Sommerfrische - Ulrike Waldbach - E-Book

Sommerfrische E-Book

Ulrike Waldbach

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Beschreibung

Drei Frauen, drei Leben, eine gemeinsam verbrachte Jugend. Der Sommer steht vor der Türe und Lena, Eliza, und Frida strudeln durch ihren jeweiligen Alltag. Lena lebt am Land und erhofft sich nicht mehr als eine Woche Campingurlaub im Salzkammergut mit ihrer Familie. In Wien braucht Eliza zusätzliche Therapiestunden, um sich auf ihren alljährlichen Familienbesuch in Lech vorzubereiten und Frida sucht in La Gomera ihre kleine Pension in Schwung zu halten. Als ihr Mann José ihr allen Grund gibt die Insel zu verlassen, meldet sie sich spontan bei ihrer früheren WG- Mitbewohnerin Lena an, deren Leben durch diesen Besuch und die darauffolgenden Ereignisse aus den Fugen gerät. Alte Geschichten tauchen auf, verknüpfen sich mit denen der Gegenwart und bilden Neue. Der Sommer entwickelt sich für alle drei anders als erwartet und hält neue Wege und Überraschungen bereit.

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ulrike Waldbach

Sommerfrische

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Dieses Buch widme ich meiner Mutter,

Helga Susanna Waldmann.

Die Liebe blüht dir nach.

Und

Harald Leitinger

Wo auch immer du jetzt bist.

*

Thesummerday

Tellme,whatelse should I havedone?

Doesn’t everything dieat last,andtoosoon?

Tellme,whatisityou plan to do

withyouronewildand precious life?

Der Sommertag

Sagemir, was hätte ich sonst tunsollen?

Stirbtnichtalles zu guter Letzt,undviel zu schnell?

Sagemir, was hast Du vor

mit Deinem einen, wilden,kostbaren Leben?

Mary Oliver

*

Die Hauswand war noch von der Sonne gewärmt, als Lena, ein Glas Rotwein in der Hand, an die Holzschindeln lehnend, weit über die Hügel in die Ferne blickte.

Durch das offene Fenster hörte sie ihren Mann Knoblauch für ihre Lieblingssauce hacken, sie bildete sich sogar ein, sie schon ein wenig zu riechen, vor ihrem inneren Auge schmiss sich gerade der Rosmarin ins brutzelnde Olivenöl.

»So soll es bleiben. So soll es bleiben. So soll es bleiben!«, dachte sie selig vor sich hin lächelnd, hob ihr Glas und nahm einen kleinen Schluck Zweigelt.

In diesem Moment sprang der Kater auf ihren Schoß, krachte in das Glas, bohrte vor Schreck seine Krallen in Lenas Oberschenkel, bevor er fauchend über den Tisch davon hechtete. Tausende Scherben lagen am Boden verstreut, Rotwein rann in kleinen, feinen Rinnsalen zwischen ihre Finger, über ihre Hände, auf ihr neues T-Shirt.

Lena sprang auf, fluchte und suchte nach einer Möglichkeit, ihre Hände abzutrocknen.

Plötzlich hörte sie einen Schrei. Gellend, einschneidend, schrill. Sie hielt kurz die Luft an, wusste sofort, dass dieser vom Älteren ihrer beiden Söhne ausgestoßen worden war, wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab und drehte sich zum Küchenfenster. Ihr Mann schien entweder nichts gehört zu haben oder bevorzugte nichts hören zu wollen. Vertieft ins Zerbröseln vom Blauschimmelkäse werkelte er unberührt weiter.

»Es war sowieso zu schön, um wahr zu sein«, murmelte sie in sich hinein, verabschiedete sich kurz von der sonnengewärmten Holzwand, vom jetzt eindeutig wahrnehmbaren Knoblauchgeruch in der Luft, vom ehemals gedeckten Tisch, der Aussicht, der Rotweinflasche und spurtete los.

Denn dieser Schrei verhieß nichts Gutes.

Vom Balkon aus sprang sie über die Wendeltreppe hinunter, lief flotten Schrittes quer durch den Garten, wälzte sich über den Zaun und hechtete den Hügel hinunter, rüber zum alten Holzstadel. Da saßen sie in der Wiese und weinten. Schon von Weitem erkannte sie ihren Jüngeren mit einer Hand die Schere wie einen Degen Richtung Himmel strecken, mit der Anderen versuchte er seinen großen Bruder abzuwehren. Dieser krallte seine Fingernägel tief in den Oberarm des Kleinen, schrie schrill und drückte mit der freien Hand an sein Ohrläppchen.

»Auseinander!«, brüllte ihre Mutter in einer ungeahnten Lautstärke, sodass die Gänse vom Nebenhof anfingen hysterisch los zu schnattern.

»Schere fallen lassen!«

Der Wind hob sich und wehte durch ihr wirres Haar.

»Sofort!«

Erschrocken taten die Kinder wie ihnen befohlen, starrten Lena an, suchten jeder für sich voller Verzweiflung nach einem Ausweg, einem Wunder, welches sie von hier und dem Blick ihrer Mutter wegbringen könnte. Wie auf Kommando begannen sie gleichzeitig lautstark die Situation zu schildern. Lena nickte, hörte zu, untersuchte das verletzte Ohrläppchen, starrte in die Wiese, nickte wieder, fand ein Hirtentäschel, riss es ab, zerrieb es mit einem Stein und hielt das zerquetschte Kraut an das verletzte Ohr ihres Sohnes.

Sie nahm dem Kleinen die Schere ab und steckte sie in ihre hintere Hosentasche. Die Zwei plapperten immer noch unaufhörlich weiter, jeder seine Unschuld beteuernd. Während der Wortschwall ihrer Kinder ungehindert auf sie einprasselte, las sie seufzend die Haarbüschel vom Boden auf, ließ sie wieder durch ihre Finger rieseln und wünschte sich auf ihren Balkon zurück.

»Schon gut, schon gut, schon gut! Kommt mit!«, zischte sie in einem Ton, den die Beiden nur zu gut kannten. Wohl wissend reichte ihr jeder schweigend eine Hand. So zog sie ihre Söhne hinter sich her, stapfte mit großen Schritten über die Wiese, die zu dem Grundstück ihrer Nachbarin führte, trieb ihre Kinder wortlos über den Zaun und schwang sich anschließend selbst darüber. Nach einer kurzen, aber steilen Strecke kamen sie zu einem hübschen, perfekt zum Frühsommer passend dekoriertem Haus. Lena hatte diesmal keine Energie sich darüber zu ärgern, dass ihre Nachbarin Karla ihr schon wieder einen Tick voraus war. Schmetterlinge aus Pappmaché an frischgeflochtenen Blumenkränzen wurden sowieso total überbewertet. Ding-Dong.

»Kommt doch rein!«, trällerte Karla von oben.

»Zieht gefälligst eure Schuhe aus, und du, tropf hier kein Blut aufs Parkett!« Lena schubste ihre Kinder vor sich hinein ins warme Haus, schlüpfte aus ihren Turnschuhen und half den Kindern umständlich die Schuhe auszuziehen. Als Karla die drei so in ihrem Eingang sah, trat sie wortlos in ihre Küche, machte ihren alten Holzschrank auf, holte zwei kleine Gläser heraus, eine Flasche Schnaps und schenkte beide Gläser randvoll ein. Lena und die Kinder folgten ihr wortlos. Karla reichte Lena ein Glas, sie stießen an, nickten sich kurz zu und tranken den Schnaps in einem Zug aus.

