Sonne über Lake Evelyn - Averil Kenny - E-Book

Sonne über Lake Evelyn E-Book

Averil Kenny

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Beschreibung

Große Gefühle vor der traumhaften Kulisse Australiens!

Queensland 1958: Um ihrer arrangierten Ehe zu entgehen, flüchtet die quirlige Vivienne in die Lodge ihres Onkels im tropischen Regenwald. Dort schwimmt sie jeden Tag im idyllischen Lake Evelyn. Bis der gutaussehende Farmersohn Owen auftaucht und ihr genau das untersagt. Denn seit eine berühmte Schauspielerin im See tragisch ums Leben kam, soll dieser mit einem Fluch belegt sein. Doch Vivienne lässt sich nichts verbieten, schon gar nicht von einem Mann. Zusammen mit Owens Schwester Josie will sie das Geheimnis um den Lake Evelyn lüften. Doch dabei kommt ihr Owen immer wieder in die Quere ...

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Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Queensland 1958: Um ihrer arrangierten Ehe zu entgehen, flüchtet die quirlige Vivienne in die Lodge ihres Onkels im tropischen Regenwald. Dort schwimmt sie jeden Tag im idyllischen Lake Evelyn und freundet sich mit der in der Nähe lebenden Josie an. Von ihr erfährt sie, dass seinerzeit eine berühmte Schauspielerin im See ums Leben kam und dieser seither mit einem Fluch belegt sein soll. Fasziniert von der tragischen Geschichte beschließt die umtriebige Josie, ein Theaterstück über den Fall zu inszenieren – mit Vivienne in der Hauptrolle. Doch damit rütteln die beiden Frauen an Geheimnissen, die nicht ans Licht kommen sollen …

Weitere Informationen zu Averil Kenny sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Averil Kenny

Sonne über Lake Evelyn

ROMAN

Aus dem australischen Englisch von

Sylvia Strasser

Die australische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel »The Girls of Lake Evelyn« bei Echo Publishing, Sydney, Australien.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Dataminings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2025

Copyright © 2022 by Averil Kenny

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotive: Artie Photography (Artie Ng) / Getty Images

Dave Porter / 500px / Getty Images

© FinePic®, München

BH · Herstellung: ik

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN: 978-3-641-31982-3V002

www.goldmann-verlag.de

Für meinen Dad – Milchbauer, Geschichtenerzähler, Mentor

Und für meine Mum – Geschäftsfrau, Sängerin, beste Freundin

ERSTERTEIL

Sie flieht, verfolgt von einem Bären.

(nach William Shakespeare)

Kapitel 1

Da geht die Braut

Juni 1958

Eine Bergstraße in Far North Queensland

Die einsamen Scheinwerfer eines weißen Jaguar Roadster rasten in der hereinbrechenden Dämmerung bergauf wie Sterne auf dem Weg zurück in den Himmel. Zwischen der Felswand auf der einen und dem Abgrund auf der anderen Seite jagte der Roadster mit hochtourigem Motor über die Piste und schleuderte dabei hin und her. Kies spritzte nach allen Seiten. Die Straße wies sechshundertdreizehn Kehren auf und war so schmal, dass sie immer nur in einer Richtung und zu bestimmten Zeiten befahren werden durfte. Wärter an den Schranken setzten diese Regel um.

Brotpalmfarne und riesige Eukalyptusbäume klammerten sich an die Felsenschlucht. Leitplanken gab es nicht. In schwindelerregender Tiefe kräuselten sich Gipfel und Täler, verwoben wie in einer schier endlosen Patchworkdecke.

Eine junge Frau saß über das Lenkrad gebeugt, starrte angestrengt blinzelnd durch einen Tränenschleier auf die Straße und stemmte sich in jeder Haarnadelkurve gegen die Fliehkraft. Der Etuirock ihres Reisekostüms war zerknittert und dreckig, ihren buttergelben Haaren, vor drei Tagen so sorgfältig in Wellen gelegt, hatten die Luftfeuchtigkeit und billige Hotelkopfkissen derart zugesetzt, dass sie ihr am Kopf klebten. Ihre Ohren protestierten gegen den Anstieg, ihr Magen rebellierte, aber sie setzte ihre Fahrt fort, angetrieben von einer inneren Stimme, die drängte: Fahr weiter, fahr weiter, fahr weiter.

Es gab kein Zurück für Vivienne George. Sie hatte alles kaputt gemacht.

Im Fußraum vor dem Beifahrersitz lagen zerknüllt unzählige Briefe, die sie unterwegs angefangen, aber nie zu Ende gebracht hatte. Alle drehten sich um dasselbe Thema:

Liebe Mutter, verzeih mir …

Ich werde die Suppe, die ich mir eingebrockt habe, nicht auslöffeln.

Du kannst mich nicht zwingen, ihn zu heiraten, und ich werde mich auch nicht dazu zwingen.

Ich will frei sein, herausfinden, was ich wirklich möchte.

Überlass dieses eine Mal bitte mir die Entscheidung …

Neben dem Köfferchen mit ihrer Flitterwochengarderobe lag ein einziges Hochzeitsgeschenk auf dem Beifahrersitz, das letzte noch nicht ausgepackte. Das einzige, das ihre Mutter nicht zurückzugeben brauchte.

Vivienne warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel und richtete ihr Augenmerk auf die dunklen Schatten hinter sich. Fröstelnd schlug sie den Kragen ihrer Jacke hoch. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Vorstellung vom Heiraten sich in ein Monster verwandelt hatte, das sie brüllend und fauchend verfolgte.

Unmöglich. Niemand konnte sich an ihre Fersen geheftet haben. Ihr Auto hatte als letztes die untere Schranke passiert, bevor sie für den Verkehr hinauf für mehrere Stunden geschlossen worden war. So absurd ihr Plan anfangs geklungen hatte, jetzt war sie fast am Ziel.

Ein halber Kontinent und eine bewachte Bergstraße lagen zwischen ihr und dem Bräutigam, den sie sitzen gelassen hatte – Howard Woollcott III, Spross der Woollcott-Winzerdynastie. Sie konnte vielleicht vor ihm weglaufen, aber vor der Schande, die sie über alle gebracht hatte …?

Vivienne sah die goldgeprägten blütenweißen Hochzeitseinladungen vor sich, die an die australische Prominenz aus Wirtschaft, Politik und akademischer Welt verschickt worden waren.

Mrs P.M. George bittet Sie, ihr die Ehre zu erweisen, der Hochzeit ihrer einzigen Tochter Vivienne Aster beizuwohnen …

Das kehlige Stöhnen, das sie ausstieß, erschreckte sie selbst. Zwölf Monate Hochzeitsvorbereitungen nach Howies verwegenem und derart öffentlichem Antrag auf dem Woollcott-Winterball, und jetzt lag, was das gesellschaftliche Ereignis des Jahres hätte werden sollen, in Scherben, zerstört am Abend vor dem großen Tag.

Ihr ganzes Leben lang war Vivienne zu Benehmen und Anstand angehalten worden und dazu, den guten Ruf zu wahren, und hatte diese Ermahnungen auch stets befolgt, bis sie buchstäblich im allerletzten Moment ihres Junggesellinnendaseins erkannte, dass sie nicht bereit war, auch nur einen Tag, eine Stunde länger zu gehorchen …

Kapitel 2

Der Verlust des Anstands

Drei Tage vorher

Centennial Park, Sydney

An ihrem letzten Tag als unverheiratete Frau versuchte Vivienne George, sich durch bloße Willenskraft in Luft aufzulösen.

Nach einem späten, aus dünner Suppe und gezwungener Unterhaltung bestehenden Abendessen hatte sich Geraldine, ihre Mutter, in ihr Ankleidezimmer zurückgezogen, um ihre festliche Garderobe für den großen Tag zurechtzulegen und sich schön zu machen.

Der große Tag für die Mutter der Braut, dachte Vivienne grimmig, als sie auf Zehenspitzen an der geschlossenen Tür vorbeiging. Eigentlich stand ihr Geraldines Tür kaum jemals offen. Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter, die Haare auf Lockenwickler drehte, diverse Cremes und Salben auftrug und ihre Antifaltenpflästerchen anfeuchtete, um sie auf das Gesicht zu kleben, das sich erdreistete, ihr ihren großen Auftritt zu verderben. So viele Stunden Lebenszeit, geopfert für einige wenige Minuten der Selbstpräsentation.

Vivienne huschte weiter in den Salon, wo auf langen Tischen die Hochzeitsgeschenke aufgebaut waren, alle sortiert und in Geschenkpapier verpackt und mit von Mrs Howard Woollcott unterschriebenen Dankeskärtchen versehen.

Sie war noch nicht einmal verheiratet und hatte ihre eigene Identität bereits aufgegeben.

Langsam ging sie die Reihen der vornehm eingedeckten Tische hindurch, strich mit den Fingerspitzen über Silber, Gold und Bleikristall, über Muranoglas, schimmernde Perlmuttgriffe und goldgerändertes feinstes Porzellan. Sie kam sich fast vor wie von einem Piratenschatz umgeben, so intensiv funkelten und glitzerten alle diese Kostbarkeiten im Schein des edlen Kronleuchters an der kunstvoll gepressten Blechdecke.

Und warum hatte sie bloß das Gefühl, dass sie im Begriff war, alles zu verlieren, was ihr Leben lebenswert machte?

Panik stieg in ihr auf, in ihrem Kopf drehte sich alles so vehement, dass sie fürchtete umzukippen. Gläser klirrten, als sie sich an die Tischkante klammerte und auf das Abklingen des Schwindelgefühls wartete.

