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Nina Munroe ist eine Karrierefrau mit einem attraktiven Verlobten und einer exakt geplanten Zukunft. Bis der Tod ihres Vaters alles verändert: Bei der Testamentseröffnung erfährt Nina, dass ihre Eltern ein Strandhaus an der Küste von Cornwall besaßen, das sie nun erbt: Snare Cove. Als sie das Cottage besucht, entdeckt Nina, dass das Haus den Schlüssel zu einem Geheimnis birgt, das mit dem frühen Tod ihrer Mutter zu tun hat. Unterstützt von dem Lebenskünstler Danny kommt sie allmählich ihrer Familiengeschichte auf die Spur. Nina ahnt allerdings nicht, welche Geister der Vergangenheit sie mit ihren Nachforschungen geweckt hat ...
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2018
Buch
Wer hätte noch nie davon geträumt, dem Alltag zu entfliehen und ein neues Leben zu beginnen – irgendwo am Meer … Als Nina Munroe ein heruntergekommenes Strandhaus in dem kleinen Fischerdorf Polpeggen an der Küste Cornwalls erbt, hofft sie allerdings nicht auf ein Abenteuer. Nina liebt Ordnung und Vorhersehbarkeit über alles. Außerdem führt sie in London ein höchst komfortables Leben und ist gerade dabei, die Hochzeit mit ihrem Verlobten Jake zu planen. Dennoch kann sie sich dem Charme von Polpeggen nicht entziehen. Die Uhren ticken hier langsamer, das Meer glitzert in der Sommersonne, und dann wäre da noch Danny Rosewall, der Maler und Gelegenheitsfischer, der Nina zeigt, dass Glück nicht an Geld gebunden ist. Doch die Idylle trügt. Vom ersten Tag an spürt Nina, dass das Strandhaus ein dunkles Geheimnis birgt, das mit ihrer eigenen Vergangenheit zusammenhängt. Entschlossen, den mysteriösen Ereignissen in dem Haus auf den Grund zu gehen, kommt sie einer Geschichte von Verrat, Betrug und tragischer Liebe auf die Spur – eine Geschichte, die zurückführt zum Tod ihrer Mutter, die starb, als Nina ein kleines Mädchen war …
Autorin
Louisa Leaman hat bereits diverse Kinderbücher sowie Elternratgeber verfasst, bevor sie mit »Sommersturm über Cornwall« ihren ersten Roman schrieb. Sie arbeitet als Lehrerin und Verhaltenstherapeutin, ihre Artikel zu Erziehungsfragen sind u. a. im Guardian, Observer, Independent und in der Times erschienen. Louisa Leaman lebt in London.
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Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2018
Copyright © der Originalausgabe 2016 by Louisa Leaman
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagfoto: FinePic®, München
Redaktion: Julie Hübner
AB • Herstellung: VR/kw
Satz und E-Book: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-20667-3V003
www.goldmann-verlag.de
Im letzten Abendlicht kam das Strandhaus in Sicht. Von der Straße aus war es nicht zu sehen gewesen, da es hinter den Klippen verborgen lag und nur ein steiler, zerfurchter Pfad zu ihm hinführte. Nach dem verfallenen Äußeren zu urteilen – den geborstenen Fensterscheiben und den verzogenen Bretterwänden –, war das Haus schon seit Jahrzehnten nicht mehr bewohnt. Etliche Dachschindeln waren verrutscht; der orangerote Rost einer vergammelnden Wetterfahne hatte lange Schlieren hinterlassen. Auf dem Grundstück um das Haus herum war wenig Lebendiges zu sehen, keine Bäume oder Blumen, nur struppiges Gras und hier und da ein Ginsterbusch. Es war ein vernachlässigter, verwaister Ort, doch irgendwie war er nicht leblos. Das Haus strahlte Energie aus, als zuckten und waberten selbst die Fasern in den Wänden.
»Sind Sie sicher, dass ich Sie hier absetzen soll?«, fragte der Taxifahrer.
Sein Akzent war ungewohnt, ein schläfriges, langgedehntes Cornwall-Englisch. Nina starrte die abblätternde Farbe an und spürte, wie ihre Stimmung ins Bodenlose sackte.
»Wenn Sie mich fragen«, redete der Taxifahrer weiter, so wie schon während der ganzen Fahrt, »diese Bruchbude hätten sie schon vor Jahren plattmachen sollen.«
»Da habe ich ja Glück, dass sie das nicht getan haben«, bemerkte Nina.
»Sie könnens ja abreißen und neu bauen. Das würd ich machen. Nichts wie weg mit dem alten Krempel. Macht übrigens sieben fünfzig.«
Nina holte einen Zwanzigpfundschein aus ihrem Portemonnaie und seufzte. Es war ein langer Tag gewesen. Fünf Stunden mit dem Zug von London nach Penzance, langes Warten auf den Anschlusszug zu dem kleinen Küstenstädtchen Polpeggen und dann die Fahrt mit dem Taxi. Jeder zurückgelegte Kilometer war von Geratter, Geschäftigkeit und Gesprächen begleitet worden; laute Durchsagen, die durch die luftigen Gewölbe der Paddington Station hallten, lärmende Familien im Großraumabteil und dann endlose zwanzig Minuten Selbstgerechtigkeit seitens des Taxifahrers.
Aber hier war es jetzt still. Nur das Rauschen der Wellen und der Wind im Gras waren zu hören.
»Sie kommen also zurecht?«
»Ja. Alles bestens. Danke.«
»Dann hol ich mal Ihre Sachen.«
Der Fahrer, ein stämmiger Mann mit beachtlichem Bauch, ging zum Kofferraum seines Taxis. Schlotternd stand Nina da und spürte den Schock der Kälte durch ihre dünne Bluse hindurch. Es war doch Sommer. Ihr Koffer war voller zarter Trägertops und Designersandalen, aber was sie hier brauchte, war ein dicker Wollpullover. Als sie die Arme um den Oberkörper schlang, schien der Wind noch heftiger zu werden.
»The Barb«, rief ihr der Fahrer zu. »So nennt man hier das laue Lüftchen, das Sie da spüren – wie in barbed wire, Stacheldraht.«
»Na toll.«
Nina blickte über die groben grauen Kiesel zum silberblauen Wasser hinüber. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, als sie von der Existenz des Strandhauses erfahren hatte. Sie suchte nach etwas Vertrautem, einem kleinen Erkennungszeichen, das eine Verbindung zwischen ihr und dem Haus schaffen und ihr ein Gefühl von Heimeligkeit geben könnte. Nichts. Ihr Gedächtnis wollte einfach nicht zünden. Früher war das Haus vielleicht einmal hübsch gewesen. Es könnte immer noch hübsch sein, dachte sie. Ein Strandhaus mit einer Privatbucht, ein fröhliches, farbenfrohes Gebäude, genau das Richtige für ein Feature in einer gehobenen Wohnzeitschrift – blauweiße Streifen und Liegestühle überall, und hölzerne Seesterne, die an den Türklinken baumelten. Das Meer war nur ein paar Meter entfernt, und man hatte freie Sicht darauf; so könnte es zu einer anderen Zeit, in einem anderen Leben, vielleicht bezaubernd sein, aber nicht jetzt.
Schließlich kam der Taxifahrer zurück, einen Karton mit Wein in der einen und den Griff von Ninas Rollkoffer in der anderen Hand. Beklommen sah Nina zu, wie achthundert Pfund teure Louis-Vuitton-Designerware durch den Dreck holperte.
»Nichts für ungut«, meinte der Taxifahrer und stellte ihr Koffer und Karton vor die Füße, »aber im Dorf gibt’s jede Menge prima Unterkünfte – Pensionen, Hotels – zu ganz vernünftigen Preisen. In der Hauptsaison wird’s manchmal ein bisschen voll, aber, na ja, die sind wirklich nett. Ist ja vielleicht nicht meine Angelegenheit, geht mich nichts an und so, aber ich fänd die Vorstellung ja nicht schön, hier draußen ganz allein zu sein …«
»Ich komme schon zurecht, vielen Dank.«
Als Nina das sagte, überschwemmten Gedanken an geschmackvolle Hotelzimmer ihren Kopf, an Luxusmatratzen und das dickflüssige Gelb pochierter Eier auf Toast, hinuntergespült mit frisch gepresstem Orangensaft. Es wäre ganz einfach, wieder ins Taxi zu steigen und ins Dorf zurückzufahren. Einfach. Und vernünftig. Aber es würde ihre Fragen nicht beantworten. Sie wollte Bescheid wissen. Sie musste Bescheid wissen.
