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Eine spannende Geschichte über den Werteverfall, wenn es nur noch um Geld,Macht und Gier geht. Für Geld machen Menschen alles,auch wenn dabei andere Menschen sterben. Egal ob Kinder oder Erwachsene daran sterben.
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Seitenzahl: 503
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Herbert Brinkmann
Sommersonnenwende
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Impressum
Kapitel 1
Roman
Sommersonnenwende von Herbert Brinkmann Edith-Stein-Strasse 21a 49479 Ibbenbüren-Laggenbeck
Triberg-Schwarzwald, Mittwoch, den 13.05.1999
Wenn an die letzten Wochen und Monate zurück gedacht werden, so erscheint der heutige Tag als einer der wärmsten in dieser Jahreszeit. Für den Monat Mai war es eine außergewöhnliche Hitzeperiode die den Bachs zu schaffen machte. Ein plötzlicher Wetterumschwung schaufelte ständig warme Luft aus dem Süden zu ihnen herein. Der wolkenlose, strahlend blaue Himmel über Trieberg ließ zusätzlich ungehindert die heißen Sonnenstrahlen gnadenlos auf die ausgetrocknete Erde prallen. Morgens um acht zeigte die Quecksilbersäule schon eine Temperatur von 27 Grad an. Und ab der Mittagszeit kletterte sie auf siebenunddreißig Grad im Schatten. Heute und in den nächsten Wochen sollte der Frischluftventilator in den Wohn-und Schlafzimmern nicht mehr zur Ruhe kommen. Diese Hitze wurde unerträglich. Ständig standen Daniel Bach die Schweißperlen auf der Stirn. Aber noch schlimmer hatten es seinen Männer in Köln auf der Baustelle getroffen, die bei dieser Hitze 25 cm dicke Betondecken gießen mußten, da sie der Sonneneintrahlung direkt ausgesetzt waren.
In Bachs Haus.
„Daniel vergiß bitte nicht, daß wir am Donnerstag in Düsseldorf beim Notar in der Anwaltskanzlei sein müssen. Du hast es mir feierlich versprochen.“„Natürlich, Lydia, wie könnte ich das vergessen. Oder habe ich etwa schon Gedächtnislücken in meinem Gehirn? Selbst wenn ich Gedächtnislücken hätte, würdest du den Termin sicher niemals aus deinem super Gedächtnis ad acta legen. Dieser Tag ist viel zu wichtig für dich. Stimmt’s?“„Wie klug du mal wieder bist, mein lieber Ehemann. So günstig komme ich nie wieder an ein Reihenhaus. Vom eigenen Ehemann, dem großen Unternehmer Daniel Bach, notariell beglaubigt und gegengezeichnet. Sein Herz hüpfte vor Freude.-Wunderbar“, frohlockte Lydia voller Vorfreude und Begeisterung vor sich hin.„Nun weißt du ja, was du von mir hast, und wieviel du mir bedeutest. Einen treuen Ehemann, der dir drei gesunde Kinder geschenkt hat. Dazu ein schönes Dach über dem Kopf, das in einer herrlichen Gegend im Schwarzwald steht, sowie einen Mann, der all seinen Reichtum auf seine Frau überschreibt. Dazu kommt noch ein sorgenfreies Leben, bis der Tod uns scheidet.“„Nun mach mal halblang, du guter Ehemann, ist es etwa nicht genau so mein Verdienst gewesen? Hinter jedem erfolgreichen Ehemann steht eine erfolgreiche Frau, sagt die Welt. Vergiß nicht, daß ich in deinem Büro die Sekretärin spiele, und das hervorragend, mein holder Göttergatte. Nun ja, richtig gesagt, gespielt hatte. Aber gerade in der Anfangszeit habe ich dir mächtig unter die Arme gegriffen. Die Kinder habe ich bekommen, den Spaß hattest du dabei. Na ja, ich will fair bleiben, ich natürlich auch. Sonst wäre es gemein von mir. Aber daß ich jetzt eine von deinen zwanzig Reihenhäusern überschrieben bekomme, ist doch wohl keine Tat der Nächstenliebe, oder? Außerdem habe ich die Kindererziehung und die Hausarbeit übernommen. Denke daran, eine Hausfrau läuft die Kilometer zusammen, die dem Erdumfang entsprechen. Zusätzlich Waschen, Putzen, Kochen usw. Die Büroarbeit nicht zu vergessen.“Er grübelte über das von Lydia vorhin Gesagte nach und antwortete darauf: „Ja, das stimmt schon.“„Siehst du wohl. Ich muß zuerst deinem verstaubtem Gehirn auf die Sprünge helfen. Dann läuft es wieder. Daniel, du konterst ja nicht. Was ist los? Hat das vielleicht einen triftigen Grund, und du führst wieder irgend etwas Hinterlistiges a‘ la Schildbürger im Sinn. Vielleicht bist du ja auch einer von der Sorte, die auf den Satz schwören: Man soll nie auf die Meinung anderer hören, außer man ziehe einen Nutzen daraus.“ Daniel überlegte genau, was er sagte, um in diesem Spiel die Oberhand zu gewinnen.„Hör zu, Schatz, findest du das nicht ein bißchen unfair? Ich habe dir in den vergangenen Jahren viel mehr zukommen lassen, als du jetzt wahrhaben willst. Vergiß bitte nicht den Diamanten, den ich dir zu Weihnachten geschenkt habe. Ein Vermögen hat der gekostet. Mir wird jetzt noch ganz übel zumute, wenn ich an den horrenden Preis denke, der über den Ladentisch ging. Wo ist überhaupt das edle Stück hingekommen? Du trägst ihn nicht mehr, Lydia. Oder kannst du dich vielleicht daran erinnern, wie du von mir den Pelzmantel für den Solowinterurlaub in Österreich bekommen hast? Hotelunterkunft inbegriffen. Ja, sicherlich hast du das alles vergessen. Vielleicht sogar absichtlich verdrängt. Woher soll ich das wissen, was so alles in deinem Kopf vor sich geht?“ Langsam wendete sich das Blatt, und sie mußte mit ihren Argumenten einpacken. Freudig rieb er seine Handflächen aneinander, bis sich wohlige Wärme auf ihnen bemerkbar machte. „Meine Gedanken sind frei. Wohl dem, daß es so ist“, sagte Lydia frohgelaunt. „Oder willst du nicht darüber reden, sonst müßtest du mir ja dankbar sein, und das geht sicher über deine gespannte Hutschnur. Für eine berufstätige, emanzipierte Ehefrau sicherlich ein Alptraum, was? Emanzipation heißt auch, das Leid miteinander zu teilen, und nicht nur die lustige Freud. Habe ich nicht ein klitzekleinwenig recht? Bitte Lydia, sage, daß ich recht habe.-Was rede ich denn, du gibst mir ja niemals recht.“ Langsam fing Daniel damit an, sie genüßlich zu reizen. Das konnte Lydia nicht ausstehen.„Ach laß mich doch heute mit dem Kram in Ruhe. Du willst mich nur wieder hoch nehmen und zu unbedachten Äußerungen gegen dich animieren, damit du mir hinterher wieder Vorhaltungen machen kannst, ich hätte dieses und das falsch gesagt.“ Hinter seinem Rücken spürte er, wie ihn ihr starrer Blick wie kalter Stahl durchbohrte. Selbst wenn er den Schlagabtausch auch gewinnen sollte, so besaß sie die besseren Nerven. Das wußte Daniel nur zu gut.