Sonnenwind - Anna B. Schuster - E-Book

Sonnenwind E-Book

Anna B. Schuster

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Beschreibung

Jill steht kurz vor dem Abitur. Nicht nur beim Gedanken an ihre Zukunft hat sie tausend Fragezeichen im Kopf - sie ist auch auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst. Eines Tages rempelt sie im Shoppingcenter ein Mädchen an: Myra. Ein Zusammenstoß, der Jills Leben völlig auf den Kopf stellt. Wer will sie sein, wie will sie lieben? Schon bald werden ihre Gefühle auf die Probe gestellt. Eine Coming-of-Age-Geschichte über die Wirren der ersten großen Liebe an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Einem Engel gewidmet,

der das Fliegen verlernte.

Vielen Dank an Kim für ihre Kreativität und Unterstützung.

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

BLICK ZURÜCK

MERRY CHRISTMAS

HAPPY NEW YEAR

EXTRAVAGANTE POOL-PARTY

EMOTIONALER ZUSAMMENSTOSS

DER ANFANG DANACH

DAS ENDE DAVOR

HÜRDENLAUF

AUSSER KONTROLLE

DINNER ZU VIERT

EINERSEITS

ANDERSEITS

WARTESCHLEIFE

VEREINT

KONTINUIERLICH

VOLL VERPLANT

ANDERE WELT

SOMMER UND FREI

KEHRTWENDE

ZERSTÖRTE IDYLLE

TAUSEND TAGE

KARTEN NEU GEMISCHT

AUSGETAUSCHT

TANGIERT

ZUSAMMENSTOSS

HINDERNISPARCOURS

PRIORITÄT

ZURÜCKLASSEN

JAHRESWENDE

ALLES ANDERS

WILD UND FREI

EIN LETZTER AUGENBLICK

PROLOG

Es gibt in unserer Welt wenige Dinge, die gefährlich, aber auch so magisch sein können, wie der Sonnenwind – ein Strom geladener Teilchen, der von der Sonne aus ins All strömt. Dieser Schauer prallt auf die Erde, wird jedoch von ihrem Magnetfeld weitgehend abgehalten. Ist der Sonnenwind aber stark, dringen geladene Teilchen an den Polen der Erde in die höheren Schichten der Atmosphäre ein und rufen dort unglaubliche Spektakel hervor – die Polarlichter.

Wir Menschen gleichen dem Verhältnis von Sonnenwind und Erde. Wir lassen nur intensive Eindrücke an uns heran, vertrauen nur wenigen Menschen. Doch wenn wir es tun, wenn wir die richtigen Menschen durch unsere Schutzhülle lassen, können außergewöhnliche Dinge passieren.

BLICK ZURÜCK

Blinzelnd öffnete sie ihre Augen, um sie dann sofort zu schmalen Schlitzen zu verengen. Das grelle Licht stach entsetzlich.

»Wo bin ich?«, fragte sie sich. Ihr Rücken schmerzte. Sie wischte sich mit dem Handrücken die vom Schlaf feuchten Mundwinkel trocken und setzte sich auf. Da sah sie diesen Lenkdrachen am Himmel.

Ach. Schlagartig erinnerte sie sich, wie sie entschieden hatte, einen Spaziergang durchs Feld zu machen – das Wetter war perfekt dafür gewesen; windig, aber trotzdem hatte die Sonne geschienen.

Nun war nichts mehr davon zu erkennen. Dicke Wolken verdeckten die Sonne, die vor wenigen Minuten – oder waren es doch schon Stunden? – noch vom Himmel gestrahlt hatte. Sie wusste nicht, wie lange sie schon geschlafen hatte. Sie erinnerte sich auch nicht mehr daran, dass sie überhaupt an dem dicken Baumstamm eingeschlafen war.

Komisch, dachte sie, doch gleich darauf wurde ihr mit einem Blick gen Himmel etwas ganz anderes bewusst: es würde bald Regen geben. Sie beeilte sich aufzustehen. Der Wind zerzauste ihre ohnehin schon widerspenstigen, lockigen Haare. Sicherlich machte sich ihre Mutter schon Sorgen.

Schon nach wenigen Schritten fielen große Regentropfen vom Himmel. Anfangs zeichneten sie sich nur als dunkle Flecken auf dem staubigen Feldweg ab, aber schon bald streiften sie ihre Wangen und ihre Arme. Sie lief schneller. Bald hatte sie es geschafft.

»Jill Tennert! Was soll das?«

Jill hatte gerade die dunkle Wohnungstür aufgeschlossen und ihre vom Matsch dreckigen Schuhe ausgezogen.

»Ich habe mir echt Sorgen gemacht! Draußen kübelt es wie aus Eimern und du rennst schon wieder irgendwo herum. Wo warst du überhaupt?«

Ihre Mutter gestikulierte wild mit den Armen. Dabei wippten ihre hellen, lockigen Haare auf und ab, was in dieser Situation unwillkürlich komisch wirkte.

»Mum, entspann dich mal.« Jill bemühte sich gelassen zu bleiben. »Ich war bloß spazieren. Du sagst doch immer, ich soll mehr rausgehen.«

»Trotzdem möchte ich nicht, dass du dich bei so einem Wetter draußen herumtreibst«, ihre Stimme wurde leiser, »Du könntest dich erkälten.«

Sie beendete die Diskussion, indem sie Jill einfach im Flur stehen ließ. So war sie es von ihrer Mutter gewohnt. Kaum vertrat Jill ihren Standpunkt klar, so tat sie so, als habe es nie eine Auseinandersetzung gegeben. Manchmal glaubte Jill sogar, ihre Mutter habe wirklich vergessen, dass sie eben noch diskutiert hatten. Jill schüttelte den Kopf und folgte ihr in die Küche.

In dieser Nacht schreckte Jill aus einem Traum hoch. Benommen richtete sie sich im Bett auf. Es regnete noch immer. Sie schwang ihre Beine aus dem Bett, ging in wenigen Schritten ans Fenster und riss es auf. Sie atmete tief ein, während ihr die Tränen in die Augen stiegen. Das passierte ihr manchmal in solchen Momenten, weil sie nur dann darüber nachdenken konnte, wie sie sich eigentlich fühlte. Jedes Mal erschrak sie, welche Leere in ihr herrschte. Sie lehnte ihren Kopf an den Fensterrahmen, während sich ihr Blick draußen auf der Straße verlor. Keine Menschenseele war zu sehen. Lediglich viele kleine Wasserpfützen, die bei jedem Regentropfen, der auf ihre Oberfläche platschte, zu vibrieren begannen. Nach weiteren Atemzügen sank sie an die Wand links neben sich und rutschte daran hinunter. Fröstelnd zog sie ihre Beine an sich und schlang ihre Arme um ihre Mitte. So kauerte sie dort – in der Stille, der Dunkelheit. Komischerweise fühlte sie sich geborgen, weil alles um sie herum so war, wie sie innen drin. Jill legte den Kopf in den Nacken und wischte sich die Augen trocken.

Mein Gott ... Wie lang ist es her?, fragte sie sich, während sie sich daran erinnerte, dass sie auch einmal unbekümmerter gelebt hatte. Jetzt, als fast erwachsener Mensch, wünschte sie sich zurück in ihre frühe Kindheit. Damals war sie zufriedener gewesen – weniger nachdenklich.

Ja, daran liegt es, dachte sie sich im Stillen. Damals war sie ein glückliches Mädchen gewesen – so wie jedes andere Mädchen auch. Auch sie hatte mit Freunden gespielt, gelacht, manchmal sogar ihre Mutter um Nichtigkeiten belogen oder hatte das getan, was sie gerade nicht tun sollte. Alles war anders geworden. Sie war einsam. Sie war vereinsamt, während sie immer wieder in sich gekehrt war, um danach zu suchen, wonach letztendlich jeder suchte: einem Sinn. Hätte sie doch bloß nie damit angefangen. Mittlerweile hatte sie gelernt, wie sehr es einen so jungen Menschen verändern konnte, wenn er nach einem Sinn suchte. Einem Sinn, warum man lebte, warum Dinge passierten, die nicht hätten passieren sollen, warum diese Erde sich drehte, völlig unabhängig davon, was auf ihr geschah.