»Hier«, sagte der Fahrer und starrte sie an, »wenn Sie unbedingt hierbleiben wollen, dann nehmen Sie wenigstens die hier.«
Er ging zurück zu seinem Kofferraum und holte eine Taschenlampe aus Metall hervor.
»Ich hab noch eine, Sie können sie also ruhig nehmen. Sieht aus, als könnten Sie ein paar technische Hilfsmittel gut gebrauchen.«
Es war nicht klar, ob er auf den beklagenswerten Zustand des Strandhauses anspielte oder darauf, dass Nina einen Hosenanzug und hochhackige Schuhe trug, frisch aus dem Großstadtleben und nur schlecht gegen die Naturelemente gewappnet.
»Das ist nett von Ihnen«, erwiderte sie, »aber es geht bestimmt auch …«
»Nehmen Sie schon«, drängte er. »Ist ’ne gute. So eine, wie die Polizei sie hat. Kann man auch als Knüppel benutzen.«
Damit kehrte er zu seinem Taxi zurück, zog die Tür zu und fuhr los. Auf der Hauptstraße jedoch hielt er an. Das Taxi setzte den ganzen Weg zurück und stoppte abermals. Das Fenster glitt herunter, und Nina konnte in den Schatten im Wageninneren seine besorgte Miene erkennen.
»Noch was«, sagte er. »Zu meiner eigenen Beruhigung. Ich möchte Sie ja nicht verunsichern, und ich weiß, die meisten Leute würden wegen so was heutzutage keinen großen Aufstand machen wollen, wegen dem Tourismus-Boom und so, aber Sie sollten wissen, dieses Haus hier, Ihr Strandhaus … das hat ’ne dunkle Vergangenheit.«
Nina widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen.
»Hat das nicht jedes Haus?«
»Kann sein, aber trotzdem, es käm mir nicht richtig vor, nichts zu sagen …«
Er verstummte.
»Sehen Sie sich einfach vor, ja?«
Dann legte er ohne ein weiteres Wort den Gang ein und fuhr davon.
Echt jetzt? Hatte sie richtig gehört? Warnungen vor einer geheimnisvollen Vergangenheit? Entweder hatte ihr Taxifahrer zu viel Fantasie, oder sie war auf den Set eines Billig-Horrorfilms geraten. Nina drückte die Taschenlampe an die Brust und bemühte sich hochkonzentriert, den »Rat« des Fahrers zu verdrängen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Dunkelheit hüllte sie ein.
Ein Eisengitter und ein großes Vorhängeschloss sicherten die Haustür. Nina hielt die Schlüssel hoch. Sie hatte zwei Ringe bekommen. Der erste Schlüssel war für das Vorhängeschloss, genau wie der Zweitschlüssel am selben Ring. Der zweite, ein altmodischer Messingschlüssel mit dünnem Halm, war der für die Haustür. Und dann gab es noch einen dritten an einem eigenen Ring und ohne Zweitschlüssel, vermutlich für irgendetwas im Haus, vielleicht für ein Schränkchen oder einen Kleiderschrank. Sie ließ die Schlösser aufschnappen. Als der Riegel der Tür sich öffnete, erfasste ein nervöses Zittern ihre Finger und breitete sich aus, an den Handgelenken und Armen hinauf bis zum Bauch und dann die Beine hinunter.
»Okay, Nina, reiß dich zusammen, Mädchen«, flüsterte sie. »Ist doch nur Taxifahrergerede. Nichts, wovor man Angst haben muss. Nichts. Nichts. Nichts.«
Sie drückte die Tür auf, und sofort begrüßte sie abgestandener Meermief, ein penetranter Geruch aus Staub in mehreren Schichten und Verfall. Im nachlassenden Licht war es schwer, mehr als nur Umrisse zu erkennen, doch sie sah, dass sie in eine Art Flur hineinschaute, von dem Türen zu separaten Zimmern abgingen. Nina knipste die Taschenlampe an und ließ sich von ihrem hellen Strahl leiten. Sie fand einen Einbauschrank, eine Reihe leerer Kleiderhaken und ein Drähtegewirr, wo einmal eine Lampenfassung gewesen war. Als sie die Taschenlampe sinken ließ, sah sie einen Kadaver zu ihren Füßen, ein kleiner Vogel oder eine Ratte, schon lange tot, die Beinchen in die Luft gereckt. Sie schnappte nach Luft, stieg darüber hinweg und bereute augenblicklich, dass sie den Vorschlag des Taxifahrers nicht angenommen hatte, ins Dorf zurückzufahren.
Die Erinnerung an einen noch nicht lange zurückliegenden Kurzurlaub in einem thailändischen Spa schoss ihr durch den Kopf. Sie und Jake hatten in einer Pfahlhütte über dem türkisblauen Meer gewohnt. Sie hatten einen eigenen Butler gehabt. Am letzten Tag hatte Jake ihr einen Heiratsantrag gemacht, hatte den Ring in einer großen Schneckenmuschel versteckt, die er ihr in die Hand gedrückt hatte, während sie versucht hatte, von ihrer Veranda aus Delphine zu erspähen. Sie hatten beide erst geheult, dann gelacht und dann eine Flasche Champagner geleert. »Kneif uns mal jemand«, hatte sie gesagt. »Das ist ja wie ein Traum.« Die Absurdität ihres gemeinsamen Glücks war ihr stets gegenwärtig – das Geld, das sie hatten, der Lebensstil, den sie sich leisteten, der harte Weg vom armen Studentenpärchen zu hart erkämpftem finanziellem Erfolg. Sie hatten alles. Und jetzt hatten sie auch noch ein verfallenes Strandhaus.
Nina seufzte und trat durch die Tür, die ihr am nächsten lag. Sie fand sich in einer rudimentären Küche wieder – wie in einer uralten Sitcom; ein Tresen mit zerschrammter graumelierter Resopalplatte und ein verschmorter Tischofen. Sofort vermisste sie die Sauberkeit ihrer Küche zu Hause, die Hochglanztüren und die Chromgeräte. Trotzdem verweilte sie in dem Raum, ging zum Spülbecken und fand zwei umgestülpte Becher unter einer Schmutzschicht. Schon streckte sie die Hand aus, um sie umzudrehen, und hielt dann jäh inne. Die ganze Zeit hatten sie hier unberührt gestanden, einer für ihre Mum, einer für ihren Dad – ein Augenblick im Leben ihrer Eltern, eingefangen in diesen beiden verstaubten Bechern. Plötzlich konnte sie den Gedanken nicht ertragen, sie umzudrehen.
Als Nina durch die nächste Tür trat, ins zweite der schmutzigen, altmodischen Zimmer, beschloss sie, dass die Beschreibung Strandhaus zu irreführend war. Schuppen traf es schon eher. Finster betrachtete sie den Mäusedreck auf dem Boden, die fleckigen Wände und den rissigen Putz. Der Raum war eine Art Wohnzimmer, spärlich möbliert mit einem schäbigen Sessel und einem improvisierten Tisch aus Pappkartons. Wahrscheinlich hatten sie geplant, das Haus auf Vordermann zu bringen, ein Wochenendhäuschen daraus zu machen, wo sie, abseits vom Arbeitsstress, in Frieden faulenzen konnten. Wieder ertappte Nina sich dabei, wie sie nach Erinnerungen suchte. Einen Moment lang sah sie sie vor sich, wie sie am Fenster standen, aneinandergeschmiegt, Teebecher in den Händen, und den Wellen zuschauten – dann wurde ihr klar, dass das Bild ihre eigene Erfindung war.
