Sommerwinter - Jürgen Moers - E-Book

Sommerwinter E-Book

Jürgen Moers

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Beschreibung

Maria und Fedelinde leben schon lange mit ihren Ehemännern Erwin und Rolli und den beiden Freunden Dieter und Heinz in einem großen Haus in Castrop-Rauxel in einer Alten-WG. Alle sind schon seit ein paar Jahren Rentner. Außer Erwin, der ist Pensionär, weil er vorher verbeamteter Lehrer war. Im Sommer genießen alle zusammen ihren Ruhestand in Deutschland. Sobald es aber im Herbst draußen ungemütlich wird, fliegen sie zusammen in die Sonne, zum Überwintern nach Lanzarote und wohnen dann mehrere Monate lang in einer Ferienwohnanlage an der Costa Teguise, nördlich der Inselhauptstadt Arrecife. Das Strandleben, so wie früher, ist nicht mehr ihr Ding. Stattdessen machen sie gern Ausflüge mit ihrem Kleinbus, den sie gemeinsam für die ganze Zeit gemietet haben. Seit Maria Probleme mit ihren Knien hat, gehört auch ein elektrischer Rollstuhl zur Familie. Marias Ehemann, der eigentlich Rolf heißt, wird von allen Rolli genannt. Damit es keine Verwechslung gibt, haben sie Marias elektrischen Rollstuhl liebevoll e-Rolli getauft. Bei ihren Ausflügen wird immer gut gegessen und getrunken. Dann reden sie gern über Gott und die Welt, über Krankheiten, über andere Leute und über Dinge, über die man wohl nur als Rentner bzw. Pensionär redet. Vielleicht deshalb, weil zuvor keine Zeit dafür war oder weil es damals nicht wichtig genug schien. Alle sind immer für ein Späßchen zu haben, und niemand möchte mehr die Sommerwinterzeit auf Lanzarote missen. Nur einer wollte bisher nicht mit: Heinz, denn Heinz hat Flugangst. Das wird sich aber jetzt ändern, denn Maria rundet und wird bald siebzig. Das muss gemeinsam gefeiert werden: und zwar mit Heinz...!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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MOBI

Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die Akteure

Fedelinde: 74, mit Erwin verheiratet, war früher Sängerin und Gesangslehrerin und hat vor ganz langer Zeit einmal in Hamburg versucht, Helga Feddersen das Singen beizubringen, es dann aber aus pädagogischen Gründen schnell wieder aufgegeben.

Ihr großes Repertoire an internationalen Weihnachtliedern und auch an Liedern von Helene Fischer ist bei allen gefürchtet.

Und wenn es sie überkommt, gibt sie gern auch mal unaufgefordert Kostproben aus ihrem Liederschatz. Dann spielt es gar keine Rolle, wo sie gerade singt: im Restaurant (manchmal singen dann lauthals auch die freundlichen spanischen und polnischen Kellner mit), im Bus, im Fahrstuhl, im Flughafen, beim gemeinsamen Abendessen und auch schon mal auf dem Klo.

Und zwar auch dann, wenn gerade nicht Weihnachten ist und deshalb auch keine dreieinhalb Stunden lange Helene-Fischer-Weihnachtsshow im ZDF in Sicht ist.

Fedelinde und Erwin sind eingefleischte Freikörperkulturanhänger und lebten vor langer Zeit mal einige Jahre im Nudistendorf Charco del Palo auf Lanzarote.

Erwin: 83, Ehemann von Fedelinde, war früher Lehrer in Oer-Erkenschwick und brilliert auch heute noch oft mit seinen famosen Kenntnissen und kreativen Gedankenausflügen.

Kolpingsssverein und Quantensprung sind zwei seiner Lieblingsworte, die die anderen regelmäßig auf die Palme bringen. Trotzdem versucht Erwin es immer wieder, andere von der Richtigkeit seiner Argumente zu überzeugen.

Ganz besonders Dieter.

Maria: 69, ist mit Rolli verheiratet und hatte früher einmal eine Hundeboutique in Recklinghausen-Süd.

Fast immer ist sie in ihrem Rollstuhl unterwegs. Krankheitsbedingt. Bei ihr sind es die Knie.