Diese Attacken – ihre »Anfälle« – traten immer häufiger auf und dauerten jedes Mal länger. Sie führe sich unmöglich auf, wenn sie sich so einen Anfall nehme, hatte ihre Mutter sie das letzte Mal scharf zurechtgewiesen. Sie hatte tatsächlich »sich einen Anfall nehmen« gesagt und nicht etwa »einen Anfall erleiden«.

Das sei unschicklich, hatte ihre Mutter gesagt.

Unschicklich? Viviennes Körper wehrte sich schlicht dagegen, Mrs Howard Woollcott zu werden. Könnten sie die Hochzeit denn nicht verschieben, bis sie sich absolut sicher sei? Doch ihre Mutter hatte ihr nur ihren schlanken Rücken zugedreht und Viviennes verzweifelter Bitte ihren eisernen Willen entgegengesetzt. Statt Verständnis hatte sie ihrer Tochter ein Fläschchen Dr. Williams’ Pink Pills angeboten mit den Worten: »Für deine nervösen Kopfschmerzen.«

Es waren jedoch nicht Viviennes Kopfschmerzen, die Geraldine zu bekämpfen versuchte.

Diese Attacke nun war die bisher schlimmste. Vivienne fürchtete, sie werde stürzen. Sie tastete blind nach einem Stuhl, ließ sich darauf fallen und presste beide Hände an die Stirn.

»Alles gut«, murmelte sie zwischen kurzen, harten Atemstößen. »Alles in Ordnung. Das ist gleich wieder vorbei.«

Aber das stimmte nicht. Der morgige Tag war nur der Anfang. Danach würde es niemals vorbei sein; erst der Tod würde sie erlösen.

Ein leises Rascheln riss sie aus ihren Gedanken und den Worten, mit denen sie sich selbst gut zuredete, ein Rascheln, das nichts Beruhigendes hatte: Es war der Morgenmantel ihrer Mutter.

Langsam hob sie den Kopf. Obwohl sie wusste, was sie in den blassblauen Augen ihrer Mutter sehen würde – Kälte und Härte –, hoffte sie, wenn schon nicht auf Mitgefühl, dann wenigstens auf gütiges Verständnis.

Vielleicht musste es so sein, dass ihre bislang schlimmste Attacke Geraldine in nie gekannte, rasende Wut versetzte. Die Ränder ihrer fest zusammengepressten Lippen traten weiß hervor.

»Steh auf«, zischte sie durch aufeinandergebissene Zähne hindurch. »Ich werde mir das nicht länger mitansehen. Du bist eine gebildete junge Dame und heiratest in eine der vornehmsten Familien des Landes ein. Benimm dich gefälligst entsprechend.«

Vivienne begann zu keuchen.

»Steh. Auf.«

Vivienne stemmte sich vom Stuhl hoch, klammerte sich jedoch hinter ihrem Rücken an die Tischkante.

Mit gebieterisch wippenden Lockenwicklern durchquerte Geraldine den Raum. Der Duft von Arpège hüllte Vivienne ein wie eine Umarmung – die einzige, die sie jemals von ihrer Mutter bekommen würde. Sie blinzelte.

Aus der Nähe betrachtet, wurde Geraldines große Schönheit, die sie nur ungern an ihre Tochter weitergegeben hatte, lediglich durch feine Fältchen und einige silberne Haare in den glänzenden blonden Wellen beeinträchtigt – beides unvermeidliche Alterserscheinungen, die sich ohne ihre Erlaubnis eingestellt hatten.

Vivienne starrte ihre Mutter unglücklich an.

Geraldines Wangen wurden noch eine Spur verkniffener. »Du sollst aufhören, hab ich gesagt.«

Dann hilf mir! Ich brauche mehr Zeit zum Nachdenken, bevor ich mich bereit erkläre, auf mein Leben zu verzichten.

Vivienne griff sich an den Hals, dorthin, wo eigentlich ihre Stimme herkommen sollte, wäre da nicht die Panik, die ihr die Kehle zuschnürte.

Mach den Mund auf, befahl sie sich.

»Ich … bin nicht glücklich.«

»Sprich deutlicher!« Doch im Grunde ging es Geraldine nicht um Lautstärke oder Verständlichkeit, sondern darum, ihre Tochter zum Schweigen zu bringen.

»Ich bin nicht glücklich, Mutter.«

Geraldines Blicke huschten auf der Suche nach eventuellen Lauschern durch den Salon. »Nicht glücklich?« Ein ungläubiges Schnauben.

Vivienne schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ich bin schrecklich unglücklich.«

»Undankbar, meinst du wohl! Du hast alles, was eine Frau sich nur wünschen kann, alles, wofür du erzogen worden bist.«

»Nein, nicht alles.«

Geraldine ließ den Blick über die Hochzeitsgeschenke schweifen. »Was denn noch?«

»Ich … weiß es nicht«, flüsterte Vivienne.

Ich weiß nur, dass ich es nie bekommen habe. Nicht von dir, nicht von dem Mann, den ich heiraten soll, nicht vom Leben selbst.

»Was redest du nur für einen Unsinn! Dir fehlt es an Klasse.« Geraldines Blick kannte keine Gnade. »Howard ist ein anständiger Mann.«

Das war er vermutlich. Vivienne fand nichts an ihm auszusetzen – empfand allerdings auch keine Spur von Zuneigung mehr für ihn.

»An seiner Seite wirst du alle erdenklichen Privilegien haben. Er wird dir eine sichere Zukunft bieten und deinen Kindern auch. Er wird dich zur Frau machen.«

»Aber ich liebe Howie nicht!«

»Was bist du nur für ein naives Ding! Sich verlieben kann jeder, aber nur sehr wenige haben Gelegenheit, in bessere Kreise einzuheiraten. Die Ehe ist eine taktische Entscheidung, bei der es auf Cleverness und Ehrgeiz ankommt. Und du hast dich für eine Zukunft entschieden, die jede andere in den Schatten stellt. Du wirst Howard mit der Zeit lieben lernen, so wie ich deinen Vater lieben lernte.«

Nein, mein Vater starb, bevor du solche Gefühle für ihn entwickeln konntest. Ist das alles, was ich zu erwarten habe – einen Mann zu überleben? Konservierte Schönheit?

Als könnte sie ihre Gedanken lesen, verzerrte sich Geraldines Gesicht höhnisch. Vivienne schlug die Augen nieder angesichts der Grausamkeit, die ihre Züge spiegelten.

Dennoch unternahm sie einen weiteren Versuch. »Ich kann Howard nicht heiraten, Mutter. Du kannst mich nicht …«

»Halt den Mund!«, zischte sie. »Du hast Lampenfieber, das ist alles. Du wirst morgen vor dem Altar stehen, das Ehegelübde ablegen, für die Fotografen lächeln und von allen Frauen in dieser Stadt beneidet werden! Das ist mein letztes Wort. Die Kosmetikerin kommt um sechs – also sieh zu, dass du ins Bett kommst.«

Sie rauschte hinaus, der Saum ihres Morgenmantels wirbelte um ihre Knöchel.

Vivienne unterdrückte einen gequälten Aufschrei und flüchtete auf die Dachterrasse.

Von hier oben betrachtet, funkelten die Lichter von Sydney in ihrer ganzen Pracht. Doch am Himmel leuchteten keine Sterne. Es hatte fast ununterbrochen genieselt, und der morgige Tag würde noch trostloser werden. Regen am Hochzeitstag sei ein gutes Omen, behauptete ihre Mutter. Und was kündigte eine wahre Flut von Tränen an?

Ein mit Wolle gefülltes Holzfass hatte den Platz ihrer Lunge eingenommen. Jedenfalls kam es Vivienne so vor. Sie presste eine Hand auf die Brust, wie um sich zu vergewissern, dass ihr Körper noch funktionierte und sie nach wie vor mit Sauerstoff versorgte.

Ihre sonst so unbekümmert flatternden Gedanken hatten sich in einen strudelnden Sog verwandelt. Warum hatte sie nicht früher versucht, die Verlobung aufzulösen? Wie hatte sie nur so dumm und feige sein können! Sie hatte so lange gegrübelt, dass sie den Zeitpunkt für einen Richtungswechsel verpasst hatte. Fünf vor zwölf war längst vorbei. Es war grausam, Howie in diesen fürchterlichen Schlamassel hineinzuziehen. Ihre Ehe würde eine Katastrophe werden, eine Lüge sein. Sie würde den Rest ihres Lebens eine Rolle spielen müssen, die sie schon jetzt verabscheute. Der Gedanke jagte ihr Angst ein.

Nein, sie würde die Sache auf keinen Fall durchziehen. Komme, was wolle, sie würde morgen nicht zum Altar schreiten und danach am Hochzeitsempfang teilnehmen. Sie konnte es einfach nicht! Sie musste Howie anrufen, jetzt gleich, und ihm sagen, dass es vorbei war! Ihn anflehen, er möge es ihrer Mutter beibringen, während sie selbst sich zitternd in ihrem Zimmer versteckte.

Geraldine würde sie auf der Stelle wieder herauszerren. Der Frosthauch des mütterlichen Zorns, der sie treffen würde, würde vollauf genügen. Vivienne hatte ihm noch nie etwas entgegenzusetzen vermocht.

Es gab keinen Ausweg.

Unten auf der Straße schmatzten Autoreifen über den nassen Asphalt, als ein Jaguar Roadster schlingernd zum Stehen kam. Der Fahrer, eine glimmende Zigarette in der Hand, sprang leicht schwankend heraus. Er war zum Abendessen erwartet worden und hatte sich wie üblich hoffnungslos verspätet.

Vivienne rannte von der Dachterrasse und die Treppe hinunter.

Sie konnte es kaum erwarten, ihn nach so vielen Monaten wiederzusehen. Da war er! Er schälte sich aus seiner Jacke und drehte sich mit dem liebevollen Grinsen, das sie durch ihre ganze Kindheit hindurch begleitet hatte, zu ihr um.

