Sommerregen der Gefühle - Louise Mai - E-Book

Sommerregen der Gefühle E-Book

Louise Mai

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Beschreibung

Durch eine Fügung des Schicksals findet Charlotte Dunken eine Stelle als Gesellschafterin bei einer reichen Witwe. An der Seite der älteren Dame verbringt sie den Sommer in den Hamptons. Doch aus dem ruhigen Sommer voller langweiliger Gartenpartys und ausgedenter Spaziergänge wird nichts. Ohne es zu wollen verliebt sich Charlotte in den attraktiven Sohn ihrer Arbeitgeberin. Eine Liebe ohne Zukunft? Immerhin ist der angehende Politiker bereits verlobt. Doch gerade in dem Moment, als James Fitzgerald ihre Gefühle zu erwiedern beginnt, holt Charlotte ihre dunkle Vergangenheit ein.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für Anja

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

PROLOG

Die Augen in der Menge vor ihr gafften sie lüstern an. Wie sie sie abgrundtief hasste, diese Blicke auf ihrem halbnackten Busen. Gierig und hungrig lauerte die Meute vor ihr im Halbdunkeln. Wie Hyänen, bereit, sich auf jedes kleinste bisschen nackte Haut zu stürzen und mit Blicken zu zerfleischen. Und natürlich blieb es nicht allein bei diesen Blicken.

Zum Takt der Musik bewegte sich Charlotte Dunken mechanisch an der Tanzstange. Mit großer Mühe versuchte sie, ihr Herz zum Schweigen zu bringen. An diesem gottlosen Ort bewegte sie sich nicht mit Herzblut. Fern von jeglicher Moral musste sie lernen, ihre Gefühle abzustellen. Noch vor kurzem hatte sie richtig getanzt. Getanzt, als hinge ihr Leben davon ab. Es kam ihr vor wie ein anderes Leben. Ein anderes Universum. Eine andere Zeit. Zeiten, in welchen sie noch Hoffnung gehabt hatte. Hoffnung auf eine glorreichere Zukunft.

Man bescheinigte ihr Talent. Sie war der aufsteigende Star am Balletthimmel. Das bildhübsche Mädchen vom Lande. Aus dem Kuhstall direkt auf die großen Bühnen dieser Welt. Und dann: ein einziger kurzer Moment, der ihre Zukunft zerstört hatte. Charlotte hatte aufgehört, zu träumen. Aufgehört, zu hoffen. Aufgehört, darüber nachzudenken, was wohl geworden wäre, hätte das Motorrad früher gebremst. Außerdem wusste sie längst, dass der Unfall kein Versehen gewesen war. Jetzt drehten sich ihre Gedanken schon wieder unaufhörlich im Takt der einfachen Schritte, welche sie gerade noch im Stande war zu tun. Eigentlich hatte sie sich das Denken verboten. Gegen die Alpträume in der Nacht kam sie allerdings nicht an.

In ihren Träumen war sie immer noch ein kleines Mädchen in einem rosafarbenen Tutu und mit einer großartigen Zukunft. Keine mittelmäßige Stripperin in einem billigen Lokal, durch welches der Mief von altem Zigarrenrauch zog. Mittlerweile war das kleine Mädchen im Tanztrikot tot. Ermordet von der dunklen Perücke und dem roten, samtenen Negligé, welches sie sich am heutigen Abend zum ersten Mal angezogen hatte. Niemals in ihrem Leben hatte sie gedacht, je so tief zu sinken. Sich halb nackt auszuziehen und vor einer Horde lüsterner Männer laszive Bewegungen an einer vertikalen Stange zu machen. Dabei war sie sich nicht mal so sicher, ob sie ihre Sache überhaupt besonders gut machte. Der Manager hatte schon mehrmals in ihre Richtung geschaut, kritisch eine Augenbraue hochgezogen und seine imaginären Brüste liebkost. Sie hatte es gewusst. Charlotte eignete sich einfach nicht als sexy Vamp. Sie war eine verkrampfte Ballerina, die dringend einen Job brauchte und mittlerweile vor Hunger und Verzweiflung zu allem bereit war. Sie hatte alles verloren, was sie besaß. Ihre Seele. Ihre Hoffnung. Ihr Glück.

Aber ihre Wohnung, die musste sie behalten. Koste es, was es wolle. Nach Hause, zu ihren Eltern, konnte sie nicht mehr. Niemals wieder würde sie zurück in diese Einöde gehen, aus der sie gekommen war. Nichts als Kühe, Mist und Felder, wohin das Auge auch blickte. Ihre Eltern hatten sie überdies verstoßen, nachdem sie ihnen eröffnet hatte, dass sie den Bauernhof verlassen würde, um Ballerina zu werden. Ganz bestimmt wollte sie nicht auf der Straße enden. Aber der Preis war hoch. Zu hoch. Sie hatte es sich wirklich einfacher vorgestellt, ihren Körper zur Schau zu stellen. Herz und Hirn auszuschalten und aufzuhören zu denken. Leider war sie dazu nicht in der Lage. Allerdings hatte sie auch nicht den winzigsten Hauch einer Ahnung, was sie sonst noch hätte tun können. Sie hatte alles versucht. Der kalte Mief des Nachtclubs und die glotzenden Augen in der Dunkelheit waren ihr letzter Ausweg.