Selbst ihre Mutter merkte, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmte. Nachdem Jill ihr gestern Abend in die Küche gefolgt war und sich zum Abendessen an den Tisch gesetzt hatte, hatte ihre Mutter sie lange, durchdringend angeschaut; so als suche sie in Jills Augen eine Antwort auf das Verhalten ihrer Tochter, das sich in den vergangenen Monaten mehr und mehr verändert hatte. Natürlich hatte sie keine Ahnung, was Jill wirklich bewegte. Sie sah lediglich die Oberfläche dessen, was die Gefühle in Jill verursachte. Jill drückte sich langsam an der Wand nach oben.

Ich darf nicht schon wieder anfangen, über all das nachzudenken, dachte sie sich, während sie langsam zu ihrem Bett ging, sich hinlegte und die noch warme Decke über sich zog. Dann schlief sie, in ein Reich voller Träume sinkend, ein.

Am nächsten Tag wurde Jill von einer kalten Windböe geweckt, die durch das leicht geöffnete Fenster wehte.

»Mist, ich hätte noch schlafen können«, stöhnte sie mit einem kurzen Blick auf den Wecker, während sie die Bettdecke fröstelnd bis zu ihrem Kinn hochzog. Irgendwann sah sie ein, dass es sinnlos war, noch weiter im Bett liegen zu bleiben, stand auf, ging zu ihrem Kleiderschrank und zog sich an. Mürrisch betrachtete sie sich im Spiegel. Einerseits ihre braunen, leicht gelockten Haare, die jetzt nach dem Aufstehen noch widerspenstiger als sonst wirkten und ihr blasses Gesicht. Andererseits hatte sie schon immer ihre klaren, blauen Augen und ihre sportliche Figur gemocht. Verbissen versuchte sie ihre schulterlangen Haare wenigstens etwas zu bändigen, gab es dann jedoch auf. Sie schlüpfte in eine Jeans und einen Hoodie und schlich die Stufen zum Erdgeschoss hinunter. Unten stellte sie fest, dass ihre Mutter ohnehin bereits wach war. Sie saß beim Frühstück, starrte auf ihre Kaffeetasse und rührte darin herum.

»Was machst du denn schon hier?«

Ihre Mutter hob den Kopf und sah sie kurz irritiert an.

»Ich konnte nicht mehr schlafen ... Und du?«

»Geht mir genauso.«

Jill setzte sich auf ihren Stuhl am Esstisch und versank in Tagträumen.

Schweigend frühstückten sie und beide schienen darüber froh, kein Wort wechseln zu müssen. Nachdem sie fertig waren, stand Jill auf.

»Ist es wirklich schon so spät?« Sie warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Ihre Mutter schien sie gar nicht wahrzunehmen, so vertieft war sie in ihre Zeitung.

»Mum? Ich geh zur Schule.«

Jill griff nach ihrem Rucksack, hielt in der Bewegung inne und schaute ihre Mutter an. Die blätterte eine Zeitungsseite um und schaute kurz hoch.

»Tschüss!«

Auf dem Weg zur Schule holte sie Tina ab. Die beiden waren schon so lange befreundet, dass Jill die Jahre nicht einmal mehr zählte. Sie kannten sich in und auswendig, hatten beide miterlebt, wie sich der andere immer wieder verändert hatte, wie sie erwachsener geworden waren. Ihre Kindheit und Jugend hatten sie zusammen verbracht. Dennoch konnte Jill sagen, dass Tina sich in einem Punkt nie geändert hatte: Sie war stets das genaue Gegenteil von Jill gewesen – extrovertiert und selbstsicher. Manchmal glaubt sie, dass ihre Freundschaft gerade wegen dieses Gegensatzes so gut funktionierte.

Tina trug einen Rock und eine Bluse und hatte ihre Haare zu einem Dutt zusammengebunden. Ihre Lippen zierte ein roter Lippenstift. Sie begrüßte Jill mit einer kurzen Umarmung, um ihr dann kleinteilig von ihrem galaktischen Wochenende zu erzählen. Dabei sprach sie so schnell, dass sie manche Wörter verschluckte. Jill hörte nur mit einem Ohr zu.

Sie blickte sich lieber um. Betrachtete, wie eine alte Frau sich in einer Bäckerei an der Ecke Brötchen über die Theke reichen ließ. Und wie Herr Maier hastig sein Haus verließ – mit einem halb aufgegessenen Käsebrot in der einen, seiner Tasche in der anderen Hand.

Es gibt so viel zu sehen, dachte sie sich, doch keiner schaut hin. Keinen interessiert, was wirklich passiert. Keiner will wissen, was außerhalb seines kleinen Umkreises vor sich geht.

»Jill? Jill! Sag mal bist du wieder am Träumen? Hörst du mir überhaupt zu?«

»Sorry, ich war grade abgelenkt.« Jill spürte, wie sie rot wurde. Tina lächelte, machte eine abwehrende Handbewegung und sprach weiter von ihrem Wochenende.

In der Schule konnte Jill sich nicht für den Unterricht begeistern. Die meiste Zeit starrte sie aus dem Fenster und wurde erst wieder zurück in die Gegenwart gerissen, als Frau Müller sie ermahnte, sie solle doch endlich dem Physikunterricht folgen. Tina fing zu kichern an und stieß sie leicht in die Seite.

»Was denn?«, zischte Jill. Doch ehe Tina antworten konnte, ermahnte Frau Müller diesmal beide. Sie würde es nicht noch einmal dulden, dass sie den Unterricht störten.

Es dämmerte es bereits, als Jill ihre Hausaufgaben beendete. Nach der Schule war sie mit Tina nach Hause gelaufen. Die hatte sie mit der Frage gelöchert, warum sie so abwesend war, ließ sie dann aber in Ruhe.

So saß Jill jetzt da und fragte sich, was sie noch machen sollte. Ihre Mutter würde erst in der Nacht wieder nach Hause kommen – anders ließ es ihre Arbeit im Krankenhaus nicht zu und oft langweilte sich Jill deswegen abends. Aber gerade diese Zeit, die ihr allein blieb, hatte Jill zu schätzen gelernt. Kurz entschlossen zog sie ihre Jacke vom Haken der Garderobe und fischte nach ihren Hausschlüsseln. Wenige Sekunden später schlüpfte sie hinaus in die dunkle Nacht. Sie atmete die kalte Nachtluft tief ein, ehe sie loslief. Sie lief ziellos durch die Straßen bis sie fast den ganzen Ort durchquert hatte.

Sie erreichte schließlich den großen, grauen Gebäudeblock, der sich am Ende ihres Wohnorts befand. Ihm gegenüber lag eine saftig grüne Wiese – als wolle sie der Hässlichkeit des Betonklotzes und dem Herbst trotzen. Das Gebäude war derartig alt und hässlich, dass es kaum in die Stadt passte. Denndorf war ein verschlafenes und doch modernes Örtchen mit ein paar Tausend Einwohnern. Hier kannte jeder jeden und alles, was man sagte, tratschte sich sofort herum. Dieser große, graue Klotz passte einfach nicht hierher.

In vielen Fenstern des Blocks brannte noch Licht – trotz der ungemütlichen Jahreszeit und der späten Stunde. Eine Frau, die ihre Fenster putzte, ein Mann, der seine Pflanzen auf dem Balkon goss und ein weiterer, der mit einer Frau im Kerzenschein an einem Tisch auf seinem Balkon saß und dabei ihre Hand hielt.

