Sonne, Meer und Wolkenbruch - Bibo Loebnau - E-Book

Sonne, Meer und Wolkenbruch E-Book

bibo Loebnau

4,7

Beschreibung

Kann man sich zweimal in denselben Mann verlieben? Diese Frage wirbelt das Leben von Lea gehörig durcheinander. Ihre erste Liebe Robin hat sie nie vergessen – den englischen Musiker, in den sie sich in einem heißen Sommer in Südfrankreich unsterblich verliebte. Damals hatte er sie ohne Erklärung verlassen. 30 Jahre später entdeckt sie ihn zufällig im Internet wieder. Als sie den gefühlvollen Songs auf seiner Website lauscht, überwältigen sie die Erinnerungen. Doch Robin lebt zurückgezogen mit seinen beiden Border Collies in einem Cottage bei Nottingham und Lea als Fotografin in Berlin. Darf sie ihre Ehe für eine ungewisse Zukunft mit ihrer Jugendliebe aufs Spiel setzen? Und wer ist dieser Mann mit den sanften blauen Augen inzwischen? Die Mails, die bald regelmäßig hin- und hergehen, lassen Lea im Ungewissen. Erwidert Robin ihre Gefühle oder wird er sie ein zweites Mal enttäuschen? Ihre wiedererwachte Liebe reißt Lea in einen Strudel aus Sehnsucht, Leidenschaft und Verzweiflung.

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Seitenzahl: 337

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Buch

Einer sentimentalen Laune gehorchend, gerät Leas scheinbar glückliches Leben in Berlin eines Tages völlig unerwartet aus den Fugen. Eines Nachts googelt sie spontan den Namen ihrer allerersten großen Liebe – Robin Eavans.

Mit dem attraktiven, sensiblen, englischen Musiker hatte sie als Teenager einen unvergesslichen Sommer in Südfrankreich erlebt – küssend am nächtlichen Strand, Sternschnuppen zählend und tausend unerfüllbare Wünsche für eine gemeinsame Zukunft träumend.

Ohne zu zögern, schreibt sie ihm jetzt, 30 Jahre später, eine Mail. Bereits am nächsten Abend antwortet er. Robins einfühlsame Worte, in denen auch er sich an diese reine, unschuldige und alles verschlingende Jugendliebe erinnert, stürzen Lea in das völlige Gefühlschaos.

Der rege Mail-Austausch, den sie nun beginnen, wird sehr schnell vertraulich und bald auch verhängnisvoll – ein Wechselbad aus Nähe und Abstand, Traum und Vernunft. Zum zweiten Mal verliebt sie sich in den Mann im fernen Nottingham, von dem sie nicht viel mehr kennt, als einige verknitterte Briefe und ein paar vergilbte Jugendfotos.

To someone I found and lost a long time ago

„True friends stab you in the front.“

Oscar Wilde

„Ich begnüge mich nicht mit schönen Träumen.

Ich will schöne Wirklichkeiten.“

George Bernard Shaw

INHALTSVERZEICHNIS

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

PROLOG

Eine sanfte Brise vom Meer strich über meine nackten Schultern und kühlte angenehm den leichten Sonnenbrand, den ich mir tagsüber am Strand zugezogen hatte. Doch ich war so versessen darauf gewesen, etwas Bräune auf meinen Körper zu bekommen, dass ich das gerne in Kauf nahm. Ich war erst seit ein paar Tagen hier auf dem Campingplatz in der Nähe von Perpignan in Südfrankreich. Und heute Abend wollte ich mir endlich die Open-Air-Disco ansehen – heimlich, was die Sache noch aufregender machte. Ich hatte gewartet, bis meine Eltern in ihrem Hauszelt eingeschlafen waren und mich dann leise aus meinem Einmann-Zelt geschlichen.

Französische Popmusik schallte mir entgegen, als ich mich gegen halb elf vom Strand aus der kleinen Disco näherte. Bunte Lichter zuckten durchs offene Dach in den sternenklaren Nachthimmel. Ich suchte mir einen Platz am Rand der Tanzfläche. Mit dem Glas Pernod und dem blauen Päckchen Gauloise vor mir auf dem Tischchen kam ich mir sehr französisch und sehr erwachsen vor. Die Musik gefiel mir, ich nippte an meinem Glas, paffte ein paar Züge an der viel zu starken Zigarette und fing dann an, alleine zu tanzen.

Als ich gerade ausgelassen zu ‚Abracadabra‘ von der Steve Miller Band rockte, bemerkte ich, dass ich beobachtet wurde. Soweit ich das im zuckenden Discolicht erkennen konnte, war der Typ in Jeans und weißem T-Shirt, der ein Stückchen entfernt ebenfalls alleine tanzte, recht attraktiv – einen Kopf größer als ich, sportliche Figur, leicht gebräunt, mit strahlendblauen Augen. Ein sympathisches Lächeln umspielte seine Lippen, als er meinen Blick erhaschte. Ich lächelte kurz zurück und machte eine halbe Drehung. Er sollte nicht gleich merken, wie sehr er mich interessierte.

Doch als ich mich nach einer Weile wieder umdrehte, war er verschwunden. Enttäuscht suchte ich die Tanzfläche ab. Und endlich entdeckte ich ihn. Er saß mit drei Frauen an einem der Tische – und beobachtete mich noch immer.

Unauffällig tanzte ich mich in seine Nähe, als der DJ plötzlich meinen Lieblingssong auflegte – „Rappers Delight“. Irgendwie hatte ich es geschafft, einige Passagen des schwierigen Rap-Textes auswendig zu lernen. Also bewegte ich jetzt die Füße im Rhythmus und rappte begeistert los: „I said a hip hop, hippie to the hippie, the hip, hip a hop, and you don’t stop, a rock it, to the bang bang boogie, say, up jump the boogie, to the rhythm of the boogie, the beat …“

Ich wollte den Typen mit den schönen Augen unbedingt beeindrucken. Bei den Textstellen, die ich nicht beherrschte, drehte ich mich wie zufällig von ihm weg, nur um dann wieder in seine Richtung zu tanzen und lässig mitzusingen. Obwohl er in Gesellschaft war, schien er nur Augen für mich zu haben. Das gefiel mir.

Nach dem Ende des langen Songs ließ ich mich erschöpft auf meinen Stuhl fallen. Ich fummelte eine Zigarette aus dem zerknautschten Päckchen und wollte sie gerade anzünden, als schräg hinter mir ein Feuerzeug aufflammte.