Sie spähte durch die beiden anderen Türen in ein schmuddeliges grünes Bad und in ein Schlafzimmer. In dem, wurde ihr seufzend klar, würde sie die Nacht verbringen, obgleich es von allen Zimmern am verwittertsten war, mit Löchern in den Dielen und verfaulten Fensterrahmen. Eine Holztruhe, deren Verzierungen überhaupt nicht zu dem Zimmer passten, stand in der Ecke. Beherrscht wurde der Raum jedoch von einem Bett mit einem feuchten Batik-Überwurf, genau wie der, mit dem Nina und Jake damals das von Zigaretten-Brandlöchern übersäte Sofa in ihrer Studentenbude »aufgepeppt« hatten. Sie hatten diese Decke geliebt; es war ihre erste gemeinsame Anschaffung gewesen. Sogar einen Namen hatten sie ihr gegeben: George. Jetzt erschien Nina die Vorstellung lächerlich, Einrichtungsgegenständen einen Namen zu geben, doch sie lächelte, als sie daran dachte, wie sie damals nach den Vorlesungen nach Hause geeilt waren, Tomatensuppe direkt aus der Dose gelöffelt und sich dann unter dem alten George zusammengekuschelt und Seifenopern geguckt hatten. Sie erinnerte sich daran, wie kalt es manchmal gewesen war, wie sie George hin und wieder mit einer Steppdecke hatten aufrüsten müssen. Wie sie in einem Glas Kleingeld für die Gasheizung gesammelt und es dann für Pizza und Kinokarten auf den Kopf gehauen hatten. Heutzutage konnten sie sich natürlich so viele Pizzas und Kinokarten leisten, wie sie wollten, hatten eine topmoderne Heizung und einen Stapel namenloser Decken aus Merinowolle, ordentlich zusammengefaltet in einer eigenen Kiste neben einem riesigen Ecksofa aus Leder. Es waren bessere Zeiten.
Nina trat auf das Bett zu. Es verblüffte sie zu sehen, dass unter dem Überwurf Laken und Kissenbezüge lagen, zusammengefaltet, als hätten sie die ganze Zeit geduldig gewartet. Über dem Bett hing ein Bild. Der Strahl der Taschenlampe beleuchtete ein kleines Messingschild mit der Aufschrift: »Die Bessie, 1893, Polpeggen Bay.« Es war unbeholfen gemalt, das Werk eines Amateurs. Als Kuratorin einer Galerie war Ninas Blick geübt darin, gute zeitgenössische Kunst zu erkennen, keine groben Darstellungen von Schiffsuntergängen. Meerwasserpyramiden wallten zu einem Gewitterhimmel empor, und alles, was man von der Bessie sehen konnte, waren ein waidwunder Rumpf und drei gebrochene Masten. Nina wurde übel, und sie schaute weg, ging stattdessen zum Fenster, wo ein Sprung in der Scheibe ein endloses Rauschen hereinließ, während die See ans Ufer und wieder zurückströmte. Ihr erster Gedanke war, dass sie dabei niemals würde schlafen können, aber sie hatte diesen Monat ohnehin so schlecht geschlafen, dass sie sich fragte, ob das überhaupt einen Unterschied machen würde. Mit Meerblick, hatte der Anwalt gesagt. Da hatte er recht. Hier gab es jede Menge Meer, aber es war nicht das funkelnde Azurblau aus alten Kinderferientagen. Es war eine unermessliche Schwärze, die sich bis in alle Ewigkeit zu erstrecken schien.
Nina drückte die Wange gegen die Scheibe, wollte unbedingt wissen, wie nahe der Ort Polpeggen war. Entlang der Küste konnte sie gerade eben noch eine Ansammlung orangegelber Lichter sehen. Sie glitzerten wie Pailletten und verhießen mit ihren Geschäften, Bars und Restaurants eine Welt, die sie kannte, eine Welt, die sie verstand, eine Welt, die unendlich weit entfernt schien. Sie nahm ein Fernglas zur Hand, pustete den Staub weg und bemühte sich, die Linsen scharf zu stellen. Zuerst war nichts zu sehen, worauf sie den Blick fixieren konnte, nur die Schwärze des Nachthimmels. Schließlich tauchten die Straßenlaternen und die Beleuchtung der Geschäfte auf, und sie kam sich isolierter vor denn je. Gerade wollte sie den Feldstecher wieder aufs Fensterbrett stellen, als sie überraschend ein Licht aufblitzen sah. Sie zuckte zurück, orientierte sich neu und schaute dann abermals hin. Dort am Ufer, nur wenige Meter vom Strandhaus entfernt, schwang ein kleines weißes Licht in einem langsamen Bogen hin und her. Keine Autoscheinwerfer. Ein Fahrrad vielleicht? Oder eine Taschenlampe? Jemand, der am Strand entlangging? Um diese Zeit? Schließlich hörte das Licht auf, hin und her zu schwingen und kam am Meeresrand zur Ruhe, gleich neben einem Haufen Felsen, wo es gleißend hell pulsierte wie das Herz einer Silvesterrakete, ehe es erstarb. Der Fensterrahmen erbebte durch die Kraft einer Windbö. Nina fuhr erschrocken zusammen.
»Stell dich nicht so an!«, zischte sie und straffte sich, wischte die überzogenen Andeutungen des Taxifahrers von wegen Gefahr und Vergangenheit beiseite.
Nachdem sie sich überzeugt hatte, dass das Licht verschwunden war, legte sie die Taschenlampe so ab, dass ihr Strahl ihr genügend Licht spendete. Sie öffnete ihren Koffer, sortierte die säuberlich zusammengefalteten Kleidungsstücke und hängte Trägertops und Sommerkleider an den Türrahmen. Zum Glück hatte sie in weiser Voraussicht Kleiderbügel mitgenommen. Das war so ein »Jake-Ding«, mit dem sie ihn gern aufzog. Er bestand stets darauf, dass sie auf Urlaubsreisen Kleiderbügel mitnahmen, denn, so behauptete er, die Billigbügel in den Hotels konnten die Form eines guten Hemdes glatt ruinieren.
Nina streifte die hochhackigen Schuhe ab, ordnete ihre Handtasche, pickte an einer halbaufgegessenen Portion Sushi herum und ließ sich dann mit schmerzendem Körper und schlaffen Gliedern aufs Bett plumpsen. Sie strich mit den Fingern über den staubigen Überwurf und starrte die Risse in der Zimmerdecke an. Eine idyllische Zuflucht am Meer, hatte der Anwalt gesagt. Der Mann hatte eindeutig keine neueren Fotos des Hauses gesehen. Fairerweise musste sie zugeben, dass sie vom Testament ihres Vaters auch nicht viel erwartet hatte. Etwas guten Wein vielleicht. Eine alte Uhr. Ein paar Schmuckstücke ihrer Mum wären schön gewesen. Mit Geld hatte sie nicht gerechnet – nicht, dass Geld nötig gewesen wäre. Oder erwünscht. Tatsächlich hatte Nina in der Zeit, als ihre Beziehung zu ihrem Vater am unterkühltesten gewesen war, erwogen, ihr gesamtes Erbe einer Wohltätigkeitsorganisation zu spenden; am besten einer, von der ihr Vater nichts hielt. Jake war da anderer Ansicht gewesen. Knöpf dem alten Dreckskerl ab, was du kannst, hatte er gesagt. Entschädige dich mit einer Hermès-Handtasche für sein Versagen als Vater. Mach aus Schlechtem etwas Gutes.
Ninas Vater hatte im Rückversicherungs-Geschäft gutes Geld verdient, ausgegeben jedoch hatte er noch mehr. In seinen späteren Jahren hatten unbedacht ausgewählte Geliebte, leichter Alkoholismus und Spielsucht große Teile seines Vermögens aufgezehrt. Zum Zeitpunkt seines Todes war er praktisch bankrott gewesen und hatte eine geräumige Villa gegen eine Ein-Zimmer-Mietwohnung in einem hässlichen Wohnblock eingetauscht. Daher war es für Nina ein ziemlicher Schock gewesen, als sie vor zwei Tagen in der Kanzlei Hartmann and Jones von dem Strandhaus erfahren hatte.
»Und jetzt«, hatte der Anwalt mit fester Stimme verkündet, »kommt der Moment, auf den Sie bestimmt schon gewartet haben.« Eine Pause und ein Lächeln. »Der Nachlass Ihres Vaters.«
Nina war vor dem Wort zurückgescheut.
