Sommerwind über der Heide - Virginia Canetta - E-Book

Sommerwind über der Heide E-Book

Virginia Canetta

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Beschreibung

Das Lesevergnügen aus einer der schönsten Ecken Deutschlands: Der Liebesroman »Sommerwind über der Heide« von Virginia Canetta als eBook bei dotbooks. Wenn dein Herz seine Heimat sucht … Pech in der Liebe, das scheint Madeleine Winkler magisch anzuziehen: Ganz egal, wo die junge Zoodirektorin arbeitet, stets verliert sie ihr Herz an den Falschen. Doch damit ist jetzt Schluss! Also nimmt Madeleine das Angebot an, weit entfernt von jeder Großstadt den kleinen Tierpark »Heidesafari« zu leiten – denn mitten in der Lüneburger Heide gibt es ganz sicher keinen Mann, in den sie sich verlieben wird. Dafür warten jede Menge andere Herausforderungen auf sie, ganz egal, ob ein Alpaka in Not gerät, die Giraffendame Tosca Nachwuchs erwartet oder ein hartnäckiges Gerücht die Besucher vergrault: Es soll ein leibhaftiges Zoo-Gespenst geben! Doch bald stellt sich etwas ganz anderes als größtes Problem heraus – der Stursinn des Tierarztes Daniel Martens, der Madeleine regelmäßig auf die Palme bringt … Romantisch, amüsant und ein echtes Lesevergnügen: der neue Roman von Erfolgsautorin Virginia Canetta! Jetzt als eBook kaufen und genießen – der Liebesroman »Sommerwind über der Heide« von Virginia Canetta entführt sie in das Herz der Lüneburger Heide, die bezaubernde Landschaft zwischen Hamburg, Bremen und Hannover. Wer liest, hat mehr vom Leben! dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über dieses Buch:

Wenn dein Herz seine Heimat sucht … Pech in der Liebe, das scheint Madeleine Winkler magisch anzuziehen: Ganz egal, wo die junge Zoodirektorin arbeitet, stets verliert sie ihr Herz an den Falschen. Doch damit ist jetzt Schluss! Also nimmt Madeleine das Angebot an, weit entfernt von jeder Großstadt den kleinen Tierpark »Heidesafari« zu leiten – denn mitten in der Lüneburger Heide gibt es ganz sicher keinen Mann, in den sie sich verlieben wird. Dafür warten jede Menge andere Herausforderungen auf sie, ganz egal, ob ein Alpaka in Not gerät, die Giraffendame Tosca Nachwuchs erwartet oder ein hartnäckiges Gerücht die Besucher vergrault: Es soll ein leibhaftiges Zoo-Gespenst geben! Doch bald stellt sich etwas ganz anderes als größtes Problem heraus – der Stursinn des Tierarztes Daniel Martens, der Madeleine regelmäßig auf die Palme bringt …

Über die Autorin:

Dieser Roman ist etwas ganz Besonderes, da drei Generationen ihn geprägt haben: Christa Canetta war das Pseudonym der deutschen Journalistin und Bestsellerautorin Christa Kanitz (1928–2015). In ihrem Nachlass fanden ihre Töchter – darunter die erfolgreiche Autorin Brigitte D’Orazio – unvollendete Romane und Entwürfe, denen sie gemeinsam den letzten Schliff verliehen und die nun unter dem Namen von Christa Kanitz‘ Enkeltochter Virginia veröffentlicht werden.

Von Christa Canetta erschienen bei dotbooks »Das Leuchten der schottischen Wälder«, »Schottische Engel«, »Schottische Disteln«, »Die Heideärztin«, »Die Heideärztin unter dem Kreuz des Südens« und »Eine Liebe in Frankreich«; unter dem Namen Christa Kanitz erschien bei dotbooks der Roman »Die Liebe der Kaffeehändlerin«.

Unter dem Namen Virginia Canetta erschienen bei dotbooks bereits die Romane »Jenseits der Grillenbäume« und »Im Land der roten Erde«.

Brigitte D’Orazio veröffentlichte bei dotbooks die Romane »Die Sterne über Florenz«, »Villa Monteverde« und »Verliebt auf dem Land« sowie die Kurzromane »Fundstücke des Glücks«, »Kapitäne küsst man nicht« und »Ti amo heißt Ich liebe dich« – diese Romane sind auch als Sammelband mit dem Titel »Zum Träumen romantisch« erhältlich – sowie »Das Haus in Portofino«, »Der Fünf-Sterne-Kuss«, , »Geliebte Träumerin«, und »Sing mir das Lied von der Liebe«, die auch als Sammelband mit dem Titel »Zum Verlieben schön« erhältlich sind.

***

Originalausgabe November 2020

Copyright © der Originalausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Michelle Landau

Titelbildgestaltung: *zeichenpool, München, unter Verwendung verschiedener Bildmotive von www.shutterstock.com (© rallef; © WDG photo; © Creative Travel Projects)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96655-033-8

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Sommerwind über der Heide«an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

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Virginia Canetta

Sommerwind über der Heide

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

»Verflixt!«, stieß Madeleine aus. Die Straße war gesperrt. Nichts ging mehr. »Naturpark Lüneburger Heide«, stand auf einem großen Schild. »Durchfahrt verboten.«

Madeleine spürte, wie ihr schlagartig kalt wurde. Dabei war dies der erste schöne Sommertag des Jahres. Die Junisonne schien warm auf das Autodach ihres Wagens, und im Innern war es geradezu kuschelig. Bis gestern hatte es wie aus Kübeln gegossen, und das schon ungefähr das gesamte Frühjahr lang.

Die Natur um sie herum dampfte noch vor Feuchtigkeit.

»Bitte geradeaus fahren«, erklang die freundliche männliche Stimme des Navis. »In einem Kilometer erreichen Sie Ihr Ziel.«

»Irrtum«, murmelte Madeleine. »Wenn ich hier geradeaus fahre, mache ich mich strafbar. Das Verbotsschild ist nicht zu übersehen, und am Ende bleibe ich noch in einer Heidschnuckenherde stecken.« Sie fand es bedenklich, dass sie mit einem technischen Gerät sprach. Das lag wohl an der Aufregung.

Sie schaltete das Navi ab, stieg aus und schickte einen lauten Stoßseufzer in den Himmel.

Wie sollte sie denn jetzt in dieses verflixte Kaff namens Schaunbek gelangen? Fliegend vielleicht?

Sie sah sich um. Dort, im Halbschatten eines großen Wacholderbusches stand eine alte Frau mit einem Bollerwagen. Sie war das einzige menschliche Wesen in dieser unerwarteten Sackgasse. Energisch ging Madeleine auf sie zu. Feuchter Heidesand geriet in ihren Pumps und scheuerte schon nach drei Schritten ihre Nylonstrumpfhose durch. Hätte sie doch bloß praktische Klamotten angezogen! Aber nein, sie hatte sich an ihrem ersten Arbeitstag ja unbedingt elegant kleiden wollen, um sich gleich ein wenig Respekt zu verdienen. Also: helles Sommerkleid, dunkle Sonnenbrille und hohe Pumps. Auf denen riskierte sie zwar bei jedem Schritt ihr Leben, konnte aber zumindest gerade so als mittelgroß durchgehen. Für eine Frau von 38 Jahren, die es nie auf 1,60 Meter geschafft hatte, waren solche Dinge sehr, sehr wichtig. Also stakste sie unbeirrt weiter, bis sie die Greisin erreicht hatte, und zwang sich dann, nicht die Nase zu rümpfen. Ihr Gegenüber roch ziemlich streng nach Gin.