Seitdem sie einen Elektrorollstuhl besitzt, ist das Rollstuhlfahren sogar zu ihrem Hobby geworden. Insbesondere aber auch deshalb, weil ihr technisch hochbegabter Freund und Nachbar Heinz sehr viel von Elektrorollstühlen versteht. Tuning inklusive.

Inzwischen fährt Maria den schnellsten Elektrorollstuhl des Ruhrgebiets und wurde damit sogar schon mal zur Motor-Show nach Essen eingeladen.

Bei bestimmten Ausfahrten darf ihr Ehemann Rolli hinten auf einer speziell für ihn angebrachten Plattform mitfahren. Ungefähr so, wie beim Film Ben Hur und dem berühmten Wagenrennen.

Obwohl Marias Mann ja eigentlich Rolf heißt, nennen ihn alle Rolli und passend dazu Marias e-Rollstuhl liebevoll e-Rolli. Er gehört mittlerweile schon zur Familie. Genau wie Rolli.

Rolli: 69, behauptet immer, er sei früher mal eine Zeit lang Fußball-Profi bei Wacker 04 Berlin gewesen, als die noch in der Zweiten Liga waren. Bewiesen ist aber nur, dass er bis zur Rente im Einwohnermeldeamt Berlin-Spandau (Buchstaben J bis K) beschäftigt gewesen war und sich aus dieser Zeit immer noch bestens mit Berliner Nachnamen, die mit diesen Buchstaben beginnen, auskennt. Juhnke, Harald, zum Beispiel. Der musste damals nämlich oft persönlich an seinem Schalter erscheinen, wenn er einmal wieder ein Führungszeugnis für einen neuen Führerschein beantragten musste.

Heinz: ist 77, Junggeselle, tüftelt gern und arbeitete vor seiner Rente jahrelang als Techniker beim Automobilhersteller Opel in Bochum.

Anschließend bei einem weltbekannten Waagenhersteller in Castrop-Rauxel. Dort baute er Waagen zum Wiegen von Reisegepäck und Menschen.

Damit war es Heinz gelungen, trotz der späteren Opelpleite noch in der Wa(a)gen-Branche zu bleiben.

Heinz wohnt immer noch in Castrop-Rauxel. Auch im Winter. Aber genau das wird sich bald ändern…

Dieter: 84, ist der Älteste der Gruppe und auch Junggeselle, Schalke 04 Fan, Mitglied im Kolpingverein und war vor der Rente Frisör in Bergkamen.

Inzwischen hat er keine Haare mehr und auch keine Freundin. Seine letzte echte Bekanntschaft war vor 70 Jahren seine damalige Biolehrerin Fräulein Herzelmann.

Dieter wirft ab und zu mal eine Idee in den Ring, die dann anschließend allerdings meistens noch lange für Gesprächsstoff sorgt.

Alle zusammen wohnen schon seit vielen Jahren, in einer Art Alters-WG, in einem großen Haus in Castrop-Rauxel und gehen gemeinsam durch Dick und Dünn.

Inhalt

Prolog

Alarm auf der Promenade

Heinz fliegt ein

Tapas essen bei Felix

Kuchen für alle

Deutsch für alle

Akkubrand auf dem Playa Honda Highway

Apparatementos Vera

Der Eklat mit der Wasserkunst und den Kamelen, die Dromedare sind.

Die Regenwasser-Disco im Gran Hotel

Sepp und die anderen von der Promenade

Der Ausflug zum Papagallostrand

Zu Besuch bei den Salinen

Charlies Geschäftsidee

Wettfahrten auf der Promenade

Wortgefechte

Weihnachtszeit, Mode und Geschenke

Der Blick in die Ferne

Weihnachten, ein Fest zum Feiern

Weihnachten mit und ohne Helene Fischer

Abnehmen durch Wiegen

Rudelgucken bei Zecke

Kein Polizeieinsatz auf der Promenade

Die Sache mit Tina Turner und El Golfo

Die beste Krankheit taugt nichts

Sonntagsmarkt in Teguise

In der Hölle der Grünen

Fedelinde hebt ab

Nackte Tatsachen

Benehmen ist keine Glücksache

Der Sommerwinter geht zu Ende

Prolog

Es ist der 12. November. Ein Tag wie jeder andere?

Nicht ganz, denn heute regnet es nicht nur die ganze Nacht lang, sondern auch den ganzen Tag.