Die Kinder hielten inzwischen vorsichtig nach den Nachbarskindern Ausschau, wagten es aber nicht, nach ihnen zu fragen. Der Große hielt immer noch die Kräuter auf sein Ohrläppchen, bröselte ein wenig davon auf den Boden und warf seinem Bruder einen kurzen, funkelnden Blick zu. Karla sprach, so beruhigend sie konnte.

»Ich hol schon mal ein Pflaster für das Ohr. Schenk dir derweil ruhig nach!«, und war im Bad verschwunden.

Schweigen.

Der Große sah sich plötzlich in der Spiegelung der Verglasung des Holzschranks und begann zu weinen.

»Wir wollten doch nur Frisör spielen!« Ein Blick seiner Mutter brachte ihn sofort zum Schweigen. Als Karla wieder hier war und das Ohr des Großen versorgt wurde, besprachen sie gemeinsam, wie sie die zerschnipselten Haarschöpfe wieder zu halbwegs adretten Kinderköpfen ummodeln könnten. Nach dem zweiten Schnaps beschlossen sie, die Haare selber zu schneiden. Mit Schwung fischte Lena die Schere wieder aus ihrer Hosentasche, Karla holte sicherheitshalber noch den Trimmer ihres Mannes. Die Kinder bekamen große, immer größere Augen, die sich rasch mit Tränen füllten, welche sich aber nicht getrauten, über den Rand zu kullern. Sie blickten sich kurz an und waren wieder Verbündete was ihnen jedoch nichts nutzte, denn hier gab es für sie keinen Ausweg.

Nach einer halben Stunde waren beide Frauen mit dem Resultat so weit zufrieden, dass sie Schere und Trimmer absetzten, ein, zwei Schritte zurücktraten, sich gegenseitig für ihr Werk lobten und mit einem kleinen Schnaps darauf anstießen. Plötzlich erinnerte sich Lena an ihren zuhause friedlich kochenden Mann. Sie half ihrer Nachbarin die Haare wegzukehren, packte ihre Kinder ein, bedankte und verabschiedete sich.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Gemeinsam stolperten sie den Hügel hinunter, um dann wieder über den Zaun zu klettern und ihren Hügel hinaufzuschnaufen. Als sie oben ankamen, sperrte Lena die Haustüre auf, schob die Kinder hinein und schickte sie auch gleich »Zähneputzen und ins Bett!«.

Schon im Gang roch sie die verführerische Mischung aus heißen Feigen, Rosmarin, Knoblauch, Chili, Blauschimmelkäse und Nudeln.

Der Tisch war frisch gedeckt, das Essen warmgehalten und der Koch beleidigt zu Bett gegangen.

»Mist! Mist! Mist!« Lena schenkte sich ein großzügiges Glas Wein ein, blickte sich dabei vorsichtshalber links und rechts nach der Katze um. Kein sprungbereites Wesen in Sichtweite, sehr gut. Der Hunger war ihr mittlerweile vergangen, so schleppte sie sich ins Wohnzimmer, ließ sich auf die Couch fallen, zappte sich sinnlos durchs Fernsehprogramm und schlief schneller ein, als sie vorhatte.

*

Der Wind wehte eine Staubwolke über den Innenhof der kleinen Pension »La Flora«, just in dem Moment als Frida den letzten Tisch abwischte. Es war sechs Uhr fünfzehn in der Früh und die ersten Gäste würden bald hinter den Bananenstauden zum Frühstück auftauchen.

Drei vor kurzem angereiste Gäste hatte sie vor einer Stunde von ihrem kleinen Bürofenster aus mit Matten unterm Arm den Hügel hochgehen sehen. Sie würden pünktlich zum Sonnenaufgang oben am Meditationsplatz sein. Die kleine Plattform, die sie in einer windgeschützten Mulde errichtet hatte, wurde neuerdings immer häufiger besucht, vielleicht, weil die Zeit dafür nun endlich reif war.

Anfangs hatte sie ihn als ihren persönlichen heiligen Platz angesehen, wo sie Energie tanken durfte, um den Alltag der Pension zu meistern. Doch eines Tages bekam sie eine klare Eingebung.

»Share it!«, tönte es in ihr, als sie, ihre Augen über den Horizont ausgeruht und frei atmend, ihren Geist zur Ruhe gebracht hatte. Schon als sie das erste Mal den Hügel hochgeschnauft war und sich ihr unter der Felswand dieser unglaubliche Ausblick über den Atlantik erstreckte, spürte sie an diesem, »ihrem« Platz sofort die Energie der Erholung und Regeneration. Damals, vor über zehn Jahren, ließ sie ihre Kondition noch nach wenigen Höhenmetern im Stich.

Mittlerweile war ihr Körper durch das viele Herumlaufen in der Anlage so fit geworden, wie sie es sich niemals erwartet hätte. Wobei, in letzter Zeit fühlte sie sich irgendwie …

Sie tunkte den Putzschwamm in das Kübelchen, wrang ihn aus und wischte voller Hingabe von Neuem die metallenen Platten ab und auch ihre Zweifel weg. Das würde schon wieder werden. Die Gäste schätzten es, hier draußen zu frühstücken, inmitten von

Vogelgezwitscher und Pflanzenvielfalt. Wenn es ruhig war, wie jetzt, konnte man sogar das Meer von unten rauschen hören. Wie Frida diese Momente frühmorgens liebte! Die Sonne kroch über den Hügel, langsam, aber stet brachte sie die Blütenkelche des Jasminstrauchs dazu, sich zu öffnen und ihren unvergleichlichen Duft zu verströmen. Nach diesem Auftakt wanderte sie weiter über den ganzen, nach Feng-Shui Kriterien errichteten Garten, verbreitete ihre wärmenden Strahlen und erweckte die ganze Anlage mit Leben.

»Wenn dort vorne eine zusätzliche Bananenstaudenhecke wäre, hätten wir hier einen natürlichen Windschutz«, dachte Frida, wischte den letzten Tisch ab und stellte sich den Innenhof gepflastert vor, was dieser Ecke noch mehr Charme verleihen und sie zudem pflegeleichter gestalten würde. Am liebsten hätte sie José geweckt, um mit ihm darüber zu sprechen, doch das würde seine Laune und damit die Harmonie dieses Ortes ins Wanken bringen, was wiederum die Gäste spüren würden. Und die Hühner! Diese Verantwortung wollte und konnte sie nicht übernehmen. Sie würde später mit ihm darüber reden, wenn er gegen elf Uhr aufstehen würde, um sein Frühstück auf ihrer kleinen Veranda hinter dem Tanzstudio einzunehmen. Schweigend. So gegen Mittag wäre wohl ein passender Moment.

Sie verteilte die Zuckerstreuer auf die runden Tische, beschwerte die Servietten mit kleinen, runden Steinen, auf welche sie Engelsflügel gemalt hatte.

Wobei, um diese Uhrzeit vergrub er sich gerne in die Tageszeitung, fiel ihr wieder ein, er würde auf eine Irritation sensibel reagieren. Als Künstler brauchte er diese klaren Zeiten für sich, schließlich gab er täglich Alles. Alles! Seine ganze Kraft und Emotion floss in seine Arbeit, wie er Frida immer wieder erklärte. Ob er nun Touristen im Nebentrakt der Finca in einer Woche die Grundschritte des Salsas beibrachte oder für einen Soloauftritt trainierte, er gab Alles. Also vielleicht doch erst nach seinem Training? Wobei, da war er meistens erschöpft.