Onkel Felix. Der Bruder ihrer Mutter. Ein eingefleischter Junggeselle und für sie Vaterersatz.

Leider hielt er sich häufig wochenlang im Ausland auf, wo er mit Kunst handelte und sich mit aufregend schönen Frauen umgab. Doch bei seiner Rückkehr galt sein erster Besuch seiner einzigen Nichte. Seine Fürsorglichkeit war eine Wohltat in einem Zuhause, in dem es so sehr daran mangelte. Hätten sie sich nicht so ähnlich gesehen, hätte man Geraldine und Felix niemals für Geschwister gehalten, so sehr unterschieden sie sich in ihrem Wesen. Niemand hatte Vivienne jemals so verwöhnt wie ihr geliebter Onkel, und es war ihr völlig egal, dass sie eigentlich schon zu alt für seine Hätscheleien war.

An diesem Abend jedoch blieb sie beim Anblick seines Mitbringsels abrupt stehen. Es war ein Hochzeitsgeschenk, elegant eingepackt in rot-goldenem Brokatpapier. Vivienne konnte sich denken, was es war: das Brautfoto, das Felix selbst vor einigen Monaten in seinem Atelier aufgenommen hatte. Würden von nun an alle Geschenke ihres geliebten Onkels so vorhersehbar und langweilig sein?

Felix verging die gespannte Vorfreude, als er die Bestürzung auf dem Gesicht seiner Nichte sah. »Was hast du denn, mein Mädchen?«

Oh, dieser mitfühlende Ton! Sie öffnete den Mund zu einem stummen Schrei. Fassungslos führte Felix sie eilig in den dunklen Innenhof, dabei hielt er mit einem hastigen Blick über die Schulter nach seiner Schwester Ausschau. Behutsam drückte er Vivienne auf einen Bistrostuhl und ging vor ihr in die Hocke.

Sie weinte und weinte unaufhörlich, was wohl kein schöner Anblick und obendrein geräuschvoll war. Ihr Gesicht fühlte sich wie zersplittert an, und es wollte ihr einfach nicht gelingen, es wieder zusammenzusetzen.

Felix ergriff ihre Hand und sprach beruhigend auf sie ein. »Erzähl. Was ist passiert?«

Vivienne wandte das Gesicht ab, so unerträglich war der Kontrast dieser warmen und besorgten Stimme zur unerbittlichen Härte ihrer Mutter.

»Soll ich raten?«, sagte Felix. »Du machst dir Sorgen wegen der Hochzeitsnacht. Du hast ein paar Dinge darüber gehört und bist nicht gerade begeistert.«

»Onkel Felix!« Das Blut schoss ihr in die Wangen. Rasch zog sie ihre Hand zurück.

Er zwinkerte ihr zu. »Keine Bange, Howard hat genügend Erfahrung, um es ganz leicht für dich zu machen.«

Sie wollte aufstehen, aber er ließ es nicht zu. »Jetzt komm schon, tu nicht so verschämt und jungfräulich mit deinem Lieblingsonkel.«

»Das ist es nicht«, murmelte sie stockend. »Ich will Howie nicht heiraten. Ich glaube, das wollte ich nie.«

»Na, da hast du dir ja einen prima Zeitpunkt ausgesucht. Bisschen spät, oder?«

»Ich durfte ja nie über meine Bedenken sprechen. Nicht einmal der Mann, den ich heiraten werde, interessiert sich für meine Gefühle. Er hält das für normales ›jungmädchenhaftes Lampenfieber‹ – aber das ist es nicht! Howie … widert mich an, Felix. Ich empfinde nicht das Geringste mehr für ihn. Wahrscheinlich habe ich nie wirklich etwas für ihn empfunden, sondern in ihm nur die beste Option gesehen.«

»Das ist er auch.«

»Das heißt aber nicht, dass ich ihn will.«

»Das ist auch nicht nötig. Du musst nicht ihn als Mann wollen, aber sein Name und sein Geld und die damit verbundene Freiheit – das ist doch eine wunderbare Sache.«

»Freiheit? Ich werde in einem goldenen Käfig eingesperrt sein!«

Felix wagte es, erneut ihre Hand zu ergreifen. »Die Mittel und das Ansehen zu haben, sich alles kaufen zu können, was dein Herz begehrt, mit Respekt behandelt zu werden, wo immer du hingehst, die Hälfte des Jahres ins Ausland reisen zu können, sodass du deinen Mann kaum zu Gesicht bekommen wirst – das ist Freiheit. Wer weiß, vielleicht kannst du mich sogar auf meinem nächsten Trip begleiten?«

Sie spürte, wie die Enge in ihrer Brust zunahm. Mit der freien Hand umklammerte sie das filigrane weiße Metall des Stuhls, während sie zitternd Luft holte.

Felix fasste sie an den Schultern. »Mein armes Mädchen!« Er streichelte ihre Wange. »Herrgott, du bist ja wie versteinert!«

Minutenlang saß sie starr und stoßweise atmend da. Felix beobachtete sie mit wachsender Betroffenheit.

Nach einer ganzen Weile stellte er brummend fest: »Gut, das war’s, du kannst ihn nicht heiraten.«

»Das sage ich doch!«

»Schon gut.« Er schaute kurz zu dem hell erleuchteten Fenster im zweiten Stock hinauf. »Wir gehen zusammen zu Geraldine und sagen es ihr. Jetzt gleich.«

»Das habe ich versucht, erst vor einer Stunde. Sie will nichts davon wissen. Ich komme einfach nicht gegen sie an!«

Felix stieß ein bitteres Lachen aus. »Ich auch nicht, mein Mädchen. Deine Mutter ist ein richtiger Drachen. Aber dir wird nichts anderes übrig bleiben, als mit ihr zu reden, wenn du die Hochzeit tatsächlich absagen willst. Komm, machen wir es jetzt sofort, wir überrumpeln sie beim Auszupfen ihrer Bartstoppeln. Außerdem sind wir in der Überzahl.«

»Ich kann nicht! Lieber geh ich zu Howie und sag es ihm selbst!«

»Am Abend vor der Hochzeit darfst du den Bräutigam nicht sehen.«

»Es gibt keine Hochzeit!«

Felix lachte leise. »In dem Fall kannst du ihn wohl besuchen, wann und wie oft du magst.«

Vivienne war nachdenklich geworden. Die Hochzeit absagen – brachte sie das wirklich fertig? Hatte sie den Mut dazu?

»Ich werde es tun. Ich werde zu Howie fahren.« Nach Rose Bay, wo er eine Villa besaß, in die sie nach ihren Flitterwochen in den Blue Mountains hätte einziehen sollen.

»Und anschließend wirst du Geraldine alles beichten?«

»Auf keinen Fall! Ich muss weg von hier. Ich will nicht da sein, wenn Mutter herausfindet, dass die Hochzeit ins Wasser fällt, und noch viel weniger in der Zeit danach, mit allem, was die Absage nach sich ziehen wird. Sie wird mich verstoßen oder, schlimmer noch, fesseln und zur Kirche schleifen.«

»Aber hast du eine andere Wahl? Deiner Mutter zu entkommen, war doch einer der Gründe, warum du Howard heiraten wolltest.«

Da hatte Felix allerdings recht. Es war sogar ihr erster Gedanke gewesen, als Howie in dem prächtigen Ballsaal unter dem tosenden Beifall der anderen Gäste vor ihr in die Knie gegangen war und ihr einen Antrag gemacht hatte.

Panik packte sie. »Wo soll ich denn bloß hin?«

Felix tippte sich mit dem Zeigefinger an die Lippen. »Fahr irgendwohin, wo du ein paar Tage bleiben kannst, bis sich die Wogen geglättet haben. Was ist mit deiner Brautjungfer?«

»Deirdre?« Sie gab ein ersticktes Geräusch von sich. Die wenigen Bekannten aus ihrer Internatszeit, die Vivienne als Brautjungfern vorgeschlagen hatte, hatten keine Gnade vor Geraldines Augen gefunden. Stattdessen hatte sie ihre eigene Patentochter zur Brautjungfer ernannt. »Wenn ich auch nur die geringste Kleinigkeit an den Hochzeitsplänen ändern wollte, ist sie sofort zu Mutter gerannt und hat ihr alles brühwarm erzählt.«

»Und deine Freundinnen?«

»Da ist keine dabei, auf die ich in dieser Situation zählen könnte. Wer will schon in eine solche Affäre hineingezogen werden?« Die Hochzeit von Vivienne George und Howard Woollcott III würde vom gesellschaftlichen Ereignis des Jahres zum Skandal des Jahrhunderts verkommen. Ein Woollcott war abserviert worden! Man stelle sich das vor!

»Ich muss verschwinden«, fuhr sie fort, »irgendwohin, wo mich niemand zu irgendetwas überreden kann. Ich brauche Abstand, vor allem zu Mutter.«

»Ich würde dir ja anbieten, bei mir zu wohnen, aber du weißt, dass Geraldine dich da zuallererst suchen würde. Ich müsste die Tür verbarrikadieren, und dann würden wir im Belagerungszustand leben. Außerdem werde ich demnächst wieder verreisen, ich könnte mich gar nicht um dich kümmern.«

Vivienne schluchzte auf. »Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ins Auto zu steigen und zu fahren, bis der Tank leer ist, und am Straßenrand zu campieren!«

»Vielleicht gar keine schlechte Idee. Ich hab doch gewusst, dass es nicht schaden kann, dir das Autofahren beizubringen. Und wenn du auftankst, anstatt zu warten, bis du kein Benzin mehr hast, findest du möglicherweise ein Hotel.«

»Das ist es! Genau das werde ich tun! Ich werde nach Süden fahren …«

»Fahr lieber nach Norden, Richtung Brisbane.«

»Gut, dann nach Norden. Ich werde mir etwas suchen, wo ich eine Weile bleiben und in Ruhe über alles nachdenken kann.«

Felix lachte leise. »Lass das mit dem Denken lieber sein und konzentrier dich aufs Leben.«

Vivienne hatte sich stets von vorsichtiger Zurückhaltung leiten lassen. Jede Entscheidung hatte sie bedächtig abgewogen und, war sie einmal getroffen worden, auf ihre Richtigkeit hin analysiert. Wie viel anders wäre ihr Leben verlaufen, hätte sie spontaner gehandelt?