Ab Mittag stürmt es auch noch dermaßen, dass Heinz beschließt, sein teures E-Fahrrad aus dem Schuppen hinter dem Haus zu holen, um es in den sicheren Keller zu stellen, damit es nicht zusammen mit dem alten Holzschuppen in die Luft fliegen kann.

Wenn jetzt auch noch ein Wirbelsturm kommen sollte, fliegt nur der alte Holzschuppen weg. Aber der ist sowieso schon morsch, denkt Heinz.

Außerdem ziehen vom nah gelegenen Chemiewerk wieder einmal undefinierbare Gerüche herüber, die selbst dem größten Sturm standhalten. Es riecht nach faulen Eiern in Castrop-Rauxel. Das alles trübt die Stimmung. Auch bei Heinz.

Solche Momente erinnern ihn fast schon automatisch an seine Hausnachbarn und Freunde. Die liegen jetzt, wie jedes Jahr im Winter, vier Monate lang in der Sonne auf Lanzarote und genießen ihren Ruhestand.

Alles richtig gemacht, schießt es Heinz durch den Kopf. Soll ich nicht endlich einmal etwas gegen meine Flugangst machen und einfach mitfliegen?

Genau in diesem Moment passiert es: ist es Zufall oder Schicksal? Egal.

Gerade, als Heinz wieder an seinem Lieblingsfenster Platz genommen hat, um in den grauen Himmel zu starren, klingelt sein Smartphone.

Schon der Musikklingelton Life is life, na, na, nanana kündigt die Anrufer an. Es sind seine Freunde aus der Sonne von Lanzarote, vom Appartementos Luna y Sol in der Touristenhochburg Costa Teguise.

Zunächst ertönt wie immer ein großes Hallo.

Doch nur ein paar Sekunden später kommt auch schon gleich eine klare Ansage:

»Heinz, du, pass` auf! Du weißt ja, Rolli rundet am 20.11. und wird 70. Wir haben schon einen Flug für dich organisiert! Dein Abflug ist am 15. 11. um 6:00 Uhr früh ab GWW, Grüne Wiese Weeze bei Xanten mit Reiner Air. Du weißt schon, die mit dem Slogan No Service all inclusive!«

Weitere Wörter gehen in Hintergrundgeräuschen wie Gläserklirren und etwa dem Chorruf der anderen »Keiner fliegt wie Rei-ner!« und »Jau, jau, jau!« völlig unter.

Hat er sich gerade verhört? Vielleicht ist es der Sturm? Oder ist gar der Faule-Eier-Geruch vom Chemiewerk schuld?

»Hallo!? Hallo!?«

»Hal-lo!!« Heinz hörte nur noch undefinierbare Geräusche und ein paar Wortfetzen wie »heiten … ommen … email«!

Danach nur noch »Hallo? Hallo? Over! Ende! Und Aus!« und das Besetztzeichen »Tut-tut-tut-tut.«

Die E-Mail kommt tatsächlich schneller, als erwartet. Schließlich bleibt ja auch nicht mehr viel Zeit bis zum Abflug.

Alarm auf der Promenade

»Weiß Heinz eigentlich auch, dass er seinen Kapuzenpulli mitbringen sollte?«

Rolli, dreht sich zu den anderen um. »Den mit dem Werbeaufdruck, den sie ihm bei seiner Verabschiedung in der Waagenfabrik geschenkt hatten?«

»Ja, genau! Der mit dem Spruch Wer nicht wiegt, der nicht gewinnt!«

»Na, ja, das ist doch kein Problem. Wenn er ihn vergessen sollte, kann er sich hier ja auch noch einen kaufen.«

Maria, Rolli, e-Rolli, Fedelinde, Erwin und Dieter sind gerade auf dem Weg zum Vesubio, ihrem Lieblingslokal, mit freundlicher Bedienung und mit Meerblick.

Einmal sind sogar Delfine vorbei geschwommen. Auf jeden Fall kommt aber gefühlt einmal pro Tag eine Fähre vorbei oder ein Containerschiff mit neuen Sonnenbrillen, Armbanduhren, Ledergürteln und Weihnachtsmützen für die zahlreichen mobilen Verkäufer auf der Strandpromenade.

