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Jekaterinburg, Sommer 1918, ein Graf, ein Pope und ein Offizier sind der Familie des letzten Zaren hinter den Ural gefolgt, begleitet von ihren Damen, Kindern und dem immer noch üblichen Personal. Man erkennt die Gefahr noch nicht, sondern nimmt im Gegenteil so manche alte Fehde aus Petrograd mit. Man beendet gewesene Beziehungen und beginnt neue, trifft Gleichgesinnte in der Stadt, dilettiert über einen Befreiungsversuch der Zarenfamilie als plane man eine Jagdpartie. In der bewussten Nacht des Todes in jenem Keller im Hause Ipatiew, gibt es eine große Razzia, in weiterer Folge kommt es zu Todesfällen in der weiteren Umgebung der angereisten Petrograder, so mancher Begleiter bleibt verschwunden. Der von den Bolschewiki offiziell gemachte Tod des Zaren, das vorläufige Verschwinden der restlichen Familie und der verbliebenen Suite, ändert nichts am Verhalten der Überlebenden. Erst als es mitten in der Gruppe einen gewaltsamen Todesfall gibt, beginnt man scheinbar, sich zu verändern. Man regelt formvollendet die Angelegenheiten und gibt schließlich auf, nach und nach reist man ab. Ein großes Unverständnis der Ereignisse zeichnet die Protagonisten bis zum Ende aus, die Figuren bewahren formvollendet ihre Indolenz.
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Seitenzahl: 735
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Heinz Plomperg
Sommergeister
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Sommergeister
Abenddämmerung
Abenddämmerung, Forts. 1
Abenddämmerung, Forts. 2
Nacht
Morgengrauen
Morgengrauen, Forts. 1
Morgengrauen, Forts. 2
Morgengrauen, Forts. 3
Dramatis personae
Impressum neobooks
Ein starker Mann braucht die Macht nicht,
ein schwacher wird von ihr erdrückt.
*
In Jekaterinburg war es in den bürgerlichen Gegenden im Juni 1918 schon am frühen Abend still, man hielt sich aus begreiflichen Gründen zurück, die Bewohner duckten sich in ihren Häusern, so diese nicht bereits von ihnen im Stich gelassen worden waren.
So nahm niemand Notiz davon, wollte gar niemand Notiz nehmen, wie an einem gewissen Abend in der späten Dämmerung zwei unauffällige Pferdewagen, eine offene Droschke und ein Leiterwagen, zum Haus der Witwe Martinowa vorfuhren, einem gutbürgerlichen, die letzten Jahre eher vernachlässigtem Anwesen, etwas abseits in einem ruhigeren Viertel der Stadt gelegen. Die Tatsache, dass jenes Anwesen mit seinem bröckelnden Putz und dem verwilderten Garten mehr von vergangenem Wohlstand als von gegenwärtigem zeugte, sowie der Umstand, dass es zuletzt und bis vor Kurzem überhaupt die meiste Zeit leer gestanden hatte, gepaart mit der Zurückhaltung und Vorsicht der neuen Bewohner, hatte dafür gesorgt, dass es noch zu keiner der gefürchteten Hausdurchsuchungen gekommen war.
Ein Mann, Ende Dreißig vielleicht, auf den ersten Blick unauffällig gekleidet, entstieg der Droschke und näherte sich dem Haus.
Auf sein Klopfen reagierte man nicht sofort und erst nach einer gewissen Diskussion durch das erstbeste Fenster neben der Tür, wurde geöffnet, von einem noch recht jungen Popen, der sich vorsichtig umsah, bevor er den Mann endlich herein bat.
Es vergingen etwa zehn Minuten, bis sich die Tür wieder öffnete und eine schlanke, mittelgroße Frau die Begleiter des Mannes herein winkte, zwei junge Männer Mitte oder Ende Zwanzig, die jetzt ebenfalls der Droschke entstiegen.
Nach weiteren etwa zehn Minuten kamen von hinten, vom Garten, ein großer stattlicher, aber bescheiden gekleideter Mann und eine kleine, zierliche Asiatin mit Schürze zum zweiten Gefährt, sprachen mit einem jungen Mann und einem halbwüchsigen Burschen, die vom Leiterwagen kletterten und begannen alle gemeinsam, eine Anzahl von Koffern, Kisten und Körben abzuladen und durch den Hintereingang im Haus zu verstauen. Die Kutscher, die dem emsigen Treiben gleichgültig und tatenlos zugesehen hatten, erhielten ein Trinkgeld, das großzügig genug war, Schweigsamkeit zu erkaufen, aber auch nicht zu großzügig, um unliebsames Aufsehen zu erregen, womit jene auch stadteinwärts umkehrten.
In den umliegenden Häusern schien sich nicht einmal eine Gardine zu regen, was einerseits darin begründet sein mochte, dass so manche von den Besitzern bereits verlassen worden waren, während die noch anwesenden Bewohner die selbe Vorsicht und Zurückhaltung walten ließen, wie die neuen Mieter im Hause der Witwe Martinowa. Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen, war die Devise vieler „bürgerlicher“ Einwohner in jener Stadt in Sibirien, in jenen Tagen, in der Hoffnung, nicht gehört, nicht gesehen und nicht befragt zu werden.
Der größte Raum der Martinowa, etwas überfüllt mit Möbeln aus den 1870er Jahren, mit schweren Vorhängen, dunklen Tapeten, die Wände behängt mit Kopien von Kopien von Kopien alter Meister, belastetet von einer schweren Holzdecke mit völlig nachgedunkelten Intarsien, mochte wohl von der Vermieterin in besseren Tagen und etwas hochtrabend „Salon“ genannt worden sein, allein boten zwei Sofas, die einander gegenüber standen und diverse Fauteuils und Hocker gerade noch acht oder zehn Personen einen Sitzplatz. Das anschließende Speisezimmer, zu dem man jetzt die doppelte Flügeltüre geöffnet hatte, wies etwa die selbe Anzahl von Stühlen um den Esstisch auf, war von derselben provinziellen Elegance, von nur etwas geringerer Größe, beeinträchtigt von einem massiven Buffet, indem sich freilich weder repräsentatives Geschirr noch Silber befanden.
Die Martinowa war eine kinderlose Kaufmannstochter und Beamtenwitwe, deren Mann alles Geld im Spiel und bei unglücklichen Investitionen durchgebracht hatte, und deren Pension nicht mehr mit der gewohnten Regelmäßigkeit ausgezahlt wurde.
Sie wohnte zentraler in der Stadt, bei einer unverheiratet gebliebenen und immer noch etwas wohlhabenderen Cousine und jenes Haus stellte ihren gesamten Besitz dar und war zugleich ihre einzige Einnahmequelle.
Die letzten Mieter hatten dem jüngeren Zweig der Adelsfamilie Archangelskij entstammt, hatten jedoch das Haus für Familienmitglieder und Gäste allgemein nur als Nachtquartier benutzt, um sich zu erholen, bevor man nach der anstrengenden Bahnfahrt weiter zum Gut reiste. Daher war stets wenig Bedarf zur Repräsentation, gewesen, allerdings hatte sich eine beachtliche Anzahl von Betten ergeben, was sich jetzt als praktisch erwies. Ein ältliches und kinderloses Ehepaar hatte das ganze Jahr über das Haus zwar bewohnt und einigermaßen in Schuss gehalten, den Garten dabei aber mangels Auftrags und eigenen Interesses sträflich vernachlässigt.
Aufgrund der Vorkommnisse der letzten Zeit waren der Martinowa aber nicht nur die Mietzahlungen ausgeblieben, sondern auch jenes Ehepaar abhanden gekommen, das sich eines Tages (oder eher eines Nachts) grußlos abgesetzt hatte, vermutlich im Kielwasser ihrer adeligen Dienstgeber. Trotz des eigentlich immer noch bestehenden Mietvertrages hatte sich die Witwe Martinowa aufgrund ihrer permanenten pekuniären Verlegenheiten also zur Neuvermietung entschieden. Da sie wusste, dass die neuen Mieter im Ursprung Petrograder waren, hatte sie freilich den Preis kühn verdreifacht, um im Endeffekt, nach kurzen Verhandlungen, wenigstens das Doppelte der letzten Miete zu erzielen.
In ihrem Salon und Speisezimmer versammelte sich jetzt ein rundes Dutzend Personen, nachdem sich die erste Aufregung um die Neuankömmlinge und ihr umfangreiches Gepäck erst einmal gelegt hatte.
Die Kinder hatte man nach oben gebracht. Saskia, die Vierjährige, war ohne weitere Umstände zu Bett gegangen, sie hatte im letzten Jahr so viele Ortswechsel erlebt und so viele neue Menschen in ihrer Umgebung, dass sie nur mehr schwer zu beeindrucken war. Niki, der Neunjährige jedoch, war leise, still und heimlich wieder aufgestanden, nachdem er sich von Miss Clement, der Nurse, verabschiedet hatte.
Im Nachthemd und Schlafrock setzte er sich auf der Galerie auf einen Hocker, direkt oberhalb der Glastür zum Salon, von wo aus er bequem die Gespräche der Erwachsenen belauschen konnte. Schließlich war niemand geringerer als sein Patenonkel Rodja gekommen.
„Ich habe in Tobolsk die Kinder von Dr. Botkin gesprochen, Miss Mathar und Mme. Derewenko, die mit ihrem Sohn Kolja zurück geblieben ist, sowie die Charitonowa, die Frau des Kochs, die mit ihrer Tochter dort ist.“, begann Graf Rodion Sergejewitsch Arlington de Sadesky, gewesener Erster Jagdmeister des Zaren, jener Neuankömmling, ein jugendlich wirkender Anfangsvierziger, dessen Aussehen seine angelsächsischen Vorfahren durchaus nicht verheimlichte, „Außerdem konnte ich hier in Jekaterinburg am Bahnhof Baronesse Buxhöveden sprechen und bin Dr. Derewenko, Monsieur Gilliard und Mr. Gibbes in der Stadt begegnet. Gibbes und Gilliard dürfen sich nämlich in der Stadt bewegen, hausen jedoch im selben Zug, wo die Buxhöveden, Mlle. Teglewa, Mlle. Toutelberg, Erzberg, Zanotti und andere festgehalten werden, insgesamt offenbar achtzehn Menschen. Einzig und allein Dr. Derewenko hat ein Quartier in der Stadt und muss nicht am Bahnhof nächtigen.
