Sommersüße - Martina Lange - E-Book

Sommersüße E-Book

Martina Lange

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Beschreibung

Sommersüße vereint 23 Geschichte und Illustrationen (schwarz/weiß) verschiedener Genres, darunter Ausgezeichnete wie: "Feuerzorn" oder "Von dem was bleibt". Zwischen Liebe und Leid, Freude und Verzweiflung finden die Helden des Alltags in den stimmungsvollen Geschichten ihr Glück im Kleinen. In unserer schnelllebigen Zeit öffnen sich hier kleine Fenster zum Durchatmen.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Buch

Martina Lange schreibt seit ihrem 10. Lebensjahr Kurzgeschichten. Sie studierte "Literarisches Schreiben" in Frankfurt a.M. und lebt mit ihrer Familie im Weserbergland.

Sommersüße und viele andere Kurzgeschichten entstanden hier. Darunter die Gewinner diverser Literatur-Wettbewerbe:

"Feuerzorn"

"Von dem was bleibt"

"Meine Freiheit, deine Freiheit"

"Südwest im Herzen"

oder

"Rose"

Für

Anna und Sarah

Inhalt

I. Teil:

Schattenwelt

Rose

Meine Freiheit, deine Freiheit

Spiegelbild

Sommersüße

Extempore

Landlust

Der Jäger

Der Ruf des Käuzchens

Drei minus Eins

Wetterwechsel

Das Gedicht

II. Teil:

Tanz in den Mai

Feuerzorn

Zwei Kilo Fleisch oder "von Sweine un Kartuffeln"

Südwest im Herzen

III. Teil:

Craig na Dun

Verrechnet

Im Schatten der Weißen Wächter

Kristallmond

IV. Teil:

Utopia

Herzstolpern

Von dem was bleibt

I. Teil

Schattenwelt

Der Januar klebte auf den Straßen und Gehwegen. Lucie zwängte sich aus der überfüllten Straßenbahn. Die herandrängenden Fahrgäste versperrten ihren Weg und so trat sie in eine der ölig schimmernden Pfützen.

Sofort durchweichte die trübe Salzbrühe ihren Stiefel. Angeekelt schüttelte sie das eisige Wasser ab und überstieg einen der schmutzigen Schneehügel vor der Haltestelle. Schnee rutschte von oben in den Stiefelschaft. Nun waren beide Füße nass und kalt.

Notgedrungen ergab sie sich den widrigen Umständen, zog ihren schwarzen Schal zurecht, die dazu passende Mütze über beide Ohren und tief ins Gesicht. Ein eisiger Windstoß trieb die mit ihr Angekommenen auseinander und auch Lucie vor sich her.

Die Luft roch nach Schnee und Abgasen. Die Hände tief in den Taschen vergraben, wich sie entgegenkommenden Passanten aus. Jemand trat unerwartet aus einem der Geschäfte. Lucie gelang es gerade noch auszuweichen, um einen Zusammenstoß zu verhindern, und geriet dafür in den Strom der Vorbeieilenden. Von allen Seiten erntete sie unwillige Äußerungen. Über die Köpfe hinweg bemerkte sie für einen Moment die Gestalt eines Mannes.

Anfang dreißig, markantes Gesicht und Brille. Er erinnerte sie vage an ihren neuen Nachbarn, der ihr immer so hilfsbereit die Tür aufhielt. Sobald sie aber seinen Blick über ihr Gesicht streichen spürte, wandte sie sich rasch ab. Sie wollte niemandem auffallen.

Die Laternen tauchten die Gehsteige in mitleidlose Helligkeit. In den Ecken, hinter den Müllcontainern und Hinterhöfen wurde die Dunkelheit dagegen umso dichter.

Dort war eine ganz andere Welt. Geboren erst durch die Erleuchtung aller Wege, entzog sie sich den kalten, grell schillernden Lichtern der Stadt. Allgegenwärtig fraßen sie ausnahmslos selbst den kleinsten Funken positiver Energie. Alles erschien fahl, besonders die Menschen. Ihre blicklosen Augen steigerten Lucies Schaudern, beschleunigten ihre Schritte, während sie sich zwang, nur auf den versulzten Gehweg zu sehen. Noch zwei Straßen, sprach sie sich innerlich Mut zu, dann war sie zu Hause.

Sehnsüchtig dachte sie an ihre Küche, in der sie an anderen Tagen zu dieser Zeit bereits ihren Kakao trank.

