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Pennsylvania, USA, 1983. Sommerferien. Ein Teenager und sein kleiner Bruder warten gespannt darauf, dass "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" endlich auch in ein Kino in ihrer Nähe kommt. Sie verbringen die Tage damit, Videospiele zu spielen, Musik zu hören oder Filme auszuleihen. Menschen, die nach ihrem Ableben noch herumlaufen, ein geheimnisvoller Mord sowie weitere Ereignisse übernatürlichen Charakters können die Kinder in diesem Coming-of-Age-Roman von JOHN BODEN kaum aus der Fassung bringen. Es ist ein Sommer der Erfahrungen wie Liebe und Verlust, aber auch des Wartens auf das Erwachsenwerden und natürlich auf die Rückkehr der Jedi-Ritter.
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Seitenzahl: 99
Veröffentlichungsjahr: 2021
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sommerland
Ein Roman von John Boden
© 2021 John Boden & Christian F. Siege
Impressum:
CFS Translations
Christian F. Siege
Grabenstraße 5
92249 Vilseck
Für Ross, meinen kleinen Bruder. Mir tut so vieles leid und ich bin für so vieles dankbar.
Für meinen Freund Jim Boyer, dafür, dass Du dieses Werk sorgfältig gelesen und so sehr geschätzt hast. Ich wünschte, du wärst noch hier, um die Veröffentlichung mitzuerleben.
Inhalt
I.
Heute:
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
II.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
III.
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18.
19.
IV.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
Danksagungen des Autors
Über den Autor
sommerland
„Summerland in my past, Days were full and I knew it would last, I never thought there was anything else but you.“
(Sommerland in meiner Vergangenheit, die Tage waren lang und ich wusste, es ist etwas, das bleibt. Ich glaubte, es gebe nichts außer dir.)
– King‘s X
Mir scheint, dass bei dieser Art von Büchern, diesen Coming-of-Age-Werken, der Protagonist normalerweise zu einem megaerfolgreichen Autor oder so avanciert, sich dann in einem ausgebufften Coup gegen seinen Verleger wendet, irgendwo in eine Hütte verkriecht und seine Memoiren schreibt. Getränkt mit Bourbon sowie mit genug Selbsthass und Schuldgefühlen, um einen Tiger zu erwürgen. Nur, um das Manuskript zu etwas einzureichen, das nicht nur die härtesten Kritiker überzeugen wird, sondern Rob Reiner höchstwahrscheinlich einen verdammten Oscar einbringen wird – mal wieder. Als ob der Regisseur von „This is Spinal Tap“ eine weitere Skulptur bräuchte.
Das ist nicht so ein Scheiß. Ganz und gar nicht.
Ich bin kein erfolgreicher Autor. Ich habe eine Handvoll Kurzgeschichten, die ich verkauft habe, und einen Tagesjob als Bäcker in einem Lebensmittelladen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich ein paar nette Dinge mitzuteilen habe, coole und uncoole gleichermaßen. Wir alle haben eine Stimme. Niemand ist wichtiger als andere. Wir alle haben Geschichten und eine Geschichte, geschrieben in Schmutz und Schweiß und Tränen und Staub. Kilometerlange Bibeln in unseren Adern.
Wir alle erstellen gerne eine Collage, in der wir die besten und schlechtesten Erinnerungen in logistisch sortierten Clustern anordnen. Wir wünschen uns auch, wir könnten die wirklich schlechten nehmen und sie zerknüllen, sie beiseite werfen wie den stinkenden Abfall, nach dem sie sich anfühlen. Aber das geht nicht. Wenn man seine Knöchel oder Kniescheiben wegwirft, kann man nicht mehr stehen, oder? Sicher, man könnte sich anpassen und lernen, aber es würde eine Weile dauern. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, worauf ich mit dieser Metapher hinauswollte, also lasst mich so weitermachen: Wir alle sind lebende Collagen, Skulpturen im Entstehen. Wir bestehen aus dem, was wir durchgemacht haben und was vor uns liegt. Wie wir reagieren, reagiert haben und eines Tages reagieren werden. Wir gestalten jede Falte, jede Wölbung, jeden Knochen. Ein selbst geschaffener Prometheus. Wunderschön hässlich und entsetzlich herrlich. Götter, eigentlich. Weise und steinern. Oft dumm.