„May I?“, fragte jemand höflich auf Englisch. Irritiert sah ich mich um und blickte in die blauen Augen.

„Oh, thank you“, antwortete ich überrascht und ließ mir Feuer geben.

„May I?“, fragte er wieder und deutete auf den freien Stuhl neben mir.

„Yes, of cause!“, stimmte ich etwas zu hastig zu.

Er nahm Platz und lächelte mich freundlich an. „Where are you from?“, erkundigte er sich mit britischem Akzent.

„Äh, Oldenburg …“, stammelte ich.

„Where is that?“, fragte er irritiert.

„In Germany.“

„Oh, so you’re not English?“ Seine Stimme klang überrascht, und er musterte mich neugierig.

„No, I’m German. Is that a problem for you?“, antwortete ich mit hochgezogener Augenbraue.

„No, nein. Überhaupt nicht. Ich dachte nur, weil du die Songs mitsingen konntest …“, erwiderte er in fast akzentfreiem Deutsch.

„Ach, und du sprichst Deutsch?“ Nun war ich überrascht.

„Ja, meine Mum war aus Deutschland.“

„War?“ Ich sah ihn fragend an.

„Ja, sie ist leider vor ein paar Jahren gestorben“, erklärte er mit leiser Stimme.

Am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen. „Oh, das tut mir leid …“, entschuldigte ich mich.

Er starrte auf seine Hände und antwortete: „Ja, das ist traurig, doch auch schon lange genug her, sodass es nicht mehr ständig wehtut.“

Er schien in Gedanken versunken zu sein, und ich überlegte, ob ich mit meiner unbedachten Frage vielleicht unser Gespräch kaputtgemacht hatte. Doch plötzlich sah er mir lächelnd in die Augen und fragte: „Wie heißt du eigentlich?“

„Melanie“, stieß ich, erleichtert darüber, dass die Gesprächspause vorüber war, aus.

„Melanie …“ Er ließ sich den Namen förmlich auf der Zunge zergehen. „Ein schöner Name.“

„Meine Freunde nennen mich meist Lea.“

„Ich mag Melanie lieber.“ Er lächelte entschuldigend. „Stört es dich, wenn ich dich Melanie nenne?“

„Nein, absolut nicht.“ Solange er nur sitzen blieb und sich weiter mit mir unterhielt. „Und wie heißt du?“

„Robin. Und nenn mich bitte nicht Robby – das kann ich nicht ausstehen“, sagte er lachend, und ich betrachtete fasziniert die kleinen Lachfältchen um seine schönen Augen.

„Okay, Robin!“, stimmte ich ihm lächelnd zu. „Woher kommst du?“

„Ich lebe seit ein paar Jahren in Nottingham.“

„Im Ernst?“, amüsierte ich mich. „Robin aus Nottingham? Wirklich originell!“

„Finde ich auch“, meinte er grinsend. „Aber das konnte meine Mum ja nicht ahnen, als sie mich so nannte.“

Ich verkniff mir eine weitere Frage zu seinen Eltern oder weshalb er jetzt in Nottingham lebte. Bloß nicht noch ein Fauxpas.

Schweigend saßen wir nebeneinander. Ich wippte mit dem Fuß zur Musik und blickte auf meine neuen, rosaroten Flipflops.

Erfreut stellte ich fest, dass Robins Füße in hellgrünen Flipflops steckten und sich ebenfalls im Takt bewegten. Wir schienen dasselbe Rhythmusgefühl zu haben, freute ich mich und überlegte, wie es nun weitergehen sollte.

„Hier ist gleich Schluss …“, sagte er zögernd.

„Wie, Schluss?“, fragte ich verwirrt nach.

„Die Disco schließt um Mitternacht.“

„Ach so … Schade, ich bin noch gar nicht müde“, erwiderte ich enttäuscht.

Er zögerte einen winzigen Moment und fragte dann zaghaft: „Sollen wir noch irgendwo ein Glas Wein trinken gehen?“

Ich brauchte nicht lange zu überlegen. „Ja, gerne. Wo denn? Ich kenne mich hier leider gar nicht aus.“

„Wir sind auch erst vor ein paar Tagen angekommen. Außer dem Campingplatz, dem Strand und der Disco kenne ich bisher noch nichts.“ Er zuckte bedauernd die Schultern. „Aber wir können ja mal gucken, ob wir irgendwo ein nettes Lokal finden.“

Sofort fielen mir die Frauen an seinem Tisch ein. „Kommen deine Freunde mit?“, fragte ich vorsichtig.

„Nein, das sind Bekannte von meiner Freundin Jane. Mit denen bin ich per Bus aus England hierhergekommen.“ Als er meinen zweifelnden Blick sah, ergänzte er nachdrücklich: „Wir sind nur gute Freunde, und sie ist auch meist mit ihren Mädels zusammen.“

„Okay, dann lass uns mal nach einer Kneipe suchen“, stimmte ich erleichtert zu.

Doch weder auf, noch in der Nähe des Campingplatzes fanden wir ein Lokal, das um die Zeit geöffnet hatte, und bis in den nächsten Ort war es zu Fuß viel zu weit. Als wir unverrichteter Dinge wieder vor der inzwischen geschlossenen Disco ankamen, blickte ich ihn ratlos an.

„Das wird wohl nichts mehr“, seufzte ich enttäuscht.

Robin schien zu überlegen. Schließlich gab er sich einen Ruck und fragte vorsichtig: „Ich hab noch eine Flasche Rotwein im Zelt. Soll ich die holen?“

„Warum nicht?“, erwiderte ich und überlegte, wohin das führen würde. Wollte er mich betrunken machen und dann hier am Strand vernaschen? Doch wie ein Aufreißer wirkte dieser zurückhaltende Engländer eigentlich nicht.

Erleichtert bemerkte ich, dass seine Stimme ebenso unsicher klang, wie ich mich fühlte, als er mich ernst ansah und ergänzte: „Die Flasche ist nur noch halb voll. Damit könnten wir uns ans Meer setzen und uns noch ein bisschen unterhalten …“

„Okay … Ich warte hier“, antwortete ich dennoch etwas beklommen und setzte mich in den warmen Sand unter einer großen Pinie.