»Nachlass? Es gibt doch gar keinen Nachlass. Mein Dad hatte Schulden.«
»Entschuldigung, ich bringe da etwas durcheinander. Ich meinte ja auch nicht den eigentlichen Nachlass, ich spreche von dem Ferienwohnsitz in Cornwall, von dem Strandhaus …«
»Strandhaus?«
»Hier steht: ›Ein Strandhaus in der Nähe der Bucht von Polpeggen.‹ Keine schlechte Immobilie. Die Preise da unten, das wissen Sie ja sicher … astronomisch heutzutage. Jedenfalls, hier haben wir’s: Snare Cove; dazu gehört das Haus und ein halber Kilometer Strand. Ihr eigener Strand, Ms Munroe. Klingt doch nach einer idyllischen Zuflucht am Meer. Normalerweise gehen meine Klienten hier mit einem Scheck und einer Taschenuhr raus. Sie dagegen …«
»Moment«, stieß sie hervor. »Das kann nicht stimmen. Das ist ein Irrtum. Mein Vater hat nie ein Strandhaus besessen.«
»Das ist kein Irrtum. Man sollte vielleicht erwähnen, dass das Haus ursprünglich auf den Namen ihrer Mutter eingetragen war. Sie ist doch vor ein paar Jahren verstorben.«
»Vor vielen Jahren. Ich war zehn.«
»Ich verstehe. Nun, wie es scheint, hat Ihr Vater nach dem Tod Ihrer Mutter deren Grundbesitz übernommen. Und jetzt … jetzt hat er ihn Ihnen vererbt.«
»Aber das verstehe ich nicht. Er hat nie etwas von einem Strandhaus gesagt, geschweige denn von einem halben Kilometer Strand.«
Der Anwalt, dessen Tattoos aus den Manschetten seines Hemdes hervorschauten, hatte lediglich die Schultern gezuckt.
»Dann würde ich vorschlagen, dass Sie das Ganze als angenehme Überraschung betrachten. Ich habe die Eigentümerurkunde hier, Sie können sie gleich unterzeichnen. Und die Schlüssel. Bloß noch eine Unterschrift, und sie gehören Ihnen. Nicht ganz das, was Sie erwartet haben, wie ich sehe, aber so ist es eben. Alle Familien haben doch ihre Geheimnisse, nicht wahr? Vielleicht wollte Ihr Vater Sie ja überraschen. Damit Sie nach seinem Tod einen Grund zum Lächeln haben?«
Der Anwalt hatte gefeixt; sein Blick war zur Decke hinaufgehuscht und dann zu Nina zurückgekehrt.
»Mir … mir ist aber gar nicht zum Lächeln zumute«, hatte sie wie vor den Kopf geschlagen gestammelt. »Um ehrlich zu sein, ich verstehe das wirklich nicht. Wann haben sie das Haus gekauft? Und warum hat er es nicht verkauft, wenn er so hoch verschuldet war? Ausgerechnet so was zu behalten … Was in aller Welt wollte er denn mit einem Strandhaus? Er hat Urlaubsreisen gehasst. Nie hat er was davon gesagt. Nicht ein Wort … Aber, na ja … so gesehen … es gab wohl vieles, was er nie gesagt hat …«
Sie hatte sich einen Therapeuten gewünscht oder irgendeine alte Spruchweisheit. Oder die Stimme ihrer Mutter, vielleicht auch nur die Erinnerung daran, irgendetwas oder irgendjemanden, der ihr die Einzelheiten erklären konnte, die Fakten. Stattdessen hatte sie sich einem schelmischen Lächeln, einem Platin-Kugelschreiber und einem »Jetzt unterschreiben Sie endlich«-Nicken gegenübergesehen.
»Ach ja, übrigens«, hatte der Anwalt gesagt, »bevor ich’s vergesse, da wäre auch noch das hier … vielleicht hilft das ja.«
Er hatte ihr einen Briefumschlag gereicht.
»Für Nina«, stand in der krakeligen Handschrift ihres Vaters darauf.
Der Lärm kreischender Möwen wurde lauter. Nina öffnete die Augen. Ihr Gehirn fand den Weg ins Wachsein und fing an, die unvertraute Umgebung zu erfassen – das kaputte Fenster, die Truhe mit den Schnitzereien, die feuchten Wände. Das Kneifen ihrer Gürtelschnalle erinnerte sie daran, dass sie immer noch ihren Hosenanzug trug. Der Bettüberwurf fühlte sich unter ihrer Wange sandig an und war dort, wo ihr Mund gewesen war, nass. Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und entwirrte es. Dem Licht nach zu urteilen, war es noch früh, sechs Uhr oder so. Sie griff nach der Handtasche, zog ihr Notizbuch heraus, legte es sich auf den Schoß und streichelte den goldgeprägten Einband. Den größten Teil des Jahres über hatte sie es stets bei sich gehabt.
Für die Königin der Listen
Genieß jede Sekunde
J x
Jakes Worte auf der ersten Seite, dort hingeschrieben, um sie zu inspirieren, waren ihr normalerweise eine Freude, heute Morgen jedoch passte das Gefühl nicht, das sie vermittelten. Ein derart munterer Optimismus vertrug sich nicht mit dem baufälligen Chaos des Strandhauses. Jake hatte ihr das Notizbuch eine Woche nach ihrer Verlobung geschenkt. Er wusste, wie gern sie alles anhand von Listen organisierte. Eine Hochzeit war der perfekte Anlass, es so richtig krachen zu lassen – Gästelisten, Listen möglicher Locations, Caterer, Schneiderinnen, Hochzeitstänze, Musik für den DJ, Taxiunternehmen. Sie hatte vor Freude in die Hände geklatscht, als sie das Seidenpapier auseinandergeschlagen und das schimmernde Buch in seiner ganzen Pracht erblickt hatte. Dieses Buch brachte ihr Glück, so schien es ihr. Sie schleppte es überallhin mit und liebte es heiß und innig. Komisch, dachte sie, dass es ihr plötzlich irgendwie hässlich vorkam. Irgendwas, eine Verbindung, irgendetwas fehlte.
Im Geist durchlebte sie von neuem Jakes Heiratsantrag – den Ring in der Schneckenmuschel, die Überdosis Champagner –, den bisherigen Höhepunkt ihrer Romanze, die schon ihr ganzes Erwachsenenleben andauerte, ein Märchen, das das Leben schrieb. Zugegeben, es hatte unterwegs ein oder zwei Schlaglöcher gegeben, aber nichts Weltbewegendes, und jetzt, wo sie es gemeinsam geschafft hatten, hatten sie bewiesen, dass es wahre Liebe auch im zarten Alter von neunzehn Jahren schon geben konnte. Ums Geld ging es nicht, ganz gleich, was einige ihrer zickigeren Kolleginnen geflüstert hatten.
»Scheiß auf die«, hatte ihre Freundin Alison gesagt. »Du und Jake, ihr kennt die Wahrheit.«
Die Wahrheit war, dass Nina Jake in jener ersten Zeit, als sie beide in Manchester studiert hatten, genauso geliebt hatte wie sie es jetzt tat. Sein Großstadterfolg war für sie nicht entscheidend. Sie kannte den Jake vor der funkelnden Karriere in der Finanzwelt, den mit den tapsigen Füßen und der nervigen Angewohnheit, ständig damit auf den Boden zu klopfen. Den, der aus so gut wie allem Pfannkuchen machen konnte, oder der jedes Mal heulte, wenn er sich irgendwelche Sendungen über das tapfere Streben der Menschheit ansah. Ihren Jake. Und jetzt waren sie mit voller Fahrt unterwegs zu ihrer »Kneif uns mal jemand, das ist ja wie ein Traum«-Hochzeit. Ein paar Tage in Cornwall würden den Fahrplan nicht über den Haufen werfen; sie war bei ihren Listen sowieso mehr als im Soll. Natürlich.
Sie ging ins Badezimmer und zog an der Schnur der Lampe, doch nichts geschah. Aus den Wasserhähnen kam nicht viel mehr als ein Luftzischen, gefolgt von einem dünnen bräunlichen Rinnsal. Nina, die sich dringend waschen wollte, band sich das Haar zurück und machte sich auf die Suche nach dem Boiler. Der war in keinem der Zimmer zu finden, also beschloss sie, in dem Einbauschrank im Flur nachzusehen. Sie versuchte sich an der Tür, doch die war abgeschlossen. Da fiel ihr der zusätzliche Schlüssel ein, der mit dem eigenen Ring. Er passte. Das Schrankinnere war stockdunkel und voller Schrubber, Besen und Spinnweben. Sie fand den Boiler, doch der war uralt. Sie hatte keine Ahnung, was sie damit anstellen sollte, und noch viel weniger Lust, sich länger in dem verdreckten Schrank aufzuhalten. Besiegt ging sie ins Wohnzimmer und schaltete ihr Handy ein. Es kläffte ihr einen Schwall SMS, Tweets, versäumte Anrufe und Sprachnachrichten entgegen.
