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Das pralle Tableau eines Sommers zieht die Leser in eine Kindheit voller Wunder und Wunderlichkeiten, in die Welt eines siebenjährigen Mädchens, das erwartungsvoll dem Leben entgegengeht. Zäh wie Kaugummi ist die Zeit in diesem Sommer in den späten siebziger Jahren, in den allerersten großen Schulferien einer Siebenjährigen. Alle Freunde sind weg, die älteren Geschwister gehen ihrer eigenen Wege, die Eltern werden geschluckt von ihrem Alltag. Das Mädchen liest mit Begeisterung Astrid Lindgren und wünscht sich nichts mehr, als dass die Zeit vergeht, damit auch sein Urlaub endlich beginnen kann. Doch in dem verschwendeten Sommer des Wartens verbergen sich filigrane Gefühle, eigenwillige Worte, prägende Erlebnisse und überraschende Allianzen. Am Ende, endlich im VW-Bus auf dem Weg zur Cousine nach Ungarn, spürt das Mädchen nicht nur den Aufbruch ins Neue, sondern auch die Melancholie der zurückgelassenen Sommerstille.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2019
Für meine Elternundfür F., E., D. und A.
Die Autorin dankt der Kulturabteilungder Stadt Wien für das Literaturstipendium.
Copyright © 2019 Picus Verlag Ges.m.b.H., WienAlle Rechte vorbehaltenGrafische Gestaltung: Dorothea Löcker, WienUmschlagabbildung: © yarruta/123rfISBN 978-3-7117-2083-2eISBN 978-3-7117-5403-5
Informationen über das aktuelle Programmdes Picus Verlags und Veranstaltungen unterwww.picus.at
Barbara Schwarcz, 1972 in Wels geboren, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Publizistik. Sie war mehr als zehn Jahre lang journalistisch tätig und veröffentlichte in dieser Zeit auch ihre ersten literarischen Texte, u. a. in den Literaturzeitschriften »manuskripte« und »Wespennest« sowie auf Ö1. Derzeit lebt sie als Schriftstellerin, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und Mutter zweier Töchter in Wien. »Sommerverschwendung« ist ihr Debütroman.
BARBARA SCHWARCZ
ROMAN
PICUS VERLAG WIEN
Über die Autorin
FÜNF
VIER
DREI
ZWEI
EINS
LIFT OFF
Bevor deine Mutter ins Bild kommt, hörst du ihre Stimme und du hörst die Sprache, in der diese Stimme mit dir spricht, die Sprache deiner Mutter, als wäre sie meilenweit von dir entfernt, als würdest du nicht jeden Tag mit ihr in dieser Sprache spazieren, einer Sprache, die du vor deinen Freunden zu verstecken versuchst, die du nur in der Abgeschlossenheit eurer Hochhauswohnung sprichst, um dich mit deiner Familie zu verständigen, was auf den ersten Blick bizarr erscheinen mag, immerhin spricht sie Deutsch, deine Mutter, aber nicht das Deutsch dieser Gegend, nicht den leicht hinkenden Dialekt, den man hier, am südlichen Ende der Stahlstadt, im Munde führt, sondern eine ans Hochdeutsche angelehnte, siebenbürgisch gefärbte, durch Flucht und lebenslange Assimilation durchgewalkte und mit Bruchstücken ebendieses linzkleinmünchnerischen Dialekts angereicherte endemische Spielart des Deutschen, aus der allerdings deine Mutter, so deine Beobachtung, herausrutscht, wenn sie ihr Wort an jemanden draußen, das heißt außerhalb der Familie, richtet, um im Gespräch mit dieser familienfremden Person die ortsübliche Sprechweise im Rahmen ihrer Möglichkeiten nachzuahmen, was ihr mal besser, mal schlechter gelingt.