En passant bemerkt, herrscht dort ein unbeschreibliches Chaos.
Anyway, jedenfalls befinden sich nach meinen Informationen im Hause Ipatiew also neben der hochverehrten kaiserlichen Familie, noch Dr. Botkin, die Diener Trupp und Tschemodurow, der Koch Charitonow, die Kammerfrau Demidowa, der Matrose Nagorny, sowie entweder ein Koch oder ein Küchenjunge Sednjew. Weiß letzteres übrigens, wer genau?“
„Sowohl ein Koch, als auch ein vierzehn- oder fünfzehnjähriger Küchenjunge, Onkel und Neffe, um genau zu sein.“ , antwortete Vater Ignat Borisowitsch Drutskoij, der Pope, gewesener Hofprediger der Zarin und neuer Mieter der Witwe Martinowa, ein noch junger Mann Anfang Dreißig, der sich jedoch darauf verstand, sehr würdevoll zu wirken.
„Danke, also vierzehn, nein, Pardon, fünfzehn Personen im Haus Ipatiew.“, setzte Rodion fort, „Dazu kommen nach meinen bisherigen Informationen mindestens die Gräfin Hendrikowa, Mlle. Schneider, General Tatischtschew, der Adjutant Prinz Dolgorukow, der Diener Wolkow, vielleicht noch andere Bedienstete, die jetzt alle im Gefängnis sind.“
„Im Gefängnis?“, stieß Sonia Alexandrowna Van Langendonck-Milowa entsetzt hervor, „Seit wann denn das?“ Sie war eine langjährige Freundin Rodions, eine Zeitlang hatten sie sogar für verlobt gegolten, eine zarte kleine Person mit markanten Gesichtszügen, welche die persische Abstammung ihrer Mutter nicht leugnen konnten und mittlerweile die Mutter seines Patensohnes Niki, eben jenes Neunjährigen, der schlaftrunken oben auf der Galerie noch versuchte, die Ohren nach den Gesprächen der Erwachsenen offen zu halten.
Rodion verneinte, dies zu wissen, vermutete jedoch, bereits unmittelbar nach deren Ankunft. „Ich füge bei der Gelegenheit hinzu, dass Isa Buxhöveden nichts davon weiß, dass Nastinka Hendrikowa im Gefängnis ist – und wir wollen das auch so beibehalten, sie sind einigermaßen befreundet. Ich weiß also nicht genau, wie viele Personen aus der Suite des Zaren momentan im hiesigen Gefängnis sind. Angesichts der Tatsache, dass etliche Leute in Tobolsk zurück geblieben sind, und etliche Leute zwar aus Tobolsk abgereist sind, aber nicht unbedingt hierher, konnte ich das nicht verifizieren.“
„Es ist einer der Diener vor kurzem direkt aus dem Haus Ipatiew ins Spital gekommen.“, fiel Leutnant Pawel Kyrillowitsch Milow ein, Sonias weitaus jüngerem Mann und gewesener Adjutant von Oberst Kobylinski, jenes Palastoffiziers, der die Zarenfamilie bis Tobolsk begleitet hatte, „Ich glaube, Tschemodurow. Der müsste ja wissen, wer aller dort ist, im Gefängnis, meine ich.“ Er war eine fast knabenhafte Erscheinung, zurückhaltend und irgendwie auch immer etwas abwesend wirkend.
„Ich wollte meinen Igor schon los schicken, aber der war krank.“, meinte Zoë Iwanowna von der Raab, gewesene Hofdame der Zarin und Ziel Rodions langjähriger Verehrung, eine fragile, stets etwas fahrig wirkende Person
„Gut, um die Leute in Tobolsk mache ich mir im Moment auch keine Sorgen, die meisten sind lediglich Familienangehörige von Bedienten, oder gehören nur mittelbar zur Suite.“, begann Rodion wieder, „Außerdem weiß ich aus sicherer Quelle, dass die Roten mittlerweile dort von der Stadtbevölkerung hinaus geworfen wurden. Und um die Ausländer hier, mach ich mir auch keine Sorgen. Und selbst, wenn die Roten den Zug mit der Buxhöveden und all den anderen wieder weg schicken sollten, dann sind sie eben in Tjumen oder in Perm, Tobolsk hat keine Bahn und bald verläuft die Front zwischen hier und Tobolsk. Wichtig ist, dass wir herausfinden, wer hier in der Stadt ist und wo. Daher meine hauptsächliche Frage: Wer von unseren Leuten ist noch in der Stadt und kann sich frei bewegen? Ich will jetzt nichts wissen, von halbverrückten ehemaligen Nonnen, exaltierten Baronessen, oder selbstlosen Kadetten, wie man sie schon in Tobolsk offenbar jeden Tag aufgegriffen hat. All diese Einzelinitiativen sind zwar moralisch lobenswert, machen mit ihrem Dilettantismus unsere Bestrebungen jedoch nur schwieriger.“
„Welche Bestrebungen, denn genau?“ wollte Vater Ignat wissen.
Rodion blickte einen seiner jungen Begleiter an, Fjodor Michailowitsch Gerakis, und auf ein Nicken Rodions sagte Fjodor mit fester Stimme: „Seine Kaiserliche Majestät, den Zaren zu befreien, und seine Familie, was denn sonst?“
Alle miteinander holten Luft, Vater Ignat bekreuzigte sich und einige folgten seinem Beispiel.
„Bevor ich mehr dazu sage,“ so Rodion, „also nochmals meine Frage: Wer ist noch hier, den wir kennen?“
Es entstand ein kurzes Schweigen, während alle einander anblickten.
Schließlich fasste Galia Pawlowna Drutskoija, Rodions Jugendfreundin und detto fast mit ihm verlobt gewesen, mittlerweile Gattin des Popen und gewesenen Hofpredigers, sich ein Herz, was ihr freilich nicht schwerfiel: „Gawril Rokowanskij, Glafira Sova-Belu und ihr Sohn Kuprian.“ Sie sagte dies etwas von oben herab, wie sie meist wirkte. Sie hatte ein altersloses Gesicht, das stets etwas indigniert und unzufrieden schien.
Rodions Gesicht verdüsterte sich schlagartig, Fjodor und Kyril, der zweite junge Begleiter Rodions, wechselten einen raschen Blick.
„Ich sagte doch, ich will nichts von exaltierten Baroninnen wissen! Ausgerechnet, die!“, seufzte Rodion, „Der Hofstaat umfasste 3.000 Personen, aber ich muss ausgerechnet denen wieder begegnen!“
„Rodja,“ sagte Galia etwas ungehalten, „Es sind jetzt andere Zeiten.“
„Ich weiß dass.“, antwortete Rodion, „Ich weiß das sehr wohl. Aber weiß die Zigeunerbaronin das auch? Warum sind die denn überhaupt hier?“
Zoë straffte sich: „Na, wohl meinetwegen, Rodion Sergejewitsch, mein Lieber. Gawril wollte mich nicht allein reisen lassen, wiewohl ich betonte, wie sicher ich mich in der Begleitung meines treuen Igor fühlte. Ich habe seine Begleitung dennoch abgelehnt. Um so überraschter war ich, ihn hier zu treffen. Allerdings war ich noch mehr davon überrascht, die Sova-Belu und ihren Sohn in seiner Begleitung vorzufinden. Ich meine, wenn er angeblich wegen mir hierher reist, warum nimmt er dann sie mit? Gütiger Gott, die Frau ist an die Sechzig!“ Sie klang etwas beleidigt und eine Spur zu sehr bemüht mondän.
„Erklärt uns jemand, worum es eigentlich geht?“ fragte Pawel, der mit Sonia die letzte Zeit nur ratlose Blicke ausgetauscht hatte.
„Später, Pawel Kyrillowitsch, später vielleicht, entre nous. Verzeih, Sonia, ihr wart damals so von eurer Übersiedlung in Anspruch genommen, dass ich euch diese leidige Sache nie wirklich erzählt habe, es war kurz vor Kriegsausbruch. In Kurzform: die Glafira, die Sova-Belu, die zuckersüße Glascha, hat mich bei Gawril verleumdet und er seinerseits hat mich verraten, indem er ihr alles ungeprüft geglaubt hat und mir nicht einmal die Chance zur Rechtfertigung gegeben hat. Die Atmosphäre zwischen Prinz Rokowanskij und dem Hause Arlington ist mehr als vergiftet worden, durch diese Zigeunerin, „Baronin“ Sova-Belu!“
„Noch einmal,“ meinte Galia, „Rodja, es sind andere Zeiten.“
„Ja, ja, schon gut.“
Rodion wandte sich ab, ging zum Fenster, wo er für einen Moment mit verschränkten Armen hinaus starrte, während man hinter ihm mit dem Teegeschirr klimperte, sich Zigaretten anzündete.
„Wieso Zigeunerbaronin?“ flüsterte Sonia zu Galia.