„Was sollte ich dir denn noch geben, was du nicht schon besäßest?“ fragte er mit schüchterner Stimme.„Außerdem mache ich dir nie Vorhaltungen. Ich glaube, du bist heute einfach schlecht drauf.“Es kam keine Antwort zurück. Statt dessen umhüllte sie kaltes Schweigen.Die Schlafzimmertür stand einen Spalt offen. So konnte er heimlich vom Flur aus zusehen, wie seine Frau die Kleider ablegte und sie fein säuberlich über den Stuhl hängte. Ordentlich wie immer, dachte er, das mußte der Neid ihr lassen.Sie hatte ihm unter Schmerzen drei gesunde Kinder das Leben geschenkt, und ihre Figur war weder in die Breite gegangen, noch sonst irgendwie verunstaltet worden. In ihrer Unterwäsche sah sie zum Anbeißen gut aus. Seit sie sich begegneten, und sich tiefer schätzen lernten, hielt sich von Anfang an eine heimliche, hartnäckige Angst in Daniel, daß seine Frau nach der Geburt des ersten Kindes eine verbogene Gestalt bekommen könnte. Aber es hatte sich zu seiner Freude nichts Wesentliches verändert. Ja, so sind sie nun mal, die Männer. Der Tanz ums goldene Kalb läßt grüßen. Auch nach der Geburt von Anja hatte ihre Gestalt nicht darunter gelitten.Nur ihr Becken hatte etwas an Weite zugenommen, was ihrer Figur aber nicht abträglich war, sondern ihr in den Rundungen noch mehr Weiblichkeit verlieh. Schlank, hochgewachsen und mit allen Evaatributen ausgestattet, die das Männerblut in Wallung versetzte. Gelegentlich auch zum Kochen brachte. Für diese graziöse, körperliche Erscheinung, hätte sich so mancher Edelmann im Morgengrauen mit einer einschüssigen Waffe und glasigen Augen, freudestrahlend duelliert. Könige und Kaiser hätten ihre Landsknechte aufmarschieren lassen. Das war seine aufrechte Auffassung dazu. Na ja, jetzt hatte er wohl ein bißchen übertrieben. Aber es kam der Wahrheit sehr nahe. Daniel sah ihre dunkle, glatte, braune Haut, die sie von einem Verwandten italienischer Abstammung mitbekommen hatte. In ihr sah er eine Venus aus Marmor. Brauner, spiegelglatter Marmor, den irgend ein grandioser, gottbegnadeter Künstler mit geschickter Hand geformt hatte. Lydia zeigte ihm so gelegentlich, daß sie tatsächlich aus diesem Material sein konnte. Kalt und abweisend wie die bearbeitete, glattpolierte Oberfläche von Marmor eben. Das Glatte ihrer Haut wäre dabei wohl das Angenehmste gewesen, gegenüber ihrer Kühle auf der Oberfläche. Die war sicherlich oft erschreckend und abstoßend. Aber damit mußte er leben. Konnte er leben. Und wollte er leben, denn sie waren schon so lange verheiratet. Dazu kamen die lieb gewordenen Alltäglichkeiten und Marotten, die sie ja beide hatten. Gelegentlich konnte Lydia aber auch schnurren wie ein Kätzchen. Kam selten vor. Aber es kam vor. Besonders mochte er an ihr, wenn sie still in ihrer Leseecke saß, versunken in den Höhen und Tiefen der geschriebenen Zeilen eines interessanten Buches las, und nichts in der Welt sie daran hindern konnte, damit aufzuhören so lange zu lesen, bis ihr die Augen zufielen. Nicht daß der Leser jetzt annimmt, er wäre nur deshalb darüber froh gewesen, da sie beim Lesen den Mund geschlossen hielt. Nein, so war das nicht gemeint. Ja, sie war von Natur aus eine richtige Leseratte. Ein Buch soll die negativen Gedanken verscheuchen. Wenn es das kann, dann hat es Daseinsberechtigung erlangt und ist gut, pflegte sie stets zu jeder passenden Gelegenheit zu sagen. Recht hatte Lydia mit dieser Aussage, obwohl Daniel gestehen mußte, daß er fast nur seine Fachbücher las. Sie ärgerte ihn deshalb manchmal damit und sagte dann: Daniel, wenn du nur diese Fachbücher liest, kann es passieren, daß du als Fachidiot in die Geschichte eingehst. Sie meinte natürlich damit, daß er schon einer war. Das ärgerte ihn schon lange nicht mehr, da Daniel genau wußte, was er wirklich von ihr hatte. Sie war eine kluge Frau. Dafür konnte über ihn so manch Negatives von ihr mit ruhigem Gewissen übersehen werden. Aber etwas gab es da doch, das ihn an Lydia störte. Lydia hatte ein Geheimnis vor ihrem Mann. Irgend etwas aus ihrer Jugendzeit oder Kinderzeit. Sie hatte in seiner Gegenwart nur beiläufig etwas angedeutet, daß sie unter irgend einer Schuld leiden würde. Nicht immer, aber so hin und wieder wurde es ihr dann bewußt. In letzter Zeit trat es häufiger auf, wie Daniel mit Sorge feststellten mußte. Er konnte sich auch keinen Reim darauf machen, warum es jetzt verstärkt auftrat. Sie glaubte ständig, daß die Schuldgefühle sich mehrten, je älter sie wurde. Aber es war absolut nichts aus ihr herauszubekommen, sosehr er auch nachbohrte.„Daniel, siehst du mir wieder beim Entkleiden zu, ja, du heimlicher Spanner du?“„Nein, wo denkst du hin, das regt mich wirklich schon lange nicht mehr an“, log Daniel schnell.„Das glaube ich dir nicht. Außerdem kannst es ruhig zugeben. Irgendwie fühle ich mich geschmeichelt, daß du nach all den Jahren an mir noch so viel Erotisches findest. Ich meine, daß ich hier und da sicher etwas abnehmen könnte. Sieh nur, dieser Speck an den Hüften. Das sieht doch nicht mehr ästhetisch aus, oder?“„Nun übertreibe mal nicht, alles an dir ist wohlgeformt.“„Das aus deinem Munde zu hören, klingt in meinen Ohren wie das Glockengeläut an einem Pferdegespann eines Winterschlitten.“„Was ist es? Los sage es mir, was dich dazu bringt, mir dabei zuzusehen? Sag es, damit ich es verstehe.“„Ich liebe dich, das ist alles.“„Weiter nichts, komm Daniel, erzähle einer reifen Frau nicht so etwas Abgedroschenes. Komm schon, sag mir die Wahrheit, und das, ohne vom Thema abzulenken. Laß mich nicht in dieser Ungewißheit sterben“, scherzte sie.„Es ist einfach die begehrende Liebe, die immer wieder in mir aufkeimt, und in meinen Lenden brennt.“„Das hast du schön und ohne Umschweife gesagt, so wie ich es liebe. Zumindest für ein Kompliment zwischen Tür und Angel“, schränkte sie das Lob sogleich wieder ein.Da war noch etwas, was er an ihr so begehrte. Es war ein Muttermal auf ihrer linken Pobacke. Irgendwie war diese Verfärbung, seitdem er den Fleck an ihrem Körper entdeckt hatte, zu einem Fixpunkt geworden. Vor jeder geschlechtlichen Vereinigung mußte er- unbemerkt natürlich- nachsehen, ob jenes Muttermal noch an seinem rechten Platz war. Vielleicht war es ein Tick, krankhafter Komplex oder Marotte, was ihn dazu trieb. Ein Schlüsselerlebnis eventuell, das sich irgendwann einmal bei ihm zugetragen hatte, und von dessen Bedeutung er nichts mehr wußte. Wie dem auch sei, seine Augen mußten zuerst vor der Liebe diese kleine dunkle Insel, wie Daniel es bezeichnete, sehen.