Sophie - Heidemarie Schumacher - E-Book

Sophie E-Book

Heidemarie Schumacher

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Beschreibung

Ein flämischer Künstler besucht die Burg und weckt bei der zehnjährigen Sophie die Leidenschaft für das Malen. Nachdem Sophie einen brutalen Hexenprozess auf der Burg belauscht, entwickelt sie Wahnvorstellungen und malt zwanghaft Bilder vom »Brennen«. Sie wird hospitalisiert, selbst der Hexerei verdächtigt und flieht mit einer Vertrauten, der spanischen Nonne Jeronima, über Brüssel nach Brügge. Im Beginenhaus lernt sie Wolle zu waschen und Brot zu backen, die Rede einer Wahrsagerin erinnert sie jedoch daran, dass ihre Bestimmung die Malerei ist. Sie erhofft sich mehr Inspiration von einem Leben in Paris. Das elegante, aber müßige Leben des dortigen Adels stößt sie bald ab, und sie folgt Jeronima auf eine abenteuerliche Reise über die Pyrenäen nach Madrid. Als Mann verkleidet, arbeitet sie in der Werkstatt des berühmten Malers Velázquez. Sie fällt dem Maler durch ihre Beobachtungsgabe auf und wird, als er ihr Inkognito lüftet, seine Geliebte. Die Roman-Reihe »Die Frauen der Burg« handelt von fünf Frauen, die von derselben Burg an der Nette stammen, aber in verschiedenen Jahrhunderten leben. Mit List und Beharrlichkeit entfalten sie gegen die jeweiligen Konventionen ihrer Zeit Strategien der Selbstermächtigung, brechen aus vorgegebenen Zwängen aus, und stillen, auch in erotischer Hinsicht, ihre Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben. Die einzelnen Bände der Saga wollen historische Muster weiblicher Ein­engung freilegen, die sich bis heute in das Erleben von Frauen eingeschrieben haben. Jeder Band kann auch einzeln gelesen werden.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2025

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© 2025 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGBundesbahnhof 1, 56859 Bullay/MoselDeutschlandTel.: 06542/5151E-Mail: [email protected] Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-962-0Korrektorat: Melanie Oster-DaumAusstattung: Stefanie ThurTitelfoto erstellt mit PromeAI

Heidemarie Schumacher

Die Frauen der Burg

Band 2

Sophie oder Das Farben des Feuers

Roman

Rhein-Mosel-Verlag

Für Ulrike Mond

Daraus kommen unzählige Schäden des menschlichen Lebens, so dass wir mit Rechtmit Cato Uticensis sprechen können: Wenn die Welt ohne Weiber sein könnte, würden wir mitden Göttern verkehren; da in der Tat, wennder Weiber Bosheiten nicht wären, auch zu schweigen von den Hexen, die Welt noch von unzähligen Gefahren freibleiben würde.

(Der Hexenhammer)

1

»Ich taufe dich auf den Namen Sophia Sibilla Margareta Katharina.« Vorsichtig goss der Priester das geweihte Wasser über Sophies Köpfchen, während draußen am Himmel eine Wolke der Märzsonne Platz machte. Ein Strahl fiel durch das Fenster der Kapelle und legte sich auf die Stirn des Säuglings, wanderte höher an seinem kleinen Kopf und entzündete sich dort zu winzigen kupferroten Flammen.

Das Kind, drei Monate alt, öffnete die Augen, die von dem hellen Blau eines Frühlingshimmels waren. Es weinte nicht, sondern schaute mit Ausdruck in Richtung Fenster, durch das die alles erwärmende Sonne den Frühling nach einem langen und bitterkalten Winter verkündete. Die Anwesenden murmelten ein Dankgebet.

Sophie war ein stiller Säugling, der viel schlief. Nach der neuen Mode aus Frankreich wurde ihr kleiner Körper straff bis unter den Hals gewickelt und in der Kammer der Amme an einem Wandhaken aufgehängt. Wenn die Amme, eine kräftige Bäuerin aus dem Dorf, sie von der Wand herunterholte und zum Trinken an die Brust legte, füllte sich der kleine Raum hinter dem Kamin der Burgküche mit den Mägden, die das Kind bestaunen wollten. Es hatte sich auf der Burg rasch herumgesprochen, wie kraftvoll die kleine Sophie von Hirschbach die Leben spendende Milch in sich aufnahm. Die Mägde sagten, sie trinkt wie ein Alter, der seinen Humpen leert. Die Beschließerin, eine alte Vettel, die schon vierundvierzig Jahre zählte und immer verdrießlich war, mochte es nicht gutheißen.