„Rodja behauptet, Sova-Belu sei ein Zigeunername und ihr Titel sei, so „So falsch, wiealles an ihr.“, so oder so ähnlich.,“ meinte Galia achselzuckend, „Persönlich kenne ich die Sova-Belu kaum. Ich weiß bloß von früher, dass sie eine gebürtige Jablonskaija ist und man nicht viel über den Vater ihres Sohnes weiß, außer dass er Rumäne sein soll, oder ein rumänischer Ungar, ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube nicht, dass sie nicht verheiratet war, wie oft kolportiert wurde, sonst hätte unsere Zarinmutter, die in diesen Dingen ja sehr konservativ ist, sie nie bei Hof zugelassen. Möglich aber, dass der Titel wirklich falsch ist, was gilt schon ein rumänischer Titel, ich bitte Sie! Jedenfalls lebt ihr Mann angeblich in Paris, soll in der rumänischen Botschaft arbeiten, die Jablonskijs sind ja hauptsächlich Diplomaten. Dadurch haben sie sich kennen gelernt und von daher kennt sie auch Gawril, der ja auch für das Außenministerium gearbeitet hat. Worum es bei jenem Streit ging, weiß ich nicht genau, laut Rodja weiß er selbst bis heute nicht, womit er Gawril beleidigt haben soll. Nun ja, das kann man glauben, oder auch nicht. Aber das Verhältnis zwischen der Sova-Belu und Gawril Rokowanskij ist wahrhaftig odios, sie ist fast dreißig Jahre älter als er. Und das sage ich, wo ich fünf Jahre älter bin als mein Mann“
Sie betonte das „früher“, als wäre solcher Tratsch Generationen her, aber Sonia, – die selbst neun Jahre älter war als ihr Leutnant -, machte entzückt entsetzte Augen als säße man noch in einem eleganten Petrograder Salon.
„Themenwechsel,“ verkündete Rodion und wandte sich wieder den anderen zu.
„Bevor ich euch, Ihnen allen erkläre, warum ich mit Fjodor und Kyril überhaupt hierher gekommen bin, zunächst das Wichtigere: Wie geht es euren Familien? Sind sie einigermaßen in Sicherheit? Ich erzähle erst einmal von meiner. Ich habe meine Eltern bereits im Frühling per Schiff nach Schweden geschickt. Miserable Kabinen auf einem drittklassigen norwegischen Frachter. Mein Vater, angesichts seiner tatsächlichen und eingebildeten Leiden zeterte zwar, er würde die Überfahrt nicht überleben, aber meine Mutter brachte die Sache auf den Punkt, indem sie meinte, er könne sich aussuchen, ob er die Überfahrt, oder die „Ereignisse“ nicht überleben wolle. Meine Mutter nennt das, was hier vorgeht, stets „die Ereignisse“, müsst ihr wissen. Glücklicherweise hat sich mein Cousin Jurij nach Kriegsbeginn in Schweden niedergelassen. Natürlich hat mein Vater die Überfahrt sehr wohl überlebt, ich habe bei der Gelegenheit gleich seinen Hausarzt und dessen Familie in Sicherheit gebracht, er hat also seinen gewohnten Arzt, seine Pflegerin und seinen alten Diener und terrorisiert nach wie vor alle. Glücklicherweise konnte ich auch die Gesellschafterin meiner Mutter zur Abreise bewegen. Mein Onkel und seine Familie leben nach wie vor auf dem Lande und glauben sich dort für ewige Zeiten unbehelligt. Über meine sonstigen zahllosen Cousins und Cousinen mag ich nicht nachdenken, ich habe so viele, dass ich nicht einmal alle kenne. Mein Großvater mütterlicherseits hatte fünfzehn Geschwister! Mein Großvater väterlicherseits hatte fünf Schwestern, die eine Großmutter vier Brüder, ich überblicke das alles überhaupt nicht! Ich habe aber das Gefühl gewonnen, dass die meisten sich hinter ihrer gewohnten Ignoranz verschanzen. Nun, ich wünsche ihnen allen das Beste. Fjodor, willst du weiter erzählen?“
„Und dein Bruder?", fragte Galia jedoch, bevor Fjodor beginnen konnte.
„Ach ja, mein Bruder.,“ begann Rodion und lächelte hintergründig, „Nun ja, mein Herr Bruder dachte, weil er mit unserer Familie und seiner Herkunft gebrochen hatte und sich nur mehr seinen spirituellen Studien widmete, beträfe ihn die Revolution nicht. Er hat sich getäuscht. Man hat ihn erschossen, auf seinem Landgut, seine Frau vielleicht auch. Sie lebten zuletzt getrennt, aber von seiner neuen Freundin weiß ich schon gar nichts. Glücklicherweise hatte er keine Kinder … Wo war ich vorhin? Ach ja, Fjodor, bitte.“
Das war so seine Art, klipp und klar, selbst unter den ihm vertrautesten Menschen darzulegen, dass er nicht über seinen Bruder sprechen wollte. Kyril zum Beispiel, hatte bereits jahrelang für Rodion gearbeitet, bis er darauf gekommen war, dass es jenen älteren Bruder überhaupt gab!
Aber Galia war diejenige unter allen Anwesenden, die Rodion am längsten kannte und die einzige, die auch seinen Bruder tatsächlich gekannt hatte, deshalb hatte sie auch gefragt.
Jetzt aber begann Fjodor Gerakis: „Selbst auf die Gefahr, mich zu wiederholen, aber wir sind ja eigentlich Griechen.“
Allgemeines, die Wiederholung bestätigendes Gelächter, folgte dieser Einleitung. „Meine Mutter ist eine geborene Leondiadis, aus einer Familie, die in der ganzen Levante und rund um das Schwarze Meer beheimatet ist. Die Familie Gerakis hingegen lebt seit Generationen in Odessa. Erst mein Vater ging aus geschäftlichen Gründen nach St. Petersburg. Jedenfalls habe ich jetzt alle nach Odessa geschickt, ich habe sie sozusagen überall eingesammelt, denn in Odessa ist die größte griechische Gemeinde Russlands. Nun, in Odessa ist es noch ruhig, oder eigentlich wieder. Mittlerweile haben meine Eltern, auch für meine Großmutter, meinen Bruder und für mich, beim griechischen Konsul in Odessa die Staatsbürgerschaft des Königreichs Griechenland beantragt, in der Hoffnung, unseren Besitz zu sichern, oder vielleicht auch nur unser Leben zu retten. Auch meine zweiundachtzigjährige Großmutter trägt die Aufregungen mit Fassung. Ja, sie nennt es immer „Aufregungen“.
Noch aber seien sie alle Russen und dementsprechend gefährdet, wie alle anderen hier. Im schlimmsten Fall aber würden sie schon alle bei irgendwelchen anderen Leondiadis´ in Konstantinopel oder sonst wo unterkommen, schloss Fjodor seinen Bericht. Er sah bei näherer Betrachtung gar nicht so griechisch aus, wie er sich allgemein gebärdete, hatte ein eher unentschlossenes Gesicht, das nach einem Monokel verlangte, oder auf einen Schnurrbart wartete.
„Wir sind doch theoretisch immer noch im Krieg mit der Türkei, oder?“, fragte Galia.
„Nein, nein, in Brest-Litowsk war auch eine türkische Delegation.“ wandte Rodion ein, „Und soweit ich weiß, gibt es auch einen offiziellen Frieden seitens der Bolschewiki mit der Türkei.“
„Auf jeden Fall ist Konstantinopel mittlerweile voll von russischen Emigranten.“, ergänzte Sonia, „ Ich glaube, die meisten meiner Freunde sind jedenfalls dort untergekommen.“ Und mit einer leichten Verneigung zu Fjodor, setze sie hinzu: „Die griechische Gemeinschaft in Konstantinopel ist durchaus hilfreich für unsereins.“
„Und außerdem,“ so Pawel, „bricht die Türkei noch ganz ohne Revolution zusammen.“ Man rätselte kurz über die aktuelle politische Lage in der Türkei, gab es jedoch bald wieder auf.
Rodion bedankte sich jedenfalls bei Fjodor und bat jetzt Kyril, von seiner Familie zu erzählen. „Ihr kennt Kyril Martinowitsch Ruso de Lensky als meinen Sekretär.“ so begann Rodion, „Er ist mir im Laufe der Zeit jedoch so vertraut worden, dass ich euch bitte, ihn künftig als meinen Freund zu betrachten – und damit als den euren.“
Kyril, ein schlaksiger Gymnasiastentyp, - obwohl schon Ende Zwanzig -, wurde immer noch gerne rot bis in die Haarwurzeln, wenn man ihn direkt ansprach, verneigte sich artig und alle anderen Anwesenden nickten und lächelten ihm aufmunternd zu.