Die Welt ist so schön, dachte Jill und ließ sich rückwärts ins Gras fallen. Sie blickte in den Sternenhimmel. Es wirkte fast so, als hätte jemand die kleinen, funkelnden Punkte einfach in den Himmel getupft. Jill fühlte sich von dem Anblick erdrückt und zugleich unendlich frei. Es war, als würde über ihr gar kein Himmel sein, sondern eine Wand, die sich unmittelbar vor ihr auftat. Wie so oft faszinierte sie der Anblick der Unendlichkeit und sie malte sich aus, welche Bedeutung die Menschen früher den Sternen, dem Mond und der in der Nacht hereinbrechenden Dunkelheit beigemessen hatten. Vielleicht lagen sie genau wie ich unter dem Himmelszelt und betrachteten es mit Ehrfurcht und Faszination, dachte sie, während sie versuchte bloß diesen Moment, dieses Bild, festzuhalten.

Irgendwann, nachdem Jill ihr Zeitgefühl längst verloren hatte, begann sie entsetzlich zu frieren. Inzwischen hatte das feuchte, kalte Gras auch ihre Kleidung nass werden lassen.

Die Frau, die vorhin noch ihre Fenster geputzt hatte, war schon längst fertig und es brannte nicht einmal mehr Licht in ihrer Wohnung. Auch das Paar saß nicht mehr auf dem Balkon. Es war längst in seiner Wohnung verschwunden und die Kerze auf dem Tisch war womöglich vor Stunden erloschen. Jill wandte sich zum Gehen. Schließlich wollte sie ihrer Mutter nicht schon wieder Sorgen bereiten.

Eiligen Schrittes lief sie nach Hause, steckte daheim angekommen den Schlüssel in das Schloss, stieß die Tür auf und schlüpfte wieder hinein in die Wärme, die sie sofort wie ein dicker Mantel umgab. Jill hatte Glück gehabt – ihre Mutter war noch nicht da. Sie legte sich nach einem kurzen Blick auf ihren Wecker, der ihr verriet, dass sie viel zu lange draußen gewesen war, in ihr Bett und schlief ein.

Als ihre Mutter nach Hause kam, sah sie Jills nasse Schuhe im Flur liegen.

»Hat die sich etwa schon wieder draußen rumgetrieben?« Sie schüttelte den Kopf und schob die Schuhe zur Seite. Mit einem Glas Rotwein in der Hand ließ sie sich erschöpft auf die Couch im Wohnzimmer fallen. Wenn ich doch bloß zu meiner Tochter durchdringen könnte. Sie seufzte, leerte hastig das Glas, schenkte sich erneut ein und trank diesmal genüsslicher die rote Flüssigkeit.

MERRY CHRISTMAS

Seit Tagen schneite es fast ununterbrochen. Jill saß in eine dicke Decke gehüllt in ihrem Zimmer und trank einen heißen Kakao, als das Telefon klingelte.

»Ich geh schon«, rief sie nach unten und suchte das Telefon. Nachdem sie einige Schmierblätter und Schulhefte auf die Seite geräumt hatte, fand sie es zwischen ihren Zeichnungen auf dem Schreibtisch.

»Ja?«

»Heeeeeey.«

Jill musste das Telefon kurz vom Ohr weghalten, so laut war Tinas Stimme.

»Wie genießt du deine ersten Ferientage?«

Am Ende des Telefonats kannte Jill nicht nur jede Kleinigkeit der vergangenen 24 Stunden aus Tinas Leben. Tina hatte anrufen, weil ein ultimativ toller Film im Kino angelaufen war, in den sie mit Jill unbedingt gehen wollte. Dabei hatte sie das ›Unbedingt‹ so streng betont, dass Jill keine andere Möglichkeit hatte, als zuzusagen. Außerdem tat es ihr sicher mal wieder gut unter Leute zu kommen.

Die vergangenen Tage waren schrecklich langweilig gewesen. Zuletzt hatte Jill aus Verzweiflung versucht, ihre Hausaufgaben am Ferienbeginn zu erledigen, damit sie während den Ferien davon Ruhe hatte. Doch bald hatte sich herausgestellt, dass die Hausaufgaben viel zu umfangreich waren und so hatte Jill schließlich nach dem zweiten Tag aufgegeben.

Kaum hatte sie aufgelegt, ertönte eine Stimme hinter ihr: »Wer war es denn?«

»Mum? Wie lange stehst du da schon?«

»Och ... seit eben. Ich hab Pizza geholt – willst du auch?«

Jill atmete tief ein. »Okay.«

Sie folgte nach unten in die Küche. Ihre Mutter öffnete die Pizzaschachtel. Dabei stieg heißer Dampf aus dem Karton. Der Geruch nach geschmolzenem Käse und heißer Salami ließ Jill das Wasser im Mund zusammenlaufen.

»Holst du noch eben zwei Gläser?«, fragte ihre Mutter. Jill öffnete den Küchenschrank.

»Ähm, Mum? Was soll dieser Zettel hier drin?«

Sie hielt ihrer Mutter einen Notizzettel hin, den sie an der Innenseite der Schranktür gefunden hatte. Darauf stand: ›Sporttasche!‹.

»Huch, wie ist der denn da hingekommen?« Ihre Mutter grinste.

»Mum.« Jill runzelte die Stirn. »Wenn du dir zu Weihnachten eine neue Sporttasche wünschst, dann sag mir das, aber verteile nicht solche bescheuerten Zettel im Haus.«

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Bitte? So ein Ding habe ich auch schon am Spiegel im Bad, meinem Kleiderschrank und am Fernseher gefunden. Wie kannst du den Versuch nur abstreiten? Ich fühl mich hier echt manchmal wie im Kindergarten.« Jill seufzte.

»Und ich habe manchmal das Gefühl, dass du alles viel zu ernst für dein Alter nimmst.«

Ihre Mutter biss demonstrativ in ein Pizzastück, um sich gleich darauf an der heißen Tomatensoße zu verbrennen. Jill blieb erst ratlos stehen, ließ sich dann aber auf einen Stuhl sinken und nahm sich ebenfalls ein Stück Pizza.

Lange schwiegen sich beide nur an, bis ihre Mutter fragte: »Wie wollen wir dieses Jahr Weihnachten verbringen?«

»Ist mir egal.«

»Wenn’s dir egal ist, machen wir‘s auf die klassische Art«, sagte sie und grinste.

Jill ließ sich nicht provozieren. Ihre Mutter wusste, wie sehr sie weihnachtliche Traditionen hasste.

»Mit Weihnachtsbaum, Weihnachtsgans, Kirchenbesuch und mit dem ganzen Familienkreis. Ich hab Oma und Opa eh schon eingeladen.« Die Augen ihrer Mutter leuchteten.

»Wie du meinst.«

Jill rutschte auf ihrem Stuhl ein Stück tiefer.

Am liebsten wollte sie damit gar nichts zu tun haben. Weihnachten verband sie mit schlechten Erinnerungen. Als sie noch kleiner gewesen war, war ihr Vater an Weihnachten nie daheim gewesen. Immer hatte sie am Fenster gestanden, voller Erwartungen hinaus auf die verschneite Straße geschaut und gehofft, es würde das Firmenauto ihres Vaters im nächsten Moment in die Auffahrt fahren. Viele Jahre später, nach vielen Weihnachtsfeiern ohne ihren Vater, als Jill sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass er niemals da sein würde, kam ihr Vater einen Tag vor Weihnachten doch vorbei. Es war schon spät gewesen und die Klingel hatte sie und ihre Mutter aufschrecken lassen. Ihre Mutter war zur Tür gegangen. Als sie ihren Mann erblickte, war sie anfangs völlig benommen gewesen, schließlich war er nie an Weihnachten aufgetaucht. Immer waren geschäftliche Dinge dazwischen gekommen. Nun aber schien es so, als wolle er Weihnachten bei seiner Familie verbringen.

Zehn Minuten später stellte sich jedoch heraus, dass er lediglich die Scheidungspapiere vorbei bringen wollte.

»Mit Samantha und mir ist‘s was Ernstes!«, hatte Jill ihn im Nebenzimmer zu ihrer Mutter sagen hören und nach weiteren zehn Minuten war er wieder verschwunden und ließ nichts als eine kalte Windböe zurück, die ins Haus wehte, als er die Tür zuzog. Und weg war er. Seitdem hatte Jill ihn nicht mehr wieder gesehen. Bis auf das eine Mal, als er seine Sachen geholt hatte und die letzten Dinge für die Scheidung besprechen wollte. Seither hatte Jill nie wieder etwas von dem Mann, der sich für viele Jahre ihres Lebens ihr Vater genannt hatte, gehört.

