9,99 €
So leuchtend wie ein Campari am Strand, so tiefgründig wie der Sternenhimmel an einem klaren Sommerabend Als Dafne und Amelia die Nachricht vom Tod ihrer Tante erhalten, herrscht zwischen ihnen seit Jahren Funkstille. Nun sollen die Schwestern gemeinsam das idyllische Strandbad an der Amalfiküste erben – jenem Ort, an dem sie den magischsten Sommer ihrer Jugend erlebt haben, bis in einer verhängnisvollen Nacht alles ein Ende fand. Jetzt kehren sie nur nach Positano zurück, um das Strandbad so schnell wie möglich zu verkaufen. Doch als vier Gäste eintreffen und Tag für Tag zur gleichen Zeit ins Meer tauchen, ist ihre Neugierde geweckt. Was haben die vier Personen mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun? In der salzigen Meeresluft finden Dafne und Amelia endlich den Mut, sich der Wahrheit zu stellen – und erkennen, dass ein Neuanfang nur möglich ist, wenn sie einander vergeben.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Sommertage am Meer
ROBERTA GREGORIO wurde 1976 im schönen Fürstenfeldbruck in Bayern geboren und ist dort direkt an der Amper aufgewachsen. Auch heute lebt sie mit ihrer Familie am Wasser, nur nicht mehr am Fluss, sondern am Meer, genauer in Süditalien. Gleich geblieben ist ihre große Leidenschaft für Worte, Texte und Manuskripte. Wenn sie nicht schreibt oder liest, übersetzt sie auch gerne. Braucht sie trotzdem mal eine kurze Pause, dann geht sie an den Strand und lässt die Seele baumeln, denn die Sache mit dem Dolcefarniente, die kann sie besonders gut.
Von der Autorin sind in unserem Hause außerdem erschienen:Die kleine Eismanufaktur in Amalfi Der zauberhafte Papierladen in AmalfiDie Zitronenblüten von Amalfi Sommertage auf Capri Capri bedeutet für immer Alles Glück beginnt auf Capri
Nach dem Tod ihrer Tante Carmen kehren die ungleichen Schwestern Dafne und Amelia an die Amalfi-Küste zurück – an den Ort ihrer unbeschwerten Kindheit. Doch die Erbschaft des Strandbads birgt eine Bedingung: Bevor sie es verkaufen dürfen, müssen sie es vier Wochen lang gemeinsam führen. Zwischen türkisblauem Meer und endlosen Sommertagen müssen die beiden lernen, alte Wunden zu heilen und einander zu vertrauen. Ein atmosphärischer Roman über Familie, Liebe und die Kraft der Versöhnung.
Roberta Gregorio
Roman
Ullstein
Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de
Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage April 2026© 2026 Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 BerlinWir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]: Simone Becher, bürosüd plus GmbHTitelabbildung: © Oasis by Elizabeth LennieVignette im Innenteil: Flaticon.comAutorinnenfoto: © Eleonora FerollaE-Book Konvertierung powered by pepyrusISBN 978-3-548-07303-3
Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.
Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.
Hinweis zu UrheberrechtenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Das Buch
Titelseite
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Kapitel 1
Dafne
Dafne zuckte zusammen, als die kalten Wasserspritzer, die Leo bei seinem waghalsigen Sprung in den Pool in alle Richtungen verteilt hatte, auf ihrem von der Sonne erhitzten Bauch landeten. Instinktiv hielt sie ihr Weinglas hoch. Kein einziger Tropfen ihres Pinot Grigio ging verloren, und sie war so stolz auf sich, als hätte sie eben ein Menschenleben gerettet. Den vorwurfsvollen Blick ihres Mannes Cesare spürte sie von der Grillecke, die sie für Partys, Feiern und Familienessen eingerichtet hatten, über den ganzen Garten bis hin zu ihrer Liege. Aber seine Blicke waren sowieso meist so: vorwurfsvoll und verletzt. Was sie ihm keineswegs verübelte. Da sie seinen Vorwürfen jedoch nichts entgegensetzen wollte, tat sie das Einzige, was Sinn ergab: Sie ignorierte ihn, seine Vorwürfe, seine Enttäuschung und sein schlechtes Gewissen. Das Leben war hart genug, auch ohne Beziehungsstress.
Die Sonnenstrahlen brachten die Wasseroberfläche zum Glitzern, sodass Dafne, trotz ihrer Sonnenbrille, blinzeln musste, um den Schopf ihres Sohnes auszumachen. Blond wie Cesare. Ausgerechnet einen blonden Italiener hatte sie geheiratet, und Leo hatte die hellen Haare– und nicht nur das– von seinem Papà geerbt. Ihr Herz ging beinahe über vor Liebe zu diesem kleinen, schlaksigen Jungen, der ein Segen war.
Es war so heiß, dass die Luft zu flirren schien und selbst die Zikaden ab und an pausierten. Eidechsen waren auch keine zu sehen. Ob das an der Hitze oder am Kater Rocco lag, der sie liebend gern jagte, konnte Dafne nicht genau sagen.
»Hast du das gesehen, Mamma?«, rief Leo und winkte vom anderen Ende des Pools, setzte seine Schwimmbrille auf und hielt sich mit der Hand am Rand fest. Er hatte sich in eine beeindruckende Wasserratte verwandelt. Sie war auch mal so gewesen. So unerschrocken und vertraut mit dem Wasser. Aber das war lange her, zu einer Zeit, als sie ihr Leben noch in Sommern maß.
Dafne sah Leo schon gefühlt seit Stunden dabei zu, wie er immer und immer wieder kopfüber– mal mehr, mal weniger elegant– ins Wasser tauchte. »Perfekt, würde ich sagen. Das hast du wirklich großartig gemacht, amore mio!«, lobte sie ihn und hob einen Daumen. Sie stellte das Weinglas vorsichtshalber auf den kleinen weißen Tisch unter dem Sonnenschirm, gleich neben das Buch, das sie zurzeit las.
Sie erinnerte sich nicht ganz klar an Leos letzten Sprung, wenn sie ehrlich war. Sie fühlte sich wie benebelt. Und das konnte diesmal nicht am Wein liegen, von dem sie nur genippt hatte.