»Hey, Baby. Bin noch in Genf. Keine Chance, dass ich hier vor fünf rauskomme. Tut mir leid. Ich schnapp mir den ersten Flieger, den ich kriege, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich vor Mitternacht zu Hause bin. Hör zu, wenn du mal fünf Minuten Zeit hast, könntest du bitte bitte bitte meine Hemden aus der Reinigung holen? Danke. Okay, also, ich hoffe, du bist noch auf, wenn ich ankomme. Ich liebe dich. Bis dann.«
Dann die nächste.
»Baby? Wo steckst du? Ich hab immer wieder angerufen. Jedenfalls, mein Flug kommt um zwanzig nach elf an, dann bin ich nur noch eine Taxifahrt entfernt. Mach den Rioja auf, ja? Du weißt schon, den mit dem geilen Etikett, den ich nach dem Bigmont-Deal gekriegt habe. Okay. Bis nachher.«
Und die nächste.
»Okay. Das ist nicht mehr witzig. Es ist ein Uhr morgens, und du bist nicht da. Wenn ich dich irgendwie verärgert habe, Baby, dann sag’s mir doch. Ignorier mich nicht einfach. Du weißt doch, wie ätzend das ist. Hey, weißt du, was heute Morgen angekommen ist? Die Flugtickets! Flitterwochen, wir kommen! Mach dich drauf gefasst, mehr verwöhnt zu werden als je zuvor in deinem ganzen Leben, teure Gemahlsgattin! Ruf mich an. Ich liebe dich.«
Nina scrollte weiter und hörte Jakes letzte Nachricht ab. Jetzt klang seine Stimme anders, der fröhliche Ton war durch kratzige Beklommenheit verdrängt worden.
»Nina, du machst mir Angst. Geh ans Handy. Lass mich wenigstens wissen, dass du okay bist. Ich liebe dich, Baby.«
Randvoll mit Schuldgefühlen drückte sie auf »Anrufen.« Es klingelte eine knappe Sekunde lang.
»Na endlich! Wo zum Teufel bist du?«
»In Cornwall.«
»Cornwall? Was machst du denn in Cornwall? Herrgott noch mal, Nina! Weißt du eigentlich, was für Sorgen ich mir gemacht habe?«
»Ja, es tut mir leid.«
»Na super. Es tut dir leid.«
»Wirklich«, sagte sie. »Es ging einfach alles so schnell. Ich musste herkommen. Ich kann’s nicht erklären, ich hab einfach gewusst, dass ich herkommen und es selbst sehen muss. Du wirst es nicht glauben. Als ich es erfahren habe, war ich …«
»Ich habe die ganze Nacht auf dich gewartet«, fiel er ihr ins Wort. »Stundenlang hab ich hier gesessen und mich gefragt, ob du okay bist. Aber dir geht’s gut, und du bist in Cornwall. Und jetzt muss ich einen Riesenberg E-Mails abarbeiten und bin so müde, dass ich kaum noch geradeaus gucken kann. Schönen Dank auch.«
»Hör zu, ich wollte dir nicht …«
»Lass stecken, Nina. Ist jetzt auch egal. Bete nur, dass niemand sieht, wie ich unter meinem Schreibtisch einpenne.«
»Es tut mir echt superleid«, wiederholte sie und beugte sich seinem Groll.
»Dann sei dir verziehen. Also, wo bist du jetzt genau?«
»Ich bin in einem kleinen Kaff am Meer namens Polpeggen, also, ganz nahe bei Polpeggen … oder eigentlich ein ganzes Stück weit weg. Gestern hab ich vom Anwalt die Schlüssel gekriegt.«
»Schlüssel?« Seine Stimme wurde lauter.
»Für ein Strandhaus … oder so was in der Art.«
»Moment mal. Hab ich hier irgendwas verpasst? Willst du mir etwa erzählen, dein Vater, dieser alte Muffelkopf, hat dir ein Strandhaus vererbt? Wow! Das ist ja der Hammer! Hat der Anwalt gesagt, was das Ding wert ist? Ist es, na ja, schön?«
»Nein. Eigentlich ist es eine Katastrophe, Jake. Ich bin einigermaßen überrascht, dass die Wände überhaupt noch stehen. Die Bude hat jahrelang leer gestanden, und das sieht man ihr echt an. Ganz ehrlich, ich fühl mich schon richtig klebrig, wenn ich sie mir nur anschaue. Du würdest sie grässlich finden.«
»Na dann, ein bisschen Farbe? Ein paar Teppiche? Man könnte das Teil doch bestimmt aufmöbeln, oder? Wer würde denn nicht gern in einem coolen Strandhaus wohnen? Im Ernst, Nina, der Mietmarkt da unten ist völlig irre. ’ne Ferienwohnung in Cornwall, Kohle auf der Bank …«
»Ich fürchte, mit Aufmöbeln ist da nicht mehr viel zu wollen, Jake. Schnell verkaufen wäre barmherziger.«
»Okay. Na, damit wäre deine Rente ja gesichert. Wann hat der Alte das Ding denn gekauft?«
»Interessante Frage. Ich hab keine Ahnung. Bevor ich geboren worden bin, denke ich. Ich glaube, sie hatten vor, ein Ferienhaus daraus zu machen, so ein romantisches kleines Refugium, wo sie …«
Ihre Stimme erstarb. Ihr Blick senkte sich auf ihre Füße, auf den Boden, auf einen Fotorahmen, der unter dem Sofa hervorragte. Sie bückte sich, hob ihn auf und drehte ihn um. Schlagartig war sie hellwach.
»Nina?«, fragte Jake nach kurzem Schweigen. »Bist du noch da?«
»Äh, ja …«
»Also, warum noch warten? Auf den Markt damit. Einer von meinen neuen Kunden hat ein Maklerbüro, und die haben mehrere Angebote im Südwesten. Der schuldet mir den einen oder anderen Gefallen, und er könnte bestimmt …«
»Äh, Maklerbüro?«
»Na ja, wenn du vorhast, das Haus zu verkaufen …«
»Sicher, ja …«
»Nina, bist du richtig wach? Du klingst ein bisschen komisch.«
»Alles okay … Ich bin bloß ein bisschen …«
Sie starrte das Foto an, konnte den Blick nicht von der Frau abwenden, die sie anlächelte. Das kann nicht sein, dachte sie. Das kann sie doch bestimmt nicht sein.
»Mum?«, flüsterte sie.
»Häh?«
»Oh, entschuldige, Jake … Ich bin … Ich bin total durch den Wind … Ich ruf dich später noch mal an, okay? Ich brauche einfach ein bisschen Zeit, um …«
»Sekunde mal! Und was ist mit unseren Plänen? Wann kommst du nach Hause? In Anbetracht der Tatsache, dass wir in ein paar Wochen den Bund fürs Leben schließen, Baby, glaube ich nicht, dass einer von uns beiden Zeit für irgendwelche Kurzurlaube in Cornwall hat. Wir regeln das nach der Hochzeit, ja?«
Das Foto pulsierte schmerzhaft in ihrer Hand. Die Antwort auf Jakes Frage kam aus Ninas Mund gepurzelt, ohne dass sie es verhindern konnte. »Ich … ich bin in ein, zwei Tagen zu Hause.«
»So was nennt man eine unklare Angabe, Baby.«
»Also, bis Donnerstag bin ich definitiv wieder zurück. Da habe ich nachmittags einen Termin mit den Caterern, und am Wochenende ist die Anprobe für mein Kleid. Drei Tage. Ist das okay?«
»Ich denke schon«, gab er nach, »obwohl ich’s ja nicht gut finde, dass du ganz alleine da unten bist. Woher weiß ich, dass dir nichts passiert? Ist das Strandhaus sicher? Sind da andere Leute in der Nähe?«
Ein Gefühl der Beklemmung überkam sie, das Gefühl, gefangen zu sein oder festgehalten zu werden.