Müde und verzweifelt stieß Charlotte die Hintertür des zweitklassigen Etablissements auf. Wie sollte sie diesen Job durchhalten, wenn sie sich schon nach ihrer ersten Schicht fühlte, als habe sie ihre Seele an den Teufel verkauft. Viel tiefer konnte sie nicht mehr fallen. Erschöpft humpelte sie die Straße entlang. Ihr Knie tat weh. Allerdings lange nicht so schmerzhaft, wie nach einem ihrer anderen Jobs, in denen die Schichten wesentlich länger gewesen waren, trotzdem spürte Charlotte ihr Knie. Es schmerzte empfindlich. Warum musste es in der Gasse so schrecklich dunkel sein? Wäre es den Angestellten erlaubt, den Vordereingang zu benutzen, wäre sie jetzt schon auf der hellerleuchteten Straße und müsste nicht im Dämmerlicht zwischen Mülleimern und abgewrackten Autos entlang eilen. Nur noch wenige Meter, dann hatte sie die Straße erreicht. Nicht dass das Viertel, in welchem sich der Nachtclub befand, besonders sicher gewesen wäre. Trotzdem, auf der Straße war es wenigstens hell.

»Hey Süße, na, wie wäre es mit einem kleinen Privattänzchen?«

Den Mantel fest um ihren zierlichen Körper geschlungen, ignorierte sie die unheilvolle Stimme aus der Dunkelheit. Sie musste einfach so schnell wie möglich nach Hause kommen. Im Kühlschrank lag noch ein halber Apfel, den würde sie essen, sobald sie in das winzige Zimmer kam, in dem sie hauste. Auch wenn ein halber Apfel bestimmt nicht ausreichte, um ein wirkliches Sättigungsgefühl hervorzurufen. Das Gefühl, etwas zu kauen zu haben, würde ihren knurrenden Magen wenigstens für ein paar kurze Sekunden in Schach halten.

»Bleib stehen, Puppe.«

Die Stimme kam immer näher. Charlotte erschauerte. Sie beschleunigte ihre hastigen Schritte. Nur noch wenige Meter, dann hatte sie es geschafft. Auf der Straße würden bestimmt Menschen unterwegs sein. Dumpf klangen die schweren Stiefel hinter ihr.

»Du zierst dich wohl. Hältst dich für was Besseres, was?«

Eine grobe Hand packte sie an der Schulter und riss sie herum.

Charlotte schrie auf. Ihre schlimmsten Alpträume wurden gerade Wirklichkeit.

»Glaub bloß nicht, ich hätte nicht schon längst alles gesehen.«

Abfällig spuckte der grobschlächtige Mann ihr die Worte ins Gesicht. Tränen der Scham stiegen Charlotte in die Augen. Der Mann vor ihr hatte recht. Es war lächerlich, dass sie ihren Mantel wie eine schützende Mauer um sich wickelte. Vorhin hatte sie noch einen Hauch von Nichts angehabt, war praktisch nackt gewesen. Der Mann hatte bereits fast alles gesehen und jetzt wollte er den Rest auch noch anschauen. Und mehr.

Sie war am Ende. Alle hatten sie gesehen. Es war vorbei, sie hatte ihre Unschuld verloren. Der Mann riss an ihrem zerschlissenen Mantel. Charlotte schrie erschrocken auf. Nicht nur wegen seiner Brutalität, sondern schlichtweg, weil sie sich keinen neuen Mantel leisten konnte. Die Abfindung, welche sie nach dem vermeintlichen Unfall erhalten hatte, war einfach zu gering ausgefallen. Der Übeltäter saß zwar hinter Gittern und dem Staatsanwalt reichte das, allerdings brachte dies Charlotte wenig. Davon, dass der Übeltäter im Gefängnis saß, konnte sie ihre Miete nicht bezahlen oder Lebensmittel kaufen.

»Zier dich doch nicht so!«

Mit der fachen Hand schlug ihr der Mann ins Gesicht. Die Wucht des Schlages war so gewaltig, dass Charlotte wie ein lebloses Blatt auf den regennassen Asphalt stürzte. Im Fallen wurde ihr klar, dass nun ihr Ende gekommen war. Er würde nicht aufhören. Ihre Unschuld würde endgültig und unwiderruflich dahin sein. Wie sollte sie einen weiteren Tiefschlag überleben? Der Mann sah nicht aus, als würde er aufhören. Wenn sie sich wehrte, würde er so lange zuschlagen, bis sie tot war.

Vielleicht war das nicht die schlechteste Lösung? In diesem Moment, in dem sie sich sicher war, die Nacht nicht zu überleben, hielt eine elegante, dunkle Limousine neben der am Boden liegenden Charlotte. Die Tür ging auf und ein eleganter weißer Frauenarm streckte sich ihr entgegen. Charlotte blinzelte unter Tränen nach oben. Im fahlen Licht der Straße sah die junge Frau im Auto beinahe aus wie ein Engel. Der Anblick der feinen Limousine hatte ausgereicht, um den Schurken in die Flucht zu schlagen. Kurz bevor Charlotte vor Erleichterung in Ohnmacht fiel, drang eine helle Stimme an ihr Ohr.