»Ich werde weglaufen.«

»Hört sich ganz danach an.«

»Und komme vielleicht nie mehr zurück.«

»Du wirst bald genug haben von schäbigen Hotels und dem ganzen Pöbel dort.«

»Dann muss ich mir eben eine private Unterkunft suchen.«

Felix’ Hand zuckte ein wenig. Vivienne spürte es, weil er ihre Finger liebkost hatte. Er legte den Kopf schief, als hätte er in weiter Ferne etwas gehört und lauschte. »Verdammt! Ich will dir keine Hoffnungen machen, aber ich wüsste da vielleicht etwas …«

Dieses Mal war es ihre Hand, die leicht zuckte.

»Es ist weit genug weg von deiner Mutter und dem Bombenkrater, den du hinterlassen wirst. Ein Ort, wie geschaffen für deine Grübeleien.« Er machte ein widerwilliges Gesicht.

»Wo?«, stieß sie, atemlos vor Aufregung, hervor.

»Immer langsam! Ich muss erst ein bisschen rumtelefonieren, ein paar Dinge klären. Ich will nicht, dass du enttäuscht bist, falls nichts daraus wird.«

Auch wenn er ihr keine Hoffnungen machen wollte, wie er gesagt hatte – ein Fünkchen Hoffnung glomm bereits in ihr.

Felix musterte sie, als wolle er sie auf Herz und Nieren prüfen. Er schien etwas in ihr zu sehen, das sie selbst nicht fühlte. Schließlich nickte er kurz und sagte mit Bestimmtheit: »Also gut. Versuchen wir’s. Ich werde raufgehen und Geraldine ablenken. Das alte Mädchen mit meinen berühmten Absackern ein bisschen locker machen. Du packst inzwischen ein paar Sachen zusammen …«

»Mein Flitterwochenköfferchen ist seit Wochen gepackt.«

»Dann nimm das.« Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß in ihrem Seidenpyjama. »Das sieht zwar sehr süß aus, aber hast du noch was anderes für unterwegs?«

»Mein Reisekostüm liegt neben meinem Brautkleid.« Was für eine Ironie!

»Fantastisch. Du kannst mein Auto nehmen, es ist vollgetankt.«

Sein geliebter Roadster? Das konnte sie unmöglich annehmen!

»O doch, du nimmst den Jaguar«, beantwortete er die stumme Frage in ihrem Blick. »Oder hast du etwa vorgehabt, Geraldines Auto zu entwenden?«

Vivienne lief rot an. Ihre Mutter hatte recht: Sie war unglaublich naiv.

»Ich leihe ihn dir, dann wird er ausnahmsweise einmal sanft gefahren, und ich muss mir um dich und ihn keine Sorgen machen.«

Während Felix ihre Flucht plante, spürte Vivienne, wie ihr Mut und ihre Entschlossenheit wuchsen.

»Du wirst sofort zu Howard fahren und dem armen Kerl das Herz brechen, und dann geht’s weiter nach Brisbane. Ich werde versuchen, dir eine Stunde Vorsprung zu verschaffen, bevor deine Mutter merkt, dass du weg bist.« Felix tat, als schlottere er am ganzen Leib. »Ruf mich an, sobald du morgen über der Grenze und in Queensland bist. Bis dahin habe ich alles Weitere organisiert.«

Er richtete sich auf, zog Vivienne auf die Füße und drückte ihre kalten Hände. »Bist du dir wirklich sicher, mein Mädchen?«

Sie war sich noch nie in ihrem Leben so sicher gewesen.

Kapitel 3

Spätes Check-in

Juni 1958

Atherton Tablelands

Die Dunkelheit hatte den Roadster eingeholt. Die Straße führte in eine nebelverhangene, üppig bewaldete Region hinauf, wo der Ruf von Wippflötern durch die kühle Bergluft schallte.

Ganz oben auf dieser scheinbar endlosen Straße würde Vivienne erneut eine Schranke passieren und danach das Gaspedal durchtreten, bis sie ihren Zufluchtsort erreicht hätte. Dort würde sie bleiben, bis der Zorn ihrer Mutter verraucht wäre und ihre eigene tiefe Scham überwunden. Eins von beiden würde ja hoffentlich eintreten.

Sie kurvte um einen Vorsprung in der Felswand und sah die obere Schranke endlich vor sich. Eine Reihe Fahrzeuge wartete gegenüber mit eingeschalteten Scheinwerfern darauf, talwärts fahren zu können.

Vivienne nahm den Fuß vom Gas, als sie sich dem Wärter an der Schranke näherte, und setzte ein geübt freundliches Gesicht auf.

Gleich geschafft.

Doch der Wärter trat vor die Motorhaube, schlug sein Notizbuch auf und trug ihr Kennzeichen ein. Ihr Herz hämmerte wie wild, als er ihr bedeutete, das Fenster herunterzukurbeln.

O mein Gott, was will er denn?

Vivienne zupfte ihren Rock bis zu den Knien und straffte die Schultern. Der Wärter beugte sich herunter und warf einen Blick ins Innere des Cabrios. In dem Wachhäuschen hinter ihm lief im Radio »Catch a Falling Star« von Perry Como.

Vivienne schluckte kräftig, während sie den Oberkörper so weit wie möglich in den Schatten drückte.

»'n Abend«, sagte der Mann.

»Guten Abend, Sir.«

»Sie sind als Letzte heraufgefahren.«

Und um ihr das zu sagen, hatte er sie angehalten?

Die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf: Die Höflichkeit verbietet es, Verärgerung zu zeigen. »Sieht ganz so aus.«

»Hatten Sie unterwegs irgendwelche Probleme?«

»Nicht die geringsten, danke.«

»Haben sich aber Zeit gelassen. Alle diese Leute haben nur auf Sie gewartet. Ich wollte schon meinen jungen Kollegen runterschicken, damit er Ihnen hilft, falls der Motor überhitzt hat. Ihr Frauen am Steuer!«

Die glänzende Oberfläche lässt den Pfeil abprallen. »Das tut mir leid.«

Der Wärter wippte auf den Fersen. »Hab Sie hier noch nie gesehen. Das wüsste ich.«

»Ich will Angehörige besuchen«, schwindelte sie. An ihrem Ziel wartete niemand auf sie, am allerwenigsten Angehörige.

Er stieß einen leisen Pfiff aus. »Hier oben in den Bergen kriegen wir nicht oft so ein Luxuskätzchen zu sehen.«

Vivienne streckte schon empört die Hand aus, um das Fenster wieder hochzudrehen, als ihr klar wurde, dass er gar nicht sie, sondern das Auto meinte. Er tätschelte nämlich das Faltdach und rief über die Schulter:

»He, Bob! Komm her und sieh dir diesen Roadster an!«

Eine massige Gestalt trat in den Scheinwerferkegel.

Vivienne blinzelte die Tränen fort, ihr Atem ging schneller. »Sie müssen mich jetzt wirklich entschuldigen. Ich werde zum Abendessen erwartet.«

Der Mann nagte an seiner Unterlippe. »Woher kommen Sie, haben Sie gesagt?«, fragte er, den Blick auf sie geheftet.

Sie rutschte ein Stückchen tiefer und hob die Schultern.

Der Wärter starrte sie an.

Lassen Sie mich einfach gehen – bitte!

Ein Hupen in der Reihe der wartenden Fahrzeuge unterbrach seine Gedankengänge. Er brummte mürrisch, richtete sich auf und gab dem Autodach einen letzten liebevollen Klaps.

»Hier sind eine Menge wilde Tiere unterwegs, Ma’am, fahren Sie vorsichtig. Wir wollen doch nicht, dass ein großes Känguru so ein Hollywood-Auto verbeult, nicht wahr?«

Er trat zur Seite, sodass der Roadster weiterschnurren konnte. Vivienne blickte starr geradeaus, das Kinn in die Höhe gereckt, die zitternden Hände am Lenkrad, und fuhr an.

Im Rückspiegel sah sie die Rücklichter der anderen Fahrzeuge nacheinander langsam um die erste dieser unzähligen Kehren verschwinden. Jetzt war sie für mindestens ein paar Stunden vor etwaigen Verfolgern sicher.

Und niemand außer Felix wusste, wo sie sich versteckt halten würde.

Vivienne hatte keine Gelegenheit gehabt, mit Howard zu sprechen. Als sie in Rose Bay ankam, war er nicht zu Hause gewesen. »Er ist zum Feiern ausgegangen«, hatte Wilma, seine Haushälterin, ihr mit einem Ausdruck tiefsten Missfallens mitgeteilt, denn Vivienne hatte es gewagt, am Abend vor ihrer Trauung aufzutauchen.

