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Heideberg in der Mitte des Sommers, die Nullerjahre neigen sich dem Ende zu, eine Hitzeglocke hat sich über die Rheinebene gesenkt und die Zeit darin scheint stehengeblieben zu sein. Wie so oft täuscht der Eindruck. In der lähmenden Augusthitze tun sich merkwürdige Dinge. Ein Kunststudent inszeniert kafkaeske Aktionskunst. Ein Investor will "little China" hoch über Heidelberg errichten. Radarfallen werden zweckentfremdet und eine Spur des Geldes zieht sich durch das Freibad am Tiergarten. Immer im Zentrum aber nicht immer wirklich auf der Höhe des Geschehens, Britta Faber und Robert Pagnol. Sie Journalistin, er Privatermittler versuchen sich aus den Ereignissen einen Reim zu machen. Dass sie beide ihre ureigene Agenda verfolgen sorgt nicht unbedingt für Harmonie. So pflügen sie durch die Ereignisse, mal miteinander meist gegeneinander, tragen Geldkoffer, stehlen DNA und überfordern selbst den besten Bullen aus Mannheim.
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Seitenzahl: 855
Veröffentlichungsjahr: 2024
zum InhaltHeidelberg in der Mitte des Sommers, die Nullerjahre neigen sich dem Ende zu, eine Hitzeglocke hat sich über die Rheinebene gesenkt und die Zeit darin scheint stehengeblieben zu sein.
Wie so oft täuscht der Eindruck. In der lähmenden Augusthitze tun sich merkwürdige Dinge. Ein Kunststudent inszeniert kafkaeske Aktionskunst. Ein Investor will “little China” hoch über Heidelberg errichten. Radarfallen werden zweckentfremdet und eine Spur des Geldes zieht sich durch das Freibad am Tiergarten.
Immer im Zentrum aber nicht immer wirklich auf der Höhe des Geschehens, Britta Faber und Robert Pagnol. Sie Journalistin, er Privatermittler versuchen sich aus den Ereignissen einen Reim zu machen. Dass sie beide ihre ureigene Agenda verfolgen, sorgt nicht unbedingt für Harmonie. So pflügen sie durch die Ereignisse, mal miteinander meist gegeneinander, tragen Geldkoffer, stehlen DNA und überfordern selbst den cleversten Bullen Mannheims.
Zum AutorBoomer, lebt in Heidelberg. Sein erstes Werk ist eine Liebeserklärung an Heidelberg und die Clichés des Film noir! Der Autor verdient sein Geld in der IT-Industrie und schreibt an einer Fortsetzung.
Texte © Copyright by Wolfram Hepp
Umschlaggestaltung © Copyright by Wolfram Hepp
Wellblechverlag (Eigenverlag)
Sommerloch
Inhalt
Prolog
Erster Tag: Die dunkle Seite des Mondes
Zweiter Tag: Nützliche Altlasten
Dritter Tag: Wir sind nicht alleine
Vierter Tag: Chicken Ramen
Fünfter Tag: Mon Chéri
Sechster Tag: Der Alien in der Radarfalle
Siebter Tag: Der Chinesenberg
Achter Tag: Feldforschung
Neunter Tag: Die Hoffnung stirbt zuletzt
Zehnter bis Zwölfter Tag: Vakuum
Dreizehnter Tag: Projektmanagement
Vierzehnter Tag: Geldhose und Goldesel
Fünfzehnter Tag: [email protected]
Sechzehnter Tag: Genraub
Siebzehnter Tag: Big Brother is killing you
Achtzehnter Tag: Schwimmbadspiele
Neunzehnter Tag: Lügen und Halbwahrheiten
Zwanzigster Tag: Vaterschaft
Einundzwanzigster Tag: China-Disney
Zweiundzwanzigster Tag: Eis in der Tüte
Dreiundzwanzigster Tag: Windstille
Vierundzwanzigster Tag: Existentialistische Barbiepuppen
Fünfundzwanzigster Tag: Eier aus Stahl
Sechsundzwanzigster Tag: Falsches Blut
Siebenundzwanzigster Tag: The Dirty Detective
Achtundzwanzigster Tag: Fangschuss
Neunundzwanzigster Tag: Wo ist die Kokosnuss?
Dreißigster Tag: Zeugenaussagen
Einunddreißigster Tag: Der Affenkönig
Zweiunddreißigster Tag: Durst und Tränen
Dreiunddreißigster Tag: Die Würde des Mannes ist unantastbar
Vierunddreißigster Tag: Ghettomusik
Fünfunddreißigster Tag: Morgenrot
Sechsunddreißigster Tag: 100 Gramm C4
Siebenunddreißigster Tag: Lem
Im Alter von fünf Jahren wollten alle meine Freunde Astronaut oder Pilot werden. Ich wollte Detektiv werden. Mit 14 wollten alle Popmusiker oder Formel-1 Fahrer werden. Ich wollte Detektiv werden. Nach dem Abitur machten alle eine Banklehre und wollten anschließend Betriebswirtschaft studieren.
Ich machte erstmal nichts und wollte anschließend Detektiv werden. Das Problem war, dass ich keine Ahnung hatte, wie man Detektiv wurde. Und erst recht nicht wie man als solcher Geld verdiente.
Thomas Magnum war keine große Hilfe, er verlebte das Geld einer Telefonstimme. Sein einziges Problem: Er musste es mit einem Hausmeister und zwei bissigen Kötern teilen.
Jim Rockford war auch kein Vorbild, der lebte in einem Wohnwagen an der Armutsgrenze, wurde ständig von seinen Klienten übers Ohr gehauen und musste seinen senilen Vater alimentieren.
Colt Seavers hatte den Humor einer Großpackung Marshmallows, fuhr lächerliche Autos mit hässlichen dicken Reifen und war von billigen Leuten umgeben.
Aber er hatte ein Geschäftsmodell.
Es bestand darin, dass das amerikanische Rechtssystem ständig Unschuldige anklagt, sie aber gegen Hinterlegung von riesigen Summen wieder freilässt. Da die Angeklagten sich diese Summen in der Regel nicht leisten können, müssen sie sich die Kaution leihen. Dazu gibt es überall in Amerika spezielle Kautionsbüros. Hier bekommen die armen Teufel ihr Geld gegen gesalzene Zinsen und sind damit erst mal frei. Da aber fast überall in Amerika die Todesstrafe droht, bekommen es die meisten mit der Angst zu tun und erscheinen nicht zum Gerichtstermin. Jetzt droht den Kautionsbüros der Totalverlust und sie engagieren Colt Seavers. Er schafft die Unschuldigen wieder ’ran und kriegt dafür 10% der Kautionssumme. Das ganze System ist ziemlich gut durchdacht und es gibt zig Tausende von Colt Seavers in den USA, die davon ihren Lebensunterhalt verdienen.
Leider funktioniert dieses Geschäftsmodell nicht in Deutschland. Der Grund: Wenn die Leute sich hierzulande in die Wolle kriegen, können sie sich nicht erschießen, weil kaum einer eine Waffe hat. Pumpguns gibt es meist nur mit 5 Liter Wassertank für Kinder. Somit finden sich nicht genügend Opfer und somit Angeklagte. Die meiste Kriminalität findet in Deutschland ohnehin im Verkehr statt. Und wenn auch die Höchststrafe, der Führerscheinentzug, in unserem Land vergleichbar grausam wie die Todesstrafe ist, können sich die Leute diesen Strafen nicht durch Flucht entziehen. Somit gibt es in Deutschland keinen Markt für Kopfgeldjäger. Aber einen sehr großen für Anwälte in Verkehrsstrafrecht.
Ich aber wollte Detektiv werden und kein Anwalt!
So bin ich also Detektiv geworden und starrte auf die wild blinkende Diode meines Anrufbeantworters. Ich saß in meinem 13-Quadratmeter-Büro und überlegte, ob das Blinken Gutes oder Schlechtes verhieß. Meistens erkannte ich schlechte Nachrichten an der bösartigen Frequenz des Lichts. Es hatte dann etwas von einem dieser Killersterne, die immer größer werden, während sie andere Sterne auffressen, um dann zu implodieren und als schwarzes Loch zu enden. Diesmal aber war es ein völlig neutrales Blinken. Eher unbedeutend. Ich tippte auf „aufgelegt“ oder „falsch verbunden“ und drückte auf los. Es fing an mit der fettigen Stimme von Magnier. Louis Magnier hatte das größte und einzig bedeutende Detektivbüro in der Stadt. Ankauf und Verkauf von Informationen aller Art. Broker von Gerüchten und Wahrheiten. Magnier wusste alles und Magnier verkaufte sein Wissen. Das heißt, manchmal verkaufte er es auch nicht. Dann bekam er einen noch höheren Preis dafür.
Louis war wichtig für Leute wie mich ganz unten in der Nahrungskette der Informationsdienstleistungen. Ohne seine regelmäßigen Aufträge konnte ein Freischaffender wie ich nicht überleben.
„Hör zu, Pagnol, ich hab’ was für dich, komm vorbei“
Magniers Botschaften bestanden nie aus mehr als einem Satz.
Es knackte: „He James Bond, darf ich dich an unseren Termin heute Abend erinnern!? Ich hol’ dich ab und du bezahlst.“
Die Stimme von Britta Faber. Journalistin der PRESSE. Hielt sich für lustig und glaubte, sie habe längst den Pulitzerpreis verdient. Ich beschloss, mich sicherheitshalber heute Abend auf der erdabgewandten Seite des Mondes aufzuhalten. Der Anrufbeantworter stockte, als überlege er sich, ob er die letzte Nachricht noch aus-spucken sollte. Dann eine zögernde weibliche Stimme, „Hallo, bin ich richtig hier bei dem, ähm, Detektiv Pagnol? Wenn…, wenn Sie mich bitte zurückrufen könnten!“ Die ganze Zeit war im Hintergrund hysterisches Hundegebell zu hören. Dann diktierte sie mit ihrer kraftlosen Stimme eine Telefonnummer. Typischer Erstkunde, dachte ich. Ich nahm an, meine Stimme hörte sich genauso verhuscht an, wenn ich eine Selbsthilfegruppe für Erektionsstörungen anriefe. Das war’s. Der Anrufbeantworter knackte.