Damals war sie zu klein gewesen, dies zu verstehen, aber nun war sie alt genug um eine tiefe Abneigung gegenüber der Gleichgültigkeit ihres Vaters zu empfinden.

Als Jill am nächsten Morgen erwachte, war es draußen noch dunkel. Doch die Geräusche, die aus dem Wohnzimmer nach oben drangen, konnte sie selbst im Tiefschlaf nicht überhören. Sie schlug ihre Decke zurück, schlüpfte aus dem Bett und ging in der Dunkelheit die Treppe hinunter. Im Wohnzimmer brannten alle Lichter und Jill kniff augenblicklich die Augen zusammen.

Nachdem sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, konnte sie erstmals erkennen, was im Wohnzimmer eigentlich los war. Ihre Mutter stand an einem riesigen Weihnachtsbaum, der bunt und üppig geschmückt war. Mindestens fünf Meter Lichterkette, Lametta in Farben, von denen Jill nicht einmal gewusst hatte, dass man es in diesen Farben kaufen konnte und etliche Christbaumkugeln zierten den Baum.

»Guck mal! Den hab ich eben aufgestellt.« Ihre Mutter klopfte sich die Hände an der Hose ab. Jill starrte den gigantischen Baum an.

»Mum?! Erstens: Wieso kaufst du einen Baum, der so riesig ist, dass du sogar seine Spitze abknicken musst, damit er ins Wohnzimmer passt? Und zweitens: Warum zum Teufel machst du das so früh morgens?«.

»Gefällt er dir etwa nicht?«

Ihre Mutter trat ein paar Schritte zurück, um den Baum aus einer größeren Entfernung auf sich wirken zu lassen. Dabei legte sie den Kopf schief, als wolle sie ihn aus einem anderen Blickwinkel betrachten, um Jills Kritik zu verstehen.

»Der ist doch super!« Sie grinste. »Gut, okay, im Wald sah er kleiner aus.«

»Ja, wie du meinst. Aber sei bitte nächstes Mal leiser, wenn du wieder mal vorhaben solltest, so ein riesiges Ding mitten in der Nacht in unserem Wohnzimmer zu platzieren«, brummte Jill und verschwand wieder nach oben in ihr Bett.

Ihre Mutter blickte noch einmal am Baum hoch und fragte sich, was ihre Tochter nur gegen ihn hatte. Er war groß, üppig und genau das Richtige für so ein großes Weihnachtsfest, wie sie es geplant hatte. Kurzerhand schnappte sie sich voller Tatendrang ihren Mantel, schlüpfte in ihre Stiefel und fuhr los, um die letzten Weihnachtsgeschenke zu kaufen.

Als Jill erneut erwachte, war es schon hell. Nach einem kurzen Blick aus dem Fenster stellte sie fest, dass es die Nacht über geschneit haben musste. Sie streckte ihren Kopf hinaus und sog hastig die kühle Luft ein, die ihr entgegen strömte. Mit einem Anflug von Weihnachtsstimmung betrachtete sie die schneebedeckten Bürgersteige und sah, wie Herr Keller von gegenüber mit hochrotem Kopf den Schnee aus seiner Auffahrt schippte. Dabei stiegen kleine Dampfwölkchen seines heißen Atems in die kalte Morgenluft auf. Jill stützte den Kopf auf die Hände und betrachtete das Schauspiel noch einige Zeit, ehe sie sich wieder aufrichtete und nach unten ging.

Schon auf dem Weg ins Wohnzimmer trällerte ihr die Weihnachtsmusik ihrer Mutter entgegen. Es war jedes Jahr dieselbe CD – »Best of Christmas Songs«. Wie sehr Jill diese Lieder in genau dieser Reihenfolge mittlerweile hasste. Ihre Mutter kam ihr mit einem Berg voller Geschenke entgegen. Jill konnte ihr dabei nicht einmal in die Augen schauen, weil ihr Gesicht hinter dem Geschenketurm verschwand.

»Ich habe heute Morgen die Zeit genutzt und einige Besorgungen gemacht.« Sie keuchte.

»Das sehe ich.« Jill starrte weiter auf den riesigen Turm.

»Das muss ich wohl oder übel auch noch machen. Ich habe für Oma und Opa noch nichts. Sie kommen dieses Jahr auch wirklich?«

»Natürlich! Ich habe sie längst eingeladen.« Jill glaubte ihre Augen hinter dem hohen Geschenkhaufen glänzen zu sehen.

Die vergangenen zwei Jahre hatten ihre Großeltern immer abgesagt, weil sie sich pünktlich zur Weihnachtszeit dermaßen mit ihrer Mutter gestritten hatten, dass sie immer Wochen vorher angekündigt hatten, sie würden Weihnachten lieber allein feiern, als sich so etwas antun zu müssen. Jill vermutete insgeheim, dass ihre Mutter nur aus diesem Grund dieses Jahr schon viele Wochen vor Weihnachten hysterisch Läden nach Weihnachtsdekoration und Geschenken abgeklappert hatte, so viele Plätzchen backte, dass diese kaum gegessen werden konnten und täglich ein neues Gericht überlegte, das sie an Heiligabend kochen wollte.

Ihre Mutter stieg wankend mit den Geschenken die Treppe empor. Kurzerhand entschloss sich Jill, es ihr gleich zu tun und die letzten Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Eigentlich hatte sie ja noch gar nichts – nicht einmal das Geschenk für ihre Mutter. Aber das wollte Jill sie lieber nicht wissen lassen. So verheimlichte sie ihr jedes Jahr, dass sie erst am Tag vor Weihnachten alle Geschenke besorgte, sie dann bis spät in die Nacht sorgfältig einpackte, um dann am nächsten Abend zu sehen, wie sie innerhalb von wenigen Sekunden aufgerissen wurden.

Jill griff nach ihrem Mantel. Ehe sie sich versah stand sie mitten auf der Straße, umgeben von der kalten Luft und einigen Passanten, die vorübereilten.

Nachdem sie mit der Bahn in die Großstadt gelangt war, betrat sie das gigantische Einkaufszentrum. Ihr strömten warme Luft und weihnachtliche Klänge entgegen. Langsam, um den Moment voll auszukosten, lief Jill an einigen Geschäften vorbei und genoss die Eindrücke, die auf sie hereinprasselten. Während durch die Lautsprechanlage »Jingle Bells« sicherlich schon zum hundertsten Mal an diesem Tag ertönte, war auch hier die weihnachtliche Hektik der Leute spürbar. Da war eine Mutter, die ihr Kind an der einen Hand hinter sich herzog, während sie das andere im Kinderwagen vor sich herschob. Gleichzeitig kämpfte sie mit zwei vollgepackten Tüten, die sich unter dem Buggy nicht richtig verstauen ließen. An den Kassen war es nicht anders: Menschen tummelten sich in langen Schlangen, mit grimmigen Gesichtern, sichtlich genervt von den langen Wartezeiten und den Menschenmassen.

Jill stand nur zwischen all diesen Menschen, atmete noch einmal tief ein und stürzte sich mit einem erneuten Anflug von Weihnachtsstimmung in den Tumult.

Als erstes wollte sie sich um die Sporttasche für ihre Mutter kümmern. »Sport Michael« stand in riesigen, leuchtenden Lettern über dem Eingang des Sportgeschäfts. Den Namen hatte Jill noch nie sonderlich originell gefunden und auch dieses Mal wunderte sie sich beim Eintreten über die nicht vorhandene Kreativität des Besitzers.

»Kann ich Ihnen helfen?« Der Verkäufer tauchte plötzlich von der Seite auf.

Jill zuckte kurz zusammen und blickte in das Gesicht des Mannes.