Die alte Frau warf Madeleine ein zahnloses Lächeln zu. »Nich’ waste denkst, Deern. Is’ bloß mein Wacholderschnaps.«

Madeleine kannte sich mit Alkoholika nicht besonders gut aus, nahm aber an, dass Gin und dieser Schnaps das Gleiche waren.

»Damit reibe ich mich jeden Morgen ein. Ist gut für mein Rheuma.«

Blinzelnd nahm Madeleine ihre Sonnenbrille ab. Entweder hatte sie eine Verrückte vor sich, oder die Menschen in der Lüneburger Heide hatten fern der Wissenschaft sagenhafte Heilmittel erfunden. Ob das auch für Tiere nutzbar war? Sie stellte sich vor, wie sie ein krankes Elefantenbaby mit Schnaps einrieb, beschloss gleich darauf, dass sie im Augenblick vor lauter Aufregung vermutlich nicht klar denken konnte, und sagte freundlich: »Guten Tag. Können Sie mir bitte sagen, wie ich nach Schaunbek komme?«

Aus der Nähe wirkte die Alte regelrecht verhutzelt. Unter dem bunten Kopftuch breitete sich eine faltige Landschaft aus Tälern und Höhenzügen aus. Mit einer von Rissen und Altersflecken überzogenen Hand wies sie nach rechts. »Dahinten gibt’s ’ne Kutsche.«

Madeleine sah sich um, entdeckte jedoch nichts außer einem baufälligen Schafstall.

»Vielen Dank, aber ich möchte nicht mit der Kutsche fahren. Es muss doch eine andere Straße in den Ort führen? Mein Navigationsgerät zeigt an, dass es hier eigentlich geradeaus gehen müsste. Aber hier ist ja gesperrt.«

Die Frau zuckte mit den Achseln, was eine neuerliche Gin-Dunstwolke aufsteigen ließ. »Jo. Seit zwei Wochen. Naturschutz und so.«

Madeleine hatte Mühe, die krächzende Stimme zu verstehen.

Wieder wies die Alte zum Schuppen. »Nur zehn Euro. In Undeloh kostet’s das Dreifache. Mein Mann fährt dich.«

Madeleine unterdrückte ein Grinsen. Ein Familienunternehmen also. Doch gleichzeitig mit dem Grinsen spürte Madeleine den Kummer zurückkehren. Sie hatte gehofft, sie hätte ihn in Hamburg gelassen, aber er war einfach mitgekommen. Gut verankert in ihrem Herzen, nicht gewillt, zu weichen.

Sie hatte auch geglaubt, bald einen Menschen »meinen Mann« nennen zu dürfen. Sie hatte Carlo geliebt. Letztes Jahr noch, als sie die Stelle als Zoodirektorin beim Tierpark Hagenbeck angetreten hatte. Da war dieser feine Hamburger Bankier in ihr Leben getreten und hatte sich als charmanter, fürsorglicher Verehrer erwiesen. Bis …

Stopp!, rief sich Madeleine im Stillen zur Ordnung. Nicht an ihn denken!

»Is’ wat, Deern? Willste ’n Schlückchen von meinem Schnaps? Hilft auch innerlich.«

Madeleine schüttelte heftig den Kopf. Das fehlte noch, dass sie mit einer Ginfahne ihren ersten Arbeitstag antrat. Und warum duzte die alte Frau sie einfach? War das hier Brauch? Madeleine entschied, sich vorerst nicht zu beschweren.

Die Greisin hob kurz die knochigen Schultern. »Na, ich fürchte, mein Menne kann sowieso nicht fahren. Ist alles voller Schlamm. Da stecken die Pferde irgendwann fest.«

»Verstehe«, erwiderte Madeleine hilflos. »Aber irgendwie muss ich nach Schaunbek kommen. Ich bin die neue Zoodirektorin des ›Heidesafari‹.«

Die trüben Augen der alten Frau leuchteten auf. »Der Karl Tannen war ein feiner Kerl. Schade, dass er jetzt das Erikakraut von unten sieht.«

»Ähm …«

»Und dass so ’n Schneewittchen wie du den Laden schmeißen kann, glaube ich mal nich’.«

Frechheit!, dachte Madeleine. Nur weil sie nicht besonders groß war und schwarzes, glänzendes Haar hatte, war sie noch lange kein hilfloses Märchenwesen. Sie funkelte die alte Frau aus ihren dunkelblauen, strengen Augen an, was jedoch völlig wirkungslos blieb.

»Na dscha, Lütte, wennde unbedingt hinmusst, dann spring auf. Mit dem da kommen wir noch am besten durch.«

Sie wies allen Ernstes auf ihren Bollerwagen. »Kann aber sein, daste schieben musst.«

Madeleine befand, es war an der Zeit, weiterzufahren. Sie mochte es nicht, »Lütte«, also Kleine, genannt zu werden. Ganz allgemein konnte sie es nicht ausstehen, unterschätzt zu werden. Und sie würde ganz gewiss nicht in einen Bollerwagen steigen. Kaiser Napoleon hatte sich auf seinem Weg nach Elba auch nicht so erniedrigt. Eine Madeleine Winkler würde ihre Zeit im Exil also ebenfalls mit Würde antreten. Zwar hatte sie bei Hagenbecks freiwillig gekündigt und sich ebenso freiwillig in Schaunbek beworben, doch es fühlte sich trotzdem an wie eine Verbannung.

»Herzlichen Dank, aber ich brauche mein Auto an meinem Arbeitsplatz.« Sie grüßte kurz und ging zu ihrem Wagen zurück. Es musste einen anderen Weg geben.

Madeleine stieg ein, wendete und fuhr zurück, während das wieder eingeschaltete Navi vor sich hin meckerte. »An der nächsten Kreuzung bitte wenden. Jetzt bitte … In 100 Metern rechts in die Hermann-Löns-Straße einbiegen, in weiteren 50 Metern …«

»Ach, halt die Klappe.« Madeleine gab es auf und schaltete das Navi endgültig aus. Das Ding legte es offenbar darauf an, sie mitsamt den nicht mehr ganz astreinen Abgaswerten ihres alten Golfs über weite Flächen voller Heidekraut zu jagen. Vielleicht half ihr ja die gute alte Landkarte weiter. Während sie langsam die Straße zwischen Undeloh und Sahrendorf zurückfuhr, warf sie einen Blick drauf. Aha. Hier war sie selbst gerade, dort unten Wilsede mitten im Naturpark, und weiter südlich, nahe Sudermühlen, lag Schaunbek. Kurz vor dem Ort wiederum gab es die Abzweigung zum Zoo »Heidesafari«. Okay, dachte Madeleine, versuchen wir es also mal hintenherum.