Die schmale Mondsichel tauchte den breiten Strand vor mir in ein dämmriges Licht. Bis auf das sanfte Meeresrauschen war es still. Ich grübelte, was wohl geschehen würde, wenn wir mit dem Wein dort im Dunklen zusammensitzen würden. Ob er versuchen würde, mich zu küssen?

„Hoffentlich“, seufzte ich leise und lächelte in mich hinein.

„Gläser konnte ich leider nicht finden – meine Leute schlafen schon“, entschuldigte sich Robin, als er ein paar Minuten später zurückkam.

Wir liefen Seite an Seite am Meer entlang, ohne uns zu berühren. Die sanften Wellen umspülten unsere Füße. Schließlich entdeckten wir ein windgeschütztes Plätzchen zwischen ein paar dicken Stämmen Treibholz, die sich am Strand aufgetürmt hatten.

Schweigend saßen wir nebeneinander und tranken einen Schluck Rotwein aus der Flasche. Meine Hände spielten mit dem warmen Sand, und ich zermarterte mir das Hirn, wie ich ihn dazu bringen könnte, mich zu küssen.

„Mit wem bist du eigentlich hier?“, riss er mich aus meinen Gedanken.

„Hier?“ Irritiert sah ich ihn an. „Ach so, hier in Frankreich“, verstand ich. „Mit meinen Eltern. Aber ich habe ein eigenes Zelt“, fügte ich stolz hinzu.

„Da hast du es besser als ich. Ich muss mir das Zelt mit Jane teilen. Sie schnarcht.“

Wir kicherten beide und schwiegen dann wieder. Bevor die nächste Pause zu lang werden konnte, fragte ich ihn, was er denn so in Nottingham machte.

„Ich bin Musiker. Drummer, um genau zu sein.“

„Das ist ja toll. Ich liebe Schlagzeug“, erwiderte ich ehrlich begeistert. „Ich hab nur ein bisschen Klavier gelernt. Das war für die Nachbarn besser zu ertragen als ein Schlagzeug“, erklärte ich grinsend und fragte weiter. „Spielst du in einer Band?“

„Im Moment nicht. Aber ich trommle schon seit meinem fünfzehnten Lebensjahr – Schlagzeug, Percussion, Darbuka, Kongas, Dulcimer. Alles, worauf man rumhauen kann.“ Er lachte auf. „Ich hab schon in einigen Bands gespielt.“

„Und weshalb jetzt nicht mehr?“

„Ich bin gerade dabei, mein Leben zu ändern“, sagte er leise und verstummte.

Gespannt wartete ich auf eine Erklärung, doch er starrte nur hinaus aufs dunkle Meer. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus.

„Was hast du denn vor mit deinem Leben?“

Er blickte mich überrascht an.

„Eine große Frage …“ Robin überlegte einen Moment und erklärte dann: „Ich weiß es selber noch nicht genau, aber erst mal will ich weg aus England. Zumindest für eine Weile. Ich werde mit meinem Freund Dylan im Herbst hier in Südfrankreich bei der Weinernte arbeiten und mit dem Geld dann weiter durch Europa trampen. Genaue Pläne hab ich bisher nicht …“ Er zuckte mit den Schultern.

„Klingt aufregend, so einfach alle Brücken abzubrechen und sich von einem Ort zum anderen treiben zu lassen.“ Ich war beeindruckt.

„Die Welt ist so groß, und ich möchte wenigstens einen Teil von ihr entdecken, bevor ich alt und grau bin.“ Er seufzte leise.

„Ganz schön mutig. Ich weiß nicht, ob ich das könnte.“ Wenn ich ehrlich war, machte mir die Vorstellung sogar ein bisschen Angst.

„Na ja, eigentlich bin ich alles andere als mutig“, gab Robin zu. „Aber Dylan hat mich überzeugt. Und mit ihm zusammen traue ich mich. Wir kennen uns sehr gut. Wie sagt man das auf Deutsch?“ Er stutzte nur kurz. „Seit der Sandkiste. Genau, wir kennen uns schon ewig. Ich weiß, dass man sich auf ihn verlassen kann.“ Er sah mich lächelnd an. „Du würdest Dylan mögen. Aber jetzt erzähl du doch mal, Melanie. Was machst du in Ollen … Sorry, wie heißt das noch mal, wo du lebst?“

„Oldenburg. Ich gehe noch zur Schule, aber bald mach ich Abi, und dann will ich auch erst mal ein bisschen was von der Welt sehen vor der Uni.“ Dass es bis zum Abitur noch ein paar Jahre dauern würde verschwieg ich wohlweislich. Schließlich wollte ich, dass er mich als Frau und nicht als kleines Schulmädchen wahrnahm.

„Na bitte, da sind wir uns also doch recht ähnlich.“ Erfreut strahlte er mich an. „Vielleicht begegnen wir uns dann auf unseren Reisen um die Welt.“ Er lächelte verschmitzt. „Ich würde mich darüber sehr freuen …“

Selbst in der Dunkelheit leuchteten seine blauen Augen, und ich verlor mich augenblicklich darin. Unsere Blicke verschmolzen miteinander. Ich konnte seine Sehnsucht erkennen, als er mich an sich zog. Glücklich schloss ich die Augen und genoss seinen ersten sanften, tastenden Kuss. Seine vollen Lippen berührten meinen Mund ganz vorsichtig, als könnten sie noch nicht recht glauben, dass dies wirklich geschah.

„Melanie …“, seufzte er leise und vergrub sein Gesicht in meinen langen schwarzen Haaren. Ich spürte seine kräftigen, warmen Hände an meinem Rücken, als er mich fest an sich drückte. Doch es lag kein lüsternes Begehren in Robins Umarmung, sondern liebevolle Zärtlichkeit.

Vorsichtig löste er sich schließlich ein Stückchen von mir und sah mich ernst an. Er strich eine vorwitzige Strähne aus meinem Gesicht, streichelte mit dem Handrücken sanft über meine Wange und gab mir einen Kuss aufs Haar. „Ich mag deine wunderschönen Haare. Sie duften nach dir …“

Dann zog er mich mit sich auf den warmen Sand. Wir lagen eng beieinander, und ich spürte die Hitze seines Körpers neben mir überdeutlich. Zwischen uns ist nur der Stoff unserer T-Shirts, dachte ich fasziniert.

Mein Kopf ruhte auf seinem muskulösen Arm, als wir den unendlichen Sternenhimmel über uns bestaunten. Wir lagen still nebeneinander, Robins Finger streichelten sanft über meine Haut. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich nie wieder woanders sein wollte, als hier, geborgen in seiner Umarmung.