»Wo genau finde ich die Sporttaschen?«

Gott sei Dank jemand, der den Weihnachtsstress scheinbar verkraftet, dachte Jill und war froh, dass sie nicht an die andere Verkäuferin geraten war. Die stand zwischen drei Menschen, die sie mit Fragen durchlöcherten. Mit hochrotem Kopf nahm sie eine Ware aus dem Regal, zeigte sie, legte sie wieder weg und nahm die nächste aus dem Regal.

»Die finden Sie gleich hinten rechts neben den Schweißbändern und Sportsocken.« Der Verkäufer verschaffte sich wieder ihre Aufmerksamkeit.

»Ach, äh … danke!«

Jill musste nicht lange suchen und vergleichen, denn es gab nur wenige Taschen, die überhaupt ihren Preisvorstellungen entsprachen und auch nur eine, die auch noch gut aussah. Als sie an der Kasse bezahlte, gab ihr die Kassiererin merkwürdigerweise für die Sporttasche eine Tüte mit.

Während Jill das Geschäft verließ und damit beschäftigt war den Kassenbon in ihren Geldbeutel zu stopfen und das Wechselgeld hineinfallen zu lassen, rempelte sie plötzlich jemand von der Seite an. Sie ruderte mit den Armen und verlor das Gleichgewicht. Genau so plötzlich griff jemand nach ihrem Arm, um ihr Halt zu geben. Nachdem sie wieder halbwegs sicher stand, blickte sie in das Gesicht eines Mädchens, das ungefähr in ihrem Alter war und sie musterte.

»Tschuldige, mein Kumpel hat mich geschubst.« Sie lächelte und half Jill beim Einsammeln des Kleingeldes, das sich auf dem Fußboden verteilt hatte.

»Dieser Idiot«, murmelte sie leise.

Jill musste grinsen. »Macht doch nichts.«

Sie warf das Kleingeld wieder in ihren Geldbeutel und richtete sich auf.

»Nochmals Entschuldigung.« Das Mädchen lächelte und musterte sie. Plötzlich rief sie ihr Kumpel und im nächsten Moment war sie schon wieder verschwunden.

Nach demselben »Suchen-und-Finden-Prinzip« wie bei der Sporttasche, verlief Jills weiterer Einkauf. Schließlich waren fast vier Stunden vergangen, als sie die Wohnungstür aufschloss, sich die vielen Tüten vom Arm streifte und ihre schmerzenden Füße von den Schuhen befreite. Sie stöhnte leise auf und streckte sich. Dann brachte sie die Tüten in ihr Zimmer, um sie vor ihrer Mutter zu verstecken. Jill musste jedes Jahr Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Ihre Mutter war sehr neugierig, was vor einigen Jahren mal dazu geführt hatte, dass sie sie dabei erwischte, wie sie in Jills Zimmer nach Geschenken suchte. Bis zu dem Zeitpunkt war Jill noch so naiv gewesen zu glauben, dass solch ein Verhalten nur bei Kindern zu beobachten wäre, aber genau deswegen hatte sie aus dieser Erfahrung gelernt.

Sie ging in ihr Zimmer, schloss die Tür hinter sich und verstaute das Geschenk für ihre Mutter in ihrem Versteck, das sie nur für diesen Anlass unter ihrem Bett in einer dunklen Ecke eingerichtet hatte. Kaum hatte Jill sich wieder aufgerichtet, da kam auch schon ihre Mutter ins Zimmer. Natürlich ohne zu klopfen.

»Na? Hast du alle Geschenke?« Sie suchte neugierig die Tüten auf Jills Boden mit ihren Augen ab.

»Ja.«

»Ach, Tina hat angerufen. Ich soll dir ausrichten, dass sie nachher um 20 Uhr am Kino ist.«

»Danke Mum.«

Jill schob ihre Mutter unauffällig in Richtung Tür. Sie wollte endlich alle Geschenke einpacken. Das war für sie mitunter das Beste an Weihnachten. Doch ihre Mutter machte keine Anstalten zu gehen.

»Ich find’s gut, dass du endlich mal aus dieser Bude kommst.«

»Du kannst dich auch nicht entscheiden, oder? Mal treibe ich mich zu viel draußen herum und mal kannst du mich gar nicht lange genug loswerden. Dich muss man mal verstehen.«

»Wenn du auch so launisch bist.«

Ihre Mutter verließ das Zimmer, ohne auf Jills ungläubiges Kopfschütteln zu reagieren. Naja – immerhin hatte sie jetzt ihre Ruhe und konnte mit dem Verpacken anfangen. Erst einmal schlich sie durchs ganze Haus und suchte sich weihnachtliches Geschenkpapier - wobei sie nur noch Papier mit Rentieren hatten -, Schleifen, eine Schere, Tesafilm und ein paar Weihnachtskarten zusammen und zog sich zurück in ihr Zimmer. Dort angekommen begann sie ein Geschenk nach dem anderen mit größter Sorgfalt einzupacken.

Irgendwann blickte sie auf die Uhr, weil sie ihr Zeitgefühl völlig verloren hatte.

Mist.

Mittlerweile war es 19:56 Uhr. Zum Kino brauchte sie zu Fuß mindestens elf Minuten. Sie sprang auf, suchte sich ihren Geldbeutel und ihre Jacke zusammen und rannte die Treppe runter. Als sie schon an der Tür war ertönte plötzlich die Stimme ihrer Mutter: »Wohin willst du?«

»Ins Kino?! Darüber haben wir doch vorhin erst gesprochen?«

Ihre Mutter schaute zur Uhr.

»Komm, ich fahr dich.«

Sie nahm ihre Jacke vom Haken der Garderobe. Jill war schon hinaus ins Freie getreten und murmelte ein »Danke«.

Dank ihrer Mutter kam Jill gerade noch pünktlich. Tina stand eingeschneit vor dem Kino und zitterte sichtbar. Sie winkte aufgeregt, als sie das Auto von Jills Mutter vorfahren sah.

Jill war schon im Begriff auszusteigen, als ihre Mutter fragte: »Soll ich dich auch wieder abholen?«

Jill hielt in ihrer Bewegung inne und runzelte die Stirn.

»Klar. Danke.«

Warum auch immer ihre Mutter so nett zu ihr war: Das dürfte ruhig öfters passieren, dachte sie, während sie auf Tina zuging.

Nachdem die beiden sich Karten gekauft und die Frau im Kassenhäuschen monoton »›My Mind‹ läuft in Kino 4« geantwortet hatte, stiegen sie die breiten Treppen zu den Kinosälen empor.

»Links!«, kommandierte Jill. Dabei änderte sie so abrupt ihre Gehrichtung, dass Tina sie fast über den Haufen rannte.

»Bist du irgendwie schlecht drauf? Du verhältst dich merkwürdig.« Tina wirkte wenig überrascht.

»Nee, das nicht, aber ich frag mich, wieso meine Mum eben so auffällig nett war.«

Sie dämpfte ihre Stimme, als sie die Tür zum Kinosaal öffnete und desorientiert in den bereits dunklen Kinosaal trat. Dabei folgte ihr Tina so dicht, dass sie ihr auf die Fersen trat.

»Autsch!«

»Sorry. Siehst du was?«, flüsterte Tina.

»Genau so wenig wie du, denke ich.«

Nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, fanden sie im Schein der Leinwand ihren Platz und ließen sich in die Sitze fallen.

Überraschenderweise entpuppte sich der Psychofilm als weitaus weniger toll, als Tina ihn beschrieben hatte. Aus Jills Sicht war weder die Idee noch die Umsetzung so recht gelungen, was dazu führte, dass sie zwischendurch mehrfach einschlief und erst wieder aufwachte, als Tina sie vorsichtig mit dem Ellbogen anstieß.

In den Schlussszenen des Films flüsterte Tina: »Ich geh noch eben aufs Klo« und verschwand dann, indem sie sich entschuldigend durch die Sitzreihe drängte. Jill, die nicht verstehen konnte, warum jemand ins Kino ging, um dann am Höhepunkt des Films – wobei sich in diesem Fall wohl kaum von Höhepunkt reden ließ - eilig auf die Toilette zu stürmen, rutschte in ihrem Sitz tiefer und seufzte leise.