Zwei Stunden später erreichte sie nach mehrmaligem Verfahren, entnervtem Nachfragen und neuerlichem Verfahren den Ort, der ihre neue Wirkungsstätte werden sollte.

Ein Blick reichte ihr, um maßlos enttäuscht zu sein. Okay, sie hatte nichts Großartiges erwartet. »Heidesafari« war im Stellenangebot als schnuckeliger Zoo für die ganze Familie gepriesen worden.

Schnuckelig … so kann man das auch nennen, dachte Madeleine. Auf den Fotos in der Anzeige war definitiv geschummelt worden. Dort hatte der Zoo sehr viel belebter gewirkt. Das Gelände schien zwar recht groß zu sein, wirkte aber seltsam leer. Die Freigehege für die Tiere waren ziemlich weitläufig verteilt, wie Madeleine dem großen Lageplan am Eingang entnahm. Sie fragte sich, warum der frühere Besitzer den Zoo so angelegt hatte. War er davon ausgegangen, sein Unternehmen würde wachsen und bald aus allen Nähten platzen? Gut möglich. Nur leider war der Plan nicht aufgegangen.

Madeleine blickte noch eine Weile auf den Plan. Sie hatte spontan eine Idee, wie man die leeren Flächen nutzen könnte … aber das würde warten müssen.

Zunächst galt es, zu akzeptieren, dass sie nur noch die Direktorin eines kleinen Zoos mitten in der Provinz war. Vor zehn Jahren wäre das ein prima Job zum Einstieg gewesen. Aber Madeleine hatte eben schon längst Karriere gemacht. Nach einigen Jahren Lehrzeit im Zoologischen Garten Berlin war sie stellvertretende Direktorin eines Tierparks in der Normandie gewesen. Den Job hatte sie damals dank der Empfehlung eines Freunds ihrer französischen Mutter bekommen. Während der Zeit nahe Deauville hatte Madeleine viel dazugelernt. Auf Dauer hatte sie dort jedoch nicht bleiben können, und auch nicht bleiben wollen. Dummerweise hatte sie sich nämlich in ihren Chef verliebt, und das tat der Zusammenarbeit nicht gut. Als sie dann von der Stelle in Hamburg erfahren hatte, war sie zurück nach Deutschland gezogen.

Madeleine löste ihren Blick von dem Parkplan. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, dass sie ihre letzten beiden Stellungen wegen eines Mannes verlassen hatte. Nun, dachte sie, das wird mir hier bestimmt nicht passieren.

Ein rustikaler Heidjer passte nicht so recht zu der Wunschvorstellung ihres Partners. Heidjer, so wurden die Einheimischen der Lüneburger Heide genannt – das hatte Madeleine in einem Reiseführer gelesen. Aber mal ganz davon abgesehen: Sie hatte die Nase ohnehin gestrichen voll von den Männern.

Madeleine atmete tief durch, straffte die Schultern und sah sich weiter um. Der Eingang zum Zoo war verriegelt, die zwei Kassenhäuschen waren leer. Nirgends entdeckte sie ein Lebenszeichen. Auf einem großen Pappschild stand »Wegen Wetterschäden geschlossen«.

Schlecht, dachte Madeleine. Ganz schlecht. Und das am ersten Sonntag im Juni, einem herrlich sonnigen Tag. Perfekt für einen Familienausflug. An einem solchen Tag hätte der Zoo wirklich geöffnet sein sollen.

Wie gut, überlegte sie, dass ich schon heute gekommen bin, und nicht, wie angekündigt, erst morgen.

Über die Gründe, wegen denen sie einen Tag früher aus Hamburg abgefahren war, wollte sie so wenig wie möglich nachdenken. Aber ein Gutes hatte die Sache zumindest: Gravierende Fehler wie ein geschlossener Zoo wurden gleich aufgedeckt.

Madeleine nahm sich vor, die Verantwortlichen dafür so bald wie möglich zur Rede zu stellen. Dann fiel ihr ein, dass sie selbst ab sofort die Verantwortliche war. Also fischte sie ihr Smartphone aus der Handtasche und rief Annedore Köpke an, ehemals rechte Hand des Zoodirektors und nun ihre neue Assistentin. So lautete jedenfalls die offizielle Berufsbezeichnung. In Wahrheit, so hatte die ältere Frau Madeleine bereits am Telefon verraten, machte sie auch die Buchhaltung und war Mädchen für so ziemlich alles.

»Oh, Sie sind schon da?«, rief Annedore nun ins Telefon. »Wir haben Sie erst morgen erwartet.«

»Ich …« Madeleine räusperte sich. »Ich bin früher als geplant in Hamburg fertig geworden.« In Wahrheit hatte sie letzte Nacht nur das Nötigste in zwei Koffer geworfen und war regelrecht aus ihrer Wohnung geflüchtet. Erst mal zu ihrer besten Freundin Sissi, wo sie auf dem Sofa ein paar schlaflose Stunden verbracht hatte. Der Grund für diese Flucht hieß Carlo, aber erneut verbot sich Madeleine, an ihn zu denken.

»Und jetzt stehe ich hier vor verschlossenen Toren«, fügte sie hinzu. Sie hoffte, dass ihre Stimme energisch und vorwurfsvoll klang und nicht so hilflos, wie sie sich fühlte.

»Ich bin in zehn Minuten da!«, rief Annedore Köpke. »Ich wohne ja gleich um die Ecke.«

Tatsächlich dauerte es nur achteinhalb Minuten, bis eine rundliche Frau um die 60 auf einem Fahrrad angestrampelt kam.

»Tut mir leid«, sagte sie und schnaufte dabei schwer. »Wir haben wirklich noch nicht mit Ihnen gerechnet.«

Madeleine schüttelte die dargebotene Hand und lächelte. Dennoch fragte sie mit strenger Stimme: »Warum ist der Zoo an einem so herrlichen Sonntag geschlossen?«

»Schlamm«, antwortete Annedore knapp und machte sich an einem seitlich vom Haupteingang gelegenen kleinen Tor zu schaffen. »Nach dem Dauerregen kein Wunder. Wir mussten schon vor ein paar Tagen schließen, aber nun sind wir mit den Aufräumarbeiten so gut wie durch.«

»Das klingt nicht gut.«

»Na ja, eine Katastrophe ist es nicht. Aber das Freigehege der Alpakas ist ein einziger Morast, und der Schlamm ist sogar bis zu den Löwen geflossen.«

»Aha.« Madeleine nahm sich vor, sich gleich selbst ein Bild vom Zustand der Gehege zu machen.

»Möchten Sie Ihr Gepäck gleich mitnehmen?«, fragte Annedore freundlich. »Sie wohnen ja im Haus von Karl Tannen. Oben ist die Wohnung, unten befinden sich die Verwaltungsräume.« In den Augen der älteren Frau schimmerten Tränen. Der alte Zoobesitzer war offensichtlich äußerst beliebt gewesen.

Madeleine unterdrückte ein Seufzen. Ein Neuanfang war immer schwer, aber wenn sie hier gegen einen heiligen Mann antreten musste, würde es härter werden, als sie gedacht hatte.