Das Vesubio hat seinen explosiven Namen inzwischen abgelegt und heißt inzwischen Taberna del Mar. Das klingt irgendwie gemütlicher. Jetzt gibt es hier neben italienischer Küche auch internationale Speisen. Zum Beispiel gekochtes und gebratenes Gemüse oder Pommes Frites.

Alle haben wie immer an ihrem großen, weißen Tisch mit dem Reservado-Schild Platz genommen und gerade bei Svetlana die Bestellungen aufgegeben, da geht das unfassbare Drama auch schon los:

ein wohlgeformter junger Schwimmer in einem schwarzen Neoprenanzug kommt ins Bild, reibt sich mit schmerzverzerrtem Blick seinen rechten Gummianzugoberschenkel und humpelt von der Strandmauer direkt vor das gut besuchte Taberna del Mar.

Ein aufmerksames kleines Mädchen von Nachbartisch hat es wohl zuerst bemerkt, stellt sich auf ihren Stuhl, zeigt mit dem Finger auf ihn und ruft plötzlich quer über die Terrasse:

»Mami, Mami, was macht der Mann da? Warum humpelt der? Hat der Aua?«

Schlagartig schauen alle Restaurantgäste von ihren Tellern hoch.

Einer sagt: »Mit dem Mann stimmt etwas nicht. Der hat sich verletzt, das könnte spannend werden.«

Erste Smartphone-Foto- und Videoaufnahmen werden gemacht. Man weiß ja noch nicht, wer das ist und ob der Rest der Welt jetzt eventuell etwas verpasst.

Die freundliche und hilfsbereite Restaurantchefin vom Taberna del Mar hat bereits einen Rettungswagen angefordert.

Der kommt nach fünfzehn Minuten, muss den Verletzten Mann aber erst einmal suchen.

Als der seine Retter nahen sieht, springt er auf und läuft laut auf den Fingern pfeifend, winkend und hinkend zwischen den Restauranttischen hin und her und macht die Retter im Auto auf sich aufmerksam. Nun weiß auch der letzte Gast Bescheid und holt natürlich auch noch sein Smartphone raus,

um alles zu dokumentieren.

Der Ambulancia-Wagen hält an und steht fortan mit laufendem Motor und gelb blinkenden Alarmlampen auf dem Dach mitten auf der Promenade.

Die Rettungswagenbesatzung kommt gemächlich herbei und spricht fast zwanzig Minuten unaufgeregt, ja sogar mit einer gewissen Lässigkeit mit dem jungen Mann.

Der hat inzwischen seinen Gummianzug ganz ausgezogen und sitzt nun nur noch in Badehose da.

Die Männer des Rettungswagens schauen von weitem auf sein Bein, ohne es jedoch genauer zu untersuchen.

Zwei Erste-Hilfe-Strandwarte vom gelben SOS 112 Strand-Container, direkt vor dem Hotel Teguise Playa, eilen hinzu und fügen sich nahtlos in das Gespräch ein.

Dann wird es spannend:

Notarzt und Rettungssanitäter gehen wieder zurück zu ihrem Rettungswagen.

Nach zwei, für alle Zuschauer an den Tischen äußerst spannungsgeladenen Minuten, kommt der Notarzt allein wieder zum Aua-Mann zurück und lässt ihn ein Formular ausfüllen.

Danach steigt er wieder in sein gelbes Ambulancia-Auto ein und fährt zusammen mit seinem Kollegen, ohne Blinklicht, langsam davon.

Der Auamann humpelt inzwischen kaum noch, geht wieder hinunter zum Strand und legt sich in die Sonne.

Alle begonnenen Foto- und Videoaufnahmen werden beendet. Das Publikum wendet sich wieder dem Essen zu. Die Aufregung legt sich.

Nur das kleine Mädchen bringt alle noch einmal kurz zum Lachen, als ganz laut ruft: « Mami, hat der Mann gar kein Aua gehabt?«

Heinz fliegt ein

Es ist 9:40 Uhr Ortszeit. Die Reiner-Air ist heil und ohne Turbulenzen und butterweich auf Lanzarote gelandet. Heinz ist sehr zufrieden mit dem Piloten und mit sich.

Nun steht er zusammen mit vielen anderen ebenfalls soeben gelandeten Menschen im internationalen Verkehrsflughafen von Arrecife und wartet unten im Bereich Ankunft.