Warum hab ich mich auch von Tina überreden lassen, in diesen Film zu gehen?, fragte sie sich, als er gerade endete und das Licht im Kinosaal wieder heller wurde. Während eine riesige Besuchertraube das Kino verließ, blieb Jill sitzen und wartete auf Tina.

Im Grunde genommen ganz praktisch. Da würde ich jetzt eh nicht drin stecken wollen, dachte sie sich, als sie die lange Schlange beobachtete, die sich aus dem Kinosaal drängte. Das Kino leerte sich, doch ein paar Mädchen neben ihr hatten anscheinend die gleiche Idee gehabt und warteten. Plötzlich sprach sie eines der Mädchen an.

»Hey, bist du nicht die, die ich heute im Einkaufszentrum halb über den Haufen gelaufen hab?« Sie grinste breit und beugte sich beim Sprechen nach vorne, damit sie an ihrer Freundin vorbei Jill angucken konnte. Jill reagierte vor Überraschung erst gar nicht, erinnerte sich dann aber wieder an den Zusammenstoß.

»Oh, richtig. Sowas.«

Kaum hatte Jill die Worte gesagt, ärgerte sie sich über ihre Einfallslosigkeit.

»Was für ein Zufall, dass wir uns schon wieder über den Weg laufen.« Das Mädchen fügte halb lächelnd hinzu: »Diesmal ja glücklicherweise ganz ohne Zusammenstoß.«

Jill musste nun auch lächeln. Sie musterte das Mädchen das erste Mal richtig. Sie war sportlich und trug ihr schwarzes, glattes Haar recht kurz. Durch ein paar Strähnen, die ihr ins Gesicht hingen, blitzten ihre tiefgrünen Augen hervor. Die grünsten Augen, die Jill je gesehen hatte. Während ihr Blick noch zu den wohlgeformten, roten Lippen des Mädchens hinab glitt, standen sie und ihre Freundinnen plötzlich auf.

»War schön, dich wieder zu sehen.« Das Lächeln des Mädchens zauberte ein Grübchen auf ihr Gesicht und ließ sie noch schöner wirken. Sie zwinkerte Jill zu.

»Machs gut«, stammelte die.

Sie ärgerte sich, dass ihr schon wieder nichts Besseres eingefallen war. Kaum war die Gruppe verschwunden, rutschte Jill errötet in ihrem Sitz nach unten.

Was ist bloß mit mir los?

Plötzlich tauchte Tina wieder vor ihr auf und riss sie damit aus ihren Gedanken.

»Können wir?«

»Klar.«

Sie verließen das Kino, während Jill sich über den schrecklichen Film aufregte und ertragen musste, dass Tina ihn wunderbar gefunden hatte und bestürzt war, dass sie ihre Meinung nicht teilte. Während Tina sprach, fragte sich ein Teil von ihr jedoch die ganze Zeit, ob sie das Mädchen wieder treffen würde.

***

Jill stand vor ihrem Kleiderschrank, um sich für Weihnachten eine Bluse herauszusuchen, als es unten an der Tür klingelte. Nach einem kurzen Blick aus dem Fenster sah sie, dass ihre Großeltern früher gekommen waren.

»Mum? Es sind Oma und Opa.«

Ihre Mutter rannte – zumindest konnte Jill das den eiligen Schritten im Wohnzimmer entnehmen – zur Tür. Während Jill sich für eine schwarze Bluse und eine weinrote Hose entschied, hörte sie leises Stimmengewirr aus dem Flur nach oben dringen. Jill knöpfte sich die Bluse zu und musterte sich im Spiegel.

»Komm endlich runter und begrüß Oma und Opa«, rief ihre Mutter nach oben.

»Ich komm ja schon.« Sie strich sich eine Strähne ihres widerspenstigen Haares hinters Ohr. Jill wusste, dass sie von jetzt an keine Ruhe mehr haben würde, bis sie abends ins Bett fallen würde. Schließlich war es Weihnachten. Und das hieß: Es würden nach und nach alle Verwandten eintrudeln, schwer beladen mit Geschenken, die sie nach einer Begrüßung um den Weihnachtsbaum herum verteilten. Anschließend würden sie sich einzelnen Gesprächen verlieren, bis es Zeit war aufzubrechen, um noch rechtzeitig in die Kirche zu kommen und einen Sitzplatz zu finden. Danach gäbe es ein üppiges Festmahl, Bescherung und schließlich hatte Jill wieder ihre Ruhe. Sie seufzte, atmete nochmal tief ein und lief die Treppe hinunter. Ihre Oma stand am Fuße der Treppe, die Arme zur Begrüßung weit ausgebreitet. Jill konnte diesen Moment nie leiden, weil er ihr so einstudiert erschien. Wie ein Theaterstück, das sich nahezu immer gleich wiederholte. Aber wie immer tat sie ihr den Gefallen, setzte ein Lächeln auf und umarmte sie so herzlich sie konnte. Ihr stachen dabei die Geschenke ins Auge, die sich bereits unter dem Weihnachtsbaum türmten. Sie umarmte ihren Opa kurz, der es lieber nüchtern hielt und ging in die Küche zu ihrer Mutter.

»Trag die doch bitte mal für mich rein.« Sie zeigte auf ein paar Weingläser. Jill tat wie ihr geheißen und setzte sich zu ihren Großeltern auf die Couch.

»Wie war eure Fahrt?« Ihre Mutter schenkte den Wein ein.

»Sehr gut. Wir hatten überhaupt keinen Stau«, antwortete Jills Opa. In dem Moment klingelte es erneut.

»Machst du mal bitte auf?«, fragte ihre Mutter an Jill gewandt und sagte dann zu ihren Eltern: »Ich find‘s großartig, dass wir dieses Jahr gemeinsam feiern.«

Als Jill die Tür öffnete, blickte sie in die leuchtenden Augen ihrer Tante, die mit Jills Onkel an ihrer Seite und der Tochter daneben das perfekte Familienbild lieferte.

»Fröhliche Weihnachten!« Ihr Onkel grinste. Jill musste über seine von der Kälte gerötete Nase lächeln.

»Euch auch! Kommt doch rein. Im Wohnzimmer sitzen schon Oma und Opa.«

»Ist echt kalt draußen.« Ihre Cousine Kathi quetschte sich an ihr vorbei in den Flur.

»Naja, wenigstens wird das ein weißes Weihnachten.«

Auf Jills Lippen machte sich der Einflug eines Lächelns breit. Sie musterte ihre Cousine, die zwar drei Jahre jünger, mittlerweile aber schon merklich größer war als Jill.

»Wo habt ihr denn eure Geschenke gelassen?«, fragte ihre Mutter aus dem Wohnzimmer.

Ihre kindliche Art brachte Jill zum Grinsen.

»Die haben wir im Auto gelassen. Wir wollten erst einmal richtig ankommen«, erwiderte Jills Tante. »Die Fahrt war so anstrengend. Wir hatten gehofft, dass Jill vielleicht später beim Hereintragen helfen würde.« Sie zwinkerte Jill zu.

»Kein Problem. Kathi und ich können das eigentlich jetzt schon machen, oder? Nachher wird‘s ja sicher schon dunkel sein.«

Sie schaute Kathi erwartungsvoll an. Die streckte sich kurz.

»Klar. Papa, wo sind die Autoschlüssel?«

»Linke Jackentasche.«

Sie fischte nach dem Schlüssel und verließ wieder das Haus. »Das kann echt ‘n stressiges Weihnachten werden«, seufze sie.

»Vor allem jetzt, wo Oma und Opa noch da sind«, raunte Jill.

Nachdem Kathi und Jill die teils backsteinschweren Geschenke unter dem Weihnachtsbaum platziert hatten, setzten sie sich wieder zu den Erwachsenen. Nur Sekunden später klingelte das Telefon in der Küche.

»Ich geh schon.«

Jill sprang auf, dankbar, sich den Gesprächen ihrer Verwandtschaft erneut entziehen zu können.

»Jill Tennert.«

»Huhu!« Die Stimme konnte sie sofort Tina zuordnen.