„Da! Eine Sternschnuppe!“, stieß ich aufgeregt aus. Ich deutete mit ausgestrecktem Arm darauf und blickte ihn freudestrahlend an. „Da, beim Großen Wagen. Hast du sie gesehen?“

„Ja, ich hab sie auch gesehen“, sagte er und lächelte mich an. „Melanie, deine Augen strahlen mit den Sternen um die Wette. Und weißt du was? Sie sind so viel schöner, als jeder Stern.“

Mir blieb die Luft weg. So etwas hatte keiner meiner Schulfreunde je zu mir gesagt. In meinem Bauch begann ein Schwarm Schmetterlinge aufgeregt herumzuwirbeln, und ich spürte augenblicklich, dass ich bis über beide Ohren verliebt war.

„Robin …“, seufzte ich und tauchte mit Haut und Haar in dieses überwältigende Gefühl ein. Dann gab er mir einen langen, leidenschaftlichen Kuss, und ich wünschte mir nur eins: dass diese verzauberte Sommernacht nie zu Ende gehen möge.

In meinem Kopf formten sich unauslöschlich die Worte „für immer“ und „Robin“ …

KAPITEL 1

Zarte Klänge eines rhythmisch geschlagenen Dulcimers, einer Art Zither, erklangen, nachdem sie auf das Wort „Jealousy“ geklickt hatte. Eine sanfte, düstere Melodie schlängelte sich in ihren Kopf.

Sie lauschte fasziniert den unbekannten, eindringlichen Tönen. Ein tiefes, gestrichenes Cello verstärkte die dunkle Stimmung. „Jealousy – Eifersucht“. Ja, der Titel passte zur Musik. Neugierig klickte sie den nächsten Song an: „Eternity“. Sphärische Synthesizer-Klänge vermischten sich mit echtem Meeresrauschen. Und plötzlich ertönten Bongo-Trommeln, Kongas kamen dazu, die Percussion wurde immer drängender und steigerte sich zum jäh einsetzenden, hämmernden Rhythmus eines Schlagzeugs, während die sehnsüchtige Melodie im Hintergrund mit den Wellen konkurrierte.

Schlagartig wurde Lea klar, dass die Musik, die sie hörte, tatsächlich von ihm sein musste. Robin! Unfassbar.

Der beleuchtete Monitor war die einzige Lichtquelle in ihrem Arbeitszimmer. Sie seufzte auf und starrte erschüttert in die schwarze Nacht vor ihrem Fenster. Um diese Zeit fuhren nur wenige Autos vorbei. Es war erstaunlich still für eine Großstadt, die eigentlich nie zur Ruhe kam. Ihr Blick wanderte von der Silhouette der hohen Pappeln gegenüber in den dunklen Nachthimmel. Heute war Vollmond, doch schwere Wolken hatten sich davor geschoben.

Die eindringliche Musik, die aus den Lautsprechern ihres Computers erklang, löste starke Empfindungen in ihr aus. Lea wurde überrollt von einer Woge sich widersprechender Gefühle – Begeisterung über ihre unerwartete Entdeckung wechselte sich mit sehr alten, längst vergessen geglaubten Emotionen ab. Trauer um eine ewig lang vergangene Liebe. Nicht irgendeine, sondern die erste große Liebe. Voller Glück und Sehnsucht, aber auch unsäglichem Schmerz.

Lea sah sich das kleine Foto auf der Website genauer an. Das Gesicht darauf konnte sie nur schemenhaft erkennen. Lediglich ein kräftiges Kinn, ein lächelnder Mund, der Schatten von Bartstoppeln. Die von einer schwachen Lichtquelle, vielleicht einer Kerze, beleuchtete Hälfte dieses Gesichts war ihr zugewandt, die andere im Dunkel verborgen. In dem undeutlichen Porträt eines reifen Mannes konnte sie nichts entdecken, was sie an das Bild des jungen Robin erinnerte, das sie noch immer deutlich im Kopf hatte.

Doch über dem Foto stand sein Name: „Robin Eavens“ und daneben „Nottingham, Midlands, United Kingdom“.

Nottingham. Dort hatte er damals gelebt, als sie sich kennengelernt hatten. Das schien in einem anderen Leben gewesen zu sein. Doch sie hatte diese Begegnung nie vergessen. Tief in ihrem Herzen hatte Lea die Erinnerung an ihn immer mit sich herumgetragen. Nicht bewusst, aber von Zeit zu Zeit hatten sich Bilder in ihren Alltag eingeschmuggelt. Romantische Bilder. Die tauchten nun nach und nach vor ihrem inneren Auge auf und verschmolzen mit der sehnsuchtsvollen Musik, die sie da hörte.

Hatte sie ihn tatsächlich wiedergefunden? Nach all den Jahren …

Was jetzt? Sollte sie ihm eine Nachricht schicken? Aber wahrscheinlich erinnerte er sich überhaupt nicht an sie.

Wie lange war das alles eigentlich her?

Fast dreißig Jahre! Mein Gott!

Sie war damals erst sechzehn und er einundzwanzig … Für ihn war sie vermutlich nur eine längst vergessene Urlaubsbekanntschaft gewesen. Aber für Lea war es die erste große Liebe, ihr erster Mann. Der, den man nicht vergisst. Niemals.

Sie warf alle Bedenken über Bord. Egal, wie und ob er reagierte – sie hatte ihn ihr Leben lang vermisst, jetzt wollte sie ihm das wenigstens sagen, es einmal loswerden.

Sie klickte auf seiner Website auf „Kontakt“ und füllte das Formular aus. Dann blätterte sie in dem alten Album, das noch auf ihrem Schreibtisch lag. Als sie fand, wonach sie gesucht hatte, musste sie schlucken – ein stark vergilbtes Foto, das sie und Robin als frisch verliebtes Paar zeigte. Wenn er sich auch nicht an ihren Namen erinnerte, vielleicht weckte dies Bild bei ihm Erinnerungen an eine lang vergangene Zeit. Sie scannte das Foto ein und hängte noch ein aktuelles Porträt von sich an die Mail. Dann begann sie zu schreiben.

Unglaublich – Du musst es sein!