Dafne war keine Trinkerin. Zumindest nicht in dem Sinne, dass sie wankend und lallend durchs Haus stolperte und Leo irgendwo vergaß– Gott bewahre! Sie mochte Wein nicht mal besonders. Aber sie brauchte ab und an den Nebel, den er mit sich brachte. Keinen dichten, durch den sie nicht hindurchblicken konnte. Einen leichten nur, der alles weichzeichnete und ein bisschen verschwommen wirken ließ. Und unscharf. Ganz besonders ihre Gefühle.
Cesare kam auf sie zu, setzte sich geschmeidig auf die Liege direkt neben ihr, zog sein T-Shirt über den Kopf. Sie schaute nicht hin, sie wusste auch so, welch perfekten Körper er gerade entblößte. Er war ein schöner Mann.
»Der Grill ist an und bereit für unser Fleisch«, erklärte er und hielt inne. So, als wollte er gleich noch etwas hinzufügen.
»Vielen Dank, Cesare. Ich kümmere mich gleich um das Mittagessen«, erklärte sie sofort, um ihm diesen Raum zu nehmen, den er sonst mit seinen Worten hätte füllen können. Sie wollte keine Worte. Und er verstand.
Dafne ließ ihren Blick über den Garten schweifen, der aufgrund des Regens der letzten Woche sattgrün und üppig war. Der Gärtner, der alle paar Tage kam, sorgte dafür, dass alles gepflegt aussah, wie man es von den Bildern in Garten-Magazinen kannte. Also perfekt, bis ins Detail. Akkurat und präzise. Ein bisschen kühl vielleicht. Sollte die Natur nicht einfach nur wild vor sich hin wachsen?, fragte Dafne sich mit einem plötzlich auftretenden Unbehagen, das sie nur mühsam wieder abschütteln konnte.
Hier in der Provinz von Mailand war die Sonne eher selten zu Gast. Auch deshalb hatte sie ihrem Mann damals, als sie ihr Haus auf dem Land gebaut hatten, von einem Pool abgeraten. Sie mochte das Meer sowieso lieber, aber was wusste Cesare schon vom Meer… Ihre Gedanken schweiften wieder ab, für einen Moment war sie ganz weit weg, doch sie fing sich– gerade noch rechtzeitig.
Cesare hatte jedoch, wie so oft, recht behalten. Jeder einzige sonnige Tag wurde im Garten am Pool geradezu zelebriert. Und durch den Klimawandel wurden es immer mehr.
»Willst du schwimmen?«, fragte Cesare. Vorsichtig. Und hoffnungsvoll.
Dafne hasste diese Hoffnung. Sie war ansteckend, und sie wollte sich nicht anstecken lassen.
»Ich sollte mich wohl lieber um unser Essen kümmern«, fand sie und stürzte den Wein hinunter.
Darauf erwiderte er nichts, stand auf, lief sicher und elegant über das Sprungbrett und tauchte so punktgenau ein, dass sich die Wasseroberfläche kaum bewegte. Leo johlte und lobte seinen Papà, was Dafnes Herz weich werden ließ. Doch dieses Gefühl währte nur kurz. Sie ging ins kühle Hausinnere und fröstelte, empfand den Bikini plötzlich als vollkommen unangebracht. Wer trug im lombardischen Hinterland schon Bikinis? Sie erhaschte im Flur einen Blick in den Spiegel und wunderte sich nicht zum ersten Mal, wie fremd sie sich selbst erschien. Ihr Spiegelbild zeigte eine gut aussehende Frau Ende dreißig, die ihr braunes Haar zu einem modernen Bob geschnitten trug. Mit Pony. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab, erkannte, ganz kurz und bruchstückhaft, die Dafne von früher und streckte sich selbst die Zunge raus. An der Wand hinter ihr hingen bunte Bilderrahmen mit unzähligen Fotos von Leo. Leo kurz nach der Geburt, Leo im Freizeitpark, Leo im Kindergarten.
Leo.
Der Lebensinhalt, die Freude, die Sonne in diesem Haus.
Sie drehte sich um und strich mit der Fingerspitze über ihr Lieblingsfoto, das Leo am Strand zeigte. Sie erinnerte sich noch genau an den Augenblick, während eines Sardinien-Urlaubs, in dem sie es aufgenommen hatte. Er konnte kaum gehen, rannte aber immer auf das Meer zu. Und exakt einen dieser Momente hatte sie eingefangen, Leo war beinahe nur als Silhouette zu erkennen, weil die Sonne tief über dem funkelnden Meer stand. Ein wundervolles Spektakel.
Dafne seufzte und machte sich auf in die Küche, wo das Fleisch schon im Kühlschrank in einer Marinade aus Olivenöl, Balsamicoessig und Oregano lag. Sie überlegte, ob sie sich ein zweites Glas Wein einschenken sollte, als das Läuten des Haustelefons sie aufschrecken ließ. Dieses Geräusch hörte sie nur noch selten, weil beinahe alle Anrufe direkt an ihr oder Cesares Handy gingen. Eigentlich benutzten es nur noch ihre Eltern, weshalb sie sich gleich Sorgen machte. Es war doch wohl nichts passiert…?
Dafne eilte zum Telefon im Eingangsbereich, wo Rocco auf dem kühlen Fliesenboden lag, und zwang sich selbst zur Ruhe. Es musste sich ja nicht immer nur um schlechte Nachrichten handeln, nicht wahr?
Sie schnappte sich das schnurlose Telefon, das auf einem kleinen Tisch stand, und nahm den Anruf entgegen. »Pronto?«, meldete sie sich und erwartete die Stimme ihrer Mutter oder Schwiegermutter. Doch die männliche Stimme am anderen Ende der Leitung erkannte sie nicht. Sie hörte verwirrt eine Weile lang zu, versuchte einzuordnen und zu verstehen. Bis ihr der Hörer aus der Hand fiel.
Rocco sah sie empört an und miaute tadelnd.
Doch sie sah durch ihn hindurch, war ganz woanders. Sie fand erst wieder zu sich, als Leo in der Tür stand.
»Wir haben Hunger, Mamma! Papà lässt fragen, ob er sich ums Fleisch kümmern soll.«
Leo… er holte sie immer wieder zurück. »Nein, amore mio, das ist nicht notwendig. Sag Papà, dass wir in zehn Minuten essen können, ja?«
Er nickte und rannte zum Pool, wo Cesare auf ihn wartete. Dafne hingegen musste den weiter mauzenden Rocco beruhigen. Manchmal war er kindischer als Leo. Doch es machte ihr nichts aus, denn so musste sie nicht über diesen Anruf nachdenken.