Also begann er: „Ich stamme aus einer ähnlichen Familie wie die Kornilows, in deren Haus in Tobolsk man die Suite des Zaren untergebracht hatte, oder die Ipatiews hier, in deren Haus der Zar jetzt lebt, aus einer Kaufmanns- und Ingenieursfamilie in Smolensk. Auch meine Eltern und meine beiden Schwestern fühlen sich, ähnlich wie der Onkel von Rodion Sergejewitsch noch sicher und nicht betroffen, es geht ihnen soweit auch noch gut. Wenn ich aber daran denke, dass man hier die Familie Ipatiew erst kürzlich vertrieben hat, habe ich für die Zukunft auch so meine Sorgen. Ich wollte, meine Leute hätten gehandelt wie die Kornilows in Tobolsk, die waren schon weg , das Haus stand schon leer und sicher konnten sie mehr ihrer Habe in Sicherheit bringen als hier die Ipatiews, die man erst vor wenigen Monaten aus dem Haus gejagt hat, soweit wir wissen. Aber auch ich hoffe das Beste und bete jeden Tag, dass dieser Spuk bald zu Ende sein mag.“
Vater Ignat bekreuzigte sich und die meisten anderen folgten seinem Beispiel. „Gelobt sei der Herr.“, begann er seinerseits, „Was die Familien von Galia und mir betrifft, so geht es Galias Großmutter bisher auch gut. Sie hat sich mit ihren vierundachtzig Jahren nicht zu mehr aufraffen können, als sich auf ihr Gut zurückzuziehen, um dort abzuwarten. Galia und ich sind ohne jede Bedienung hier, weil wir unser treues Ehepaar Okopenko lieber bei Galias Großmutter belassen haben. Sie sind alle in Bessarabien und dort sind jetzt die Österreicher, oder die Rumänen, wer weiß das schon. Meine Mutter ist bei meinem Bruder und meiner Schwägerin auf der Krim, meine beiden kleinen Neffen natürlich auch.“
„Die meisten meiner Freunde sind auch auf der Krim,“ begann jetzt Sonia, „aber mein Vater und meine Stiefmutter sind vorerst auch nur aufs Land gegangen. Mein Bruder und meine Schwägerin sind in Kiew, meine Schwägerin hatte in der Vergangenheit ja schon genug Probleme, sie ist gebürtige Ungarin, und momentan könnte sie gar nicht vereisen, weil sie guter Hoffnung ist und demnächst niederkommen wird. Meine Mutter und ihr zweiter Mann sind fürs Erste nach Finnland.“
„Und Viktor?“, fragte Rodion und setzte hinzu: „Für alle, die es nicht wissen, Viktor ist Nikis Vater.“
„Viktor?“, begann Sonia und holte tief Luft, „Viktor ist, glaube ich, deinem Bruder in seiner Reaktion ähnlich. Er denkt sich, weil er bankrott und verschuldet ist, gälte seine Herkunft nicht. Er findet alles faszinierend, ist beinahe amüsiert. Ich glaube, er wartet auf den Zusammenbruch des Systems, vor allem auf den Zusammenbruch der Banken, weil er dann keine Schulden mehr hätte. Die Van Langendoncks stammen im Ursprung aus Flandern, haben hier in Russland aber schon lange kein Geld mehr, erst recht nicht seit Viktor. Ihm ist es jedenfalls geradezu ein Bedürfnis, den Untergang all jener zu beobachten, die nicht in seiner fatalen pekuniären Situation sind. Und indem er sich uns nicht mehr zugehörig fühlt, glaubt er sich auch nicht in Gefahr. Darüber hinaus denkt er nicht weiter.“
„Wenn man bedenkt, dass neben der Post und teilweise der Eisenbahn in diesem Land ausgerechnet nur mehr das Bankwesen funktioniert,“ warf Rodion ein, „dann gewinne ich das deutliche Gefühl, dass sich Viktor irrt.“
„Wir haben ihn noch besucht und hitzige Diskussionen darüber geführt, ob er uns nicht begleiten will,“ ergänzte Pawel Milow, „seines Sohnes wegen mit uns zusammen bleiben. Er aber meinte, „Ihr geht zum Zaren? Was geht mich der Zar an?“, versicherte uns, er wisse Niki bei uns in guten Händen und ging seiner Wege, respektive, blieb, wo er momentan war. Wir haben seit Monaten nichts von ihm gehört.“
Rodion wollte wissen, wo denn dieses „momentan“ sei und wurde nach Zaryzin verwiesen, was Viktor dort täte und ob er dort noch wäre, wüsste niemand wirklich, an und für sich lebe er mit einer gewissen Mascha zusammen, einer wunderschönen Tscherkessin, allerdings Sängerin in einem Kabarett.
Alle ahnten, dass auch in Zaryzin mehrmals die Machthaber gewechselt hatten und wussten, dass monatelanges Stillschweigen kein gutes Zeichen war.
Glücklicherweise war Niki oben auf seinem Hocker auf der Galerie oberhalb der Glastüre mittlerweile schon längst eingeschlafen.
„So, wie ich Viktor einschätze,“, begann Galia, die auch ihn gekannt hatte, „wartet er auf den Zusammenbruch dieser Gesellschaft, um endlich eine Ausrede für seinen endgültigen Zusammenbruch zu finden. Aber, mein lieber Pawel Kyrillowitsch,“ fuhr Galia fort, „dafür ist Ihre kleine Tochter bei Ihnen? Ich kenne Ihre erste Frau nicht, aber ich wollte Sie schon lange fragen, wie kann man sich als Mutter von einer Vierjährigen trennen, noch dazu, wo sie doch mehr bei ihr gelebt hat?“
Ihre eigene Mutter war früh verstorben und ihr Vater hatte bald danach die Familie verlassen, hatte noch einmal geheiratet und auch mit einer Geliebten Kinder.
Galia hatte weder mit ihm, noch mit seinen neuen beiden Familien irgendeinen Kontakt. Vor Jahrzehnten schon hatte sie sich ihr Erbe auszahlen lassen. Jedenfalls dachte sie an ihn und seine sonstigen Nachfahren im Zuge all jener „Ereignisse“ oder „Aufregungen“ nie, war jedoch stets in Sorge um die Kinder von Freunden und Bekannten. Mochte sie auch früher manchmal bedauert haben, selbst keine Kinder zu haben, in letzter Zeit tat sie das nicht mehr.
„Meine liebe Ex-Frau ... ,“ jetzt lachte Leutnant Milow hintergründig und etwas bitter, „ ... meine liebe Ex-Frau hat sich nicht nur von unserer Tochter getrennt, sondern auch von ihren Eltern. Sie ist so verrückt nach ihrem zweiten Mann, dem Prinzen Bochtiso, dass sie sich mit ihm zu einer der Freiwilligenarmeen als Krankenschwester begeben hat, ich weiß nicht einmal, ob zu Wrangel, zu Denikin, oder zu wem auch immer. Übrigens rechne ich dieses Engagement sowohl ihr, wie auch ihrem neuen Mann durchaus an, es gehört Mut dazu. Ich weiß jedenfalls genug über Vera, dass ich weiß, dass sie nichts von Politik versteht und dieses Wagnis nur in Kauf nimmt, um bei ihrem Mann zu sein.“
Teils war anerkennendes Raunen, teils unverständiges Kopfschütteln die Folge dieser Ausführungen, dann ergänzte Pawel noch: „Jedenfalls konnte ich aufgrund dessen meine ehemaligen Schwiegereltern, mit denen ich immer in gutem Kontakt verblieben war, überreden, mit meinen Eltern nach Baku zu gehen. Meine Mutter stammt aus Aserbeidschan, müssen Sie wissen und bei ihrer Familie haben alle für den Moment Unterschlupf gefunden. Baku ist zwar auch ein Unruheherd, aber bis jetzt waren nur die Muslime und die Armenier damit beschäftigt, einander umzubringen. Der Pöbel hatte dort noch gar keine Zeit, sich gegen die früheren Eliten zu verbünden.“ Er zündete sich eine Zigarette an, aber er hatte die gesammelte Aufmerksamkeit aller, also fuhr er fort: „Meine Saskia wollte ich allerdings bei uns wissen. Unsere Nurse, Miss Clement, ist jedoch im Besitz eines Passes, eines englischen, meine ich, und zwar eines echten englischen, den wir noch rasch in der Botschaft besorgt haben, der sowohl Niki wie auch Saskia als ihre Enkel ausweist und zur Not gibt es auch ein kleines Konto im Ausland, auf das Miss Clement zugreifen könnte, wir vertrauen ihr blind!“
Miss Clement erhob sich, verneigte sich steif und entschuldigte sich bei dieser Gelegenheit gleich, um oben Nachschau zu halten. Sie wusste nämlich, wo sie Niki finden würde, auf jenem Hocker auf der Galerie oberhalb der Glastüre, von wo er fast jeden Abend versuchte, die Gespräche der Erwachsenen zu belauschen.
Es war nicht leicht für Miss Clement, einen großgewachsenen Neunjährigen in sein Bett zu tragen, aber Niki wachte nie dabei auf. Und er sprach nie darüber, was er vielleicht doch gehört haben mochte. Miss Clement und Niki hatten diesbezüglich ein unausgesprochenes Gentlemen´s Agreement, obwohl der eine zu jung für einen Gentleman und die andere dafür entschieden zu weiblich war.
Er sagte nichts und sie fragte nicht.
„Wenn ich mir das alles so anhöre, dann habe ich noch nie in meinem Leben so wenig bedauert, allein zu sein.“, seufzte Zoë im Salon währenddessen.
„Ich bin ein Waisenkind, sollte ich erwähnen, und von klein auf bei Hof, bei einer unverheirateten und mittlerweile verstorbenen Tante groß geworden. Ich bin zwar nicht unvermögend, vielleicht bin ich es auch nicht mehr, aber ich kenne nichts von der Welt. Ich hatte einen Bruder, Walentin, er war Offizier und ist in den ersten Kriegsmonaten gefallen. Ich habe sehr um ihn getrauert. Heute bin ich froh, dass er nicht vielleicht bestialisch von seinen eigenen Soldaten abgeschlachtet wurde. Natürlich hatte ich Freunde, Bekannte, Gesellschaft, aber mit einem Schlag waren alle so sehr mit sich und ihren Lieben beschäftigt und überhaupt sehr rasch in alle Winde verstreut. Mein einziger Cousin steht in Prag unter Hausarrest, wo er mit einer böhmischen Komtess liiert ist. Ich habe hier niemanden, außer der Zarenfamilie, deswegen habe ich das für meine Verhältnis unglaubliche Wagnis auf mich genommen, hierher zu reisen. Wenigstens muss ich mir aber um niemanden mehr Sorgen machen.“
„Aber, meine liebe Zoë Iwanowna,“ versuchte Galia, Zoës beginnende Melancholie aufzulockern, „immerhin haben Sie zwei Verehrer in der Stadt.“, und sie nahm Sonias Hand, „Und das haben wir zwei alten Ehefrauen nicht. Ich weiß, Rodja, für dich klingt das jetzt zynisch, aber noch einmal, es sind andere Zeiten.“
„Vor allem,“ setzte Sonia hinzu, „liegt es an Zoë Iwanowna, sich zu entscheiden. Verzeihen Sie, meine Liebe, ich will Sie keineswegs beeinflussen, aber was, Rodja, wenn sie keinen von euch beiden will?“
„Ja,“ sagte Galia, „versöhne dich mit Gawril, höre nicht auf das Geschwätz der Glafira. Was meinst du, Fjodor, du kennst diesen Streit doch am besten?“
„Ich hab weniger Sorge um unseren Rodja,“ erwiderte jener, „ich fürchte mehr den anhaltenden Einfluss der Glascha auf Gawril.“
„Das sagst du jetzt, liebster Fjodor,“ begann Rodion etwas spitz, „wo du dich anno dazumal so bewusst aus diesem Streit heraus halten wolltest? Ich frage mich wirklich, wie du entscheidest, welcher Teil meiner Befindlichkeiten dich interessiert und welcher Teil nicht, aber bitte.“
Fjodor machte ein indigniertes Gesicht, wie nur er es zusammenbrachte. In Anspielung auf Fjodors „byzantinische“ Herkunft, hatte Rodion diesen gewissen Gesichtsausdruck das „purpurgeborene“ Gesicht genannt, früher als man noch Zeit und Muße für geistreiche Wortspiele gefunden hatte.