Sie rückte die Stühle zurecht, betrachtete den Platz mit ein paar Schritten Abstand, nickte zufrieden und ging zurück ins Haus, um die Wasserflaschen mit einem Segen zu bemurmeln. Nun, sie würde schon einen passenden Moment finden. Bis dahin gab es noch viel zu tun. Pedro würde gegen Ende des Vormittags einen Kleinbus neuer Gäste bringen, da musste sie vorher noch die Zimmer durchgehen, vielleicht hier und da ein wenig räuchern. Schließlich hinterließ nicht jeder Gast die entspannte und freie Atmosphäre, die er bei der Anreise vorgefunden hatte. Die hier entladenen Energien verhingen sich manchmal in den Balken und könnten auf die neuen Gäste übergehen. Das konnte und wollte Frida nicht riskieren! Sie war überaus glücklich, dass Antonia, ihre Hilfe und Stütze im Haus, eine äußerst feinfühlige Person war, auf die sie sich voll und ganz verlassen konnte. Die Gute klebte auf jeden Türpfosten der verunreinigten Zimmer ein kleines Post-it, so daß Frida anschließend, eine Muschel mit glühender Räuchermischung in der einen Hand, in der anderen eine Adlerfeder wedelnd, von Raum zu Raum schreiten und so den »holy smoke« verbreiten konnte. Anschließend stellte sie frische Blumen in jedes Zimmer und gab sie mit einem Segen für die Neuankömmlinge frei.

Seufzend zog sie ihre Taschenuhr aus der mit Pailletten und feinen, seidigen Fäden bestickten Umhängetasche. Sie musste weiter, es gab noch so viel zu tun. Zimmer vorbereiten, die Reservierungen überprüfen, die Gäste willkommen heißen, ihre Hühner besuchen. Außerdem wollte sie am Nachmittag noch etwas im Garten werkeln. Die Hibiskusstauden und die Bambusecke benötigten dringend einen Rückschnitt und das Mondzeichen war momentan geradezu perfekt dafür. Das Mikroklima der Insel und der fruchtbare Boden hatten Vor und Nachteile. Alles wuchs, aber wie! Jetzt müsste sie nur noch Pedro dazu bringen, anstatt den aufkeimenden Flirtchancen, die mit den neu eingetroffenen Damen entstanden, die Gartenschere zu ergreifen. Die Sonnenhungrigen würden sich sowieso gleich an den Pool legen, so könnte sie ihn bitten in dieser Ecke zu beginnen, das würde ihn hoffentlich motivieren.

Frida bleib ein wenig vor dem mit Glyzinien umrankten Bogen, der das Eingangstor zum Garten bildete, stehen. Was für eine Motivationsarbeit das gewesen war, zuerst José dann die Arbeiter dazu zu bringen, den Garten nach ihren feinfühligst ausgetüftelten Plänen anzulegen! Stundenlang hatte sie über Feng-Shui Büchern gesessen, um verschiedenste Varianten durchzuarbeiten. José mochte eben keine Veränderungen, der Garten war für ihn bisher schön genug gewesen. Wie auch für die Gäste, die seines Erachtens schließlich nicht wegen der Grünpflanzen, sondern wegen seiner Salsakurse herreisten.

Als sie mit den Plänen in der Hand den Gärtnertrupp durch die Anlage geführt hatte, war er mit verschränkten Armen abseits gestanden, seinen Kopf fortwährend schüttelnd, was die Männer nicht wirklich motiviert hatte. Doch Frida hatte mit gütigem, aber bestimmtem Lächeln auf den Lippen das durchgesetzt, was sich jetzt bezahlt machte.

Sie zupfte vertrocknete Glyzinienblüten vom Bogen herunter und erinnerte sich, dass »La Flora« genau in dem Jahr zum ersten Mal ausgebucht gewesen war. Während die zarten Pflänzchen anwurzelten, betrieb sie einen Blog, in dem sie über ihr Leben auf der Insel berichtete. Sie knüpfte Kontakte mit den unterschiedlichsten Menschen, unter anderem mit einer Journalistin aus Wien. Diese kam eines Winters blass, zynisch und ausgelaugt angeflogen und verließ La Gomera eine Woche später mit entspannten Gesichtszügen, zartem Teint und einer Aura der Glückseligkeit. Kurz darauf erschien ein Artikel in einer österreichischen Frauenzeitschrift mit der Überschrift:

»Gemma noch Gomera! Wie sich eine Althippie Insel zum easygoing Place mit sanftem Ökotourismus wandelt!« Ihr verschlafenes Örtchen La Flora wurde als »top location mit megahohem Regenerationsfaktor« erwähnt, als »Kraftplatz« und »Geheimtipp«. Das Frühstücksbüffet mit Obst aus dem Garten und den eigenen Eiern wurde als »liebevoll zubereitete Ode an Gaumen und Auge« beschrieben. Dazu waren Fotos vom Garten abgebildet, außerdem vom Meditationsplätzchen mit Meerblick am Hügel, von der Treppe zur Minibucht, »süß und perfekt zum Chillen« und ein Foto von Frida vor ihrem Brotbackofen im Garten. Selbstverständlich wurden auch Josés Salsakurse in den höchsten Tönen gelobt.

»Salsa: Das Drama des Lebens wieder wahrnehmen und es sich aus der Seele tanzen! Sich wieder spüren! Bikinifigur inklusive!«

Mittig im Artikel war ein Bild, auf welchem José abgebildet war, wie er mit nacktem Oberkörper, verschwitzt und durchtrainiert vor der Spiegelwand stand, den Arm bittend zum Tanz ausgestreckt, in den Augen pure Leidenschaft.

In den folgenden Wochen und Monaten war die Pension ausgebucht. Blasse, lebenshungrige Damen jeden Alters buchten einen Aufenthalt mit Salsastunden. Seinetwegen. Es war das erste Jahr gewesen, in dem sie ohne Nebenjob über die Runden kamen.

Jetzt, mit der Homepage, dem Blog, den guten Bewertungen bei diversen Suchmaschinen im Internet, mit den von Gästen kommentierten und zahlreich geposteten Bildern, lief es wie am Schnürchen. Sie konnte sich wirklich nicht beklagen.

Wirklich nicht.

Als sie das Büro ansteuerte, merkte sie erneut, dass ihr Energielevel nicht mehr derselbe war wie noch vor einem Jahr. Die Müdigkeit kam in Wellen. Wellen, die immer größer wurden. Wellen, die sie nicht mehr glätten konnte.

Sie, die noch bis vor kurzem von früh bis spät leichtfüßig durch die Anlage gesprungen war, ertappte sich immer öfter dabei, wie sie vor einer anstehenden Aufgabe seufzend gen Himmel blickte und den Kopf leicht schüttelte. Manchmal gingen die Tage nur schleppend dahin, vieles, was vor kurzem noch Spaß gemacht hatte, war jetzt ein Muss. Vielleicht sollte sie ein wenig früher aufstehen und ihren Kraftplatz oben am Hügel aufsuchen, wie sie es früher getan hatte? Doch da müsste sie erstmal früher schlafen gehen und abends genoss sie die wenigen Stunden, die sie mit

José hatte, da konnte sie sich unmöglich zurückziehen. Wobei, in letzter Zeit war er ihr gegenüber sehr wortkarg geworden, fast schon mürrisch.

Anstatt im Cockpit, wie sie ihr winziges Büro nannte, sofort den Computer zu starten und loszulegen, lehnte sich Frida ein wenig in ihrem Bürosessel zurück. Die indischen Fußkettchen klingelten vertraut, als sie ihre Füße auf den Tisch legte. Seufzend sah sie durch das Minifenster in den blauen Himmel.