Amelia
Amelia legte auf und schob erst mal alle Gedanken weg, ganz weit weg, machte den Kopf wieder frei, löste ihren Pferdeschwanz, der ihr langes, braunes Haar zurückhielt, nur um dann erneut alles zusammenzubinden. Sie blickte starr auf den Fernseher, sah aber nichts. Nicht die Serie, die sie zuvor noch angeschaut hatte, nicht ihr Wohnzimmer.
Sie war weit weg.
Atmen.
Das tat gut.
Sie war eine Meisterin darin geworden, Gedanken wegzuschieben, so wie man Unordnung schnell in einen Schrank packte, wenn Besuch kam. Natürlich war ihr gleichzeitig klar, dass die Unordnung ihr eines Tages entgegenfallen und sie unter sich begraben würde. Aber der Tag war noch nicht gekommen.
Sie schüttelte das Unbehagen ab, konzentrierte sich aufs Hier und Jetzt, trug sich selbst auf, sich zu freuen, denn heute hatte sie einen freien Vormittag. Das bedeutete, dass sie sich gleich mit Emanuela in der Stadt treffen würde. Zum Mittagessen bei Massimiliano, dem urigen Italiener, bei dem es die besten Tortellini in ganz Bologna gab. Tortellini bei Max, wie er sich selbst nannte, waren eine lieb gewonnene Tradition, seit sie für ihre neue Arbeitsstelle hierhergezogen war. Amelia hatte bei einem Verlag im Herzen der Altstadt ihren Traumjob gefunden. Und eigentlich lief in ihrem Leben alles gut, geregelt, scheinbar einem Plan folgend– nur, dass sie den gar nicht kannte. Sie tat mehr oder weniger das, von dem sie annahm, dass es getan werden musste. Manchmal, meist abends, wenn sie den Tag Revue passieren ließ und sie sich verwundbar fühlte, kam sie sich vor wie eine Statistin in einem riesigen, nie enden wollenden Schauspiel. Dann überkam sie eine tiefe Müdigkeit, von der sie sich jedoch ganz gut erholen konnte. Doch selbst wenn sie versuchte, es sich nicht einzugestehen, drohte dieser unerwartete Anruf nun, alles wieder aufzuwühlen.
Amelia stand entschlossen von der Couch auf, richtete die weichen, bunten Kissen, klopfte auf die Sitzfläche ihres mit einem Blumenmuster bezogenen Sofas, stapfte barfuß über den flauschigen Teppich Richtung Badezimmer, wo sie sich zurechtmachte, um nur wenig später ihre kleine Wohnung in der Via Maggiore zu verlassen. Den Anruf quetschte sie in die große Tasche der ungeklärten Dinge, die so voll war wie die italienische Autobahn am Tag vor Ferragosto.
Amelia war mächtig stolz auf ihre Wohnung, die sie dank eines Hinweises ihres Chefs Ugo bekommen hatte. Der Wohnungsmarkt war angespannt, wie eigentlich in allen Großstädten. Besonders, weil sie direkt in der Altstadt gesucht hatte, damit sie nicht aufs Auto oder die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sein würde, um zur Arbeit zu gelangen. Und so hatte sie sich in diesem kleinen Schmuckstück einquartiert, das nicht viel mehr als fünfzig Quadratmeter groß war. Noch dazu war es eine Maisonettewohnung mit Holztreppchen und einem Schlafgemach ohne Türen, in dem Amelia nur mit gebücktem Kopf stehen konnte. Aber sie liebte jeden Millimeter davon, besonders den kleinen, dazugehörigen Innenhof, in dem, je nach Jahres- und Tageszeit, stundenweise die Sonne schien. In den ersten Monaten hatte sie, mit Sonnenschirmen und Pflanzen, angestrengt versucht, sich ein bisschen Privatsphäre vor den Nachbarn zu verschaffen. Das hatte sie dann aber doch schnell aufgegeben, weil es sowieso nichts nutzte. Man sah und hörte jedes Wort, die Fenster rundherum wirkten wie Logen einer Theaterbühne. Zum Glück hatte sie aber verhältnismäßig diskrete Nachbarn. Bis auf Signora Stanzi, die aber ohnehin schwerhörig war. Außerdem wollte Amelia den Innenhof ja nicht nutzen, um nackt in der Sonne zu baden. Meist las sie dort Manuskripte und schlürfte dabei ihren Kräutertee. Nichts war aufregend daran, wie sie ganze Tage damit verbrachte, in Geschichten zu wühlen und dabei den Wert des Geschriebenen einzuschätzen, was dazu geführt hatte, dass die Nachbarn das Interesse verloren hatten und sie nun noch weniger beachteten als zuvor.
In Geschichten anderer zu wühlen hatte den Vorteil, dass sie dabei ihre eigene Geschichte guten Gewissens vernachlässigen und beiseiteschieben konnte. Das tat sie schon so lange und so gut, dass sie manchmal, einige Nanosekunden lang, vergaß, wovor sie überhaupt davonlief. Doch dann kam alles wieder hoch, in voller Wucht, und sie wusste wieder, warum es besser war, Manuskripte zu lesen, die das Leben anderer beschrieben. Diese mochten fiktiv sein, ja, aber meist doch irgendwie autobiografisch. Sie arbeitete schon so lange mit Autoren, dass sie glaubte, sagen zu können, dass immer ein bisschen Privates mit in den Texten steckte. Wie neulich, im neuen Buch von Caterina, einer der ersten Autorinnen, die ihr zugeteilt worden waren, als Amelia bei CuoreLibri angefangen hatte. Eine Nebenfigur, die in ihrem Roman immer wieder wie zufällig auftauchte und mit ihrem Witz und Charme die ganze Geschichte einen Tick besser machte, erkrankte plötzlich und unheilbar, genau wie Caterinas Mutter selbst.
Ein bisschen beneidete Amelia Autoren um diese Möglichkeit, ihr persönliches Leid zu verarbeiten.