Es war kurz vor Mittag Ende Juli. Seit Wochen hing die Schwüle über der Stadt. Draußen in der Rheinebene machten sich Schwärme von Anopheles plumbeus bereit für ihre Tagangriffe. Alles klebte, die meisten Leute stöhnten und mein Nachbar vertraute mir gestern an, er fühle sich wie ein GI im Dschungel von Da Nang. Mich erinnerte er eher an einen deutschen Sex-Touristen in Bangkok. Ich sagte aber nichts. Ich mochte die Hitze und die Schwüle, sie erinnerte mich an die Sommerferien meiner Schulzeit.
Ich beschloss, im Hemingways auf der Terrasse am Fluss zu frühstücken, um dann bei Magnier vorbeizuschauen.
Im Hemingways gibt es ein Frühstück namens Ernest. Es besteht aus jeder Menge Spiegeleiern und weißem Rum.
Nicht dass mir der Sprit am Morgen besonders gut getan hätte, aber wer sich an einem Montagmorgen um halb zwölf bei einem Frühstück namens Ernest volllaufen lässt, während in den Büros der Stadt die ersten Angestellten „Mahlzeit“ über den Gang brüllen, darf sich nun wirklich zu den Bohémiens der Stadt zählen. Jedenfalls bis der Alkohol aufhört zu wirken. Susanne, die Studentenkellnerin brachte mir die PRESSE. Ich nahm an, Susanne war verantwortlich für mindestens die Hälfte des Umsatzes, zumindest den Teil, der durch männliche Besucher verursacht wurde. Sie hatte etwas von Audrey Tautou und im Moment hüpfte sie geistesabwesend zwischen den Tischen hin und her. Ihre Brüste, derzeit die Schönsten in der Heidelberger Gastronomie, hüpften mit. Leider war sie Studentin der Psychologie und ich war schon mehrfach in eines ihrer Verhöre geraten. Es ging dabei natürlich um Sex. Das Studium der Psychologie ist wahrscheinlich ohnehin so eine Art Sexstudium. Um sie zu beeindrucken hatte ich ein paar hanebüchene pseudowissenschaftliche Weisheiten von mir gegeben - mit verheerendem Effekt. Trotz ihres sehr wissenschaftlichen Studiums hatte sie nämlich eine sehr romantische Vorstellung von Sex. Für sie hatte Sexualität nichts, aber auch gar nichts mit dem einfachen Drang zu tun, so viel wie möglich seiner Gene möglichst zahlreichen, bemitleidenswerten Nachkommen anzudrehen.
Ich blätterte langsam in der Zeitung, während der Alkoholpegel in meinem Gehirn einen kurzen Höhepunkt erreichte und langsam wieder abflaute. Dafür, dass wir uns dem Zentrum des Sommerlochs näherten, war der Inhalt der Zeitung mehr als enttäuschend. Normalerweise wimmelte es um diese Zeit von Krokodilen und Piranhas in den heimischen Gewässern oder es waren wenigstens ein paar Außerirdische gelandet.
Ich vermutete, die Leute hielten sich wieder Hunde als Haustiere, die keine Schlagzeilen produzierten, wenn man sie am Altrheinarm aussetzt. Was die Außerirdischen anging, nahm ich an, dass sie schon längst nicht mehr mit diesem diskriminierenden Namen bezeichnet werden durften. Außerirdisch klang wie Ausländer, Außenseiter oder aussätzig. Ich fand aber auch keine Überschrift mit einem politisch korrekten Begriff für die extraterrestrischen Biester und war ein wenig erleichtert. Solange sie nicht als Randgruppe anerkannt waren, bekamen sie wenigstens keine privilegierten Parkplätze. Ich zahlte und überlegte, ob ich Susanne an meinen letzten Überlegungen teilhaben lassen sollte, entschied mich aber dagegen. Unsere letzte Unterhaltung hatte damit geendet, dass ich einen dreiseitigen Fragebogen hatte ausfüllen müssen. Es handelte sich offensichtlich um ihre persönliche Fortsetzung des Kinsey-Reports. Als es auf Seite 3 um Masturbationstechniken und -häufigkeiten ging, nutzte auch mein verzweifelter Einwand nichts mehr, dass die wissenschaftliche Verwertbarkeit meiner Aussagen unter der mangelnden Anonymität leiden würde. Da hatte sich schon das halbe Café um mich herumgeschart. Ich bin seitdem immer noch guter Hoffnung nicht auf der Titelseite von „Psychologie heute“ zu landen. Soweit ich weiß, werden extreme Ausreißer in Statistiken rausgeschmissen. Aber was ist schon extrem.
Magniers Büro war direkt an der Brücke auf der anderen Seite des Flusses in Neuenheim. Eingequetscht zwischen einer Kunstgalerie und einem chinesischen Schnellimbiss lag der Eingang zu seinem Büro. Ein schlichtes Aluschild sagte: „Louis Magnier – Information und Ermittlung“.
Drinnen sah es aus wie in einem amerikanischen Anwaltsbüro in den Vierzigern. Die Wände waren mit wurmstichigem Holz getäfelt. Rechts war ein riesiges Wandregal, welches sich unter Tausenden von Aktenordnern bog. Links ein massiger Schreibtisch, auf dem sich eine monströse 21-Zoll-Röhre auftürmte.
Dahinter im blauen Licht des Bildschirms noch blasser als sonst, sah ich die rechte Hälfte von Marthas zierlichem Gesicht, das von einer etwas zu großen Nana-Mouskouri-Brille dominiert wurde. Martha war Magniers rechte Hand und kontrollierte alle Informationskanäle, physische und elektronische Post, Telefon und Besuchsverkehr.
Zu Magnier führte nur ein Weg, der über Martha. Keiner wusste genau, woher Martha kam. Es gab Gerüchte, sie habe früher für einen der ganz großen Psychopathen der deutschen Industrie gearbeitet. Martha war vielleicht 40 und sah aus wie Ally McBeal nach einer Sekretärinnenausbildung. Martha war “tough”. Ich kannte nur eine Person, vor der Magnier Angst hatte, und das war Martha.
„Hallo Junge“ sagte sie mit ihrer Piepsstimme, „du solltest hier nicht herkommen, das ist keine Umgebung für dich – warum wirst du nicht Arzt!?“
Das gehörte zum Ritual. Im letzten halben Jahr war ihre Berufsberatung eher technischpragmatisch gewesen und ich sollte Ingenieur in der Chipherstellung oder Netzwerkarchitekt werden. Im Moment war wohl wieder etwas mehr Romantik angesagt.
„Heiraten Sie mich dann?“ „Nein, tut mir leid Junge!“
Ich zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich bin hysterischer Hypochonder, letztes Jahr hatte ich Ebola, die Legionärskrankheit und eine schwere Hepatitis. All das nur, weil die Putzfrau den Pschyrembel offen auf meinem Schreibtisch hat liegen lassen. Als Arzt würde ich mich ausschließlich selbst behandeln.“ Von rechts verdunkelte sich das Büro, als sich ein riesiges Tier aufrichtete und langsam auf mich zugetrottet kam. Das war Hercule. Hercule Poirot. Poirot war ein Mastino von der Größe eines Brontosaurus. Er war mausgrau, seine Tatzen waren so groß wie Untertassen und er war immer hungrig. Futterkonserven verschlang er im Dutzend und ob die Weißblechdose beim Runterschlucken noch dranhing, interessierte ihn dabei nicht. Poirot war sensibel und gutmütig, trotzdem zog ich es vor, ihn mit Gummibärchen zu bestechen. Ein Konzept, das er verstand.
„Louis ist nicht da, aber ich kann dir sagen worum es geht. Du sollst ein Mädchen auftreiben. Gestern war jemand da, so ein Typ Langzeit-Student und sagte, sein Blind Date wäre nicht erschienen. Louis wollte ihn schon rausschmeißen, weil er glaubte, der Typ wolle sich über ihn lustig machen, aber der legte gleich einen Tausender auf den Tisch. Komischer Vogel, sag’ ich dir. Ich hab’ dir das Wichtigste notiert.“ Martha gab mir eine dünne Akte mit ein paar Telefonnummern und Notizen, die ich überflog. Offensichtlich war der Kontakt über einen Chatroom entstanden. Aus dem Online-Geplapper entstand dann ein Rendezvous, zu dem das Mädchen nie erschienen war.
Deshalb bei Magnier aufzutauchen, war tatsächlich bizarr. Ich schnappte mir den Telefonhörer und wählte eine Mobiltelefonnummer. Es meldete sich sofort jemand und die Leitung war schlecht. „Pagnol hier... vom Büro Magnier, es geht um die Sache mit dem Mädchen, das Sie suchen. Möglicherweise kann ich die Sache übernehmen... kann ich Sie treffen?“
„Ich arbeite hier noch bis 10 Uhr abends, aber Sie können jederzeit vorbeikommen. Es ist die Tankstelle am Ortsausgang Richtung Schwetzingen.“
Ich sagte ihm, ich würde gegen 16:00 dort sein und legte auf.