„Daniel, bist du noch da?“„Für dich immer, mein Schatz.“„Komm doch bitte her und schließe mir die Öse von meinem BH, ja?“„Einen Augenblick, ich eile dir entgegen, du meine Angebetete.“„Laß bitte die dummen Witze und hilf mir lieber. In mir ist eine Unruhe, ach, ob heute abend alles klappen wird?“Sie setzte sich vor ihren Frisiertisch und musterte ihr Spiegelbild mit selbstkritischer Genauigkeit. Dabei fuhr sie sich mit der Hand durch das Gesicht. Drückte hier und da herum. Es sah so aus, als ob sie förmlich nach einem Makel des Alterungsprozesses suchte. Frauen hatten schon immer größere Probleme mit den Gesetzmäßigkeiten des älter werden's.„Lydia, werde nicht verrückt, was soll schiefgehen? Die Gäste sind dir doch bekannt, und keiner wird dich tadeln, daß ihm dieses oder jenes nicht gepaßt hat. Sollte das trotzdem irgendeiner versuchen, dann kann der sich beim nächsten Mal eine andere Gesellschaft zum Feiern aussuchen. Wer eingeladen wird, hat dem Gaul nicht ins Maul zu schauen. Das sagt auch der Volksmund.“„Egal, wie du das auch siehst“, sagte Lydia trotzig, „ich bekomme die Spannungen nicht aus mir heraus, bevor der letzte Gast das Zepter abgegeben und das Haus verlassen hat.“„Sie sind noch nicht einmal da, und du sprichst jetzt schon vom Zepter abgeben.“„Mein Gott Daniel, du mußt mir helfen, den Tisch zu decken. In einer Dreiviertelstunde kommen die ersten Gratulanten und es ist nichts vorbereitet. Nun hilf mir doch endlich, den Reißverschluß zu schließen. Wo sind meine Schuhe?-Au, verflixt, mein Knöchel! Daniel, ich habe mir den Knöchel verstaucht. Hilf mir doch, verdammt!“„Du setzt dich jetzt hier auf das Bett und gibst dich der völligen Ruhe hin, hast du das verstanden? So, sammel dir deine Gedanken und ordne sie. Ein bißchen Frieden heute abend“, flehte er bittend zum Himmel empor„In der Hausapotheke müßte noch ein Fläschchen Minzoel sein. Das hole ich dir. Damit reibst du dir den Knöchel ein, kapiert?“„Aber beeile dich, es zieht so fürchterlich im Fleisch“, jammerte Lydia mit vor Schmerz verzogenem Gesicht vor sich hin.„Ich renne für dich.“Daniel ist schwer in Ordnung, dachte Lydia.„Muß das so lange dauern“, murmelte sie vor sich hin.Sie hüpfte auf einem Bein zu ihrem Frisiertisch, setzte sich auf den Stuhl und begann damit eifrig ihr Haar zu durchkämmen. Sie gefiel sich so, wie sie war. Nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt.„Die Kinder sind groß. Ich habe meine Pflicht getan. Irgendwie bin ich doch froh, daß ich endlich das tun kann, wovon ich immer geträumt habe“, vertraute sie dem Spiegel an. „Nun ja, die Kinder sind schon seit einigen Jahren erwachsen. Aber sie brauchen mich doch so hin und wieder einmal. Schön ist es allemal.“„Daniel, wo bleibst du!?“seufzte sie theatralisch.„Hier, ich habe dir eine Mullbinde und ein Gläschen Whisky mitgebracht!“ rief er laut vor sich hin, als er die Treppe rauf rannte.Lydia sah verblüfft hoch. Ihr Blick wurde weich.„Die wird um den verstauchten Knöchel gewickelt. Zur Stabilisierung des Fußgelenkes.“„Zieh die Wickel nicht zu stramm, Daniel.“ Er lockerte sie ein wenig.So, jetzt zwanzig Minuten warten. Danach kannst du dich beim Tanzwettbewerb anmelden, da du danach fit wie ein Turnschuh sein wirst“, machte er ihr Hoffnung, um den Genesungsprozess günstig zu beeinflussen. Danach stellte er das Kristallglas mit dem alkoholischen Getränk darin auf den Nachttisch und redete ihr Mut zu.„Zwanzig Minuten still auf der Stelle zu sitzen halte ich nicht aus. Hoffentlich wirkt dieser Wunderheilungsversuch. Wie ist mir das peinlich, wenn ich in meine Gäste in Hauspuschen empfangen muß, da mein Fuß durch die Mullbinde in keinen vernünftigen Schuh mehr reinpaßt. Wie Aschenputtel komme ich mir vor. Für deine Mutter ein gefundenes Fressen, mir wieder meine angebliche Unfähigkeit im Haushalt vorzuwerfen. Ich höre sie alle tuscheln und zischeln: Das kommt von den modernen, hohen Stöckelschuhen. Ja, ja, jede Mode mitspielen müssen. Nur nicht hinten anstehen, das ist die heutige Devise. Eins kommt doch zum anderen, Daniel, und wie sie deine Kinder damals sträflich vernachlässigt hat, ich kann nur sagen, Pfui Teufel. Hab ich dir nicht immer gesagt, laß die Finger von dieser Frau, ja? Sieh mir in die Augen, Sohn. Aber du wolltest auf deine alte, erfahrene Mutter ja nicht hören, jetzt hast du den Salat. Alles hat seinen Preis, und wer nicht hören will, muß fühlen. Basta. Zu mir brauchst du jetzt nicht mehr kommen, wenn dir der Arsch auf Grundeis geht. Die Suppe löffelst du alleine aus, ist das klar? Ach, was rede ich denn, du hörst ja doch nicht zu. Mach, was du willst. Aber komm nicht zu mir, wenn’s brenzlig wird, komm nicht zu mir, das sage ich dir in aller Deutlichkeit“, äffte und nörgelte Lydia die Stimme ihrer Schwiegermutter nach.Hoffentlich ist die Nervensäge bald still, dachte Daniel.„Das ist ja nicht zum aushalten!“ Dabei hielt er sich mit den Händen demonstrativ die Ohren zu. Lydia mit ihrem ewigen Schwiegermutterkomplex. Sie brauchte dringend einen Seelenarzt.„Lydia, du bist ein schrecklicher Betonkopf“, schimpfte er und massierte ihr dabei das Fußgelenk.„Du hättest damals gut zu denen in der DDR gepaßt. Betonköpfe nannte man die alten Leute, die an der Macht herumdrehten.“ Lydias Gesicht veränderte sich. Wenn Blicke töten könnten, dachte er sich. Diese Gefühlskälte in ihren Augen.„Ja, ja, ich weiß. Nimm mich ruhig auf den Arm, du wirst schon sehen, was du davon hast. Unverhofft kommt oft.“ Er wußte nicht, was sie damit meinte, ließ es aber auf sich beruhen. Und er konnte nicht ahnen, welch Unheil ins Haus stand. Seine Uhr zeige ihm die fortgeschrittene Zeit an, was ihn jetzt langsam beunruhigte, da Lydia nicht vorwärts kam.