Sie seufzte tief. Bolognas Gassen waren ein Labyrinth, in dem man sich erst zurechtzufinden lernen musste. Die meist engen Wege waren gesäumt von den charakteristischen, in sandfarbenen Tönen bemalten Wohnhäusern. Balkone und Sonnenschutzvorrichtungen, die sich gegenüberlagen, berührten sich beinahe in der Mitte. Die Altstadt war ein Juwel, mitsamt ihren großen, glatt getretenen Pflastersteinen und kleinen Läden, den hohen, antiken Portalen und schmalen Fenstern. Eine Welt für sich, ein Mikroorganismus. Stimmen, Musik, Lachen. Fahrräder, Fußgänger, Roller. So lebendig und bunt. Amelia liebte diese ganz besondere Atmosphäre. Sie war inzwischen so vertraut mit allen, dass die Ladenbesitzer, bei denen sie ein und aus ging, ihr zuwinkten und ihr kurze Sätze zuriefen in ihrem charmanten Dialekt. Ganz egal, wie miserabel ihre Laune zuweilen sein mochte, es war unmöglich, in Bolognas Gassen nicht zu lächeln. So magisch waren sie.
Amelia bog rechts in die Via del Dottore ein und glaubte, Massimilianos Tortellini bereits riechen zu können. Sein Lokal hieß Turtlén– Tortellini in Dialekt. So stand es auch auf dem einfachen Holzschild über dem Eingang. Bei Max war sowieso alles aus Holz: der Rahmen der Eingangstür, die Stühle, die zwar einfach, aber dafür bunt bemalt waren, die Tische, die Theke. Urig, unverfälscht. Und fast so schön wie sein Lächeln, wenn sie sein kleines Restaurant betrat.
»Bellezza, buongiorno! Emanuela sitzt schon hinten«, informierte er sie und gab ihr zur Begrüßung einen dicken Schmatzer auf die Wange, was wegen seines grauen Schnurrbartes ein wenig kitzelte.
»Grazie. Irgendwann schaffe ich es, vor ihr da zu sein!«, erklärte sie ihm, nahm sich selbst dabei aber keineswegs ernst. Es war schier unmöglich, pünktlicher zu sein als Emanuela. Das entnahm sie auch Massimilianos amüsiertem Blick und den hochgezogenen Augenbrauen, die buschig in alle Richtungen wuchsen.
»In brodo?«, fragte er. Gemeint waren damit die Tortellini, die Amelia am liebsten mit Suppenfond aß– ganz egal, wie heiß oder kalt es draußen war.
Sie nickte, ein bisschen ergeben. In vielerlei Hinsicht war sie experimentierfreudig, doch hier, in diesem Restaurant, hing sie an diesem Gericht, hing sie an der Tradition, hing sie am warmen Gefühl, das die Suppe in ihrem Magen, aber auch in ihrer Seele hinterließ. Amelia hatte über die Jahre ein wenig die Freude am Essen verloren, doch auch das war so ein Gedanke, den sie liebend gern zu all den anderen schob, mit denen sie sich nicht zu sehr beschäftigen wollte.
Sie ging an den Gästen vorbei, lächelte, steuerte auf den Tisch ganz hinten an der Wand zu, der zu ihrem Lieblingstisch geworden war. Emanuela blickte auf, grinste. Sie war ein paar Jahre älter als Amelia, sah aber– vermutlich lag das an ihrem pinkfarbenen Haar– deutlich jünger aus. Sie hatten sich im Verlag kennengelernt und dort fast ein Jahr Seite an Seite gearbeitet. Doch dann war Emanuela Mutter geworden, weswegen es für sie und ihre kleine Familie wohl besser war, sich selbstständig zu machen. Das lag nun schon eine Weile zurück. Drei Jahre wohl, rechnete Amelia flink aus. Ihre Freundschaft war trotzdem erhalten geblieben. Sie küssten sich zur Begrüßung auf die Wangen.
»Du siehst gut aus«, sagten sie wie aus einem Munde und mussten beide lachen.
Amelia setzte sich. Wie immer, wenn sie sich mit Emanuela traf, wollte sie ihr Handy leise stellen, um sich ganz auf ihre Freundin konzentrieren zu können. Deshalb nahm sie es aus ihrer Handtasche, wobei ihr Blick auf den Bildschirm fiel.
Eine eingegangene Nachricht.
Ganz automatisch drückte sie drauf, und das Handy wog plötzlich Tonnen. Ihre Kehle schnürte sich zu, augenblicklich wurde ihr kalt.
Die Nachricht bestand aus drei Worten. »Wir müssen reden.«
Drei Worte, die ausreichten, um die ganze Vergangenheit aufzurollen und davon weggespült zu werden.
Amelia wollte nicht reden, sie wollte keine unerwarteten Anrufe bekommen, sie wollte nicht mit dem konfrontiert werden, was sie seit Ewigkeiten so gekonnt und beinahe perfekt von sich schob. Amelia wollte Tortellini essen in einer Stadt, die nicht die ihre war, sie wollte mit Emanuela über den Unsinn lachen, den ihre kleine Tochter anstellte. Amelia wollte Manuskripte prüfen. Sie wollte sich mit Autoren über Veröffentlichungen und Erfolge freuen. Sie wollte im Büro, das sie sich mit allen Kollegen teilte, verträumt aus dem Fenster schauen und dabei kein einziges Bild aus der Vergangenheit sehen. Sie wollte leben, ohne Ballast, ohne dieses Gewicht auf ihrem Herzen.
Doch da war diese Nachricht, mit diesen drei Worten. Und obwohl sie sich so sehr wünschte, diesen Stein, der ins Rollen gekommen war, ignorieren oder vielleicht sogar aufhalten zu können, so wusste sie doch, dass es unmöglich war. Der Appetit war ihr mit einem Mal vergangen, obwohl es in Massimilianos kleinem Reich so gut roch, dass es unmöglich schien, keinen Hunger zu verspüren.
Dafne
Schlafen war sowieso schwierig, und in dieser Nacht noch ein bisschen mehr. Dafne hatte jedoch so gut gelernt, sich schlafend zu stellen, dass sogar Cesare neben ihr wohl annehmen musste, dass sie sich im Schlaraffenland befand. Nach außen hin ruhig, regelmäßig atmend, im Inneren ein Tumult, ein Lärmen, ein einziger lauter Schrei. Dieser Kontrast trieb sie in den Wahnsinn. Es fühlte sich an wie tausend kleine Feuer in ihr, die sie nicht schaffte zu löschen, egal, wie sehr sie es versuchte. Ständig musste sie fürchten, bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Sie hielt das einfach nicht mehr aus. Manchmal, ja. Aber nicht in dieser Nacht, die sich zäh und klebrig und undurchdringlich anfühlte. Wie Pech, das sie zu ersticken drohte.