Ich warf noch eine paar Gummibärchen in Richtung Poirot und verabschiedete mich von Martha. Die Luft draußen war heiß und zähflüssig. Ich lief langsam nach Hause, als hätte ich Gewichte an den Füßen. Ich schloss auf und ließ mich durch die kühle Luft des Treppenhauses einsaugen. Meine Wohnung war im ersten Stock. Man erreichte sie über eine breite Wendeltreppe, die sich um einen kreisrunden Luftschacht herumwand. Im Erdgeschoss hatte ich noch ein kleines Büro. Dort hatte früher einmal ein altes Thai-Mütterchen namens Lek Tao neben Gewürzen, Flugtickets und ausgestopften Affen auch Drogen, Kräuter und Tinkturen verkauft. Ich habe nie erfahren, ob die Drogenfahndung oder militante Tierschützer ihren Import-Export dichtgemacht haben. Ich jedenfalls hatte seitdem ein kleines Büro mit einer horrenden Miete und dem exotischen Geruch einer Opiumspelunke an der Seidenstraße. Nur kamen leider keine Kunden. Das war der Gedanke, der mir durch den Kopf ging, als ich die gähnende Leere des Kühlschranks auf mich wirken ließ. Es gibt zwei Klassen von Leuten. Die einen lassen sich als erstes auf die Couch fallen, wenn sie nach Hause kommen und drücken noch im Fallen die Fernbedienung des Fernsehers, obwohl sie genau wissen, dass nur Mist kommt. Die anderen laufen zielstrebig in die Küche und reißen den Kühlschrank auf, obwohl sie genau wissen, welches Vakuum sie erwartet. Ich gehöre zum Typ II. Mir fiel der Anruf ein, der noch in meinem Anrufbeantworter steckte, und ich überließ den Kühlschrank seinen 300 Litern Luft, die er zu kühlen hatte. Ich rief eine lokale Nummer zurück, die die Anruferin hinterlassen hatte. Als sie sich meldete, wieder die schwache Stimme und Hundegebell.
„Pagnol hier, Sie haben um Rückruf gebeten!“
„Pagnol? Wer? Ach ja, Entschuldigung, ich glaube, ... das hat sich erledigt. Es ist... es ist... nein, es ist nicht notwendig. Vergessen Sie’s!“
Das Gebell wurde lauter. „Hören sie Frau ähm, (keine Reaktion) wenn Sie ein Problem haben... ich meine, auch wenn es ein kleines ist, sollten Sie wirklich versuchen, es zu lösen. Also, wenn Sie einen Wasserrohrbruch haben, dann rufen Sie auch einen Klempner, tja und wenn Sie ein komplizierteres Problem haben, dann rufen Sie Leute wie mich. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft, alles wird outgesourct, die Arbeitsteilung ...“
Das Gekläff wurde lauter und zerstörte die Atmosphäre meines Verkaufsgesprächs. Die Frau rief irgendwas, ihre Stimme bekam plötzlich Energie und das Gebell stoppte für einen Moment. „Also wirklich, vielen Dank für Ihren Rückruf und viel Glück mit Ihrer Dienstleistungsgesellschaft, ich muss jetzt leider...“
Ende des Gesprächs. Der Klient Zero dieses Monats hatte sich verflüchtigt. Ich wollte trotzdem wissen, wer die Frau war, die mir wenige Stunden Hoffnung auf Umsatz gemacht hatte, und stopfte eine Adressen-CD in meinen altersschwachen Rechner. Tierheim Heidelberg, das erklärte die Geräuschkulisse. In der linken, emotionalen Hälfte meines Gehirns krümmten sich trotzdem ein paar Fragezeichen.
Irgendetwas musste passieren, noch ein paar Wochen und ich würde mein Büro unten wieder aufgeben und einen neuen Job suchen müssen. Vielleicht sollte ich mehr Werbung machen. Die paar Anzeigen in den gelben Seiten und im Stadtmagazin waren offensichtlich zu wenig, obwohl sie mich fast eine Monatsmiete gekostet hatten. Zielgruppenspezifisch, dachte ich, das ist es! Deine Werbung geht meilenweit an deiner Zielgruppe vorbei! Du Idiot verhältst dich wie ein Tampon Hersteller, der seine glücklich menstruierenden Frauen während der Halbzeit vom Fußballländerspiel durchs Bild schwimmen lässt. Wer, außer verwitweten Hausfrauen, die graue Telefone mit Wählscheiben im Flur stehen haben, liest die gelben Seiten? Vielleicht sollte ich zu einer Werbeagentur gehen oder meine Bemühungen für Public Relations verschärfen. Aber da fiel mir Britta Faber ein und PR kam mir plötzlich nicht mehr so wichtig vor. Inzwischen war es bereits früher Nachmittag, und ich beschloss, mich zu dem missglückten Blind Date aufzumachen.
Ich schnappte mir den Autoschlüssel und schlitterte die Treppe ’runter. Mein Auto blockierte den besten, weil einzigen schattigen Parkplatz der Straße und ich wusste, dass mich mindestens fünf Augenpaare hinter geschlossenen Fenstern verfolgten. Das Rennen um das wertvollste Stück Asphalt der Straße war in eine neue Runde gegangen. Mein Wagen war genaugenommen gar kein Auto, sondern Geschichte. Er gehörte eigentlich meiner Großtante Charlotte-Marie und war ein 69er CitroënHY Camionette. Er hatte ihrem Mann gehört. Der hatte bis in die siebziger Jahre eine kleine, stahlverarbeitende Firma, die den Aufstieg von Alu und Kunststoff nicht überlebte. Mein Onkel liebte Wellblech und es erwies ich als robuster als er. Er starb vor ungefähr zehn Jahren. Der HY besteht ausschließlich aus Wellblech.
Da meine Großtante gleichzeitig meine Vermieterin ist, hatte ich somit etwas gemeinsam mit Thomas Magnum. Im Unterschied zu Magnum hatte ich aber zusätzlich auch ein eigenes Auto. Es handelte sich um eine Corvette neueren Baujahrs. Es war ein Auto, welches das Ansehen seines Besitzers in Sekunden verwüsten konnte, vorausgesetzt er wurde darin gesehen und hatte je ein solches genossen. Ich hatte mich trotzdem für dieses Dienstfahrzeug entschieden. Wo zahlte man schon im Schnitt 25 Euro pro gebrauchtes PS und bekam sie dann gleich im 400er-Pack. Ein Privatermittler braucht eine angemessene Motorisierung. Leider war es manchmal kaputt. Dann kam das Wellblech-Auto meiner Tante ins Spiel. So wie jetzt. Ich startete, eine Tonne Rost setzte sich kreischend in Bewegung und hinterließ eine schwarze Wolke aus unverbrannten Kohlenwasserstoffen. Die Umweltmessstation in der Stadtmitte würde für den frühen Nachmittag dieses 29. Juli eine kurze Spitze dieser Substanzen in der Luft aufzeichnen. Ich fuhr stadtauswärts, und nach zwei Ampeln in der prallen Sonne hatte die Fahrerkabine Backofenniveau. Wahrscheinlich verhinderte nur der sporadische Fahrtwind, dass die Scheiben schmolzen. Nach 10 Minuten flimmerten die grünen Schilder der Tankstelle vor mir. Ich parkte, sprang aus dem glühenden Wagen und sah mich um.
Es war niemand zu sehen. Außer dem Brummen einer überdimensionierten Klimaanlage und vereinzelt vorbeigleitenden Autos war kein Laut zu hören.
Ich betrat den Laden und wurde durch die 16° C kalte Luft schockgefroren. Es war niemand zu sehen. Ich bewegte mich langsam Richtung Kasse und schaute mich nach intelligenten Lebensformen um. Schräg hinter der Kasse im Blickfeld des Kassierers waren drei kleine Monitore, die die Videobilder der Überwachungskameras zeigten. Der mittlere zeigte meinen Wellblech-Van, der in der Sonne kochte und zwei Punkte, die sich Ihm näherten. Der eine Punkt war eine Fliege auf dem Monitor und der andere eine zweibeinige Gestalt, die gerade die Fahrertür öffnete. Ich machte kehrt und schnappte mir beim Rausgehen noch eine Cola aus dem Kühlregal.
Der Typ stand noch in der geöffneten Tür und starrte in die Fahrerkabine. Dann sah er mich kommen und grinste schief. Er war groß, dünn und hatte mehr als schulterlanges Haar. Die langen dürren Beine steckten in langen verwaschenen Röhrenjeans, das T-Shirt mit dem verblichenen Logo einer prähistorischen Schwermetall-Band. „Willkommen in den Siebzigern“, murmelte ich, während meine Hand langsam an der Coladose festfror.
„’das deine Karre?“, meinte der Geist aus den Siebzigern.
Ich schüttelte den Kopf. „Wer will das wissen?“
„Manowski, kannst mich Mano nennen... hör zu, die Kiste ist genial, genau was ich brauche, gibt’s ’ne Möglichkeit, die zu mieten für ein paar Tage“?
„Werner Manowski?“
„Ja wieso? Ah... okay, du bist der Typ von Magnier, der zurückgerufen hat?“
„Genau... der Typ heißt Pagnol. Robert Pagnol!“, sagte ich. „Erklären sie mir die Sache, was kann ich für sie tun?“
Ich blieb demonstrativ beim „sie“, ein Grundsatz von mir, um meinen professionellen Schein zu wahren. Es war nie gut mit Leuten per „du“ zu sein, denen man irgendwann Rechnungen über vierstellige Euro Beträge präsentierte.
„Sie müssen jemanden finden für mich, und zwar ziemlich dringend. Ich hab’ nicht viel Zeit. Ich hab’s deinem komischen Chef schon versucht zu erklären, aber der hat mir nicht zugehört. Der Geist aus den Siebzigern hörte sich nervös an. „O.K., wen soll ich finden?
„Ihr Name ist Scully.“
„Scully wie?“
„Einfach nur Scully... es war ihr Pseudonym, ihr Alias, ich kannte sie nur unter diesem Namen über Chat und E-Mail.“ Die Mustererkennung im analytischen Teil meines Hirns meldete einen Treffer, der mit dem Namen zusammenhing.
„Haben Sie sie niemals persönlich getroffen? “
Kopfschütteln.