Heute hatte sich Frau Freitag an Lucie erinnert. Die Erinnerungen kamen ihrer Kollegin immer dann, wenn der Chef bereits gegangen war und auch Frau Freitag früher nach Hause wollte. Lucie hatte genickt, woraufhin Frau Freitags Mund gelächelt und sie "Schätzchen" genannt hatte.

Morgen konnte sie wieder allein frühstücken, wenn sie erneut unsichtbar geworden war. Das störte Lucie nicht im geringsten, wohl aber der Umstand, an den mit Finsternis bevölkerten Winkeln vorbeigehen zu müssen.

Allmählich wurde die Zahl der Entgegenkommenden geringer. Nun konzentrierte sie sich ganz auf das vor ihr liegende Mietshaus aus den späten Sechzigern. Als sie die Haustür öffnete, drängte sich der vertraute Geruch von Bohnerwachs und Küchendünsten an ihr vorbei.

An der linken Tür im ersten Stock mischte sich kalter Zigarettenrauch hinzu. Lucie verzog heute nicht einmal das Gesicht. Sie hastete lediglich weiter die Stufen hinauf. Vorbei am dritten Stock mit den Blumen vor der einen Tür und dem gelben Sack vor der anderen, bis hinauf zum Dachgeschoss. Noch bevor sie ihre eigene Wohnung erreichte, hielt sie bereits den Schlüssel in der Hand. Ihr Nachbar kam ihr schwungvoll mit wehendem Schal auf den letzten Stufen entgegen. Er grüßte fröhlich, stolperte über die nächsten zwei Stufen und eilte unbeirrt weiter die Treppe hinunter. Lucie erstarrte, murmelte ein schmales 'Guten Abend', aber das hörte er sicher nicht mehr. Er sah aus wie jener Mann, der sie nach dem Beinahzusammenstoß angesehen hatte. Konnte es sein, dass sich zwei Menschen dermaßen ähneln? Verwundert steckte sie den Schlüssel in die Tür. Dieser Tag war eindeutig zu lang gewesen.

Im kleinen Flur entledigte Lucie sich achtlos der feuchten, schwarzen Jacke, gefolgt von Schal und Mütze. Mit beiden Händen wuschelte sie sich ihre geplätteten blonden Haare auf. Eigentlich mochte sie keine Mützen. Die aufflammende Küchenlampe beschien die Reste ihres Frühstückstoasts, dessen Rinde sich welk in die Höhe bog. Wie mahnende Zeigefinger reckten sie sich ihr entgegen.

'Du hast wieder den Tisch nicht abgeräumt', hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Lucie seufzte, warf den Toast in den Mülleimer und die Stimme gleich hinterher.

Die Nacht hinter dem kleinen Dachfenster flackerte ihr kalt entgegen. Lucie ließ aus der Geborgenheit ihrer Küche den Blick schweifen. Von links, wo die dunkle Fläche des Parks lag, nach rechts, vorüber an den großen Wohntürmen der Trabantenstadt. Schneeregen klatschte nun schwer auf die Scheibe und nahm ihr die Sicht. Entschlossen zog sie das Rollo herunter.

Sie schmierte sich ein Käsebrötchen und legte es auf den Frühstücksteller. In der Zwischenzeit begann der Wasserkocher zu brodeln. Und endlich stieg ihr tröstlich der warme, süße Duft von Kakao in die Nase. Jetzt noch eine Prise Zimt ... hmm. Winter und Zimt gehörten einfach zusammen.

Vor sich hinsummend balancierte Lucie ihr "Mahl" in das angrenzende Wohnzimmer. Im Vorbeigehen schaltete sie den Fernseher ein. Die meisten Filme hatten bereits begonnen. Nach dieser Art von Unterhaltung stand ihr sowieso nicht der Sinn. Achtlos biss sie in ihr Brötchen, während sie mit dem Finger an ihren DVDs entlangwanderte. Ihre Regale waren abwechselnd angefüllt mit Büchern, CDs und DVDs. Neben- und übereinander, manchmal voreinander - ein Umstand, welcher ihr das Finden regelmäßig erschwerte - stapelten sie sich dicht gedrängt. Lucies Finger fanden endlich einen ihrer Lieblingsfilme. Sie zog ihn aus dem Regal und legten ihn neben ihren Teller auf den Wohnzimmertisch. Aus den großen Augen der lachenden Mädchen strahlte ihr überschwängliche Energie entgegen. Vorfreude und der Kakao wärmten sie bis in die kleinen Zehen durch.