Annedore half ihr mit den zwei Koffern. »Es macht Ihnen doch nichts aus, dort zu wohnen? Der Karl ist ja nicht in der Wohnung gestorben. Wir haben ihn bei den Ponys im Stroh gefunden. Hat sich wohl einsam gefühlt. Er hat gern ab und zu mal im Ponystall geschlafen. Tja, und da ist er dann sanft in eine bessere Welt hinübergeglitten. Ist ja immerhin 85 geworden.«

Madeleine sagte vorsichtig: »Ich denke, es stört mich nicht.« Im Stillen nahm sie sich jedoch vor, die Wohnung so bald wie möglich neu einzurichten. Bestimmt entsprach der Geschmack eines alten Mannes nicht unbedingt dem ihren.

»Und vor Gespenstern fürchten Sie sich auch nicht, oder?«, wollte Annedore weiter wissen.

»Wollen Sie damit etwa andeuten, der verstorbene Zoobesitzer spukt hier noch durch die Gegend?«

Annedore schüttelte heftig den Kopf. »Nein, der nicht.«

»Sondern?«

Etwas in Madeleines Gesichtsausdruck veranlasste die Assistentin, ihre Lippen zusammenzupressen. Schweigend lief sie weiter voraus.

Madeleine runzelte die Stirn und überlegte, wo sie hier bloß gelandet war. Aber dann folgte sie der älteren Frau, ohne weiter nachzufragen.

Sie liefen über einen breiten asphaltierten Weg und überquerten einen kleinen Marktplatz. In den Geschäften gab es ein paar verstaubt aussehende Souvenirs zu kaufen, außerdem Süßigkeiten, Getränke und Snacks. Madeleine fand das Angebot eher mickrig, entdeckte aber wenigstens auch eine Imbissbude und einen Stand für Backwaren.

Gleich dahinter verzweigte sich der Weg. Ein Schild verriet, dass es rechts zu den Tiergehegen ging, links wurde ein Stück unberührte Heidelandschaft versprochen. Was nicht ganz korrekt war, denn die Heide war eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft. Trotzdem genoss Madeleine den Spaziergang an Birken und Findlingen, an Wacholderbüschen und sogar einer vorgartengroßen Fläche mit grünem Heidekraut vorbei. Sie merkte kaum noch, wie der Sand in ihren Schuhen rieb. Sie glaubte, auch Heidelbeersträucher zu erkennen, war sich aber nicht ganz sicher. Es war zu lange her, dass sie welche gesehen hatte. Madeleine lächelte. Ihre Eltern waren früher oft mit ihr von Berlin aufs Land gefahren. In den Brandenburger Wäldern durfte Madeleine im Herbst ihr Körbchen nach Herzenslust mit den kleinen blauen Beeren füllen.

Ach – Mama und Papa … Madeleine seufzte, jedoch ohne jede Traurigkeit. Sie wusste, Claire und Heiner Winkler waren heute in Gedanken bei ihr. Auch wenn die beiden seit der Pensionierung des Vaters in Nizza lebten.

Alles wird gut, sagte sich Madeleine und folgte Annedore durch diesen stimmungsvollen Heidegarten bis zu einer hohen Hecke.

Kapitel 2

Eine Buchsbaumhecke wuchs an dieser Stelle so hoch und dicht, dass keine neugierigen Blicke von Zoobesuchern durchdringen konnten. Annedore schloss eine gut versteckte Pforte auf, dann ging sie hindurch. Madeleine folgte ihr. Auf der anderen Seite der Hecke führte ein schmaler Pfad durch einen Vorgarten zu einem Haus, das perfekt in die Landschaft passte. Es war typisch für die Lüneburger Heide. Tief gezogenes Reetdach, roter Backstein und mit den Jahren nachgedunkeltes Fachwerk. Über der Haustür gab es ein kleines Vordach, die Fensterrahmen waren weiß gestrichen.

»Karls Großvater hat es gebaut«, erklärte Annedore. »Der war Schäfer. Sein Sohn, Karls Vater, hat dann schon mit einem kleinen Zoo angefangen, nachdem immer mehr Besucher in die Heide kamen. Ihm ist aufgefallen, dass die Kinder lieber Schnucken und Hütehunde anschauten als irgendwelches blühendes Kraut. Der Karl hat das Geschäft dann ausgebaut.« Wieder glitzerten Tränen in ihren Augen, und auf einmal empfand Madeleine tiefes Mitgefühl für diese Frau. Sie ging zu ihr und drückte leicht ihren Arm.

»Es muss schwer sein ohne ihn.«

Annedore nickte und schniefte. »Habe 40 Jahre für ihn gearbeitet. Mein Mann hat immer gemeckert, dass ich mehr Zeit mit meinem Chef als mit ihm verbringe. Aber … oh, bitte verstehen Sie das nicht falsch. Der Karl war wie ein Vater für mich. Ich hätte nie …«

»Ich denke überhaupt nichts Falsches. 40 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Sie waren hier wie eine Familie.«

Annedore nickte. »Genau. Und jetzt haben wir alle Angst, dass …« Sie brach ab.

»Dass die neue Zoodirektorin eine eingebildete Pute aus der Großstadt ist?«

»Mhm.«

»Und womöglich so unfähig, dass sie den Zoo in wenigen Monaten in den Konkurs treibt?«

»Mhmmhm.«

Madeleine nahm ihre Sonnenbrille ab und schaute Annedore fest an. »Ich kann nicht versprechen, dass alles glatt läuft. Aber ich schwöre, ich bin eine ziemlich gute Direktorin, und eingebildet bin ich auch nicht. Sobald ich mich umgezogen habe, werde ich das auch beweisen.«

Ob es ihre Worte waren oder ihr fester Blick, vermochte Madeleine nicht zu sagen. Annedore jedenfalls entspannte sich und lächelte ein breites mütterliches Lächeln.

»Ich glaube Ihnen! Denn kommen Sie man rein. Das Haus ist nicht sehr groß, wie Sie sehen. Aber unten haben wir drei Büroräume. Oben ist es ein bisschen eng und hat schräge Wände. Aber das ist für Sie ja nicht so schlimm.« Rasch hielt sie sich die Hand vor den Mund.

Madeleine überlegte, ob sie beleidigt sein sollte, entschied sich dann dagegen. »Manchmal ist es von Vorteil, nicht besonders groß zu sein.«

»Entschuldigung, ich wollte Sie nicht beleidigen.«

»Haben Sie nicht. Dazu gehört schon etwas mehr. Also los, zeigen Sie mir die Wohnung.«

»Sehr gern. Das kleine Gebäude da drüben ist übrigens die tierärztliche Ambulanz.« Sie wies auf einen schmucklosen quadratischen Bau mit Flachdach direkt neben dem Wohnhaus. Es wurde ebenfalls von der Buchsbaumhecke vor neugierigen Blicken verborgen. »Nicht sehr schick, ich weiß, aber unser Doktor Martens macht da einen guten Job.«

»Das freut mich zu hören.«

Mit einiger Mühe schleppten die beiden Frauen Madeleines Koffer über eine schmale, steile Treppe nach oben.

