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Hubert und wie er die Welt sieht Wie jedes Jahr beginnt mit dem Sommer die Verwandlung des Hauses von Hubert und seiner Mutter in eine Pension: Die Zimmer bekommen Nummern – von 1 bis 3 – und die Sommergäste reisen einer nach dem anderen in die kleine Pension am Kolk. Während sie die Tage im Garten oder am Meer verbringen, beobachtet Hubert das Geschehen. Aber trotz aller Routine ist in diesem Jahr etwas anders als sonst: Huberts Mutter lässt nichts unversucht, um ihn unter die Haube zu bringen. Dass Hubert dafür absolut keine Notwendigkeit sieht, macht das Leben für ihn nicht leichter.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Das Buch
Wie jedes Jahr beginnt mit dem Sommer die Verwandlung des Hauses von Hubert und seiner Mutter in eine Pension: Die Zimmer bekommen Nummern – von 1 bis 3 – und die Sommergäste reisen einer nach dem anderen in die kleine Pension am Kolk. Während sie die Tage im Garten oder am Meer verbringen, beobachtet Hubert das Geschehen. Aber trotz aller Routine ist in diesem Jahr etwas anders als sonst, denn Huberts Mutter lässt nichts unversucht, ihn unter die Haube zu bringen. Dass Hubert dafür absolut keine Notwendigkeit sieht, macht das Leben für ihn nicht leichter.
Die Autorin
Barbara Handke behauptet von sich, ohne Bücher nicht leben zu können. Sie hat Bücher gelesen, verkauft, editiert, redigiert, gesetzt, vermittelt und geschrieben. Da passt es, dass sie schon seit 2004 in der Buchstadt Leipzig lebt.
Barbara Handke
Sommergäste
Erzählung
edition überland
Der Sommer beginnt. Meine Mutter macht die Fenster in Zimmer 1, 2 und 3 auf und legt die Bettdecken so dazwischen, dass sie nicht zufallen können. Stattdessen fallen aber die Türen der Zimmer 1, 2 und 3 zu, was laut knallt, worüber ich lachen muss, doch meine Mutter sagt, da gibt es nichts zu lachen. Sie macht die Zimmer sauber und muss sich erstmal hinsetzen, dann malt sie die Nummern an den Türen und an den Schlüsselschildern in Rot nach. Ich soll die Farbe auf keinen Fall anfassen, weil sie noch nicht trocken ist. Derweil ist meine Mutter beim Friseur.
Ich füttere meine Goldfische, damit sie schön fett sind, wenn die Gäste kommen. Wenn ich nicht im Zimmer bin, reden bestimmt alle darüber, wie gut ich meine Goldfische ernähre, und meine Mutter wird dann sagen, dass ich sogar eine Familie ernähren kann. Sie möchte nämlich, dass ich bald heirate. Das hat sie sich so in den Kopf gesetzt. Ich könnte wirklich eine Familie ernähren, denn ich arbeite bei der Post. Das heißt, ich muss früh aufstehen und habe den ganzen Nachmittag Feierabend. Jetzt habe ich auch Feierabend und kann mich in den Garten legen und schlafen, was ich wohl mal mache, bis meine Mutter wieder da ist. Sie sieht mich ungern untätig und sagt, das ist ein unschöner Anblick, wie ich auf dem Rasen liege, der eigentlich von mir gemäht werden muss.
Es ist sehr schön, hier zu liegen. Von unten ist es kalt und nass, von oben warm und trocken. Ganz oben im Himmel fliegen ein paar Vögel, die auch gut ernährt worden sind, sonst könnten sie nicht mit den Flügeln schlagen und würden runterplumpsen. Ich halte mir mal lieber die Hände vors Gesicht, damit sie nicht auf mich rauffallen.
»Hubert, was machst du da?« Oje, meine Mutter, da ist sie schon zurück.
»Nichts«, rufe ich, denn vielleicht beruhigt sie das ein bisschen. Dann weiß sie, dass ich nicht tot bin und dass ich noch mit ihr rede.