„Habt Ihr telefoniert?“
„Negativ, wir haben zwei-, dreimal gesprochen aber nicht über Telefon, sondern über Internetverbindung“
„Also keine Telefonnummer?“
„Negativ!“
„Wie ist der erste Kontakt zustande gekommen?“
„Ich hab’ mich über sie aufgeregt, ein paar Beiträge in einem Forum stammten von ihr. Es ging um neue Ausdrucksformen der Kunst, sie hat da ziemlich konventionellen Mist vertreten... es ging eine Weile hin und her, wir haben uns dann im Chat verabredet.
Danach haben wir uns fast täglich dort getroffen, sie war dann wirklich witzig und schlagfertig und irgendwie... mysteriös.“
Er betonte es übermäßig auf der letzten Silbe wie „porös“, während ich mich fragte, ob seine neuen Ausdrucksformen der Kunst etwas mit „Headbanging“ zu tun hatten.
„Mysteriös?“
„Ja, irgendwie... ein bisschen wie ihr Original aus der Serie, auch wenn’s lächerlich klingt. Bei den meisten Chat-Bekanntschaften hab’ ich innerhalb kürzester Zeit ’rausbekommen wer sie sind – bei ihr nie. Ich hab’ auch nicht alles verstanden, was sie gesagt hat. Es war manchmal ziemlich wirr.“
„Aber dann war sie doch zu einem Stelldichein bereit?“
„Ja, sie wollte mich treffen, vorgestern.“
„Wo?“
„Zunächst mal in der Bergbahn“
„Aha!?“
„Sie hat das Ganze wie eine Schnitzeljagd inszeniert, ich sollte mit der Bergbahn ganz nach oben fahren. Ich sollte das vorderste Abteil nehmen, so dass ich nach oben sehen konnte. Als sich die Züge begegneten, stand sie vorne, im bergabfahrenden Zug und winkte mir zu.
„Woher wissen sie, dass sie es war?“
„Ich hatte ein Bild – sagte ich das nicht? Als ich oben war, rief sie mich an und sagte mir, sie schicke mir eine Einkaufsliste. Nachdem ich aufgelegt hatte, kam eine SMS. Las sich wie ein Picknick - sollte auch eins werden. Im Supermarkt muss sie dann auch gewesen sein, der Einkaufswagen hat sich wie von selbst mit zwei Champagnerflaschen gefüllt.“
„Wie ging’s dann weiter“?
„Sie hat mich zum Fluss ’runtergelotst, sie hat sogar eine Telefonzelle klingeln lassen – wusste gar nicht, dass das in Deutschland geht. Sie wollte, dass ich mit dem ganzen Zeug zum Bootssteg gehe und mir ein Tretboot ausleihe“
Ich bin dann vielleicht einen halben Kilometer flussabwärts getrieben, da stand sie am Ufer und rief mir zu, ich solle ihr den Mist ’rüber werfen. Ich steuerte also direkt ans Ufer und warf ihr die ganze Ladung Feinkost plus Champagner ans Ufer. Das war vielleicht ein Spektakel. Alles hat geglotzt und kommentiert, du weißt ja, was bei dem Wetter auf der Neckarwiese los ist. Sie jedenfalls dekorierte das alles auf eine Picknickdecke und ich wollte mit dem Boot anlegen. Das klappte aber an dem verdammten Flussufer nicht und mir wurde klar, dass ich das blöde Boot erst zurückbringen musste“!
„Lassen Sie mich raten“, sagte ich überflüssigerweise. „Als sie zurückkamen, war sie weg!“
„Alles war weg! Bis auf die Decke und eine Flasche Schampus. Ach ja, und der Zettel klebte an der Flasche. Hier!“
Manowski reichte mir ein zerknittertes „Post-it“:
Lieber SQUID, vielen Dank für die Einladung und die ganzen Leckereien ich muss jetzt leider gehen vielleicht ein anderes Mal... kühl’ den Champagner, bevor du ihn trinkst! Darunter ein hingekritzelter Kussmund und die Worte: “Das, mein süßer Spinner, sind die wirklichen Leckereien ;-)“
“Wer zur Hölle, ist SQUID“?
„Mein Nickname! – so hab’ ich mich genannt im Chat“, ergänzte er, als er mein fragendes Gesicht sah.
„Sie hat mich nur unter diesem Namen gekannt.“
„Das war’s“?
„Das war’s! In den letzten zwei Tagen hab’ ich nichts mehr von ihr gehört. Sie war kein einziges Mal mehr angemeldet im Chat, keine E-Mail, Nichts... Funkstille!“
Er sah mich an, als müsse ich hier und jetzt eine Großfahndung auslösen. Ich war perplex.
„Das ist alles ...? Deshalb wollen sie sie von einem Ermittler suchen lassen? Ein Blind Date, das sie erst durch die halbe Stadt jagt und dann versetzt? Ist nicht ihr Ernst!?“
Mein Auftrag schien sich mal wieder in Luft aufzulösen. Ich war offensichtlich an einen Psychopathen geraten, der sich in eine Netzbekanntschaft verliebt hatte, die sich eine Weile über ihn lustig gemacht hatte, bis er ihr langweilig geworden war. Aber dieser liebestolle Freak witterte eine verhinderte Romanze. Ich überlegte, ob es moralisch vertretbar war, ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen, zumal ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie man die Identität eines „Chatters“ ausfindig machen konnte.
So etwas roch nach schlauen, blassgesichtigen Studenten in neon-beleuchteten Kellern von Informatikinstituten - riesigen, angsteinflößenden, frauenfreien Zonen.
Manowski fixierte mich eindringlich.
„Hör’ ma’, es ging nicht um ein einfaches Blind Date, Kennenlernen, Kontaktanzeige, Liebe im Web und so ’n Scheiß. Sie wollte mitmachen in meinem Projekt. Und sie war perfekt dafür. Vorgestern wollten wir alles klarmachen.
„Projekt? Was für ein Projekt?“
Manowski erklärte mir, er sei Student an der Kunsthochschule in Mannheim und seine diesjährige Abschlussarbeit sei Aktionskunst, zum Teil live inszeniert, zum Teil Videokunst. Scully habe ihm zugesagt, eine wichtige Rolle zu übernehmen. Das Treffen vorgestern wäre so eine Art „Casting“ gewesen, aber er sei sich absolut sicher, dass sie die perfekte Besetzung wäre. Sie habe sich begeistert von seinem Projekt gezeigt und großes Interesse gehabt. Bei Aktionskunst wurde mir ein bisschen schwindlig.
„Was ist das für ein Projekt, ich meine, worum geht es inhaltlich?“
Manowski zögerte zunächst, schien sich dann aber anders zu entscheiden und produzierte die wirre Skizze eines werdenden Kunstwerks. Ich verstand so viel, dass es um eine Landung Außerirdischer ging, das Gesamtkunstwerk aber offensichtlich vor allem die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Presse miteinschloss. Die Rolle des Mädchens aus dem Chat geriet in seinem Vortrag genauso schwammig, wie der Plot. Die Inszenierung sollte offensichtlich bereits in zwei Tagen stattfinden. Deshalb der Druck und seine Nervosität. Mir wurde vor allem eins klar, Werner Manowski war überzeugt von seiner Mission und ich war seit wenigen Minuten irgendwie Teil derselben.
„Was ist jetzt, ... kommen wir ins Geschäft“? Die etwas zu schrille Stimme des Kunststudenten passte nicht zu seinem Aussehen. „O.K., geht klar“, sagte ich gegen meine Überzeugung. “300.- EUR am Tag plus Spesen, 400.- EUR Anzahlung.“
„Was ist mit dem Wellblech-Teil? Irgend ’ne Möglichkeit, den auszuleihen?“
„Nur mit Fahrer, und der bin ich – er ist ein bisschen unflexibel, lässt nicht jeden ans Steuer. Wozu brauchen sie ihn?“
„Na für übermorgen, die Inszenierung - er passt perfekt“!
Ich zuckte mit den Schultern. Offensichtlich war das Drehbuch sehr flexibel und sein vermisstes Blind Date wurde gerade durch meinen Blechcontainer ersetzt.
„Meinetwegen – ich werde da sein. Sagen sie mir wo und wann.“
Ich hatte es plötzlich eilig. Ich wollte weg, die ganze Szene verwirrte mich. Ich stieg ins Auto und versprach, ich würde mich melden.
Mein Neukunde rief: „Moment, bin gleich wieder da“, und rannte Richtung Kasse. Als er zurückkam, reichte er mir einen Stapel Papier.
„Was ist das?“
„Ausdrucke von einigen der Chats, ein paar E-Mails, vielleicht bringt’s dich weiter.“
Ich warf das Bündel auf den Beifahrersitz und startete den Motor. Als ich losfuhr, fiel mir noch etwas ein. Ich brüllte: „Was ist mit dem Foto?“
Eindeutige Geste in Richtung Ohr.
„DAS FOTO“!
Er brüllte etwas zurück, das so klang wie, „...ist dabei!“.
Ich fuhr los. Als ich abbog, schaute ich noch mal in den Rückspiegel. Er stand da und blickte hinter mir her. Er sah verlassen aus, wie der kleine Prinz. An der nächsten Ampel blätterte ich durch den Papierstapel und ein Foto fiel heraus. Ich hob es auf und drehte es um. Plötzlich wusste ich wieder, wer Scully war. Akte X, eine etwas verstaubte Mystery-Serie aus den Neunzigern. Das Bild zeigte eine junge Frau von höchstens 23. Sie war Scully, der Ermittlerin der X-Files wie aus dem Gesicht geschnitten, nur jünger. Ich versuchte, mich an den Namen der Schauspielerin zu erinnern. Vergeblich.
Mir fiel ein, dass das Tierheim ganz in der Nähe war. Der seltsame Anruf der Frau mit der schlaffen Stimme, dann ihr Rückzieher, hatten mich neugierig gemacht.