»Vor etwa 100 Jahren hat hier ein Kartoffelbauer mit seiner Familie gewohnt«, erklärte Annedore schnaufend. »Und hier haben damals die Kinder geschlafen. Der alte Karl hat das Haus dann für seine Zwecke umbauen lassen. Unten die Büroräume, hier oben seine Wohnung.« Sie öffnete eine Tür und machte eine einladende Geste.

Madeleine ging durch einen kurzen Flur und stand sofort im Wohnzimmer. Es war nicht sehr groß, aber es gab ein Sofa und einen gemütlich aussehenden Sessel. An den Wänden standen halbhohe Bücherregale, außerdem gab es zwei kleine Tische und eine Stehlampe.

Stil 50er-Jahre, stellte Madeleine fest, und fand es gar nicht so schrecklich wie befürchtet. Im Schlafzimmer gab es ein großes Bett neueren Datums und einen geräumigen Kleiderschrank. Die Küche hatte neben etwas altertümlich aussehenden Geräten auch einen runden Tisch mit vier Stühlen.

»Die drei Räume sind exakt gleich groß«, erklärte Annedore. »Und an diesem Tisch haben wir oft noch abends zusammengesessen. Der Karl, ich, unser Veterinär, ein paar Tierpfleger. Die meisten Probleme haben wir hier gelöst.«

Madeleine nickte, nahm sich jedoch im Stillen vor: Diese Tradition würde sie nicht fortführen. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie nach einem anstrengenden Arbeitstag am Abend ihre Ruhe brauchte. Abschalten, ein Buch lesen oder zwei Folgen einer Serie schauen. Mehr war nicht drin.

»Übrigens sind heute alle im Einsatz, damit wir morgen wieder öffnen können«, sagte Annedore. »Die Pfleger und Pflegerinnen, die Verkäufer, die Kassiererinnen und sogar Daniel, der eigentlich einen seiner seltenen freien Tage hat. Alle packen mit an und befreien den Zoo vom Schlamm. Wir halten eben zusammen. Ich war nur zu Hause, um das Essen für meinen Mann Heiner zu machen. Und genau da haben Sie angerufen.«

Madeleine lächelte freundlich. Sie hatte gewiss nicht vorgehabt, diese so tüchtig wirkende Frau wegen irgendetwas zu rügen.

»Wer ist Daniel?«, fragte sie dann. Bisher hatte sie die Liste der Mitarbeiter nur überflogen. Sie zog es vor, die Menschen persönlich kennenzulernen.

»Doktor Daniel Martens, unser Tierarzt. Ein wunderbarer Mensch. Sanft zu den Tieren und gut zu den Menschen.«

Aha, dachte Madeleine amüsiert. Sie war schon gespannt darauf, den Mann kennenzulernen.

»Ich lasse Sie dann mal in Ruhe auspacken«, sagte Annedore. »Den Kühlschrank habe ich schon gestern mit den wichtigsten Lebensmitteln bestückt. Wenn Sie nichts dagegen haben, fahre ich jetzt wieder nach Hause. Mein Mann war ziemlich sauer, dass ich einfach die Kaffeetafel verlassen habe. Die ist ihm am Sonntag nämlich heilig.«

»Kein Problem«, erwiderte Madeleine mit einem Lächeln. »Danke, dass Sie mich reingelassen haben. Wir sehen uns dann morgen.«

Annedore ließ ihr noch einen zweiten Schlüsselsatz da und beeilte sich dann, fortzukommen.

Nachdem Annedore gegangen war, stand Madeleine einen Moment ganz still im Flur, schloss die Augen und ließ ihr neues Zuhause auf sich wirken. Von irgendwoher hörte sie ein leises Ticken, vielleicht eine Uhr? Und dann hing noch der letzte Hauch eines Geruchs in der Luft, den sie nicht zuordnen konnte, der ihr aber das Gefühl gab, ein Eindringling zu sein. Sie beschloss, erst einmal gründlich zu lüften.

Kurz darauf wollte sie ins Bad gehen, um sich frisch zu machen, als sie plötzlich ein wohlbekanntes Ziehen in der Magengrube verspürte. »Madeleines sechster Sinn!«, hatte ihre Oma früher in solchen Situationen zu scherzen gepflegt. Denn tatsächlich: Manchmal schien Madeleine feinere Antennen zu haben und früher als andere zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Zum Beispiel damals, als ihr Vater sich auf einer Geschäftsreise das Bein gebrochen hatte und die kleine Madeleine zur selben Zeit am heimischen Frühstückstisch saß und sagte: »Irgendwas ist mit Papa!«

Mehr als einmal hatte sie die Schwangerschaft einer Freundin oder Mitarbeiterin erahnt, bevor die selbst davon wusste. Nur in ihren eigenen Beziehungen funktionierte diese erstaunliche Klarsichtigkeit nie … leider.

Jetzt aber, genau in diesem Moment, spürte sie es ganz genau: Sie wurde da draußen gebraucht, sonst würde etwas Schlimmes passieren! Sie hatte keine Ahnung, woher dieses Gefühl kam – sie wusste nur, sie musste dem nachgehen.

Sie nahm sich nicht mal die Zeit, sich etwas Bequemeres anzuziehen, denn sie spürte jetzt ganz deutlich, dass sie sich beeilen musste. Also lief sie los, die Treppe hinunter, aus dem Haus und in Richtung der Tiergehege. Ihre Pumps versanken im vom Regen aufgeweichten Boden. Sie zog sie aus und rannte auf Nylonstrümpfen weiter.

Sie kam an einer umzäunten Weide vorbei und warf nur einen schnellen Seitenblick auf ein paar Ponys. Auch Zwergponys waren darunter, und für einen Moment glaubte Madeleine, eine Gestalt in verdreckten Klamotten zu sehen. Doch im nächsten Moment war sie verschwunden, und Madeleine vermutete, dass sie sich getäuscht hatte. So durchscheinend hatte die Gestalt auf sie gewirkt. Fast unsichtbar.

Nach den Ponys erreichte sie das ebenfalls sehr weitläufige Alpakagehege, und als Madeleine bemerkte, dass der Stall leer war, stöhnte sie auf. Das breite Tor stand weit offen, von der Herde war keine Spur zu sehen. Jetzt musste sie also auch noch über eine schlammige Wiese laufen. Aber ihre Vorahnung sagte ihr, dass sie genau hier gebraucht wurde.

Aufmerksam sah sie sich um. In ihrer Nähe war niemand. Offenbar arbeiteten die Mitarbeiter jetzt an einer anderen Stelle des Zoos. Der Weg hierher war ja auch schon freigeschaufelt worden. Sie überlegte, ob sie nach jemandem rufen sollte, ließ es dann aber bleiben.

Kurzerhand duckte sie sich unter dem Zaun durch, krabbelte auf allen vieren durch einen breiten Graben und lief weiter. Ihr helles Kleid war spätestens jetzt ruiniert, doch das kümmerte sie nicht.

Die Wiese fiel zu einer Senke ab, in der ein paar Birken standen. Zwischen den strahlend weißen Stämmen entdeckte Madeleine die Alpakas. Die Tiere mit buschigem Fell in verschiedenen Brauntönen standen eng zusammengedrängt vor einem kleinen Weiher – während einer ihrer Artgenossen um sein Leben kämpfte.