Dort werden gerade Schilder mit Aufschriften hochgehalten, die nur Insider verstehen müssen. Lauda2see Wien oder Jet2fly Brighton und andere.

Es herrscht großes Gewusel.

Heinz wundert sich, dass noch niemand zu seiner Abholung in Sicht ist. Oder gar ein Schild für ihn hochhält mit dem Text »Hallo, Heinz, hierher!« oder »Heinz CAS«.

Zur gleichen Zeit sagt Erwin zu Dieter: »Weiß Heinz eigentlich, dass wir hier oben beim Abflug-Eingang warten? Weil man ja hier viel besser mit dem Auto halten kann, um jemanden abzuholen, als unten, wo die vielen Taxis stehen?«

Maria hat die Situation zuerst erfasst und ruft ziemlich energisch von hinten: »Männer, Männer! Macht sofort meinen Elektrorollstuhl klar! Ich fahr` schnell mit dem Fahrstuhl runter und picke ihn unten auf!«

Fünf Minuten später, als Heinz gerade eine erste Suchmeldung per Handy absetzen will, dringt plötzlich vom Fahrstuhl her ein alles durchdringendes tiefes Tööt! Tööt! Tööööööt« durch die wartende Menge.

Alle denken sofort an einen Feueralarm oder an noch Schlimmeres.

Auch die Männer der Flughafenpolizei werden auf ihre Weise unruhig und greifen vorsichtshalber schon mal an ihre Waffen.

Maria kurvt gekonnt um alle Personen herum und bleibt mit einer Art Vollbremsung direkt vor dem verdatterten Heinz stehen.

»Heinz, mein Herzilein! Willkommen auf dem Eiland in the Sun! Wir warten schon alle am Auto auf dich!«

»Am Auto? Ja, wo denn?«

»Na, oben, am Abflug-Terminal.«

»Abflug-Terminal???« ruft Heinz leicht gereizt zu Maria rüber und fügt dann blitzschnell noch hinzu »Na, klar doch, Abflug-Terminal! Dass ich das vergessen konnte! Ich stehe unten im Ankunft-Terminal, weil ich da ja auch gerade angekommen bin. Und ihr, ihr wartet oben im Abflug-Terminal auf meine Ankunft. Vielleicht könnt ihr mir das später noch mal etwas genauer erklären? Na, das fängt ja gut an!«

»Ja, gern, aber ich sag dir schon mal soviel, Heinz, wir stehen deshalb oben am Abflug-Terminal, weil wir ja möglichst schnell mit unserem Auto einen Abflug vom Flughafen machen wollen«, sagt Maria und lächelt ihn dabei an.

Heinz ist in Gedanken immer noch beim tollen Landeanflug und hat deshalb nicht genau hingehört. »Alles gut, hat ja alles prima geklappt!« antwortet Heinz und legt seine Hand auf Marias Schulter.

Dann fahren beide mit dem Fahrstuhl, hoch zum Abflug-Terminal.

Anschließend gibt es eine große Wiedersehenzeremonie am Auto.

»Dein blasses Castrop-Rauxel-Gesicht wird spätestens in einer Woche schön braun geworden sein, schau uns an!« sagt Rolli mit einem gewissen Stolz.

Und tatsächlich, das gesamte Abholkomitee sieht aus, wie eine Gruppe Senior-Skilehrer nach vier wöchigem Aufenthalt auf der Zugspitze.

Maria auch. Die hat aber trotz der Sonne noch schneeweiße Lippen. Sie zeigt auf ihren Mund und sagt zu Heinz: »Wie Reinhold Messner damals auf dem Nanga Parbat, Aluminiumcreme mit Schutzfaktor 300 mit einer Spur Phosphor!«

Rolli, ihr Mann, ergänzt gleich noch schmunzelnd: »Genau! Nachts sieht das bei uns im Flur immer so aus, als würden nur zwei weiße Lippen zum Klo gehen«, und alle lachen und die Stimmung steigt.

Dann sagt Rolli »Abflug?« Maria und die anderen antworten umgehend.»Abflug!«

Die Rentner haben sich für die Zeit auf der Insel einen weißen Sieben-Sitzer Toyota gemietet, mit zwei Klapptüren und Hebebühne hinten. Für Maria und ihren Elektrorollstuhl, den ja alle liebevoll e-Rolli nennen.