»Alles bestens.« Sie schüttelte sich, und ihr Blick kehrte zu dem Foto zurück. »Polpeggen ist so was von putzig, Jake, ich bezweifle, dass es hier so was wie Verbrechen gibt.«
»Verbrechen gibt’s überall. Du nimmst also morgen früh einen Zug? Wir sehen uns morgen?«
Nina zögerte. Hatte sie nicht bereits »drei Tage« gesagt?
»Vielleicht«, antwortete sie.
Sie konnte ihn atmen hören, konnte hören, wie er über ihre Unbestimmtheit nachsann. Nach kurzem Schweigen sagte er all das, was sie gern hörte.
»Gott, ich liebe dich, Nina, auch wenn du mir Stress machst! Wir heiraten, Baby! Wart’s nur ab. Ich liebe dich.«
»Ich dich auch.«
»Mach’s gut.
»Du auch.«
Regungslos stand Nina da und erlaubte ihren Gedanken, sich neu zu ordnen, zu verarbeiten, was sie da vor sich sah: blauen Himmel, das Meer im Hintergrund, eine Frau, die mit großen Augen aus dem Fotorahmen lächelte, die Schulter in einer koketten Geste der Kamera zugewandt, in einem leuchtend violetten Samtmantel und mit krausem Haar und strahlendem Augen-Make-up. Wie ein Model aus einem Pop-Video der Achtziger; sie lachte, als wäre sie zum Lachen geboren – ein offenherziges Partygirl.
Das war ihre Mum?
Sie blinzelte.
Es war ganz sicher ihre Mum. Diese hohen Wangenknochen und die braunen Augen waren unverwechselbar, aber gleichzeitig war es auch nicht die »Mum«, die Nina kannte. Verwirrung verhedderte sich mit ihren Erinnerungen. Nach dem, woran sie sich erinnerte und was man ihr erzählt hatte, war ihre Mutter, Sandra Munroe, eine kluge, reservierte Frau gewesen, die selbstsichere Gattin eines vielbeschäftigten Versicherungskaufmanns, deren Hauptaufgabe darin bestanden hatte, Bettlaken zu bügeln und ihren Mann zu Geschäftsessen zu begleiten. Sie war sanft und förmlich gewesen, eine Anhängerin guter Manieren, stets untadelig in hochwertige Wolle gekleidet, und doch war sie hier, bonbonpapierbunt, und sprudelte mit diesem betörend schwerelosen Lächeln aus dem Bilderrahmen heraus. Fragen wimmelten in ihrem Kopf, doch Nina konnte nichts mit ihnen anfangen. Es war niemand da, der ihr Antworten geben konnte. Schließlich ging sie ins Schlafzimmer zu ihrer Handtasche, fischte den Briefumschlag heraus, den ihr der Anwalt überreicht hatte, setzte sich und öffnete ihn:
Liebe Nina,
nach allem, was ich weiß, bist Du vielleicht froh, dass ich Dich endlich zur Waise gemacht habe. Ich war Dir nicht gerade der beste Vater, Nina, und ich habe nicht vor, irgendwelche Ausreden dafür vorzubringen, aber ich hoffe, Du findest Trost in der Tatsache, dass mich die Distanz, die zwischen uns gewachsen ist, sehr oft geärgert hat. Trotz allem, was Du vielleicht denkst, war das schwer für mich. Ich weiß, dass Du seit vielen Jahren mehr über Deine geliebte Mutter erfahren willst, dass Du eine solche Idealvorstellung von ihr hattest, und davon, wie unser Familienleben früher war. Du hast ständig Fragen gestellt und nie viele Antworten bekommen. Alles, was ich sage, ist, dass man sich überlegen muss, was für Entscheidungen man in seinem Leben trifft, weil man sie nur allzu oft bereut.
Jetzt, da ich tot bin, gehört Snare Cove in Polpeggen (Cornwall) Dir. Verkauf das Grundstück, wenn Du möchtest – möglicherweise kann man damit Geld machen. Oder brenn das Haus nieder. Mich interessiert das nicht mehr. Ich für meinen Teil wünschte, ich hätte nie etwas damit zu schaffen gehabt.
Falls Du Dich wunderst, Polpeggen hat Deiner Mutter viel bedeutet. Sie hat als Kind ihre Ferien dort verbracht, bei einer alten Tante, die an der Bucht gewohnt hat. Die Tante ist schon lange tot. Als Deine Mutter hörte, dass Snare Cove zum Verkauf stand, habe ich es gekauft, um ihr eine Freude zu machen. Wir haben dort einige glückliche Sommerurlaube verbracht, bevor Du geboren wurdest und als Du klein warst. Seit dem Tod Deiner Mutter habe ich dafür gesorgt, dass das Haus instandgehalten wird, aber Du wirst vielleicht feststellen, dass einiges an Reparaturen notwendig ist. Ein Großteil der letzten Instandhaltungsmaßnahmen sind von einem Mannaus dem Ort vorgenommen worden, sein Name ist Merryn Rosewall. Du findest ihn im Polpeggen Bay Museum.
Zu dem Zeitpunkt, an dem ich dies schreibe, bist Du mit Jake Hunter verlobt. Sollte das immer noch der Fall sein, dann möchte ich Dich wissen lassen, dass du meinen Segen hast, ihn zu ehelichen. Obgleich mein erster Eindruck von Jake enttäuschend war, stelle ich mit Freuden fest, dass er sich als selbstbewusster und kompetenter junger Mann erwiesen hat. Ich wünsche ihm bei seinen Geschäften viel Erfolg und hoffe, dass Du erkennst, wie klug es ist, Dir ein Leben mit ihm aufzubauen. Aus demselben Grund lege ich es Dir noch einmal dringend nahe, Dir einen Beruf zu suchen, der Dir eine solidere Basis verschafft als die Kunstwelt. Betrachte dies als mein letztes Wort in dieser Angelegenheit.
Nun, dann leb wohl, Nina. Meine besten Wünsche für die Zukunft.
Dein Vater
Alan Munroe
Nina hatte den Brief seit dem Termin mit dem Anwalt wieder und wieder gelesen. Manchmal hatte er sie wütend gemacht. Manchmal hatte sie sich dabei leer gefühlt. Jetzt ertappte sie sich dabei, wie sie lächelte, unwillkürlich erheitert von dem sachlichen, geschäftsmäßigen Ton. Seine besten Wünsche für ihre Zukunft. Selbst sein Abschied klang, als hätte er ihn seiner Sekretärin diktiert. Aber war sie froh über seinen Tod? Das zeigte, wie wenig er sie gekannt hatte. Sie empfand vieles für ihn, und nicht alles davon war gut, aber er war trotzdem ihr Vater, ob sie sich nun nahestanden oder nicht.
Sie seufzte, faltete den Brief zusammen und sah sich dann im Zimmer um. Was war hier geschehen? Warum bereute er es, irgendetwas mit dem Haus zu tun gehabt zu haben? Und warum hatte er es ihr gegenüber in all der Zeit niemals erwähnt? Ein Sonnenstrahl fiel auf den Boden, brach durch die Düsternis. Nina folgte ihm mit dem Blick zu der Truhe mit den Schnitzereien. Instinktiv ging sie hin und hob den Deckel an. Er öffnete sich knarrend, und sie schnappte nach Luft, denn die Truhe war voller Kleidungsstücke. Sie wühlte mit den Fingern durch eine Sinfonie unterschiedlicher Stoffe: Seide, Satin, Wildleder. Lange, regenbogenbunt gestreifte Kleider, Perlenschals, Goldgürtel und Caprihosen – so voller Leben, in voller Blüte, eine prachtvolle Verkleidungskiste, deren Inhalt aussah und roch, als käme er aus einem Retro-Secondhandladen.
Nina zog einen pfauenblauen Overall aus Seide hervor, tief ausgeschnitten und mit weiten Ärmeln. Trotz der Knitterfalten war er der pure Achtzigerjahre-Glamour. Aber wo waren die vernünftigen Mittelklasse-Hausfrauen-Ensembles? Die beigefarbenen Twinsets und die gestärkten weißen Blusen? Das einzige Abendkleid ihrer Mum, an das sie sich erinnerte, war eine steife bordeauxrote Robe gewesen, knöchellang und hochgeschlossen. Um ehrlich zu sein, das Ding war grottenhässlich. Dieser kunstvollen Sammlung nach zu urteilen, war ihre Mum wahrscheinlich auch dieser Ansicht gewesen.