Es kommt mir vor, als wäre es in einem anderen Leben gewesen, denn es ist ewig her, dass wir uns in Frankreich begegnet sind. Ein heißer Sommer im Süden … Aber ich erinnere mich noch immer so deutlich daran. Ich war süße 16 damals. Ich bin Melanie aus Oldenburg, Deutschland. Erste große Liebe, viele Briefe, Liebe und Tränen … Du hast mich im Herbst in Oldenburg besucht. Es wurde schon kälter, bevor Du wieder abgereist bist.

Heute Nachmittag fielen mir beim Aufräumen alte Jugendfotos in die Hand. Darunter auch die wenigen, die mir von unserem Sommer in Perpignan geblieben sind.

Ich fragte mich, was aus Dir wohl geworden sein mag. Schließlich habe ich heute Nacht einfach mal Deinen Namen gegoogelt – und dabei Deine Website gefunden. Dann hörte ich Deine Songs, und all die Erinnerungen kamen augenblicklich wieder hoch.

Ich lebe inzwischen in Berlin, bin verheiratet und versuche mich als Landschaftsfotografin. Morgen Abend habe ich meine erste Vernissage – alles sehr aufregend.

Also, falls Du Dich an das schwarzhaarige Mädchen dieses besonderen Sommers erinnern kannst – melde Dich bei mir. Ich würde wirklich gerne wissen, wie Dein Leben verlaufen ist und Dir erzählen, was ich so gemacht habe und mache.

Alles Liebe von

Lea (Melanie) aus Berlin

Bevor sie es sich wieder anders überlegen konnte, drückte Lea entschlossen auf „Senden“ und schickte die Nachricht ab.

Unsicher, ob sie gerade den größten Fehler ihres Lebens oder das einzig Richtige getan hatte, blickte sie wieder aus dem Fenster. Der Vollmond hatte sich mittlerweile zwischen den Wolken hervorgekämpft und schien sie milde anzulächeln.

KAPITEL 2

Die Vernissage war ein voller Erfolg. Leicht beschwipst vom Rotwein und den vielen Komplimenten für ihre Fotos, ging Lea allein nach Hause – ihr Mann Stephan hatte sie wegen einer Dienstreise an diesem Abend nicht begleiten können. Es war spät geworden, kurz vor zwei Uhr nachts. Nachdem sie die Wohnungstür geschlossen und die Jacke aufgehängt hatte, schaltete sie noch einmal ihr Smartphone ein. Drei neue Mails waren angekommen. Neugierig berührte sie das Briefsymbol. Ihr bester Freund Benny und eine andere Freundin bestätigten ihr nochmals, wie toll ihre Bilder in dem kleinen französischen Restaurant wirken würden, wo sie gerade zusammen die Ausstellung gefeiert hatten. Lea lächelte zufrieden. Dann sah sie die dritte Mail. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Robin!

Sie setzte sich an den Küchentisch und öffnete mit klopfendem Herzen die Mail von Robin Eavens …

Wow … Was für eine wunderschöne Überraschung! Hallo Lea (es wird ein bisschen dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe …), es ist so schön, von Dir zu hören. Fast dreißig Jahre, ich kann’s nicht fassen. Du siehst großartig aus und sehr viel erfahrener als das junge Hippie-Mädchen, in das ich mich vor all den Jahren im sonnigen Frankreich verliebt hatte.

Ich erinnere mich an Deine Sanftmut und Deine Wärme, Dein Lachen. Wie da nur Platz war füreinander in diesen wunderbaren zwei Wochen. Ich bin froh, dass Du Dich an mich erinnerst. Ich habe mich oft gefragt, wie es Dir da draußen, in der großen weiten Welt, wohl ergangen ist.

Well, mir geht es sehr gut, obwohl ich nicht annähernd so gut gealtert bin, wie Du!

Ich habe ein recht turbulentes Leben gehabt, und schätze, das sieht man mir wohl auch an. Im Großen und Ganzen war mein Leben eine ziemliche Herausforderung, aber gut zu mir.

Ich habe eine hübsche, erwachsene Tochter, Mary, und lebe alleine in einem großen, alten Haus mit meinen Hunden Cassy und Wilma (beides Mädchen, und ich liebe sie, wie meine Kinder).

Ich habe eine liebevolle Familie und eine gute Freundin, Jane. Du müsstest Dich noch an sie erinnern, weil sie damals auch mit in Südfrankreich war. Obwohl wir keine Lebenspartner sind, verbringen wir bis heute unsere Urlaube zusammen, teilen unsere Sicht auf die Welt und solche Dinge.

Ich bin Geschäftsführer einer Firma, die ich gemeinsam mit einem alten Freund gegründet habe und die ganz okay läuft. Ich habe Spaß daran, Musik zu schreiben, wann immer ich die Chance dazu habe und mache den einen oder anderen Gig zusammen mit Freunden, aber nicht mehr allzu oft.

Alles in allem bin ich sehr zufrieden und glücklich, das sagen zu können. Ich bemühe mich, mein Leben so zu leben, dass ich nichts und niemanden auf meinem Weg verletze.

Ich versuche, etwas Geld zu sparen, um irgendwann aufs Land ziehen zu können, hoffentlich in ein kleines Cottage am Meer, an einen Platz, wo ich zufrieden alt werden kann.

Und nun zu Dir … Lea. Du bist verheiratet, lebst in der Hauptstadt und bist Fotografin? Wow. Du warst schon immer sehr clever und hast auf mich viel reifer gewirkt als 16.

Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Du mir antworten würdest und mir von Deinem Leben, Deiner Familie, der Fotoausstellung und all den Dingen erzählen würdest, die Du in den vergangenen Jahren, die viel zu schnell vergangen sind, getan hast.

Ich werde mich immer an die Zeit erinnern, die wir als junge, attraktive Menschen gemeinsam verbracht haben.

Ich hoffe, Du kannst mir eines Tages verzeihen.

Vielen Dank für das Foto von uns, das Du geschickt hast! Es ist gut, es wiederzuhaben. Meins wurde mir von einer sehr eifersüchtigen Ex, die mein früheres Leben auslöschen wollte, gestohlen.

Ich danke Dir so sehr dafür, dass Du geschrieben hast.

Pass auf Dich auf, und alles Liebe für alle, die Dich lieben.