Rolli, fährt das Auto. Er ist mit neunundsechzig der einzige U70-er der Gruppe. Gerüchten nach muss nämlich in Spanien ab dem siebzigsten Lebensjahr eine Sehtestbescheinigung beim Fahrzeugvermieter vorgelegt werden. Wer keine hat, soll die Überprüfung aber auch direkt bei der Fahrzeugabholung erledigen können. Erste deutsche Ü70-Rentner berichten, dass der Fahrzeugvermieter in solchen Fällen dann immer die folgenden drei Fragen gestellt:

»Frage eins: Schauen Sie mich genau an. Was sehen Sie jetzt?«

»Sie!«

»Gut! Frage zwei: Wie viele Reifen Ihres Mietwagens haben überhaupt kein Profil mehr?«

»?«

»Frage drei: Sind Sie farbenblind, nachtblind oder komplett blind?«

»???«

»Alles gut, passt! Aber bitte immer schön vorsichtig fahren!«

Anderen Gerüchten nach soll der Sehtest allerdings nur von »Residenten« eingefordert werden, also von denen, die ständig hier wohnen.

Als Rolli und die anderen fünfzehn Minuten später das Urlaubsparadies Teguise Playa erreichen, muss Maria leider eine kleine Überraschung bekannt geben:

»Eigentlich solltest du von Beginn an in derselben Appartement-Anlage wie wir untergebracht werden. Das hat aber leider, leider nicht geklappt, weil nichts mehr frei war. Deshalb musst du dein Quartier für die ersten drei Tage in einer anderen Wohnanlage aufschlagen. Und zwar im bekannten Roaring Camel direkt an der Promenade von Playa Bastian.

Zuerst denkt Heinz oh, wie schade, aber gleich darauf prima! Drei Tage sturmfreie Bude. Das ließ er sich aber natürlich nicht anmerken.

Tapas essen bei Felix

Für den nächsten Abend ist bereits ein erster gemütlicher Abend mit allen eingeplant. Und zwar nur zweihundert Meter entfernt vom Roaring Camel bei Felix, gleich um die Ecke.

An diesem Abend wird die Terrasse komplett für alle anderen Gäste gesperrt. Schließlich sind sie ja zu sechst + e-Rolli samt Rangierbereich und Ladekabel.

Das kleine Restaurant Felix, mit Meerblick, ist vor allem bei britischen Gästen sehr beliebt. Nicht unbedingt wegen der Speisekarte, sondern wegen des immer lebenslustigen Inhabers Felix, der dem Restaurant seinen Namen gab.

Sobald Stammgäste das Restaurant ansteuern, hat Felix sie meist längst schon vorher bemerkt. Man munkelt sogar, er scanne ständig die beiden Bürgersteige, die Straße, den Parkplatz und auch Teile der Promenade nach seinen und natürlich auch nach neuen Gästen durch.

Wird er fündig, gibt es für ihn kein Halten mehr. Dann wird seine Stimme urplötzlich sehr laut und klingt so, wie eine Lautsprecheransage.

»Hello, my dears, nice to see you, again! How are you? Fine weather! Yes, yes, the weather couldn’t be better!?«

Wenn sich die Gäste dann endlich buchstäblich in seiner Reichweite befinden, werden alle überfallartig und systematisch von ihm umarmt und abgeküsst. Die Ladies sind very amused, die meisten Männer eher nicht.

Seit Maria einmal auf deutsch und eigentlich nur so aus Spaß zu ihm gesagt hatte: »Felix, bitte keinen Zungenkuss mehr bei meinem Mann Rolli. Der kriegt hinterher immer Halskoliken«, hält Felix sich bei Rolli mit seinem Begrüßungszeremoniell etwas zurück.

Fast alle Gerichte, die Felix auf seiner Speisekarte anbietet, werden frittiert. Angeblich heißt Felix deshalb bei den britischen Gästen längst schon nicht mehr Felix sondern Fritz. Aber auch wohl deshalb, weil es bei ihm ja immer so leckere Pommfritz gibt.

Felix hat sich inzwischen seinen Schreibblock geholt und kommt wieder an den Tisch zurück. »Essen? Wie immer?«

Alle im Chor: »Klaro!« Immer wieder gern gegessen wird der doppelte Großfamilienteller Tapas a la Felix, Standard.