit den Worten: „Papa, ich kann das schon!“ und ausgestrecktem Arm, hielt Maggie ihren Vater auf Distanz.
Sie wandte sich ein wenig von ihm ab, um alleine und in Ruhe die notwendigen Vorkehrungen für einen Versuch zu treffen. Geschickt meisterte sie die erste Herausforderung, indem sie mit dem Mittelfinger der rechten Hand durch die kleine Schlaufe am Ende der Schnur schlüpfte, während die linke Hand das Jo-Jo hielt. Bei der Übergabe von der einen Hand in die andere, bereitete es Maggie einige Mühen den Mittelfinger gleichzeitig gestreckt zu halten und mit den restlichen Fingern das Jo-Jo zu umschließen. Nachdem sie mehrere Male die Schlaufe verloren hatte, weil der eine Finger einfach nicht gerade bleiben wollte, wenn sich alle anderen beugten, schaffte sie es schließlich doch. Erwartungsfroh streckte sie ihren Arm, wie sie es vorher dutzende Male bei ihrem Vater beobachtet hatte. Unmittelbar mit dem Öffnen der Hand, wickelte sich die lange Schnur rasant vom Mittelsteg, der die beiden glitzernden Scheiben miteinander verband. Kurz vor der Berührung mit dem Gehsteig riss Maggie ihren Arm in die Höhe, um damit den Richtungswechsel des Jo-Jos zu veranlassen. Doch anders als erwartet, kam es nicht zu ihr zurück, sondern prallte mit voller Wucht auf der Gehwegplatte auf. Entsetzt registrierte Maggie, wie sich das Jo-Jo immer weiter von ihr entfernte und schließlich von der Bordsteinkante auf die Straße kullerte. Im gleichen Moment verlor sie auch noch die letzte Einflussmöglichkeit, da ihr die Schlaufe vom Finger gerutscht war. Enttäuscht, ob des missglückten Versuchs, sprintete sie hinter ihrem
Jo-Jo her, mit dem festen Vorsatz, es direkt ein zweites Mal zu versuchen und doch noch zu schaffen.
Maggie hörte ein lautes Quietschen, das von einem schrillen, durch Mark und Bein gehenden Schrei ihres Vaters begleitet wurde. Aus dem Augenwinkel sah sie ein rotes Auto auf sich zukommen. Bereits im nächsten Moment wurde sie durch den kräftigen Stoß ihres Vaters hart auf den rauen Asphalt der Straße geschleudert. Es folgte ein lauter, dumpfer Knall.
***
Bei einem überaus tragischen Verkehrsunfall kam gestern ein 33-jähriger Familienvater ums Leben. An einer wenig befahrenen Nebenstraße sprang dieser, in einer schlecht einsehbaren Kurve, direkt vor ein herannahendes Auto. Er stieß seine vierjährige Tochter, die sich zu dem Zeitpunkt aus noch ungeklärter Ursache auf der Fahrbahn befand, an die Seite und rettete ihr damit vermutlich das Leben.
Der Autofahrer hatte keine Chance auszuweichen und steht seither unter Schock. Während der bereits kurz nach dem Unfall eingetroffene Notarzt bei dem Familienvater nur noch den Tod feststellen konnte, erlitt seine Tochter lediglich leichte Abschürfungen sowie eine Platzwunde am Kopf. Das Mädchen steht ebenfalls unter Schock.
Leni saß allein an ihrem Schreibtisch und kritzelte mit dem Bleistift auf ihrem Skizzenblock herum. Das runtergezogene Rollo verdunkelte den Raum so weit, dass sie gezwungen gewesen war, ihre Schreibtischlampe anzuknipsen. Gerade zerknüllte sie zum wiederholten Male ein Blatt Papier, knetete es zu einer festen kleinen Kugel und warf es gekonnt in den Papierkorb. Das Treffen des Mülleimers schien das Einzige zu sein, was ihr heute gelingen wollte.
Zu allem Überfluss ließen die deutlich hörbaren Schritte auf der hölzernen Treppe vermuten, dass ihr Vater auf dem Weg zu ihr war. Sie liebte ihren Vater über alles, aber er verstand es einfach nicht, dass sie gerne für sich war und keine Freunde wollte und brauchte.
„Leni, bist du hier?“, fragte ihr Vater, während er mehrere Male mit den Knöcheln seiner Hand leicht, fast schon rhythmisch, gegen die Tür klopfte.
Was das anging, konnte Leni sich wirklich nicht beschweren. Seit sie vierzehn Jahre alt war, hatte er es sich zur festen Angewohnheit gemacht, an ihre Zimmertür zu klopfen und auf ein Zeichen ihrerseits zu warten, bevor er ihr Allerheiligstes betrat. Vielleicht hatte ihm mal irgendeine Freundin geraten, dass er als alleinerziehender Vater einer Tochter besonders auf die Wahrung ihrer Intimsphäre achten sollte, oder er war einfach von alleine darauf gekommen. Auf jeden Fall war sie ihm sehr dankbar dafür.
„Wo soll ich denn sonst sein, vielleicht in Takatukaland?“, erwiderte sie jetzt trotzdem ein wenig patzig.
Ihre Antwort großzügig als Eintrittserlaubnis auslegend, öffnete er ihre Zimmertür und lugte vorsichtig um die Ecke.