Im Schlafzimmer entledigte sie sich ihrer Arbeitskleidung. Schwarze Jeans und hellgraue Bluse wurden ordentlich auf den Bügel gehängt und keines Blickes mehr gewürdigt. Entzücken erfüllte sie, als sie die linke Seite ihres Kleiderschrankes öffnete. Farbenfroh begrüßte sie der Inhalt. Ein blauer Minirock mit weißem Saum, dazu das passende Oberteil. Ein wenig erinnerten die Kleidungsstücke an die Uniformen von Matrosen, abgesehen von der roten Schleife. Behutsam schlüpfte Lucie in weiße, halterlose Strümpfe, die ihre langen Beine betonten. Schließlich frisierte sie sich neu. Ordentliche Zöpfe mit ebenfalls roten Schleifen versehen. Lucie drehte sich vor dem hohen Standspiegel und lächelte. Zum ersten Mal an diesem Tag.

Der Vorspann begann und Lucie sang ihn leise mit. Längst kannte sie die Texte auswendig. Hier war ihre Welt. Und einen Augenblick später tauchte sie ganz darin unter. Bunt und fröhlich leuchtete sie ihr entgegen und sie strahlte zurück.

Es klingelte! Lucie zuckte zusammen. Wer mochte das sein um diese Zeit? Sie stoppte die DVD und öffnete die Wohnzimmertür. Ganz leise, auf Zehenspitzen, schlich sie hinüber zur Wohnungstür. Die Kette war eingehängt, glücklicherweise. Leider hatte sie vergessen, das Licht im schmalen Flur zu löschen. Sie konnte also nicht vorgeben fort zu sein. Es klopfte.

Ein Schatten bewegte sich vor dem Glaseinsatz. Zitternd drehte sie den Schlüssel und öffnete die Tür, so weit die Kette es zuließ.

Nasse Winterstiefel, nasse Hosenbeine, nasser Wintermantel und das rot gefrorene Gesicht ihres Nachbarn füllten den schmalen Spalt aus. Sein Blick war Entschuldigung und Verzweiflung gleichermaßen. Ein verlorener Junge.

"Bitte, ich habe meinen Schlüssel verloren und ich kann ihn in den Schneehaufen vor der Tür einfach nicht finden. Mein Handy ist noch in meiner Wohnung. Könnte ich vielleicht Ihr Telefon benutzen? Den Schlüsseldienst anrufen oder so ...?" Er verhedderte sich in seiner Ratlosigkeit und seine nervösen Finger in den dunklen Brillenbügeln.

Lucie starrte ihn noch immer sprachlos an. Dann runzelte sie die Stirn. Seine Augen waren so anders: lebendig und voller Wärme. Stand er noch nicht unter dem Einfluss des kalten Lichtes? Eine Welle längst verloren geglaubten Vertrauens stieg in Lucie empor. "Oh, natürlich. Einen Moment bitte." Ungeschickt entfernte sie die Kette und öffnete ihre Wohnungstür. Bat einen Fremden hinein.

"Danke sehr", lächelte er erleichtert und ließ seine Verlegenheit mit dem Schneematsch auf der Fußmatte zurück. Unter seinem Mantel blitzte das Emblem eines Superhelden auf.

Rose

"Bist du dir wirklich sicher, dass wir hier Staub wischen sollen?" Ayshe wandte sich zu ihrer Kollegin um, die mit Staubsauger und Feudel bewaffnet an ihr vorbei durch die Tür drängte.

"Na, klar! Der Chef hat gesagt: alles. Und es wird auch wirklich Zeit, wenn du mich fragst. Der alte 'Gobbe-Läng' hatte es wirklich nötig. Und jetzt sieh dir das an ... Die letzte Reinigungskolonne hat wahrscheinlich nur um den Wandbehang herum geputzt." Entrüstet stemmte Evi die Hände in ihre ausladende Hüften und sah sich kopfschüttelnd um.

Nach einiger Anstrengung war es den beiden Frauen gelungen den Gobelin von der rückwärtigen Wand des Ausstellungsraumes im Besucherzentrum Sababurg herunterzunehmen. Dahinter kam eine, über und über mit staubbedeckte, leicht angelehnte Tür zum Vorschein. Evi stemmte ihre resoluten zweihundert Pfund dagegen und endlich gab das Holz knarrend nach.