Love and hugs from Cassy, Wilma und Robin aus Nottingham

xx

Sie atmete tief durch. Wie hypnotisiert starrte sie auf das Wort „Love“ und die kleinen „xx“ auf dem Handydisplay. Die bedeuteten „Küsse“. Er hatte tatsächlich geantwortet. Er erinnerte sich an sie und hatte sich über ihre Mail gefreut.

Leas Gefühle waren völlig durcheinander. Sie jubilierte innerlich und stürzte im nächsten Moment tief hinab in den alten Schmerz, der nach all den Jahren immer noch spürbar war.

„Robin …“, murmelte sie leise. Reglos saß sie einfach nur da und ließ die Woge alter Bilder und Empfindungen ohne Gegenwehr über sich hinwegschwappen. Dann verschwamm das Display langsam und ein Tropfen fiel darauf.

Ewig lang verschüttete Emotionen bahnten sich ungebremst ihren Weg an die Oberfläche. Sie weinte um eine Liebe, die vor vielen Jahren zu Ende gegangen war. Die Gefühle, all die Traurigkeit, die sie als Teenager empfunden hatte, waren augenblicklich wieder ganz real. Wie er damals einfach verschwunden war, ohne ein Wort der Erklärung. Sie hatte monatelang um ihn getrauert. Und nun war er plötzlich greifbar – und mit ihm die alten Empfindungen.

Aber jetzt zählte nur, dass sie ihn wiedergefunden hatte. Er war kein Phantom mehr, nicht nur eine Erinnerung oder ein verblasstes Foto. Er existierte, sie konnte mit ihm reden – zumindest per E-Mail. Vielleicht bekam sie nun endlich eine Erklärung. Lea wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und stand entschlossen auf. Irgendwo musste sie doch noch seine Briefe haben.

Sie ging hinüber ins Wohnzimmer und öffnete den alten Holzschrank. Im untersten Fach, hinter den Vasen, fand sie die bunte Blechdose mit den gesammelten Liebesbriefen ihrer Jugend. Die aufgedruckten Kekse gab es schon lange nicht mehr zu kaufen. Aber der papierne Inhalt war für sie immer noch wertvoll. Erinnerungen an längst verflossene Lieben und Schwärmereien. Lea öffnete den Deckel und ließ ihre Finger über die verknitterten Zettel und Umschläge gleiten. An einige Namen konnte sie sich kaum erinnern, andere brachten sie zum Schmunzeln. Und dann fand sie, was sie gesucht hatte.

Mit Robins Briefen kuschelte sie sich aufs Sofa, zündete ein paar Kerzen an und zog den ersten aus dem vergilbten Umschlag. Sie musste grinsen – Katzenbriefpapier! Kitschige, bunte Zeichnungen von spielenden, kleinen Kätzchen zierten die untere linke Ecke der einzelnen Blätter. Wirklich geschmackloses, englisches Teenie-Briefpapier.

Dear Melany … Er hatte ihren Namen falsch geschrieben. Damals hatte sie das geärgert, aber jetzt war es egal, denn die Worte, die folgten, waren eindeutig an sie gerichtet und wunderschön.

Lea betrachtete seine Schrift – diese typisch britische Art zu schreiben. Jeder Buchstabe sorgfältig ausgeführt, ganz anders als das Jungen-Gekrakel ihrer deutschen Teenie-Freunde.

… ich bin wieder in Nottingham angekommen und vermisse Dich so sehr. Ich erinnere mich noch immer so deutlich an den Duft Deiner Haare, wie weich sie durch meine Finger geglitten sind. Die romantischen Nächte am Strand, der Vollmond und die Sterne, die wir am Meer zusammen betrachtet haben. Der erste Sonnenaufgang, den wir gemeinsam erlebt haben und der der Beginn der schönsten zwei Wochen meines Lebens war.

Ich hoffe sehr, dass Du Dich genauso deutlich an die romantischen Stunden erinnerst, die wir zusammen in Frankreich verbracht haben. Der Abschied ist mir so schwergefallen.

Bitte schreib mir bald. Ich vermisse Dich.

Lots of love

Robin

xx

Lea seufzte auf. Sie erinnerte sich an den Zauber und die Romantik der Stunden, die sie, tausend Pläne für eine gemeinsame Zukunft schmiedend, in diesem südfranzösischen Sommer genossen hatten.

In ihrer ersten Nacht am Strand hatten sie nicht miteinander geschlafen. Es genügte ihnen völlig, leidenschaftlich küssend, knutschend und innig schmusend zusammen zu sein.

Als die Sonne langsam über den Horizont gekrochen war, hatten sie noch immer angezogen und eng umschlungen beieinandergelegen. Lea hatte die Augen festgeschlossen, um die Magie nicht zu zerstören, die ihr Liebesnest zwischen den schützenden Baumstämmen, auf dem warmen Sand, umgeben hatte.

Lebhaft erinnerte sie sich noch heute an ihre verwirrenden Empfindungen als Sechzehnjährige, an ein undefinierbares Gefühl des Zweifels und der Angst, das sie an diesem Morgen in Südfrankreich beschlichen hatte.

Wer war der junge Mann neben ihr? Was, wenn sich der wunderbar zärtliche Robin, mit dem sie die Nacht so unschuldig verbracht hatte, im grellen Morgenlicht als ein ganz anderer entpuppte? Schließlich hatten sie sich erst wenige Stunden zuvor in der Disco kennengelernt. Lea war noch nie so schnell mit einem Fremden mitgegangen. Sie kniff die Augen fest zu und versuchte, den Moment festzuhalten, als Robin ihr zärtlich über den Kopf strich.

„Darling, dein Haar ist voller Kletten“, rief er erschrocken aus, und endlich öffnete sie die Augen. Sie griff in ihre langen Haare und blinzelte ihn im hellen Sonnenlicht unsicher an.

„Oh …“, war alles, was sie herausbekam.

Damit meinte sie sowohl die kleinen vertrockneten Pflanzensamen, die sich mit ihren winzigen Widerhaken in ihrer verwuschelten Mähne verkrallt hatten, als auch den Mann, der sich bemühte, eine nach der anderen vorsichtig herauszupulen. Ihre Frisur war ihr in diesem Moment völlig egal, denn sie betrachtete Robin zum ersten Mal bei Helligkeit.

Er sah fantastisch aus. Ein paar seiner dicken blonden Strähnen fielen ihm in die Stirn, und seine blauen Augen blickten darunter hervor. Es hatten sich nur vier, fünf Kletten verfangen, aber er machte sich Sorgen um sie. Lea genoss es, wie er seine Finger durch ihre Mähne gleiten ließ und versuchte, die Haare zu entwirren. Dabei hatte sie nur Augen für ihn. Robin hielt inne, als er merkte, dass Lea ihn anstarrte.