Dir ist heiß und der abgewetzte Plüschstoff des Fernsehfauteuils kratzt dich unter deinen gebräunten Oberschenkeln, so sitzt du und starrst auf den Bildschirm des abgedrehten Fernsehers, zappelst mit den Beinen, deine Turnschuhe hast du noch an, es könnte ja jemand anläuten, spielen. Aber es läutet niemand an, alle sind in Italien oder am Wolfgangsee, auf Pfadfinderlager oder bei der Oma, deine Geschwister wer weiß wo, die gehen ihrer geheimnisvollen Wege, nur dein Körper ist noch da, aber er ist ein einziges Spannen und Dehnen, dass du zerspringen könntest, du kannst nicht mehr still sitzen und warten, eine Ewigkeit hast du schon gewartet, weshalb du dir so etwas ausgedacht hast, wie du dir jeden Tag etwas in der Art ausdenkst, zum Beispiel: den Futterspender von deinen Wellensittichen ganz vollfüllen und wenn sie das letzte Körnchen gefressen haben, würdet auch ihr fahren: nach Ungarn, wo der Vater herkommt und wo eine annähernd gleichaltrige Cousine als Spielgefährtin zur Verfügung stünde, wenn es endlich so weit wäre, aber es dauert noch, sagen die Großen und warum dauert das nur so lange! Fresst, Vögel, fresst, aber der eine schläft und der andere sitzt nur auf seiner Stange und zieht eine Feder nach der anderen durch seinen Schnabel, putzt sich, denkt nicht einmal ans Fressen.
Und jetzt siehst du deine Mutter, der dunkle Bildschirm des abgedrehten Fernsehers spiegelt sie wider, sie, die hinter dir steht. Sie hat sich ein weißes Tuch zusammengefaltet um den Kopf gebunden, wie immer, wenn sie im Haushalt ein größeres Projekt vorhat, es soll den Schweiß von der Stirn saugen. Die spiegelverkehrte Mutter bittet dich, ihr zu helfen, den kleineren der beiden Kleiderkästen im Schlafzimmer zu verschieben, ganz aufgedreht ist sie. Sie ist in ihrer Umstellungseuphorie. Wenn sie umstellt, in der Wohnung die Möbel hin und her rückt, alles anders haben will, ist sie glücklich, es ist ein subversiver Akt, der sie in Hochstimmung versetzt.
Mit dem ganzen Gewicht deines mageren siebenjährigen Körpers drückst du dich gegen den Kasten und deine Mutter zieht auf der anderen Seite, aber nichts rührt sich. Dann tauscht ihr, du ziehst, deine Mutter schiebt, und irgendwann steht der Kasten dort, wo sie ihn haben wollte. Sie ist zufrieden, du nicht, du schaust aus dem Fenster. Alles ist gelb von der Sonne, die sich langweilt, weil sie so allein ist dort oben, keine Wolke da, mit der sie Verstecken spielen könnte, so treibt sie verlassen in dem umgekehrten Meer über den Bäumen. Nicht einmal die Blätter winken ihr von der Erde her zu. Vollkommen windstill ist es. Der Spielplatz hinter dem Haus: leer.
Deine Geschwister haben dir eingeredet, freu dich auf die Ferien, die ersten Sommerferien deines Lebens, und du hast ihnen geglaubt, ehrlich gefreut hast du dich, das hast du nun davon, eine einzige Sommerverschwendung, denn was könnte man jetzt alles machen, sogar Schule wäre dir lieber, während du hier reglos stehst und aus dem Fenster schaust und deine Mutter hinter dir den Kasten abstaubt. Eltern, Geschwister, Freunde, alle haben sie ihre Welt, aber ihre Welten haben nichts mit der deinen zu tun, du bist der Kreis, der sich mit keinem anderen überschneidet.
Warum gehst net ins Schörgenhubbad, die Mutter hat keine Ahnung, so als alleinstehender Kreis – was soll man da im Freibad, das stellt die sich so vor.
Dann, Grüßteich, kommt der Vater nach Hause, Mittagspause, da muss alles ganz schnell gehen, nach Plan: fünfzehn Minuten essen, zehn Minuten schlafen im nach hinten geklappten Fernsehsessel, zwei Minuten Kaffee runterschlürfen und aufspringen und wieder ins Geschäft zurück. Nicht Grüß dich, sondern Hallo sagst du knapp, um die konzentrischen Kreise seines Grüßteichs nicht zu zerstören, denn nur du kannst hören und sehen, wie sich direkt hinter dem Grüßteich die zweite Person Plural, die du so gut kennst, hereinschleicht und mit ihrem falschen t in der Hand wie mit einer Spitzhacke ein Loch in die Luft haut und in dem Zwischenraum, der so entsteht, zwischen dem Grüß und dem eich, also euch im ortsüblichen Dialekt, treibt ihr euch für eine Weile herum, die zweite Person Plural und du, ihr badet und taucht sogar nach Steinen und springt vom Zehnmeterbrett in den spiegelglatten Grüßteich, dass es nur so spritzt, aber da fällt dir ein, dass du, wenn der Vater seinen Mittagsschlaf im Wohnzimmer hält, nicht mehr ins Stiegenhaus hinaus kannst, weil du dann das Wohnzimmer durchqueren und seinen Mittagsschlaf stören müsstest, was du unter keinen Umständen wagen würdest, so sagst du also, dass du noch keinen Hunger hast und schlüpfst hinaus, du machst deine übliche Runde.