Staub lag zentimeterdick auf den Möbeln, in den Mauerritzen und bedeckte flockig die Steinplatten. Spinnweben hüllten die Deckenbalken und ein Bett ein. Die Farbe der Vorhänge war nicht zu erkennen.

"Ich weiß nicht. Das sieht hier nicht wie ein Teil des Besucherzentrums aus." Ayshe stand noch immer unschlüssig an der Tür, während Evi bereits begonnen hatte, mit dem robusten Sauggerät den Boden und die Wände zu bearbeiten.

"Nu' steh da nicht so rum. Wir wollen heute noch fertigwerden. Nimm die Vorhänge ab, die müssen in die Reinigung." Während Evi ihre brüllende Gerätschaft hinter sich her zerrte, umrundete Ayshe langsam das riesige Himmelbett.

Die vier Vorhänge waren rundum geschlossen. Als sie einen zur Seite ziehen wollte, zerfiel der morsche Stoff zwischen ihren Fingern. Fetzen uralten Samtes hingen noch in den Befestigungsringen, während der Rest zu Boden rieselte. Ayshe wich vor dem Anblick, der sich ihr offenbarte, zurück. Der schreckerstickte Laut aus ihrer Kehle konnte das Brummen nicht übertönen. Sie tastete nach dem Kabel und zerrte daran. Endlich flog der Stecker aus der Dose nebenan.

"Ja zum Kuckuck ...!" Evi fuhr entrüstet herum und bedachte Ayshe, die noch immer das Kabel in der Hand hielt, mit einem finsteren Blick.

"Da ...", würgte die junge Türkin hervor und deutete endlich auf das Bett.

Evi stieß einen unwillig schnaubenden Laut aus und begab sich an Ayshes Seite. Nun nahm ihr Gesicht die Farbe des Staubes an.

"Ach du heilige ...", erstarb der Rest des Ausrufs. "Los, raus hier!"

"Was treiben Sie dort?" Die Historikerin des Museums, Bella Prinz, stand entrüstet vor dem nachlässig zusammengelegten, wertvollen Wandteppich. Ein Gobelin aus dem frühen Mittelalter, auf welchem dreizehn weise Frauen dargestellt waren, und der eigentlich die rückwärtige Wand des Ausstellungsraumes bedeckte. Zu der scharfen Zurechtweisung, die sie sich bereitgelegt hatte, kam es jedoch nicht. Zwei Reinigungskräfte stürzten beinah panisch durch einen Türbogen hinter einem der Schaukästen. Nur stolpernd kamen die Frauen, durch den Gobelin zu ihren Füßen aufgehalten, Bella gegenüber zum stehen.

"Wir ... Das müssen Sie sich ansehen. Bitte, kommen Sie!", drängte Evi und die Erleichterung auf eine Verantwortliche getroffen zu sein, war ihr deutlich anzuhören.

"Nö, ich geh da nicht mehr rein!" Ayshe wich entsetzt zurück.

"Wovon sprechen Sie eigentlich?"

"Na, der Raum. Hinter dem 'Gobbe-Läng' ..." Evi deutete zur weit offen stehenden Tür. Die Historikerin sah zweifelnd von einer Putzfrau zur anderen.

"Dort gibt es keinen Raum", beharrte Bella. Schließlich kannte sie die Pläne der Burg genau und in diesem restaurierten, nicht ausgebrannten Teil des Gemäuers, war jeder Zentimeter genauestens von ihren Vorgängern und von ihr selbst untersucht worden. Oder gab es Lücken in der Aufzeichnung?

Evi zog die Augenbrauen hoch. "Na, aber doch! Sehen Sie nur. Und dann ... auf dem Bett. Uh, es ist so gruselig. Wir sollten die Polizei rufen, oder ... Na, wenn das allerdings wieder so ein Trick sein soll, um noch mehr Gäste in die Burg zu locken, ich weiß nicht. So etwas würde ich mir nicht freiwillig ansehen wollen." Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. Mit der wiedergefundenen Fassung kehrte auch die Farbe in ihr Gesicht zurück.

Eindeutig war dort eine kleine Kammer. Licht schien diffus durch ein sehr hoch sitzendes, winziges Fenster, beinah schon auf Deckenhöhe. Sehr ungewöhnlich. Vielleicht eine Schießscharte? Bella räusperte sich. "Ich werde es mir ansehen. Bitte machen Sie erst einmal eine Pause, wir sprechen uns später noch einmal, wenn ich den Direktor informiert habe."