»Warum hast du denn den Rasen nicht gemäht?«
Weil ich Feierabend habe! – das sage ich nicht, sondern denke es nur, weil sie sich sonst aufregt. Aber was soll ich machen. Ich stehe also auf, um Rasen zu mähen. Aber ich komme nicht weit, denn vorn am Kolk ist Motorengeratter zu hören, was normalerweise eins bedeutet: Wir bekommen Gäste. Denn der Kolk ist eine Sackgasse und hat nur zwei Häuser, das von Eduardo und: unseres. Also nehme ich mir lieber die Gießkanne und tue so, als würde ich vorn die Fliederbüsche wässern. Der Mann, der am Steuer sitzt, parkt vor unserem Haus ein, was einfach ist, weil sonst kein Auto da ist. Es ist ein Opel Kadett B in Braun. Er war schon oft hier, zusammen mit seiner Frau, die auf dem Beifahrersitz sitzt. Sie heißt Vera Olbricht und ist Sekretärin. Er heißt Lutz Olbricht und ist Epileptiker. Sie wurde am 19. September 1941 in Lahr geboren, er am 6. September 1941 in Mannheim. Das habe ich aus der Gästeliste. Er und sie sind Eheleute mit Familienstand verheiratet und sie hieß früher Vera Christina Miller. Jetzt heißt sie nur noch Vera Olbricht und ich finde schade, dass sie gar nicht mehr Christina heißt. Sie ist schön, aber dumm. Meine Mutter sagt, das darf man nicht sagen, doch sie ärgert sich morgens über Vera, weil sie ihr Frühstück nicht isst, sondern nur nach einem Glas Orangensaft fragt. Und meine Mutter lässt sie fragen, jeden Morgen, drei Wochen, einundzwanzig Tage, fünfhundertvier Stunden, dreißigtausendzweihundertvierzig Minuten.
»Hubert, sag den Olbrichts doch Guten Tag!«
Richtig, das habe ich vergessen. »Guten Tag«, sage ich.
Lutz Olbricht vergisst auch, Guten Tag zu sagen, denn er holt schon das Gepäck aus dem Kofferraum und sieht mich gar nicht, aber Vera nimmt meine Hand – die ohne Gießkanne – und hält sie zwischen ihren Händen mit den lackierten Fingernägeln. Sie fragt mich, wie es mir geht und die Frage ist schwer zu beantworten. Jetzt muss ich einundzwanzig Tage lang, fünfhundertvier Stunden, dreißigtausendzweihundertvierzig Minuten lang herausfinden, wie es mir geht. Hätte sie nicht gefragt, hätte ich meine Ruhe gehabt. Vera Olbricht fragt auch meine Mutter, wie es ihr geht, und die sagt: »Fragen Sie lieber nicht.« Ich lasse die Gießkanne bei den Fliederbüschen stehen und mähe Rasen. Wie geht es mir, summe ich dabei. Wie geht es mir gut. Wie geht es mir schlecht. Und so weiter.
Jetzt ist Vera auf dem Balkon. Die Olbrichts haben wieder das beste Zimmer bekommen, das mit dem Balkon, Zimmer 1. Lutz hat es schon letztes Jahr reserviert, sogar mit Anzahlung. Dabei wollten es die Prodscinskis auch mal haben, aber das können sie ja wohl vergessen. Vera raucht eine Zigarette und als sie mich sieht, winkt sie. Ich winke zurück. Sie ist nett, aber dumm und ich freue mich schon, wenn sie ihren Bikini anzieht. Meine Mutter sagt, dass man eben sieht, dass Vera noch kein Kind bekommen hat. Nach dem Kinderkriegen ist man ganz verändert, man sieht aus wie Frau Prodscinski oder so wie meine Mutter, die ja auch einmal ein Kind bekommen hat: mich. Die Frauen, die schon Kinder bekommen haben, sehen aus wie eine andere Spezi als die Frauen ohne Kinder. Finde ich jedenfalls.
Ich mähe jetzt an der Beetkante entlang. Um diese Zeit gibt es bei einigen Leuten Erdbeeren, bei uns aber nicht, weil wir keine Erdbeerpflanzen haben. Meine Mutter liebt Blumen und deswegen haben wir Blumen. Ich liebe Erdbeeren, aber deswegen haben wir noch lange keine Erdbeeren. Wie geht es mir schlecht. Ich mähe ein paar Blumen ab und der Rasenmäher raspelt und wartet dann ein bisschen. Er kann so lange Stiele nicht ab. Wie geht es ihm schlecht. Ich drehe ihn so um, dass er aussieht wie ein Mistkäfer. Die Blumenstiele gucken raus. »Hubert! Mach zügig und stell die Liegestühle hin!« Meine Mutter, wer denn sonst. Also ziehe ich dem Mistkäfer die Beine raus und drehe ihn zurück auf den Bauch. Jetzt mäht er wieder. Als ich fertig bin, hole ich zwei Liegestühle aus dem Schuppen und stelle sie auf den gemähten Rasen in die Abendsonne. Sie haben ein paar Spinnweben, die ich dranlasse.