In den anderen Stockwerken sieht das Stiegenhaus exakt so aus wie in deinem Stock, dem dritten. Du erkennst deinen Stock nur daran, dass sich in der Glasscheibe der Zwischentür, die die Wohnungen vom Treppenhaus trennt, ein kurzer, krummer Sprung im rechten unteren Eck gegen die sterile Monotonie der Siebziger-Jahre-Genossenschaftsarchitektur deines Hauses auflehnt, und daran hast du dich von klein auf festgeklammert, du identifizierst dich mit diesem Sprung, seit du denken kannst, ist er da gewesen, er ist der Klecks, der das tadellose Gesamtbild verpatzt, das schwarze Schaf, das du auch bist, weit abgeschlagen vom Kleeblatt deiner vier Geschwister, die so viel älter sind als du, der Appendix. Alle vier als Kinder blond, nur du nicht, dein Haar ist dunkelbraun, manche meinen schwarz, von Geburt an.
Hat man einmal die Zwischentüren durchschritten und geht man dann in einem großen U die Wohnungstüren entlang, wird die militärische Gleichheit der Gänge aufgeweicht, indem die Nase ins Spiel kommt. Du könntest, sagst du dir, auch blind durch das Haus gehen und wüsstest, ohne einen Blick auf Fußmatte oder Namensschild zu werfen, wer hinter dieser und jener Tür zu Hause ist, zumindest da, wo es Kinder gibt, kennst du die Hausgerüche, die sich wundersamerweise nie ändern, selbst wenn in einer dieser Wohnungen gerade gekocht wird, kannst du hinter dem jeweiligen Essensgeruch den typischen Hausgeruch dieser und jener Wohnung erriechen und daran, an diesen Hausgerüchen in den Wohnungen deiner Spielgefährten, kannst du dich nicht sattriechen, noch kannst du sie beschreiben, denn sie riechen durchaus nicht nach einer bestimmten Sache, nach Zitrone, Schildkröte oder einem Putzmittel, sie setzen sich aus der Gesamtheit all dessen zusammen, was sich in diesen Wohnungen befindet, Menschen, Tiere wie auch Dinge, und obwohl doch immerhin die Fluktuation der Dinge sowie da und dort auch der Tiere und Menschen, die im Laufe der Zeit weg- oder hinzukommen, für eine olfaktorische Veränderung sorgen müsste, bleiben diese Hausgerüche bestehen und picken, viel körperlicher als die Fußmatten oder Namensschilder, an und vor und über den Türen. Nur bei dir zu Hause riechst du nichts, hast du nie etwas gerochen, so viel Luft du auch durch deine Nase ziehst, du riechst nichts, selbst wenn du die Augen schließt, und das ärgert dich umso mehr, seit dir deine beste Freundin V. aus dem zweiten Stock die Existenz eines wie auch immer gearteten Hausgeruchs in deiner eigenen Wohnung bestätigt hat.
Das Stockwerk mit ihrer Wohnungstür lässt du aus, denn V. ist das einzige Kind, mit dem du in diesem Stock Kontakte pflegst, und wenig später hast du dann den achten und letzten auch erledigt und alles ist wie es vorher war, denn niemand ist da, mit dem du spielen könntest, mit den wenigen, die da sind, willst du nicht spielen, die sind viel zu groß oder viel zu klein oder Feinde.
Du läufst in den Hof, probierst lustlos die Spielgeräte aus und kletterst schließlich wie sonst so oft in den Bäumen herum, deine Laune bessert sich überraschend schnell in der Zwischenwelt der üppigen Baumkronen, aber gerade als du einen Ast höher steigen willst, erscheint deine Mutter auf dem Balkon, ohne Schweißtuch um die Stirn, das sie jetzt aber gut brauchen könnte, da sie dir, wie immer, wenn du fast ganz oben bist, mit schreckensschrillen Schreien zu verstehen gibt, dass du sofort herunterkommen sollst. Braves Kind, das du bist, folgst du murrend ihrer Anweisung, die du auch dieses Mal nicht nachvollziehen kannst, du fühlst dich dort oben so sicher wie auf dem Boden, kennst jeden Tritt, jeden Ast, du jonglierst mit den Gleichgewichten, deine Hände halten dich so fest, dass du mit den Füßen weiterhüpfen kannst oder in der Luft baumeln, nichts an deinem Tun ist gefährlich, aber das kann sich deine Mutter nicht vorstellen, sie ist ja auf dem Balkon und nicht bei dir auf dem Baum.