»Das ist nicht gut für ein Mädchen, sie werden später neugierig und wollen zu viel wissen.«

Dann verrückte sie mit ihren knochigen Fingern die kleine Haube auf Sophies Kopf und zischte: »Seht euch das an, dieses Kupfer, das wird ein böses Ende nehmen! Ab sofort geben wir ihr weniger zu trinken und lassen sie länger hängen.«

Aber Sophies Amme liebte das Kind und hielt es so wie ihre Zwillinge, die den ganzen Tag halbnackt zu ihren Füßen auf dem Boden spielten, dabei nach ihren Füßchen griffen oder an ihren Fäusten saugten. Wenn alle draußen waren und ihrem Tagwerk nachgingen und sie bei der Flickarbeit oder beim Gemüseputzen saß, holte sie das Burggrafenkind von der Wand, wickelte es aus seiner festen Hülle und ließ es, wie die eigenen Kinder, nackt vor der Feuerstelle auf einem alten Stück Leinen liegen. Manchmal legte sie ihm einen ihrer Zwillinge zur Seite, damit es auch andere Kreaturen kennenlernte. Sophie quietschte und strampelte auf dem groben Tuch und genoss es, ihre Gliedmaßen zu strecken.

Diese Übungen blieben jedoch geheim, und so war man allseits verdutzt, als man den Säugling nach eineinhalb Jahren von der Wand holte und dieser zuerst aufrecht saß, dann über die Fliesen krabbelte und sich zuletzt am eisernen Schürhaken der Esse hochzog. Die Mutter, die diesem Schauspiel beiwohnte, bekreuzigte sich und ließ noch am gleichen Abend eine Messe für das Seelenheil ihrer Jüngsten lesen.

Sophie hatte drei ältere Schwestern und zwei ältere Brüder. Von den Geschwistern zählte die jüngste Schwester sieben Jahre, der älteste Bruder war vierzehn Jahre älter als sie. Jutta Margaretha von Hirschbach, die Mutter, hatte in den letzten sechs Jahren kaum Zeit gehabt für ihre Nachkommenschaft, denn sie leitete den Umbau der Burg zu einem Schloss. Jeden Tag schritt sie die Gräben ab, sprach mit Maurern, Zimmerleuten und Steinmetzen und trieb die Knechte zur Eile an. Den Kindern war das Spielen in den neuen Gebäudeteilen verboten, aber jeden Sonntag ging die Gräfin mit ihnen nach der Messe die Mauern entlang, damit sie das neue Haus wachsen sahen.

Nun, im sechsten Jahr der Umbauarbeiten bestand ihr ganzer Ehrgeiz darin, die Gebäude so weit wie möglich voranzutreiben, um ihren Mann, der von einer Reise im Mittelmeer zurückerwartet wurde, zu überraschen. Der Burgherr war seit längerem in Geschäften unterwegs und hatte seine Rückkehr angekündigt. Das Schriftstück, das er vor vier Monaten in Genua aufgegeben hatte, war zerknittert und mit Flecken übersät. Die Tinte im unteren Teil war verlaufen, aber Jutta las die blassen Zeilen voller Vorfreude wieder und wieder.

»Im Mai wird der Burggraf zurückkommen. Seiner schönen Hausfrau und den Kindern bringt er Geschenke aus Konstantinopel, fremde Früchte, Seide und goldenes Tafelgeschirr. Für den Garten Kerne und Samen. Trutz von Hirschbach und Mayenbach.«

Der Vater war oft auf Reisen nach Flandern oder Venedig, weil er für den Erzbischof von Trier Geschäfte im Ausland abwickelte. Diesmal war er per Schiff bis Malta gesegelt, was nicht ungefährlich war, auch wenn die Ritterschaft die Turbanfürsten nicht mehr bekämpfte, sondern mit ihnen Handel trieb. Das Mittelländische Meer war wegen räuberischer Piraten, die es auf die Handelsschiffe abgesehen hatten, nicht sicher. Umso froher war man auf der Burg, dass der Herr jetzt nach fast dreijähriger Abwesenheit wohlbehalten zurückkehrte.

Zunächst runzelte der Graf voller Misstrauen die Stirn, als Jutta ihm, nachdem er seine Söhne und Töchter der Reihe nach begrüßt hatte, eröffnete, es gäbe ein weiteres Kind bei der Amme in der Burgküche. Er blies seine Backen auf und hob die fuchsroten Brauen drohend über blitzenden Blicken. Bei seiner Abreise habe er, Trutz, eine schlanke Frau verlassen. Dabei donnerte seine Stimme so laut durch die Halle, dass die Söhne die Köpfe senkten, die kleineren Töchter sich hinter dem Gewand der Mutter versteckten.