Als Lutz und Vera drinsitzen, sagt er zu ihr, dass es doch herrlich ist, wieder hergekommen zu sein. Ich glaube, er ist ein Opportunist. Sie sagt nein, sie wäre lieber endlich mal nach Italien gefahren, statt zum zehnten Mal hierher. Er sagt, sie soll mal nicht übertreiben. Sie sagt nichts, er sagt nichts, sie sagt nichts, er sagt nichts und so weiter. Leider hat sie ihr Kleid an, also gehe ich rein. In meinem Zimmer steht die Angel. Ich könnte angeln gehen, schließlich habe ich Feierabend, aber meine Mutter würde es unschön finden, wenn ich angle, obwohl unsere Gäste gerade erst angekommen sind. Sie findet es schöner, wenn ich ihr bei der Arbeit helfe. Also gehe ich zu ihr. Sie bügelt Tischdecken.
Da habe ich eine Idee. Ich frage sie, wie es ihr geht und sie sieht mich natürlich komisch an. »Warum?«, fragt sie und lässt das Bügeleisen auf der Tischdecke stehen. Ich warte, ob sie ein Brandloch macht, aber dann schiebt sie das Bügeleisen gerade noch rechtzeitig von der heißen Stelle weg. Ich sage nichts und immer, wenn ich nichts sage, sagt sie etwas, da sind wir anders als die Olbrichts. Diesmal sagt sie: »Mir würde es jedenfalls besser gehen, wenn du versorgt wärst.« Oje, das wieder. »Wenn ich einmal nicht mehr bin, hast du niemand, der sich um dich kümmert«, sagt meine Mutter, »und eine, die bescheiden und fleißig ist, könntest auch du finden.«
Ich sehe mich mit einer Zeitung im Liegestuhl sitzen und neben mir sitzt eine Frau, die bescheiden und fleißig ist und einen Bikini anhat. »Na gut«, sage ich, weil dagegen ja erstmal nichts einzuwenden ist, aber da lässt sie wieder ihr Bügeleisen stehen und möchte wissen, was ich denn zu unternehmen gedenke. Das Bügeleisen steht da jetzt schon ganz schön lange. Ich kriege ein bisschen Herzrasen davon. Deswegen sage ich »weiß nicht« und hoffe, dass sie kein Brandloch macht.
»Ich weiß es aber«, sagt sie und bügelt die Decke fertig. »Du wirst eine Annonce aufgeben.« Wir legen die Tischdecke zusammen, jeder hat immer zwei Ecken, und dann muss sich meine Mutter erstmal hinsetzen.
Am nächsten Morgen stehe ich 04:10 Uhr auf. Alle anderen schlafen noch. Aber es ist Juni und deswegen schon hell, als ich den Kolk hinuntergehe. Auf dem Feld stehen ein paar Rehe und laufen nicht weg, weil sie sehen, dass ich es bin. Aus Eduardos Haus an der Kreuzung kommt Eduardos Kater und wartet unter der Linde, damit ich ihm fünfzigmal den dicken Kopf streichle. Dann muss ich aber weiter zur Bushaltestelle, die achtundsechzig Schritte hinter der Kreuzung kommt. Bus Nummer 14 ist zweieinhalb Minuten zu spät, sonst verläuft alles normal. Als meine Mutter am Nachmittag fragt, wie mein Tag war, sage ich »normal«. Aber dann fängt er an, ganz schön unnormal zu werden. Das geht so los: Ich soll Liegestühle für die Prodscinskis rausstellen, die nachher kommen, und gehe zum Schuppen. An einem Liegestuhl sitzt eine fette Spinne. Den nehme ich und stelle ihn raus, neben den von Vera. Sie blättert in einer Zeitschrift. Leider hat sie ein Kleid an, aber es sind auch nur 16,6 Grad im Schatten. Dann hole ich den nächsten Liegestuhl und stelle ihn neben den von Lutz. Auf einmal sagt der etwas zu mir, nämlich: »Ich hab gehört, du kommst bald unter die Haube?«
Ich möchte nein sagen, aber irgendwie klappt das gerade nicht, und ich sage »naja«.