„Wie auch immer, mes amis,“ setzte Rodion dann aber fort, „wir wollen unsere persönlichen Befindlichkeiten jetzt nicht weiter vertiefen. Fjodor, Kyril und ich sind letztendlich aus einem anderen Grund hier. Rokowanskij und die Sova-Belus werde ich die nächsten Tage schon noch aufspüren, außerdem sollten wir sehen, in welchem Spital dieser Tschemodurow ist. Ich stelle jedenfalls fest, dass unser aller Familien durch die „Ereignisse“, oder „Aufregungen“ wenigstens noch keinen nennenswerten persönlichen Schaden erlitten haben. Das ist erfreulich. Ich stelle aber auch fest, dass der „Spuk“ noch lange kein Ende zu nehmen scheint. Das ist nicht erfreulich.“
Rodion schlug vor, je nach Belieben, zu Wodka, Portwein, Sherry, Cognac oder Krimweinen zu wechseln, er habe „alles nur Erdenkliche“ mitgebracht.
Während Boris, sein Diener, und Sascha, sein dreizehnjähriger Hausbursche, die mit ihm gekommen waren, geschäftig mit den verschiedenen Flaschen und Karaffen hin und her gingen, kam Zoës Dienerehepaar, Igor und Marfja, der stattliche Mann und die kleine turkestanische Frau, die beim Ausladen des Gepäcks geholfen hatten, mit Tabletts mit kaltem Braten, gekochten Eiern, eingelegten Gurken und Brot aus der Küche. „Es tut mir leid,“ erläuterte Marfja indigniert, „aber wir haben nichts anderes.“
„Das macht nichts,“ entgegnete Rodion, während er sie scharf ins Auge fasste, „wir haben noch einiges anderes mitgebracht. Es wird schon gehen. Danke jedenfalls.“
Auch Miss Clement, die Nurse der Milows, half jetzt mit. An und für sich erwartete man nicht unbedingt von ihr, sich derlei niederen Tätigkeiten zu widmen, aber die letzte Zeit, wo sie alle hier festsaßen, hatte die bodenständige Engländerin mit dem schweigsamen Igor und seiner etwas nervösen Frau zusammen geschweißt.
Gemeinsam schafften sie es, dem Ehepaar Drutskoij, den Milows samt den Kindern und der filigranen Mlle. von der Raab die Illusion eines reibungslos funktionierenden Haushalts des Ancien Régime zu suggerieren. Angesichts des luxuriösen Gepäcks, das nun mit Arlington und seinem Gefolge eingetroffen war, fiel ihnen das heute das erste Mal leichter. Wie viel Geld musste er dabei haben! Auf wunderbare Weise tauchten dank Boris´ und Saschas Mithilfe noch die verschiedensten Zigaretten auf und diverse Süßspeisen. Wie mochte er nur durch all diese Kontrollen gekommen sein?
*
Graf Rodion Sergejewitsch Arlington erläuterte kurz, dass er von diversen russischen Adelsfamilien, - ohne Namen nennen zu wollen -, aber auch von Angehörigen der Herrscherfamilie der Romanows, sowie von bürgerlichen Familien, Bankiers und Industriellen, ja sogar von in Russland ansässigen Ausländern, mit gewissen Geldmitteln ausgestattet worden sei, um die Möglichkeiten zur Befreiung der Zarenfamilie zu sondieren, unabhängig aller militärischen Bewegungen durch Wrangel, Koltschak, oder sonst wen.
Interessanterweise, so Rodion, - um jetzt doch noch Namen zu nennen -, hätten sich ausgerechnet die umstrittenen und morganatischen Großfürstengattinnen, Fürstin Palej und Gräfin Brassowa als besonders großzügig und interessiert erwiesen.
Die erfolgte Abdankung des Zaren sei zwar durchaus rechtsgültig, die Abdankung im Namen seines Sohnes jedoch au fond nicht, so Rodion Arlington weiter, daher sei de jure die Abdankung des Großfürsten Michail überhaupt hinfällig.
Aber darum ginge es ihm und all den Unterstützern letztendlich nicht, jenseits jeglichem monarchistischen Umsturzgedanken, jenseits aller Bestrebungen nach einer eventuellen und legitimen Fortsetzung der Dynastie, ginge es seinen, Arlingtons Geldgebern, vor allem und zuerst darum, die blanken Leben des Zaren, der Zarin, der Großfürstinnen, des Zarewitsch zu sichern, sowie „ ... weitestgehend möglich, der Entourage der kaiserlichen Familie ... “, so die Worte des greisen Hofministers Graf Freedericks. Jener war der eigentliche Initiator dieser Geldsammlung gewesen.
„Wie allgemein bekannt sein sollte, war ich krank, als Kornilow den Hofstaat versammelte und die Abdankung des Zaren verkündete.“, so Rodion, „Ich konnte weder ihm ins Gesicht spucken, noch all jenen von den 3.000 Mitgliedern des Hofstaats, die sich innerhalb weniger Tage grußlos verflüchtigten. Außer Freedericks und der alten Naryschkina, oder den Benckendorffs, abgesehen von Lilly Dehn und der von mir nicht sonderlich geschätzten Mme. Wyrubowa, abgesehen von den Leuten, die jetzt in Tobolsk festsitzen, oder so wie wir, hier umher irren, haben bekanntlich die meisten Leute die kaiserliche Familie ja sofort verlassen, um ihre höchst überflüssigen Existenzen unter Mitnahme ihrer Pretiosen zu sichern.“
Rodion würgte sichtlich bei der Erinnerung daran ehrlichere Gefühle hinunter.
Stattdessen erhob er sein Glas: „Ich wünsche Graf Freedericks, der Fürstin Naryschkina und dem Ehepaar Benckendorff das Beste für die Zukunft, die alle nach Tobolsk mitgegangen wären, wären sie jünger. Die Naryschkina war ja sogar kurz hier. Der Rest der ehemaligen Sippschaft mag zu Recht zum Teufel gehen!“
Sie prosteten einander zu, wenn auch etwas vage.
„Übrigens, - um das in Erinnerung zu rufen -, ist die Gräfin Benckendorff aus ihrer ersten Ehe die Mutter unseres hiesigen Prinzen Dolgorukow und hat daher noch ein eigenes, persönliches Interesse.“, setzte Rodion fort, „Wie auch immer, ich war rückfällig geworden und wieder krank gewesen, als es darum ging, wer die kaiserliche Familie begleiten sollte. Darum aber bin ich jetzt erst hier – aber dafür unterstützt von den Geldern der ersten Familien Russlands - und es freut mich um so mehr, meine besten und liebsten Freunde hier zu finden, respektive in meiner Begleitung zu haben. Galia und Sonia, ihr kennt einander kaum und dennoch hat euch euer Weg hier mit mir wieder vereint, die eine mit einem der Hofprediger der Zarin vermählt, die andere mit einem seiner Palastoffiziere, während Fjodor und Kyril einfach bei mir geblieben und jetzt mit mir hierher gekommen sind. Abgesehen davon, wäre ich allein wegen Zoë Iwanowna hierher gereist. Es ist schön, zu wissen, dass unsere Familien allgemein noch unbetroffen und in relativer Sicherheit sind. Allein, wenn wir über unsere Freunde und Bekannten nachdenken, finden wir alle wahrscheinlich schon viele, die tot sind, ob Offiziere an der Front, oder Landadelige, denen man die Häuser über dem Kopf angezündet hat. Wir wissen alle daher auch genau, dass diese Revolution nicht vor Alten, nicht vor Frauen, nicht vor Kindern halt macht! Ich bitte daher zunächst um eine Gedenkminute für alle, die im Zuge der letzten „Ereignisse“ bereits von uns gegangen sind.“
Alle erhoben sich, Vater Ignat murmelte ein kurzes Gebet und schlug das Kreuz über die Versammlung. Man setzte sich wieder, oder auch nicht.
Eine gewisse Unruhe hatte alle erfasst.
Rodion ergriff wieder das Wort: „Erinnert euch bitte, damals 1905 waren wir alle fest davon überzeugt, dass diese von der ausländischen Presse herbeigeredete „Revolution“ nur ein vorübergehender Spuk sein würde und mehr war es im Endeffekt nicht. Dennoch hatten viele Leute geradezu ansteckende Angst. Ich kenne genug Leute, die sich damals Hals über Kopf aus der Stadt auf ihre Landgüter begeben hatten und ich kenne genug Landadelige, die sich damals verängstigt in den Hotels der nächsten Stadt verbarrikadiert hatten. Die einen fühlten sich an Leib und Leben bedroht und die anderen in keiner Weise. Und heute stehen wir wieder vor der Frage: Revolution oder Revolte? Regimewechsel, oder hin und her wogender Bürgerkrieg? Und wohin mit uns?“ Er hielt inne zündete sich die nächste Zigarette nach vielen an.
„Kennt ihr die Geschichte von Louis XVI und seine Reaktion auf die Erstürmung der Bastille?“, fragte Rodion dann.
Allgemeines Verneinen war die kollektive Antwort.
„Wie schön,“ begann Rodion, „dass ich nicht alle meine historischen Anekdoten schon doppelt und dreifach erzählt habe. Nun, der König, Louis XVI, meine ich, wurde vom Duc de Liancourt von der Erstürmung der Bastille benachrichtigt.
„Das ist ja eine Revolte.“, meinte der König.
„Nein, Sire, das ist die Revolution!“, antwortete Liancourt.“
„Es lebe der hellsichtige Duc de Liancourt,“ so Rodion weiter, „leider weiß ich nicht, was aus ihm geworden ist. Und wisst ihr, was der König an jenem Tag in sein Tagebuch eingetragen hat?“
Wieder allgemeines Verneinen und Kopfschütteln.