Wilma hatte sie nicht hereingebeten, um auf Howie zu warten, ihr aber einen Schreibblock mit Monogramm der Woollcotts gebracht, damit sie ihm eine Nachricht hinterlassen konnte. Mit knapperen Worten war wohl noch nie eine Verlobung aufgelöst worden …

Ich kann dich nicht heiraten, Howie. Ich weiß, dass du spürst, wie ich mich in den letzten Monaten verändert habe, auch wenn du es dir nicht eingestehen willst. Ich bin nicht die richtige Frau für dich. Ich würde uns beide nur unglücklich machen und den Namen Woollcott besudeln. Was ich tue, ist erbärmlich und feige, aber es wird uns beide vor einer Katastrophe bewahren. Und bitte sag, dass du mir verzeihst …

Sie fragte sich, ob Wilma mit dem Öffnen des gefalteten Blatts überhaupt so lange warten würde, bis der Roadster aus der Einfahrt gedonnert war.

Seitdem kam es Vivienne so vor, als würde sie von Bluthunden verfolgt. Selbst nach drei Tagen und fünfzehnhundert Meilen Entfernung hatte das kribbelnde Gefühl, erbarmungslos gejagt zu werden, nicht nachgelassen.

Vivienne steuerte den Sportwagen rasant eine kurvenreiche unbefestigte Straße hinauf und wieder hinunter, über schmale Flussbrücken, an erleuchteten fernen Farmen vorbei. Einmal musste sie sogar einem Känguru ausweichen, das im Licht der Scheinwerfer plötzlich mit großen Sätzen die Fahrbahn querte.

Wo war nur dieses Barrington Downs, von dem Felix gesprochen hatte? Hatte sie sich verfahren? Oder hatte er vielleicht Barrington Tops nahe Sydney gemeint, und sie hatte ihn einfach falsch verstanden?

Das Telefonat mit ihrem Onkel, den sie Stunden nach dem ausgefallenen Hochzeitsfrühstück von einem an der Straße gelegenen Hotel in Brisbane angerufen hatte, war das schlimmste ihres Lebens gewesen. Zum Glück hatte sie ihn zu Hause erreicht. Ihr war fast das Herz stehen geblieben, als er abgenommen hatte.

Felix hörte sich ihre schluchzenden Selbstvorwürfe eine Weile an und brachte sie dann mit einem trägen verhaltenen Lachen zum Schweigen. »Du bereust es doch nicht, oder?«

Nein, sie bereute es nicht. Sie schämte sich zutiefst, war jedoch entschlossen, die Sache durchzuziehen. Der beste Beweis dafür war, dass sie sich weder nach ihrer Mutter noch nach Howard erkundigte und schon gar nicht nach den Reaktionen auf die abgesagten Feierlichkeiten. Auch wenn sich Fragen über Fragen in ihrem Kopf drängten – Sind sie schrecklich wütend auf mich? Werden sie mir jemals verzeihen können? Werden sie kommen und mich nach Hause zerren? –, so formulierte sie nur eine einzige: »Was hast du für mich gefunden?«

Seine Antwort schockierte sie so sehr, dass es ihr die Sprache verschlug: die Atherton Tablelands? Ein hügeliges Hinterland im äußersten tropischen Norden des Landes, eine Region, die nur für Zinnabbau, Holzfällerei, Landwirtschaft und Kühe bekannt war? Konnte das ein Ort für ein waschechtes Stadtkind wie Vivienne George sein?

»Sei froh, dass ich dir das anbieten kann«, sagte Felix. »Ich musste meine Beziehungen spielen lassen.«

»Du ahnst nicht, wie dankbar ich dir bin … Wie soll ich das je wiedergutmachen?«

»Mach dir deswegen keine Gedanken, mein Mädchen. Ich bin doch für dich da. Hör zu, du fährst in die Berge nach Barrington Downs, einem kleinen, abseits gelegenen Milchbauerndorf. Dort habe ich eine im Regenwald versteckte Lodge an einem See für dich gefunden. Sie ist auf keiner Karte verzeichnet, es gibt keine Nachbarn, und sie ist nur über eine einzige schmale Schotterpiste erreichbar.«

»Klingt verlockend«, log sie. Aber schließlich brauchte sie ja nur einen Ort zum Nachdenken, bis sie wusste, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte.

»Die Schlüssel findest du in Barrington«, sagte Felix. »Niall Jeffries aus dem Gemischtwarenladen an der Main Street wird sie für dich unter die Fußmatte seines Ladens legen. Er ist der Verwalter der Lodge.«

»Er legt die Schlüssel einfach unter die Fußmatte?«

»Auf dem Land haben die Menschen noch Vertrauen zueinander. Niall wird dir auch einen Korb mit Lebensmitteln hinstellen. Die sollten für ein paar Tage reichen. Weißt du was? Er soll dir wöchentlich welche liefern, dann musst du nicht zum Einkaufen in die Stadt. Ich kümmere mich darum.«

Felix schien an alles gedacht zu haben. Am meisten jedoch beschäftigte sie die Frage, wie lange sie in ihrem Versteck bleiben könnte, bevor sie nach Hause zurückkehren und Rede und Antwort stehen musste.

»Wer weiß sonst noch, dass ich dort bin?«

»Außer mir nur Niall. Er sieht seit vielen Jahren nach dem Rechten in der Lodge, er versteht unseren Wunsch nach Diskretion nur zu gut. Niemand wird dich dort finden, versprochen.«

»Das ist ein echter Glücksfall. Und wie hast du die Lodge gefunden?«

»Oh, das ist eine lange Geschichte. Ein alter Freund von mir, der heute in Übersee lebt, hat sie vor dem Krieg gebaut. Rudy Meyer heißt er …«

»Doch nicht etwa der Musical-Rudy-Meyer?«

»Doch, genau der. Wer so gern singt wie du, ist natürlich mit dem Namen vertraut.«

»Woher kennt ihr euch?«, fragte sie verwundert, obwohl sie eigentlich nicht überrascht sein sollte – Felix Brinsleys Beziehungen reichten weit und in alle Gesellschaftsschichten.

»Rudy hat mich während des Kriegs in seine Lodge eingeladen. Damals hat er die in der Region stationierten australischen und amerikanischen Truppen mit Theaterstücken unterhalten.«

Vivienne erinnerte sich vage, davon gehört zu haben. »Ist die Lodge so etwas wie eine Attraktion? Ich möchte nicht an einem Ort wohnen, der Schaulustige anlockt.«

»Schaulustige? Da gibt es weit und breit überhaupt nichts. In den letzten zehn Jahren hat meines Wissens niemand dort gewohnt. Es rankt sich eine Geschichte um den Ort, deshalb wird er von den einfältigen Einheimischen gemieden.«

»Was für eine Geschichte?«

»Das ist unwichtig, Vivienne. Für dich und deine Zwecke ist die Lodge genau richtig.«

»Eine verlassene Bruchbude im Urwald.«

Felix musste lachen. »Du wolltest doch untertauchen! Das kannst du jetzt.«

Vivienne fand das Städtchen Barrington Downs genau dort, wo Felix gesagt hatte, und es war so hinterwäldlerisch, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ein brummender Pub, eine Milchbar, aus der Jazzklänge drangen, und sonst nur leere Straßen. Der kleine Laden an der Ecke war geschlossen, aber auf der Veranda stand ein mit einer Schleife verzierter Korb mit Grundnahrungsmitteln. Auch der Schlüssel lag an der beschriebenen Stelle. Vivienne sah keine Menschenseele, als sie aus dem Auto schlüpfte und alles einlud, und war dankbar dafür.

Minuten später hatte sie den Staub schon wieder von den Füßen geschüttelt und ließ Barrington Downs hinter sich.

Und wo ist jetzt diese Lodge? Angeblich lag sie versteckt im Regenwald, aber im letzten Tageslicht sah sie nichts außer endlosem hügeligem Land und Stacheldrahtzäunen. War der Wald gerodet worden, um Platz für Viehweiden zu schaffen? Als sie über eine weitere Hügelkuppe schoss und etwas Weißes, Massiges erblickte, schrie sie unwillkürlich auf. Aber es war nur eine Kuh, die über die Weide trottete.

Endlich begann auf der rechten Seite, parallel zu den Zäunen auf der Linken, sich dichter Regenwald zu erstrecken.

Vivienne hätte die Abzweigung beinah verpasst. Kein Schild wies darauf hin; urplötzlich tat sich eine schmale Bresche zwischen den Bäumen auf, und eine steinige Piste führte in den Wald hinein.

Sie hielt unwillkürlich den Atem an, als das Auto über den Schotterpfad holperte. Zweige klatschten gegen das Blech; die Schlaglöcher waren teilweise so tief, dass die Räder komplett hineinpassten. Durch das dichte Laubdach drang kein Mondlicht.

»Das ist ja grauenvoll!«, murmelte sie vor sich hin.

Die Lodge tauchte wie aus dem Nichts auf, tiefschwarze Umrisse in der Nacht. Vivienne erahnte das dreistöckige Holzhaus mehr, als dass sie es wirklich sah. Das steile Dach schien sich nach den Bäumen strecken zu wollen, die sich über ihm wölbten.

Der Roadster kam zum Stehen. Vivienne spähte durch die Windschutzscheibe zu den Balkonen hinauf. Nirgends brannte Licht, es gab keinen Pagen, der ihr mit dem spärlichen Gepäck geholfen, keinen Empfangschef, der ihr einen angenehmen Aufenthalt gewünscht hätte.

Als sie die Autotür öffnete, geriet sie in einen Hinterhalt aus Geräuschen. Durchdringende nächtliche Schreie und Rascheln im Unterholz, das plumpe Tapsen eines Säugetiers. Irgendwo in der Nähe rauschte Wasser.

Stolpernd schleppte Vivienne Koffer und Korb die Treppe hinauf. Als sie die Veranda erreichte, hüpfte ein Tier – eine übergroße Ratte oder ein Miniaturkänguru – an ihr vorbei. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und blieb stocksteif stehen, während das Wesen ins Dickicht flüchtete. Das Knacken und Krachen der Zweige wurde in dieser von Urwaldriesen gesäumten Lichtung um ein Vielfaches verstärkt.