„Was ist? Tut es weh?“, fragte er besorgt.

„Nein … Ich bin nur so …“

Sie suchte nach den passenden Worten.

„Ja?“

„So … unglaublich glücklich, dass ich dir begegnet bin“, murmelte sie leise.

Er ließ von ihrem Haar ab, nahm ihr Gesicht in seine Hände und gab ihr einen hingebungsvollen Kuss.

„Mir geht es genauso, Melanie.“

Sie umarmten sich, und Lea spürte, dass in dieser Nacht etwas Besonderes mit ihr geschehen war.

So, wie mit Robin war es zuvor noch nie gewesen. Irgendwelche Schulliebeleien konnten mit den Gefühlen, die sie jetzt übermannten, ganz und gar nicht mithalten. Alles, was sie bisher für „Liebe“ gehalten hatte, verblasste in diesem Moment, und sie wusste: Das ist sie – die große, die wahre Liebe. Die, die es nur einmal gibt im Leben.

Die zwei Wochen, die sie gemeinsam in Südfrankreich verbrachten und all das, was danach kam, gaben ihr Recht.

Dreißig Jahre später, auf ihrem Sofa in Berlin, genoss Lea die romantischen Bilder in ihrem Kopf und die warmen Gefühle in ihrem Herzen noch einmal. Sie nahm einen Schluck Rotwein und zog Robins zweiten Brief aus dem Umschlag. Zärtlich strich sie über das zerknitterte Papier.

Dear Melanie, …

Endlich der richtige Name.

… danke für Deinen wunderschönen Brief! Ich habe ihn wieder und wieder gelesen. Ich bin so froh, dass es Dir genauso geht, wie mir. Ja, ich hoffe auch, dass wir uns bald wiedersehen.

In ein paar Wochen fahre ich mit meinem Freund Dylan zurück nach Südfrankreich. Wir wollen versuchen, einen Job bei der Weinernte zu finden, ein bisschen Geld verdienen und damit durch Europa reisen. Und dann will ich zu Dir nach Oldenburg kommen! Wir müssen nur noch ein wenig Geduld haben …

Als sie den nächsten Umschlag öffnete, entdeckte sie Fotos, die er ihr damals geschickt und die sie längst vergessen hatte. Das eine zeigte ein sehr junges Pärchen, das verklärt in die Kamera blickte. Die Konturen auf dem alten Fotopapier waren verschwommen und gaben dem Ganzen etwas von einem impressionistischen Gemälde. Aber die Gefühle von Melanie und dem jungen Robin waren noch immer deutlich in ihren Gesichtern zu erkennen.

Sie waren so verliebt gewesen. Der Rest der Welt war ausgeblendet, es gab nur ihn und sie in ihrem Liebes-Kosmos. Und wie toll er ausgesehen hatte. Diese strahlend blauen Augen. Und seine sportliche Figur. Verträumt betrachtete Lea das vergilbte Bild.

Auf einem anderen war Robin am Schlagzeug zu sehen. Ja, er war Drummer, Musiker – ein sensibler Künstler. Das hatte ihr gefallen.

Als sie das dritte Foto aus dem Umschlag zog, lachte sie laut auf. Es zeigte Lea in Jeans und T-Shirt, Arm in Arm mit Robin – kostümiert als Frau. Mit einem scheußlichen, ausgestopften, weißen BH, kurzem geblümten Rock und einer hellgrünen Plastik-Duschhaube auf dem Kopf.

Das war dieses Kostümfest auf dem Campingplatz gewesen. Alle Männer hatten sich mit Begeisterung als Frauen verkleidet. Lea fand das damals eher peinlich. Aber die Briten hatten ihren Spaß.

Sie sah sich noch mal das Bild an, auf dem sie und Robin beseelt in die Kamera blickten. Beider Augen lächelten glücklich.

In der alten Blechdose fand Lea auch eine Musik-Kassette, die er ihr damals aufgenommen und geschenkt hatte – cooler Jazz-Rock mit lässigem Schlagzeug von Bill Bruford, einem seiner musikalischen Vorbilder. Feinsäuberlich hatte er sämtliche Songs aufgeschrieben. Der Titel „Seems Like A Lifetime Ago“ erschien ihr wie eine Prophezeiung, die sich nun erfüllte.

Dann las sie seine anderen Briefe, in denen er von den Jobs bei der Weinernte, die er und sein Freund zwei Monate lang gemacht hatten, erzählte, wie sie am Strand und in Parks geschlafen hatten, vom Muskelkater und den zerschundenen Händen durch die harte körperliche Arbeit. Und in jedem Brief schrieb er, wie sehr er sie vermisse und sich darauf freue, sie endlich im Oktober in Oldenburg wiederzusehen.

KAPITEL 3

Als Lea am nächsten Morgen erwachte brauchte sie eine Weile um zu begreifen, was die scheußliche Katzenzeichnung, auf die sie neben ihrem Kopfkissen blickte, zu bedeuten hatte. Robins Liebesbriefe lagen verstreut um sie herum. Überall kitschige, bunte Kätzchen und seine englische Handschrift. Sie schloss die Augen, seufzte glücklich – und schreckte im selben Moment hoch. Heute war die Hochzeitsparty ihrer Freundin Carolina in Hamburg! Und sie musste noch das Geschenk einpacken und ihr Kleid aus der Reinigung abholen. Sie sah auf den Wecker. Schon zehn Uhr!

Nachdem sie eilig alles erledigt hatte, blieb ihr noch etwas Zeit, bevor sie losmusste. Genug, um Robins Mail zu beantworten.

Wie wunderbar, lieber Robin!

Nach all der Zeit habe ich Dich tatsächlich wiedergefunden. In den vergangenen Jahren musste auch ich oft an Dich denken. Ich wollte es einfach nicht akzeptieren, den Kontakt verloren zu haben und nie zu erfahren, wie es Dir ergangen ist, ob sich Deine Wünsche, die Welt zu sehen und Musiker zu werden, erfüllt hatten.

Obwohl wir keine besonders lange Beziehung hatten, war sie doch sehr tief gehend. Ich war am Boden zerstört, nachdem Du mich verlassen hattest. Aber ich war jung genug, mich irgendwann damit abzufinden und mich ins Leben zu stürzen.