„Das nicht, aber vielleicht am Strand, wo die jungen Leute ein Fest feiern, dessen Name mir gerade nicht einfallen will. Dort spielt sogar eine Liveband, soviel ich weiß. Wenn du dich nicht so abgeschottet hättest“, mit einem Arm wies er auf das runtergezogene Rollo, „dann hättest du auch registriert, dass draußen bestes Wetter ist. Bei den Temperaturen in der Bude zu hocken ist fast schon ein Verbrechen.“
„Wie gut, dass du mich nicht verhaften lassen musst, ich war quasi schon auf dem Sprung“, log Leni ohne rot zu werden, nur um sich ihrem Vater gegenüber nicht weiter rechtfertigen zu müssen oder womöglich eine Grundsatzdiskussion zu starten.
„Das ist schön!“, antwortete ihr Vater leicht verunsichert, da er mit deutlich mehr Widerstand gerechnet hatte.
Auch wenn Leni ihrem Vater nun den Rücken zuwandte, um sich wieder ihrem jungfräulichen Blatt zu widmen, statt sich zum Weggehen fertig zu machen, verließ er stirnrunzelnd das Zimmer. Er hoffte, sie würde ihr Wort halten.
Nachdem Leni zwei weitere Papierkugeln im Eimer versenkt hatte und damit die Hoffnung schwand, etwas Brauchbares aufs Blatt zu zaubern, raffte sie sich schließlich auf. Außerdem befürchtete sie, ihr Vater könne einen weiteren Versuch unternehmen, sie aus dem Haus locken zu wollen. Ganz sicher würde sie kein zweites Mal so glimpflich davonkommen, sondern müsste mindestens einen bereits mehrfach gehörten Vortrag über die Notwendigkeit des Kontaktes zwischen gleichaltrigen Menschen über sich ergehen lassen. Das wollte sie ihrem Vater und sich gleichermaßen ersparen. Zu ihrem Verdruss schienen sich die Bemühungen ihres Vaters in Sachen Mission Leni-wie sie seine ganzen Aktionen heimlich etwas spöttisch getauft hatte-noch verstärkt zu haben, seitdem die verbleibenden Tage in seinem Hause gezählt waren. Sie wollte ihm den vermeintlichen Erfolg gönnen und schließlich musste er ja nichts davon wissen, dass sie sich unter keinen Umständen die Menschenmassen auf der School is out-Party am Strand antun würde und ein bisschen frische Luft um die Nase wehen lassen, konnte der Kreativität nicht schaden.
Leni setzte sich ein Cap auf ihren fransigen, blonden Pagenkopf und klemmte sich ihre Sonnenbrille mit dem Bügel an den Ausschnitt ihres T-Shirts. Auf der Treppe sitzend zog sie sich einen dunkelblauen Chuck an den rechten Fuß und einen grasgrünen an den linken. Hintergrund hierfür war ein kitschiger Film über eine Frauenfreundschaft, in dem die beiden Hauptdarstellerinnen jeweils einen Schuh zum Zeichen ihrer Verbundenheit miteinander getauscht hatten. In Lenis Leben gab es niemanden, der ihr Schuh-Pendant hätte sein können. Kein Grund, nicht trotzdem zwei verschiedene Schuhe zu tragen. Während ein Psycho-Doc in dieses Gebaren unter Garantie die Sehnsucht nach Freundschaft hineininterpretiert hätte, untermauerte Leni damit eigentlich nur ihre Philosophie ich brauche niemanden für nichts.
Leni rief ihrem Vater einen Abschiedsgruß durch die angelehnte Tür ins Wohnzimmer, um schnell verschwinden zu können und sich keine weiteren Details, in Bezug auf Zielort und Begleitung, aus den Fingern saugen zu müssen. Sie hasste es, ihrem Vater ständig ins Gesicht lügen zu müssen, auch wenn sie ihm ganz klar eine Mitschuld gab, da dieser mit seinem Verhalten und seiner ganzen Fragerei ihre kleinen und größeren Unwahrheiten überhaupt erst provozierte, wie sie fand.
Beim Hinaustreten ins Freie bremsten Licht und Wärme für einen kurzen Moment ihren entschlossenen Schritt. Während sie der grelle Sonnenschein blendete und ihr damit die Sicht nahm, fühlte sich die Hitze an, als würde sie gegen eine unsichtbare Wand laufen. Doch nachdem sie sich ihre Sonnenbrille aufgesetzt hatte, trieb sie außerdem die Zuversicht voran, dass sie am Meer eine angenehme Brise umwehen würde.
Das Meer war ihr zweitliebster Aufenthaltsort, gleich nach dem heimischen Schreibtisch. Der Vorteil des Schreibtisches war eindeutig die Gewissheit, dass sie dort keine störenden Eindringlinge zu erwarten hatte; ließ man ihren Vater da mal raus. Aber auch am Wasser hatte sie mittlerweile ihre Plätze gefunden, an denen ihr mit großer Wahrscheinlichkeit keine Menschenseele begegnete. Heute war sie sich sogar sehr sicher, niemanden dort anzutreffen, da ihr anvisiertes Ziel relativ weit vom Hauptstrand entfernt lag, an dem sich heute jeder, der etwas auf sich hielt, aufhalten musste, denn dort stieg die Party. Ein Garant für viel Raum und Ruhe andernorts.
Als Leni die Biegung erreicht hatte, an der sich ihr Weg, von dem der Partyhungrigen trennte, atmete sie unwillkürlich tief durch. Die Luft trug das Salz des Meeres und dessen typischen Geruch bereits mit sich. Mit den Händen in den Hosentaschen schlenderte sie ihrem Ziel nun entgegen. Dabei trug sie keine Tasche und nichts bei sich. Denn obwohl viele von Lenis Skizzen und Bildern Strandmotive zeigten, hatte sie dort noch nie gezeichnet. Mit dem Talent gesegnet, die Dinge förmlich in sich aufsaugen zu können, gelang es ihr auch noch Tage später, einmal Gesehenes, detailliert aufs Papier zu bringen. Menschen störten sie dabei in ihrer lauten, unruhigen Art. Dagegen liebte sie die Bewegung in der Natur, etwa die gleichförmigen Bahnen der heranbrausenden Wellen oder die lautlos dahinziehenden Wolkentürme.