Immer öfter gab er ihr das Gefühl, das Falsche zu sagen oder im falschen Moment zu sprechen, letzthin sogar vor den Gästen! Dann schnalzte er mit der Zunge auf eine Art, die ihr ein sofortiges Schaudern im Nacken bereitete. So musste sich ein Kätzchen fühlen, wenn es hochgehoben wurde, weil es zur falschen Zeit am falschen Ort war und dort etwas Verkehrtes getan hatte. Kein Mensch auf dieser Welt vermochte es, in ihr sowohl ein solch gigantisches Unwohlsein, als auch das Gefühl Göttinnenstatus zu besitzen, auszulösen. Sie schloss die Augen und dachte nach, wann sie sich das letzte Mal neben ihm wie eine Göttin gefühlt hatte. Es wollte und wollte ihr nicht einfallen.

Nun, da Raum und Zeit sowieso reine Illusion waren, beschloss sie, die positiven Energien herbeizurufen, indem sie sich auf ihre gemeinsame, wahre Bestimmung besann. Sie atmete tiefe, bewusste Atemzüge ein und aus und ein und aus und ein und aus und visualisierte ihre erste Begegnung am Hafen vor fünfzehn Jahren.

Es war ihr erster Sommer hier auf der Insel gewesen, sie hatte mit Lena ihr Praktikum geschmissen und an einer Strandbar gejobbt. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, Lena war wieder nachhause geflogen und Geld hatte sie auch nicht viel verdient. Deswegen hatte sie mit zwei Engländern, die sie am Strand kennengelernt hatte, Timothy und Shalom, eine Performance einstudiert, die sie abends an der Uferpromenade vorführten. Die Zwei jonglierten mit nacktem Oberkörper jeweils drei Feuerkegel, sie schlug dazu aufs Tamburin und tanzte um sie herum. Alle drei hatten zudem fantasievollst bunt geschminkte Gesichter. Zum Finale machte sie durch einen brennenden Ring eine Brücke rückwärts und Timothy und Shalom spien links und rechts dazu Feuerfontänen.

In diesem Moment fühlte sie pures Glück, sie war wie der Schmetterling, den sie sich ins Gesicht gemalt hatte, unbeschreiblich frei und bunt.

José hatte sie an der Mauer lehnend beobachtet, seine Augen waren nur auf sie gerichtet. Jede ihrer Bewegungen sog er auf, wie sie tanzte und ihr Tamburin im Takt schwang. Anstatt ein paar Münzen in ihren Hut zu werfen, lud er sie auf einen Drink ein.

Als sie ihm in diesem Moment in die Augen sah, ging ihr das Herz schlagartig auf und sie wusste, mit absoluter Klarheit, dass sie ihren Seelenpartner gefunden hatte. Da stand er vor ihr und strahlte sie an wie ein funkelnder Stern, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass er für sie bestimmt war. Es war, als wären sie plötzlich von einer schimmernden Seifenblase umfangen, in einer eigens für sie geschaffenen Welt. Und genau diesen Moment wollte Frida nun konservieren. Fokussieren, halten und konservieren. Sein Strahlen, die Seifenblase, ihr weit geöffnetes Herz. Fokussieren, halten und konservieren. Ihr Körper entspannte sich allmählich. Fokussieren, halten, konservieren. Sie sank etwas tiefer in ihren Bürosessel. Fokussieren, halten, konservieren. Ein Teil ihres Bewusstseins machte sich auf einen Spaziergang.

Plötzlich riss sie ein Hupen aus ihrem tiefenentspannten Zustand. Ein Hupen? Wie spät war es denn? Sie riss die Füße vom Tisch und kramte nach ihrer Taschenuhr.

Elf Uhr Dreißig?!

Dann war das Hupen etwa Pedro mit den Gästen?!

Das konnte doch nicht sein! Sie wollte doch vorher die Reservierungen prüfen, die Zimmer ausräuchern und frische Blumen hineinstellen! Hieß das, dass an den verunreinigten Zimmern noch Zettelchen klebten und vor ihrer Pension zehn reisemüde Personen standen, die es willkommen zu heißen galt? Wo war eigentlich José? Er sollte doch mit geöffneten Armen neben ihr im Hof stehen. Beziehungsweise sie neben ihm. Warum hatte er sie nicht gesucht? Ihre Gedanken überschlugen sich, genauso wie ihre klimpernden Schritte, als sie, während sie Richtung Eingang lief, ihre Haare zurecht strich. Das war ihr noch nie passiert, dass sie Mitten am Vormittag eingeschlafen war! Sie würde improvisieren müssen und die Gäste auf einen Willkommensdrink an den Pool bitten, damit sie in dieser Zeit rasch die Zimmer fertigmachen konnte.

Frida öffnete den Haupteingang und dazu ihre Arme und rief ein »Herzlich Willkommen in La Flora!« aus. José war dabei, mit Pedro Gepäckstücke aus dem Kleinbus zu hieven und funkelte sie kurz an.

Sofort verkrampfte sich ihr Nacken, als würde sie dort hochgehoben und leicht geschüttelt.

*

Endlich! Geschafft! Eliza sperrte die Türe ihrer im vierten Stock gelegenen Altbauwohnung auf, öffnete sie behutsam, um sich dann rasch hineingleiten zu lassen. Sie atmete tief aus, als sie die Türe mit ihrem Rücken schloss und wieder ein und wieder langsam aus, bevor sie ihre Augen über den vertrauten Flur streichen ließ, um dann weiter in den großen Wohnraum zu wandern, wo der Luster mit seinen kleinen Kristallen klimperte, was der Luftzug ausgelöst hatte, als die Türe ins Schloss gefallen war. Unter dem Luster stand der große Edelstahltisch, blank poliert und leer. In diesen Raum würde sie mit vierzehn, wohlabgeschätzten Schritten gehen, aber erst, nachdem sie ihren Mantel aufgehängt und ihre Schuhe im rechten Winkel auf die dafür vorgesehene Ablage gestellt hatte. Sie behielt ihn im Visier, den Luster, solange bis die letzten Kristallstäbchen aufgehört hatten zu klingen. Erst dann war sie bereit für den nächsten Schritt. Schritt für Schritt, so kam sie zurecht.

Es war mittlerweile sechs Uhr fünfzehn in der Früh und sie hörte, wie sich das Ehepaar der Nachbarwohnung auf den Weg zur Arbeit machte. Dass sie, bevor diese Leute das Haus verließen, zuhause angekommen war, deutete sie als gutes Zeichen für den bevorstehenden Tag. Wie sie es verabscheute, im Stiegenhaus Smalltalk zu führen! Schon alleine der Gedanke, jemanden, der keine Ahnung von ihrem Leben hatte, und doch so nah neben ihr wohnte, einfach so zu grüßen, als wäre alles einfach und vielleicht sogar froh, löste bei ihr tiefsitzendes Unbehagen aus. Was für eine abstruse Idee, Fremden einen schönen Tag zu wünschen, unreflektiert herumzuwünschen, so, als würde man es auch so meinen, ohne den Anderen zu kennen, ohne einen Hauch von Ahnung.

Sie lauschte den leiser werdenden Kristallen.

Als es ganz still geworden war, glitt sie aus ihrem Mantel und ihren Schuhen, schlüpfte in ihre mit Leopardenmuster verzierten Ballerinas, dann in den dunkelblauen Seidenkimono, um lautlos in die Wohnküche zu gleiten. Vor der Espressomaschine blieb sie stehen, drehte sich auf der Stelle im Kreis, behutsam und präzise wie ihre Bewegungen wanderten auch ihre Augen über die hohen Wände, die spärlichen, aber eleganten Wohnzimmermöbel, die Türe zu ihrem Zimmer, genau drei Zentimeter geöffnet, den Edelstahltisch und wieder zur Küchenzeile.