Also nach Hause, weil dir nichts Besseres einfällt, ins Vogelgezwitscher der Wellensittiche, fliegen wir los, pfeift der deine, du kennst sein Wort dafür in der Wellensittichsprache genau, es ist zweisilbig, und du antwortest ihm schon vom Vorzimmer aus mit dem gleichen Pfeifen. Tatsächlich hat die Mutter die Vögel aus dem Käfig gelassen und jetzt flattern sie im Esszimmer herum, deiner setzt sich dann an den Rand eines Wasserglases, beugt sich hinein, trinkt mit schnellen Schnabelschlucken. Der Vater ist wieder ins Geschäft, dafür ist der große Bruder heimgekommen, liegt mit einem Clever & Smart im Bett, dazu die Stereoanlage in voller Lautstärke an (TSCH-TSCH-TSCH-TSCH-TSCHÄINSCHÄÄS!!! TÖANEN FÄIS ÄSTRÄINSCH TSCH-TSCH-TSCHÄINSCH Ä-ÄS!). Du schmeißt dich auf dein Bett und schlägst Die Kinder aus Bullerbü von Astrid Lindgren auf, die du immer und immer wieder liest, seit du das Buch in der Bücherei, die erste Lektüre deines Lebens, entdeckt hast, nie wirst du aufhören, Die Kinder aus Bullerbü zu lesen, du wohnst in den drei Bullerbü-Büchern mit ihren schwarz-weißen Illustrationen von Ilon Wikland, auch mit Oetinger bist du auf Du und Du, ohne zu wissen, dass dieser Name für einen Verlag steht, stellenweise kannst du die Sätze auswendig aufsagen, du berauschst dich vor allem an den Ausdrücken, die dir fremd sind, die weder in deiner Familie noch in deiner Umgebung verwendet werden, wie Hefe (für das, was ihr Germ nennt) oder Kronen und Öre als Bezeichnung für Geldscheine und Münzen. Du sehnst dir so ein taufrisches Landleben mit Lasse, Bosse, Lisa, Inga, Britta und Ole herbei, ahnst aber, dass deine Stadt, in der ihr abends wegen der VÖEST-Abgase das Fenster schließt, nicht allzu viel Ähnlichkeit mit Bullerbü aufweist. Und gerade als du mitten in der Geschichte mit Oles losem Zahn (wieder so ein fremdes Wort: lose) angelangt bist, verspricht der Tag doch noch interessant zu werden: Die Nachbarin von nebenan steht mit Lockenwicklern auf dem Kopf vor der Tür, sie hat sich ausgesperrt, aber die Balkontür offen gelassen. Jetzt will sie, dass du von eurem Balkon zu ihrem hinüberkletterst und von innen die Tür aufmachst, erklärt sie deinem großen Bruder. Zum Glück hat sich deine Mutter vor zehn Minuten zum Supermarkt aufgemacht und so hilft dir dein Bruder, der der Bitte der Nachbarin, genau wie du, gerne nachkommen möchte, auf das Sims eures Balkons im dritten Stock und hält dich lässig mit einer Hand am Rücken, als du dich um die dünne Mauer, die euren Balkon von dem der Nachbarin trennt, herumschwingst. Du hast nicht einmal Zeit, in die Tiefe zu schauen, schon stehst du auf dem Nachbarinnenbalkon und gehst dann die Tür öffnen. Die Nachbarin scheint sich zu freuen, von dir aus hätte es aber ruhig etwas länger dauern können, blöd, dass du dich so beeilt hast, jetzt ist alles wieder wie vorher, und weil es nicht wie vorher sein soll, liest du die Geschichte von Oles losem Zahn nicht weiter und blätterst stattdessen ein bisschen in der Ablak-Zsiráf, einem ungarischen Wörterbuch für Kinder. Weil dein Vater dir und deinen Geschwistern seine Muttersprache, also die Vatersprache, nicht beigebracht hat, verstehst du nur einzelne Wörter oder Fetzen von Alltagsungarisch, der Rest ist ein klingendes Gewebe aus vielen Ös und Üs und offenen As und Doppelkonsonanten, auf die man sich lange draufsetzt, dafür sind die Fragen Flugzeuge im endlosen Steigflug, immer weiter rauf scheint es zu gehen. Du bist sieben Jahre alt und du fragst dich nicht, warum dich dein Vater nicht in seine Sprache eingeweiht hat, noch warum die Kinder