»Frohe Weihnachten!«

»Dir auch. Außerdem ist‘s sehr nett von dir, dass du mich von meiner Verwandtschaft für einige Minuten erlöst. Ich sehe den Abend schon vor mir: Wir werden wieder irgendwelche Gespräche führen, die total langweilig sind und ... ach … egal.«

»Das wird schon. Ich wollte auch nur kurz frohe Weihnachten wünschen. Meine Eltern wollen gleich in die Kirche. Wir sehen uns sicher dort, oder?«, Tina sprach ohne auf eine Antwort zu warten weiter. »Wünsch' deiner Verwandtschaft von mir auch frohe Weihnachten. Tschaui.«

Jill setzte gerade zu einer Verabschiedung an, da hatte Tina schon aufgelegt. Sie schüttelte den Kopf und ging zurück ins Wohnzimmer. Es war schon 16:45 Uhr – sie würden also bald zur Kirche aufbrechen. Plötzlich klingelte das Telefon erneut. »Das ist sicher schon wieder Tina, die irgendwas vergessen hat«, sagte sie halb an die anderen, halb an sich selbst gerichtet und machte auf dem Absatz kehrt.

»Ja?«

»Ähm ... Ich bin doch bei Tennert, oder?«, fragte eine raue, tiefe Männerstimme am anderen Ende. Jill merkte, wie ihr sofort das Blut in den Kopf schoss.

»Ja, das ist richtig. Jill am Apparat.« Sie griff sich an den Kopf. Wenn ein ihr Unbekannter hier anrief, würde ihm ihr Vorname wohl ohnehin nicht viel bringen, dachte sie sich.

»Ach Jill, du bist es. Fröhliche Weihnachten«, sagte der Fremde, als würden sie sich schon ewig kennen und fügte dann hinzu: »Kann ich mal deine Mutter sprechen?«

»Klar«, erwiderte Jill und rief ihre Mutter, die im Wohnzimmer um Entschuldigung bat und in die Küche geeilt kam.

Jill hielt den Lautsprecher zu.

»Irgend so ein Kerl.«

Sie runzelte die Stirn. Ihre Mutter entriss ihr regelrecht das Telefon, machte kurz darauf eine Handbewegung, die ihr deutlich machen sollte, sie solle wieder zu den anderen gehen und fragte dann mit schriller Stimme: »Ja?«

Als Jill die Küche verließ hörte sie ihre Mutter sagen: »Ach, du bists Leo! Schön, dass du anrufst.«

Danach folgte ein leises, verlegenes Kichern. Alle weiteren Wortfetzen wurden von der lautstarken Unterhaltung ihrer Verwandtschaft im Wohnzimmer übertönt. Jill war noch immer irritiert über den Anruf, als sie sich wieder auf dem Sofa niederließ, um mit halbem Ohr einer Urlaubsgeschichte ihres Onkels zu folgen. Ab und an hörte Jill noch ein verlegenes Kichern aus der Küche. Wer zum Teufel ist Leo?, fragte sie sich. Und woher kennt er meine Mutter?

Ihre Gedanken verschwanden schlagartig, als sie in der Küche ein hohes, gedehntes »Tschüüüüss« von ihrer Mutter hörte und diese wieder ins Wohnzimmer kam, um zu kritisieren, dass sich doch alle längst hätten für die Kirche anziehen können. Während sich alle widerspenstig von der Couch erhoben und in den Flur gingen, blieben Jill und ihre Mutter, die noch ein paar Kerzen ausblies, im Wohnzimmer zurück.

»Sag mal ... wer war das?«

»Wer?«

Ihre Mutter widmete sich auffällig hingebungsvoll dem Kerzenausblasen.

»Na der Kerl am Telefon.«

»Ach«, ihre Mutter kicherte leise, »Das ist Leo. Ich hab dir von ihm erzählt.«

»Das wüsste ich aber.«

Jill legte die Stirn in Falten und fragte sich, ob sie es vielleicht wirklich getan hatte.

»Oh, dann hab ich das wohl vergessen.« Sie blies weiter Kerzen aus.

»Mum, bitte! Ich will dir das jetzt nicht aus der Nase ziehen.«

»Ja, ja okay«, sie atmete tief ein, »Leo hab ich vor knapp einem Monat bei einem Erste-Hilfe-Kurs kennengelernt, den ich gehalten habe. Davon weißt du ja sicherlich auch nichts mehr, aber ... - wie auch immer. Jedenfalls glaube ich, dass es etwas werden könnte.«

Ihre Stimme klang deutlich zu hoch für eine Frau in ihrem Alter.

»Wie ›Es könnte etwas werden‹?!«

Normalerweise ließ sie Jill bis in alle Details an ihrem Privatleben teilhaben.

»Du lernst ihn nach Weihnachten noch kennen, Schätzchen«, sagte ihre Mutter mit beruhigender Stimme und fügte dann hinzu: »Und nun geh in den Flur und zieh dich an. Wir müssen los. Na mach schon.«

Jill, die es nicht fassen konnte, dass ihre sonst so mitteilsame Mutter plötzlich Geheimnisse vor ihr hatte, ging zur Garderobe und zog sich gehorsam an.

Fünf Minuten später machten sich Tante, Onkel und Cousine, Oma und Opa, Mutter und Tochter auf zwei Autos verteilt auf den Weg zur Kirche, die drei Orte weiter war.

Die Fahrt schien für Jill unendlich lange. Dabei schaute sie durchs Fenster auf die schneebedeckten Felder, die eingefrorenen Gräser und Bäume und freute sich über die Spuren, die der Winter hinterlassen hatte. Nachdem die Landschaft eintönig geworden war und sie Denndorf verlassen hatten, kamen sie in der nächste Stadt an. Sie fuhren an einigen grauen Gebäudeblocks vorbei, bis sie die Altstadt erreichten und auf dem großen, überfüllten Parkplatz vor der Kirche parkten.

»Alle Mann aussteigen!« Jills Opa verstellte seine Stimme so, dass sie wie eine Bahnhofdurchsage klang und machte seine Tür schwungvoll auf.

Jill betrat die Kirche durch die schwere Eingangstür. Der Innenraum war mit weihnachtlicher Dekoration geschmückt, die in Rot- und Goldtönen gehalten war.

Die Kirche war auch dieses Jahr so voll und Jill und ihre Verwandtschaft so spät dran, dass sie sich nur einen Stehplatz in der hintersten Ecke ergattern konnten. Das war der Teil an Weihnachten, den Jill am wenigsten mochte. Selbst die sich immer wieder wiederholenden Urlaubsgeschichten ihres Onkels waren unterhaltsamer als in einer Ecke, eingequetscht zwischen fremden Menschen, stehen zu müssen und nichts sehen zu können. Jill seufzte leise auf, als endlich die Messe begann. Die Stimme des Pfarrers drang über den Lautsprecher auch in die hintersten Reihen. Während er sich freute, dass es so viele Menschen in seine Kirche verschlagen hatte, schaltete Jill gedanklich ab.

Nach der Messe stolperte Jill nach Luft ringend ins Freie. Nicht, dass es in der Kirche heiß gewesen wäre, aber die Gerüche der vielen Menschen auf engem Raum hatten sich ihr unumgänglich aufgedrängt. Nun stand Jill vor der großen, schweren Kirchentür und wartete auf den Rest ihrer Verwandtschaft, während sie sich wie in einem Meer von Menschen fühlte, die zu ihrer Linken und ihrer Rechten an ihr vorbei strömten. Sie atmete gierig die kühle Abendluft ein und blickte sich in der Masse der Menschen um, um ein vertrautes Gesicht zu entdecken. In dem Moment stolperte ihr Tina entgegen, auf deren Gesicht sich bei Jills Anblick sofort ein Lächeln breit machte.

»Hats dir gefallen?«

Sie ignorierte einfach, dass sie Menschen anrempelte, während sie versuchte, sich Jill zu nähern.

»Wie jedes Jahr eben.«

Tinas Lächeln verschwand und wandelte sich zu einer belehrenden Miene.