Da sagt er: »Dann ist es mit deinem schönen Junggesellenleben aber vorbei. Gattinnen haben Ansprüche und wollen lieber ans Meer fahren, statt mal auszuspannen.«
Vera liest immer noch in ihrer Zeitung und sagt gleichzeitig: »Erst willst du zum zehnten Mal nach Flakenort und dann nur im Garten herumsitzen. Dabei ist das Meer nur eine halbe Stunde weg.«
»Was willst du am Meer? Es ist kalt!« Er glaubt wohl, sie kann die Temperatur nicht merken. Er ist eben ein Opportunist. »Hubert, würdest du heute ans Meer fahren?«
Normalerweise fahre ich nicht ans Meer, ich wüsste gar nicht wie. Aber würde ich heute fahren, ja oder nein? Und wenn was? Es ist schwer, auf diese Frage zu antworten, und ich überlege noch etwas.
Da sagt Vera: »Dann fahre ich eben mit Hubert. Gib mir die Wagenschlüssel.«
Er sagt nichts. Sie steht auf und geht ins Haus und er schielt nach oben zum Balkon, nur mit den Augen, ohne den Kopf zu heben, was komisch aussieht. Es passiert nichts mehr. Ich mache die Schuppentür zu und überlege, ob ich angeln gehe, auch wenn meine Mutter das unschön findet. Also gehe ich rein, um die Angelsachen zu holen, da kommt Vera die Treppe runter, mit einem Korb voller Strandsachen und dem Schlüssel. »Komm mit«, sagt sie und ich sage nichts, komme aber mit.
Auf dem Fahrersitz sitzt sie, auf dem Beifahrersitz ich. Das Auto ist von innen auch schön. Ich kurbele das Fenster runter und halte den Kopf raus. Vera Olbricht lacht. Sie hat jetzt viel bessere Laune als eben und sagt sogar: »Du bist meine Rettung, zum Glück bist du nicht so ein Stiesel wie mein Göttergatte!« Stiesel und Göttergatte muss ich nachher auf meine schwierige Wörterliste schreiben. Ich habe nämlich eine Liste für schwierige Wörter, die ich auswendig lerne. Zum Beispiel Arbiter Elegantiarum, und ich frage jetzt mal Vera, ob sie weiß, was ein Arbiter Elegantiarum ist und sie sagt nein. Aber es macht nichts, dass sie ein bisschen dumm ist, und ich sage: »Das macht nichts, Frau Olbricht.«
Sie sagt: »Vera, du kannst doch Vera sagen.« Also sage ich Vera.
Die Fahrt ist nicht lang, nur wie einmal zur Post und zurück, also insgesamt achtundzwanzig Minuten. Am Strand sind nicht sehr viele Leute. Vera stellt ihren Korb unweit vom Wasser hin und setzt sich direkt daneben. Ich setze mich auch daneben, aber genau auf die andere Seite. Wir ziehen uns beide die Schuhe aus, sie ihre und ich meine, und dann merke ich, dass es sehr schön ist, keine Schuhe anzuhaben. Es ist richtig lau und lind. Ich schmeiße mich in den Sand und der Wind kitzelt meine Fußsohlen, als wenn ich in eine Posaune getreten wäre, die gerade benutzt wird. Deswegen muss ich lachen. Wie geht es mir gut! Vera muss auch lachen und rennt herum. Wie eine Irre rennt sie herum! Sogar bis ins Wasser, dabei hat sie ein Kleid an. Da renne ich auch ins Wasser, dabei habe ich Hosen an. Das Wasser ist sehr kalt an den Knien, und ich habe kurz Angst, dass ich auf einen Fisch trete. Deswegen bleibe ich mal lieber stehen und schaue runter. Da ist der Sand auf dem Boden schön in Wellen gelegt. Manchmal liegt auf einer Bodenwelle eine weiße Muschel. Fische sind nicht zu sehen.