Wir sind Geschichte und wir sind Erinnerungen. Hier sind einige von meinen:
Die vorletzte Schulwoche
Nachdem wir jahrelang keins hatten, hatten wir dieses Jahr endlich ein eigenes Haus. Ich meine eines, das uns wirklich selbst gehörte. Wir mussten keine Mietverträge abschließen oder uns mit Vermietern herumärgern. Bisher hatten wir immer nur in diesen typischen Wohnanhängern gewohnt oder in …
[Wir hatten mal einen Wohnwagen etwa eine Meile außerhalb der Stadt gemietet, weiter weg als der Wohnort unserer Oma. Es war ein trauriger Anblick; ein heruntergekommener Wohnwagen, den der Vermieter versucht hatte, aufzumöbeln, indem er einen größeren Raum an der Seite anbaute. Das hatte er bewerkstelligt, indem er buchstäblich ein riesiges Loch in die Seite des Wohnwagens sägte und dann eine große Kammer aus Holz anbrachte. Das funktionierte so irgendwie. Ich meine, es war zugig, wenn das Wetter umschlug, aber dafür hatten wir ein großes Wohnzimmer, in dem ich mich stundenlang auf dem Boden ausbreitete und die Fernsehübertragungen von „Der Exorzist“ und „Der Polyp – die Bestie mit den Todesarmen“ aufsaugte. Es war das Jahr des Reaktorunfalls von Three Mile Island. Ein Vorfall, der meine Mutter zum Weinen brachte, mich aber nicht sonderlich rührte. Ich war 9, und solange es nicht die „Ein Duke kommt selten allein“ weiterhin lief und auch sonst nichts dergleichen beeinträchtigt wurde, war ich zufrieden.
In diesem Winter wollten Roscoe und ich Star-Wars-Figuren – jeder wollte welche. Am Weihnachtsmorgen wachten wir auf und stellten fest, dass wir welche bekommen hatten. In unserer Aufregung und Ekstase über dieses Ereignis fingen wir an, unaufhörlich zu stampfen und zu springen. Es endete jäh, als wir ein lautes Knacken und Ächzen hörten und das Wohnzimmer vom Rest des Raumes quasi abbrach und einen Meter tiefer sank. Bis zum heutigen Tag verwende ich dieses Ereignis als Maßstab für das Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen. Jemand wird sagen: „Wir sind so arm aufgewachsen, bla, bla, bla“; dann höre ich normalerweise zu, grinse und frage dann: „Ist euer Wohnzimmer am Weihnachtstag auch vom Wohnwagen gefallen?“ Das erntet in der Regel nur einen unangenehmen Blick, den ich mit einem lockeren „ich gewinne“ quittiere und mich dann wieder anderen Dingen zuwende.]
… baufälligen Häusern. Aber dieses hier gehörte uns beziehungsweise unserer Mutter. Es lag auf dem Hügel am Ende der Stadt und es gehörte uns. Ich musste mir zwar immer noch ein Zimmer mit meinem kleinen Bruder teilen, aber daran war ich gewöhnt. Ich kannte es nicht anders. Aber das Zimmer war größer als eine Besenkammer, was ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem war, was wir sonst immer bekamen. Unser Etagenbett war der zentrale Mittelpunkt des Zimmers und die Wände waren mit ein paar Bücherregalen, einer baufälligen Kommode und einem kleinen Schreibtisch gesäumt. Ein alter Couchtisch schmiegte sich hinter die Tür und beherbergte meine gebrauchte Stereoanlage. Die Wände waren mit Postern aus Musikzeitschriften und Horrorfilmen zugekleistert. Meinem kleinen Bruder gestattete ich ein paar Identitätsmerkmale im Zimmer: sein Poster vom Film „Das letzte Einhorn“, seine zahlreichen Stofftiere und die verdammten Legos, auf die ich jede Nacht barfuß trat. Wir hatten ein Zuhause und ein richtiges Zimmer, es gehörte uns. Wir waren glücklich.
Die Straßenlaterne vor unserem Fenster erschwerte das Schlafen. Sie gab immer ein dumpfes Brummen von sich, das vom Wind trotz Fenster in den Raum getragen wurde. Das Zimmer war nie wirklich dunkel. Einen kleinen Bruder in der Koje unter mir zu haben, war auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Ich bin froh, dass ich nie viel Schlaf gebraucht habe. Vielleicht habe ich hier die Fähigkeit entwickelt, mit wenig Schlaf auszukommen.
„Johnny“, flüsterte seine dünne Stimme laut von unten. Ich ignorierte ihn und zog mir die Decke über den Kopf, um gegen das Licht anzukommen. Die winzigen Fasern des Acrylgarns kitzelten meine Nase. Es roch, ganz leicht, nach Schweiß und Katze. Epiphany legte sich immer in mein Bett für ihren Schlummer. Ich nannte sie nach der Figur in William Hjortsbergs Roman „Angel Heart“. Sie war eine kleine Kaliko, aber heller als die meisten Schildpattkatzen; ein blasses Grau und ein Orange, so hell, dass es rosa aussah. Sie war eine wunderschöne Katze.
„Johnny, weiß du was?“ Roscoe bestand darauf. Ich seufzte schwer, etwas, das ich schon immer getan hatte und von dem ich nie geahnt hätte, dass es im Erwachsenenalter zu meinem Markenzeichen werden würde. Mir war auch nie klar, dass jeder Seufzer ein Nadelstich für meinen kleinen Bruder war. Es war wie ein winziges Zwicken in den Arm, das bedeutete: „Du bist lästig und störst.“ Ich machte es oft und ohne zu überlegen. Seine Arme waren mit unsichtbaren blauen Flecken und Striemen bedeckt, die nie mehr gänzlich verschwinden würden.