»Sylvan Mist« stand auf einem geschnitzten Holzschild über dem Eingang. Vivienne schob den Schlüssel ins Schloss. Sie musste ihn kräftig herumdrehen, bevor die Tür ihren Widerstand aufgab. Drinnen wurde sie von einem scharfen Modergeruch empfangen. Sie tastete nach dem Lichtschalter und wartete mit angehaltenem Atem darauf, dass die Wandleuchten angingen.

Schwaches gelbliches Licht sickerte in die Eingangshalle, von der eine elegante Treppe nach oben führte. Das Tropenholz schien das Licht regelrecht aufzusaugen, und der finstere Wald, der jenseits der vielen mit Lamellenläden geschlossenen Fenster lauerte, verstärkte das Halbdunkel noch.

Rechts zweigte ein Gang zur Küche ab. Vivienne folgte ihm und wuchtete ihren Korb auf die Kochinsel, über der Töpfe und Pfannen hingen. Zum Auspacken war sie schlicht zu müde. Sie wollte sich nur noch hinlegen.

Auf der Suche nach einem Schlafzimmer verfolgte sie der Gestank von Fäule ebenso wie das beunruhigende Gefühl, die kahlen Fenster würden ihr entgegenstarren. Ihre von den Scheiben gespiegelte blasse, schmale, gespenstische Erscheinung war mehr, als sie ertragen konnte.

Während sie langsam umherging, fielen ihr die vielen Taschenlampen auf, die in überall herumlagen. In der Eingangshalle lagen einige auf dem Ascherberg-Piano, zwei weitere auf der eichenen Grammophontruhe, und eine dritte lehnte an einer prächtigen Pfauenfedervase. Fiel hier regelmäßig der Strom aus? Und was konnte schon da draußen sein, wovor sie sich im Dunkeln zu fürchten hatte?

Ein banges Gefühl legte sich wie ein Eisenreif um ihre Stirn.

Eine Hand auf dem Geländer, ging sie die Treppe hinauf tiefer in die Lodge hinein. Ihr Verlobungsring kratzte über das Holz. Sie riss die Hand zurück.

Eine Bibliothek voller wohlriechender, schwerer Bücher nahm fast den gesamten oberen Stock ein. Normalerweise hätte sie sich vermutlich über diese Entdeckung gefreut. Aber hier fühlte sich gar nichts normal an.

Auch hier oben starrte der Wald durch die Fenster herein. Der verzierte Kamin und der türkische Teppich wirkten fehl am Platz in dem feuchten Mief. Seufzend verließ Vivienne das Zimmer. Kein einziges Fenster hatte Vorhänge. Sie war dem Wald schutzlos ausgeliefert – ein ängstliches kleines Wesen in einem Glaskasten. Vielleicht ergaben die vielen Taschenlampen doch einen Sinn.

Im obersten Stock befand sich ein großes Schlafzimmer. Dankbar blieb sie einen Augenblick vor dem Himmelbett stehen: Es hatte Vorhänge. Wenigstens ein Ort, an dem sie sicher war vor dem gaffenden Wald.

Sie schälte sich aus ihrem zerknitterten Reisekostüm, das sie einfach auf dem Boden liegen ließ, wusch sich und schlüpfte in ihren Pyjama. Wozu sollte sie das Kostüm auf einen Bügel hängen und im Badezimmerdampf glätten? Ihre lange Reise war zu Ende, und sie hatte nicht die Absicht zurückzukehren.

Auf ihre Gesichtspflege verzichtete sie, sie war viel zu abgekämpft. Ihren Kosmetikkoffer ließ sie auf dem Frisiertisch stehen, huschte in die Küche hinunter, schnappte sich das erstbeste stoffumwickelte Päckchen aus dem Korb, lief wieder nach oben und verkroch sich in das schützende Himmelbett. Den Rest würde sie morgen auspacken.

Vivienne hatte mit einem schlichten Sandwich gerechnet, doch stattdessen wickelte sie handgemachten Käse aus. Absolut kein Abendessen für Vivienne George, die schon sehr früh gelehrt worden war, einen großen Bogen um fettreiche Milchprodukte zu machen. Eine Frau muss rank und schlank sein.

Sie schnupperte an dem Käse. Wie er duftete! Sie probierte. Er war dezent im Geschmack und so cremig, dass er ihr auf der Zunge zerging. Fröstelnd saß sie im Dunkeln und verputzte das ganze Stück.

Kapitel 4

Star light, star bright

Juni 1958

Barrington Downs

In einem schiefen kleinen Farmhaus inmitten sanfter grüner Hügel erwachte eine junge Frau, um vom Starruhm zu träumen.

Josephine Monash hatte das ganze unerträglich lange Wochenende dem Montag entgegengefiebert, weil an diesem Tag, der so unendlich langsam heraufdämmerte, die Theaterkritiken in der Tablelands Sun erscheinen würden. Josie Monashs Inszenierung von Nora oder Ein Puppenheim würde von keinem Geringeren als dem renommierten Kritiker Hugo Bernard besprochen werden, der das ferne Sydney verlassen hatte, um sich das regionale Theaterangebot anzusehen. Josies ganze Hoffnungen und Träume ruhten auf diesem einen Mann, diesem einen Tag und dieser einen hoffentlich wohlwollenden Rezension.

Sie wollte in Barrington am Zeitschriftenladen sein, wenn dieser öffnete. Hätte ihr Vater es erlaubt, hätte sie mit Freuden die Nacht vor dem Laden campiert, um nur ja gleich die Erste zu sein. Es war nie ihre Stärke gewesen, ein Nein zu akzeptieren, deshalb war sie auch stolz darauf, dass sie das Wochenende durchgehalten hatte, auch wenn sie dafür ihre ganze Geduld – und das war nicht besonders viel – hatte zusammennehmen müssen.

Bevor sie in die Stadt bretterte, musste Josie erst noch das Haus putzen, ihrem Vater bei seiner Rückkehr vom Melken honiggesüßten Porridge servieren und belegte Brote für ihre drei älteren Brüder Reg, Ernest und Owen zubereiten. Verärgert über die Verzögerung, widmete sie sich mürrisch den Broten, schnitt sie in Dreiecke und stopfte das Corned Beef ohne das Relish, das sie alle so gern mochten, hinein. Dann wickelte sie die Sandwiches in Wachspapier.

Sie hätte das alles auch Regs junger Frau Daphne überlassen können, die jetzt ebenfalls in dem übervollen Haus wohnte, aber Josie delegierte grundsätzlich keine Aufgaben an ihre Schwägerin. Daphne musste nicht erst ermutigt werden, die beleidigte Märtyrerin in einem Haushalt zu spielen, in dem Josie sie nie hatte haben wollen. Je eher Reg mit dem Bau seines eigenen Hauses fertig war – sofern er irgendwann einmal damit anfing – und mit Daphne dort einzog, desto besser. Josie ließ keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen. Sie fragte sich oft, warum Reg das Haus nicht einfach nur für Daphne baute und sie dann allein dort einquartierte.

Josie hatte sich immer gewünscht, dass ihre Brüder, wenn schon nicht Jungs, dann wenigstens Junggesellen blieben. Auch wenn sie es manchmal anstrengend fand, anstelle ihrer längst verstorbenen Mutter für vier Männer zu sorgen, würde sie ihren Platz niemals für eine andere Frau räumen. Und schon gar nicht für Daphne West, diese Klette. Attraktiv war sie ja, aber sie trug viel zu kurz nach der Hochzeit schon einen riesigen Bauch zur Schau und stellte schlicht einen Störfaktor in Josies Idylle dar.

Josie wusste, wo ihr Platz in der Welt war: mitten im Zentrum. Ihre Brüder verspotteten sie oft als größenwahnsinnig. Doch das störte sie nicht – sie dirigierte fröhlich ihre Männer zu Hause, ihre lustige Truppe von Laienschauspielern und scheinbar auch den Rest der Stadt.

Sie versäumte es nicht, einen selbst gebackenen Keks und einen handgeschriebenen Witz in die Lunchtüten ihrer Brüder zu packen. Daphne konnte vielleicht demonstrativ seufzend Butterbrote in Dreiecke schneiden, aber Sinn für Humor hatte sie nicht. Josie kritzelte ihren Namen auf jeden Zettel, damit ihre Brüder nicht vergaßen, wer hier seit jeher für gute Laune sorgte.

Die rechtmäßige Ordnung wurde also aufrechterhalten, und Josie lief ins Bad, um zu duschen. Aufgeregt pfeifend, schlüpfte sie in ihr Lieblingskleid, fuchsiarot mit U-Boot-Ausschnitt; es war das einzige, das sich für einen Ausflug in die Stadt eignete. Um den Hals, verborgen unter dem Stoff, trug sie das kunstvoll gearbeitete herzförmige Goldmedaillon ihrer Mutter.

So lange Josie zurückdenken konnte, lag das Schmuckstück auf dem Nachttisch ihres Vaters, und als sie es mit ihren klebrigen kleinen Fingern erreichen konnte, stibitzte sie es heimlich, um damit zu spielen. Seit einigen Jahren war aus dieser schamlosen Aneignung so etwas wie ein Spiel geworden, aber aus Respekt für ihren trauernden Vater legte sie die Halskette abends immer an ihren Platz auf seinem Nachttisch zurück.

Der Ford-Coupé-Pick-up rumpelte die lange, von Kiefern gesäumte Zufahrt zur Farm hinunter, vorbei am alten Monash-Farmhaus, das nur noch eine von hohem Gras halb überwucherte Wellblechruine mit einem hohen Steinkamin war. Hier berührte Josie jedes Mal ihr Medaillon, um Geister abzuwehren. Vor allem einen.