„H-e-k-t-i-k“ las er in großen, roten Buchstaben von seinem inneren Auge ab. Geburtstag ist gleichzusetzen mit dem Wort Hektik pur.Wenn er etwas haßte, dann war es Hektik, Vorwürfe und zugleich Unordnung in den Gedankenvorgängen oder Wahrnehmungstrübungen in seinen Arbeitsabläufen. Daniel Bach überlege immer alles sehr sorgfältig und penibel. Ja, er war ein Pedant, wie es im Buche geschrieben stand. Ungenauigkeiten konnte er sich nicht leisten. Ein kleiner Fehler in der Bauausführung konnte einen beträchtlichen Schaden verursachen, und was auf der Baustelle mühsam in Mörtel oder Beton gegossen wurde, mußte demnach von Anfang an stimmen. Wurden nur ein, zwei Moniereisen im Beton vergessen, so konnte die Tragfähigkeit der Decke erheblich gemindert werden. Risiko pur. Da heißt es immer: Holzauge sei wachsam, oder er konnte den Laden dicht machen, wenn aus einer dummen Unachtsamkeit heraus Regreßansprüche auf ihn zukamen. Nicht auszudenken, wenn so ein Fall einträfe. Deshalb mußte er ein übertriebener Pedant sein. Nicht ein normaler Pedant, nein, ein übertriebener, überübertriebener Pedant mußte er sein. Stolz war Bach sogar darauf, denn die Kunden wußten das zu schätzen, und bestellten bei ihm ihre Häuser. Seine Lebensphilosohie hieß deshalb: Dreimal überlegt, ist besser als einmal abgerissen. Nur das allein hatte ihn dahin gebracht, wo er jetzt war. Die Genauigkeit und nochmals Genauigkeit. Lydia hatte sich zwischenzeitlich doch auf ihr Bett gesetzt.Sie erhob sich, zog die Laken glatt, ordnete dann ihr Kleid, indem sie es mit der flachen Hand mehrmals von oben nach unten abstrich, und sprühte mit einem Flakon etwas Parfum auf ihr betont gering ausgeschnittenes Decoltée. Sie wollte niemanden von der ach so lieben Verwandtschaft provozieren. Es lohne sich nicht, betonte sie dezent. Jetzt moserte sie wieder herum. Ihre gelegentlichen, urplötzlich ausbrechenden Launen waren oft nicht auszuhalten.„Hast du noch Schmerzen, Liebling?“„Nein, es ist auszuhalten, ich spüre nicht mehr viel“, ließ sie ihn wissen. In ihrem Unterton bemerkte Daniel, wie sich eine gewisse Art von aufkeimender Unruhe den Weg nach oben bahnte.„Wie gefällt dir denn so meine Abendgardrobe, Schatz? Ist sie nicht ein bißchen gewagt? Sieh mal, der Ausschnitt, ist der nicht zu weit geöffnet? Sticht der Busen auch nicht zu weit hervor? Und ich meine, der Rock sitzt viel zu eng an meinem Körper. Wie eine Wurst in der Pelle, so fühle ich mich innerlich. Die Verkäuferin hat mir dieses Kleid aufgeschwatzt. Einfach hartnäckig aufgeschwatzt hat sie mir das. Widerlich, diese Verkäuferin mit den fettigen Haaren und dem Streuselkuchengesicht. So etwas sollte nicht auf die Menschheit losgelassen werden. Und dann die feuchte Aussprache dazu. Widerlich, sage ich dir, einfach abstoßend. Immer schossen mir ein paar Spritzer Speichel auf die Kleidung. Ich will ja nicht sagen, daß sie das extra getan hat. Oder vielleicht doch? Ist auch egal. Auf jeden Fall waren diese in meinem Gesicht eintreffenden, feuchten Speichelgeschosse sehr abstoßend. Wäre ich nur nach Frankfurt in eine richtige Designerboutique gefahren.“ „Quatsch nicht!“ rief er.„Lydia, mußt du deine schlechte Laune auf die arme Verkäuferin abwälzen? Warum hast du ihr nicht gesagt, daß dir der Rock nicht gefällt. Aber was erzähle ich dir denn, das weißt du ja alles selber. Lächle darüber, denn das verleiht dir Flügel. Außerdem strafft das deine Gesichtshaut.“Mein Mann ist wie Joghurt ohne Geschmack, dachte sie.„Wenn dich jemand aus dem Konzept bringt, dann wirst du immer unsicherer, und tust genau das Falsche. Kaufst dir ein zu enges Kleid. Ich muß dir aber zugute halten, daß es die weiblichen Attribute an deiner Figur enorm hervorhebt. So sexy eng anliegend, als ob du zum Stierkampf in die Arena willst. Du weißt, die spanischen Matadore tragen das so eng am Körper. Ich glaube, Glanz-oder Ganzkörperkondom nennt man das in der Fachsprache. Meine Augen haben sich jetzt schon an diesen Spaß gewöhnt.“„Wer den Ärger hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Kennst du das Sprichwort, Daniel?“ sagte sie schnippisch.„Ja, das kenne ich. Und Verzeihung, bitte, war nicht so gemeint. Es steht dir aber trotz allem ausgezeichnet.“ Hart schüttelte sie seine tastende Hand ab, die er ihr auf die Schulter gelegt hatte. Sie schien unsicher zu sein. Zudem glaubte er, daß sie innerlich eine Mauer der Abwehr in sich aufgebaut hatte. Das machte sie besonders erotisch.„Was mache ich denn jetzt?“ fragte Lydia unsicher, „soll ich es anbehalten oder ausziehen?“„Ja sicher, du siehst blendend gut aus, glaub es mir. Ich könnte auf der Stelle schwach werden.“„Untersteh dich, Bach, und halte deine Finger bei dir.“Jedem würde das so nicht passen. Dafür ist eine gute Figur das absolute Muß. Die Verkäuferin hat dich sehr gut beraten. Ein wunderbares Abendkleid. Ja, es stimmt. Es ist nicht zu dick aufgetragen.“„Danke Schatz, du bist ein Kavalier der alten Schule, und es geht mir wieder wesentlich besser, wenn ein Optimist sich in meinem Dunstkreis aufhält.“„Ha, ha, ha, da muß ich aber meine Gesichtsmuskeln strapazieren. Das finde ich irgendwie witzig ausgedrückt. In meinem Dunstkreis aufhalten, wo hast du das aufgeschnappt. Etwa von Andrea, unserer Buchhalterin?“ sagte er mit einem Beiklang von Verärgerung in der Stimme.„Nein, wenn es dich beruhigt, von unserem Gemeindepfarrer.“„Und wehe dir, ich bekomme heraus, daß du etwas mit diesem Muffelflittchen hattest. Dann Gnade dir Gott. Hüte dich, die Liebe ist wie eine Droge, wenn du verstehst, was ich meine.“ Stille kehrte ein. Niemand sagte etwas. Dann begann Lydia ihre monatliche Rede: „Warum hast du sie überhaupt eingestellt, diese Andrea. Schon der Name allein erzeugt in mir Alpträume. Andrea, das ist doch kein Name. Wie fürchterlich abgrundtief er klingt. Wie ein nicht enden wollender, abgrundtiefer schwarzen Schacht.“ Sie nippte vorsichtig ein wenig Whisky aus dem schweren Kristallglas.„Manchmal verstehe ich deine Beweggründe nicht. Was ist an diesem Namen verwerflich? Außerdem habe ich nichts mit dieser Andrea, wenn es dich beruhigt.“Lydia stand auf und hüpfte zum Wandschrank herüber.„Du mußt sie entlassen, versprich es mir.“ Sie öffnete jetzt die Schranktür und wühlte unkontrolliert in den oberen Fächern in der Unterwäscher herum.„Suchst du was bestimmtes?“„Nein.“„Warum suchst du dann?“„Ich weiß nicht.“„Laß das, es macht mich nervös.“ Sie knallte die Schranktür zu.„Bist du jetzt zufrieden?“„Warum soll ich Andrea entlassen, es liegt nichts gegen sie vor? Sie macht ihre Arbeit sogar gut, und nur weil sie Andrea heißt, soll ich sie rauswerfen? Vor die Tür, basta und aus.