„Rien.“
„Wie, was, nichts?“, fragte jemand.
„Rien, das Wort „Nichts“.,“, so Rodion, jetzt schon leidlich echauffiert, „Rien. Denn, er hatte kein Jagdglück gehabt an jenem Morgen und das erschien ihm offensichtlich das einzig Erwähnenswerte! Louis XVI hat ein ziemlich einsilbiges Tagebuch geführt, dass sich hauptsächlich mit der Jagd beschäftigte.“
„Worauf ich hinaus will, meine Lieben, ist, dass die Franzosen damals, offenen aber nicht sehenden Auges direkt auf die Guillotine zugegangen sind. Abgesehen vom Duc de Liancourt, waren die wenigsten hellsichtig genug, die Lage klar zu erkennen. Mit ein Grund, warum ich, sozusagen in meiner Eigenschaft als Privathistoriker, meine Eltern bereits nach Schweden expediert habe.“
Eine gewisse Unruhe entstand unter seinen Zuhörern, aber Rodion setzte seinen Vortrag ungerührt fort.
„Fakt ist, dass man bereits beginnt, unsereins umzubringen, ungeordnet, unorganisiert, ohne höhere Befehlsgewalt, ohne jede Gerichtsbarkeit. Es gibt keinen Befehl, alle Offiziere, Geistlichen, Beamten, Grafen und Fürsten zu töten, noch gibt es den nicht, aber dennoch geschieht es bereits. Wie lange wird es noch dauern, bis die Roten sich des Zaren und seiner Familie erinnern? Wie lange wird es noch dauern, bis man sich ihrer und unser aller entledigen will – und wird!?“
Jetzt verstärkte sich die Unruhe unter den Anwesenden noch mehr, aber Rodion verschaffte sich mit beschwichtigenden Handbewegungen Gehör.
„Lasst mich ausreden, meine Lieben. Ich behaupte einfach, dass wir alle noch in zweifelhafter Sicherheit sind. Ich behaupte aber zugleich, dass diese Revolution wesentlich gewaltsamer weitergehen wird, als die französische oder irgendeine andere jemals zuvor es war.“
„Der Freiherr von der Trenck soll damals in Paris vor dem Revolutionstribunal von Fouquier-Tinville jede Aussage verweigert haben, mit der Bemerkung, er glaube nicht, dass es schon irgend jemandem etwas genützt habe, vor diesem Gericht etwas auszusagen. Ich aber glaube, dass man sich in dieser Revolution nicht einmal die Mühe machen wird, auch nur die Farce einer Gerichtsbarkeit aufrechtzuerhalten. Auch nicht gegenüber dem Zaren, ja erst recht nicht gegenüber dem Zaren! Wenn der Zar aber stirbt, dann sind wir alle Freiwild!“
Jeder, so Rodion weiter, wisse, dass er nicht unbedingt ein Freund Ihrer Majestät, der Zarin sei, wobei er eine um Verzeihung heischende Verbeugung vor Zoë Iwanowna machte. Jeder wisse, wie sehr er dagegen opponiert habe, dass die kaiserliche Familie sich immer mehr in Zarskoje Selo isoliert habe. Jeder wisse, wie sehr er gegen Rasputin gekämpft habe, Rodion erwiderte dankbar Vater Ignats bestätigendes Nicken. Jeder wisse vor allem, wie verzweifelt er auf den Zaren eingeredet hatte, nicht persönlich den Oberbefehl über die Truppen zu übernehmen.
Diesmal nickte vor allem Zoë Iwanowna, denn ihr war es ebenfalls nicht gelungen, der Zarin diese folgenschwere Entscheidung auszureden.
„Der Zar in Mogilew, im Hauptquartier,“ so Rodion weiter, „die Zarin und die Kinder allein in Zarskoje Selo. Die Kinder an Masern erkrankt, zumindest vier von fünf.
Man hält einfach seinen Zug an und schon hat man die Abdankung in der Tasche. Die Zarinmutter, Maria Fjodorowna, die den Zaren noch nach der Abdankung in Mogilew besucht hatte, reist nach Kiew ab. - Soviel ich gehört habe, leben sogar jetzt noch auf der Krim an die fünfzig Personen oder mehr in ihrem Haus. - Dem Bruder des Zaren, Großfürst Michail, ist seine morganatische Gattin, die Gräfin Brassowa, näher am Herzen als der Thron, der Cousin des Zaren, Großfürst Kyrill, zieht die GrandeEquipage aus Zarskoje Selo ab, hisst auf seinem Palais die rote Fahne und entweicht im übrigen noch unter Kerenski schleunigst nach Finnland. Mögen wir berücksichtigen, dass seine Frau damals sehr in der Hoffnung war. So einfach war das! Rodsianko, der au fond ziemlich fragwürdig ist, hat der Zarin noch einen Zug für sie und die Kinder angeboten, der französische Botschafter Paléologue hat sie zur Abreise gedrängt, allein, sie wollte nicht zulassen, dass die Familie getrennt werde, wunderliche, aber liebenswürdige Frau, die sie nun einmal ist.“
Er wisse nicht, ob er für eine Wiedereinsetzung des Zaren Nikolaus II sei, wo doch der kränkelnde Zarewitsch Alexej ohnehin nie auf den Thron folgen könnte, er wisse nicht, ob der Thron dann tatsächlich Großfürst Michail zustünde, oder Großfürst Kyrill, oder wem auch immer. Er wisse nicht einmal sicher, ob die Wiedererrichtung der Monarchie überhaupt wünschenswert sei, er wisse nur, dass es wünschenswert sei, den Zaren und seine Familie in Sicherheit, ins Ausland zu bringen.
„Wenn der Zar im Ausland ist, oder auch nur auf der Krim, meinetwegen,“ fuhr Rodion fort, „dann kann er seine erzwungene Abdankung für Null und Nichtig erklären, er kann die Truppen von Wrangel, Ungern-Sternberg, die Donkosaken, die Krimkosaken alle unter seinem Namen vereinen oder auch unter dem Namen des Zarewitsch, oder auch des Zaren Alexej, während alle jetzt irgendwie nebeneinander kämpfen, aber jedenfalls nicht miteinander.“
Weiters könnte der Zar im Exil sehr wohl auch seine Abdankung bestätigen, allerdings zu Gunsten eines anderen Großfürsten modifizieren, zu Gunsten eines Erben, der sich würdiger und mutiger erweisen würden als die Großfürsten Michail und Kyrill es eben erwiesenermaßen getan hätten. Dies könnte auch im Namen des unmündigen Zaren Alexejs geschehen, der dann seinerseits wirklich formvollendet abdanken könnte.
„Der Möglichkeiten sind viele, aber Hauptsache, die Truppen der Weißen würden in einem Namen und für ein Ziel kämpfen.“
Vor allem aber, so schloss Rodion seinen Vortrag, müsse der Zar gerettet werden, weil sonst den Untaten der Roten Tür und Tor geöffnet sei.
„Mit dem Tod des Zaren – und damit müssen wir praktisch täglich rechnen – mit dem Tod des Zaren, fällt die letzte, wenn nicht überhaupt einzige Hemmschwelle, uns alle umzubringen!“
Erregt sprachen alle durcheinander. Nur Vater Ignat saß da, den Kopf gesenkt, als meditiere er.
Dann stand er auf, stellte sich neben Rodion und verschaffte sich Gehör:
„Ich fürchte, unser Rodion Sergejewitsch hat recht. Im Westen und Süden stehen die Deutschen und Österreicher, im Norden Briten und Amerikaner, in der Westukraine Alexejew und Denikin, im Osten die Tschechen unter Admiral Koltschak, im Fernen Osten Ungern-Sternberg, irgendwo sogar die Japaner. Im Moment ist eigentlich mehr von Russland in der Hand der Weißen oder des Auslands als in der Hand der Bolschewiki ... “
„Aber das ist doch gut so,“ unterbrach Galia, „die Weißen können jeden Tag hier eintreffen.“
„Aber genau das ist es, was mir am meisten Angst macht.“, antwortete Vater Ignat seiner Frau mit aller Güte, der er als Geistlicher fähig war.
Galia erbleichte: „Oh, du meinst ...? Oh mein Gott, nicht auszudenken!“
„Ja, meine Lieben,“ nahm Rodion wieder den Faden auf, „wenn der Zar tot wäre, bevor die ersten Weißen hier wären, würde das jeglichem „Weißen“ Widerstand den Wind aus den Segeln nehmen. Jede Truppe würde mehr oder weniger nur mehr für sich und die persönlichen Intentionen ihrer Kommandeure kämpfen. Daher gilt mein Bestreben, den Zaren und die Familie zu befreien und zu verstecken, eben bevor die ersten Weißen hier eintreffen. Denn eine zweite Gefahr besteht noch, nämlich dass man sie alle nach Moskau bringt, der neuen Hauptstadt, oder ... wenigstens so tut als ob.“, so Rodion erregt.
„Und auf unerklärliche Weise, kommen sie in Moskau nie an.“, führte Vater Ignat den Gedanken weiter.
„Genau, Russland ist groß und zehn, zwölf oder fünfzehn Personen können schon leicht auf Nimmerwiedersehen verschwinden.“, Rodion seufzte und machte ein bitteres Gesicht. „Ich fürchte, es hat schon seine Gründe, dass man die Umgebung der kaiserlichen Familie immer mehr reduziert. Die Franzosen sind damals mit der Familie Louis XVI nicht anders umgegangen. Je mehr Fäden zur Außenwelt man durchschneidet, je mehr man die Familie isoliert, desto eher kann man sich ihr entledigen.“
Er addierte die fünfzehn Personen im Haus Ipatiew – oder eben vierzehn, abzüglich Tschemodurow - mit achtzehn Leuten im Zug, hier am Bahnhof, vielleicht zehn Personen im Gefängnis, noch einmal vielleicht fünfzehn Menschen, in Tobolsk zurück geblieben und – inklusive aller Anwesenden ein rundes Dutzend oder mehr, die sich „irgendwie und irgendwo“ in Jekaterinburg aufhielten. Man habe also die ursprüngliche Suite des Zaren bereits jetzt drastisch reduziert.