Sie warf die Decke zurück.
Atmen.
Ein.
Aus.
Sie sah sich im Zimmer um und nahm fünf Objekte in den Blick. Ihr Therapeut hatte ihr das so beigebracht. Eine Technik gegen Panik.
Schminktisch, Kleiderschrank, Bettdecke, Nachttisch, Fenster.
Cesare atmete neben ihr tief und regelmäßig, unwissend, dass sie keine dreißig Zentimeter von ihm entfernt beinahe Todesangst hatte. Wie konnte sie gleichzeitig nicht und dann doch sterben wollen?
War sie dem Wahnsinn nahe? Fühlte es sich so an, den Verstand zu verlieren?
Der Wind wehte durch das offene Fenster die Gardine auf, machte sie bauchig, dann wieder ganz dürr. Bauchig, dürr. In einem nie enden wollenden Zyklus. Instinktiv glich sich ihre Atmung dem Atem des Windes an. Das war unerwartet beruhigend. Sie sah dem Spiel eine Weile lang zu und überlegte, dass sie ihrem Therapeuten wahrscheinlich davon erzählt hätte, wie viel effektiver diese Methode gewesen war als all seine Ratschläge zusammen. Wenn sie denn noch seine Patientin gewesen wäre.
Sie hatte aufgehört, zu ihm zu gehen. Stattdessen setzte sie sich in der Stadt in eine Bar, immer die gleiche, und wartete die Stunde dort ab, vertrieb sich die Zeit mit Lesen. In letzter Zeit waren es immer wieder Romane aus dem CuoreLibri Verlag. Sie mochte vor allem die neueren Bücher, allesamt unerwartet originell. Einzigartig beinahe. Und ein guter Zeitvertreib.
Dafne hätte Cesare natürlich die Wahrheit sagen können. Doch, was dann? Er hatte sie angefleht, eine Therapie anzufangen. Nun, um ehrlich zu sein, hatte er eine Paartherapie vorgeschlagen, aber das hörte sich an wie ein Spaziergang durch die Hölle. Und er hatte nur von seiner Idee abgelassen, weil sie versprochen hatte, in eine Einzeltherapie zu gehen.
Wie war das nur passiert, dass sie eine Frau geworden war, die ihre Psyche heilen musste?
Die Frage war dumm, denn sie wusste ganz genau, wie es passiert war. Wie und wann. Alles wusste sie. Bis ins kleinste Detail.
Und schon wieder war mindestens eine Stunde vergangen.
Eine weitere schlaflose Stunde, in der sie einer Gardine dabei zugesehen hatte, wie sie schwanger wurde und dann ihr Kind gebar. Unzählige Male hintereinander.
Beeindruckend.
Dafne hatte das exakt einmal erlebt und war dabei alles andere als eine Heldin gewesen. Leos Geburt war, im Nachhinein betrachtet, eine große, nein, eine enorme Anstrengung für ihren Körper, aber auch für ihren Geist gewesen. Aber wenn sie ehrlich war, würde sie es immer wieder tun, wenn am Ende ein Leo dabei herauskam.
Cesare rührte sich im Schlaf. Er drehte sein Gesicht in ihre Richtung, seine Stirn gerunzelt, die Augen flackernd. Und das war auf eine seltsame Art und Weise noch intimer, noch direkter als ein Gespräch, als ein Geständnis. Das hielt sie nicht aus. Sie stieg leise aus dem Bett, schlich aus dem Zimmer, in den Flur, berührte dort mit einem Finger die rechte Wand, um sich nicht komplett verloren zu fühlen, und blickte in Leos Zimmer. Er schlummerte friedlich und wirkte noch immer wie ein hilfloses Baby, wenn er schlief. Sie liebte diesen kleinen Zwerg so sehr, dass ihr Herz beinahe schmolz. Er war ihre Freude, ihr Grund, morgens aufzustehen. Ihr Ausgangspunkt, ihr Ziel. Und sie war dankbar, dass er glücklich zu sein schien. Er war ein rundum zufriedenes Kind, was das Einzige war, das wirklich zählte.
Dafne betrat wenig später die Küche, dicht gefolgt von Rocco, der es sich angewöhnt hatte, im Erdgeschoss im Wohnzimmer am Kamin zu schlafen, selbst wenn dieser nicht genutzt wurde. Der dicke, rote Kater sah perplex aus, wägte wohl ab, ob er gefüttert werden konnte. Dafne bückte sich, kraulte ihn hinter dem Ohr. Rocco blickte sie an, machte einen Buckel und ging schließlich. Selbst ihm, der dauernd um Fressen bettelte, bedeutete Schlaf letztendlich mehr.
Ihr Handy war auf dem Küchentisch, einem riesigen, modernen Ding aus wunderschönem Olivenbaumholz, liegen geblieben. Sie wusste nicht, wie spät es war, wollte die Uhrzeit auf dem Display ablesen.
Drei Uhr fünfundvierzig.
Wie schrecklich.
Sie fühlte sich unglaublich einsam, ließ sich auf den gelben, gepolsterten Stuhl nieder und blickte durch das Fenster in den Garten. Es war gekippt. Sie hörte ein Nachttier rufen, was sich so tröstlich anfühlte, dass Dafne beinahe weinen musste.
War es da wirklich verwerflich, wenn sie sich ab und an ein Glas Wein einschenkte? Wie sollte sie das sonst aushalten? Das war kein Leben…
Das Handy, das sie noch immer in der Hand hielt, blinkte auf. Verwirrt schaute sie auf das Symbol für eingegangene Nachrichten. Sie drückte drauf.
»Nein!«, stand in der Nachricht.
Sie starrte auf dieses Wort. Wie lange, das konnte sie nicht sagen.
Nein!
Als Antwort auf ihre auch nicht viel längere Nachricht, in der sie um ein Gespräch gebeten hatte. Um beinahe vier Uhr morgens kam dieses einzelne Wort.
Sie warf das Handy auf den Tisch, was sich im stillen Haus viel zu laut anhörte. Dafne stand auf, mit wirren Gedanken im Kopf.
Nein!
Es war nicht immer so gewesen, dass sie und Amelia nicht miteinander sprachen. Doch die Zeit, in der sie einfach nur Schwestern waren, lag eine gefühlte Ewigkeit zurück.