“„Wenn du sie nicht vor die Tür setzt dann,......“„Was dann?“„Nichts, laß es, du wirst mich doch nicht verstehen, bevor ich dir nicht eine Geschichte erzählt habe, die mit einer Andrea zu tun gehabt hat.“„Du machst mich aber neugierig. Erzähle mir die Geschichte.“„Später, heute nicht mehr“, sagte sie mit vorsichtiger Höflichkeit.„Du mußt sie mir erzählen, damit ich dich besser verstehen kann“, bedrängte er sie jetzt.„Ja, ich werde es wohl müssen“, winkte Lydia mit der Hand ab, und humpelte vom Schrank weg.„War es so schlimm?“„Viel schlimmer als du dir jemals vorstellen kannst.“„Wie schlimm?“„Du wirst mich aufgeben, wenn du es weißt.“„Niemals.“„Wir werden sehen.“„Sag es, sofort!“ brüllte er sie an.„Daniel, bitte nicht heute. Sei zufrieden, daß ich dir überhaupt etwas gesagt habe. Heute ist dein Geburtstag.“„Ich glaube du hast dich nur verplappert, und du wolltest mir nichts beichten. Es war mehr die Wut auf diese Andrea, stimmt's? Außerdem, brülle hier nicht so herum.“„Entschuldige bitte, aber......“„Nichts aber. Vielleicht hast du ja recht, nur laß mich jetzt bitte damit zufrieden.“ Besorgt stellte er fest, daß ihr Gesichtsausdruck müde und erschöpft wirkte.„Aber du hast mich jetzt neugierig gemacht. Wann erzählst du mir die Geschichte?“ bohrte sie weiter.„Bald, schon sehr bald.“„Warum nicht gleich. Wenigstens eine Andeutung darüber um was es geht. Mord vielleicht?“ scherzte er.„Vielleicht, ja, kann sein.“„Was??- Du spinnst, Lydia. Deine Phantasie geht mit dir durch.“„Ja, ich spinne. Du hast recht. Es war ein dummer Scherz von mir der gar nicht lustig ist“, und ihre Augen schimmerten feucht, wie die Augen des Teddybären aus meiner Kindheit, dem Daniel mit einer kleinen Pumpe Wasser in die Knopfaugen gespritzt hatte. „Ich glaube dir jetzt nicht mehr. Irgend etwas verbirgst du“, sagte er mit nervöser Stimme.“ Sie bemerkte es, da sie vermutete es im Gesicht geschrieben zu haben.„Nein, nein, beruhige dich. Es ist nicht so wie du denkst.“„Gut, ich will dich jetzt nicht weiter bedrängen. Aber du erzählst es mir sobald du dich dafür fit fühlst, ja?“„Ja, versprochen. Mein Ehrenwort darauf.“„Ach, zum Gemeindepfarrer muß ich meine wunden Füße auch noch hinbewegen. Den Betrag für den Grabkranz meines verunglückten Arbeiters wollte ich ihm bezahlen. Der Pfarrer hat ihn für mich besorgt, da ich keine Zeit dafür erübrigen konnte. Das laß ich mir nicht nehmen. Ich gehe zu ihm, damit er nicht den weiten Weg zu mir auf sich nehmen muß. Alfons war zu Lebzeiten ein fleißiger Arbeiter. Immer pünktlich, immer strebsam. Keine Arbeit war ihm zu schwer. Diese erstklassigen Leute, die braucht ein Unternehmen als Fundament für eine gemeinsame Firmenzukunft. Der Alfons, der hatte das kapiert, worauf es wirklich ankam. Wenn es darauf ankam, dann arbeitete er auch mal ohne Bezahlung für die Firma. Natürlich war das nur in den Anfangsjahren so. Später war immer genug Geld vorhanden. Nie hat der sich beschwert. Und nicht immer gleich, Cheeef ich brauch mehr Geld,-Cheeef das paßt mir nicht,-Cheeef morgen komm ich nicht. Ach, manchmal kotzt mich das alles so an. Hinwerfen möchte ich die Brocken. Hinwerfen und abhauen. Einfach alles stehen und liegen lassen. Nur noch weg auf eine einsame Insel. Was soll‘s, mich versteht sowie so keiner. Für jeden Patzer ist der Chef verantwortlich und zugleich der Dumme. Kann der Lohn nicht erhöht werden, heißt es gleich, ich sei der Ausbeuter der Nation. Muß einmal etwas länger gearbeitet werden, so heißt es dann, der Sklaventreiber geht um. Geht die Firma pleite, so heißt es, der hat gesunden Konkurs gemacht. Mit unserem Geld verbringt der einen lauen Lenz auf Mallorca, sagen die Arbeiter. Ich sage dir, wie ich mich drehe und wende, den Schwarzen Peter, den habe ich immer in der Hand. Nur wenn ich stiften kann, erhalte ich mir die Gunst und das Wohlgefallen der gesalbten Häupter. Ah, Herr Bach, recht herzlichen Dank von allen Mitgliedern sollen Sie für die Spende von fünftausend Mark haben, die an unsere Kirche ging. Danke für die Spende von dreitausend Mark für das neue Schwimmbad. Danke für die Spende von zehntausend Mark für das neue Bordell im Ort.“ Lydia lachte laut auf über den nicht komischen Witz, und die Tränen liefen ihr in langen Streifen über das Gesicht. Verflogen war die Müdigkeit und Angespanntheit, die vorhin auf ihrem Gesicht lag. Auch Daniel spürte, daß sein Gesicht wieder die Heiterkeiten eines entspannten Daseins annahmen.„Das können Sie ja von der Steuer absetzen, nicht wahr, Herr Bach, dann tut es Ihnen sicher nicht so weh“, lästerte er erneut herum.„Und nichts für ungut, Herr Bach, war nur ein kleiner Tip hinter der hohlen Hand gesprochen, verstehen Sie. Ach, wem erzähl ich das denn. So einem ausgekochten Fuchs wie Sie einer sind. Mit allen Wassern gewaschen, ha, ha ,ha. Also, doch ein unaufrichtiger Dank, was? dachte er. Ich könne es ja von der Steuer absetzen, das klingt so wie, na ja, tut Ihnen bestimmt nicht weh, kriegen Sie garantiert vom Staat zurück, und der hat’s ja auch so dicke. Und dann ein kräftiges, aufrichtiges Danke schön. Herr Bach, in allen Ehren, aber das geht zu weit. Das ist doch kein richtiges Opfer für Sie. Dafür gibt es ja keinen richtigen Dank. Grüß Gott und auf Wiedersehen, Herr Bauunternehmer Daniel Bach.“„Du bist vom Thema abgewichen. Ich wollte dich warnen wegen der Andrea“, sagte Lydia.„Das schon wieder. Andrea, Andrea-Nein, keine Angst, wenn dich keine anderen Probleme quälen, so kann ich dich beruhigen. Aber ich könnte dir Probleme verschaffen. Brauchst es nur zu sagen.“„Bitte, Daniel, bitte heute abend keine weiteren Probleme wälzen. Ich weiß nicht wie so wir uns immer wieder in den Haaren liegen? Ist doch wahr, alles Heuchler, diese gesamte Bagage. Jünger werde ich bei diesem Streß auch nicht. All dies falsche Getue strapaziert meine angeknacksten Nerven. Und wer bezahlt mir die, He? Sieh her, hier eine Falte und hier eine Falte, und da etwas viel Orangenhaut. Oder können Männer keine Orangenhaut bekommen?“ „Noch ein paar Jahre stressige Arbeit, und ich habe gar keine Haut mehr auf meinen brüchigen Knochen. Scheiße bis auf die abgeleckten Knochen. Das wird kommen. Das wird sein.“„Was redest du denn für ein dummes Zeug daher? Hast du dich jetzt ausgeweint, mein kleiner süßer Miesepeter?