Evi fasste die erstarrte Ayshe am Kittel und zog sie mit sich zur Cafeteria. "Komm schon, wir machen später weiter."

Bella trat unter den Türbogen. Nein, das hier war eindeutig keine neue Strategie, um Besucherzahlen zu erhöhen. Diese Schlafkammer war echt, das sah sie auf den ersten Blick. Hoffentlich hatten die beiden keine historisch wichtigen Details zerstört.

Das herrlich gearbeitete Himmelbett fing ihren Blick ein. Eilig zog sie die weißen Handschuhe aus ihrer Hosentasche, die sie als notwendige Ausrüstung immer bei sich hatte, und streifte sie über. Die kostbaren alten Folianten des Burgarchivs verziehen es nicht, wenn sie mit feuchten Fingern in Berührung kamen.

Vorsichtig strich Bella über einen der gedrechselten Pfosten. Kirschholz kam unter dem Staub zum Vorschein. Sie sah sich um. Man konnte genau erkennen, bis zu welcher Stelle die Putzaktion vorangekommen war. Aufgewirbelte Staubflocken tanzten über einer eisenbeschlagenen Truhe und ließen sich auf einem hochlehnigen Stuhl nieder. Daneben stand ganz und gar verhüllt von Spinnenseide ein Spinnrad.

Unter Bellas Haut begann es zu kribbeln. So ein Unfug! Sie lebte im einundzwanzigsten Jahrhundert und hier wurden Märchen nicht unversehens zur Realität, selbst wenn sie in der Burg arbeitete, die als Ursprungsort desselben galt. Trotzdem sah sie sich verstohlen nach der Spindel um, konnte sie aber nicht entdecken. Nun, vielleicht war sie vom Staub verschluckt worden. Langsam näherte sich Bella dem Bett von der Seite, auf welcher ein Teil des Vorhanges heruntergerissen war. Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Bis hinauf zu ihrer Kopfhaut. Und sie schluckte trocken. Es war nicht verwunderlich, dass die beiden Frauen zuvor so schockiert gewesen waren.

Die Zeit stand still. Der Staub hörte auf zu tanzen, verharrte regungslos in der Luft und Bella hielt den Atem an.

Unter einem feinen Gespinst aus Gaze und Staub lag ein Körper. In Burgen war es durchaus üblich gewesen, dass ein Mörder sein Opfer hinter geheimen Türen oder Mauern verschwinden ließ. Wenn sich hier etwas Ähnliches ereignet hatte, so war das vor sehr, sehr langer Zeit geschehen. Bella wappnete sich davor, in das Gesicht einer mumifizierten, hoffentlich reichlich alten, Leiche zu blicken. Die Aussicht auf die Schlagzeilen in den Tageszeitungen und den anschließenden Besucherstrom, der ihren Arbeitsplatz sichern würde, gab ihr Mut. Bella streckte die Hand aus. Ihre Finger zitterten leicht, als sie nach dem Gewebe griff und es langsam vom Gesicht der Frau zog.

Ein Antlitz, frisch wie ein Frühlingsmorgen, strahlte ihr entgegen. Die Wangen, rosig überhaucht vom tiefen Schlaf, auf welche lange dunkle Wimpern zarte Schatten zeichneten. Das edle Haupt, umschmeichelt von goldenem Lockengewirr. Der Anblick nahm Bella gefangen und rauschte durch ihre Adern wie junger Apfelwein.

Das konnte nicht sein! Bella riss die Hand zurück. Nachdem sie qualvolle Minuten damit verbracht hatte, ihren Verstand wieder unter Kontrolle zu bringen, siegte die Neugierde. Vorsichtig trat sie erneut an die Schlafstätte. Mit dem Fuß stieß sie an einen Gegenstand. Bella bückte sich und fand die Spindel unter dem Bettrock. Sie lag genau an jener Stelle, wohin sie aus der erschlafften Hand der wunderschönen Frau gefallen war.

Bella presste die Spindel an ihre Brust. Ein Knistern erfüllte die Luft. Sie fühlte sich sonderbar losgelöst, als wäre sie aus der Zeit herausgetreten. Ergriffen schloss sie kurz die Augen. Alles war genauso, wie sie es in einem der alten Folianten gelesen hatte. Sie war sich nun sicher, was zu tun war, und dass sie es nicht verhindern wollte. Zu allem entschlossen beugte sie sich vor.