Mal vorbeischauen kann nicht schaden, dachte ich mir. Mit meinem U-Turn verursachte ich um ein Haar den maximalen Schaden, den eine Autohaftpflicht je zu decken hatte. Der Typ am Steuer des Tanklastzugs wurde durch seinen Reflex und seine Fahrzeugbeherrschung zu einem jener anonymen Helden, von denen nie jemand etwas erfahren würde, obwohl er das westliche Heidelberg vor der völligen Auslöschung bewahrt hatte.
Leider passte sein hasserfüllter Blick in meine Richtung überhaupt nicht zu einem Helden. Dreißig Meter später riss ich das Steuer nach rechts und meine Wellblechschachtel hüpfte in einen Feldweg. Auf einem verrosteten Schild stand Tierheim Heidelberg.
Ich folgte dem Feldweg ungefähr zwei Kilometer. Die Staubwolke, die ich hinter mir herzog, hätte ich auch zwischen Paris und Dakar nicht besser hinbekommen. Ich kam zu einer Gruppe von Büschen und Bäumen, hier bog ein weiterer Weg rechts ab. Vom Tierheim Heidelberg war nur noch das „Tier“ auf dem Schild übrig, und ich war im Begriff abzubiegen, als ein japanischer Geländewagen praktisch auf zwei Rädern um die Ecke gedriftet kam. Bevor die Welt in Staub versank, konnte ich noch ein überdimensionales Pappschild mit der Aufschrift „PRESSE“ und die blonde Mähne der Fahrerin erkennen. Ich verfluchte die Pressefreiheit und Johannes Gutenberg. Nach etwa zwei Minuten konnte ich wieder sehen, doch die Welt war jetzt eine andere. Der Fallout der Journalistin hatte sich wie Mehltau über die Landschaft gelegt und bei mir schrillten alle Alarmglocken. Was machte Britta Faber, Reporterin aus der Hölle, ausgerechnet an diesem gottverlassenen Ort, an dem sich vor ein paar Stunden mein erster eigener Auftrag seit Wochen in Luft aufgelöst hatte? Ich glaube an den Yeti, Vodoopriester, Lottogewinne und Zombies aber nicht an solche Zufälle. Das Ganze roch fischig. Nach ein paar weiteren Minuten Fahrt sah ich zwei langgezogene Baracken, die von einem hohen Zaun umgeben waren. Vor einem Eingangstor war so etwas wie ein Parkplatz, auf dem ein paar einsame Autos standen. Ich stellte den Wagen neben einen BMW, so niedrig und flachgedrückt, dass ich beim Aussteigen beinahe auf dessen Dach gelandet wäre. Das Tor war angelehnt, als es mit einem metallischen Geräusch zurückschnappte, brach vor mir die Hölle los. Jeden Moment darauf gefasst, dass eine Meute Rottweiler um die Ecke geschossen kam, sprang ich ein paar Stufen zu einer Holzbaracke hoch. Drinnen war das Gekläff der Meute gedämpft. Ich befand mich in einem improvisierten Büro. Es sah aus wie in einem alten Bahnhofsschalter, roch aber nach nassem Hund und Zoo. Ich überlegte, ob ich fernsehdetektivmässig über die Theke springen, und ein bisschen auf dem Schreibtisch und in den Aktenschränken wühlen sollte. Aber ich wusste nicht, was ich suchen sollte, geschweige denn, was hier überhaupt vorgefallen war. Und der wichtigste Grund: Es war weit und breit keine Fernsehkamera zu sehen. Es wäre auch ein Fehler gewesen, denn in diesem Moment ging die Holztür auf und eine blasse blonde Frau trat ein. Sie war nahezu hübsch, trug eine Jeansweste und noch bevor sie etwas sagte, wusste ich aufgrund ihrer mageren und irgendwie blutarmen Erscheinung, dass sie die Stimme auf meinem Anrufbeantworter war.
Sie grüßte kurz und sah mich fragend an. Ich zögerte und überlegte, ob ich mich als Tiergutmensch ausgeben und Interesse für einen Labrador mit unglücklicher Kindheit heucheln sollte. Ich entschied mich für einen seriösen Auftritt und stellte mich vor. Seltsamerweise schien sie nicht überrascht, eher amüsiert und glaubte mir kein einziges Wort von meinem, “zufällig in der Nähe gewesen“.
„Hören Sie, ich weiß Ihre Hartnäckigkeit wirklich zu schätzen, aber es war wohl doch nicht nötig Sie anzurufen.“
„Hat sich ihr äh …. Problem denn schon erledigt?“ „Nein, das sicher nicht, aber ...“! Sie ließ das „aber“ erst mal zwischen uns auf dem Schreibtisch stehen und ging Richtung Tür. „Kommen sie! Wenn sie schon mal hier sind!“ Ich folgte ihr in einen schattenlosen Hof, umgeben von langgezogenen Baracken mit Hundezwingern. Ich merkte mir den Anblick, falls mich einst ein berühmter Regisseur nach einer guten „Location“ für einen KZ-Film fragen würde. Das Gekläffe war hysterisch. Dann durchschnitt ein gellender Pfiff das Gebrüll der Meute. Noch ein bisschen Gewinsel eines Nachzüglers und es war still. Ich war etwas eingeschüchtert, der Hundeknast gehorchte der Aufseherin. Sie führte mich in eine Ecke des Hofes, direkt vor einen leeren Zwinger.“Marx, Chaplin!“ Sie drehte sich und zeigte auf einen anderen Drahtverhau, ebenfalls leer. „Plato und Freud!“
Ich starrte sie verständnislos an.
„Alle weg! In der letzten Woche verschwunden.“
In den nächsten Minuten lernte ich, dass Marx ein Dalmatiner-Mischling war, Chaplin ein depressiver Pitt-Bull mit einem Pudel in seiner väterlichen Linie. Plato und Freud, ein Staffordshire und ein Boxer, waren beide zwei hoffnungslose, nicht vermittelbare Fälle.
Alle vier waren nacheinander aus ihren Käfigen verschwunden. Erst das eine Paar, ein paar Tage später die anderen beiden. Einfach eines Morgens weg. Die Käfige immer noch verschlossen.
Sie hatte die Polizei informiert, doch die hatten nicht einmal jemanden vorbeigeschickt, auch beim zweiten Vorfall nicht. Karin Riedesl, so hieß die Hundebändigerin, hatte dann bei der PRESSE angerufen, ob man nicht eine Suchmeldung veröffentlichen könne. Doch die hatten sich nur dafür interessiert, ob die Hunde gefährlich seien. Und nachdem dies offensichtlich nicht der Fall war, empfahlen sie ihr eine Kleinanzeige für € 17 .- in der Rubrik „Gesucht & Gefunden.“ Bei dem Wort PRESSE wurde ich hellhörig. „Mit wem haben Sie gesprochen?“
„Einem Typ, Name weiß ich nicht mehr, arrogant, erst aufdringlich und dann desinteressiert. Aber zwei Tag später rief eine Kollegin von ihm an und hat sich plötzlich für die Sache interessiert. Sie hat mir dann empfohlen, Sie einzuschalten. Aber das war glaube sie ich keine gute Idee. Insgeheim gab ich ihr recht. Was sollte ich hier? Vier Waisenhunde waren verschwunden. Alle hatten Namen, als wären sie von Kreativ-Direktoren getauft worden.
Wer weiß, vielleicht hatten die Biester einfach beim Hofgang das Weite gesucht oder sie hatten nie existiert und waren der Fantasie dieser Frau entsprungen. Obwohl diese, zugegeben, einen ziemlich fantasielosen Eindruck machte.
„Ich könnte sie nämlich sowieso nicht bezahlen. Das Ganze hier trägt sich hauptsächlich über Spenden und ein paar Almosen der Stadt.“
Ich fühlte mich ziemlich kleinlaut und wollte weg. Die Hunde hatten aufgehört zu bellen dafür aber kläffte die Sonne unerbittlich.„Tja, dann möchte ich sie nicht länger aufhalten, äh, ich finde allein ’raus!“
Als ich das Büro in Richtung Ausgang durchquerte, saß ein Typ hinter dem Schreibtisch, die Füße auf dem Tisch und telefonierte. Er steckte trotz der Hitze in einem dunklen Anzug und trug einen modischen Bart.
Er hatte etwas von einem Croupier im Casino Baden-Baden, wäre aber genauso gut als Drogenkurier durchgegangen. Jedenfalls passte er zu diesem Ort so gut wie ein peruanischer Panflötenspieler. Ich grüßte ihn mit einer Handbewegung, aber er blickte durch mich hindurch.Immerhin wusste ich jetzt, wem das BMW-Batmobil auf dem Parkplatz gehörte. Ich sprang in meine Wellblech-Box und fuhr in einer Staubwolke davon.
Gegen halb sechs saß ich wieder in meinem Büro und starrte auf Jeff den Goldfisch, der träge in seinem Glas vor sich hin trieb. Jeff war ein Geschenk von Britta Faber zur feierlichen Büroeinweihung gewesen. Sein Name war wohl eine Hommage an Jeff Goldblum, nur dass er sich nicht in Fliegen verwandelte, sondern dieselben fraß. Faber-Humor, den ich nicht verstand. Trotzdem hatte ich den autistischen orange-weißen Insektenvernichter liebgewonnen. In diesem Moment klingelte das Telefon. Es war Manowski und seine Stimme erinnerte mich daran, dass ich einen Auftrag hatte. Aber der hatte anderes im Kopf.
„Hör zu, Meister – ich hol die Karre morgen früh ab.“
„Wie ...?! Ich denke Sie brauchen den Wagen erst übermorgen?“
„Klar – aber wir müssen ein paar Sachen präparieren, dauert nur ein, zwei Stunden.“
„Und was bitte heißt präparieren? Ihr sägt mir doch nicht das Dach ab oder baut einen Rennauspuff ein!?“.