Erst jetzt konnte sie den Siebträger aus der Maschine lösen, um ihn mit frischem Kaffee zu füllen. Bis die Maschine vorgeheizt war, schloss sie kurz die Augen und entschied, dass heute ein Tag war, an dem sie nicht sofort schlafen gehen würde. Ihre nächste Schicht begann erst um 22 Uhr, davor gab sie sich vier Stunden Schlaf, in jeweils zwei Stunden aufgeteilt, das musste genügen.

Es war die Traumwelt, die sie in Zaum halten wollte. Die Traumwelt, die unberechenbar über sie hinwegbrach, wie gigantische Wellen ihren gesamten Morast aufzuwühlen vermochten und aus denen sie irgendwann völlig desorientiert durch ihre eigenen Schreie wieder an Land gespuckt wurde. Nun, das würde bald für immer der Vergangenheit angehören. Sie hatte einen Plan, an dem sie feilte, bis er perfekt war.

Ihre Schlafzeiten verlegte sie auf den Tag, auch wenn sie nicht arbeitete und spaltete sie in ein bis zwei kurze Tiefschlafphasen auf, die sie durch wirkungsvolle und präzis dosierte Medikamente so sehr verstärkte, dass sie traumlos blieben. Zudem begab sie sich einmal täglich in einen tiefenentspannten Zustand, in den sie sich, beleuchtet mit drei sonnenlichtimitierenden Spots, durch audiogeleitete Hypnose selbst hineinversetzte. Ihrem Körper sollte es an nichts fehlen, so aß sie hauptsächlich grünes Obst und Gemüse, welches ihr durch sein Chlorophyll zusätzlich wertvolles, gespeichertes Sonnenlicht lieferte. Nachts bei der Arbeit trank sie zwei Liter Matétee, zuhause ihre Espressi.

Wie jetzt. Das Lämpchen leuchtete auffordernd, die Maschine war vorgeheizt, endlich. Sie stellte die Tasse darunter, drückte den Knopf und sog den aufsteigenden Duft tief ein. Bilder der vergangenen Nacht tauchten auf, sie versuchte, sie zur Wohnungstüre zu scheuchen, ihnen keine Wichtigkeit beizumessen, ihnen keinen Wert zu schenken. Es war ja nur Arbeit. Arbeit, die Ablenkung schenken sollte. Doch je länger sie für die Reinigungsfirma arbeitete, desto öfter hatte sie das Gefühl, die Gerüche der Putzmittel könnten bis in ihre tiefsten Hautzellen gelangen und das, obwohl sie Handschuhe und ein Kopftuch trug! Der scharfe Zitrusduft des Bodenreinigers, der nie im Leben eine echte Zitrone gesehen hatte, schien an ihren Händen zu kleben. Wie jetzt, wenn sie die Tasse hochhob. Viel schlimmer noch war der chlorhaltige WC-Reiniger, der ihre Duftbahnen regelrecht niedertrampeln wollte. Doch solange der Duft von frischem Espresso sich noch darüberzulegen vermochte, vertrieb sie mit ihm die Gedanken an die Arbeit und den dazugehörigen Gerüchen.

Sie blickte auf ihre verchromte Küchenuhr, deren römische Zahlen sie darauf hinwiesen, dass in exakt fünf Stunden und fünfundzwanzig Minuten ihr Therapeutengespräch stattfinden würde. Was sollte sie ihm heute erzählen? Noch schlimmer: Was würde er sie fragen? Sie lehnte sich mit dem Rücken an den Tresen, hielt sich an ihrer kleinen Tasse fest und blickte über deren Rand zum Edelstahltisch und weiter bis zu ihrer drei Zentimeter geöffneten Zimmertüre. Wie verlockend so ein Schläfchen jetzt wäre. Doch die Zeit war noch nicht reif, sie musste sich erst mental auf den bevorstehenden Termin vorbereiten, denn ein Blick in den Badezimmerschrank hatte ihr gestern Abend verraten, dass es Zeit für eine neue Rezeptausstellung war. Deswegen hatte sie diesmal nicht abgesagt.

Beim letzten Termin hatte er sie gefragt, ob sie dieses Jahr der alljährlichen Aufforderung ihrer Mutter, mit ihr die Festspiele zu besuchen, nachkommen würde. Diese Frage stellte er jedes Jahr einen Monat zuvor und sie war in eine Schockstarre verfallen, es war ihr unmöglich gewesen zu antworten. Wie auch im Jahr zuvor. Also würde er sie heute wieder darauf ansprechen. Sie hatte sich selbstverständlich eine Antwort zurechtgelegt, wie auch im Jahr zuvor, welche sie ihm auf eine eloquente Art und Weise darbringen wollte. Doch in diesen Momenten war alles weg. Kalter Schweiß rann über ihre Wirbelsäule, ihre Augen fixierten einen imaginären Punkt und ihr Atem wurde flach. Wie sollte ihr da etwas vorher Zurechtgelegtes wieder einfallen?

Er würde sie bestimmt wieder nach ihren sozialen Kontakten fragen. Abgesehen davon, dass ihn das, genauso wenig wie die Festspielangelegenheit, nicht wirklich etwas anging, fand sie dieses Thema total überbewertet. Sie kam ja zurecht.

Bei dieser letzten Sitzung hatte er sie zu einem Visionsspiel angeleitet. Sie sollte sich vorstellen, an einem anderen Ort zu leben und alles was sie sah, genau beschreiben. Das Erste, das ihr in den Sinn käme, wäre gut. Sie schloss, wie angeleitet, ihre Augen und sah sich plötzlich in Brooklyn. Ganz eindeutig, denn sie hatte von einem Backsteinhausdach eine wundervolle Aussicht auf die Brücke und die New Yorker Skyline. Sie war über dieses gestochen scharfe Bild sehr überrascht, hätte sie sich, mit ein wenig mehr Zeit, eher in einem mit Orangenbäumen gesäumten Lavendelfeld gesehen. Doch Zeit ließ er ihr nicht. Sie sollte alles genau beschreiben. Die Jahreszeit, die Farbe des Himmels, die vorbeiziehenden Wolken, den Geruch auf der Straße, im Deli, in ihrer Wohnung, wie sie sich fühlte, was sie trug. Sie hörte Gehupe und Sirenengeheul, sah mit Kaugummi verklebte Mülleimer und Grafitti an den Wänden. Sie behielt die ganze Zeit über die Augen geschlossen, lief Straßen entlang, saß in Cafés, besuchte Ausstellungen, traf Menschen. Menschen! Sie, Eliza, traf Menschen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, neben denen sie sich gut fühlte! Auf der anderen Seite des großen Teiches.

Als sie die Augen wieder öffnete, starrte sie ihn an. Woher kamen diese Bilder? Was hatten sie zu bedeuten?

Sie fragte es ihn. Er lächelte, drehte sich leicht in seinem Sessel, formte mit seinen Händen eine Raute, legte den Kopf etwas schief und fragte schließlich zurück.

»Was hindert sie daran, dieses Leben zu führen?«

Sie wusste keine Antwort, Tränen rannen ihr übers Gesicht. Erst, als ein kleines Rinnsal von ihrem Kinn in die Mulde zwischen den Schlüsselbeinen tropfte und dort einen kleinen See bilden wollte, merkte sie, dass sie weinte.