“ sagte Lydia mit einer Babystimme, und kniff ihm zugleich in die Backe.„Hoffentlich, sonst geschieht es noch, daß du mir einen Moralischen und die Midlife-crisis an einem Tag kreierst. Das halte ich heute nicht mehr aus. Du bildest dir alles nur ein. Ein Trugbild in deinem Kopf, mehr ist es nicht. Du hast mir immer erzählt, daß du deine Arbeit gern verrichtest. Auf einmal diese miese Stimmung in deinem Oberstübchen. Oder wirst du doch langsam alt, Schatz?“„Vielleicht sollten wir uns morgen, in aller Frühe natürlich, auf die Räder schwingen und eine ausgedehnte Radtour unternehmen?“Er wartete, es kam aber keine Antwort.„Was ist? Hast du nicht zugehört?“„Ja, kann schon sein, daß ich eine Radtour machen will, wenn mein Knöchel wieder in Ordnung ist. Außerdem wird heute die Nacht lang. Wer weiß dann schon, ob ich morgens in der Frühe für so etwas angetan bin.“„Ach, Lydia, Kopf hoch. Denke optimistisch. Es wird uns beiden gut tun.“„Vorhin warst du aber der Pessimist. Nicht ich! Wenn ich mich gut fühle werde ich nichts gegen eine Radtour einzuwenden haben. Warten wir also bis morgen Früh, ja?“„OK“„Du hast mir aber immer noch nicht die Frage beantwortet, warum wir uns immer streiten müssen?“„Die gleiche Frage könnte ich an dich stellen.“„Ich glaube, es ist nur ein Machtkampf zwischen uns.“„Ja, kann sein“, sagte Lydia, „es kann aber auch sein, daß es in allen Ehe so ist, denn Mann und Frau sind nicht füreinander geschaffen. Frauen denken einfach anders als Männer.“„Oder hast du mich nie richtig geliebt?“„Was soll das jetzt sein? Eine Anklage?“„Nein, das nicht. Aber ich werde das Gefühl nicht los, das wir in all den Jahren aneinander vorbei geredet haben. Ist es so?“„Daniel, mein kleiner Junge, du siehst das falsch.“„Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, daß ihr Frauen uns Männer nur benutzt.“„Wie soll ich das verstehen?“ sagte Lydia, und ihr Gesicht nahm sonderbare Konturen an.„Ich meine halt, daß ihr uns Männer nur für den biologischen Zweck benötigt, Kinder zu kriegen. Und das, wenn möglich, alles in geordneten Bahnen abläuft. Dazu mißbraucht ihr eure sexuelle Ausstrahlungsmacht auf uns Männer. Wenn dann erst einmal das erste Kind geboren wurde, dann sind wir nur noch die Ernährer.“„Mein lieber Daniel, du spinnst mal wieder.“„Glaube ich nicht. Deine Reaktion darauf ist schlüssig. Du willst die Wahrheit nicht hören. Es irritiert deine Gedankenwelt.“„Glaube, was du willst. Mich interessiert es nicht. Wenn du es so sehen willst, dann sieh es so. Meine Meinung kennst du bereits.“„Wenn der Mann, oder auch die Frau, vor der Eheschließung alles genau wüßte wie es in der Ehe dann abläuft, so würde niemand diesen Bund eingehen. Und damit es doch zur Ehe kommt, und den anschließenden Kindern dazu, hat die Natur den Trick mit der aufreizenden Frau erfunden. Um den Trick hinterlistig zu verfeinern setzt die Natur zusätzlich biologische Kampfstoffe ein. Letztendlich ist im Körper alles nur Chemie. Wenn die aufgebraucht wurde, setzt wieder der Verstand und der alles beherrschende Egoismus ein.“Lydia antwortete wieder nicht darauf. Damit war die Angelegenheit gegessen. Daniel wußte, daß er nahe an der Wahrheit lag. Oder etwa doch nicht? Sollte er sich mich in ihr getäuscht haben. Vielleicht hatte auch er sich nur verändert?Sein Blick fiel plötzlich auf den Wandspiegel, der wie vor Jahr und Tag im Flur am gleichen Platz hing, und demjenigen unausweichlich die harte Wahrheit des Alterns ins Gesicht schleuderte, der in ihn hineinsah. Es war unmöglich durch diesen Spiegel hindurch zu sehen. Immer spiegelte er einem etwas vor, was äußerst seltsam war. Es kam auf die richtige Betrachtungsweise an, wie man in ihn hineinsah. Er sagte ihm in jüngeren Jahren immer genau das, was er sehen wollte. Jetzt, wo er älter wurde, wollte er ihn nicht mehr verstehen. Er hörte einfach nicht mehr zu, wenn Daniel ihm sagte, daß er über sein Alter Lügen verbreitete. Er würde ja nicht älter werden, sagte er ihm schroff ins Gesicht. Und daß er ihm das ruhig glauben könne. Aber sollte er sich mich selbst belügen? War das ratsam? Es war kein Trugbild, was sich jetzt da vor ihm auftat. Nackte, ausgeleuchtete Realität schleuderte ihm unerbittlich die Nadelspitzen des Lebenskampfes entgegen. Wie oft hatte er in dieses makellose Spiegelglas hineingeschaut, das selbst keine Veränderung aufwies. Daniel bekam Falten, und der Spiegel blieb glatt bis in alle Ewigkeit hinein. Vorausgesetzt, er fällt nicht von der Wand und zerspringt in tausend Stücke. Hatte Gott oder der Teufel den Menschen den Spiegel gesandt? Welches Gesicht würde ihn in dreissig Jahren daraus ansehen, geschweige denn, er erreichte dieses miese Runzelalter. Jetzt schon offenbarte er ihm jede einzelne Fettpore im Gesicht, wenn er dicht genug an ihn herantrat. Zehnmal,-fünfzigmal,-hundertmal geschah es. Wie oft hatten ihn seine müden Augen darin angesehen, und ihm mit jeder neuen Falte die Vergänglichkeit der Zeitabschnitte schmerzlich angezeigt, daß die Jahre schnell dahineilten? Alles leuchtete dieser nicht zu täuschende Spiegel aufs peinlichste aus. Nichts blieb ihm verborgen. Ja, wie schon gesagt, man konnte ihn anlügen. Dabei blieb er stumm wie ein Fisch im Wasser, was wiederum einen riesigen Vorteil für denjenigen hatte, der sich anlügen lassen wollte, und nur mit dem Kopf nicken mußte, um die Zustimmung von ihm zu bekommen. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land?