Die furchtlose Jutta aber schickte die Kinder fort, nahm den Gatten beim Arm und bat ihn, sie zu begleiten. Auf dem Weg zur Küche erklärte sie ihm hinter vorgehaltener Hand, dass sich bald nach seinem Aufbruch die morgendlichen Übelkeiten eingestellt und dann die Dinge ihren Lauf genommen hätten.

Beim Eintritt in den Burghof verkehrte sich die düstere Stimmung des Ritters in dröhnende Heiterkeit, als er sah, wie ein kleines Mädchen mit fuchsroten Haaren von den Knien der Amme, die im Eingang der Burgküche saß, herunterrutschte und vergnügt kreischend in den Hof lief. Dort vertrieb es einen großen Truthahn, der ihr mit geschwollenem Kamm den Weg versperren wollte.

»Das ist unsere Sophie«, erläuterte ihm Jutta mit Stolz in der Stimme. »Eine echte Hirschbach, mein Fleisch und Blut«, murmelte der Burgherr. Das Kind drehte sein Köpfchen in die Richtung, aus der das Gelächter des Ritters kam und lief, die Arme in die Luft werfend, auf ihn zu. Trutz hob es in die Höhe, drückte es gegen seine Brust und küsste es herzhaft. Die Kleine dankte es ihm durch ein helles Lachen. Und immer, wenn sie ihn von da an gewahr wurde, umfasste sie einen seiner Stiefel und drängte sich an den großen Mann, so lange, bis er sie auf den Arm nahm.

Der Vater ging wieder auf Reisen, und bei seinem nächsten Besuch zu Hause war Sophie schon sieben Jahre alt und küsste ihm gesittet die Hand, in der Art wie es die älteren Schwestern machten. Die Mutter widmete sich weiterhin dem Schlossbau, der nun zügig voranschritt, denn der Burggraf hatte durch seine Reisen für den Trierer Hof Reichtümer erworben, so dass an Nichts gespart werden musste.

Um den Umbau zu beschleunigen, heuerte Jutta neben den jungen Männern aus dem Dorf auch Arbeiter aus weiter entlegenen Gegenden an. Einige kamen sogar aus dem entfernten Trier. Was zur Folge hatte, dass es einige Zeit später im Dorf eine Reihe von dunkeläugigen und schwarzhaarigen Kindern gab, die von den Dörflern als Moseller bezeichnet wurden.

Die Bauarbeiten waren, als Sophie in der Schlosskapelle die erste Heilige Kommunion empfing, fast abgeschlossen. Es waren ein neuer Rittersaal, ein Ahnensaal, eine größere Kapelle und die Wohnung des Geistlichen fertiggestellt worden. Ein Wunder waren die Fenster. Man hatte sie mit neuem Glas versehen und die Wohnräume waren nun auch im Winter hell, weil man sie nicht länger, wie in der alten Burg, von innen wegen der Kälte mit hölzernen Laden verschließen musste. Die Fenster im elterlichen Schlafzimmer und im Ahnen- und Marschallsaal trugen oben das farbige Wappen der Familie Hirschbach: ein von rechts nach links über einen Bach springender Hirsch, gekrönt von drei Kreuzen, die an die drei ruhmreichen Feldzüge des Ururururururahns Etzo gegen die Heiden zeugte. Dasselbe Wappen mit Hirsch und Kreuz hing auch in Stein über dem riesigen Kamin des Ahnensaals, in dem die Porträts aller Hirsch- und Mayenbachs, die in den letzten zweihundert Jahren die Burg bewohnt hatten, von den Wänden herabsahen. Der Kamin im Rittersaal hingegen blieb schmucklos, dafür war er so groß, dass man ein Schlachtross hätte hineinstellen können, und im Winter schleppten die Knechte ganze Baumstämme heran, um sein Feuer zu füttern.

Prachtvoll war auch die neue Halle. Ein ganzer Eichenstamm in der Mitte des Raums, glatt gehobelt und mit einem Sinnspruch versehen, trug die Balkendecke. Die Esse war doppelt so groß wie die der Burgküche. Die Kellerküche, wie man sie noch vor hundert Jahren auf der Burg in Betrieb hatte und in der es zuletzt gespukt hatte, hatte die Gräfin mit dem Aushub des neuen Schlossbaus zuschütten lassen. Aber die zum Burghof offene Sommerküche blieb erhalten und wurde erweitert. Die Wände waren mit eisernen Haken versehen, an denen im Frühjahr Kräuterbüschel und im Herbst das tote Wild und das Schlachtvieh der Burg hingen. Beim ersten Frost begannen die Mägde dann Pfannen und Roste zu schrubben, und man zog für den Winter in die große Küche um.