Plötzlich fiel Nina ein violetter Schimmer ins Auge – der Mantel von dem Foto. Sie wühlte sich in die Tiefe und zog ihn heraus. Ihre Handgelenke bogen sich unter dem Gewicht, als sie ihn sich anhielt. Das hier war nichts, worin man sich anonym fühlen konnte. Der Mantel war schrill, fast schon vulgär, ein klares Statement für jemanden, der keinerlei Hemmungen hatte, der sich nicht vor der Welt fürchtete. Er bettelte förmlich darum, dass man sich an ihm erfreute. Warum also war er hier versteckt?
Nina schob die Hände in die Ärmel. Das Seidenfutter leckte über ihre nackten Arme, und die weichen Samtfalten hüllten sie ein wie ein Kokon. Sie sah ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe und erkannte die hohen Wangenknochen und die geschwungenen Lippen augenblicklich wieder – ein Nachhall ihrer Mum, der Mum von dem Foto, blickte ihr entgegen. Sie waren sich so ähnlich, jetzt konnte sie es sehen. Der einzige Unterschied war die Augenfarbe. Die Augen ihrer Mum waren braun gewesen. Ihre waren von lebhaftem Grünblau.
Sie lächelte und folgte den Falten des Mantels mit den Händen, überlegte, wie es wohl wäre, wenn ihre Mum noch leben würde. Was sie Nina an ihrem Hochzeitstag sagen, wie sie ihre Hand drücken, sie auf die Wange küssen und ihr alles Gute wünschen würde, wenn sie zur Trauung schritt. Nina drückte den Mantel fester an sich, als könnte ihr das ihre Mum irgendwie näherbringen. Dann wirbelte sie einmal durchs Zimmer, spürte, wie der schwere Stoff wallte und sich blähte. Es fühlte sich wundervoll an, betörend. Und dann … verflog die Freude ganz plötzlich.
Es geschah binnen eines Augenblicks, als wären all die schönen Gefühle im Zimmer von einer böswilligen Energie gekapert worden. Der Mantel, noch immer um Ninas warmen, lebendigen Körper geschlungen, fühlte sich nur noch an wie eine kalte, tote Hülle. Sie versteifte sich und streifte ihn hastig ab.
Die hölzernen Wände schienen sich immer näher an sie heranzudrängen.
Sie brauchte Luft.
Der Taxifahrer hatte behauptet, über den Klippenweg käme man schneller in den Ort als über die Straße. Getrieben von dem Wunsch, sich wieder in der Zivilisation aufzuhalten, eilte Nina auf Polpeggen zu. Der Tag war hell und warm. Der Weg erwies sich als nicht viel mehr als ein schmaler Pfad, der in die Klippen gehauen war und von wild wuchernder Vegetation verborgen wurde – Brombeerranken, Fingerhut, Veilchen und Farn. Das Meer, das im Dunkeln so unfreundlich ausgesehen hatte, war jetzt von einem weichen, milchigen Türkisblau. Scharen von Kormoranen stießen herab, tauchten unter und wieder auf, als spielten sie ein Spiel, dessen Regeln nur sie verstanden. An diesem Teil der Küste gab es keinen langen Strand, nur ein paar pittoreske Bilderbuch-Buchten. Auf den ersten Blick sah das wunderschön aus, doch als Nina zurückschaute, konnte sie eine Reihe schwarzer Felsen von Snare Cove aus ins Meer hinausragen sehen, ungefähr fünfzig Meter weit, wie eine Peitsche, die ins Wasser schlug. Ein Schiff, das gegen diese Klippen getrieben wurde, hätte keine Chance. Unwillkürlich schauderte sie bei dem Anblick; er hatte ein ungutes Echo. Sie senkte den Kopf, zog ihre cremeweißen Jeans bis zu den Knien hoch und marschierte weiter, konzentrierte sich stattdessen auf das, was vor ihr lag – vielleicht ein ordentlicher Kaffee mit einem Croissant und einer Zeitung?
Bald bog der Weg landeinwärts ab, und Polpeggen tauchte auf wie ein Schatzkästchen – leuchtend weiß getünchte Mauern und Schieferdächer mit fleckigen ockergelben Flechten darauf drängten sich am Fuß der Klippen. Die Geschäftigkeit des Ortes ließ Ninas Strandhaus, ganz allein auf seiner Landspitze, sogar noch abgeschiedener erscheinen, wie ein unerwünschtes Anhängsel, vom Rest abgeschnitten. Der Weg führte weiter über eine sanft abfallende Kuhweide und einen überwucherten Friedhof und senkte sich dann in das Netz aus Kopfsteinpflastergassen hinab. Die Gehwege, wenn es denn überhaupt welche gab, waren schmal und uneben. Die Gebäude hatten ganz unterschiedliche Breiten, Höhen und Formen, aber die Farben waren einheitlich – alle hatten weiße Wände und blaue Türen. Ehrbare Fischer-Cottages ohne Schnickschnack. Keine Blumenampeln oder dekorativen Briefkästen. Keine Versuche, die verblichene Farbe oder vorwitziges Moos zu kaschieren. Nina erkannte rasch, dass die malerische Eigenartigkeit des Ortes, die sie auf dem Weg von den Klippen herunter bemerkt hatte, eher einer Art Ermüdung entsprach, aber das Städtchen war trotzdem recht reizvoll – jedenfalls für einen oder zwei Tage.
Sie war hungrig, hatte jedoch keinen Schimmer, wohin sie sich wenden sollte. Schließlich kam sie an einem alten Mann vorbei, der auf einer Türschwelle saß, Zigarettenblättchen in den Fingern, ledrige Haut, Trinkernase. Er nickte ihr zu.
»Entschuldigung«, sagte sie. »Kann ich hier irgendwo einen Kaffee bekommen?«
»Kaffee?«, lachte er. »Kaffeetrinken bringt doch nichts, es sei denn, man kippt ’n bisschen Brandy rein …«
Sie rang sich ein unechtes Lächeln ab.
»Versuchen Sie’s mal am Hafen«, meinte er.
»Und wo ist der?«
»Direkt am Meer.«
»Alles klar.«
»Sie werden ihn schon finden, Schätzchen. Alle Wege führen ans Meer.«
Sie bedankte sich und ging weiter, verwirrt vom stumpfsinnigen Humor des Mannes. Trotzdem, es war schön, das Gesicht eines anderen Menschen zu sehen. Sie war an Menschenmengen gewöhnt. In London wären sie und Jake jetzt in der Bahn und würden die Rushhour mit finsteren Gesichtern über sich ergehen lassen. Sie würde eine Zeitschrift lesen oder eine neue Liste in ihr goldenes Hochzeits-Notizbuch schreiben. Er würde mit seinem Handy Musik hören, die Arme verschränkt, die Augen geschlossen, und den Kontakt mit der Öffentlichkeit meiden. Ein Kaffee vom Café Nero, ein Küsschen auf die Wange auf der Liverpool Street, dann war es an der Zeit, getrennte Wege zu gehen, hinein ins Vakuum ihrer Jobs. Es war nichts Ausgefallenes oder Gewagtes, aber die Regelmäßigkeit des Ganzen hatte etwas Tröstliches. Es war heimelig, war Routine.
Polpeggens marode Abgelegenheit fühlte sich plötzlich fremd und abweisend an, doch Nina bemühte sich, Trost in der Tatsache zu finden, dass ihre Mum den Ort geliebt hatte, genug, um ein Stück davon besitzen zu wollen, damit sie zu Besuch kommen konnte, wann immer es ihr gefiel.
Sie wünschte, sie könnte sich daran erinnern. Sie sehnte sich danach, sich daran zu erinnern.
Ab welchem Alter nahmen Erinnerungen Gestalt an? Mit drei? Mit vier?
Erinnerungen aus ihrer Kindheit waren ihr nie lebendig oder besonders nahe erschienen, fast als würden sie sich verstecken.