»Es ist vorbei. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dir helfen.«

Kapitel 1

Lautlos glitt die elegante Limousine den Highway entlang. Ihr Ziel: eine der noblen Sommervillen in den malerischen Dünen der Hamptons. Wie so viele der oberen Zehntausend von New York würde auch Lady Catherine Fitzgerald der heißen, stickigen Luft in den Straßenschluchten des Big Apples für einige Monate entfliehen. Obwohl erst Anfang Juni, war es schon unangenehm heiß. Ein Umstand, den man in der durch die Klimaanlage herunter gekühlten Limousine leicht vergessen konnte. Wie viele dieser unbeschwerten Sommertage lagen bereits hinter ihr? Wie viele davon würde sie noch erleben?

Catherine Fitzgerald war alles andere als von sentimentaler Natur. Sie sah die Dinge pragmatisch. Es war an der Zeit, das Feld für jüngere Generationen zu räumen. Auch wenn sie mit ihren gerade mal achtundsechzig Jahren ganz und gar nicht zu den Ältesten ihres weitläufigen Freundeskreises zählte. Sie war müde geworden. Müde, ihren langjährigen Ehemann Marty Fitzgerald zu vermissen. Und sie vermisste ihn wirklich. Seit knapp drei Jahren war er nun tot. Und seit dieser Zeit fiel ihr das Leben schwer. So schwer, dass sie an manchen Tagen kaum das Bett verlassen konnten. Ihre Kinder sorgten sich schrecklich um sie. Veronica, ihre Jüngste, war sogar so weit gegangen, ihr eine Gesellschafterin an die Seite zu stellen. Eine Gesellschafterin! Catherine selbst musste über dieses antiquierte Wort schmunzeln. Obwohl sie sich selbst noch an Zeiten erinnern konnte, in denen es absolut normal gewesen war, eine Vielzahl an Bediensteten im Hause zu haben.

Charlotte war ein liebes Mädchen. Etwas verschlossen, aber sehr zuverlässig. Catherine schätzte die ruhige Art der jungen Frau sehr, auch wenn sie sich hütete, ihr dies allzu offen zu zeigen. Sie war die siebte in einer langen Reihe Gesellschafterinnen, welche ihre Tochter angeschleppt hatte. Niemals mit dem Durchschnitt begnügen. Dies war Catherine Fitzgeralds Leitspruch. Und Gott bewahre, die anderen Mädchen, welche ihre leichtsinnige Jüngste angeschleppt hatte, waren wirklich allesamt unbrauchbar gewesen. Nicht so Charlotte. Die zierliche Frau hatte Catherine von Anfang an irgendwo tief in ihrem sonst ziemlich steinernen Herzen berührt. Natürlich war ihr Herz ein verlässlich arbeitender Muskel, so wie bei anderen Menschen auch. Allerdings rankten sich jede Menge Gerüchte um den Wahrheitsgehalt dieser Tatsache und Catherine würde den Teufel tun, dieses Gerücht aus der Welt zu schaffen. Ein Familienimperium führte man schließlich nicht mit Liebe. Und dieses Imperium führte sie verdammt gut. Als Marty noch gelebt hatte, war er natürlich das offizielle Familienoberhaupt gewesen. Doch es ließ sich nicht bestreiten, dass Catherine selbst schon seit jeher die Fäden in ihren Händen gehalten hatte. Natürlich gab es in all ihren Firmen offiziell eingesetzte Geschäftsführer. Catherine würde ganz bestimmt nicht anfangen, in einem Büro zu arbeiten, aber sie hatte alles im Blick und lenkte die Geschicke hinter den Kulissen. Dies würde sie auch noch einige Jahre lang tun. Es würde noch eine ganze Zeit lang, nicht möglich sein zurückzutreten. Immerhin war Veronica, ihr Sorgenkind, ihre Jüngste, noch nicht verheiratet. Und Jasper, ihr Zweitältester? Sobald sie nur an ihn dachte, musste sie ungehalten mit der Zunge schnalzen. Der verbohrte Junge hatte sich der Schauspielerei verschrieben!

Ihr Kummer rührte nicht allein daher, dass mit dieser brotlosen Kunst keinerlei Geld zu machen war. Geld war etwas, um das sich kein Fitzgerald jemals würde Sorgen machen müssen. Nein, es war vielmehr der Umstand, dass es sich einfach nicht gehörte. Wie konnte er ihr das antun? Wäre der Junge wenigstens am Broadway, aber nein, es hatte ja unbedingt Hollywood sein müssen. Konnte Jasper nicht ahnen, wie sehr es sie quälte, zu wissen, dass er Werbefilme drehte? Natürlich hatte der dusselige Junge sich nicht davon abhalten lassen, ans andere Ende des Landes zu ziehen, nur weil sie ihm den Geldhahn zugedreht hatte. Über Veronica hatte sie erfahren, dass er sich mit diesen billigen Werbespots ganz passabel durchschlug und in keinerlei Weise vorhatte, reumütig in den Schoß der Familie zurückzukehren.

Catherine seufzte tief beim Gedanken an ihre abtrünnigen Schäfchen. Der Einzige, der nicht aus der Art schlug, war James, ihr Ältester. Auf ihm ruhten all ihre Hoffnungen. Ein Abschluss als Jahrgangsbester in Harvard war erst der Anfang einer vielversprechenden Karriere gewesen und jetzt war er im Begriff, mit seinen gerade mal achtunddreißig Jahren jüngster Abgeordneter im Senat zu werden. Er hatte einen lukrativen Job und sich vor kurzem mit der bildhübschen Tochter des Bürgermeisters von New York verlobt. James war durch und durch perfekt. So perfekt, dass es ihr manchmal schon ein klein wenig Angst machte.