„Nee, keine Angst, nur ein paar Änderungen am Outfit – alles reversibel.“
Ich gab auf und sagte ihm den Schlüssel für den nächsten Tag zu. Nachdem ich aufgelegt hatte, blätterte ich durch das Papierbündel, das Manowski mir am Nachmittag gegeben hatte. Das meiste waren Ausdrucke von Unterhaltungen in diversen Chaträumen, sie sahen von weitem aus wie Interviewabschriften,
SQUID: blabla...
SCULLY: blabla…,
immer abwechselnd und das über zig Seiten. Ich versuchte mich zu konzentrieren und zu verstehen, was die zwei künstlerisch Hochbegabten da von sich gegeben hatten. Zwei Minuten später ging das Telefon erneut.
„Hey Pagnol, magst du japanisch?“ Britta Faber, die Journalistin aus der Hölle! „Nein, ich glaube nicht – ich mag keine Walhäppchen und außerdem bin ich allergisch gegen Quecksilber.“
„In der Altstadt hat so ein süßer Sushiladen aufgemacht, komm schon, der wird dir auch gefallen!“
Sie hörte mir mal wieder nicht zu!
„Und was ist mit den 2000 süßen Zwergwalen, die sie letztes Jahr aus wissenschaftlichen Zwecken zu Teriyaki verarbeitet haben?“, warf ich scheinheilig ein.
„Teriyaki ist Sauce – Pagnol du Dummkopf ! Seit wann interessierst du dich für Zwergwale?“
„Und seit wann interessierst du dich für das städtische Tierheim?“ Das saß, Totenstille in der Leitung! Ich wusste instinktiv, dass ich einem historischen Moment beiwohnte. Britta Faber wusste für ein paar Zehntelsekunden nicht was sagen.
„Hör zu, ich erklär’s dir heut’ Abend beim Japaner – ich hol’ dich um 8:00 ab.“ Klack – das war’s, aufgelegt! Ich wusste, dass ich heute nicht mehr die Kraft hatte außer Landes zu fliehen und ergab mich meinem Schicksal. Vielleicht konnte ja ich heute Abend etwas aus ihr ’rausbekommen. Ich wandte mich wieder meinen seltsamen Ausdrucken zu und musste ziemlich bald darauf eingeschlafen sein. Um acht weckte mich ein schrilles Klingeln, kurz darauf wummerte es gegen die Haustür. Fabers Besuche begannen grundsätzlich wie Hausdurchsuchungen in B-Movies. Ich taumelte halbblind aus meinem Sofa um, die Tür zu öffnen, bevor sie mir splitternd entgegenfliegen würde.
„Faber, spinnst du, du führst dich auf als hätt’st du’n Gerichtsbeschluss“, murmelte ich.
„So was brauch’ ich nicht“, flötete sie, „wir bei der Presse arbeiten subtiler.“ Sie quetschte sich an mir vorbei in meine Wohnung. Ich ließ gequält die Tür zufallen und folgte ihrer Parfümwolke.
„Haste deinen Agentenschlaf gehalten, James?“, zwitscherte sie aus meinem Wohnzimmer.
„Lass den Scheiß Faber, sonst nenn’ ich dich Moneypenny!
„Oh Agent James ist „grumpy“ ...!“ “Noch so ein englisches Scheißdesignerwort und ich verklag dich beim Goetheinst.... Aus „Inst“ hätte eigentlich Institut werden sollen, als ich mein Wohnzimmer betrat, aber jetzt wurde nur ein unterdrücktes „whew“ draus.
In meinem Wohnzimmer standen zwei fast identische Lara Crofts in Lebensgröße. Dazu muss man wissen, dass eine Lara in meinem Wohnzimmer normal war. Sie war eine lebensgroße Originalpromotionspuppe aus der Hinterlassenschaft eines kleinen Kinos, welches einem Fitnessstudio zum Opfer gefallen war. Die andere Lara aber war falsch und blond und sie lebte.
Britta sah tatsächlich aus wie eine blonde Karikatur der Grabräuberin aus dem Comic. Schwarzes bauchfreies Top, Hotpants, Ihre blonde Mähne nach hinten gebunden, nur die Springerstiefel des Originals hatte sie eingetauscht gegen Pumps. Alles in allem war sie ein Hauch übertriebener und üppiger als das Vorbild, aber eben nur einen Hauch. Vor allem aber war sie echt und, das war neu in meiner Wahrnehmung, verdammt attraktiv.
Sie genoss meine Reaktion sichtlich. Mit einer spöttischen Geste äffte sie die Haltung der Puppe nach.
„Gehen wir jetzt zum Japaner Fischhäppchen essen oder zum Lara-Croft-Ähnlichkeitswettbewerb?“ maulte ich, um wieder Gelassenheit vorzutäuschen.
„Jedenfalls nirgendwohin wo du mit deinem abgefressenen T-Shirt auftauchen kannst.“
Ich stöhnte und sprang in meine Ausgeh-Uniform für gelassen-elegante Privatschnüffler. Fünf Minuten später saßen wir in Brittas Mercedes Cabrio für Angeber-Journalisten. Ihr japanischer Geländewagen war den Wüsten- und Offroadeinsätzen zwischen Gartenmüll-Deponie und Tierasyl vorbehalten.
Es war brüllend heiß. Die Sonne hatte sich im Westen hinter ein paar Wolkentürmen verzogen aber der Asphalt und die Gemäuer der Stadt schwitzten sechzehn Stunden Sonne aus. Die Temperaturanzeige von Fabers Mercedes hatte gerade Körpertemperatur erreicht, als sie in die Tiefgarage einbog. Passend zur Jahreszeit hatte sie sich das P6 ausgesucht. Das reicht ungefähr so tief in den Erdboden wie ein stillgelegter Kohleschacht in Gelsenkirchen und sorgt bei einem Klaustrophobiker für die Ausschüttung einer Jahresdosis Adrenalin.
Als wir im sechsten Untergeschoss parkten, war es so heiß, dass ich die Entfernung zum Erdmittelpunkt auf höchstens noch vier Stockwerke schätzte.
„Warum tust du das? Wozu gibt es Frauenparkplätze? Außerdem dachte ich, du kommst mit deinem Presseausweis zur Not auch auf den Parkplatz des Kanzleramts!“
„Stell dich nicht so an Pagnol ich hab’ meine Gründe!“
Ich schaute sie zweifelnd an, hielt aber meinen Mund und wir fuhren mit einem baufälligen Aufzug wieder an die Erdoberfläche. Der Sushiladen war winzig, hieß Roppongi und lag schräg gegenüber der Bergbahn, mit Blick auf die JVA Heidelberg.
„Nette Nachbarschaft“, konnte ich mir nicht verkneifen. Musste aber insgeheim zugeben, dass der Laden aus der Nähe betrachtet, durchaus Charme hatte. Das bestätigte sich, nachdem wir eingetreten waren. Das Innere hatte nichts mit den pseudo-asiatischen Grausamkeiten zu tun, die man häufig in Chinesen- oder Thai-Restaurants findet. Mitten im Raum stand eine Kombination aus Bar und Küche, um die herum Barhocker platziert waren. Symmetrisch, in jeder Ecke des Raumes, gab es genau ein Tischchen für vier. Über jedem der Tische flatterte ein Deckenventilator. Dunkles Holz dominierte. Trotzdem strahlte der Raum die Leichtigkeit japanischer Papierfaltkunst aus. Der Laden war halb gefüllt. Ich schätzte, meist Studenten, was mich bezüglich der zu erwartenden Rechnung nur leicht entspannte, da mein derzeitiges Monatseinkommen kaum den maximalen Bafög-Satz erreichte. Der Koch hinter der Theke war klein und stämmig. Mit seinen langen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren, sah er aus wie ein Yakuza-Killer. Er fuchtelte mit einem riesigen Messer und deutete auf einen der Tische im hinteren Bereich. Wir setzten uns und wurden innerhalb von Sekunden von einer hübschen Japanerin umsorgt. Ich fühlte mich unwohl, weil mir die Rituale nicht bekannt waren. Ungefähr wie ein deutscher Tourist, der nicht als deutscher Tourist erkannt werden will. Also trank ich aus Verlegenheit die Tasse grünen Tee aus, obwohl der nach Silofutter schmeckte. Das hatte den Effekt, dass die stumm lächelnde Schönheit ihn gleich wieder bis zum Rand auffüllte. Ich sah mich nervös nach dem Koch mit dem Messer um und fragte Britta Faber, ob sie sicher sei, dass hier heute nicht noch eine Karaoke-Bühne aufgebaut würde. Sie antwortete mit einer Gegenfrage: „Was gibt’s Neues von Magnier?“
Ich wusste, dass sie nach ihm fragen würde, war aber überrascht über die plumpe Eröffnung. Sie hatte es schon raffinierter eingefädelt. Britta war vernarrt in Magnier und seine Geheimnisse. Sie hätte ihren kleinen Finger dafür abgeschnitten, um zu erfahren, woran er gerade arbeitete.
Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung – mach doch mal ein Exklusiv-Interview mit ihm“. „Oder sprich mit Martha!“, grinste ich. Britta wusste zu genau, dass sie eher einen Pizzabäcker in Palermo zu einer Aussage gegen den Paten bringen konnte als Martha auch nur zu einem einzigen Satz über Magniers Essgewohnheiten, geschweige denn irgendwas über seine Fälle oder Informanten. Während ich Fabers unbefriedigte Neugier genoss, ließ ich langsam den zweiten Becher Sake in mich reinlaufen. Das Zeug war warm und hinterließ einen seidenweichen Nachgeschmack. Ich entspannte mich zusehends und wäre jetzt auch bereit gewesen, mich prätentiös mit einem Kugelfisch zu vergiften. Die Leckereien, welche die Kellnerin ranschaffte, schmeckten tatsächlich wundervoll und sahen bunt und appetitlich aus. Am appetitlichsten war jedoch die japanische Lotosblüte selbst, die da zwischen den Tischen umherhuschte. Unter Fabers giftigen Blicken und mit dem Mut etlicher Becher Reiswein, brachte ich es fertig, sie nach ihrem Namen zu fragen. Ihr Name war Yukiko, das war die eine Erkenntnis. Die andere war, dass sie mit dem wunderbarsten japanischen Akzent sprach, den ich jemals gehört hatte. Ich war bis in die Grundfesten entzückt. Der Abend nahm jetzt eine angenehme Komposition an, die Unterhaltung mit Faber lief in leichten, belanglosen Bahnen. Ich ließ mich treiben. Irgendwann kam die Lust. Damit hatte ich seit Wochen nichts mehr zu tun gehabt. Dabei verdrängte ich erfolgreich, was mir unterbewusst schon klar war, es war Faber, die dieses Gefühl ausgelöst hatte, angefangen mit ihrer Performance zuvor im Wohnzimmer.