Der Weiher hatte sich in ein Schlammloch verwandelt, und das Tier, das dort hineingeraten war, konnte nur mit Mühe seinen Kopf über Wasser halten. Wahrscheinlich auch nur deshalb, weil es mit dem Kinn noch das Ufer erreichte. Allerdings rutschte es immer wieder ab. Der lange, schlanke Hals und der Rest des Körpers waren bereits versunken.

Während sich Madeleine vorsichtig dem Ufer näherte, fragte sie sich verzweifelt, was sie nur tun konnte. Sie war nicht besonders stark, und so ein Alpaka wog locker 60 Kilo. Ihr blieb nur eines zu tun. Sie hockte sich am Ufer nieder, nahm den hellbraunen rundlichen Kopf in ihre Hände und hielt ihn fest, so gut es ging. Doch sie wusste, lange würde das nicht gut gehen. Der Morast wirkte wie Treibsand auf den Körper des bereits entkräfteten Tieres.

Leise sprach sie auf das Alpaka ein. »Bitte halte durch. Mehr kann ich nicht für dich tun, aber es kommt bestimmt gleich Hilfe.«

Blöderweise hatte sie ihr Smartphone im Haus gelassen. Madeleine überlegte, ob es sinnvoll war, laut zu rufen. Würde sie hier überhaupt jemand hören? Oder würde alles nur noch schlimmer werden, wenn das Alpaka vor Schreck zurückzuckte?

Noch bevor sie zu einer Entscheidung gelangen konnte, hörte sie zu ihrer größten Erleichterung schwere Schritte herannahen. Im nächsten Moment sprang jemand einfach in den Teich, sodass sie kräftig mit Dreck bespritzt wurde.

Ein Mann. Er zog und zerrte an dem hilflosen Tier und fluchte dabei wie ein Heidekutscher. »Du verdammtes strohdummes Vieh! Ich hätte euch alle in den Stall sperren sollen! Verflucht! Wenn ich eben nicht das Gespenst verfolgt hätte, wäre ich niemals rechtzeitig gekommen. Gottverdammt! Halt still!«

Worte wie Peitschenhiebe, aber Madeleine hörte die Angst heraus, die der Mann um das hilflose Tier hatte. Sie musterte ihn neugierig. Groß war er, und breitschultrig. Wenn es einer schaffen konnte, dann er. Wie er genau aussah, war nicht zu erkennen, denn er war bereits über und über mit Schlamm bedeckt. Sie vermutete, es handelte sich um einen der Tierpfleger.

»Staunen Sie keine Bauklötze!«, fuhr er sie plötzlich an. »Helfen Sie mir gefälligst!«

Madeleine zögerte. Wenn ein Alpaka bis zum Kopf im Schlick versinken konnte, war das bei einer kleinen Frau genauso gut möglich. Sie konnte auf keinen Fall zu ihm in den Teich klettern. Das hatte der Mann aber offensichtlich auch gar nicht im Sinn.

»Ihr Kleid, zum Teufel!«

»Wie bitte?«

»Ausziehen! Ich brauche das als Schlinge.«

Madeleine verschlug es die Sprache. Glaubte dieser ungehobelte Kerl allen Ernstes, sie würde sich einfach so vor ihm entblättern? Niemals! Aber dann schaute sie in die großen flehenden Augen des hilflosen Alpakas.

Mist!, dachte sie. Dieses Tierleben ist mehr wert als mein Schamgefühl.

Zum Glück erinnerte sie sich daran, dass sie zu ihrem schicken Outfit am Morgen auch hübsche Dessous angezogen hatte. Nichts war schlimmer, fand sie, als ausgeleierte Sport-BHs und bequeme Liebestöter offenbaren zu müssen.

Vorsichtig ließ sie den Kopf des Alpakas los, stand auf und griff nach dem Saum ihres Kleides. Sie wollte es schon hochziehen, als hinter ihr zwei weitere Männerstimmen erklangen.

»Wir kommen! Haltet durch!«

Schon waren sie an Madeleine vorbei und schlangen mithilfe des Mannes im Teich ein dickes Seil unter dem Bauch des Alpakas hindurch. Schließlich machten sich die drei Männer vorsichtig daran, das Tier zu befreien.

Madeleine blieb in etwas Abstand noch so lange stehen, bis sie sicher sein konnte, dass die Rettungsaktion gut ausgegangen war. Dann verkrümelte sie sich, um sich von den matschgetränkten Klamotten zu befreien.

»Wer war die heiße kleine Braut?«, hörte sie einen der Männer noch fragen. »Sah aus wie Schneewittchen bei einer Schlammschlacht.«

»Keine Ahnung«, erwiderte der fluchende Heidekutscher. »Aber wenn ich die erwische, kann sie was erleben! Schleicht sich einfach auf das Zoogelände! Möchte mal wissen, wie die reingekommen ist.«

Davon, dass sie fast ihr Kleid ausgezogen hätte, sagte er nichts, stellte Madeleine fest. Und was hatte das zu bedeuten, was er zu dem Alpaka gesagt hatte? Er hatte ein Gespenst verfolgt? Madeleine musste ein mulmiges Gefühl abschütteln. Erst Annedore und jetzt dieser Tierpfleger.

Irgendetwas ging vor im »Heidesafari«, und sie wusste, sie würde bald herausfinden müssen, was das war. Dabei hatte sie doch gehofft, hier ein wenig zur Ruhe zu kommen.

***

Eine bleierne Müdigkeit überfiel Madeleine, als sie endlich wieder ihre neue Wohnung betrat. Es war einfach zu viel passiert in den letzten Tagen, und dieser Einstand heute war auch nicht ohne gewesen.

Madeleine ging direkt unter die Dusche und ließ lange den heißen Wasserstrahl auf ihren Körper prasseln. Danach fühlte sie sich zumindest wieder sauber, wenn auch immer noch erschöpft.

Sie inspizierte die von Annedore besorgten Lebensmittel, nahm sich etwas Brot und Käse, goss sich ein halbes Glas Wein ein und ließ sich damit auf das Sofa sinken. Erst dann kam sie auf die Idee, ihr Smartphone zu checken.

Mehrere Nachrichten von ihren Eltern und ihrer besten Freundin Sissi waren eingegangen. Madeleine schrieb ihren Eltern schnell zurück, dass es ihr gut ginge. Was zwar nicht so recht stimmte, aber wozu sie beunruhigen?

Ihre beste Freundin hingegen rief sie lieber kurz an. Sissi würde keine Ruhe geben, bis sie nicht miteinander gesprochen hatten.

»Es ist alles so weit in Ordnung«, sagte Madeleine, als die Freundin sich gemeldet hatte. »Mein erster Tag war nur gleich sehr anstrengend, weil ich ein Alpaka gerettet habe.«

»Ein Alpaka«, wiederholte Sissi. »Spucken die nicht?«

Trotz ihrer Müdigkeit musste Madeleine grinsen. »Dazu war das arme Tier viel zu erschöpft«, entgegnete sie und erzählte, was sich zugetragen hatte.

An dem Tierpfleger war Sissi viel mehr interessiert als an dem Tier selbst, aber Madeleine hielt sich mit weiteren Einzelheiten lieber zurück.