Dann liegen wir lange herum und schauen hoch. Im Himmel fliegen Möwen. Sie schreien ganz schön herum und setzen sich manchmal ganz nah zu uns. Sie schauen immer aufs Wasser. Die Wolken sind weiß. Ein kleines Flugzeug kurvt herum. Ich hoffe, dass es nicht auf uns runterplumpst. Die Wolken bekommen eine neue Farbe. Aus den grauen Wolken fängt es zu regnen an, Vera gibt mir ihren Korb und wir rennen zurück zum Parkplatz. Im Auto ist es trocken und die Regentropfen klopfen auf das Dach, als wollten sie rein. Ich sage zu Vera: »Das ist so ein schöner Feierabend!«
»Ja«, sagt sie, »es ist wundervoll.«
Da sage ich »du auch«, weil es mir so rausrutscht und sie freut sich richtig, das sieht man.
Als wir in den Kolk einbiegen, sehe ich gleich, dass ein VW Käfer in Orange vor unserem Haus steht. »Oje, die Prodscinskis sind da«, sagt Vera und hat wieder ganz ungute Laune. Frau Prodscinski sieht auch schon aus dem Fenster heraus, und weil sie Zimmer 3 bekommen hat, das nach vorn rausgeht, sieht sie genau dahin, wo Vera jetzt einparken muss. Das ist übrigens gar nicht so leicht, weil Prodscinskis Auto in der Mitte steht. Rechts und links vom Parkplatz sind Büsche, sodass Vera nicht gerade viel Platz hat. Naja, auf jeden Fall fährt sie gegen den VW Käfer von Prodscinskis. Etwas. Nicht viel, aber sie fährt eben dagegen. Am Auto von Olbrichts ist vorn links die Lampe ein bisschen kaputt, am Auto von Prodscinskis ist hinten rechts die Lampe ein bisschen kaputt. Mehr nicht. Trotzdem kommen alle angerannt und machen ein Riesentheater. Alle stehen plötzlich vor dem Haus und reden durcheinander. Meine Mutter, Lutz Olbricht, Marion Prodscinski, ehemals Marion Strick, geboren am 8. Februar 1924 in Sonsbeck, und Reinhardt Prodscinski, geboren am 24. Dezember 1922 in Essen. Familienstand verheiratet bei beiden. Ich sage, dass Vera nichts dafür kann. Der VW Käfer stand so dumm in der Mitte, da haben wohl beide ein bisschen Schuld. Lutz Olbricht sagt, ich soll mal nachdenken. Ich denke mal nach: Alle Gäste sind verheiratet, alle Gäste haben ein Auto mit einer kaputten Lampe und alle Gäste wollen Zimmer 1. Trotzdem streiten sie sich gerade. Da fällt mir ein, dass ich meine neuen Wörter auf die Liste schreiben muss, denn Opel Kadett B steht auch schon drauf. Leider richtet meine Mutter ihre Aufmerksamkeit auf mich und findet mein Verhalten unschön. Ich hätte Bescheid sagen sollen, bevor ich wegfahre und man sieht ja, was dabei herauskommt. Warum meine Hose nass ist. Prodscinskis haben übrigens vergessen, Guten Tag zu sagen und ich habe es auch vergessen.
Die Prodscinskis sitzen im Garten auf den Liegestühlen und denken gar nicht daran, ans Meer zu fahren. Frau Prodscinski strickt einen Topflappen, den sie später auf einem Bazar für einen guten Zweck verkauft. Dabei erzählt sie von ihrem Sohn Rainer, der leider nicht verreisen kann, weil er Abteilungsleiter ist. Zu meiner Mutter sagt sie, dass es kaum zu glauben ist, dass Rainer und ich gleich alt sind, wo er doch schon ein Haus gebaut und eine Frau geheiratet und zwei Kinder bekommen hat, die gut in der Schule sind. Wenn Frau Prodscinski nicht im Garten, sondern vielleicht auf dem Klo ist, sagt Vera »die alte Angeberin« und Lutz’ Gesicht sieht ganz komisch aus und er kriegt Kopfzucken in Richtung Herr Prodscinski, der in einem anderen Liegestuhl sitzt. Er ist taub. Glaube ich zumindest. Gestern habe ich mal gerufen: »Herr Prodscinski! Sehen Sie mal her!«, aber er hat sich nicht gerührt. Dann habe ich mit dem Gartenschlauch den Ärmel von seinem karierten Hemd nass gemacht, da hat er sich gerührt. Wahrscheinlich ist er also taub und sonst ganz normal.