Ich habe Dir schon vor langer Zeit verziehen, als ich verstand, dass es für uns zu dem Zeitpunkt keine gemeinsame Zukunft gab. Ein Schulmädchen und ein beinahe Erwachsener, der auf dem Weg in die große, weite Welt war. Aber ich habe mich immer gefragt, was wohl gewesen wäre, wenn wir uns später getroffen hätten.

Sobald es das Internet gab, habe ich von Zeit zu Zeit Deinen Namen eingegeben, aber Du schienst nicht mehr zu existieren. Doch letztendlich …

Es hat mich sehr, sehr glücklich gemacht, als ich gestern Abend Deine Mail vorgefunden habe.

Ich kam recht spät nach Hause – von meiner ersten Fotoausstellung, saß allein in der Küche, ein bisschen beschwipst, und habe gelesen, was Du geschrieben hast.

Meine Gefühle fuhren Achterbahn – Freude, Wärme, ein breites Grinsen und plötzlich habe ich angefangen zu weinen. Sehr alte Tränen kamen aus einem versteckten Winkel meines Herzens, seit so langer Zeit unterdrückt. All die „was wäre gewesen, wenn“-Fragen tauchten auf. Komisch nach drei Jahrzehnten, was? Sehr mädchenhafte Gefühle. Aber immer noch ehrlich.

Dann verstand ich plötzlich, dass ich dieses bittersüße Kapitel meines Lebens endlich abschließen kann.

Nach so vielen Jahren, in denen ich nicht wusste, was aus Dir geworden ist, weiß ich jetzt, dass es Dich noch gibt. Und wir haben die Chance, unsere Erinnerungen zu teilen und den Kontakt zu erneuern – auf einer anderen Ebene. Das hat mich letztendlich wieder sehr glücklich gemacht!

Also habe ich Deine alten Briefe hervorgekramt! Tja, Robin Eavens aus Nottingham, letzte Nacht warst Du noch einmal mit mir im Bett … ;-)

Ich habe all Deine Liebesbriefe gelesen und ein paar lustige Fotos gefunden.

So viele schöne Erinnerungen kamen zurück: unsere erste Begegnung in der Open-Air-Disco in Südfrankreich. Ich hatte bemerkt, dass Du mich beobachtest, bevor ich in Deine Nähe tanzte. Ich habe die Texte der Lieder mitgesungen, um Dich zu beeindrucken. Und es hat funktioniert – Du hast mich angesprochen.

Schließlich waren wir am Strand, im warmen Sand, haben uns umarmt und geküsst, den Mond und die Sterne betrachtet und dem Meeresrauschen gelauscht.

Was könnte romantischer sein?

Es war einfach perfekt. Liebe auf den ersten Blick. Und ich erinnere mich daran, dass ich bei Sonnenaufgang Angst davor hatte, die Augen zu öffnen und Dich anzusehen, den Fremden, mit dem ich einfach so mitgegangen war. Aber dann habe ich Dein wunderhübsches Gesicht im Licht der frühen Morgensonne gesehen und wusste, dass es absolut kein Fehler war.

Honey, Du warst ein sehr attraktiver Mann, und ich habe Dich wirklich geliebt.

Ich habe diesen Moment und die wunderbaren Wochen in Frankreich in meinem Herzen behalten. Danke für diese unvergesslichen Erinnerungen, die mich mein Leben lang begleitet haben.

Also lass uns bitte den Kontakt nicht wieder verlieren. Nach so langer Zeit ohne Dich möchte ich gerne romantische Erinnerungen und die Gegenwart mit Dir teilen!

Und ich kann mir vorstellen, dass es toll wäre, wenn wir uns irgendwann noch mal treffen könnten. Noch einmal von Dir umarmt zu werden …

Oh ja, ich glaube, das würde mir sehr gefallen!

Bitte schick ein Foto von Dir und Cassy & Wilma und Deinem Haus. Ich würde gerne sehen, wie Du und Dein heutiges Leben aussehen.

So, meine alte, erste und große Liebe meines Lebens – lass uns weitersprechen, lesen und schreiben.

Ich fahre heute Nachmittag nach Hamburg zur Hochzeit einer Freundin und bin am Sonntagabend zurück.

Lots of love and kisses!

Deine Lea

xxx

KAPITEL 4

Stephan erwartete sie im Hotelzimmer, als sie in Hamburg ankam.

„Da bist du ja endlich! Du bist spät dran. Wolltest du nicht schon vor einer Stunde kommen?“, empfing er sie und gab Lea einen flüchtigen Kuss.

„Ja … Ich hab den Zug verpasst … Aber ich brauch mich ja nur noch kurz umzuziehen und ein bisschen schminken“, antwortete sie hastig und verzog sich samt Reisetasche ins Bad.

Lea betrachtete sich im Spiegel. Sie sah aus wie immer, aber ein Glitzern in ihren Augen verriet, dass sich etwas geändert hatte.

Warum hatte sie ihrem Mann nicht einfach von Robin erzählt, und dass die Mail an ihn sie länger als geplant aufgehalten hatte? Andererseits hatten sie sich seit einer Woche nicht gesehen, da konnte sie nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Später …

Nach fünfzehn Minuten stand sie fertig gestylt vor Stephan. Er sah kaum hoch, suchte im Koffer nach seinen Schuhen.

„Dann können wir ja los. Hast du die Adresse?“, nuschelte er.

„Ja, klar. Wie gefällt dir das Kleid?“

„Schön.“

„Nun guck doch wenigstens mal.“

Irritiert sah er kurz zu Lea rüber. „Ja, hübsch. Du siehst doch immer gut aus.“

„Aber es wäre nett, wenn man das vom eigenen Mann ab und zu auch mal hören würde“, antwortete sie stur.

Er blickte verwirrt von seinen Schnürsenkeln auf. „Was ist denn mit dir los? Ist irgendwas?“

Lea riss sich zusammen. „Nee, ich meine ja bloß …“

Die Hochzeitparty ihrer Freundin war ein großes Fest. Über zweihundert Gäste waren dem gewünschten Dress-Code gefolgt – „Pretty in Pink“. Ein sagenhaftes Bild, so viele Frauen und Männer in pinkfarbenen Kleidern, Hemden und Hosen. Der Saal war komplett in Rosarot dekoriert.