»Klingt nach einem, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat«, stellte Sissi fest. »Aber es ist ja bekannt, dass die Leute in der Gegend da etwas merkwürdig sind.«

»Was willst du damit sagen?«

»Ein Großonkel von mir stammte aus Wilsede. Und der hat auf Familienfesten immer laut Marschlieder gegrölt. Dann hat er sämtliche Frauen abgeküsst und sich Tortenstücke in die Taschen gestopft – für harte Zeiten.«

Madeleine fand, das klang eher nach einem einsamen, traurigen Leben als nach einer Marotte, sagte aber nichts dazu.

»Auf jeden Fall«, fuhr Sissi fort, »wird auf der Lüneburger Heide aus alter Gewohnheit eben über die eine oder andere Verschrobenheit hinweggesehen. Das mag an der rauen Landschaft liegen, oder daran, dass diese Gegend über Jahrhunderte hinweg abgeschieden vom Rest der Welt war.«

»Mag ja alles sein«, gab Madeleine zurück. »Ich bin jedenfalls nicht verschroben.«

»Noch nicht. Oder vielleicht doch?«

»Was willst du damit wieder sagen?«

Sissi zögerte einen Moment, sagte dann aber schließlich: »Zumindest lässt du dich von einem Stalker belästigen, weil du ihn insgeheim immer noch liebst.«

»Das ist Blödsinn!«

»Wie du meinst, Schätzchen. Was ich eigentlich sagen will, ist: Pass gut auf dich auf, ja?«

Madeleine versprach es und beendete nachdenklich das Gespräch.

Auch mehrere Nachrichten von Carlo waren eingegangen. Madeleine löschte sie wie gewohnt. Sie wollte mit diesem Mann nichts mehr zu tun haben. Nie mehr. Und sie hoffte, er würde sie nicht bis in die Heide verfolgen. Wie ein Gespenst.

Na ja, dachte sie, nicht ganz. Um ein Gespenst zu werden, musste man tot sein, und das wünschte sie diesem Mann dann doch nicht. Höchstens ein bissen tot vielleicht, sodass er sie in Ruhe ließ.

An diesem Punkt ihrer Überlegungen beschloss Madeleine, dass sie von einem halben Glas Wein offensichtlich schon betrunken war und schleunigst schlafen gehen sollte.

***

Am nächsten Morgen wachte sie schon sehr früh auf. Zu ihrer Überraschung fühlte sie sich erholt und tatendurstig. Sie hatte eigentlich erwartet, wie gerädert kaum aus dem Bett zu kommen, da sie sich die halbe Nacht unruhig hin- und hergewälzt hatte. Ein Blick auf ihr Smartphone sagte ihr, dass es erst kurz nach fünf war. Schon wieder waren mehrere Nachrichten von Carlo eingegangen.

Sie dachte daran, ihn zu blockieren. Sissi hatte das schon vor Wochen vorgeschlagen, doch Madeleine hatte befürchtet, damit alles nur noch schlimmer zu machen. Auch jetzt zögerte sie. Ein Teil von ihr hoffte vielleicht wirklich noch, es sei alles gar nicht so schlimm. Carlo könne sich wieder beruhigen und akzeptieren, dass es vorbei war. Dann könnte Madeleine die Erinnerung an die schönen Zeiten auch zulassen und müsste sich nicht selbst vorwerfen, dass sie dem Charme eines Verrückten aufgesessen war. Also löschte sie wie immer nur die neuen Nachrichten.

Nach einem schnellen Frühstück beschloss Madeleine, einen Spaziergang draußen auf der Heide zu machen. Bevor sie ihren ersten richtigen Arbeitstag begann, wollte sie zumindest kurz die Natur genießen und Kraft tanken. Und das bisschen Heide vor ihrem Haus reichte ihr dafür nicht.

Mit der Seitentür am großen Eingangsportal des Zoos hatte sie ein wenig Mühe – das Schloss musste dringend mal geölt werden. Aber schließlich schaffte sie es, hinauszukommen.

Sie wandte sich weg vom Ort Schaunbek, hin zur offenen, hügeligen Natur. Dann folgte sie gemächlich einem schmalen sandigen Weg. Noch war das Vorwärtskommen schwierig, denn der Sand war vom tagelangen Regen durchgeweicht, aber heute trug Madeleine immerhin bequeme Sportschuhe.

Die Schönheit dieser Landschaft traf sie mit voller Wucht. Sie sog die würzige Luft ein und ließ sich von der weiten Ebene voller Heidekraut verzaubern. Jetzt im Juni blühte die Heide natürlich noch nicht. Trotzdem war Madeleine entzückt von dem Naturschauspiel.

Dick und klebrig wie Honig lag der Bodennebel im Tal, hie und da golden angeleuchtet von den ersten Strahlen der Morgensonne. Fichten, Eichen und Kiefern streckten ihre Wipfel in den hellblauen Himmel. Heidelerchen und Braunkehlchen jubilierten um die Wette, und aus einem der Nester im nahen Dorf gesellte sich das Klappern der Weißstörche dazu.

Auch Heidelbeersträucher fand Madeleine, und nahm sich fest vor, in gut einem Monat, wenn sie reif waren, auf die Suche nach den kleinen violetten Früchten zu gehen. Sie wollte, dass ihre Finger und ihre Lippen wie früher vor lauter Saft ganz violett wurden; sie würde sich wie ein Kind fühlen, beschützt und in Sicherheit.

Im nächsten Augenblick straffte Madeleine entschlossen die Schultern. »Das habe ich nicht nötig!«, erklärte sie laut einer hohen, schlanken Birke. »Ich muss von niemandem mehr beschützt werden. Ich bin nämlich erwachsen und habe mein Leben fest im Griff.«

Ungerührt stand die Birke vor ihr. Nur die hellgrünen Blätter oben in der Baumkrone raschelten leicht im Morgenwind.

Madeleine fragte sich, was bloß mit ihr los war. Sollte Sissi am Ende recht behalten? Konnte man in der Lüneburger Heide tatsächlich leicht den Verstand verlieren?

Nein, das war natürlich völliger Quatsch!

In dem Moment kam ein leiser Wind auf – es klang, als schwebe ein trauriges Lied über die Heide, getragen von Hunderten wispernden Stimmen.

Madeleine machte auf dem Absatz kehrt und eilte zurück zum »Heidesafari«, als seien 1.000 Kobolde hinter ihr her.

Kapitel 3

»Es sieht gut aus«, sagte Daniel zu Karsten und wies Richtung Elefantenhaus. Dort herrschte Ruhe – es gab keinen Grund zur Besorgnis, fand er. Entspannt lehnte er sich gegen den Stamm einer Eiche.

Der Tierpfleger hingegen kratzte sich nachdenklich am Kopf. »Erst mal abwarten.«

Daniel lächelte in sich hinein. Karsten Wendisch war kein Mann, der sich so leicht begeistern ließ. Aber gerade seine ruhige, grüblerische Art machte ihn zu einem der Besten seines Fachs. Sie arbeiteten zusammen im Zoo »Heidesafari«, seit Daniel vor 15 Jahren hier angefangen hatte.