Leni überquerte achtsam die letzte asphaltierte Fahrbahn, bevor ihre Füße samt Schuhwerk, tief im weichen Sand des unmittelbar daran grenzenden Strandes versanken.
Immer wieder aufs Neue davon fasziniert, was die wenigen Meter von den Straßen der Siedlung bis hin zur Wasserlinie für erhebliche Veränderungen mit sich brachten, blieb sie mit geschlossenen Augen für einen Moment reglos stehen. Die unerträgliche, stehende Hitze war im wahrsten Sinne des Wortes weggeblasen. Sie spürte, wie der Wind an ihrer Kleidung zog und ihre nackten Hautpartien kühlte, während die Sonne sie gleichzeitig erwärmte. Auf den Lippen schmeckte sie die salzige Luft. Einige Möwen kreischten gegen das Tosen der Brandung an. Das Brummen eines Autos erinnerte Leni schließlich daran, ihr endgültiges Ziel noch nicht erreicht zu haben und ließ sie ihren Weg fortsetzen. Die dicken Ufergrasbüschel umrundend und die aus dem Sand ragenden Felsen übersteigend, entfernte sie sich immer weiter von der Straße. Ihr Weg führte sie stets an der Wasserkante entlang. Schließlich wurde der Sandstreifen stetig schmaler und war mehr und mehr von kleinen und großen Steinen durchzogen, bis er ganz endete und stattdessen ein Felsbrocken von beträchtlicher Größe den weiteren Weg versperrte. Der Felsbrocken grenzte wiederum an ein kleines, dichtes Pinienwäldchen. An dieser Stelle war Leni viele Male umgekehrt, bevor sie das erste Mal, wie auch heute, ihre Schuhe ausgezogen hatte, um den Felsen, knietief durchs Wasser watend, zu umrunden. Dahinter verbarg sich ein atemberaubendes Stückchen Strand, in das Leni sich ebenso unmittelbar wie unwiderruflich verliebt hatte. Seit ihrer Entdeckung vereinnahmte sie dieses Fleckchen Erde ganz selbstverständlich für sich. Dabei fiel es ihr schwer zu akzeptieren, dass jeder andere das gleiche Recht hatte wie sie, sich hier aufzuhalten. Glücklicherweise war sie während der vielen Stunden, die sie an ihrem Strand verbracht hatte, nur wenige Male von Fremden überrascht worden, die sich den Weg durch das dichte Wäldchen geschlagen hatten und plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht waren. Wären ihr die gleichen Menschen direkt aufs Klo gefolgt, hätte sie das nicht mehr konsternieren können.
Leni setzte sich auf einen Felsen, von dem aus sie die Zehenspitzen ins Wasser baumeln lassen konnte. Nun war sie froh, dass ihr Vater sie genötigt hatte, das Haus zu verlassen. Dass der sie unter hunderten von Leuten wähnte und diese Art des Ausflugs so gar nicht in seinem Sinne gewesen wäre, scherte sie nur wenig, denn dafür genoss Leni die Abgeschiedenheit viel zu sehr. Eine ganze Weile beobachtete sie in der Ferne ein dreimastiges Segelschiff, das wie ein kleines Spielzeugboot auf der glitzernden Wasseroberfläche tanzte. Sie fühlte sich mit sich und der Welt im Reinen. Schließlich legte sie zufrieden ihren Kopf in den Nacken, reckte ihr Gesicht der Sonne entgegen und döste vor sich hin.
Erst ein kräftiger Windstoß, der Leni das Cap vom Kopf riss, holte sie ins Diesseits zurück. Schläfrig blinzelte sie ins helle Licht, mit sich ringend, ob das Wiedererlangen ihres Sonnenschutzes die kurzzeitige Aufgabe ihres Platzes und die damit einhergehenden Umstände aufwog.
„Hier, dein Cap!“
Fast hätte Leni einen Schreckensschrei ausgestoßen und wäre vom Fels gefallen, so sehr wurde sie von der Männerstimme überrascht. Nachdem sie einige Sekunden um Fassung gerungen hatte, drehte sie sich nun empört um 180 Grad, um des Störenfrieds ansichtig zu werden, der es gewagt hatte, in ihr Reich einzudringen.
Freundlich lächelnd hielt ihr ein junger Mann ihr Cap entgegen, nichtsahnend, dass Leni ihm alles andere als Dankbarkeit entgegenbringen würde.
„Was hast du hier verloren?“, fauchte Leni den Fremden entsprechend unverwandt an. Dabei fragte sie sich mit einem unguten Gefühl in der Magengegend, wie lange er sich wohl schon unbemerkt dort aufgehalten hatte.
„Im Gegensatz zu dir hab’ ich nichts verloren, ich wollte einfach nur nett sein. Dir dagegen scheint nicht nur dein Cap abhandengekommen zu sein, sondern auch noch dein gutes Benehmen. Nicht dass ich eine Schachtel Pralinen und einen Blumenstrauß erwartet hätte, aber ein einfaches Danke wäre schon nett gewesen.“
Noch einmal streckte er Leni auffordernd ihr Cap entgegen.