Seit dieser Sitzung hatte sie zwei Mal ihre Termine abgesagt und verschoben, denn es war genau das eingetreten, das absolute No Go: Tränen! Beim Therapeuten! Sie! Wo sie doch diejenige mit den Fäden in der Hand war, sie bestimmte, wieviel und was sie ihm preisgab!

Eliza wälzte diesen Vorfall nun seitdem hin und her, zudem tauchten regelmäßig Bilder der Vision von Brooklyn auf, Bilder, die sie nicht einordnen konnte, die jedoch einen tiefen, bisher unbekannten Seelenfrieden in ihr auslösten. Es war ihr zwei Mal passiert sich dabei zu ertappen, wie sie mehrmals hintereinander »Brooklyn, Brooklyn« flüsterte, sie mochte es, wie das »klyn« über das sanfte »Broo« stolperte, es hatte etwas Überraschtes, es klang frisch und verheißungsvoll. Das Ganze war und blieb ihr vor allem ein Rätsel.

Sie trank ihren Espresso in einem Zug aus. Es hatte keinen Sinn weiter darüber zu grübeln, die leeren Medikamentenschachteln sprachen eine klare Sprache, sie musste wieder hin.

Außerdem war da ja noch Mutter und die Vereinbarung.

»Ich denke, es ist klüger, du kooperierst, ma chérie! Frage dich immer, ob du mit den Konsequenzen leben könntest!« Sie schob sie im Geiste rasch zur Seite, sonst würde alles noch schlimmer werden und beschloss, ihre Hypnoseseance sofort abzuhalten. Anschließend, mit erfrischtem Geist, würden sich ihre Gedanken besser sortieren lassen und sie könnte für die anstehende Sitzung passende Sätze sowie ihre champagnerfarbene Seidenbluse zum dunkelblauen Bleistiftrock zurechtlegen.

So zog sie, wie jeden Tag, die schweren Samtvorhänge der raumhohen Fenster zu, stellte ihre Leopardenballerinas sorgfältig nebeneinander hin und schwang sich auf den Edelstahltisch.

Den Kopf platzierte sie auf ein kleines, quadratisches Kissen genau unter den Luster, so, dass sie in seine glänzenden Kristallzapfen hochblicken konnte. Sie strich die zwei Hälften des Kimonos glatt und zog den Knoten des Gürtels in die Mitte, genau über ihren Bauchnabel. Dann erst nahm sie die erste Fernbedienung ihrer Anlage in die Hand, um die bereitgelegte CD zu starten, mit der zweiten schaltete sie die Sonnenlichtspots ein, die genau so ausgerichtet waren, dass sie von Kopf bis Fuß beleuchtet war. Die in der Decke eingebauten Lautsprecher beschallten sie die ersten drei Minuten mit Meeresrauschen, bevor die angeleitete Hypnose begann und in fünfundvierzig Minuten enden würde.

Sie setzte ihre schwarze Sonnenbrille auf und war bereit.

*

Der Wecker hatte sicher noch nicht geklingelt. Oder doch?

Lena wollte sich mit dieser Frage eigentlich gar nicht beschäftigen, sondern rasch in die Traumlandschaft zurückschlüpfen, durch die sie fuhr. Der Himmel offen, so weit, so blau! Sanft abfallende Hügeln verschmolzen mit dem durch schwarze Wolkenfäden verwobenen Horizont und in diese Verschmelzung fuhr sie, ganz unangestrengt zurückgelehnt, mit dem Zug. Sie wusste nicht, wohin er sie bringen sollte, doch wusste sie, dass es wichtig war, sie hatte eine Aufgabe, sie musste …

Irgendetwas rüttelte, riss an ihr. Egon. Nicht der schon wieder!

»Nein, geh weg! Lass mich schlafen!« Sie drehte sich zur Seite, wollte ihre Augen fest zupressen, doch davor hatten diese mürrisch die digitale Anzeige angeblinzelt.

07:10. Schonungslos, in Leuchtschrift.

Sieben Uhr ZEHN? Das konnte doch nicht sein! Lena sprang aus dem Bett, hastete zum Kinderzimmer, riss die Tür auf, machte das Licht an.

»Kinder! Kinder! Aufstehen! Wir haben verschlafen! AUFSTEHEN!! Schnell, schnell, schnell, raus aus den Betten!«, dazu schaltete sie das Licht ein und aus und ein und aus und wieder ein, stolperte über das Playmobilschiff, unterdrückte einen Fluch, zupfte an den Bettdecken und an den kleinen Füßen, die sich sofort darunter zurückzogen wie Schneckenfühler, wenn Gefahr droht.

Was für eine grausame Welt, in der man Kinder aufwecken musste! Alles in ihr sträubte sich dagegen, trotzdem zupfte sie weiter, plapperte auf sie ein, flehte sie an. Wie kleine Katzen streckten sie sich kurz, um sich dann sofort wieder mit einem Schwung zur Seite zu drehen und einzurollen. Am liebsten hätte sie die Kleinen wieder zugedeckt, sich dazugelegt, anstatt vor ihren Betten:

»Go! Go! Go!« zu rufen und dazu hysterisch herumzuhüpfen.

»In zwanzig Minuten müsst ihr zum Bus und ich zur Arbeit! Kommt schon: Auf, auf, auf!!«

Widerwillig krabbelten sie aus ihren Nestern und brachen ihren letzten Rekord um drei Minuten. In siebzehn Minuten hatten sie zwar wenig, aber doch etwas gefrühstückt, ihre Zähne geputzt, eine nicht hundertprozentig gesunde, aber nahrhafte Jause in den Schultaschen und waren startbereit für den Bus. Lena schob sie durch die Türe, warf ihnen Küsschen nach und winkte hinterher. Als sie um die Ecke gestolpert waren, lehnte sie sich an den Türrahmen und atmete tief durch. Wie sie diese Hetzereien satt hatte.

»Das hast du dir selbst eingebrockt!«, raunte ihr Egon mit seinem süffisantesten Lächeln zu. Sie wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum in der Hoffnung, er würde verschwinden, doch er ließ sich nicht abwimmeln. Wie eine Fliege, dachte sie. Da half nur noch ignorieren. Zwei Stufen auf einmal nehmend, sprang sie die alte Holztreppe hoch und beschloss, sich einen kleinen Espresso zu gönnen, schließlich würde der Tag noch lang werden.

»Ja, er wird tatsächlich lang werden dein Tag, vor allem, wenn du dir hier einen Espresso aufstellst, anstatt den Frühstückstisch abzuräumen!« Irgendwann war einfach Schluss. Sie drehte sich mit einem Ruck um, Egon schreckte wie ein vom Misthaufen verstoßener Gockel hoch.

»So Cowboy, deine Moralpredigt kannst du dir sparen! Außerdem habe ich jetzt keine, aber schon gar keine Zeit, um mit dir zu diskutieren!« Sie wandte sich ihrer geliebten, pure Zuversicht verströmenden, kleinen italienischen Espressokanne zu, schraubte sie auseinander, klopfte den alten Kaffeesatz heraus, spülte das Sieb durch, füllte es mit frischem Kaffee, strich ihn glatt. Hatte sie soeben ihr Flashback angefahren? Stritt sie mit einer Illusion, einem Hirngespinst? Nachdem sie den Behälter mit Wasser gefüllt hatte, setzte sie das Sieb ein und schraubte den oberen Teil drauf, ganz fest.