Dafne bereute es, sie überhaupt kontaktiert zu haben.
Sie stand auf, ging zum Kühlschrank, nahm die angebrochene Flasche Wein heraus und trank direkt daraus.
Der Wein war kalt, ihr fröstelte. Sie schüttelte sich wegen des herben Geschmacks, trank aber weiter.
Was sollte sie auch sonst tun?
Dafne, etwa dreißig Jahre zuvor
»Genug?«, fragte Dafnes Mutter Paola. Sie gab gerade Amelia zu trinken, die ständig quengelte und mal Wasser brauchte, mal auf die Toilette musste oder der plötzlich schlecht wurde und… wann immer Amelia den Mund aufmachte, war Dafne sich ziemlich sicher, dass die Autofahrt noch ein Stückchen länger dauern würde, weil ihr Vater halten musste. Dafne rollte dann mit den Augen. Das hatte sie erst kürzlich bei ihrer Italienischlehrerin Maestra Bruna beobachtet, und jetzt machte Dafne das auch dauernd. Ihre Mutter hatte schon ein paarmal deshalb mit ihr geschimpft und Dinge behauptet, wie zum Beispiel, dass ein Engel vorbeikommen und den Ausdruck auf ihrem Gesicht einfrieren würde, damit sie dann immer so aussah.
Aber was sollte das denn das bitte für ein Engel sein, der so etwas machte? Dafne hielt es für unwahrscheinlich. Wenn überhaupt, dann war das kein Engel, sondern eine böse Hexe. Der traute Dafne so etwas zu. Aber wenn sie ehrlich war, war sie jetzt immer etwas vorsichtig, wenn sie mit den Augen rollte, und blickte sich, in der Erwartung, eine Hexe zu entdecken, um. Sie hatte auch beschlossen, Maestra Bruna zu warnen. Nur für den Fall… Vielleicht wusste sie gar nicht von dem Engel, beziehungsweise der Hexe.
»Mamma, mir ist schlecht…«, fing Amelia gerade wieder an. Und bevor Dafne es kontrollieren konnte, hatte sie schon mit den Augen gerollt.
Dafnes Vater Fazio meldete sich endlich zu Wort. »Amelia, versuch zu schlafen, a papà, ja?«, bat er mit süßer Stimme. Damit konnte er vielleicht Amelia täuschen. Dafne nicht. Dafne wusste, dass ein großes Donnerwetter auf sie zurollte. Aus Papàs Stimme triefte die Ungeduld wie Wasser aus einem Schwamm.
Es war zugegeben richtig warm im Auto. Nein, heiß war der richtige Ausdruck. Dafnes Unterhose klebte an ihr. Einen Moment lang hatte sie befürchtet, unbemerkt in die Hose gemacht zu haben. Dann aber hatte sie begriffen, dass es Schweiß war. Sie fuhren nun schon, seit es dunkel geworden war, was sie ein bisschen verwirrte. War heute schon morgen? Sie hatte versucht, ihre Mutter zu fragen, aber die hatte gar nicht richtig hingehört, weil sie dauernd auf diese große Karte schauen musste, damit Papà nicht irgendwo falsch abbog und dann fluchte. Das war schon zweimal passiert, weshalb Dafne es nicht wagte, ihre Mutter abzulenken.
Amelia war das egal, sie plärrte so lange, bis jemand nachgab. Meist war es Mamma.
Dafne versuchte, ihre Schwester, die mit ihr hinten in Papàs großem Auto saß, zu beruhigen, damit es weitergehen konnte. »Lass gut sein, Ame, du darfst auch mit Ludovica spielen«, bot Dafne an. Ludovica war ihre brandneue Barbie. Mit Badeanzug, damit sie auch im Meer baden konnte. Den Namen hatte sie nach reiflichen Überlegungen ausgesucht. Und auch erst, nachdem sie Lucrezia und Stella ausgeschlossen hatte. Ludovica. So hieß ein Mädchen in einer Geschichte im Italienisch-Buch, die sie zu der Zeit mit der Maestra Bruna gelesen hatten. Dafne hatte sich in den Namen verliebt und beschlossen, sich selbst so zu nennen, was sich aber als schwieriger herausgestellt hatte als angenommen.
Natürlich hörte Amelia sofort auf zu weinen. Sie hatten sich schon unzählige Male um die Puppe gestritten.
Das Angebot hatte also exakt die erhoffte Wirkung, sie konnten weiterfahren. Dafne musste sich eingestehen, dass ihr selbst ein bisschen schlecht war. Allerdings wusste sie nicht, ob sie sich das nur einbildete, weil Amelia das dauernd behauptete, oder ob es wirklich stimmte. Das Auto schaukelte jedenfalls ganz schön. Lange hatte es nur eintönig gesummt, aber jetzt schien es beinahe zu fauchen und zu buckeln wie eine Wildkatze. Und das schlug auf den Magen.
»Ludovica ist wirklich…«, und weiter kam Amelia nicht. Sie übergab sich. Komplett über Ludovica und den Autositz.
Die Eltern begannen schon, sich aufgeregt um einen Platz zu kümmern, an dem sie halten konnten. Papà schimpfte, Mamma beschwichtigte. Amelia schien seltsam erleichtert. Dafne wagte es nicht, Ludovica zu genau anzusehen.
Igitt.
Dafne hätte am liebsten mit den Augen gerollt, aber sie merkte, dass das nicht so gut gelang, wenn man weinte.
Als das Auto nach diesem weiteren Vorfall endlich zum endgültigen Stehen kam und sie aussteigen durften, war Dafne, obwohl Ludovica in einem Graben gelandet war, so erleichtert, dass sie glaubte, wieder weinen zu müssen.
Selbst Amelia war endlich still. Dafne musste sich nicht umblicken, um zu wissen, dass ihre jüngere Schwester neben ihr stand. Sie spürte sie.
»Das ist aber groß«, meinte Amelia.
»Ja…« Dafne war übermannt von den vielen Eindrücken. Der Wind, ein warmer und ganz anderer als zu Hause, spielte mit ihrem Kleid. Musik war von irgendwoher zu hören. Es war eines der Lieder, das auf der Fahrt hierher immer wieder im Radio gelaufen war. Dafne mochte es. Das Auto hatten sie auf einer Piazza geparkt, die von einer kleinen Mauer umgeben war. Zwischen zwei Häusern war der Blick frei.