Obwohl sie es mit ihrer scharfen Ansage geschafft hatte, dass das Lächeln um die Mundpartie herum verschwunden war, sah der Fremde nicht unfreundlich aus. Für einen kurzen Moment konnte sie nicht festmachen, woran das lag, bis ihr seine meerwasserblauen Augen auffielen, die nach wie vor lächelten. Leni hatte noch nie solch lachende Augen gesehen.
Auch wenn Leni den jungen Mann am liebsten einfach ignoriert hätte, beugte sie sich ihm nun ein bisschen entgegen, um ihr Cap in Empfang zu nehmen. Dabei nuschelte sie ein kaum zu verstehendes Danke und vermied es, ihm direkt ins Gesicht zu schauen. Leni kochte innerlich vor Wut. Er hatte es nicht nur gewagt, sie hier zu stören, sondern meinte, ihr auch noch einen Benimmkurs erteilen zu müssen.
„Bitte, gern geschehen!“, antwortete er, drehte sich um und steuerte auf einen braunen, wenige Schritte entfernt im Sand liegenden Rucksack zu. Dort angekommen, schnappte er sich nicht etwa seinen Kram, um sich dann aus dem Staub zu machen, sondern setzte sich ganz selbstverständlich in den Sand.
Leni glaubte ihren Augen nicht zu trauen. War ihre unmissverständliche Botschaft denn nicht bei diesem dreisten Typen angekommen?
Sie entschied sich, es diesmal auf eine etwas nettere Art, quasi durch die Blume, zu versuchen.
„Du scheinst dich hier nicht auszukennen! Soll ich dir vielleicht erklären, wie du zu der supercoolen Beachparty kommst?“, bot sie ihm, die Freundliche spielend, an.
„Das ist sehr nett von dir, aber ich hatte gerade einen ruhigen Ort ohne viel Trubel gesucht. Du störst mich nicht wirklich und abgesehen davon, gefällt es mir hier sehr gut“, eröffnete er ihr, nun wieder über das ganze Gesicht schelmisch grinsend.
Bevor Leni ihm antworten konnte, hatte sich ihr Gegenüber bereits in den Sand zurückfallenlassen, die Hände gemütlich unter den Kopf geschoben und die Augen geschlossen. Das schien dann nun wohl seinerseits die unmissverständliche Botschaft zu sein, sich auch weiterhin hier aufhalten zu wollen.
Leni konnte über so viel Dickfelligkeit nur staunen. Dass sie scheinbar die gleichen Beweggründe angetrieben hatten, diesen schönen Flecken Erde aufzusuchen, versöhnte sie dabei keinesfalls. Zu allem Überfluss hatte er es tatsächlich auch noch geschafft, die Tatsachen so zu verdrehen, dass sie sich an ihrem Strand, wider jede Vernunft, für einen winzigen Moment als Eindringling gefühlt hatte. Dass der Typ nun die Frechheit besaß, alle Viere von sich zu strecken und den Tiefenentspannten zu mimen, brachte sie völlig aus der Fassung. Sollte sie bleiben oder freiwillig das Feld räumen? Eins war sicher, solange er sich hier ebenfalls aufhielt, würde sie keine ruhige Minute mehr haben. Andererseits wollte Leni ihm unter keinen Umständen durch ihren Rückzug das Gefühl geben, auch noch im Recht zu sein. Damit stand der Entschluss fest, sie würde hier länger ausharren, komme was wolle.
Leni wandte sich trotzig zurück zum Meer und starrte auf die bewegte Oberfläche. Doch plötzlich war sie nicht mehr in der Lage, die unendliche Weite zu genießen, geschweige denn, dass sie die Ruhe gehabt hätte, um ebenfalls wieder ihre Augen zu schließen. Stattdessen spürte sie, fast schon bedrohlich, den Eindringling in ihrem Rücken. Vor lauter innerer Anspannung drehte sie sich bereits nach kurzer Zeit verstohlen um. Dass er ausgerechnet hinter ihr, außerhalb ihres Sichtfeldes sitzen musste, störte sie besonders. Noch immer lag er mit geschlossenen Augen da; es sah fast schon aus, als wäre er in der Kürze der Zeit eingeschlafen, so entspannt wirkten seine Gesichtszüge. Leni kochte vor Wut.
Sie fühlte sich an ihre wenige Wochen zurückliegende Abschlussfahrt erinnert, zu deren Teilnahme ihr Vater sie quasi gezwungen hatte. Mit drei ätzenden Klassenkameradinnen hatte sie sich dort das Zimmer teilen müssen. Erstmal hatten diese an jedem Abend die vorgegebene Zubettgehzeit um mehrere Stunden überschritten und hatten damit dafür gesorgt, dass die ohnehin schon träge dahin schleichenden Tage auch noch zusätzlich in die Länge gezogen worden waren. Und wenn sie sich dann endlich zum Schlafengehen entschlossen hatten, hatte die eine, kaum dass sie sich in die Horizontale begeben hatte, so dermaßen angefangen zu schnarchen, dass man hätte meinen können, man würde Zeuge, wie eine ganze Kolonne Waldarbeiter einen mittelgroßen Laubwald abholzte. Es war Leni ein Rätsel, wie die anderen beiden das hatten ignorieren können, aber tatsächlich war sie die einzige gewesen, die die halbe Nacht kein Auge zubekommen hatte, während alle anderen fest geschlafen hatten. Dann hatte sie sich hin und her gewälzt, grimmig drein geguckt und hatte schließlich sogar angefangen, halb laut in die Dunkelheit hineinzuschimpfen. Es war einfach nicht fair und nur schwer zu ertragen gewesen, dass die Zicken im Land der Träume weilten und sie um ihren Schlaf gebracht wurde.