Dabei hatte es nicht immer so ausgesehen, als ob ihr geliebter Junge jemals wieder glücklich würde, nachdem seine erste Frau verstorben war. Johanna, die Tochter des Dekans der Harvard University, war James´ erste große Liebe gewesen, und auch Catherine hatte sie vergöttert. Johanna war eine vielversprechende junge Debütantin gewesen und James hatte sich von seiner Mutter nur allzu leicht beeinflussen lassen, dass diese Verbindung seiner Karriere zuträglich wäre.

Wer hätte denn ahnen können, dass dieser Stern am gesellschaftlichen Himmel so schnell verglühen würde? Mit nur einunddreißig Jahren war Johanna Fitzgerald bei der Geburt der gemeinsamen Tochter gestorben. James war zusammengebrochen, und so war es an Catherine gewesen, sich um die kleine Estelle zu kümmern.

Mittlerweile saß James allerdings wieder im Sattel, hatte sich gefangen. Hatte seine rauschende Karriere weiter vorangetrieben und meistert den Alltag mit seiner kleinen Tochter äußerst souverän. Dass er nicht nur ein höchst attraktiver Witwer, sondern auch ein aufsteigender Stern am politischen Firmament war, hatte nun auch die attraktive junge Vivien DiLaurentes bemerkt. Dass ihr Sohn die bezaubernde Tochter des Bürgermeisters ehelichen würde, war mehr, als Catherine sich je hätte erträumen können. Diesen Sommer voller gesellschaftlicher Events würde sie nutzen, auch noch ihre etwas unstete Tochter Veronica unter die Haube zu bekommen.

Seit Charlotte in ihr Leben getreten war, hatte Catherine wieder neuen Lebensmut gefasst. Charlotte mit ihrer ruhigen, heiteren Art hatte es erreicht, dass sie wieder einen Sinn in ihrem Leben sah. Sie hatte ihr gezeigt, dass sie Marty nicht brauchte, um stark zu sein. Mittlerweile war Catherine Fitzgerald wieder ganz die Alte. Voller Lebensfreude und stets an allem interessiert, was um sie herum passierte.

Abschätzend musterte Catherine ihre hübsche Gesellschafterin, welche aufmerksam aus dem Fenster auf die schöne Landschaft der Hamptons blickte. Wie immer sah sie aus, als trüge sie die Last der ganzen Welt auf ihren schmalen Schultern. Catherine würde früher oder später noch herausfnden, welches Geheimnis es war, das ihre junge Gesellschafterin mit sich trug. Irgendetwas verbarg die junge Frau und Catherine würde ganz bestimmt nicht ruhen, bis sie herausfand, was es war. Niemand hatte Geheimnisse vor ihr.

Zufrieden schaute sie in die weite Landschaft. Ein ganzer langer Sommer lag vor ihr und ihrer jungen Begleiterin. Vielleicht würde sie auch für Charlotte einen geeigneten Mann ausfindig machen. Ein Mann aus dem Dorf oder den Chauffeur einer ihrer Freundinnen. Es würde sich bestimmt ein geeigneter Kandidat finden. Charlotte war bildhübsch, das musste die ältere Dame ihr neidlos zugestehen. Sie würde nicht lange ohne Mann bleiben, und eine Frau in ihren Zwanzigern brauchte einen Mann, so viel stand fest. Auch wenn böse Zungen behaupteten, im 21. Jahrhundert wäre dies nicht zwangsläufig länger der Fall. Alles bourgeoises Geschwätz, wenn man sie fragte, und Gott sei Dank gab es noch genug Leute, die sie fragten.

Kapitel 2

Das sanfte Rauschen des Meeres war Balsam für Charlottes geschundene Seele. Weit ließ sie den Blick schweifen. Über die sanften Hügel der Dünen. Den glitzernden, hellen Sand, der sich einladend bis an die vor- und zurückweichende Kante der sprudelnden Gischt erstreckte. Die vereinzelt fröhlich in der Sonne glänzenden Strandkörbe schafften es, selbst die sonst so ernste Charlotte zu einem Lächeln zu bewegen. Sie hatte sehr lange nicht mehr gelächelt, fiel ihr auf, als sie hier im hellen Sonnenlicht stand. Wie leicht einem das Leben vorkam, hatte man erst einmal die erdrückenden Wolkenkratzer der Stadt hinter sich gelassen. Tief holte sie Luft und genoss den leicht salzigen Geschmack auf ihrer Zunge. Hier, an diesem paradiesischen Ort, hatte sie das erste Mal seit Monaten nicht mehr das Gefühl, unter der Last dessen, was sie getan hatte, zu ersticken. Veronica Fitzgerald, ihre Retterin, konnte ihr noch so oft sagen, dass ein Abend in einem Nachtclub noch lange keine Prostituierte aus ihr machte. Trotzdem hatte Charlotte das Gefühl, an diesem Abend ihre Unschuld und ihr Lebensglück verloren zu haben. Wenn man an so etwas wie eine Aura glaubte, so war ihre bestimmt mittlerweile pechschwarz. Was wäre passiert, hätte Veronica sie nicht gefunden? Hätte Charlotte den Abend in der dunklen Gasse überlebt, so wäre sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen und ebenso am nächsten. Immer so weiter, bis sie eines Tages vielleicht so tief gesunken wäre, sich zu prostituieren. Charlotte wollte das Wort nicht einmal denken.