Als das alte Dach noch nicht eingestürzt und ihre Brüder noch klein waren, hatten sie Josie immer Angst gemacht mit ihrer Geschichte von dem langhaarigen Gespenst. Obwohl sie bis heute schworen, dass ihnen diese Erscheinung auf ihrem frühmorgendlichen Weg zum Melkstall gelegentlich immer noch begegnete, war Josie schon lange klar geworden, was wirklich dahintersteckte. Der Tod ihrer Mutter hatte die Jungs mehr traumatisiert, als es irgendein Dämon könnte, der sein Unwesen auf den Viehweiden trieb.

Dennoch hielt Josie jedes Mal, wenn sie an dem verfallenen Haus vorbeikam, unwillkürlich nach bestrumpften Beinen und rubinroten Hausschuhen Ausschau. Könnte es sein, dass sie die Spukgeschichten ihrer Brüder mit ihrem Lieblingsfilm aus Kindertagen, Der Zauberer von Oz, durcheinanderwürfelte? O ja, keine Frage. Es gab fast nichts, das Josie nicht noch dramatischer ausgestalten könnte.

Das Auto holperte über das Viehgitter und durch das idyllisch grüne, sanft hügelige Land, über dem vulkanische Aschekegel thronten, weiter nach Barrington. Es war Gottes eigenes Land, so nah am Himmel, dass sie oft in den Wolken zu leben schienen. Und obwohl es offiziell Winter war, hatte bisher die gelegentliche Strickjacke ausgereicht.

Josie stellte den Wagen auf der Main Street ab, die um eine große Verkehrsinsel herumführte und von farbenfrohen Ladenfronten gesäumt wurde. Die Häuser im Cottage-Stil wurden mit ihren Veranden von mehrjährigen Pflanzen in Hängekörben geschmückt. In jedem Garten blühten tropische, großblättrige Blumen in leuchtenden Rot- und Pink- und Orangetönen. Pastellfarbener Fahnenschmuck zog sich an der Straße entlang.

Werbeplakate für Illustrierte und Zeitungen hingen an der Veranda des Zeitschriftenladens. In dieser Woche war auf fast allen Titelbildern eine vor Mutterglück und unleugbarer Schönheit strahlende Fürstin Gracia Patricia mit ihrem Baby Albert zu sehen.

Josie blieb einen Augenblick stehen und betrachtete die platinblonde Makellosigkeit der Fürstin, die sich so sehr von ihrem eigenen glänzenden mahagonibraunen Pferdeschwanz und dem dicken Pony unterschied. Verglichen mit der Fürstin, war Josie eine Audrey Hepburn vom Lande. Ihre braunen Augen, die auch ohne Mascara ausdrucksstark waren, hatten nie neckisch geflattert – sie blitzten offen und ehrlich. Angesichts der auf Nase und Wangen großzügig verteilten Sommersprossen war es sinnlos, Parallelen zwischen ihrer und der Alabasterhaut der Fürstin zu ziehen. Die Kombination aus sommersprossigem Gesicht, hypermobilen Brauen, einem Lächeln, bei dem sich die Nase kräuselte, und der kleinen, zierlichen Figur verlieh ihr etwas Puppenhaftes. Josie sorgte schon dafür, dass niemand auf die Idee kam, sie so herablassend zu beschreiben.

Da sie nicht hergekommen war, um die Fürstin anzuhimmeln, sondern ihren eigenen großen Moment im Rampenlicht zu genießen, betrat sie mit vor Vorfreude geschwellter Brust den Laden.

Bei ihrem Anblick wischte der Mann hinter der Ladentheke, der chronisch nervöse Clarence Reece, schnell mit dem Taschentuch über seinen glänzenden, kuppelförmigen Glatzkopf. Und dann fing er zu quasseln an. Clarence war zwar ein liebenswerter Mensch, neigte aber dazu, einem in den Ohren zu liegen, und irgendwann konnte man sein hektisches Gefasel nicht mehr ertragen. Trotzdem war Josie stolz auf ihn, weil er den Platz hinter der Ladentheke nicht mit seiner Frau Elsie tauschte und ins Lager verschwand.

»Hast du es schon gelesen?«, fragte Josie und kramte eilig Kleingeld aus ihrem Handtäschchen.

»Hab ich … gleich als Erstes«, stieß Clarence abgehackt hervor. Sein weißes Taschentuch fuhr von der Schläfe zur Oberlippe.

»Nichts sagen!«, rief Josie. »Ich will es selbst lesen!« Sie hob ihren Stapel Zeitungen vom Ladentisch und wünschte, sie hätte das Geld, um sich weitere Ausgaben kaufen zu können.

»Dein Roman ist auch gekommen«, sagte Clarence und griff nach dem Titel von Mary Stewart unter der Ladentheke. Josie schnappte das Buch und wollte sich schon umdrehen, als Clarence’ gekränktes Stirnrunzeln sie daran erinnerte, dass sie nicht ihre gewohnte aufgeregte Freude gezeigt hatte.

»Danke, Clarence«, sagte sie und tätschelte seine Hand. »Darauf warte ich seit Monaten!« Sie beugte sich zu ihm, damit Elsie, die sich garantiert irgendwo hinten herumtrieb, nichts mitbekam. »Das Schaufenster sollte übrigens mal geputzt werden«, flüsterte sie. »Die ganze Scheibe ist mit Fingerabdrücken verschmiert.«

Clarence warf einen schnellen Blick Richtung Hinterzimmer. »Mach ich, danke, Josie.«

In diesem Moment tauchte Elsie Reece, die Lippen bereits grimmig für den Tag gespitzt, in der Tür zum Hinterzimmer auf, als wäre sie gerufen worden. Josie nannte sie im Stillen nur Yellsie, weil sie andauernd keifte. Der arme Clarence! Sie eilte hinaus, klopfte an die anstößige Fensterscheibe und winkte Clarence fröhlich zu.

Obwohl sie es kaum erwarten konnte, widerstand sie der Versuchung, sich einfach auf den Boden zu setzen und die Zeitungen rings um sich herum auszubreiten. Ihr Triumph würde umso süßer schmecken, je geduldiger sie darauf wartete.

Schnellen Schrittes lief sie die Main Street hinauf. Josie war zwar klein, konnte aber die größten Frauen locker abhängen – sie hatte doppelt so viel Energie wie die meisten und ging dreimal so schnell. Ihr ansteckendes Lachen, warm wie Sonnenschein, erfrischend wie der Wind, eilte ihr voraus, als sie jetzt ein Geschäft nach dem anderen betrat.

Zuerst steuerte sie Niall Jeffries’ Gemischtwarenladen an, um Zucker und Mehl zu besorgen. Niall, ein Mann mittleren Alters und ein Windbeutel, hatte die Rolle des Torvald Helmer in Josies letzter Theaterproduktion ergattert. Deshalb war ein Dankeschön das Mindeste, was er ihr an diesem Montagmorgen schuldete. Doch Niall war nicht da. Wahrscheinlich stolzierte er durch die Stadt, um Anerkennung einzuheimsen. Dafür brauchte es nicht einmal eine Rolle in einem Theaterstück.

Josie musste ihre Einkaufsliste seiner wunderschönen Verkäuferin Laura geben, die einem weder in die Augen schauen noch sich auf ein Gespräch einlassen wollte, so sehr Josie auch ihren Charme spielen lassen mochte.

Laura war ein frustrierendes Rätsel. Nachdem ihr nichtsnutziger Vater das Haus der Familie beim Glücksspiel verloren und sich kurz darauf zu Tode gesoffen hatte, hatte Niall der jungen Frau Arbeit und Unterkunft angeboten, und Laura hatte angenommen. Das war eine kluge Entscheidung gewesen, aber Laura eignete sich nicht für den Umgang mit Kunden, weil sie zu schüchtern war. Vor ein paar Monaten hatte sie sich, wohl auf Drängen ihres Arbeitgebers, Josies Theatergruppe angeschlossen. Vielleicht hoffte Niall, das werde ihr mehr Selbstvertrauen geben. Josie war zwar gut, Wunder konnte allerdings auch sie keine vollbringen.

Nach einer ziemlich einseitigen Unterhaltung verließ sie den Laden wieder, stocksauer, weil sich Laura nicht einmal nach der Theaterkritik erkundigt hatte.

Als Nächstes steckte sie den Kopf für eine schnelle Portion Tratsch aus der glamourösesten Quelle der Stadt in Peggy Wests Blumenladen. Hörte Josie besonders begierig zu, schenkte Peggy ihr manchmal eine voll erblühte Rose – heute jedoch nicht. Josie trat eilig den Rückzug an, als sie Peggys leuchtend kastanienroten Schopf über die Zeitung gebeugt sah. Mit ihren rot lackierten langen Fingernägeln fuhr sie Zeile für Zeile über die Seite. Josie hatte keine Lust, sich eine Zusammenfassung der Besprechung anzuhören, nicht einmal in Peggys eigenwilligen Worten. Sie wollte den Artikel zur Gänze selbst lesen und genießen.

Zurück auf der Main Street, machte sie ein böses Gesicht, als sie den vertrauten Bedford-OB-Bus entdeckte. Er parkte quer über mehrere Parkplätze hinweg vor der Butterfabrik und spie seine Passagiere aus.

»Wie oft habe ich Athol schon gesagt, er soll nicht alle Parkplätze mit Beschlag belegen?«, brummte sie vor sich hin und marschierte auf den Bus zu.

Athol Harford, der Reiseveranstalter, fuhr Barrington seit den Dreißigerjahren an. Sein Bus wurde nur Chook Chaser genannt – obwohl mit dem »Hühnerjäger« eigentlich Athol und nicht sein Vehikel gemeint war.