Gerade fühlte sie sich ganz ähnlich. Während er den Aufenthalt an ihrem Strand scheinbar in vollen Zügen genießen konnte, sogar die Ruhe hatte hier einzuschlafen, verdunkelte sich ihr Gemüt bei seinem Anblick mehr und mehr. Leni spürte, wie sich Unter- und Oberkiefer mit zu viel Druck aufeinanderpressten und sich ihre Lippen ganz leicht säuerlich zuspitzten. Schließlich sprang sie mit Schwung ins Wasser, andernfalls hätte sie das Gefühl gehabt, platzen zu müssen. Jeder Schritt, bei dem sie bewusst das Wasser zum Spritzen brachte, war wie ein kleiner Befreiungsschlag. Bereits etwas weniger aufgebracht, marschierte sie aus dem Wasser. Dabei sah sie den Fremden in unveränderter Position im Sand liegen. Sie glaubte, auch jetzt noch ein Lächeln in seinem Gesicht erkennen zu können, das sie scheinbar zu verhöhnen schien. Im Vorbeigehen schnappte Leni sich ihre zwei unterschiedlich farbenen Chucks und verzog sich an den äußeren Rand des Strandes, dicht ans Pinienwäldchen heran, so dass sie ihn von nun an unauffällig im Blick behalten konnte. Als sie sich in den Sand fallen ließ, war ihr immerhin schon ein wenig wohler zumute.
Minuten vergingen und nichts passierte. Zum Zeitvertreib vergrub Leni immer wieder ihre Hände und Füße im Sand und ließ die feinen Körner zwischen ihren Zehen und Fingern hindurchrieseln. Schließlich formte sie mit beiden Händen einen Trichter, füllte ihn mit Sand und drückte die Handkanten so aneinander, dass lediglich ein feiner Strahl, wie bei einer Sanduhr, entweichen konnte. Parallel entstand in ihrem Kopf ein Bild. Darauf waren zwei überdimensionale Hände abgebildet, die trotz ihrer Größe feingliedrig und zart wirkten. Auch die formten einen sandgefüllten Trichter, in dem, bis zur Hüfte versunken, ein kleiner Mann steckte. Auf seinem Gesicht spiegelte sich Furcht wider; doch trotz der ausweglosen Situation, lächelten seine Augen.
Als Leni schon kaum noch damit gerechnet hatte, sah sie plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel, die sofort ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Aus sicherer Entfernung konnte sie beobachten, wie sich der Fremde langsam aufrappelte. Er schwenkte den Kopf in die Richtung des Felsens, auf dem Leni vormals gesessen hatte und verweilte dort längere Zeit mit seinem Blick. Empfand er dabei wohl Genugtuung? Vielleicht Enttäuschung? Den Gedanken verwarf sie schnell wieder. Warum sollte er? Vermutlich empfand er einfach nichts, sondern schaute sich nur willkürlich in der Gegend um.
Ein weiteres Mal schwenkte sein Blick rundum, doch er schien sie im Schatten des Pinienwäldchens nicht bemerkt zu haben.
Schließlich begann er in seinem Rucksack rumzukramen. Er zog eine Trinkflasche hervor und nahm einen tiefen Schluck. Erst jetzt merkte Leni, wie trocken ihr eigener Mund war und wie sehr sie ihm jeden Schluck neidete. Als nächstes brachte er mehrere Dosen und Tüten zum Vorschein und am Ende auch noch ein Buch. Seelenruhig begann er zu lesen und bediente sich dabei an den verschiedenen Köstlichkeiten. Während ihr das Wasser bei seinem Anblick im Munde zusammenlief, fluchte Leni innerlich, selbst nichts eingepackt zu haben. Und dann sah es auch nicht so aus, als würde er sich in nächster Zeit auf den Weg machen wollen, was hieß, dass auch sie weiterhin an diesem Ort festsaß und mit angucken musste, wie er es sich so richtig gut gehen ließ. Fehlte nur noch, dass er einen Einweggrill aus seiner Tasche gezaubert und begonnen hätte ein saftiges Steak zu brutzeln.
Fast schon beleidigt, verschränkte Leni ihre Arme vor der Brust. Vielleicht sollte sie sich endlich bemerkbar machen. So hatte er den Triumph, über die Vorherrschaft des Strandes, ja auch bereits für sich verbucht. Dann kam ihr zum ersten Mal der Gedanke in den Sinn, dass es dem Fremden tatsächlich völlig egal war, wer sich wie lange, zuerst oder auch nicht, alleine oder mit anderen, an diesem Strand aufhielt. Dabei kam sie sich selbst mit ihren rebellischen Gedanken fast schon ein bisschen kindisch vor. Aber was hatte er hier auch zu suchen? Sie hoffte inständig, dass er sich das Aufsuchen des Strandes nicht zur Gewohnheit werden ließ. In ihr keimte gar die Hoffnung auf, dass er vielleicht von außerhalb käme, womit sich das Problem von ganz alleine gelöst hätte. Er mochte vielleicht drei, vier Jahre älter sein als sie und sie war sich sicher, ihm noch nie zuvor begegnet zu sein. Andernfalls hätte sie sich sicher an seine Augen erinnert.