Was eine reiche Erbin wie Veronica in einer so dunklen Gasse zu suchen gehabt hatte, verriet sie ihrer Freundin mit keinem Sterbenswort. Allerdings war Charlotte, welche die umtriebige Veronica mittlerweile ganz gut kannte, sich nicht sicher, ob sie es überhaupt wissen wollte.

Veronica war ihr Schutzengel gewesen. Die junge Frau war ihr mittlerweile eine gute Freundin geworden. Sie hatte sie an diesem Abend nicht nur davor gerettet, vergewaltigt zu werden. So viel stand fest. Sie hatte sie aus ihrem elenden Leben geholt. Nun musste sie nicht weiter jede Minute darum bangen, ihr schäbiges Zimmer in einem der Elendsviertel der Stadt zu verlieren. Auch zu essen bekam sie nun regelmäßig. Dass sie kaum etwas zu sich nehmen konnte, daran traf die fabelhafte Köchin der Fitzgeralds, Fernanda, jedenfalls keine Schuld. Dies lag einzig und allein an ihrer übergroßen Scham, welche sie zu jeder Tages- und Nachtzeit überfutete wie ein heftiger Krampf.

Charlotte war ein pragmatisch denkender Mensch. Die meiste Zeit verbot sie sich die Gedanken an die Vergangenheit. Sie hatte alles aus ihrem Leben verbannt, was sie an ihre Zeit beim Ballett erinnerte. Einzig ihr erstes Paar Spitzenschuhe lag in einen Seidenschal gewickelt zuunterst in ihrer Kommode. Den Schal hatte ihr der Ballettdirektor nach ihrem ersten Soloauftritt geschenkt. Damals, als sie noch als die Neuentdeckung des großen Igor Stanislaw gegolten hatte. Nun hatte Igor, der Direktor der Kompanie, sie genauso abgeschrieben wie alle anderen Ensemblemitglieder auch.

Trocken schluchzte Charlotte auf. Aus genau diesem Grund verbot sie sich das Schwelgen in Erinnerungen. Es brachte einfach nichts. Sie hatte ein wundervolles neues Leben begonnen und sie würde sich hüten, so leichtsinnig zu sein, in irgendeiner Weise ihre sichere Stelle als Gesellschafterin von Catherine Fitzgerald aufs Spiel zu setzten. Endlich hatte sie ihren Platz gefunden. Seit jeher hatte es alleinstehende Frauen gegeben, welche sich aufopferungsvoll um andere kümmerten, und genau so eine Jungfer beabsichtigte sie zu werden. Früher, als sie noch Strumpfhosen und Body für Alltagskleidung gehalten hatte, hatte Charlotte sich irgendwann einmal eine Familie und vielleicht sogar ein Kind gewünscht. Jetzt aber, da das Leben sie einmal verschlungen und vollkommen gebrochen wieder ausgespuckt hatte, waren diese Wünsche genauso Schnee von Vorgestern wie die Vorstellung, sie könne aus dem Stand eine Grand Jeté machen.

Charlotte kniff die Augen zusammen. Vor ihr auf dem weißen Sand näherte sich ein winziger roter Punkt. Sie schirmte die Augen gegen die Sonne mit der Hand ab. Der Punkt kam näher und formte sich langsam, aber sicher zu einem kleinen Mädchen in einem roten Badeanzug. Unruhig schaute sich Charlotte um. Weit und breit war niemand zu sehen. Sie hatte die vereinzelt hinter den Dünen liegenden Villen hinter sich gelassen. Dieser Abschnitt des Strandes war, soweit sie das erkennen konnte, vollkommen menschenleer. Leer bis auf sie und das kleine Mädchen. Das Kind konnte doch nicht allein unterwegs sein? Nun, wenn man es ganz genau nahm, war es eigentlich gar nicht allein. Es trug einen riesigen Teddy unter dem Arm und hielt einen kleinen blauen Sandeimer in der anderen Hand. Für eine winzige Sekunde zog sich bei diesem Anblick in Charlottes Brust etwas zusammen. Vielleicht war es der Umstand, dass das kleine Mädchen starke Ähnlichkeit mit Charlotte selbst aufwies? Auf den alten Fotos, welche in ihrem früheren Zuhause geblieben waren, sah Charlotte ganz genauso aus wie dieses kleine Mädchen da vor ihr am Strand. In diesem Moment bemerkte das Mädchen Charlotte. Statt zu erschrecken, wie die junge Frau es erwartet hätte, hob es die Hand mit dem Sandeimer und winkte ihr fröhlich zu. Charlotte stieß ein verblüfftes Lachen aus. Das kleine Mädchen mochte vielleicht so aussehen, wie sie es als Kind getan hatte, war aber dennoch wesentlich mutiger als die erwachsenen Charlotte. Diese strich sich die langen blonden Haare aus der Stirn und machte sich daran, den Abstieg vom Kamm der Dünen herunter zu wagen. Während sie mehr nach unten rutschte als ging, ließ sie das kleine Mädchen nicht aus den Augen. Die Kleine stand abwartend im hellen Sand und strahlte sie fröhlich an.

»Hallo«, sagte Charlotte freundlich, als sie keine Minute später bei ihr und ihrem Teddy angekommen war.