Der Mann hinter dem Steuer war mittleren Alters und trug eine Safariuniform samt Schulterklappen und Socken. Als er Josie erspähte, beugte sich Athol aus dem Fenster und wedelte mit seiner Zeitung. »Ist das zu fassen, Josie? Was sagt man denn dazu?«

Josie schwenkte hastig seitwärts. »Ich will es selbst lesen! Park gefälligst, wie es sich gehört!«

Sie überquerte die Verkehrsinsel und rief auf dem Weg zur anderen Straßenseite einem Freiwilligen, der gerade die höchst ungewöhnliche Stadtbücherei aufsperrte, ein fröhliches »Guten Morgen!« zu. Es war Josies Idee gewesen, den ehemaligen Luftschutzbunker, einen rechteckigen Betonklotz, in eine Selbstbedienungsbücherei mit ausschließlich gespendeten Büchern zu verwandeln. Die Stadt hatte sich mit überwältigender Mehrheit dafür und somit gegen eine öffentliche Toilettenanlage entschieden, die ebenfalls zur Diskussion gestanden hatte. Josie hatte den Verdacht, dass es sich bei den Büchereigegnern um Analphabeten und Leute mit Blasenschwäche handelte.

An dem einstmals kahlen, hässlichen Bunker rankten sich jetzt magentafarbene Bougainvilleas hinauf, üppige rosarote Keulenlilien schmückten den Eingang. Josie war Mitglied 001, wie auf ihrem Leihausweis zu lesen war. Außerdem hatte niemand so viele spannende Liebesromane gespendet wie sie.

Ihr letzter Anlaufpunkt war Rita Caracellas Antiquitätengeschäft, vor dem sie die Schaufensterauslage nach Schätzen absuchte und sich vergewisserte, dass Rita ihre Schreibmaschine nicht irgendeinem undankbaren Trottel verkauft hatte. Josie sparte sich seit Monaten jeden Penny vom Mund ab, um sich die korallenrote Smith-Corona Silent Super kaufen zu können. Eines Tages würde ihr Traum in Erfüllung gehen, und sie würde ihre Bühnenstücke auf genau dieser Maschine tippen.

Aber jedes Mal, wenn sie dachte, sie habe genug zusammen, musste irgendeine dringende Anschaffung für die Familie gemacht werden. Und dass sie ständig Romane kaufte, was sie vor sich selbst damit rechtfertigte, dass sie sie ja später spenden würde, riss ebenfalls ein Loch in ihre Finanzen. So viele Menschen, die sie liebte, waren von Josie abhängig, wie konnte sie da Geld für etwas so Überflüssiges wie eine Schreibmaschine ausgeben? Trotzdem pilgerte sie jede Woche hierher, hielt den Atem an und hoffte, einen Blick auf ihre Silent Super zu erhaschen.

Sie atmete wieder aus. Da war ihr korallenrotes Schätzchen. Geduldig wartete es auf seine zukünftige Besitzerin.

Der Anblick ihrer Smith-Corona war ein gutes Omen. Regelrecht beflügelt, lief Josie freudestrahlend zum Café. Eine gute Rezension zu bekommen, genügte nicht, man musste beim Lesen gesehen werden, und Josie wusste, dass montagmorgens das ganze Café voller Farmersfrauen und anderer nützlicher Nachrichtenverbreiter sein würde.

Als sie sich zwischen den vollen Tischen hindurchschlängelte, bewunderte sie ihr Kleid und ihre flotte Erscheinung in den verzierten Wandspiegeln. Von allen Seiten wurde sie gegrüßt, alle hatten sie hereinkommen sehen. Ihre Nase kam mit dem Kräuseln kaum nach, so breit und anhaltend lächelte sie. Sie steuerte auf einen Tisch am Fenster zu, in der gleißenden Morgensonne, wo sie aufgeregt ihre Zeitung ausbreitete.

Jetzt war Josie bereit für die kritische Besprechung, dieses Festmahl für die Augen, auf das sie sich das ganze Wochenende gefreut hatte. Mit zitternden Händen sortierte sie den politischen Teil und die Gesellschaftsnachrichten aus und wandte sich dem Kulturteil zu. Sorgfältig überflog sie auf der Suche nach Hugo Bernards Verfasserzeile Spalte für Spalte.

Etwa in der Mitte der Seite legte sie eine Vollbremsung hin.

LOKALESTALENTAUFNATIONALERBÜHNE lautete die Artikelüberschrift. Darunter die kleine Porträtaufnahme eines honigblonden selbstbewusst lächelnden jungen Mannes. Es war ein hübsches, vertrautes Gesicht, das in Barrington sehr beliebt war.

Miles Henry.

Josie blickte sich verstohlen um und berührte dann mit den Fingerspitzen das Foto. Verdammt, er sah sogar noch besser aus als vor fünf Jahren, als sie gemeinsam ihren Abschluss auf der Barrington Highschool gemacht hatten. Der spitzbübische, heitere Ausdruck seiner leicht schräg stehenden gelbbraunen Augen war noch ausgeprägter, die markanten dunklen Brauen besser gepflegt; Züge, wie geschaffen, um Witz und Komik rüberzubringen. Das war es, was sein Publikum – vor allem das schöne Geschlecht – so an Miles liebte: seinen mit bissigem Humor veredelten Charme des Jungen vom Lande. Josie amüsierte sich köstlich darüber, dass sein Talent zum Blödsinnmachen, das ihm früher so viel Ärger vom Schulleiter eingebracht hatte, ihm heute zu Lob und Anerkennung verhalf.

Die Glocke über der Eingangstür bimmelte, und Josie riss hastig ihre Hand von dem Foto zurück und legte sie schuldbewusst in den Schoß. In ihrem Herzen regte sich etwas, als sie den Begleitartikel las.

Zum einen verspürte sie Sehnsucht nach dem frechen Freund aus Kindertagen, der auf einer Nachbarfarm aufgewachsen und mit ihr auf Mr Henrys Milchwagen – den »Milchbus« hatten sie ihn genannt – zur Schule gefahren war. Bei mehreren Theateraufführungen der Barrington High war er ganz groß herausgekommen, in Josie hatte er aber nie etwas anderes als einen Kumpel gesehen.

Zum anderen beneidete sie ihn um das Leben und die Chancen, die sie niemals haben würde. Nach der Highschool hatte Miles – finanziert von seinen stolzen Eltern – eine renommierte Schauspielschule in Sydney besucht und danach große Erfolge auf der Bühne gefeiert. Zuletzt hatte er eine Hauptrolle in Gumtree Gully gespielt, in einem alten Theater, vor ausverkauftem Haus und von den Kritikern hochgelobt.

Josie und Miles hatten bei vielen Produktionen des Theaterclubs zusammengearbeitet – oder besser gesagt, miteinander konkurriert. Das Theater war ihrer beider Leidenschaft, aber während Miles den nächsten Schritt getan und die Schauspielerei zu seinem Leben gemacht hatte, saß Josie immer noch hier, im bescheidenen kleinen Barrington, wo sie Kühe melkte und versuchte, auch den letzten Tropfen aus ihrer Begabung für das Laientheater herauszupressen. Ob Miles Henry sie mitleidig belächeln würde, wenn er wüsste, dass sie nach einem dürftigen Artikel in ihrem lokalen Käseblatt lechzte, wo doch alle wussten, dass Rosa Henry Berichte über ihren Sohn aus großformatigen überregionalen Zeitungen ausschnitt?

Nein, so etwas würde Miles nie tun. Er war ein anständiger, liebenswerter Mensch und verehrte das Theater viel zu sehr, als dass er eifersüchtig darüber wachen würde – er gönnte jedem die gleiche Begeisterung dafür. Er war Josie nur ein Stück voraus, das war es. Zuerst einmal war er ein Mann, unbelastet und aus einer wohlhabenden Familie und obendrein gut aussehend. Es war nicht Miles’ Schuld, dass er so viel Glück hatte, und Josie gönnte es ihm.

Außerdem war es durchaus möglich, dass Rosa Henry beim Ausschneiden des heutigen Artikels aus der Tablelands Sun versehentlich Josies Theaterkritik mit ausschnitt und an ihre Feature-Wand heftete. Und dann, wenn Miles irgendwann zu Besuch kam, würde er von Josies sensationellen Erfolg lesen und in ihr endlich das sehen, was sie schon immer in sich gesehen hatte. Und dann würde er sie bitten – nein, er würde sie anflehen, nach Sydney zu kommen, damit alle Welt in den Genuss ihres Talents kam …

Josie tat nichts lieber, als ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Doch jetzt war es Zeit, sie zu zügeln, schließlich hatte sie Wichtigeres zu tun. Mit einem entschlossenen Nicken löste sie sich von dem Artikel über Miles und ließ ihren Blick weiterwandern. Sie hob die Hand und berührte ihren Talisman, das goldene Medaillon, unter dem fuchsiaroten Stoff ihres Kleids.

Da! Da war es. EINGRAUENVOLLESHAUS lautete die Überschrift von Hugo Bernards Rezension.

Clever, dachte Josie, obwohl sie nicht wusste, inwiefern das clever war, aber jede Kritik von Hugo Bernard galt als clever – das sagten alle, die Ahnung und Geschmack hatten.

Sie überflog den Artikel. Einige Sekunden lang weigerte sich ihr Gehirn, die Worte für ihr aufgeregt hüpfendes Herz zu erfassen und zu interpretieren.

Nein, Herz, das willst du nicht hören. Das ist gemein und beleidigend, und auch wenn das eine oder andere stimmt, solltest du das nicht hören.

Widerstrebend begann ihr Gehirn, den Sinn der Worte zu deuten.