Gerade als Leni den Entschluss gefasst hatte, dass sie sich selbst keinen Gefallen damit tat, sich hier durch fehlende Getränke und Nahrung weiter zu geißeln, sah sie, wie sich der Fremde erhob. Noch bevor sie einen Plan für ihr weiteres Vorgehen in Sachen würdevoller Abgang entwickeln konnte, zog er sein T-Shirt aus. Dann beobachtete sie leise kichernd, wie er vergeblich versuchte, auf einem Bein hüpfend, sich den Sneaker vom Fuß zu ziehen und dabei einen regelrechten Tanz vollführte. Schließlich musste er sich doch wieder hinsetzen, um sich seiner Schuhe erfolgreich entledigen zu können. Als er erneut aufstand und sich nun auch noch die Shorts von den Beinen streifte, gefror Lenis Lächeln unmittelbar, Böses ahnend. Sie gestikulierte wild mit den Armen vor ihrem Körper, doch aus ihrem Mund klang kein Laut. Hilflos musste sie mit ansehen, wie er nun auch noch die letzte Hülle fallen ließ und sie damit unfreiwillig zur Spannerin machte. Hatte er deswegen einen einsamen Platz gesucht, um sich, wie Gott ihn geschaffen hatte, in die Fluten zu stürzen? Lenis Gedanken begannen zu rattern. Sobald er sich im Wasser befinden und den Blick Richtung Strand schwenken ließe, würde er sie über kurz oder lang unweigerlich entdecken. Sie musste verschwinden und zwar schnell. Hastig schlüpfte sie in ihre Chucks ohne die Schleifen zu binden. Während er zum Spurt ins Wasser ansetzte, bewegte Leni sich langsam rückwärts laufend, um möglichst unauffällig im Schutz des Pinienwäldchens zu verschwinden. Dabei ärgerte sie sich über sich selbst, dass sie die Augen nicht von seiner blanken Rückseite lassen konnte. Schließlich tauchte er mit einem Kopfsprung ganz in die Fluten. Bereits zwischen den Bäumen stehend, starrte Leni gebannt auf die Wasseroberfläche, in der Erwartung, dass er jeden Moment wiederauftauchen müsste. Als das Vorhersehbare dann tatsächlich passierte, erschrak sie dennoch, denn anders als gedacht, hatte er sich bereits wieder dem Strand zugewandt. Sollte das etwa alles gewesen sein? Tatsächlich ragten seine Schultern bereits wieder aus dem Wasser. Als nächstes seine Brust, sein Bauchnabel… Aus Angst entdeckt zu werden und vor dem, was sie gleich als nächstes zu Gesicht bekommen würde, drückte Leni sich noch weiter ins Unterholz. Als sie merkte, dass sie sich durch einen unglücklichen Tritt auf den Schnürsenkel selbst der Beinfreiheit beraubte, war es bereits zu spät. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel unsanft, mit dem Po voran zu Boden. Wie ein Krebs, rückwärts auf allen Vieren kriechend, brachte sie sich schnellstmöglich gänzlich außer Sichtweite. Dabei pochte ihr das Herz bis zum Halse. Sie hoffte inständig, dass der Fremde sie nicht mehr gesehen hatte. Das schmerzende Steißbein ignorierend, rappelte sie sich wieder auf und verschwand noch tiefer im Dickicht.
„Weg, einfach nur weg!“, war der Gedanke, der sie trotz des unwegsamen Geländes zügig vorantrieb. Obwohl Leni ihre Arme schützend vor den Kopf hielt, peitschten ihr die Zweige immer wieder mit voller Wucht ins Gesicht. An den nackten Beinen hinterließen die Dornen der Brombeersträucher feine rote Kratzer. Es wunderte sie nicht mehr, dass den Weg durch das Wäldchen nur so wenige fanden, denn im Grunde genommen gab es gar keinen. Gefühlt hätte sie den relativ schmalen Waldstreifen längst passiert haben müssen, doch sie befürchtete, dass es ihr nicht gelungen war, die Richtung konsequent beizubehalten.
Umso erleichterter atmete sie schließlich auf, als sich die Bäume vor ihr lichteten. Zwischen den Zweigen erahnte sie bereits vorbeifahrende Autos. Nur wenige Schritte weiter sah sie sich bestätigt und stand vor der stark befahrenen Landstraße. Leni zögerte, ob sie der kürzeren Strecke, an der Straße entlang, folgen sollte oder ob sie den deutlich schöneren Umweg, entlang des Wäldchen, zurück zum Strand, einschlagen sollte. Aus Angst, dem Fremden erneut nach dieser prekären Situation in die Arme zu laufen, wählte Leni die schnellere Variante.
Mit einigem Abstand zum Fahrbahnrand, machte sie sich auf den Weg. Dennoch verursachten die vorbeibrausenden Kraftfahrzeuge ein ungutes Gefühl in ihrer Magengegend. Ein ums andere Mal zuckte sie unwillkürlich zusammen, wenn ein vorbeifahrender Brummifahrer mit seinem schweren Lastzug den Boden unter ihren Füßen zum Beben brachte. Jedes Mal aufs Neue hatte der dabei entstehende Luftzug so eine Gewalt, dass er sie mit Leichtigkeit zunächst wegdrückte, um sie dann bereits im nächsten Moment in beängstigender Weise zu sich heranzuziehen. Doch schließlich überquerte sie die Straße unbeschadet an der gleichen Stelle, an der sie sie bereits einige Stunden zuvor passiert hatte.
Schleppenden Schrittes bewegte Leni sich voran. Mit dem Erreichen der Siedlung, war von der kühlenden Brise endgültig nichts mehr zu spüren. Die unter ihrem Cap hervorguckenden Haare klebten an ihrem Gesicht. Sie hatte Hunger und noch größeren Durst. Zu keinem Zeitpunkt hätte sie sich mehr von dem grölenden, schick zurechtgemachten Jungvolk unterscheiden können, das ihr nun wieder, auf dem Weg zur Party, entgegenkam.