Das, was Amelia so groß fand, war das Meer. Sie hatten während der Fahrt immer wieder einen Blick darauf erhaschen können, doch es hatte nicht diese Wirkung auf Dafne gehabt, weil sie zu abgelenkt gewesen war. Es war… ja, es war groß. Dafne konnte gar nicht erkennen, wo es aufhörte. Und es war so blau, dass der Himmel, der eigentlich strahlte, dagegen beinahe blass wirkte. Sie versuchte, die Boote und Jachten zu zählen, die darauf schaukelten oder so schnell fuhren, dass sie eine deutlich sichtbare Spur hinterließen. Dafne musste es aber aufgeben, denn es waren zu viele. Es war groß, das Meer…
Sie hatten oft am See gebadet, und selbst den hatte sie wundervoll gefunden. Aber das Meer… das war etwas ganz anderes. Das Meer war groß, es war schön, es war unendlich, es war blau. Dafne hatte von der Maestra Bruna gelernt, alles mit Adjektiven zu beschreiben. Doch das hier war ein Spektakel, für das die Worte nicht zu reichen schienen.
»Gehen wir heute noch schwimmen?«, wollte Amelia von ihr wissen. Wie sie immer alles von ihr wissen wollte. Amelia hielt sie für allwissend, obwohl Dafne nur knapp zwei Jahre älter war.
Dafne blickte sich nach den Eltern um, die entspannt am Auto lehnten und sich unterhielten. Sie warteten auf eine Tante von Mamma, wenn Dafne das richtig verstanden hatte, die hier, in diesem Ort, der Positano hieß, lebte. Mamma hatte ihr vor der Abreise auf einer Karte gezeigt, wo sie in Mailand lebten und wo sich Positano befand. Es hatte wie ein Katzensprung ausgesehen, aber so lange gedauert, dass Dafne geglaubt hatte, bis ans andere Ende der Welt und nicht des Stiefels zu fahren, aber jetzt war ihr irgendwie klar, dass es das wert gewesen war. Allein schon wegen des Meeres.
»Ich weiß nicht, ob wir heute noch schwimmen gehen, Ame«, gab sie zu. »Aber wenn nicht heute, dann sicher morgen.«
Amelia nickte. Es war Dafne manchmal unheimlich, wie sehr ihr ihre Schwester vertraute. Ihr und allem, was sie sagte. Als wäre es Gesetz oder so.
»Bestimmt«, sagte auch Amelia. »Mamma hat uns schließlich Badeanzüge gekauft«, schlussfolgerte sie logisch. Dann hielt sie inne, nahm Dafnes Hand. »Es tut mir leid. Wegen Ludovica…«
Und so war es meistens. Amelia stellte etwas an, quasi immer zum Leidwesen von Dafne, entschuldigte sich dann, und als größere Schwester verzieh sie ihr.
»Schon gut«, sagte sie auch diesmal.
Manchmal war sie trotzdem sauer auf Amelia. Manchmal war Dafne genervt von ihrer Schwester, die das Glück hatte, die jüngere von beiden zu sein. Als hätte sie deshalb das Anrecht darauf, sich danebenzubenehmen und trotzdem keine Konsequenzen dafür tragen zu müssen.
Amelia
Es war Amelia unangenehm, dass sie ihren Chef Ugo um Urlaub bitten musste. Nicht, dass es ihm etwas ausmachen würde. Er war ein Bücherwurm und erweckte meist den Eindruck, gar nicht zu wissen, was um ihn herum passierte. Was ihn interessierte, waren gute Bücher. Wie seine Mitarbeiter sie ihm lieferten, war ihm eigentlich egal. Und doch fühlte Amelia sich, als würde sie mehr von Ugo verlangen, als ihr zustand. Immerhin hatte sie erst vor knapp einem Monat zwei Wochen freigehabt.
Sie klopfte trotzdem entschlossen an. Denn entweder zog sie es jetzt durch, oder sie würde sich für immer in ihrer Wohnung einsperren und alles ignorieren, was um sie herum passierte.
»Avanti«, kam es gedämpft zurück.
Sie betrat sein Büro, das sie ganz besonders liebte. Der Verlag befand sich im Herzen der Altstadt im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses. Es handelte sich um einen Altbau mit hohen Wänden und altem Boden, schmalen Fenstern bis fast zur Decke und winzigen Balkonen, auf denen die Mitarbeiter abwechselnd in kurzen Pausen standen, um ein paar Sonnenstrahlen abzubekommen. Hier bei Ugo im Raum war es jedoch am schönsten. Die Wand hinter ihm war mit einem Buchregal verkleidet, in dem die CuoreLibri-Bücher aufgestellt waren. Agata, ihre Social-Media-Beauftragte, fotografierte das Buchregal sehr oft. Und es waren dann auch immer die Beiträge, die am meisten gelikt, geteilt und kommentiert wurden.
»Buongiorno Ugo«, sagte Amelia und ging, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, auf den großen Schreibtisch zu, der unerwartet ordentlich war. Massives Holz, moderner PC, exakt ein Glas mit Stiften. Und das war es auch schon.
Ugo hingegen sah nach Chaos aus. Sein Haar war stets eine Spur zu lang, seine Hemden nur selten gebügelt, und seine Jeans hing meist traurig an seinen Hüften, während seine Brille perfekt saß, wenn man davon absah, dass sie für sein Gesicht einfach zu groß war. Dabei sah er gar nicht mal schlecht aus. Sein Look spiegelte wohl nur einfach seine Kreativität wider, die gefährlich nah an der Grenze zur Zerstreutheit lag. Er lebte in den Büchern, mit den Büchern, von den Büchern. Und das sah man ihm an, auch wenn Amelia nicht wirklich erklären konnte, inwiefern.
»Setz dich doch, Amelia!«
Das tat sie dann auch. Der Stuhl war bequem, aber ein bisschen zu niedrig, weshalb sie trotzdem unschön versank.
»Was gibt’s?«, ermutigte er sie und stützte einen Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab, in der anderen Hand hielt er einen Stift. Er sah sie aufmerksam an.
»Kann ich mir nächste Woche ein paar Tage Urlaub nehmen?«, platzte es aus ihr heraus.
»Natürlich!«
»Unbezahlt, selbstverständlich!«, machte sie klar.