»Guten Tag, freut mich, dich kennen zu lernen«, erwiderte das kleine Mädchen forsch und streckte ihr gleichzeitig ihren Teddy unter die Nase. »Das ist Piglet.«

»Guten Tag, Piglet«, sagte Charlotte höflich und schüttelte dem Teddy die Pfote. Dann flüsterte sie hinter vorgehaltener Hand, so dass der Teddy sie nicht hören konnte: »Aber das ist doch gar kein Ferkel.«

»Na und, mein Daddy nennt mich doch auch andauernd Honey und ich klebe kein bisschen.« Abschätzig schaute sie an sich hinunter. »Naja, zumindest meistens nicht«, setzte sie selbstkritisch hinzu.

»Wie alt bist du denn?«, rutschte es Charlotte vollkommen verblüfft raus. Sie kannte sich mit Kindern nicht besonders gut aus. Aber dieses hier sah viel zu jung aus, als dass es schon so selbstreflektiert und wortgewandt sein sollte.

»Ich bin vier.«

»Vier Jahre?« Charlotte schnappte hörbar nach Luft.

»Na, na, du musst dich nicht gleich so erschrecken. Ich werde irgendwann auch fünf, so wie andere Kinder auch.« Sie tätschelte Charlotte mit ihrer kleinen Hand beruhigend den Arm. »Es dauert aber noch schrecklich lang!«, setzte das Kind theatralisch seufzend hinzu. Charlotte nickte stumm. Dieser logischen Argumentation gab es nichts hinzuzusetzen.

»Möchtest du eine Sandburg bauen? Ich weiß, ich wirke schon ganz schrecklich alt. Das heißt aber nicht, dass ich nicht gerne Sandburgen baue. Ich bin…«

»Sehr gern!«, unterbrach Charlotte das Geplapper des kleinen Mädchens. Sie hatte das Gefühl, wenn sie nicht schnell anfing, im Sand zu graben, würde das Mädchen ihr noch ausführlich erklären, warum sie gerne Sandburgen baute. Ein Umstand, den keine Vierjährige erklären sollte. Zumindest nicht in Charlottes Vorstellung. Sie ließen sich auf dem Boden nieder. Charlotte konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal im Sand gespielt hatte. Es kam ihr ewig lang vor. Fröhlich gruben sie nebeneinander im warmen Strand. Charlotte genoss das rieselnde Gefühl zwischen ihren Fingern. Das Kind neben ihr redete fröhlich weiter.

»Meine Grandma sagt immer, ich wäre zu reif für mein Alter. Aber ich finde das dumm. Ich bin ja kein Apfel.« Während sie erzählte, setzte sie Piglet so, dass er von seinem Sitzplatz aus eine gute Aussicht auf die dort entstehende Sandburg hatte. »Sie sagt, das liegt daran, dass ich zu viel allein bin. Aber was kann ich denn dafür, wenn alle meine Nannys mich so schnell wieder verlassen.« Vor Mitleid zog sich Charlottes Herz zusammen.

»Oh nein, wer würde denn so eine nette Gesprächspartnerin wie dich wieder verlassen wollen?« Munter schaute sie das Mädchen an, welches eifrig im Sand buddelte.

Das Kind zuckte lässig mit den Achseln.

»Nicki sagt, das liegt daran, dass sie alle mit meinem Daddy schlafen wollen.«

Charlotte konnte sich gerade noch zurückhalten, nicht vor Schreck laut loszuprusten. Die Kleine hatte ganz bestimmt keine Ahnung, was sie da sagte.

»Tja, ich weiß es nicht, ob die wirklich alle immer so müde sind«, sie schaute Charlotte ernst an, »aber da steckt man nicht drin.« Leichthin zuckte sie mit den Schultern. Mittlerweile musste Charlotte wirklich an sich halten, nicht lauthals zu lachen. Woher hatte die Kleine nur ihre altklugen Sprüche?

»Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was so toll daran sein soll, andauernd zu schlafen, das ist doch total langweilig. Es ist viel schöner, zusammen eine Burg oder sowas zu bauen! Findest du nicht auch?«

Charlotte pflichtet der Kleinen bei, obwohl ihr mittlerweile, vor unterdrücktem Lachen, die Tränen in den Augen standen. Die Nannys sahen das mit dem Burgen bauen wohl etwas anders.

Unauffällig wischte sie die Lachtränen beiseite. Dabei fiel ihr auf, dass sie schon seit Jahren nicht mehr so sehr gelacht hatte. Dieses Mädchen musste eine gute Fee sein. Eine Märchenfigur nicht von dieser Welt. Charlotte hatte nicht gedacht, dass sie überhaupt jemals wieder lachen würde, und nun reichten fünf Minuten mit diesem zauberhaften kleinen Ding und sie hatte mit einem handfesten Lachkrampf zu kämpfen. Vielleicht spielte ihr Verstand ihr Streiche? Das Mädchen konnte nicht real sein. Niemand ließ ein Kind einfach so unbeaufsichtigt am Strand spielen. Auch nicht, wenn es irgendwann fünf Jahre alt wurde. Gerade dann nicht!

»Estelle, Estelle? Honey, wo bist du?«, erklang in just diesem Moment eine tiefe Männerstimme aus den Dünen. Das kleine Mädchen zuckte zusammen.

»Ich fürchte, er meint mich.«

Charlotte lächelte.

»Das denke ich auch. Sonst kann ich hier nämlich weit und breit kein anderes kleines Mädchen sehen.«

Estelle stand auf und klopfte sich den Sand von den Händen.

»Kommst du?« Vertrauensvoll griff sie nach Charlottes Fingern. Diese verspürte erneut einen Schmerz tief in ihrem Innern.