Die Cottages wichen einem bunten Gemenge aus Pubs, Geschäften und Pensionen. Die meisten Läden nützten Nina nichts, dort wurden Buddeleimer und – schaufeln, Secondhandbücher und staubiger Souvenir-Krimskrams verkauft. Sie fand schließlich einen kleinen Supermarkt, dessen Blütezeit eindeutig in einer anderen Dekade gelegen hatte, und erstand ein Putzmittel-Sortiment, ein altbackenes Milchbrötchen mit neonrosa Zuckerguss und einen Notfall-Instantkaffee aus einem Automaten.
Nahe beim Hafen, wo die Lichter am hellsten schienen, bemerkte Nina mehrere Künstler-Ateliers. Die verräterischen Zeichen waren deutlich – Zigarettenkippen auf den Türschwellen, ein aus Tonscherben gebasteltes Besucher willkommen-Schild, ein zerfleddertes Plakat im Fenster, das Aktzeichenkurse anpries. In solchen Rumpelbuden wird Kunst geschaffen, dachte sie bei sich. Und in den schicken, sterilen Galerien von Image Internazionale wird sie dann zu Geld gemacht.
Entlang des Hafens verströmten Fischernetze, Angelkästen und Hummerreusen durchdringenden Seetanggestank. Es gab durchaus Anzeichen für den Touristen-Boom, von dem der Taxifahrer gesprochen hatte: hölzerne Schilder boten Ausflüge an, um Seehunde zu beobachten, Cafés öffneten für Familien im Streifen-Partnerlook mit rosigen Wangen und Deluxe-Babykarren. Doch der Boom fing eindeutig gerade erst an. Polpeggen wand sich noch immer unter der Last der stehen gebliebenen Zeit.
Nina hockte sich auf eine Bank, in sicherer Entfernung vom Wasser. Sie schob sich die Papiertüte aus dem Supermarkt unter das Hinterteil ihrer hellen Jeans und sah zu, wie sich die Möwen im flachen Wasser zankten. Es war Ebbe. Die Boote, die ihr am nächsten waren, lagen auf dem feuchten Sand, die gewölbten Bäuche entblößt, nutzlos und klobig. Ein Glück, dachte sie. Wenn man die Segel nicht setzen kann, kann man nicht ertrinken.
Licht schimmerte auf dem Wasser, und allmählich erwachte der Hafen zum Leben. Junge Männer trugen Kisten und Netze zu ihren Fischkuttern. Zwei halbwüchsige Mädchen paddelten in einem Kajak los. Ein Knäuel Kleinkinder inspizierte einen Krabbenpanzer. Taue wurden aufgerollt, Segel wurden hochgezogen. Nach und nach verließ ein Boot nach dem anderen bei allmählich auflaufender Flut den Hafen. Ein Boot fiel Nina besonders auf. Es hatte ein leuchtend rotes Segel und fuhr in die Gegenrichtung; anstatt auszulaufen, kehrte es vielmehr in den Hafen zurück. An der Kaimauer angekommen, kletterte mitten im grellen Sonnenlicht ein Mann heraus. Ihm folgte eine wild umherspringende Promenadenmischung, einer von diesen Hunden, die immer ungepflegt aussahen, egal, was man mit ihnen anstellte.
Der Mann war breitschultrig und sonnengebräunt – nicht das Plastik-Goldbraun eines Bräunungsspray-Fanatikers, sondern das wettergegerbte Schimmern eines Mannes, der sein Leben im Freien verbrachte. Sein sonnengebleichtes Haar fiel ihm ins Gesicht. Er sah gut aus, ein bisschen raubeinig. Sogar ein bisschen schmuddelig. Aber definitiv attraktiv.
Jetzt sprang er wieder in sein Boot, holte ein Tau und einen kaputten Schaukelstuhl hervor und trug beides die Leiter hinauf und dann den Kai entlang. In seinen ausgefransten Cargohosen und seinen Flipflops pfiff er beim Gehen vor sich hin, sorgenfrei und dicht gefolgt von der Promenadenmischung. Ninas Gedanken gerieten in Bewegung. War das hier Polpeggens Äquivalent des täglichen Pendlerverkehrs? Eine alternative Version jenes hastigen, den Blick zu Boden gerichteten Marsches zur Arbeit? Wo waren der Laptop, die Hektik und der gebügelte Anzug? Nina lachte in sich hinein. Das war ja schon fast bizarr.
Als ihr Kaffeebecher leer war, wagte sie sich ein wenig dichter ans Wasser und gratulierte sich im Stillen selbst dazu, dass sie es in den letzten zehn Jahren geschafft hatte, dem Meer nicht mehr so nahe zu kommen wie jetzt. Ihr Instinkt befahl ihr, den Rückzug anzutreten – eine Million winziger Kopfstimmen riefen »Gefahr!«, doch sie hielt stand und ließ es zu, dass die flachen Wellen über ihre Füße schwappten. Dabei sah sie zu, wie der Strand nach und nach von Besuchern und ihrer Ausrüstung in Beschlag genommen wurde: Stühle, Matten, Handtücher, Kühlboxen, Lenkdrachen, Bälle, Strandmuscheln. Zwei Eltern stellten einen bunt gestreiften Windschutz auf, während ihre langhaarigen, zweigdürren Töchter einen bitterernsten Wettkampf im Bodenturnen austrugen und ihre blassen Körper immer wieder mit furchtlosem, beharrlichem Ehrgeiz in den Sand schleuderten. Nina seufzte. Als Kind hatte sie nicht mal Purzelbäume schlagen können, ohne seekrank zu werden. Sie schloss die Augen und hielt das Gesicht in die Brise, da spürte sie es plötzlich, ganz kurz, ganz intensiv – eine Erinnerung.
Der Geruch nach Meerwasser, das Gefühl von salziger Luft, die durch ihr Haar fegte.
Sie versuchte, es festzuhalten, es in ihrem Gedächtnis ganz nach vorn zu locken.
Hier, am Wasser, mit einem Flüstern und einem Lächeln, Sand und Kiesel unter ihren Füßen, Nina und ihre Mum, die beiden hockten im feuchten Sand und legten Muster aus Treibholz, Muscheln und vom Wasser glattgeschliffenen Glasscherben. Das Schimmern des Sonnenlichts in den braunen Augen ihrer Mutter, lange Finger behände am Werk. Dann eine Stimme im Hintergrund, die sie fortrief.
»Hey! Hey! Was zum …«
Jäh gaben Ninas Beine nach, knickten unter einem harten Stoß gegen die Waden ein. Das kalte Wasser war ein Schock, als es auf ihre Knie traf. Ein erschreckend wuseliger Haufen drahtigen Haars kam durch die Wellen gepflügt und krachte gegen sie. Sie schrie vor Angst auf und hielt sich die Arme vors Gesicht. Warmer, miefiger Atem und eine sabbernde Zunge drängten sich ihr entgegen, gefolgt vom Brüllen einer Männerstimme:
»Weg da! Aus! Hau ab!«
Sie kämpfte sich durch den Nebel des Schreckens und sah sich der verschwommenen Version eines Mannes gegenüber, breitschultrig, zottelhaarig, Anfang dreißig, vielleicht auch ein bisschen älter. Sonnenlicht im Rücken und eine Hundeleine in der Hand. Der Mann von dem Segelboot.
»Tut mir wahnsinnig leid«, versicherte er. »Alles okay?«
Er streckte die Hand aus, half ihr hoch.
»Geht so«, erwiderte Nina, zornig über die Blamage und ihre ruinierten Jeans – und darüber, dass ihre Konzentration gestört worden war.
Sie wischte sich den Sand von den Oberschenkeln.
»Sie sollten besser auf Ihren Hund aufpassen!«
»Das ist Daisys Art, Hallo zu sagen, fürchte ich. Sie hat’s nicht böse gemeint, sie wollte nur nett sein. Wenn überhaupt, dann nehmen Sie’s als Kompliment. Sie rennt nur Leute um, die ihr gefallen …«
Gereizt richtete Nina sich auf. Ihr gefiel es nicht, wie dieser Typ da ganz locker stand und so tat, als sei gar nichts weiter passiert, wie er mit genau der Sorte Ausreden ankam, die Leute mit Hunden immer parat hatten. Sie wollte nur nett sein.
»Sie sollten’s öfter mit dem Ding da versuchen«, fauchte sie und zeigte auf die Leine. »Wissen Sie, das hier ist ein öffentlicher Strand. Ich hätte mir ganz schön was tun können.«