Damals war Daniel mit 27 Jahren ein denkbar unerfahrener Tierarzt gewesen. Nach seinem Studium der Veterinärmedizin hatte er zwar bereits diverse Praktika in großen deutschen Tierparks absolviert, trotzdem hatte die neue Verantwortung im »Heidesafari« schwer auf ihm gelastet. Ohne Karsten, zwölf Jahre älter und um Lichtjahre erfahrener als er, hätte der junge Tierarzt in Schaunbek bestimmt so manchen großen Bock geschossen.

Ohne Karsten und den Besitzer des Zoos, verbesserte Daniel sich selbst im Stillen. Auch Karl Tannen hatte ihm seine anfängliche Unsicherheit nachgesehen. Er hatte wohl damals schon ein Potenzial in Daniel erkannt, das er selbst noch nicht in sich sehen konnte.

Daniel schloss kurz die Augen. An Karl Tannen wollte er gerade jetzt nicht denken. Warum sich mit traurigen Gedanken die Freude über diesen Moment verderben?

Der Wind trug das leise Blöken der Alpakaherde zu ihm herüber, und er musste an die Ereignisse des gestrigen Tages denken. Er sah wieder diese seltsame, matschbeschmierte junge Frau vor seinem inneren Auge, die ihn gestern so verwirrt hatte. Ganz ruhig hatte sie dort am Schlammloch gekniet. In einem ehemals hellen Kleid und mit dem Kopf des armen Alpakas im Schoß. Im ersten Moment hatte Daniel an eine Vision geglaubt. Seit der angebliche Spuk im Tierpark begonnen hatte, war alles möglich, fand er. Aber dann hatte die unbekannte Frau mit sanfter Stimme auf das verängstigte Tier eingeredet, und diese Stimme war definitiv real gewesen.

Gleich nach der Rettung des Alpakas war sie verschwunden, und Daniel hatte sich vorgenommen, heute früh als Erstes mit Annedore Köpke über den Eindringling zu sprechen. Doch bisher war er nicht dazu gekommen …

Schnell sah Daniel wieder zum Elefantenhaus hinüber. Noch immer tat sich dort nichts.

Normalerweise kam die kleine Herde afrikanischer Elefanten morgens ins Freigehege hinaus, sobald die Tore geöffnet waren. Aber heute ließen sich die Tiere ungewöhnlich viel Zeit. Der Grund dafür hieß höchstwahrscheinlich Tayo und war ein Jungbulle, der vor ein paar Tagen per Sondertransport aus einem großen Zoo in Süddeutschland eingetroffen war.

Seit der alte Bulle Mekong im vergangenen Jahr gestorben war, fehlte es im Elefantenhaus an Vertretern des männlichen Geschlechts. Der einzige andere Jungbulle Kiano war ein Sohn von Mekong, und Daniel hatte Karl Tannen dringend empfohlen, der Herde frisches Blut zuzuführen, um die Probleme der Inzucht zu vermeiden.

Auch Tayo war noch nicht geschlechtsreif, würde aber in ein paar Jahren für gesunde Nachkommen sorgen. Zwei Tage lang hatte er getrennt von den anderen verbringen müssen, und als er gestern zum ersten Mal auf die Herde getroffen war, war alles glattgegangen. Zu glatt, wie Karsten stirnrunzelnd zu bedenken gegeben hatte. Der Tierpfleger blieb auch an diesem Morgen misstrauisch.

Aber Daniel hatte gesehen, wie die Leitkuh Malia nach der ersten Aufregung entspannt den Rüssel gesenkt hatte und sich die Unruhe in der Herde daraufhin sofort gelegt hatte. Es schien, als sei Tayo in seinem neuen kleinen Reich gleich freundlich willkommen geheißen worden.

Noch immer zeigten sich die Tiere nicht, und der Tierpfleger neben Daniel wurde von Minute zu Minute unruhiger.

»Da stimmt was nicht«, sagte Karsten besorgt.

»Reg dich ab«, erwiderte Daniel. »Du siehst mal wieder viel zu schwarz.«

Karsten hatte in letzter Zeit manchmal nervös, ja geradezu unglücklich gewirkt, aber so fahrig wie an diesem Morgen hatte Daniel ihn noch nie erlebt. Irgendetwas war los mit ihm, aber dies war vermutlich nicht der richtige Zeitpunkt, um herauszufinden, was es war.

Daniel klopfte dem Tierpfleger freundschaftlich auf die Schulter. »Wart’s nur ab. Der neue Bulle wird sich gut machen und dem Zoo eine ganze Reihe kleiner Elefantenbabys schenken.«

»Möglich«, brummte Karsten. »Aber ich traue dem Frieden noch nicht. Wieso kommen sie nicht raus?«

»Soll ich nachschauen gehen?«

Daniel hatte noch etwas Zeit, bis er seinen morgendlichen Rundgang beginnen wollte. Er war heute schon in aller Herrgottsfrühe in den Tierpark gekommen, und sein erster Weg hatte ihn zum Elefantenhaus geführt – aber Karsten war dennoch vor ihm da gewesen.

Manchmal fragte Daniel sich, ob der Tierpfleger überhaupt ein Privatleben hatte. Karsten schien ihm ein Mann zu sein, der ganz in seinem Beruf und der Liebe zu seinen Schützlingen aufging – nun, das Gleiche galt für ihn selbst, und so etwas wie ein Privatleben kannte er schon lange nicht mehr.

Kaum eine Frau hatte es bisher mit ihm und seinen unmöglichen Arbeitszeiten ausgehalten. Die meisten hatten eben kein Verständnis dafür, dass sich eine trächtige Giraffendame mit der Geburt ihres Kalbs nicht an die Bürozeiten hielt, und dass sich ein Parasit genau die Weihnachtsfeiertage aussuchte, um die empfindlichen Flamingos zu befallen.

Nur eine hatte es gegeben, die das akzeptiert hatte – Natalie.

Ja, sie waren glücklich gewesen, wenigstens eine Zeit lang. Später nicht mehr. Aber bevor sie sich wirklich mit ihren Problemen auseinandersetzen konnten, war Natalie schwer erkrankt. Nun war Daniel seit mehr als fünf Jahren Witwer. Er lebte allein und hatte nicht vor, an diesem Zustand etwas zu ändern.

Daniel stieß ein Brummen aus. Er verstand nicht, warum er ausgerechnet heute an Natalie denken musste.

Weil Karsten noch nicht auf sein Angebot, bei den Elefanten nach dem Rechten zu sehen, geantwortet hatte, wiederholte er es.

»Warten wir noch ein wenig ab«, gab Karsten zurück. »Vielleicht hast du recht und ich sollte mir wirklich nicht so einen Kopf machen. Wenn ich bei Michel fertig bin, kümmere ich mich um die Herde.«

Michel war das afrikanische Panzernashorn im Gehege nebenan. Ein unmöglicher Name, an dem ein kleines Mädchen schuld war. Eine Großnichte von Karl Tannen, damals ungefähr sieben Jahre alt, hatte, als sie den gepanzerten Neuzugang zum ersten Mal sah, ausgerufen: »Oh wie süß. Darf ich ihn Michel nennen?«