»Klar«, murmelte sie und folgte, durch den Sand stolpernd, der zielstrebig zu den Dünen eilenden Estelle. Das Rufen wurde dringlicher. Sie mussten sich beeilen, bevor der arme Mann vor Sorge starb.

Warum zum Teufel mussten diese Dünen so steil sein? Charlottes Knie begann zu schmerzen. Eigentlich hätte sie jetzt anhalten müssen. Die nächsten Tage würde sie das Humpeln nicht verstecken können. Im Alltag fiel es an den meisten Tagen gar nicht mehr auf, dass die Zeiten, in denen sie sich leichtfüßig hatte bewegen können, endgültig vorbei waren. Sie atmete tief ein und aus. Eine Technik, die sie noch vom Training her kannte. Allerdings hatte sie damals nur gegen die Schmerzen des harten Alltags einer Ballerina anatmen müssen. Dieser war lange nicht so qualvoll gewesen wie die bohrenden Schmerzen in ihrem Knie, welche ihr immer wieder vor Augen führten, was sie alles verloren hatte. Ein letzter tiefer Atemzug. Sie hatte den Gipfel der Düne erreicht.

»Oh Gott im Himmel!« Sie zuckte so heftig zusammen, dass sie ins Schleudern geriet. Jetzt wusste sie, warum die Nannys alle mit Estelles Daddy hatte schlafen wollen. Und mit Schlafen war definitiv sicher nicht Schlafen im Sinne des Wortes gemeint. Charlotte konnte es den Nannys nicht verübeln. Jedes weibliche Wesen bei halbwegs klarem Verstand würde mit diesem Exemplar Mann anderes machen wollen als Sandburgen bauen, so viel stand fest. Fest stand allerdings auch, dass Charlotte selbst jeden Moment rücklings von der Kante der Düne stürzen würde.

In jenem Moment, in dem sich Charlotte schon mit verrenkten Gliedmaßen unterhalb der Dünen liegen sah, schoss eine braungebrannte Hand vor und legte sich schützend um ihre zarte Taille. Ein starker Arm zog sie nach vorne, weg von dem drohenden Abgrund, hin an die perfekteste Brust, die Charlotte in ihrem ganzen Leben je gesehen hatte. Und als Ballerina hatte sie wirklich schon viele perfekte Männerkörper gesehen. Aber noch keinen wie diesen hier. Für eine Sekunde standen sie und der Fremde fest umschlungen einfach nur da. Ihr Herz raste und das Blut pulsierte in ihren Adern. Sie fühlte alles und nichts zugleich. Die harten durchtrainierten Muskelstränge an ihrer Wange. Die glatte Kühle seiner Haut. Ihre Nase schnupperte seinen männlich herben Duft. Sie musste an sich halten, nicht mit den Lippen dem sanften Bogen seiner gut definierten Brustmuskulatur zu folgen. Ihre Zunge wollte erkunden, ob seine Haut von der Meeresluft salzig schmeckte. Ihre Hand, welche auf seinem straffen Bauch ruhte, wollte mehr fühlen, ertasten.

»Sie scheinen sich sehr für Brustmuskeln zu interessieren.« Sein Tonfall klang amüsiert. Charlotte hörte das Lachen in seiner dunklen Stimme. »Gilt das für Brustmuskeln im Allgemeinen oder nur für meine?« Auch wenn die Frage nicht ernst gemeint war, klang seine Stimme sehr interessiert.

Mit einem Ruck riss sie sich los. Charlotte war knallrot im Gesicht. Der Kerl machte sich definitiv lustig über sie. Was zum Teufel machte sie überhaupt so lange an seiner Brust? Hatte sie sich nicht vor wenigen Sekunden Enthaltsamkeit bis in den Tod geschworen? Keine fünf Minuten später war sie im Begriff, einen vollkommen Fremden fast abzulecken. Am liebsten hätte sie auf der Stelle die Flucht ergriffen. Allerdings hatte der Fremde ihr Leben gerettet. Naja, zumindest hatte er sie vor einem sehr schmerzhaften Sturz bewahrt. Einem Sturz, der ihre Knieverletzung bestimmt nicht besser gemacht hätte. Sie blinzelte in seine Richtung. Wieder traf sie sein attraktives Äußeres wie ein Schlag. Wie konnte ein einzelner Mensch derartig gut aussehen? Unauffällig ließ sie ihren Blick an seinem Körper entlang wandern. Passend zum heißen Sommertag trug der Fremde nichts außer einer lässigen Badeshorts. Sein Outfit ließ keinen Raum für Interpretationen. Ganz offensichtlich waren nicht nur seine Brustmuskeln äußerst definiert. Seine Haut war im Gegensatz zu Charlottes fast schon durchscheinend weißer Haut schon leicht gebräunt. Wenn sie nicht alles täuschte, konnte sie einen Anflug von Sommersprossen auf seiner ebenmäßigen Nase erkennen. Ein Gesicht wie gemeißelt. Seine blonden Haare waren verwuschelt und sahen aus, als habe er gerade mit einer dieser Nannys ein Nickerchen gehalten. Charlotte schluckte. Dieser Mann da vor ihr war ein Gott. Wahrscheinlich war sie im Garten auf der Liege eingedöst. Sie musste träumen, denn dieser Mann konnte schlichtweg nur ihrer Phantasie entsprungen sein.

»Vielen Dank.« So ganz ohne Spott darin klang seine Stimme warm und melodiös.