Ihr fiel ein, wie beleidigt Tom am Vorabend gewesen war, wie unflexibel er reagiert hatte. Er hatte sogar die Nudeln weggeschmissen, wie kindisch war das denn? Schließlich schnitten sich die Kinder ja nicht jeden Tag gegenseitig die Haare und dabei ins Ohr! Sie schüttelte den Kopf und drehte die Kanne noch etwas fester zu. Jedes Mal, wenn Tom daneben stand, wenn sie das tat, kam die selbe Leier.

»So, genau SO machst du die Espressokanne kaputt, weil du SO den Dichtungsring abnutzt und SO der Dichtungsring irgendwann zerreißt!« Nun, sie mochte es eben nicht, wenn das kochende Wasser dazwischen heraussprudelte, wenn sie nicht gut genug zugeschraubt war. Musste sie sich eigentlich deswegen rechtfertigen? Wie sie ihre Kanne zuschraubte? Wirklich?

Heute Morgen war er extra früh zur Arbeit gegangen und würde extra spät heimkommen. Ab übermorgen wird er für den Rest der Woche auf Fortbildungskurs sein und somit ergab sich keine gemeinsame Mahlzeit mehr, als Strafe sozusagen. Hätte sie nur seine Nudelkreation gegessen, dann wäre das nicht nötig gewesen. Toms vorwurfsvolles Kopfschütteln vor Augen, schraubte sie die Kanne so fest zu, bis ihre Knöchel weiß wurden. Egon steppte vor ihr mit Zylinder und Stock zwischen Abwaschbecken und den Küchenfliesen entlang. Ignorieren, ignorieren!

»Lalalalala«, sie summte ein Lied. Der Gasherd ließ sich nach längerem Klick-Klick-Klick gnädigerweise anwerfen. Die Espressokanne auf den bläulichen Feuerring gestellt, drehte sich Lena um und massierte sich die Schläfen. Der Druck der kreisenden Bewegungen ihrer Fingerspitzen ließ sie ein wenig zur Ruhe kommen.

Sie befahl sich selbst: »Mir geht es gut! Ich bin gesund! Ich bin zufrieden!« Der letzte Satz ging, zugegebenermaßen, ziemlich holprig über die Lippen. Diese drei Sätze würden ihre Zellen programmieren, bis jede Faser ihres Körpers daran glaubte. Meinte Frida. Sie hatte in ihrem letzten Mail ausführlich über die Forschungsergebnisse der Zellprogrammierung berichtet und weiterführende Links mitgeschickt, die Lena noch gar nicht geöffnet hatte. Irgendwann würde irgendetwas in ihr so tun, als würde es diesen Schwachsinn glauben, hoffte Lena, während sie mantraartig weitermurmelnd ihre Schläfen massierte.

Der erlösende Duft des frisch aufgestiegenen Espressos kroch ihr in die Nase, sie öffnete die Augen und Egon war weg! Ha! Triumphierend rührte sie einen Löffel Zucker in die dunkle Flüssigkeit und beobachtete den Strudel, den sie in ihrer kleinen Tasse ausgelöst hatte. Für kurze Zeit versank sie darin, für ein paar heilige Momente ließ sie sich in diesen Sog ziehen und war weg. Als sie wieder auftauchte, war es höchste Zeit die Turbinen anzuwerfen! Sie eilte ins Bad, um kurz darauf die Treppe hinunterzupoltern und sich auf ihr Rad zu schwingen. Der voll beladene Küchentisch würde ja nicht wegrennen.

Gerade heute hatte sie bei der Frau Dienst, die bei jedem Versuch, ihr ihre Stützstrümpfe anzuziehen, ausschlug wie ein krankes Pferd. Sie trat in die Pedale. Und eben gerade heute würde sie es nicht persönlich nehmen, wie in der Supervision besprochen, würde sie einen Schritt zurückgehen, klar ihre Grenzen setzen und Frau Kickfuß anbieten, eine andere Helferin zu schicken. Mit ruhiger und klarer Stimme würde sie sprechen, jawohl! Überhaupt würde sie ab sofort deutliche Grenzen setzen. Ihren Patienten, ihren Kindern, ihrem Mann. Dazu müsste dieser zwar zuerst etwas öfter Zuhause sein aber auch das würde sie klar und offen ansprechen. Klar und offen! Platsch, fuhr sie durch eine Pfütze. Mit einer Hand wischte sie sich die Schlammspritzer von der Wange, strich sinnloserweise über die nasse Jeans, sodass sich der Schlamm noch besser in die Fasern legte, schüttelte kurz ihre Turnschuhe aus und radelte weiter. Jetzt half nur noch ein erstes Selbstgespräch.

»Weiter atmen, immer schön weiterfahren, ich bin ja schon spät dran. Frau Kickfuß sitzt jetzt gegenüber ihrer Standuhr und wartet, Tick, Tack, Tick, Tack bis sie das Drehen des Schlüssels im Schloss hört und würde sich nur zu sehr freuen, wenn ich zu spät komme. Diese Freude werde ich ihr bestimmt nicht machen! Ha!«

Als sie ankam, schmiss sie ihr Rad in die Hecke der Einfahrt und hechtete die Treppe des kleinen Einfamilienhäuschens hoch. Während sie klingelte, suchte sie nach dem Schlüssel. Ding-Dong, gerade noch geschafft!

Drei Stunden später spuckte das Haus sie wieder aus und Lena fühlte sich, wie man sich nach einem Drachenbesuch eben fühlt. Ausgezehrt und kraftlos zog sie ihr Rad aus der Hecke. Sie hatte Hunger, einen von der Sorte, der sich eine tiefe Grube in den Magen bohrt und weitere, immer tiefere Abgründe aufreißt. Mit wenig übriger Kraft trat sie in die Pedale und lenkte ihr Rad Richtung Supermarkt. Auf der Fahrt wollte sie überlegen, was sie den Kindern auftischen sollte. Was Einfaches, irgendwas Schnelles. Nudeln? Nun, stören würde es die Zwei sicher nicht. Pizza? Leberkäse?

Mit großen Schritten hastete sie schließlich an der Gemüse- und Obstabteilung vorbei und kam an der Fleisch-Käse-Brottheke an. Endlich! Was für eine Augenweide! Leberkäse, Wurst, Fleisch, Bergkäse, Oliven und eingelegte Pfefferoni, frisches Brot! Ihre Augen flitzten die Theke auf und ab, voller Inbrunst sog sie die Mischung der sich ihr darbietenden Gerüche auf. Hinter der Brottheke winkte ihr auch schon Rosi mit ihrem Backhandschuh zu. Vor ihr in der Schlange standen noch zwei Handwerker, die ihre Fleischsemmeln bestellten, dahinter eine junge Frau mit Kinderwagen, dessen Fahrgast lautstark ein Rad Wurst reklamierte und eine ältere Dame, vertieft in die Lektüre ihres Einkaufszettels. Rosi deutete mit der Schulter auf ihren Chef, der weiter vorne Regale einräumte und verdrehte leicht die Augen. Letzte Woche hatte sie eine Rüge bekommen, weil sie sich anscheinend zu lange unterhalten hatten. Dabei hatte Lena auch wirklich Brot bestellt und sogar Kuchen. Ein gut gelauntes Beratungsgespräch war ja wohl noch erlaubt! Edeltraud von der Gemüseabteilung hatte sie, während sie Salatköpfe einschlichten musste, dabei beobachtet wie sie kicherten, fand das total unfair und beschwerte sich beim Chef. Sie selber musste schließlich von früh bis spät kaltes Gemüse einräumen! An sie wendeten sich die Leute nur, wenn sie eine schimmlige Gurke fanden oder nach Radicchiosalat verlangten, wenn sie offensichtlich keinen im Sortiment hatten. Warum sollte da die Rosi in der Brotabteilung bitte Spaß haben? Während sie schuftete?