„Was?“, knurrte ich. Ein Auto fuhr vorbei und die Scheinwerfer leuchteten durch das Fenster auf die glänzende Oberfläche meines Posters von Duran Duran. „Was denn?“, sagte ich etwas lauter, unterbrochen von einem weiteren Seufzer. Piph, die zwischen meinen Füßen schlief, sprang bei dem Geräusch auf und rannte aus dem Zimmer. Sie würde schon wieder zurückkommen, das tat sie immer.
„Ähm. Weißt du, Stille ist nicht wirklich still.“ Mein kleiner Bruder hielt inne und wartete auf ein Signal, fortzufahren, das ich ihm nicht aber gab, also fuhr er fort, jedoch verunsichert. „Das ist sie nie. Selbst wenn es ruhig ist. Die Stille ist irgendwie laut. Klingt wie kleine Münder, die kleine Kekse essen.“ Ich strich mir die Decke aus dem Gesicht und dachte darüber nach. Es stimmte. Genauso wie man sich einreden konnte, dass man die Luft sehen konnte, wenn man nur fest genug in den leeren Raum guckte. Eine unterbewusste Illusion, geboren aus dem vergeblichen Versuch, dem Unsichtbaren eine Maske aufzusetzen. Ich lächelte. Der kleine Junge unter mir hatte keine Ahnung, wie brillant er war, und ich glaube nicht, dass er das jemals erkennen würde. Er wollte nur seinen großen Bruder beeindrucken. „Du hast recht, Roscoe. Das ist ziemlich schlau.“ Ich ermutigte ihn. Ich schreckte auf, als meine andere Katze, Bandit, auf das Bett sprang und den Platz ihrer Tochter zwischen meinen Füßen einnahm.
„So, und jetzt schlaf, wir haben morgen Schule, es ist die vorletzte Woche vor den Sommerferien.“ Ich drehte mich um und hörte, wie Roscoe seinen Haustieren gute Nacht zuflüsterte. Ich schloss die brennenden, müden Augen und schlief ein. Roscoe summte vor sich hin, während ich allmählich wegdämmerte. An die Träume, die ich hatte, konnte ich mich nicht erinnern. Vielleicht hatte ich auch gar keine.
Mom war bei der Arbeit, als aufgewachte. Das ist nichts Ungewöhnliches. Oft kam sie von der einen Arbeit nach Hause, wenn Roscoe und ich schon im Bett waren, und war auf und davon zur nächsten, bevor wir morgens aufstanden.
[Sie hatte damals drei Jobs. Nachtschwester in einem nahegelegenen Krankenhaus, Barkeeperin in der American Legion an den Wochenenden und in der wenigen verbleibenden Zeit reinigte sie Häuser. Sie war eine Zeit lang Schichtleiterin in der örtlichen Nähfabrik gewesen, bevor diese geschlossen wurde.]
Ich machte Roscoe etwas Frühstück, nur eine Schale Cornflakes. Das letzte Mal, als ich versucht hatte, ihm Eier zu machen, sagte er zu Mama, ich hätte ihm flüssige, eklige Eier vorgesetzt. Er behauptete, sie seien nicht fertig gewesen und ich hätte ihn nicht vom Tisch aufstehen lassen, bis er sie aufgegessen hätte. Das war natürlich alles wahr. Ich war fast dreizehn. Er konnte von Glück reden, dass ich es überhaupt versucht hatte. „Hier, Kris“, rief Roscoe, als er ein Stück seines Toasts unter den Tisch fallen ließ. Ich starrte ihn an und runzelte ein wenig die Stirn. Kris war der Hund unserer Oma und er war schon mindestens zwei Jahre tot. Roscoe fütterte ihn seither.
„Wann kommen die Jedi-Ritter ins Kino?“, fragte Roscoe, während ich die Cornflakes in seine orangefarbene Plastikschüssel schüttete. Er lächelte breit mit leuchtenden Augen. „Weißt du noch, als Mom mit uns ‚Das Imperium schlägt zurück‘ geguckt hat?“ Er sprach aus einem Mund, der viel zu voll war mit milchgetränkten Cornflakes. Ein Sprühregen aus Milch traf das Tischtuch.
„Ja, klar.“ Dann lächelte ich und dachte daran zurück.
[Wir hatten damals in einem anderen Haus gewohnt. Einem der vielen anderen Häuser. Ein großes, einst weißes, zur Farbe von Grauem Star verblasstes Ding an der Ecke Gunnells Street. Wir hatten es gemietet. Bis jetzt hatten wir immer gemietet. Es waren Roscoe, Mom und sowie und ihr alkoholkranker Freund, Bob. Er war nett. Er sah ein wenig aus wie James Brolin in „Amityville Horror“. Er spielte mit uns und behielt einen Job nie lange, was wohl der Grund war, dass er immer Zeit hatte, um mit uns zu spielen. Er hat viel getrunken und Gitarre gespielt. Er war meist ein fröhlicher Betrunkener, bis der fröhliche Betrunkene betrunken wurde. Dann wurde er wütend. Dann wurden die Hände zu Fäusten. Aber nie uns gegenüber. Ich glaube jedoch, ein paar Mal gegenüber Mom.