Doch wie zum Trost, erwähnte er beiläufig, dass damals in Frankreich zum Beispiel die Erzieherin der königlichen Kinder, des unglückseligen Louis XVII und der so tragikumwitterten „Madame Royale“, eine Comtesse de Tourzel, die Revolutionsjahre samt ihrer Tochter, trotz all ihrer Nähe zur königlichen Familie, ja sogar trotz beider Anwesenheit bei der in Varennes fehlgeschlagenen Flucht, unbeschadet überlebt habe. Das traurige Schicksal der vertrauten Freundin Marie Antoinettes, der unglücklichen Princesse de Lamballe, sparte er bei der Gelegenheit freilich aus.
Erregt sprachen alle durcheinander, Boris und Sascha schenkten eifrig nach, Igor und Marfja hielten sich im Hintergrund, Miss Clement gönnte sich selbst verstohlen den einen oder anderen Cognac, den sie im Geiste „Brandy“ nannte. Man rauchte allenthalben mehr als gewöhnlich, einige erledigten gewisse Bedürfnisse, das Gespräch löste sich in einzelne, kleine Runden auf.
Einzig Rodion, Fjodor und Kyril schwiegen und warteten ab.
Dann bat Rodion wieder um die gesammelte Aufmerksamkeit. „Wie kommt es eigentlich,“ so fragte er, „dass ein Teil der Suite offenbar direttissima ins Gefängnis verfrachtet wurde, während andere unbehelligt geblieben sind? Wie war das hier, bei eurer Ankunft eigentlich?“
„Abgesehen von den wenigen Leuten, die heute im Haus Ipatiew sind, und denen, die man schon in Tobolsk von uns getrennt hat, die Sie ja alle getroffen haben,“ erzählte Leutnant Pawel Milow, „abgesehen davon, wurde die restliche Suite abgesondert vor unseren Augen fortgebracht, damit meine ich eben die Gräfin Hendrikowa, Mlle. Schneider, Tatischtschew, und all die anderen, von denen Sie, lieber Rodion Sergejewitsch, uns heute erzählt haben, dass sie alle im Gefängnis sind. Dolgorukow und Wolkow dürften zu dieser Zeit bereits dort gewesen sein, denn wir kamen alle irgendwie in Raten an. Warum man die Buxhöveden gar nicht aus dem Zug lässt, oder Gilliard und Gibbes nicht in der Stadt wohnen lassen will, weiß niemand. Uns jedenfalls hat man bedeutet, wir könnten uns in der Stadt frei bewegen, dürften sie aber nicht verlassen. Ich schätze, meine Frau und mich hat man au fond wegen der Kinder in Ruhe gelassen.“
„Und ich schätze, bei uns beiden hat man doch noch einen gewissen Respekt vor meinem geistlichen Stand gehabt.“, ergänzte Vater Ignat Drutskoij ohne Blick auf seine Frau, in deren allgemein so hochherrschaftlichem Gebaren die ungewohnte Rücksicht der Bolschewiki wohl nicht begründet sein mochte.
„Und mich haben sie einfach übersehen.“, bemerkte Zoë Iwanowna von der Raab. „Ich hatte gewisse monatliche Beschwerden und kam als allerletzte erst ein paar Tage später an. Ich habe mich zum Haus Ipatiew durchgefragt, wurde aber nicht eingelassen, aber wunderbarerweise auch nicht verhaftet. Ich logierte mit Marfja und Igor in einer miserablen Pension, bis Vater Ignat uns fand.“
„Ich bin zur erstbesten Kirche und zum erstbesten Popen gegangen,“ so Vater Ignat weiter, „und bereits der zweitbeste Pope berichtete uns von diesem Haus. Ich bin dann Tag für Tag zum Bahnhof und wieder zurück und habe dabei zunächst Leutnant Milow und dann Zoë Iwanowna aufgelesen, also konnten wir hier alle zusammen bleiben.“
Sonia äußerte die Hoffnung, dass sie alle möglicherweise mittlerweile vergessen worden waren, da nicht nur der Befehlshaber der Wachen, sondern auch diese selbst mittlerweile wiederholt ausgewechselt worden seien.
„Von den Leuten, die jetzt dort Dienst haben, kennt uns niemand mehr.“, meinte sie, andrerseits sei die Stadt aber wahrscheinlich voll roter Agenten, die jedes „bourgeoise Element“ notierten.
Gilliard, der Französischlehrer und Gibbes, der Englischlehrer, seien wohl als Ausländer unbehelligt geblieben, so die einhellige Meinung, Isa Buxhöveden habe man wohl aufgrund ihres Namens für eine Ausländerin gehalten, lediglich der gute Dr. Derewenko habe sich von vornherein frei bewegen können, einzig und allein er werde vorgelassen, ins Haus Ipatiew.
Allein von Nastinka Hendrikowa, der Schneider und all den anderen habe auch er nichts in Erfahrung bringen können. Er könne allerdings auch nie ungestört sprechen. Man dachte allgemein, sie würden alle in irgendeinem anderen Haus festgehalten werden, Hausarrest ja, aber gleich ins Gefängnis, auch die Damen?
„Unsere einzige Hoffnung war Tschemodurow, von dem wir beiläufig hörten, er sei im Spital,“ so Zoë weiter, „aber mein Igor war auch krank geworden, ist erst seit gestern wieder auf den Beinen, Marfja wollte ich nicht allein ins Spital schicken, Miss Clement konnten wir nicht schicken und sonst hatten wir bis dato niemanden, um auszukundschaften.“
„Gut, jetzt sind wir aber mehr,“ meinte Rodion, „gleich ab morgen werden mein Boris und mein Sascha ihren Igor unterstützen, liebste Zoë Iwanowna.“
„Wo logiert ihr eigentlich?“, fragte Galia. „Und wie seid ihr eigentlich hierher gekommen?“
„Jedenfalls nicht mit dem Zug.“, antwortete Rodion vage und meinte, die Geschichte ihrer Odyssee würde zu lange dauern. Fjodor, Kyril und er wechselten verschwörerische Blicke, lächelten dabei aber sogar in Erinnerung an offenbar absurde Momente und ungeahnte Situationen. Es war ganz offensichtlich, dass er über ganz offensichtlich geheimnisvolle Umwege nicht sprechen wollte.
Jedenfalls, wohne er hier mit Boris und Sascha bei einem pensionierten polnischen Oberst und dessen unverheirateter Schwester, früher Lehrerin in einem Institut für höhere Töchter, bettelarm, da von ihren Pensionen abgeschnitten,très bourgeois und entsprechend verschwiegen.
Fjodor und Kyril hingegen, so Rodion weiter, wohnten schräg vis-a-vis von ihm, bei einem Apotheker, in einer Wohnung oberhalb der Apotheke, deren Besitzer, - wie gewohnt und als habe sich nichts ereignet – den Sommer über samt Familie die meiste Zeit außerhalb der Stadt in seiner Datscha weile.
„Ich frage ungern, aber ich muss wohl.“, Rodion seufzte, „Wie war das mit Gawril Rokowanskij und den Sova-Belus?“
Jetzt riss Galia das Gespräch an sich, sie habe die Sova-Belu und ihren Sohn Kuprian eines Tages auf der Straße getroffen, beide auffallend elegant und in Begleitung ihres Majordomus, des Schweizers Louis Schmitz. Sie, Galia, sei ganz überrascht gewesen, gehörte doch die Sova-Belu nicht zur engeren Hofgesellschaft. Jene aber habe sie mit großem Enthusiasmus begrüßt, als stünde man in bester Freundschaft, um dann später verschwörerisch zu erwähnen, sie sei in „bestimmter“ Mission in der Stadt. Dann habe sie kokett hinzugefügt, sie reise mit dem Prinzen Rokowanskij.
„Wie grässlich versnobt von ihr, immer die Titel zu erwähnen, als ob man sie nicht wüsste!“, so Galia, „Daraufhin ich, vielleicht etwas süffisant und ein wenig von oben herab: „Grüßen Sie doch bitte Gawril Antonowitsch von mir und meinem Mann.“ Es war, als begegne man sich in Baden-Baden, am Semmering, an der Côte oder im Hotel Danieli.“
Galia schüttelte sich noch in der Erinnerung. „Mein lieber Rodja, ich weiß, dass du keine Streitkultur hast, weil du es einfach hasst, zu streiten. Was dich und Gawril, oder eben Glafira Sova-Belu betrifft, war ich nicht hundertprozentig auf deiner Seite, weil ich weiß – verzeih mir - wie arrogant und hochnäsig du sein kannst, wenn man dich verletzt. Du setzt dann dein schönstes „Großfürstengesicht“ auf, formulierst ein elegantes Malmot a´la „Zigeunerbaronin“ und schon macht sich die ganze Sache selbstständig und entwickelt ein Eigenleben, wo es kein Zurück mehr gibt. Aber das eine schwöre ich dir, so unsympathisch, wie hier, war mir die Sova-Belu noch nie. Ihr Sohn ist ein stilles Wasser, tut alles, was die Mami sagt und Gawril hängt anscheinend wirklich so an ihren Rockschößen, wie du es immer so gern behauptet hast.“ Sie hatte sich in Fahrt geredet und war ziemlich echauffiert. „Und ihr hochherrschaftliches Auftreten, wo wir uns alle hier bemühen, einigermaßen dezent zu sein! Nein, sie war wirklich unmöglich!“
Man sei, so Galia weiter, mit jener oberflächlichen Grußformel verblieben und habe keine Adressen ausgetauscht, was sie jetzt vielleicht bedaure.
„Schmitz ist also bei ihr?“, fragte Rodion, „Ihr „Majordomus“? Mon Dieu, in ganz Russland hat niemand außer der Sova-Belu einen „Majordomus“!“
„Schmitz, seine Frau Ludmilla und Gawrils junger Diener Marcel, soviel ich weiß.“, ergänzte Vater Ignat den Bericht seiner Frau.