Er legte den Stift auf dem Schreibtisch ab, beugte sich leicht vor. »Hör schon auf, Amelia…«
Sie spürte seinen eindringlichen Blick, konzentrierte sich aber selbst auf eine Stelle irgendwo neben ihm. Es war ihr einfach peinlich, wobei sie natürlich wusste, dass es das gar nicht sein musste. Sie tat ja nichts Verbotenes.
»Ich verspreche, es bleibt bei ein paar Tagen. Und die Arbeit nehme ich sowieso mit.«
Er warf die Stirn in Falten.
»Also, es handelt sich eher um eine familiäre Angelegenheit als Urlaub«, versuchte sie klarzumachen, verstand aber selbst nicht so genau, warum sie nicht einfach offen sagte, was Sache war.
»Ist alles in Ordnung? Kann ich etwas für dich tun?«
Die Fürsorge, die mitschwang, rührte sie fast so sehr, dass ihr die Tränen kamen. So war sie. Sie konnte mit vielem umgehen, aber nicht mit Fürsorge. Die brachte sie zum Weinen.
»Nein, schon in Ordnung, ich… Danke, Ugo. Ich… werde das gutmachen, ja?« Sie gestikulierte wild, ließ es aber, sobald sie es merkte, sofort sein.
Er lehnte sich zurück und lachte. »Du musst gar nichts gutmachen. Du bist meine beste Lektorin, und alles, was du anrührst, jedes Projekt, das du durchziehst, macht mich zu einem sehr, sehr glücklichen Verleger. Bleib also einfach nur, wie du bist.«
Es brannte in ihrer Nase und in ihren Augen. Und bevor sie vor Ugo in Tränen ausbrechen konnte, stand sie auf, dankte ihm und verließ sein Büro.
Verdammt! Das fing ja schon gut an.
Amelia überlegte auf dem Weg zurück in ihr Büro, das sie sich mit den Kolleginnen und Kollegen, sechs an der Zahl, teilte, ob sie diese Situation, die durch den Anruf entstanden war, irgendwie hätte vermeiden können. Doch wenn sie zurückblickte, dann musste sie sich eingestehen, dass alles, was in der Vergangenheit lag, sich wohl zusammengebraut haben musste, wie Wolken vor einem Sturm. Und so etwas konnte man nicht aufhalten.
Michele, der Kollege aus dem Vertrieb, stellte ihr eine Tasse Kräutertee auf den Schreibtisch, an den sie sich schweigend gesetzt hatte. Sie roch das Zitronengras, die Brombeer- und Orangenblätter, vielleicht auch Wacholderbeeren. In ihrer kleinen Büroküche war stets ein Vorrat ihrer Lieblingsteemischung vorhanden, denn ohne ging gar nichts bei Amelia. Das leicht bittere Aroma half ihr dabei, sich zu konzentrieren, wirkte anregend. Es hatte lange gedauert, bis sie niemand mehr im Büro damit aufzog, dass sie diesen Tee trank. Aber die erste Zeit über hatten sie alle die Nase gerümpft, die Kaffeetrinker!
»Danke«, sagte sie und blickte zu Michele auf, der ihr zuzwinkerte und wieder zurück an seinen Arbeitsplatz ging. Als sie im Verlag angefangen hatte, hatte sie dieses Konzept des gemeinsamen Arbeitszimmers alles andere als gut gefunden, doch schon wenige Wochen später hatte Amelia sich eingestehen müssen, dass es sehr angenehm war. Sie hatten sich alle angewöhnt, leise zu arbeiten. Zum Telefonieren nutzten sie ein Nebenzimmer. Und oft half das Beisammensein, wenn man schnelle Entscheidungen treffen musste oder einfach mal eine zweite Meinung hören wollte. Dann musste man nicht erst ein Meeting einberufen, sondern konnte laut pfeifen, und schon waren sie alle da.
Amelia fuhr ihren Rechner hoch, blickte auf den Bildschirm, sah jedoch nicht wirklich etwas, weil die Bilder, die sich vor ihrem inneren Auge abspielten, alles andere in den Hintergrund schoben.
Doch irgendwann erreichte sie eine E-Mail, die Grafikerin hatte die Covervorschläge für Caterinas neuen Roman geschickt. Und sie waren wundervoll. Alle miteinander. Das war immer ein guter Moment, wenn die Cover kamen, weil es ein weiterer konkreter Schritt zum fertigen Buch war. Sie konnte sich dann endlich vorstellen, wie es im Laden aussehen würde. Nun, dieses hier würde ganz reizend aussehen, so viel stand fest. Sie rief die Kolleginnen und Kollegen zu sich, zeigte die diversen Vorschläge.
»Ich glaube, ich mag das hier am liebsten«, sagte Amelia, als sie lange genug auf ihren Bildschirm gestarrt hatten. »Das Meer darauf ist großartig«, pflichtete Michele ihr bei. »Das werden uns die Buchhändler aus den Händen reißen!«, fügte er hinzu, wobei er natürlich maßlos übertrieb. Amelia freute sich trotzdem.
Ja… das Meer weckte immer positive Assoziationen. Auch bei Amelia, die beinahe jeden Sommer ihrer Kindheit und Jugend in Positano verbracht hatte. Das erste Mal, als sie fünf gewesen war. Sie merkte, wie sich ihr Gesicht entspannte und sie lächelte. Sie saß noch immer in Bologna an ihrem Schreibtisch, gleichzeitig war sie aber auch ganz weit weg. Im Süden.
Es war schwierig. Dieses ganze Thema rund um das Meer und Positano war schwierig. Zum Glück hatte sie jedoch ihre Arbeit, die sie immer wieder ablenken konnte.
In der Mittagspause beschloss Amelia, dass es an der Zeit war, die Bahnfahrkarten zu kaufen. Sie ging online und erledigte alles ganz flink, um sich nicht im letzten Moment doch noch umzuentscheiden. Sie fragte sich, wie ihre Schwester wohl anreisen würde. Dass sie auch kommen würde, stand außer Frage. Dann aber beschloss Amelia, dass es ihr egal sein konnte, wie und ob Dafne auch kommen würde. Amelia hatte mit der Zeit gelernt, ohne ihre Schwester auszukommen und sie weitgehend zu ignorieren. Es war nicht einfach gewesen, und gleichzeitig doch.