Und als wäre ihr desolater Allgemeinzustand nicht schon bedrückend genug gewesen, erschien ihr ihr Vater vor ihrem inneren Auge. Sie sah ihn erwartungsfroh lächelnd vor sich stehen, erbarmungslos eine Frage nach der anderen auf sie abfeuernd.
Hast du Spaß gehabt? Hast du Klassenkameraden getroffen? Wie war die Liveband? Warum bist du schon so früh zurück?
Keine dieser Fragen würde sie wahrheitsgemäß beantworten können. Kurzerhand beschloss Leni sich vor der quälenden Fragerei zu drücken, indem sie Kopfschmerzen vortäuschen würde.
Später im Bett liegend war sie dankbar, dass ihr Plan aufgegangen war. Und während sie so da lag, den Blick starr an die Decke gerichtet, entstanden in ihrem Kopf Bilder über Bilder. Abbildungen der Wirklichkeit gepaart mit verrückten Phantasien.
Maggie saß im Schlafanzug, barfuß auf ihrer Schaukel. Unter ihr zeugte eine kleiner werdende, ausgetretene Erdfläche von den vielen Stunden, die sie in diesem Sommer bereits auf der Schaukel verbracht hatte; fast ausnahmslos gemeinsam mit ihrem Vater. Er war es auch gewesen, der ihr die Schaukel im letzten Jahr gebaut hatte. Kein fertiger Bausatz hatte seinen hohen Ansprüchen, im wahrsten Sinne des Wortes, genügt, weswegen die Schaukel eine Eigenkonstruktion von gigantischem Ausmaß geworden war. Kein Kind in der Nachbarschaft hatte eine ähnlich hohe Schaukel. Kein anderes Kind hatte einen Vater, der es auch nach Stunden nicht leid wurde, unermüdlich Anschwung zu gegeben.
Doch langsam aber sicher eroberte sich das Gras die kahle Stelle zurück. Die Schaukel stand still. Das Lachen in Haus und Garten war verstummt. Außerdem war die vormals gepflegte Rasenfläche um Maggie herum, zu einer kniehohen Wiese gewachsen. Wildblumen, wie der leuchtend gelbe Löwenzahn und die Butterblume hatten sich ungehindert ausbreiten können. Hin und wieder ließ sich ein Gänseblümchen zwischen den langen Halmen erahnen. Noch vor wenigen Wochen hätte sie einen Heidenspaß an der Blumenpracht gehabt und sie zum Pflücken schönster Sträuße animiert, doch nun löste der Anblick Traurigkeit in ihr aus, machte er doch das Fehlen ihres Vaters nur allzu deutlich.
Maggie ließ den Kopf hängen, so dass ihr Gesicht hinter den langen blonden Zotteln verschwand. Mit den nackten Zehenspitzen wühlte sie betrübt in der schwarzen Erde.
Seit der Beerdigung ihres Vaters musste sie nun immer, wenn sie auf der Schaukel saß, an die Worte einer alten Frau denken, die ihr dort begegnet war. Liebevoll hatte die ihr über den Kopf gestrichen und ihr versichert, dass ihr Vater von nun an vom Himmel aus auf sie aufpassen würde. Sie war verwirrt gewesen und gleichzeitig voller Hoffnung. Gerade da die anfängliche Zuversicht, er würde doch noch zu ihr zurückkehren, zunehmend schwand. Aber was genau konnte es bedeuten, er ist im Himmel und passt von dort aus auf sie auf? Später hatte sie ihre Mutter dazu befragt, in dem Glauben, sie könne ihr mehr darüber erzählen. Ihre Mutter hatte sie jedoch nur unsanft an die Seite geschoben, sie solle sie mit solchem Quatsch in Ruhe lassen, Papa sei weder hier, noch irgendwo anders und er würde auch niemals mehr wiederkommen. Maggie hatte unsägliche Angst, ihre Mutter könne mit der Behauptung recht behalten. Doch wenn sie auf der Schaukel saß, flackerte erneut ein kleiner Hoffnungsschimmer auf, denn nirgendwo war sie dem Himmel näher, als auf dem Schaukelbrett. Sie erinnerte sich daran, wie ihr Vater ihr nur allzu oft so kräftig Schwung gegeben hatte, bis er jubelnd gerufen hatte Meine kleine Maggie fliegt bis zum Himmel! Maggie kullerten dicke Krokodilstränen die Wangen runter. Verzweiflung machte sich in dem schmächtigen Kinderkörper breit. Nicht zum ersten Mal versuchte sie mit aller Kraft ihre Unterschenkel hin und her zu bewegen, doch trotz aller Anstrengungen geriet die Schaukel nur minimal ins Schwanken, so sehr sie sich auch mühte. Wie sollte sie es jemals schaffen, ohne den Anschwung ihres Vaters, bis zum Himmel zu schaukeln?
Noch eine ganze Weile hatte Maggie alles versucht, um dem Himmel, und damit ihrem über alles geliebtem Vater, ein Stückchen näher zu kommen, doch ohne Erfolg. Schließlich gab sie für den Moment auf. Ganz sicher würde sie es wieder versuchen. Doch nun saß sie wieder nur da, mit hängendem Kopf, das Gesicht hinter den blonden Zotteln versteckt.