“ sprach ich ihn oft scherzhaft an. Ja, die wenigen Märchen, die mir meine Mutter damals vorlas, blieben in ständiger Erinnerung in seinem Kopf haften. Wie Tapetenkleister. Ein absurder Gedanke wäre, daß alle Spiegel für über fünfzig Jährige verboten würden. Unser Gehirn ist eine erstaunliche Schöpfung, das sich selbst belügen kann, dachte Daniel. Wäre Adolf Hitler jemals an die Macht gekommen, wenn er nicht die Möglichkeiten dazu gehabt hätte, zur besseren Ausnutzung seiner verführerischen Körpersprache durch Mimik und Gestik diese pausenlos vor dem Spiegel einzustudieren. Der Spiegel als Wegbereiter der Geschichtsschreibung? Der Spiegel als Medium für gigantische Zeitverschwendungen, da die Menschen ständig in ihn hineinsehen um sich zu putzen oder zu betrachten. Jetzt besah er sein Gesicht von der Seite, von links und von rechts. Eigentlich noch recht glatt, und ohne tiefe Falten war seine Gesichtshaut für einen achtundfünfzigjährigen. Kein Bauchansatz, kein Doppelkinn, volles Haar, keine Tränensäcke, straffe Schultern. Herz, was begehrst du mehr? Man muß sich selbst etwas vormachen, die anderen tun’s nicht, signalisierte sein Gehirn zur Beruhigung. Das sagte seine Schwiegermutter oft zur jeder passenden Gelegenheit. Recht hatte sie damit. Er hatte vorhin wohl ein bißchen übertrieben. Massenaufläufe von Falten waren nicht zu sehen. Na ja, das männliche Wesen neigt zu Übertreibungen, überlegte er. Im Guten wie im Schlechten. Nnnnn,-einmal die Zähne angesehen, recht ordentlich alles in allem, und kein Altersschimmel unter den Achselhöhlen. Da kannst du in Würde deine fünfzig Jährchen weiterleben, wenn alles so bliebe. Jetzt sieht man’s wieder. Das Gesicht ist eine komplizierte Architektur der Natur. Alles spiegelt sich auf der Außenfläche wieder. Freude, Leid, Kummer, Gedankenlosigkeit. Einfach alles. Warum ist er ich kein Maler geworden? Ein großer Maler vielleicht, der von der Welt beneidet wird? Warum? Warum? Warum konnte ihm niemand sagen, warum er es nicht weiß? Ach warum auch, ihm ging es doch gut. Wie wäre Daniels Leben verlaufen, wenn er nur eine Minute später geboren worden wäre? fragte er den Spiegel aus. Nur eine Minute. Es hört sich unbedeutend wenig an, was es aber nicht ist. Diese eine Minute ist es, die über Glück und Unglück entscheidet. Über Erfolg und Mißerfolg zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Seinem Schicksal kann deshalb niemand entrinnen.„Lydia!“ er innerlich aufgewühlt, „ was wäre auf der Welt wohl los, wenn niemand einen Spiegel besitzen würde, hast du dir das einmal überlegt?“ dabei scheitelte er mit dem Kamm sorgfältig sein Haar.„Du denkst an Dinge!“ rief sie zurück, „daran würde ich im Traum nicht denken“„Ja, nun mal im Ernst, stell dir das doch einmal bildlich vor. Morgens in der Frühe nicht zu wissen, wie das Gesicht aussieht, wenn du halb schlaftrunken nach einer durchzechten Nacht so halb scheintot aus dem Bett kriechst. Oder nach einem Frisörbesuch siehst du nicht den Verschnitt auf deinem Kopf. Die täglichen kleinen, kurzen Blicke in den Spiegel, die uns so lieb, aber nicht mehr bewußt sind. Der schnelle Griff ins Haar. Der kurze Blick von oben nach unten. Alles Abläufe, die wir rein mechanisch an uns vorüberziehen lassen. Einfach so, ohne darüber nachzudenken. Sind wir nicht das, was der Spiegel uns diktiert? Lydia, hörst du mir eigentlich zu?“„Mein Knöchel schmerzt, was anderes interessiert mich im Augenblick nicht“, schimpfte sie empört.„Lydia, du kannst nicht zuhören, das ist dein größtes Problem. Außerdem muß es noch wichtigere Dinge im Leben geben, als frischen Brötchen am Samstagmorgen zu verzehren.“„Ach laß mich. Du mit deiner Brötchenphilosohie. Das bringt uns auch nicht weiter.“„Aber das kann dir doch nicht egal sein“, rief Daniel empört.Sie zog es vor, nicht darauf zu antworten. Wie immer, wenn Lydia nichts mehr wußte. Das war schön praktisch, vorteilhaft und verpflichtete einen zu nichts. Beugte zudem Streit entgegen. Aber was sollte sie auch darauf antworten? Vielleicht: Wenn es unter der Sonne Gottes keine Spiegel gäbe, so würde man sie nicht vermissen, oder so ähnlich intelligent würde es aus ihrem Mund entströmen.Aber was wäre geschehen, wenn wirklich dieses oder jenes anders verlaufen wäre? Würde sein Schicksal dann überhaupt existieren? Es wäre alles anders. Dessen war er sich sicher. Ganz sicher sogar. Wer will schon mit hundertprozentiger Gewißheit den Gedanken ablehnen, daß wir und alles um uns herum nur spiegelbildlich zu sehen ist. Wir sind nur eine spiegelbildliche Projektion? Vielleicht zeigt uns nur deshalb der Spiegel alles seitenverkehrt an. Ja, das ist die Lösung.Ungeduldig geworden zog er jetzt an seiner Krawatte herum. Lockerte sie etwas, zog sie wieder etwas fester an, dann wieder etwas lockerer, bis sie richtig und angenehm für den Hals mit seiner Luftröhre darin paßgenau festsaß. Wenn er schon die Sauerstoffabwürger um den Hals tragen mußte, dachte er, so sollte wenigstens durch richtiges Binden der Krawatte, für ausreichende Luftzufuhr gesorgt werden.„So du blödes Ding, hab ich dich doch wieder um den Hals hängen. Wie nennt man so etwas? etwa Outfit!?“ rief er ihr zu.Es kam keine Antwort zurück. Lydia ignoriert ihn einfach.Diese Strickmörder haßte dieser Mann wie die Pest. Tante Ingrid deckte ihn dauernd mit reichlich Stoffetzen dieser Art ein. Die Krawatte saß tadellos, das mußte zugegeben werden. Aber schon alleine deshalb, daß sie von der Tante Ingrid kam, machte Daniel fuchsteufelswild. Vor lauter Aufregung sah er schon ihr Ebenbild auf der Krawatte aufleuchten. Gräßlich erbarmungslos aufleuchten.„Lydia, nun komm doch eben, sieh dir die Krawatte an, ist die nicht ein bißchen grell? Scheußlich anzusehen. Einfach zu grell wie ich finde. Zitronenfaltergrell. Das erinnert mich stark an exotische Kleidung bei der Bounty-Reklame. Das Zeugs aus der Südsee, weißt du?“Lydia taucht urplötzlich wieder vor ihm auf und streckte ihm ruckartig die Hand entgegen.„Zeig her. Was willst du denn, die ist super schick. Steht dir ausgezeichnet, Schatz.“ Dabei tätschelte sie ihm an der Backe herum.„Dein Gesicht nimmt dadurch erst die ausschlaggebenden Konturen an, die dich um Jahre jünger aussehen lassen. Wirklich Daniel, laß sie mir zuliebe bitte um. Und du weißt doch, Tante Ingrid kommt vorbei. Denke an das Handgeld, das sie mir immer zusteckt.“„Wie soll ich das verstehen?“„So wie ich es gesagt habe“, kam aus ihrem Vanillemund.„Geld, Geld, Geld, gibt es nichts anderes in deiner Großhirnrinde als immer nur Scheinchen?“ provozierte er sie.„Ohne Moos nix los“, meinte Lydia erheitert. Der vorher so erdrückende Schmerz in ihrem Fuß schien nun ausgewandert zu sein.„Wie wäre es mit französischer Lyrik im neunzehnten Jahrhundert? Oder stilgenössische Kunst des achtzehnten Jahrhunderts?“ sagte ihr Mann überzogen. Reizen wollte er sie damit. Daniel verstand von dieser Klassik genau so wenig wie ein Kamel vom Nordpol, oder eine Katze vom Eierlegen.„Ich rufe gleich Montag morgen früh den Doktor Willmer an. Der muß dringend eine Untersuchung an dir durchführen. In deinem Oberstübchen scheint irgend etwas zu heiß geworden zu sein. Fang bloß heute abend nicht mit dem Bildungsterror an, Daniel. Dann stehe ich auf und gehe, damit du siehst was Stil ist. Rede lieber zuwenig als zuviel.