seiner ungarischen Freunde sehr wohl zweisprachig erzogen werden, es ist einfach so und du hast auch keinerlei Ambitionen, der Vatersprache auf die Schliche zu kommen, im Gegenteil, leidtun würde es dir, wenn die fremdvertraute Lautlandschaft rund um deinen Vater ihrer Rätselhaftigkeit beraubt und ihre Geheimnisse sich mit dem Beton der Bedeutung füllen würden, so hast du die Freiheit der Wahl: Das Wort selyemhernyó kann alles Mögliche bedeuten, du könntest dir darunter einen alten verstellbaren, gepolsterten Zahnarztsessel vorstellen, wie du ihn in der Dorfarztpraxis deines ungarischen Onkels gesehen hast, aber auch einen Semmelknödel, wenn dir das Kinderlexikon anhand eines Bildes nicht suggerieren würde, dass der Begriff etwas mit Raupen oder Schmetterlingen zu tun hat. Andererseits kennst du mittlerweile, ohne dich darum bemüht zu haben, die wahre Bedeutung vieler ungarischer Wörter, du weißt etwa, dass mit oroszlán der Löwe gemeint ist und du freust dich auch über die Verdoppelung aller Dinge, denn während deine österreichische Freundin V. aus dem zweiten Stock nur den harmlosen kleineren und schwächeren Löwen zur Verfügung hat, kennst du auch den stolzen und mächtigen ungarischen oroszlán, der nach einem ganzen Land, einem Königreich klingt, eine größere Mähne um sein Haupt trägt und lauter brüllt als der durch die zwei ö-Punkterl verzierte, verniedlichte und in der Nähe von Diminutiven wie Röschen, Törtchen und Wörtchen lebende Löwe, sogar zum Brüllen braucht der die Punkterl.
Die Mutter kommt vom Supermarkt und beginnt mit dem Abendessenkochen und endlich sind auch die Geschwister zurück, spielen aber ein Kartenspiel, das du noch nicht gelernt hast, du sitzt dabei und siehst zu, darfst Karten vom Stapel ziehen, manchmal werfen sie dir einen neckischen Satz in der Muttersprache zu, während sie untereinander im ortsüblichen Dialekt miteinander kommunizieren, den du dich innerhalb der Familie zu verwenden genierst, so wie du dich vor deinen Freunden für deine Muttersprache genierst, was zur Folge hat, dass du dir weder in dieser noch in jener Art zu reden ganz echt vorkommst, die Sprache, in der du nicht das Gefühl hast, etwas nachzuahmen, dir und den anderen etwas vorzumachen, gibt es nicht. Du sprichst nicht, du spielst sprechen, du sprielst, du verstellst dich, sobald du den Mund aufmachst, darum schreibst du lieber.
Dann wieder Grüßteich, der Vater hat einen außergewöhnlich erfolgreichen Tag gehabt, mehrere Räder und ein Moped verkauft, die Füße in einer Schüssel mit lauwarmem Wasser, eine Bierflasche in der Hand, schräg auf den Fernseher blickend berichtet er und, mitgerissen von seiner Hochstimmung, sagst du dir gerade, dass angesichts solcher Nachrichten die vielen Wintertage, an denen gar niemand ins Geschäft kommt, vielleicht doch nicht so schlimm sind, da läutet es an der Tür und die Nachbarin schenkt dir zehn Schilling für deinen kleinen Hilfsdienst, so hast du auch etwas eingenommen an diesem Tag, nur die Mutter ist nicht erfreut, als sie erfährt, auf welche Weise du die zehn Schilling verdient hast.
Gleich ist das Essen fertig, nur mehr diese Partie, sagen die Geschwister, die Brüder haben angefangen, das Spielgeschehen zu kommentieren, wobei sie den starken ungarischen Akzent eines Freundes des Vaters nachahmen, in die deutschen Sätze ungarische Ausdrücke einstreuen und mit deutschen Endungen versehen oder umgekehrt, es ist ein doppeltes Spiel, mit Wörtern in den Mündern und Karten in den Händen, ihr zerkugelt euch in eurer Zwischensprache, die nur euch gehört, euch Kindern zweier Flüchtlinge.