Das Schloss hatte gegenüber den zugigen Wohnräumen der Burg viele Vorteile. Große Fenster gaben Licht, eiserne Öfen verströmten Wärme, und viele Neuanschaffungen gaben dem Haus neue Farben: Die grünen Kacheln in der Küche waren bei Neuwied gebrannt, bunte Tischteppiche aus den Niederlanden und blau-weißes Porzellan aus Straßburg zierten die Tische. Im Damenzimmer hing ein monumentaler Wandteppich, der junge Frauen auf der einen, ein scheues Einhorn auf der anderen Seite zeigte. An das elterliche Schlafzimmer grenzte eine kleine Kammer, die vom hinteren Flur für den Heizknecht begehbar war. Er fütterte von dort den Ofen im Zimmer der Eltern, die es von nun an im Winter warm hatten, ohne behelligt zu werden. Auch hatte man im ganzen Haus breite Dielen aus Eiche verlegt. In der alten Burg hatten die Teppiche noch auf gestampftem Lehm gelegen.

Die Mädchen und Jungen bekamen Betten, die auf Füßen über dem Boden schwebten und oben und unten ein Ende aus Holz hatten. Als Sophie das erste Mal im neuen Bett schlief, hatte sie das Gefühl, in einem Boot zu liegen, und nachts wachte sie manchmal auf, um nachzusehen, ob sie noch im Zimmer war, oder ob das Bett mit ihr die Nette, den Fluss, der um den Burgberg floss, hinunter geschwommen war.

Die älteren Schwestern lachten sie aus. Jede von ihnen hatte einen Spiegel zum Einzug bekommen und sie betrachteten sich morgens und abends darin. Die strenge Kammerfrau hatte ihnen verboten, nach dem Nachtgebet noch einmal hineinzusehen, denn hinter dem Spiegel stehe immer der Leibhaftige. Doch die Mädchen hielten sich nicht an ihr Versprechen, sich schlafen zu legen und sofort die Augen zu schließen, wenn sie vom Niederknien aufstanden. Tuschelnd und kichernd holten sie die Handspiegel hervor und probierten aus, wie man einem Herrn ein Lächeln schenkt, oder wie man durch Hineinkneifen rosige Wangen bekommt. Die Übermütigen schnitten auch Grimassen, um den Teufel zu verschrecken.

Sophie zog sich dabei vor Angst die Decke über den Kopf, denn sie war noch in dem Alter, in dem das Wort der Kammerfrau einem ehernen Gesetz gleichkam, und sie befürchtete, jeden Augenblick den Teufel in den Saal treten zu sehen, um sie allesamt mit hinab in die Hölle zu reißen.

2

Die Verschönerung ihres Heims wurde zur Lebensaufgabe der Gräfin Jutta von Hirschbach. Sie war ohne Unterlass mit Ausbau, Einbau und Umbau ihres Heims so beschäftigt, dass neben dem Gesinde auch auswärtige Handwerker ständig auf der Burg wohnten. Darüber hinaus zog das komfortable Leben, das in Vielem den anderen Besitztümern und Bürgerhäusern der Gegend überlegen war, zahlreiche Gäste an. Vor allem in der kalten Jahreszeit gaben sich Künstler und Geistliche auf der Burg die Tür in die Hand.

In Sophies neuntem Frühjahr hielt ein Maler Einzug, der die Erwachsenen, Sophies Eltern und die beiden Tanten, Schwestern der Mutter, für den Ahnensaal porträtieren sollte. Diese Arbeit wurde gut bezahlt. Neben seinem Lohn hatte der Maler aber besondere Ansprüche. Täglich Kapaun oder Wildschweinbraten hatte er sich ausbedungen, zusammen mit einem abendlichen Krug Wein, und während des Tages zwei Humpen Bier. So saß er vor der Staffelei, in der einen Hand den Pinsel, in der anderen oft statt der Palette ein Kapaunenbein, in das er während der Arbeit hineinbiss. War es abgenagt, pflegte er es hinter sich auf den Boden zu werfen, zu rülpsen und sich den Mund am Ärmel abzuwischen. Sophie hielt sich gern in seiner Nähe auf. Sie versteckte sich hinter einem großen Schrank und beobachtete von dort interessiert den Fortgang seiner Arbeit.

