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Konrad von Eschbach schickt seine Tochter Sophia auf die Suche nach ihrem Bruder Heinrich. Das Kloster, in dem sich Heinrich zuletzt aufgehalten hat und wo sich seine Spur verliert, wird für die junge Frau zu einem Ort, den sie nie mehr verlassen will. Die Mönchskutte, die Sophias wahre Identität verbirgt, ist der Schlüssel zu einem Leben, das ihrem Verstand und ihrem Herz Freude schenkt. Doch das Glück ist nicht von Dauer.
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Seitenzahl: 32
Veröffentlichungsjahr: 2017
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A.C. König
Sophias Mission
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ungewissheit
Glückseligkeit
Furcht
Impressum neobooks
Konrad von Eschbach sah nur noch einen Weg, um etwas über das Schicksal seines Sohnes herauszufinden. Ein Weg, den seine Tochter gehüllt in eine Mönchskutte gehen musste. Ihr Anblick weckte die Erinnerung an Heinrich, den er genau an dieser Stelle zum letzten Mal gesehen hatte. „Möge Gott dich beschützen!“ Der Wind fegte seine Worte auf das Meer hinaus, bevor sie ihr Ziel erreichen konnten, aber Sophia wusste auch so, was ihr Vater gesagt hatte. ‚Gott wird mich für das, was ich vorhabe, wohl eher bestrafen.‘, dachte sie und beäugte misstrauisch das Boot, das sie zu ihrem Bestimmungsort bringen sollte.
Der Mönch, der auf den Bootsplanken stand, als wäre er mit ihnen verwachsen, grüßte die Wartenden mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken. Hing sein Schweigen mit dem Gelübde zusammen, das er gegeben hatte, oder war es auf Unfreundlichkeit zurückzuführen? Wie immer wollte Sophias analytischer Verstand allen Umständen zum Trotz eine Erklärung finden. Sie würde im Meer ertrinkend nicht an das Ende ihres irdischen Daseins denken, sondern überlegen, warum das Wasser salzig schmeckte und nicht süß wie das Wasser des Flusses, an dem sie aufgewachsen war.
Während der Mönch Fässer mit Salz und Getreide verstaute, hielt sich Sophia, die beim Einsteigen fast gestürzt wäre, mit beiden Händen an der Reling fest. Der Mönch, der nicht vorhatte, seinen Mitbruder zu schonen, zeigte auf die Leinen, mit denen das Boot vertäut war, und Sophia machte sich an die Erfüllung ihrer ersten Aufgabe als Bruder Anselm.
Nachdem der Mönch auch das Segel von seinen Fesseln befreit hatte, schoss das Boot aufs Meer hinaus. Als sich Sophia dem Ufer zuwandte, um ihren Vater noch einmal zu sehen, hatte sich die stattliche Figur des Konrad von Eschbach bereits in einen schwarzen Punkt verwandelt. Die Traurigkeit, die Sophia bei diesem Anblick empfand, hatte nichts mit der Trennung von ihrem Vater zu tun, sondern mit seiner Bereitschaft, sie auf eine Reise ins Ungewisse zu schicken. Um etwas über seinen Sohn in Erfahrung zu bringen, riskierte er das Wohlbefinden seiner Tochter. Hätte er von Heinrich im umgekehrten Fall dasselbe verlangt?
Eine Möwe, die sich dem Boot näherte, verscheuchte die trüben Gedanken. Die Anmut ihrer Gestalt und die Leichtigkeit ihres Fluges versetzten Sophia in Verzückung. „Gepriesen sei der Herr!“, raunte sie voller Ehrfurcht vor dem Schöpfer allen Lebens. Vom Wind getragen segelte die Kreatur am Boot vorbei zu jener Insel, die auch das Ziel der Mönche war.
Das Kloster, in dem Heinrich als Übersetzer und Kopierer gearbeitet hatte, stand auf einer Anhöhe. Es wirkte so düster wie die Wolken, die knapp über dem Dachreiter der Kirche hinwegzogen. Furcht packte Sophia. Die Mönchskutte konnte zwar ihre Identität schützen, aber nicht ihr Leben. Das Frösteln, das sie überkam, war nicht allein dem eisigen Wind zu zuschreiben.
Auf der Reise zum Meer hatte niemand die Frau in der Kutte als solche erkannt. Sophia war recht groß und hatte breite Schultern. Ihre dichten Augenbrauen und die markanten Wangenknochen sorgten dafür, dass die Menschen in der Kapuze sahen, was sie dort erwarteten, das Gesicht eines Mannes. Die ohnehin dunkle Stimme konnte Sophia noch etwas tiefer klingen lassen. Ihre Tarnung schien, perfekt zu sein.