Auch deinen Vater amüsiert das, er ist stolz darauf, anders als die meisten seiner ungarischen Freunde den hiesigen Dialekt beinahe ohne Akzent zu sprechen, wie er meint, und auch du stellst sein Können nicht infrage, erst als Erwachsene hörst du, aus der Distanz, die ungarische Färbung durch das Telefon. Es ist wie mit dem eigenen Hausgeruch, den du selbst nicht wahrnehmen kannst: Solange du zu Hause lebst, bist du zu nahe dran, so selbstverständlich ist dir die Vatersprache, dass sein Akzent unsichtbar bleibt, weil die Abweichung von der Norm selbst die Norm ist, immer schon war.
Todmüde liegst du im Bett, um dich herum Grillenzirpen, Gelsensirren und die spannenden, dir aber nicht immer verständlichen Geschichten deiner Schwestern über ihre Freundinnen und deren Freundinnen sowie ihrer aller Unstimmigkeiten und daraus resultierende Wortgefechte, was dir den letzten Rest an Konzentration abverlangt, umso mehr als die Artikulation der älteren deiner Schwestern durch eine Zahnspange beeinträchtigt wird und sich ihre Berichte infolgedessen noch enigmatischer ausnehmen. Aber du bist zu müde, um nachzufragen. Kurz bevor du einschläfst, hüpfst du noch einmal auf, wirfst den Zehner in deinen Sparefroh und streichst erleichtert den Tag vom Kalender.
Am Morgen ein Überraschungsschrei der älteren deiner beiden Schwestern, weil auf dem Fußabstreifer vor eurer Tür ein aus einem Schulheft gerissenes liniertes, zusammengefaltetes Blatt liegt, darauf dein Vorname, Liebesbrief schon wieder, sagen die Schwestern, jetzt ist auch die zweite, die jüngere der beiden älteren Schwestern, dazugekommen, im Pyjama noch, schnell das Blatt aufgefaltet und laut gelesen, weniger dir, der Adressatin des Schreibens, vorgelesen als der eigenen Neugierde, diesen an dich gerichteten angeblichen Liebesbrief des Hausmeisterbuben vom langen Wohnblock, Gekicher und lautes Gegacker der Schwestern, jeder einzelne Rechtschreibfehler muss herausgezerrt und hochgehalten werden, zum Auslachen für alle, du aber ärgerst dich, nicht nur über die Schwestern, weil sie, noch dazu bei offener Wohnungstür, so ein Theater veranstalten, dein Groll richtet sich auch und vor allem gegen den idiotischen Hausmeisterbuben, der die Liebe ohne E und mit stummem H schreibt, ich lihbe dich, schreibt er in wackeligen Buchstaben, obwohl er ein, zwei Jahre älter ist als du und dunkelgraue zweite Hasenzähne im Mund hat, wenn er lacht, am allermeisten aber wurmt dich, dass du dieses Spiel nicht verstehst, keine Ahnung hast du, was der Hausmeisterbub mit seinen Schriftstücken bezweckt und warum sie deine Schwestern jedes Mal aufs Neue so erheitern. Du machst dem Spektakel ein abruptes Ende, indem du deine Schwestern mit einem als Schimpfwort missbrauchten Tiernamen bedenkst, den Zettel an dich reißt, damit in die Küche läufst, um ihn kurzerhand in den Mist zu pfeffern, jetzt ist dir etwas leichter. Später suchst du in den Bücherstapeln im Mädchenzimmer heimlich das zerfledderte alte Lexikon, möglicherweise heißt lihbe etwas ganz anderes und die Schwestern haben alles grundfalsch interpretiert und sich zu unrecht auf deine Kosten amüsiert, aber nein, das Wort existiert nicht, was es nicht davon abhält, sich noch ein paar Stunden wie eine Schallplatte in deinem Inneren zu drehen, mit kurzem I und mit H, denn wenn du ein Wort denkst, dann siehst du es auch vor dir, ob du willst oder nicht, und es muss nicht nur aus Buchstaben bestehen.