Von Uhrzeiten hatte Maggie noch keine Vorstellung, aber es war schon lange her, dass sie aufgestanden war. Und was sie ganz sicher wusste war, dass sie großen Hunger hatte. Mehrfach hatte sich ihr Bauch bereits mit einem lauten Grummeln bemerkbar gemacht, so dass es sich schließlich nicht mehr ignorieren ließ. Mit einem Satz sprang sie von der Schaukel und lief zum Haus. Unentschlossen blieb sie in der Öffnung der Terrassentür stehen und lauschte ins Innere. Nichts war zu hören. Wenn ihre Mutter noch schlief, würde es besser sein, sie nicht zu wecken. Maggie tapste mit ihren nackten, schwarzen Füßen in die Küche. Sie schob sich mit einiger Mühe einen der hölzernen Küchenstühle an die Arbeitsfläche heran, um so an den Brotkorb zu gelangen, der darauf stand. Als sie den Deckel anhob stellte sie enttäuscht fest, dass er leer war. Ihre Suche nach etwas Essbarem führte sie als nächstes zum Regal, in dem eine Dose mit Müsli stand. Das Sichtfenster verriet ihr, dass sich darin zumindest noch ein kleiner Rest befand. Sie klemmte sich die cremefarbene Metalldose unter den Arm und marschierte damit zum Kühlschrank. Glücklicherweise wurde sie auch dort fündig. Aus der Kühlschranktür nahm sie den letzten angebrochenen Milchkarton. Beides stellte sie auf die Ablagefläche. Und wieder nahm sie sich den Stuhl zur Hilfe, schob ihn ein kleines Stückchen weiter, kletterte erneut darauf und hinterließ weitere schwarze Fußabdrücke auf der weißen Sitzfläche. Auf Zehenspitzen stehend gelangte sie gerade so an die hinten im Oberschrank stehenden Müslischalen. Mit ein bisschen Stolz, brachte sie ihre Ausbeute zum Küchentisch und ergänzte sie noch um einen Löffel. Die kurze Zeit, seit dem Tod ihres Vaters, hatte sie schon jetzt deutlich schneller groß werden lassen. Entsprechend selbstverständlich öffnete sie die Dose mit Schraubverschluss, schüttete den überschaubaren Inhalt komplett in ihr Schälchen und kippte einen guten Schuss Milch dazu; fast ohne zu kleckern. Maggie griff nach ihrem Löffel und schon verschwand der erste Bissen in ihrem Mund. Doch statt des ihr bekannten Geschmacks nach frischer Milch und Honig, schmeckte sie nur eine scharfe Säure, die sie sofort veranlasste, den gesamten Inhalt angeekelt wieder auszuspucken. Es war, als hätte es das kurze Hoch, das die erfolgreiche Zubereitung des Frühstücks in ihr ausgelöst hatte, nie gegeben. Und obendrein meldete sich nun erneut ihr Bauch mit einem lauten Knurren, als wolle auch der sich noch beschweren.
Maggie überlegte kurz, bis sie schließlich aus Mangel an Alternativen zum Schlafzimmer ihrer Mutter huschte. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Das Zimmerinnere lag im Halbdunkeln. Die dichten, zugezogenen Vorhänge ließen den herrlichen Sonnenschein von draußen nur erahnen. Und obwohl sie sich nur sehr langsam zum Bett bewegte, stieß sie mit dem Fuß gegen eine der zahlreichen leeren Flaschen, die dort verteilt standen, so dass diese umkippte. Trotz des Teppichbodens verursachte der Fall ein lautes, klirrendes Geräusch, da die Flasche mehrere der umstehenden mit sich riss. Erschrocken blieb Maggie stehen und wartete auf eine Reaktion ihrer Mutter. Als sie schon dachte, die würde ausbleiben, regte sich schließlich doch etwas unter der dünnen Bettdecke.
„Was machst du hier mitten in der Nacht für einen Krach?“, schnauzte ihre Mutter vorwurfsvoll und drückte ihren Kopf noch tiefer ins Kissen, um gegen erneute Störungen gewappnet zu sein. Ihr Kopf schien bei jedem weiteren Geräusch zerbersten zu wollen.
„Mama“, stammelte Maggie eingeschüchtert, „wir haben kein Brot mehr und das Müsli schmeckt ganz furchtbar, aber ich hab’ Hunger.“
„Auf meinem Nachttisch steht ein Rest Pizza, den kannst du haben. Und dann raus hier, ich muss noch schlafen!“
Wie ein getretener Hund schlich Maggie um das Bett herum, darauf bedacht, keinen weiteren Lärm zu verursachen. Sie nahm das Stück Pizza samt Karton und verließ das Zimmer. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete sie erleichtert auf. Sie ging zurück in die Küche und stellte die Pappschachtel auf den Küchentisch. Ein drittes Mal nahm sie sich nun den Küchenstuhl zur Hilfe, um sich ein Trinkglas aus dem Schrank zu holen. Bevor sie sich an den Tisch setzte, füllte sie das Glas mit Leitungswasser.
Um 12.30 Uhr saß Maggie schließlich alleine am Küchentisch, um einen kleinen, kalten Rest Pizza vom Vortag aus einem Pappkarton zum Frühstück zu essen; dazu ein Glas mit Leitungswasser.
Anders als am Vortag, war noch kein einziges Blatt im Papierkorb gelandet. Stattdessen hatte Leni in mehreren Stunden bereits einen ganzen Stapel Skizzen angefertigt, mit denen sie obendrein auch noch rundherum zufrieden war. Ihr Blick wanderte auf die große Sammelmappe, die an ihren Schreibtisch gelehnt stand, in der sie ihre schönsten Werke aufbewahrte. Vielleicht hatte eines der auf dem Schreibtisch liegenden Blätter das Potential in diese Sammlung der Besten aufgenommen zu werden.