„Wobei mich nicht wundern würde, hätten sie Glafiras Friseur und Kuprians persönlichen Konditor dabei!“, Galia Pawlowna hatte sich noch immer nicht beruhigt.
„Marcel, der Neger?“, fragte Rodion und verkniff sich eine Anekdote über Königin Marie Antoinettes Friseur, „Der schwarze Marcel?“
Denn jener Diener war der Sohn eines abessinischen Türstehers im Palast und einer französischen Gouvernante und eine der auffallendsten Erscheinungen in Zarskoje Selo gewesen.
„Oh ja,“ meinte Galia bitter, „Die Sova-Belus und Rokowanskij fallen hier wirklich auf, wie die bunten Hunde!“
„Divinely decadent, isn’t it?“, meinte Zoë. Sie vertrug eindeutig weniger als sie trank.
Etwas später, so Zoë, habe Gawril sie seinerseits aber ausfindig gemacht und besucht, aber auch sie wisse nicht, wo er wohne, so geheimnisvoll tat er. Die Sova-Belu oder ihren Sohn habe sie selbst nicht gesehen. Sie finde übrigens nicht, dass Gawril und Glafira so sehr auffielen, denn die Stadt wimmle schließlich nur so von seltsamen Existenzen, verschwörerischen Popen, ehemaligen Offiziere und so weiter, Petrogradern und Moskowitern, ganz einfach.
Noch In Tobolsk sei zum Beispiel eine Petrograder Bekannte von Tatiana Botkina, eine Rita Irgendwer, direkt bis zu Nastinka Hendrikova vorgedrungen, ein halbverrücktes junges Mädchen, aber in weiterer Folge natürlich verhaftet worden.
„So dumm ist die Sova-Belu nicht,“ fuhr Zoë fort, „Gawril hat mir erzählt, sie verzichte bewusst nicht auf ihre gewohnte Elegance und ihr herrschaftliches Auftreten, denn je länger sie als „bunte Kuh“, - so Gawril - , am Haus Ipatiew vorbei paradiere, desto eher würde sie erst recht übersehen werden.“
„Wenigstens in der Theorie.“, murmelte Rodion.
Tatiana Botkina habe auch erzählt, so Zoë weiter, der Sohn ihrer Hauswirtin oder so ähnlich, sei mit dem Sohn des letzten zaristischen Gouverneurs in Tobolsk befreundet und auch dieser habe von einer Verschwörung zu Gunsten des Zaren erzählt.
„Na, hoffentlich steigen wir uns dann nicht eines Tages noch auf die Zehen!“, war Rodions ganzer Kommentar.
Da meldete sich Kyril Martinowitsch zu Wort und weil der sonst so stille Sekretär dies im Unterschied zum so eloquenten Arlington selten tat, erhielt er wenigstens auch prompt die volle Aufmerksamkeit.
„Mich wundert dabei eines. Ich denke jetzt einfach laut nach. Alle, die jetzt hier noch frei sind, kamen aus Tobolsk, also zuletzt aus dem Osten hierher. Und wir alle ja auch. Die letzte uns allen bekannte Adresse der Zarenfamilie war Tobolsk und erst durch Tatiana und Gleb Botkin oder Mme. Derewenko erfuhren wir, ich meine Rodion, Fjodor und ich, von Jekaterinburg. Niemand in Tobolsk aber hat die Baronin Sova-Belu oder Prinz Rokowanskij auch nur annähernd erwähnt.“
Kyril verwendete auch die Titel mehr als unbedingt notwendig, aber nicht aus Snobismus, um vielleicht mit adeligen, oder sonst wie prominenten Bekannten zu prahlen, sondern im sicheren Bewusstsein, auch als Freund und Vertrauter Rodions, denn doch von ihm ein Gehalt zu beziehen. Er stellte sich nicht gern höher als er war.
„Woher wussten sie also von Jekaterinburg? Wieso sind sie ganz offenbar direkt aus dem Westen hierher gereist? Wieso mussten sie sich nicht, - wie wir –, erst in Tobolsk erkundigen?“
Zoë Iwanowna wandte ein, Gawril sei doch wegen ihr hier und sie würde jetzt beleidigt sein, wäre dem nicht so. Sie meinte das freilich selbst nicht ernst, war ein wenig exaltiert und hatte einen Portwein oder Sherry zuviel intus.
Allgemein wurde dieser Annahme keine Rechnung getragen, sondern man stellte die verschiedensten Mutmaßungen an.
Galia vermutete, die Sova-Belu sei doch eher eine Vertraute der Zarinmutter als der Zarin, vielleicht reise sie aufgrund deren Initiative und auch unterstützt von Mitteln der Zarinmutter, Maria Fjodorowna?
Erneut redeten alle erregt durcheinander. Rodion verschaffte sich nach einer Weile endlich wieder Gehör.
„Wie auch immer, wir gehen also folgendermaßen vor: Boris und Sascha unterstützen Igor bei der Suche nach Tschemodurow im Spital, in welchem auch immer. Ansonsten schwirren wir alle miteinander aus, um die Adressen der Glafira oder/und von Gawril ausfindig zu machen – und so Gott es will – werde ich eben nach Canossa gehen, sprich die Bagage mit meinem Besuch beehren. Zum Haus Ipatiew versuchen wir besser vorerst nicht direkt vorzudringen, aber es wäre zweckdienlich, mit unserem Dr. Derewenko in Kontakt zu bleiben. Fällt sonst wem noch was ein?“
„Ich bin mit einem Popen in Kontakt, der wieder den Popen kennt, der zum Gottesdienst zur kaiserlichen Familie vorgelassen wird.“, erwähnte Vater Ignat.
Rodion meinte, er solle versuchen, direkt mit jenem Popen in Kontakt zu kommen.
„Wenn ich morgen ganz unschuldig durch die Stadt flaniere,“ so Fjodor, „finde ich sicher irgendeinen griechischen Kaufmann.“
Daraufhin meinte Rodion, er habe ja nie an die drohende Weltherrschaft der Juden geglaubt, allmählich glaube er jedoch an eine heimliche Weltherrschaft der Griechen.
„Es gibt genug Ausländer hier.“ Sonia dachte laut nach, „Ich könnte mich doch einfach dumm und ausländisch stellen. Warum gehe ich nicht ab morgen mit Miss Clement in alle betretbaren Geschäfte? Ich spreche fließend englisch und gegenüber den Russen dann eben ein sehr, sehr, sehr gebrochenes Russisch. Ich könnte einfach die Ohren spitzen, oder?“
Fjodor fragte, was denn, à propos, eigentlich mit den hiesigen Konsulaten sei und erhielt zur Antwort, Gilliard habe sie bereits aufgesucht. „Dem Schweden fällt nichts ein, der Engländer will ohne höhere Order nichts tun und der Franzose ist auf Urlaub.“, so Gilliard.
„Auf Urlaub, wie nett.“ schloss Rodion, „Na schön, jeder von uns tut jedenfalls ab morgen, was ihm oder ihr nur irgendwie einfällt. Vergesst aber vor allem nicht, dass wir unsere Bedienten aussenden. Sie sprechen die Sprache der einfachen Leute, sie fallen weniger auf als wir. Selbst Galia, in ihrer ganzen Zurückhaltung als Frau eines Popen fällt noch zu sehr auf, wirkt zu großstädtisch, von uns anderen will ich gar nicht reden, wir sind es nicht gewöhnt uns zu verkleiden.
„Wie ist denn eigentlich au fond die Stimmung in der Stadt?“, fragte er noch.
Der wenige hier ansässige Adel, so bekundete man, sei weg, detto die Großindustriellen, die Stahl- und sonstigen Montanbarone, der Mittelstand eben teilweise, wie üblich. Einige Hotels seien von Bolschewiki beschlagnahmt, das „Amerika“ sei gar Quartier des lokalen Sowjets. Abgesehen von wenigen Restaurants und Cafés hätten die besseren Geschäfte allgemein geschlossen, wie auch die Oper und alle Theater, die Kinos böten bloß niedrigste bolschewistische Propaganda und seien so gut wie unbesucht, auch der Zirkus sei zu.
Andrerseits aber gäbe es natürlich jede Menge zwielichtige Kabaretts, Schieberlokale und ähnliche Kaschemmen, teilweise in hochelegantem Ambiente, da in ehemaligen Adelsclubs oder auch Etablissements zweifelhafter Provenienz beheimatet. Die Stadt wäre an und für sich durchaus bourgeois, da ja wohlhabend gewesen, aber andererseits drohe allenthalben auf der Straße Belästigung durch rote Milizen, denn es sei ja auch etliches echtes Proletariat in der Stadt vorhanden. Die Bauern jedenfalls seien ganz und gar auf der Seite des Ancien Régime, lediglich die Pächter der wenigen großen Adels- und Kirchengüter in der Umgebung fraternisierten vielleicht ein wenig mit den Roten.
„Eine Frage habe ich noch, gibt es hier so etwas wie eine Konditorei?“, so Rodion.
Sonia meinte, es gäbe wenigstens eine etwas bessere Bäckerei mit einer Art Café angeschlossen, sie und Miss Clement wären der Kinder wegen schon dort gewesen, Petrograder Vorstadtniveau etwa, warum er frage?
„Weil ich jetzt weiß, wo ich der Glafira begegne.“, meinte Rodion und gestaltete dann den Abend in eine Wiedersehensfeier um.
„Ihr habt doch nichts dagegen, dass wir Champagner mitgebracht haben, oder?“
Niemand hatte etwas dagegen. Der Abend würde noch lange dauern und einigermaßen fröhlich werden.
*
Sascha und Boris zogen die Vorhänge zu, beide waren – trotz Rodion Arlingtons sonstiger pragmatischer Hellsichtigkeit – die einzigen, die darauf achteten, dass jenes Haus der Witwe Martinowa nicht zu sehr ins Licht einer sicher ungewollten Aufmerksamkeit geriet.
Boris lächelte Sascha verschwörerisch zu, aber der verstand wieder nur die Hälfte.
„Was für ein Kind,“ dachte Boris, „aber wenigstens ein treues Kind!“