Die Entdeckung, dass, wenn du dir ein Wort oft genug vorsagst, dir dieses Wort immer fremder wird, so fremd, dass du das Gefühl hast, eine willkürlich zusammengewürfelte Kombination aus Buchstaben oder Lauten auszusprechen, bis das Bezeichnete zu verblassen beginnt und schließlich ganz hinter dem Bezeichnenden verschwindet und man auf diese Weise also mit Wörtern Dinge wegzaubern und gleichzeitig Wörter in Dinge verwandeln kann, in etwas Lebendiges sogar, diese Entdeckung kannst du in deiner Erinnerung exakt datieren, zumindest hast du den Tag Anfang Dezember noch klar vor Augen, als ihr in der Schule vom Heiligen Nikolaus gesprochen habt und sich im Laufe dieser einen Unterrichtsstunde der du weißt nicht wie viele Male wiederholte Name von dem weißbärtigen Alten im roten Gewand ablöste und sich zu einer Art Drachenwurm aufblähte, der tollpatschig über euren Köpfen durch das Klassenzimmer wackelte. Ob auch die anderen ihn sehen konnten oder nur du, spielte in diesem Moment keine Rolle, so sehr verschlug dir der Wurm mit seiner plötzlichen Präsenz das Denken. Ni-ko-laus, ein fliegender Riesenwurm. Oder gar nichts. Oder alles Mögliche.
Dalagatan. Da-la-ga-tan. Das ist es, was dir jetzt durch den Kopf geht oder sich im Kreis dreht, immer und immer wieder. Seit mindestens einer halben Stunde murmelst du dein Dalagatan in dich hinein, als würdest du es einatmen wollen oder essen. Du liest es von dem Brief ab, den deine Mutter, als sie die Wäsche von der Wäschespinne unten vor dem Haus heraufholte, aus dem Postkasten gezogen hat. Kein zerrissener Zettel aus einem Schulheft, sondern ein echter Brief mit Briefmarke ist das. Schmal und gelb, deine Lieblingsfarbe, hellgelb wie Vanilleeis. Papier mit Rillen. Fühlen sich gut an, wenn du mit den Fingern drüberstreichst. Du hältst dasselbe Kuvert in Händen, das gestern oder vor wenigen Tagen noch SIE in den ihren gehalten haben muss. SIE musste ja deinen Brief vor sich liegen gehabt haben, um das dazuzuschreiben, was SIE tatsächlich dazugeschrieben hat, bevor SIE deinen Brief dann mit dem von IHR hinzugefügten Gedanken in dieses, damals noch in IHREM Besitz befindliche Kuvert gesteckt, eine Briefmarke draufgeklebt und ihn in einen Postkasten geworfen haben muss, woraufhin dieser Brief die lange Reise von IHRER Dalagatan bis hierher zu dir, nach Linz, in den Glöcknerweg angetreten hat, wo du gerade jetzt über seine Rillen streichst und die Tatsache, dass dies ein Stück Papier ist, das gestern oder vor wenigen Tagen noch SIE in ihrem Zuhause in der Dalagatan mit IHREN Händen berührt haben muss und du in diesem Augenblick dasselbe Stück Papier mit deinen Händen berührst, womöglich exakt an denselben Stellen wie SIE gestern oder vor wenigen Tagen erst in IHRER Dalagatan und es so also von diesem Tag an eine echte, keine fantasierte, sondern eine tausendprozentig echte Verbindung zwischen dir und IHR gibt, ist zu groß für dein Denken. Dagegen erweisen sich die von dir zurechtgelegten Worte, mit denen du von der unerhörten Begebenheit zu berichten brennst und, mehr noch, die Gesamtheit aller sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten als zu winzig und darum unzulänglich, wie du bald erkennen musst.
Dabei hast du dir eine Dramaturgie überlegt gehabt. Sobald die jüngere der beiden Schwestern von wer weiß wo nach Hause kommt, folgst du ihr ins Badezimmer und teilst ihr, während sie sich die Hände wäscht, deine Euphorie nur mit Mühe unterdrückend mit, dass du einen Brief erhalten hast. Und dann erst, von wem. Das würde ihre Überraschung auf ein Maximum steigern: zuerst nur, dass du einen Brief bekommen hast und dann erst den Namen, IHREN Namen! Du sagst es. Die Schwester schweigt. Sie drückt sich schnell und routiniert einen Pickel auf dem Kinn aus, riecht dann an ihrer Achselhöhle und antwortet endlich: Wenn du zwölf bist, kommt der Zwiebelgeruch