Leider hatte Lena momentan keine Energie, sich über Edeltraud zu ärgern, hier ging es ums blanke Überleben, denn sie musste auf schnellstem Weg zu Nahrung kommen, schließlich hatte sie nicht einmal gefrühstückt! Sah man das denn nicht? Musste sie umkippen, damit man sie hier bediente? Eine der Wurst-Käse-Verkäuferinnen schien meditativ in die Reinigung der Schneidemaschine vertieft zu sein, die andere stocherte in Wurstbergen herum und häufte diese nach einer nur ihr ersichtlichen Logik um. Lena begann mit dem Fuß gegen den Boden zu klopfen. Hier wurde sie doch eindeutig ignoriert! Sollte sie hüsteln? Sie entschied sich für ein verkrampftes Dauerlächeln, welches sie der Schneidemaschinenputzerin in den Nacken bohrte. Schau zu mir! Schau zu mir! Schau zu mir!

Hallelujah, es funktionierte! Kurz darauf balancierte sie mit einem Berg Lebensmittel auf den Armen an die Kassa, ließ all die Dinge, die sie gar nicht kaufen wollte auf das Laufband plumpsen und fragte sich, wie sie das eigentlich auf ihr Rad bekommen sollte. Denn ihr Radkorb lag einsam und verlassen im Schuppen. Sie schielte zu einem Karton hinter der Kassa, als er ihr genau in diesem Moment von einer älteren Dame weggeschnappt wurde. Heute ist so ein schöner Tag! Ich bin gesund! Ich bin zufrieden! Mir geht es gut! Ich bin gesund, zufrieden! Mir geht es so gut! Sie musste unbedingt Frida anmailen und sie fragen, ab wann diese zellprogrammierenden Sätze wirkten. Da gab es doch sicher eine Studie darüber! Nun, würde sie eben eine dieser Tüten nehmen, von denen sie sich geschworen hatte keine mehr zu kaufen. Nein, noch besser! Sie würde alles in ihre Tasche stecken und die größeren Sachen unter den Arm nehmen und das Rad nachhause schieben. Alles kein Problem. Ihr Magen hing inzwischen zwischen ihren Turnschuhen herum, sie schleifte ihn bis zur Kassiererin weiter. Höflich grüßend begann sie ihre Tasche vollzupacken.

»25,40, bitte!« Mist! Plötzlich fiel Lena ein, ihre Geldtasche lag ja ganz unten! Ganz, ganz unten! Ihr wurde heiß. Sie begann zu wühlen, packte ein paar Lebensmittel wieder aus und hob kurz den Blick, um zu bemerken, dass sich bis hinten im Laden eine Schlange gebildet hatte. Fast bis zu den Keksen. Lauter Menschen, die verkrampft verständnisvoll dreinblickten, die meisten kannte sie, zumindest vom Sehen. Die Kassiererin freute sich über eine kleine unverhoffte Pause, streckte sich ein wenig und lehnte sich zurück, um Lena beim Kramen zu beobachten. Aus den Tiefen ihrer Tasche sang plötzlich Johnny Cash. Ach, das Telefon! Sie ließ Johnny weiter singen, fischte dafür die Geldbörse heraus und fühlte sich dabei wie eine Perlentaucherin, atemlos, aber glücklich. Mit einem triumphierenden Lächeln Richtung Warteschlange öffnete sie es und musste feststellen, dass das Fach mit dem Bargeld leer war. Eigenartig. Nun, was für ein Glück, dass sie eine Bankomatkarte hatte. Die lag. Sonst. Immer. In. Diesem. Schlitz! Doch da war nichts! Tom! Schon wieder! Gestern Abend hatte er das Auto aufgetankt, natürlich mit ihrer Bankomatkarte! Und sie ihr nicht zurückgegeben!

In ihr brodelte es, doch sie hatte keine Zeit ihren Mann durch eine Wurstmaschine zu schrauben. Sie sah zur Kassiererin.

»Melanie« stand auf dem Namensschildchen, es war genau dieselbe wie letztes Mal als sie … was wird die jetzt von ihr denken?

»Sie werden es nicht glauben, aber ich finde meine Bankomatkarte nicht.« Und etwas leiser: »Schon wieder nicht.« Melanie gähnte herzhaft.

»Soll ich ihnen einen Bon ausstellen?«

Lena bückte sich und zeigte mit gestrecktem Arm hinaus.

»Ich wohne gleich da drüben, oben, sehen sie? Nur drei Häuser weiter! Ich bring ihnen das Geld gleich zurück!«

»Füllen sie einfach den Bon aus, ist schon in Ordnung!« Melanie lächelte. Nicht  süffisant  oder  hochmütig,  sondern  einfach nur freundlich. Es gab sie noch, die guten Menschen. Lena atmete auf und die gesamte Menschenschlange hinter ihr tat es ihr gleich. Sich mehrmals bedankend zog sie sich, ihre Einkäufe und ihren leeren Magen aus dem Laden, hievte alles irgendwie auf ihr Rad und schob sich heim. Sofort wollte sie sich unter ihre Bettdecke verkriechen und den Rest des Tages dort verbringen, warten, bis es dunkel wird und dann eine Flasche Rotwein öffnen. Nein, am Besten betrank sie sich jetzt gleich. Aber das ging nicht, da waren ja noch die Kinder! Ach! Dieser Tag roch wirklich nicht gut und es war erst Mittag!

In dem Moment erschien Egon vor ihr, breitete seine gigantischen Flügel aus, seine dunkle Haut schimmerte zart, in seinem Krausehaar lag Glitzer. Sein Lächeln strömte pure Zuversicht aus. Er warf ein goldenes Seil aus, welches sich mit einem Achterknoten um das Lenkrad schwang und zog sie nach Hause.

Später, am frühen Abend stand Lena mit einer gelben Paprika in der Hand vor ihrem Schneidebrett und war zutiefst bemüht, diesem Tag noch eine Chance zu geben, ein Guter zu werden. Wie immer, wenn es ihr nicht so gut ging, half nur eines: kochen. Dabei versank sie dermaßen ins Tun und konnte gleichzeitig ihre Gedanken und Gefühle ordnen. Eine Flasche Rotwein stand offen am Küchentisch und atmete sich zur passenden Temperatur hin. Nudelwasser machte sich mit Meersalz angereichert bereit zum Kochen, kleine Wassertropfen rannen zuversichtlich über die schimmernde Oberfläche des Paprikas, den sie, um das Gehäuse herauszuputzen, nun mit Schwung entzweite.

Da war sie auch schon, die immer wiederkehrende Frage, die aufploppte gerade, als sie den Kompostkübel herauszog:

War es eine gute Idee gewesen, zurück ins Dorf zu kommen? Was wäre wirklich passiert, wenn sie vor zehn Jahren so getan hätte, als ginge sie das alles nichts an? Als wäre es einfach nicht möglich? Als könnte sie nicht einfach so ihre mit Mühe und Fleiß aufgebauten Zelte abbrechen?

Die Paprika in kleine Würfel hackend erinnerte sie sich an den Tag, an dem die beste Freundin ihrer Großmutter angerufen hatte, es war halb drei Uhr nachts gewesen, sie hatte wohl nicht daran gedacht, dass es zwischen Europa und Amerika so etwas wie eine Zeitverschiebung gab. Kurzatmig hatte sie ins Telefon gekeucht.