Vielleicht deshalb suchte ich immer wieder Blickkontakt mit der Japanerin. Gleichzeitig ging mir ständig der Klang ihrer hübschen, distinguierten Stimme durch den Kopf. Die wenigen Worte, die sie mit mir gesprochen hatte, jedes einzelne konzentriert und wohlüberlegt gesprochen, mit diesem weichen Akzent. Es brach mir das Herz.
Dasjenige von Faber offensichtlich auch. Sie bezog meine seltsame Stimmung auf sich und steigerte das Tempo. Sie suchte immer häufiger meinen Blick und redete immer mehr Unsinn. Ich genoss es und rief immer häufiger nach Yukiko, was jedes Mal mit einem schüchternen, gleichzeitig wissenden Lächeln ihrerseits und einer neuen Runde Sake endete. Irgendwann landete Fabers nackter Fuß zwischen meinen Beinen. In nüchternem Zustand wäre ich ihn wahrscheinlich mit einem halbwegs souveränen Spruch wieder losgeworden. Aber ich befand mich im Sake-Ausnahmezustand und war hilflos. Zusätzlich brachte mich Faber jetzt in einen weiteren Ausnahmezustand.
Mir fiel die erektionshemmende Wirkung von Alkohol ein und ich bestellte noch eine Runde Reiswein. Die kleine Kellnerin kam lächelnd, während ich mir ernsthaft Sorgen machte, Britta Faber könne Reißverschlüsse blind mit zwei Zehen öffnen. Sie konnte nicht. Aber allein die Vorstellung, flutete mein System mit einer Extraration Testosteron. Gut, dass komplizierte Prozesse, die nicht einmal die besten Hirnforscher verstehen, dafür sorgen, dass solche Hormonmengen in romantische Gefühle umgesetzt werden. Damit war mein Schicksal für den Rest der Nacht besiegelt. Für einen kurzen Moment hatte ich noch mal das unangenehme Gefühl, dass ich hier einen fatalen Fehler machte. Außerdem schuldete Faber mir noch eine Antwort, aber mir fiel nicht mehr ein, für was eigentlich. Und dann zappte ich, Robert Pagnol, Weltmeister im Verdrängen dieses seltsame Unwohlsein einfach weg. Zurück zur TV-Soap, die da hieß The Romantic Detective.
Wir waren die letzten Gäste, die das Roppongi verließen und wir betraten eine Tropennacht. Die Stadt war ruhig, aber sie schlief nicht. Den ganzen Weg zum Parkhaus hatte ich die wunderbare kleine Stimme der Japanerin in Ohr. Es war ein völlig unübliches „Servus“ gewesen, mit dem sie sich verabschiedet hatte. Wieder gesprochen mit diesem Akzent, den ich, das glaubte ich zu wissen, nie mehr vergessen würde. Im Fahrstuhl des Parkhauses zum Erdmittelpunkt fiel mir plötzlich ein, was ich von Britta Faber wissen wollte. „Sag’ mal, Faber-Schätzchen, seit wann hast du eine Schwäche für Hunde?“, hörte ich mich stammeln. Was eigentlich als Frage im Gestapo-Verhörton geplant gewesen war, hörte sich leider an, wie die Frage eines desorientierten Betrunkenen nach der nächsten Kneipe. Das Nächste, was ich dann fühlte, war ihr Zeigefinger auf meinen Lippen, das Zeichen der internationalen Gestensprache für „Schweig“. Das Übernächste, was ich fühlte, waren ihre halbgeöffneten Lippen auf den meinen und ihre Zunge in meinem Mund. Ein sehr viel deutlicheres, aber auch angenehmeres Zeichen der internationalen Gestensprache für „Schweig“.
Ich erwachte natürlich am nächsten Tag nicht in meinem Bett. Es war schon mitten am Tag, von Faber keine Spur. Hinter meinen Augen hämmerte ein Presslufthammer.
Das waren die wenig überraschenden Fakten. Ich blinzelte in die Sonne und begann, die überwiegend angenehmen Dinge der letzten Nacht auseinanderzusortieren. Ich fand wenig Lücken oder etwas, das man als Filmriss, Teilfilmriss oder Amnesie bezeichnen konnte. Wenn ich die Augen schloss, spürte ich immer noch intensiv die Nähe von Faber, ihren fabelhaften Körper, ihren Atem und ihren Geruch. Dennoch hatte ich ständig Yukikos Gesicht vor Augen, ihr scheues Lächeln und natürlich ihre Stimme, mit dem merkwürdigen Akzent.
Und so fühlte ich nicht den Hangover des One-Night-Stand: die Beklemmung am Morgen, den Drang zu Duschen, um den Geruch der Nacht und die Intimität einer Fremden loszuwerden.
Im Gegenteil, ich fühlte angenehme Wellen, ein wohliges Hintergrundrauschen. Ich hatte zum ersten Mal Sex mit Faber gehabt und mich währenddessen in eine japanische Kellnerin verliebt. Ich wälzte mich langsam aus dem Bett. Vorsichtig schleppte ich mich in die Küche. Dort fand ich einen gigantischen Kaffeebrüter des Typs Biblis. Während der spuckte und rumorte, ließ ich eine Flasche Mineralwasser in mich hineinlaufen. Der brennende Durst ließ nach. Die Presslufthammerattacken waren jetzt etwas gedämpfter und kamen in größeren Abständen. Mit einer Kaffeetasse in der Hand schlenderte ich durch Fabers Wohnung. Ich war nicht allzu neugierig, es war mehr Langeweile. Faber hatte eine Altbauwohnung in Neuenheim. Großzügig geschnitten. Mindestens 120 m2 und geschmackvoll eingerichtet. Das musste ich nicht ganz neidlos zugeben. In ihrem Arbeitszimmer blieb ich hängen. Auf einem massiven Schreibtisch stand ein Notebook, drumherum diverse Ausdrucke in mehreren Schichten verstreut. Meist Artikel oder deren Entwürfe, die sie für die PRESSE geschrieben hatte. Da fiel mir ein Formular mit Briefkopf der Pathologie Heidelberg ins Auge. Ich bat Faber prophylaktisch um Verzeihung für eine mittelschwere Verletzung des Briefgeheimnisses und begann zu lesen. Der Brief war an Faber gerichtet. Erleichtert stellte ich fest, dass ich nicht irgendeinen Faber betreffenden Befund über eine unheilbare Krankheit vor mir hatte.
Es war ein Gutachten einer forensischen Pathologin namens Dr. Carla Brettschneider. Es betraf Gewebeproben in „stark dekompostiertem Zustand“, die Faber offensichtlich zwecks Identifizierung der Spezies in Auftrag gegeben hatte. Das Ergebnis: „…eindeutig von 2 verschiedenen Hunden (Canis familiaris) stammend. Einer davon mit Sicherheit ein Dalmatiner. Die Rasse des anderen nicht mehr eindeutig bestimmbar.“ Darunter eine Rechnung über 126 EUR.
Der Presslufthammer legte wieder los, und ich musste an Plato und Freud denken. Die beiden verschwundenen Waisenhunde. Wieso interessierte sich Faber für die Hunde? Wieso waren sie als Gewebeprobe in der Pathologie gelandet? Was suchte ich auf Fabers Schreibtisch? Wieso verursachten zwei tote Hunde Beklemmungen bei mir? Verdammt, ich hatte genug andere Fragen zu beantworten. Ich konnte mir kein weiteres Dutzend auf meiner Liste leisten. Die Tierheimgeschichte war ein totes Geschäft. Hier würde ich nie auch nur einen Cent verdienen, und, was schlimmer war, ständig Britta über den Weg laufen.
Die Sache mit dieser chattenden Studentin namens Scully, die brachte Bares. Und ich war noch keinen Schritt weitergekommen. Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz vor 12, genau die richtige Zeit für ein Frühstück bei Ernest Hemingway. Da würde mir garantiert einfallen, wie ich die Akte-X-Studentin auftreiben würde.
Ich ließ Faber Wohnungstür zufallen und beendete den One-Night-Stand damit offiziell. Draußen schlugen die üblichen 36°C Hitze über mir zusammen. Der Presslufthammermann riss ein neues Stück Asphalt in meinem Hirn auf. Ich überquerte den Fluss und ließ Magniers Büro rechts liegen. Auf der Terrasse des Hemingways fand ich einen Platz unter einer Platane.
Susanne, Kellnerin der Psychologie, war im Stress und quittierte meine Tagesverfassung mit einem teilnahmslosen „siehst nicht gut aus, Robert“. Ich bedankte mich und bestellte ein Ami-Frühstück.
Während ich meinen Magen mit Pfannkuchen und Ahornsirup ruhigstellte, überlegte ich, wie ich an Manowskis geheimnisvolle Bekanntschaft rankommen sollte. Mir fielen die Textnachrichten ein, die Manowski von „Scully“ am Tag des Rendezvous’ erhalten hatte. Ich schnappte mein Telefon und rief ihn an.
„Vergiss es, Pagnol“, sagte Manowski. „Sie hatte die Nummer unterdrückt. Die Dinger waren praktisch anonym.“
„Aber weißt du was? Mir fällt da was anderes ein! Ich hab ein paar Mal über den Rechner mit ihr gesprochen. Dabei hab ich mir ihre IP-Adresse aufgeschrieben“.