“„Keine Angst, ich werde dem Fräulein keine Schande bereiten. Aber die Krawatte ist zu gelb, zu gelb, zu gelb. Sieht das nicht nach einem Kanarienvogel aus? Also nein, die muß wieder runter“, protestierte er erneut. „Die sieht unser Hund ja farbig, obwohl der in seinem Hundeleben nur schwarzweiß sehen kann. Aber anschließend verläßt er jaulend die Hütte.“„Was du alles weißt, mein lieber Daniel. Von deiner Mutter hast du das nicht“, frotzelte sie spitz.„Lydia, laß meine Mutter bitte aus dem Gefecht. Keine Stellungs-und Grabenkriege, sowie hinterhältige Scharmützel, ja? Freude ist angesagt. Nur reine Freude.Gemocht hast du sie nie, dabei war sie so zuvorkommend zu dir. Zu mir sagte sie immer, was die Lydia für ein ordentliches Mädchen sei, immer fleißig und bescheiden, strebsam und keusch.“„Aber das stimmte ja gerade nicht. Ich war genau das Gegenteil einer bescheidenen Frau. Was, muß ich zur Verteidigung dazu sagen, von dir überdimensional und maßlos gefördert wurde, mit all den immer wiederkehrenden Geschenkorgien. Du haßt mich mit deiner zu starken Liebe erstickt. Weißt du was ich glaube, Daniel, du hattest mit deiner Mutter Ärger, von dem ich nichts weiß, und das nagt jetzt an deinem Unterbewußtsein, da sie dich als viertes Kind sträflich vernachlässigt hat. Und wenn du mich mit Geschenken überhäuft hast, konntest du dir deiner Sache sicher sein, daß die Losung, Auge um Auge, Zahn um Zahn in ihre gnadenlose Erfüllung überging. Stimmt's? Du wußtest, daß sie sich bis zur Weißglut ärgerte. All die Träume, die für sie nicht in Erfüllung gingen, mußte sie sich bei mir mit ansehen. Deine Mutter, die hätte mich gerne als mittelalterliche Klosternonne mit Kutte und Keuschheitsgürtel gesehen. Immer diese Scheinheiligkeit, mit dem Ziel, ihr Ego zu unterdrücken. Ihr wahres Ich durfte nicht das Licht der Welt erblicken, sonst hätte sie gelitten wie ein sich mit spitzen Ruten geißelnder, und um Vergebung bittender Inder im goldenem Glanz der Morgensonne. Außerdem habe ich ihr ihren über alles geliebten Sohn weggenommen. Obwohl, ich muß mich wiederholen, sie dich überhaupt nicht geliebt hat. Im Schutze der Burgmauern hat sie dich links liegen lassen und abgelehnt.“„Bitte, Lydia, hör auf. Halte deine spitze Zunge im Zaum, sonst gehe ich in die nächste Kneipe, laß mich vollaufen, und komme morgen als halbtoter nörgelnder Ehemann nach Hause. Und du weißt, wie abartig ich dann werden kann.“„Ich bin erstaunt“, sagte Lydia geringschätzig, „wie sehr du jetzt noch nach all der langen Zeit darunter leidest.“„Verdammt, komm Lydia, du giftspritzende Schlange, laß uns aufhören. Bist du eigentlich fertig? Ach, die Frauen und ihr Make-Up.“„Nur Geduld, bin gleich so weit. Aber auf jeden Fall bin ich mit den Nerven fertig, denn die liegen blank. Wie blinkender Stahl in der Mittagssonne.“„Übertreibst du da nicht ein wenig? Komm, Lydia, Schwamm drüber und ein Küßchen in Ehren.“ Sie verweigerte ihm das.„Hoffentlich wird es heute abend nicht zu turbulent in der guten Stube. Mir graut davor.“„Schätzchen, wo ist dein Kampfgeist, und dein positives Denken geblieben?“„Laß mich zufrieden. Manchmal komme ich mir einfach falsch erzogen vor“, stöhnte Lydia herum.„Was soll das jetzt wieder heißen? Dich soll einer verstehen. Ach,- jetzt ist es auch egal!“„Sag einmal, was hältst du davon, wenn wir zusammen in den Sommerferien nach Venedig fahren? Markusplatz, Canale Grande und o Sole Mio. Natürlich mit den Kindern. Ist versprochen.“„Jetzt kann ich darüber nicht reden. Laß uns heute abend nach der Party in aller Ruhe darüber nachdenken. Abgeneigt bin ich nicht. Ja, vielleicht schon. Aber du weißt ja, die Kinder sind groß und wollen nicht mehr mit, weil sie ihr eigenes Leben leben wollen.“„Vielleicht kommst du auf den Geschmack. Einmal wieder wie in alten Zeiten. So richtig halli galli. Oder die Sau rauslassen.“„Die alten Zeiten sind verflogen, finde dich damit ab, du Don Juan. Hör mal. Das Telefon schellt doch ununterbrochen im Wohnzimmer? Daniel, ja, es ist das Telefon!! Gehst du hin?“„Bin schon weg!!“ rief er. Nach eineinhalb Minuten Abwesenheit stürmte er wieder nach oben ins Schlafzimmer zurück.„Das ging aber schnell? Wer war in der Leitung?“„Niemand, es hat sich keiner gemeldet. Nicht der leiseste Piepser am anderen Ende der Sprechmuschel.“„Seltsam. Hoffentlich hat das nichts zu bedeuten?“„I, wo. Spinner sind das. Oder es hat sich jemand verwählt.“„In fünf Minuten treffen die Gäste ein, bist du so lieb und stellst den Wein auf den Tisch?“„Geh ich recht in der Annahme, daß heute abend kein Bier getrunken wird?“„Welch vortreffliche Auffassungsgabe du besitzt, und so schnell. Ich würde dir einen 150ziger IQ zubilligen.“„Sei bitte nicht wieder so zynisch, Lydia. Hab ich recht oder nicht?“„Hinterher ist das Bier genehmigt, vorher nicht“, ordnete sie streng an.„Dann erst Bier? Bier auf Wein, laß das sein. Wer kennt den Spruch nicht?“„Bitte Daniel, verschone mich schon wieder mit deinen Kleinhirnsprüchen.“Lydia kam aus einer Familie, die über Jahrzehnte lang in der Provinzstadt Berleburg im Rothaargebirge ansässig waren. Sie tat dort ihren Dienst in einem Steuerbüro. Es war ihre zweite Ehe mit mir. Nadine war ihr Kind aus erster Ehe. Lydia hatte drei Geschwister, den Kurt, Hans und den Norbert. Die Eltern von Lydia hießen Klaus und Gertrud. Sie bezogen die steuerfreie Altersrente. Beide befanden sich die meiste Zeit des Jahres auf bildenden Auslandsreisen. Sie ließen kein Örtchen, hinter dem sich eine Sehenswürdigkeit, ein Museum oder eine Burgtoilette vermuten ließ, aus. Ihr Leben verlief nicht chaotisch, sondern in geordneten Bahnen ab. Menschlich gesehen waren sie schwer in Ordnung. Sehr schwer.„Daniel, komm bitte nach unten, und sieh dir das an“, hörte ich Lydia mit erstaunter Stimme rufen.„Was ist denn los, liegt meine Schwiegermutter lang in der Sahne?“„Laß bitte diese geschmacklosen Witze. Sieh dir lieber an, was los ist, du Oberlehrer!!“ Er warf sich seine Smokingjacke über und polterte die Treppe herunter.Na, was sagst du jetzt?“ sagte sie voller Stolz. Dabei stemmte sie ihre Hände in die Hüften. Daniel war angenehm überrascht.„Wie hast du denn das bewerkstelligt?“