»Was?« Charlotte verstand die Welt nicht mehr. Der Fremde hatte sie vor einem Sturz bewahrt. Es war an ihr, sich zu bedanken.

»Sie haben mein kleines Mädchen gefunden.« Er lächelte sie an und seine Mundwinkel kräuselten sich. »Ich wüsste nicht, was ich ohne Sie getan hätte.«

Charlotte hob abwehrend die Hand.

»Ich habe zu danken. Ich wurde schon lange nicht mehr so gut unterhalten - also, von ihrer Tochter!« Sie grinste schwach. Nicht, dass der Kerl noch auf den Gedanken kam, dass seine Brustmuskeln irgendetwas zu ihrem Amüsement beitrugen. Oh verdammt, sie hatte schon wieder einen Blick auf seine definierte Brust geworfen. Langsam kam sie sich vor wie eine Brustmuskelfetischistin. »Und außerdem haben sie mich gerettet.« Sie deutet schnell auf den Rand der Dünen und biss sich schuldbewusst auf die Lippen, als ihr Blick schon wieder auf seiner gebräunten Brust haften blieb.

»Immer wieder gern.« Der Fremde zwinkerte ihr zu. Flirtete er etwa mit ihr? »Meine Brustmuskulatur steht ihnen zu Forschungszwecken jeder Zeit zur Verfügung«, setzte er grinsend hinzu.

Okay, das war jetzt wirklich ein handfester Flirt, oder? Charlotte war einfach aus der Übung. Wobei sie noch nie eine großartige Expertin auf diesem Gebiet gewesen war.

»Allerdings muss ich jetzt leider gehen.« Der Fremde sah tatsächlich enttäuscht aus.

Bewusst unbekümmert hob Charlotte die Schultern. Sie musste so schnell wie möglich hier weg, bevor sie noch vollkommen den Verstand verlor. Sie war außer Rand und Band. Wenn sie nicht auf seine definierte Brust starrte wie eine Irre, dann flog ihr Blick hin zu seinen vollen Lippen. Wie es wohl sein mochte, sie zu küssen? Charlotte kniff die Augen zusammen.

»Alles okay?« Der Mann legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Äh, ja«, stammelte sie heiser. Seine Gegenwart erregte sie derart, dass sie nicht länger Herr über ihren Körper war. Der Fremde grinste breit.

»Ich weiß, solche Muskeln können einen umhauen.« Er zwinkerte ihr lässig zu.

Sein Tonfall aber war derart ironisch, dass Charlotte sofort klar war, dass er nichts an diesem Gespräch wirklich ernst nahm. Bestimmt machte er sich insgeheim lustig über sie. Am liebsten hätte sie sich die Hand vor die Augen geschlagen, so peinlich war ihr die ganze Situation. Charlotte musste hier weg, bevor sie sich noch absolut lächerlich machte und anfing zu sabbern oder so etwas in der Art. Schnell machte sie einen Satz nach hinten. In diesem Moment schoss sein Arm erneut vor und zog sie nach vorne, weg von der steilen Böschung der Düne.

»Wenn sie allerdings weiterhin so selbstmordgefährdet sind, kann ich sie unmöglich hier allein lassen«, scherzte er.

Charlotte gab sich Mühe, zu grinsen. Sie machte sich hier gerade vollkommen lächerlich.

»Nun gut, wir wollen sie nicht länger aufhalten.« Er nahm die Kleine auf den Arm. »Wir müssen jetzt schnell zu deiner Grandma«, sagte er zu seiner Tochter. »Eigentlich ist es unverzeihlich, dass wir noch nicht längst da sind. Ein halbes Jahr hat sie uns nicht gesehen und wir machen erst einmal einen Ausflug zum Strand.« Bedauernd hob er die Schultern. »Sagst du auf Wiedersehen, Honey?«

Estelle schaute Charlotte mit einem Siehst-du-was-habe-ich-gesagt-Blick an. Trotz aller Peinlichkeiten lächelte Charlotte herzlich. Dieses Kind hatte etwas an sich, das sie grundlos glücklich machte.

»Auf Wiedersehen, Estelle«, sagte sie feierlich.

Die Kleine winkte ihr zu.

»Auf Wiedersehen, Piglet.« Die Augenbraue des Mannes schnellte nach oben.

»Wie ich sehe, gehören sie bereits zur Familie.« Er kräuselte anerkennend die Mundwinkel.

Charlotte schaute ihn fragend an. Sie wurde aus seinen Worten nicht schlau.

»Sie müssen wissen, Piglet stellt sich nicht jedem vor. Dieses Privileg genießen nur ganz enge Freunde und Verwandte.«

»Ach so«, lachte Charlotte. »Ich fühle mich geehrt.« Sie tauschte einen tiefen Blick mit diesen unwiderstehlichen blauen Augen. Okay, jetzt flirtete sie definitiv. Hatte sie sich nicht für heute schon genug blamiert? Dieser Mann sah viel zu gut aus, um sich auch nur ein Fünkchen für sie zu interessieren, und außerdem wartete bestimmt irgendwo eine wunderhübsche Frau auf ihn. Charlotte musste so schnell wie möglich von hier fort, bevor sie sich noch auf der Stelle in einen vollkommen Fremden verliebte.

»Also dann.« Sie zwang sich, nicht noch einen Blick auf seine Lippen oder sonst ein Körperteil zu werfen.