Ich verspürte den Drang, ihn zu fragen, was eine IP-Adresse sei, ließ ihn aber weiterreden.
„Warte mal!“ Ich hörte ihn im Hintergrund rumoren und eine Tastatur klappern. Dann wieder seine Stimme, die mir eine Zahl mit ziemlich vielen Stellen diktierte, hier und da unterbrochen durch ein paar Punkte.
„Das war am 26. Juni, so von abends bis spät in die Nacht. Und dann noch am 2. Juli, auch den ganzen Abend“.
Dann kam wieder eine Nummer mit ziemlich vielen Stellen. Ich schmierte die Zahlen auf eine Serviette.
„Kannst du damit was anfangen…?“ fragte Manowski.
„Denke schon“, log ich.
„O.K., halt mich auf dem Laufenden!
„Hör ma’, wann kann ich den Citroën abholen? Bräuchte ihn möglichst bald!“
Ich versprach ihm, in einer Stunde in meinem Büro zu sein, um ihm mein Wellblechauto anzuvertrauen und legte auf.
Ich starrte auf die Zahlenkolonnen und überlegte, wie ich mir einen Reim darauf machen sollte.
Mir fiel Martha ein. 30 Sekunden später hatte ich sie am Ohr.
„Hallo, mein Junge, Louis ist nicht da!“
„Oh, okay, macht nichts!“ Sagen sie, was ist denn eine IP-Adresse, und wie krieg ich darüber einen Namen raus?“
Kurze Stille in der Leitung. „Du weißt das wirklich nicht, oder?“
Sie klang ein bisschen enttäuscht. Zumindest bildete ich mir das ein.
Am Ende ihrer Erklärung wusste ich dann tatsächlich, wozu die Nummern gut waren. Und ich wusste, dass die beiden, die ich von Manowski erhalten hatte, der Deutschen Telekom gehören mussten. Ich hatte einige neue Begriffe gehört, die ich zwar nicht verstanden hatte, aber fehlerlos aussprechen konnte. Ich beschloss sie mir zu merken. Möglicherweise konnten sie mir beim nächsten Gespräch schon ausgesprochen nützlich sein.
„Johanna Groß, deutsche Telekom Mannheim, was kann ich für Sie tun?“.
Ich erkannte ihre Stimme sofort wieder; sie klang ein wenig wie Daisy Duck. Ich hatte sie vor zwei Jahren auf einem Konzert im Schwimmbad kennen gelernt. Sie war meine einzige Eroberung dieses unseligen Jahrs gewesen. Mein Motiv, Verzweiflung und Lust. Ihr Motiv, wahrscheinlich weniger körperlich, jedenfalls hatte sie das immer behauptet. Trotzdem hatten wir eine ziemlich körperliche Beziehung, die mindestens drei Monate überdauert hatte. Danach hatten wir uns ohne großes Drama aus den Augen verloren. Sie war der einzige Name, der mir zum Thema Telekom eingefallen war. Sie hatte schon damals für das Bürokratiemonstrum gearbeitet. Ich wusste, dass es ein Himmelfahrtskommando werden würde, sie um Hilfe zu bitten. Aber mir war nichts anderes eingefallen. Ihre Nummer jedenfalls stimmte noch. So wie ich sie damals in meine zerfledderte Kladde geschmiert hatte.
„Hallo Johanna! Robert hier … überrascht, was …?“
5 Sekunden Stille in der Leitung. „R o b e r t ?“, gesprochen mit ziemlich vielen Fragezeichen am Ende und mehr ungläubig als überrascht. Instinktiv wusste ich, dass ich nur eine Chance hatte, wenn ich’s frontal anging und sie überrumpelte. Aber für einen kurzen Moment verließ mich der Mut und ich schaltete auf Smalltalk.
„Geht’s dir gut …? Ich, ich sitz’ hier grad im Hemingways und irgendwie hab’ ich mich gefragt …“ Mein Satz wurde immer lahmer.
„Robert, was willst du …?“, unterbrach sie mich.
Ihre Stimme klang jetzt äußerst scharf. In meiner Verzweiflung fielen mir zwei CDs und ein bisschen anderer Krempel von ihr ein, der nach unserem Beziehungsende bei mir liegen geblieben war.
Ich begann von meinem Umzug und den zwei CDs zu erzählen: „… Tja, ich dachte vielleicht, du willst sie wiederhaben?“ „Robert … ich warn dich, du willst doch irgendwas von mir!“
„Zugegeben, du könntest mir einen Gefallen tun, aber das ist schlecht am Telefon. Könnten wir uns nicht vielleicht treffen …?“ Ein kurzes Klicken beendete das Gespräch. Sie hatte aufgelegt. Verdammt! Scheißdetektiv…, dachte ich! Für einen Moment fragte ich mich, warum im Fernsehen praktisch jeder noch mal verzweifelt „Hallo…, hallo…! ins Telefon brüllt und dann erst auflegt, obwohl er genau gehört hat, dass der Gegenüber aufgelegt hatte.
Ich warf einen Schein auf den Tisch und verließ den Ort meiner Niederlage. Eine gute halbe Stunde später saß ich in meinem Büro hinter meinem viel zu großen Schreibtisch. Mir stieg der undefinierbare Geruch von asiatischen Gewürzen und Bodenreiniger in die Nase, während ich auf das Goldfischglas starrte. Ich dachte immer noch an mein kläglich gescheitertes Telefon-gespräch und fasste einen Entschluss. Eine Fliege setzte sich auf das Plastikseerosenblatt. Meine Blicke begleiteten die letzten 5 Sekunden ihres Lebens.
Manowski beendete meine Betrachtungen von einem zufriedenen Goldfisch und dem ewigen Kreislauf des Lebens. Die Tür quietschte und sein mageres Jesusgesicht erschien über meinem Schreibtisch. „Tach auch!“, nuschelte er und sah mich erwartungsvoll an. Ich wühlte den Autoschlüssel aus meiner Hosentasche und ließ ihn einen Moment über dem Goldfischglas baumeln. Machen Sie keinen Quatsch, diese Wellblechbüchse gehört zur Familie. Ich versuchte Familie so zu betonen, als seien wir die Corleones. Es zeigte aber keine Wirkung.
„Geht klar! Morgen halb sieben, Ernst Walz Brücke - Neuenheimer Seite, leider ein bisschen früh, aber es wird sich lohnen“, grinste er. Er schnappte sich den Schlüssel und war draußen. Ich schaute ihm nachdenklich hinterher. Zugegeben, er war nicht die geheimnisvolle Blonde, deren Leben von ihrem habgierigen Ehemann bedroht war und die ihre verheulten Augen hinter einer Sonnenbrille versteckte, während sie mir einen Geldkoffer mit $1.000.000 anvertraute. Aber immerhin hatte eben jemand mein Büro aus geschäftlichen Gründen betreten. Zumindest halbwegs geschäftlich. Zwei Minuten später war ich auch aus der Tür. Da ich den Lieferwagen einem ungewissen Schicksal überlassen hatte, setze ich mich in mein amerikanisches PS-Monster. Er hatte derzeit keinen ernstzunehmenden Defekt, aber ich hatte ein ungutes Gefühl. Der Wagen sprang sofort an und blubberte unaufdringlich. Selbst das Verdeck schnurrte beim ersten Knopfdruck leise nach hinten. Ich wusste zwar, dass mich die Sonne heute bei 37°C grillen würde, aber hat jemand schon mal Thomas Magnum mit geschlossenem Verdeck über den Pouli Highway fahren sehen? Honolulu liegt am 33. Breitengrad, Heidelberg am 56.
Außerdem war die Klimaanlage kaputt. Ich glitt durch die Stadt, überquerte den Fluss an der Chirurgie. Die Neckarwiese war gesprenkelt mit Leuten. Einige hatte die Hitze in den Neckar getrieben. Ich fragte mich, was Manowski hier morgen veranstalten wollte. Die Sonne brannte erbärmlich. Ich war mir nicht mehr so ganz sicher mit dem 56. Breitengrad. Ich setzte eine lächerliche Baseballkappe auf. Sie stammte aus dem diesjährigen Werbebudget eines Zigarettenmultis. Ich rettete so ein paar Millionen Hautzellen vor Tod oder Entartung und beschloss die Tabakindustrie in Zukunft differenzierter zu betrachten. Ich bog auf die B3 Richtung Norden. Im Osten über dem Odenwald hatten sich ein paar kümmerliche Wolken gebildet. Die roten Steinbrüche standen voll in der Sonne. Es kam mir vor, als würden sie die Hitze reflektieren. Nach wenigen Minuten hatte ich Dossenheim erreicht. Mein Ziel war eine ruhige Neubausiedlung mit Reihenhäusern, Doppelhaushälften und Blumenkübeln auf der Fahrbahn. Kleinstadtidyll, in dem die Straßen nach Bäumen heimischer Spezies benannt waren. Ich parkte unter einem Baum, der sich in der Straße geirrt hatte. Hier hatte ich zum letzten Mal bei Johanna übernachtet. Ich war mir fast sicher, dass sie auch heute noch hier wohnte. Die Doppelhaushälfte hatte ihr gehört, Geschenk des Vaters. Es war noch früh, kurz nach 16:00. Aber ich kannte ihre damaligen Gewohnheiten. Wenn sie nicht in den Vorstand der Telekom aufgerückt war, würde sie spätestens um 16:30 hier auftauchen.
Mein Telefon vibrierte in meiner Hosentasche. Beim Herausziehen verlor ich das Gespräch. Auf der Anzeige stand Faber. Die Erwartung ihres Anrufs hatte schon den ganzen Tag auf mir gelastet wie ein Steuerbescheid.
Ich schaltete das Telefon aus, obwohl ich wusste, dass es nicht viel nützen würde.