»Dass du auch immer so negativ über alles denken musst. Es ist Weihnachten und Kirche gehört nun mal dazu«, fuhr sie fort, unbeirrt davon, dass Jill sich suchend nach ihrer Verwandtschaft umschaute.

»Du? Meine Eltern warten schon.« Tina zeigte in Richtung Parkplatz. »Ich wünsche dir einen schönen Heiligabend mit deiner Familie!«

»Den wünsche ich dir auch.«

Ihre Worte rührten Tina auf unerklärliche Weise so sehr, dass sie sie fest an sich drückte.

»Ich hab dich lieb«, flüsterte sie.

Jill lächelte. »Ich dich doch auch.«

Im nächsten Moment war Tina schon verschwunden und Kathi stand neben ihr.

»War das nicht deine Freundin Tina?«

»Ja, das war sie«, antworte Jill abgelenkt, da sie auch den Rest der Verwandtschaft kommen sah. Endlich konnte sie sich zum Auto durchkämpfen, um den vielen Menschen zu entkommen.

Auf dem Heimweg saß Jill mit Kathi auf der Rückbank. Während Kathi ihr von ihrem neuen Hund Jimbo erzählte, den sie zum Geburtstag bekommen hatte, wunderte Jill sich darüber, wie alt ihre Cousine geworden war. Vergangenes Jahr an Weihnachten war sie noch eines der pubertierenden Mädchen gewesen, die »Britney Spears« und die »Backstreet Boys« vergötterten und mittlerweile erzählte sie Jill von ihrem Freund, mit dem sie schon seit sechs Monaten zusammen war, ihren Freunden, mit denen sie ab und an tanzen ging und von ihrem Hund, um den sie sich selbständig kümmerte. Sie wirkt glücklich. Als hätte sie alles, was sie bräuchte. Und es fällt ihr gar nicht schwer.

Jill verspürte einen Anflug von Neid, während sie ihre Cousine musterte. Gerade als Kathi ihr von einer lustigen Geschichte, die sie mit Freunden erlebt hatte erzählen wollte, hielt ihre Mutter in der Auffahrt vor ihrem Haus an.

Beim Essen kamen sich Jill und Kathi etwas verloren unter all den Erwachsenen vor. Sie verkrochen sich ans Tischende und fragten sich gegenseitig über Schule, Freunde und Hobbys aus. Dabei musste Jill feststellen, dass Kathi viel mehr zu berichten hatte als sie. Sie schien fast täglich etwas zu unternehmen, hatte viele Freunde und wirkte gänzlich unbekümmert.

Erst als alle Mägen gefüllt waren, erreichte der Abend seinen Höhepunkt; der Augenblick, auf den Kinder 364 Tage im Jahr warteten. Alle versammelten sich um den Weihnachtsbaum. Jills Onkel stimmte »O Tannenbaum« an. Danach folgte noch »Stille Nacht, heilige Nacht« und »Alle Jahre wieder« und dann stürzten sich alle auf die mit ihrem Namen versehenen Geschenke.

Jill beobachtete anfangs, wie sich ihre Familie eilig, wie kleine Kinder, deren Geduld noch begrenzt war, auf die Geschenke schmiss, dann erst nahm sie sich ihre. Es waren drei Große und ein Kleineres. Sie öffnete ein Geschenk nach dem anderen sehr sorgfältig, wobei sie ein Tagebuch, einen neuen Wintermantel, Klamotten und Bücher ans Tageslicht beförderte. Währenddessen fielen sich die anderen schon in die Arme und bedankten sich für die Geschenke.

Jill riskierte einen Blick zu ihrer Mutter, die mit leuchtenden Augen den großen Karton von Jill öffnete.

»Danke Töchterchen!« Sie zerrte die große Sporttasche ungeschickt aus dem Karton und betrachtete sie. Sie hatte eben doch die Begeisterungsfähigkeit eines Kindes. Jill musste lächeln.

Wenige Sekunden später drückte sie Jill auch schon so sehr an sich, dass diese glaubte keine Luft mehr zu bekommen.

»Gern geschehen, Mama.« Sie keuchte und bedankte sich auch bei den anderen für die Geschenke.

»Kathi, das Tagebuch ist echt schick.«

Sie drehte das rote Büchlein in ihren Händen, das mit einer beigefarbenen Schlaufe zugebunden war.

»Dachte ich mir doch, dass es dir gefällt.« Kathi umarmte sie.

Der Rest des Abends verging wie im Flug und so war es kein Wunder, dass die ganze Verwandtschaft erst kurz vor Mitternacht aufbrach.

»Es war ein wunderschönes Fest. Und nochmal danke für diese tolle Geldbörse.« Jills Tante küsste ihre Schwester zum Abschied auf beide Wangen.

»Dein Geschenk war aber auch echt klasse«, erwiderte Jills Mutter, um das Kompliment bloß nicht länger wirken zu lassen. Jill knuffte währenddessen ihre Cousine Kathi, die sehr froh darüber schien, nun endlich nach Hause fahren und dort ins Bett fallen zu können. Gähnend hielt sie sich die Hand vor den Mund. »Na dann sehen wir uns wohl nächstes Jahr wieder, was? Einen guten Rutsch bis dahin.«

Wenig später waren alle gegangen und Jill schloss die Tür hinter ihnen.

Die plötzliche Stille im Haus war erholsam. Sie stöhnte erschöpft auf, während sie sich an die Tür lehnte.

»Hat‘s dir gefallen?«, fragte ihre Mutter.

»Es war ganz nett. Es ist nur jedes Jahr wieder von neuem anstrengend.«

Ihre Mutter lächelte nun ebenfalls erschöpft.

»Um das Geschirr kümmere ich mich morgen. Machen wir, dass wir ins Bett kommen.«

Jill ließ sich das nicht zweimal sagen und folgte ihrer Mutter die Treppen hinauf, ging dann in ihr Zimmer und schloss mit einem »Gute Nacht«, das sie in den Flur rief, die Tür. Auch Jills Mutter rief ihr ein »Gute Nacht« zu und ging dann ins Bad, um sich die Zähne zu putzen.

Jill hatte sich nur schnell ihren Schlafanzug angezogen, das Fenster aufgerissen und lag nun auf ihrem kalten Bettlaken. Sie starrte an die Decke, umgeben von der Kälte und der Dunkelheit und ließ ihre Gedanken kreisen. Sie dachte noch einmal über den Abend nach und musste zugeben, dass sie ihn sogar genossen hatte.

Plötzlich fror es sie entsetzlich und so richtete sie sich eilig auf, ging zum Fenster und schloss es. Dabei bemerkte sie, wie der Wind draußen heftig wehte. Im Garten der Nachbarn drehte sich ein Windrädchen so schnell, dass es laute, ratternde Geräusche von sich gab.

Das wird ‘ne stürmische Nacht, dachte Jill und kroch wieder unter die Bettdecke. Während sie über den Abend nachdachte, merkte sie gar nicht, wie sie langsam erschöpft einschlief.

Sie hörte Stimmengewirr und Musik, die leise vor sich hin trällerte. Sie roch frisch aufgebackene Brötchen. Jill rief sich den gestrigen Abend in Erinnerung und fand es unglaublich, wie schnell Heiligabend vergangen war. Sie öffnete ihre Zimmertür, um ins Bad zu gehen. Mitten auf dem Flur blieb sie jedoch regungslos stehen. Sie hätte schwören können eine fremde Männerstimme von unten gehört zu haben, doch nun war es wieder ihre Mutter die sprach. Auf Zehenspitzen schlich Jill näher an die Treppe heran, hielt den Atem an und lauscht nach unten. Da war sie wieder. Diese Stimme. Sie war Jill völlig fremd, doch die Art und Weise, wie die Person sprach, war ihr vertraut. Jill überlegte, ob sie nach unten gehen sollte. Immerhin hatte sie die Stimme neugierig gemacht. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie sicherlich schlimm aussehen musste, mit ihren ungekämmten Haaren und dem übergroßen Schlafanzug mit Katzen darauf. Sie machte sich im Bad frisch und huschte dann erst barfuß die kalten Stufen der Treppe hinunter.