Sophie war ein einsames Kind. Die Mutter, die ganze Nächte über Bauplänen und Rechnungen verbrachte, fand kaum Zeit für ihre Jüngste. Nur vor dem Schlafengehen durfte Sophie ihren sanften Blick genießen, den sie auf ihr ruhen ließ, wenn Sophie ihr die Hand geküsst und sie »mein liebstes Mütterlein« genannt hatte. In die Augen der Mutter zu schauen war so, als ob sie in den dunklen Brunnen im Hof schaute, um von oben ihr Spiegelbild zu sehen. Der Brunnen war jedoch so tief, dass man den Grund kaum sah. Auch Sophies Geschwister, alle ein gutes Stück älter als sie, waren mit ihren Dingen beschäftigt. Die drei Schwestern führten ausschließlich Gespräche über ihre in Aussicht stehende oder ersehnte Verheiratung.

Schon der kleinen Sophie erschien es wenig verlockend, ihren Lebensplan darauf zu beschränken, einem Ritter das Haus zu führen. Die Mutter hatte es mit dem Umbau des Hauses gut getroffen und eine erfüllende Beschäftigung gefunden. Eine solche Arbeit traute sie den putzsüchtigen Schwestern nicht zu. Auch mit den Brüdern teilte Sophie wenig. Sie träumten von Reichtum und Ehre, zogen aber den Kopf ein, wenn der Vater von den jahrelang währenden Schlachten erzählte, die man gerade durch ein Friedensabkommen beendet hatte. Und die Fräulein, die Jutta zur Betreuung der Mädchen eingestellt hatte, wechselten häufig, weil ihnen das Leben auf der Burg zu eintönig wurde. Nach einem dort verbrachten Winter, in dem sogar die Bauarbeiten ruhten, suchten sie meistens das Weite. Keine von ihnen blieb so lange, dass Sophie ein Gefühl für sie hätte entwickeln können, weder im Guten noch im Bösen. Früh sich selbst überlassen, waren rauchige Essen und Kamine Sophies Zufluchtsstätten, wenn sie Schutz suchte.

Abwechslung fand sie bei den Gästen der Burg, und der Maler, dem es gelang, etwas ganz Eigenes zu erschaffen, faszinierte sie. Die Farben, die er benutzte, bildeten einen lebhaften Kontrast zum grauen Einerlei des verregneten Frühlings draußen. Ihre Leuchtkraft und der Geruch, wenn der Maler sie mischte, brannten sich in ihr kindliches Gehirn. Und als ihr Geburtstag kam und der Vater fragte, was sie sich wünsche – alle saßen an der großen Tafel in dem Raum hinter der Winterküche – sah sie mit großen Augen zum Maler hinüber und flüsterte: »Ein Bild. Ein Bild von mir!«

Der Maler Frans lachte, er lachte und lachte, Tränen rannen aus seinen kugelrunden Augen, suchten sich den Weg über seine vom Vielfraß blaurot geschwollenen Wangen und liefen ihm in die Halskrause. Der Burggraf aber tat empört, denn nur die Erwachsenen der Familie durften porträtiert werden.

»Mit diesem Kind nimmt es kein gutes Ende, Meister!«, dröhnte er. »Sie hat eine Meinung und einen Willen wie ein ausgewachsener Mensch!«

Dann hieß er Sophie zu sich kommen, setzte sie auf seinen Schoß und drohte ihr voller Stolz mit seinem dicken Zeigefinger nah vor dem kleinen Gesicht. Sophie sah die kleinen rotblonden Härchen auf dem Finger ihres Vaters zittern und lächelte. Die Geschwister schauten verschreckt von ihren Tellern hoch. Der Vater hatte sehr laut gesprochen und niemand von ihnen wagte zu atmen. Sophie aber wusste, wann der Vater Spaß machte und wann nicht.

Der Maler wollte den Grafen beschwichtigen und redete ihm gut zu.

»Ich mache es günstig. Ein anderes Sujet wäre gut für meine Arbeit! Immer nur die ernsten Gesichter, das lähmt mein Handwerk! Und bedenken Sie, auch Könige lassen heutzutage ihre Kinder porträtieren und …«

Der Graf schnitt dem Maler das Wort ab.

»Sage er mir nicht, was ich zu tun oder zu lassen habe!«

Dann drückte er Sophie an seine Brust und flüsterte in ihr kleines Ohr: »Deinen Willen sollst du haben!«

Sophie blinzelte dem Maler zu, legte einen Finger an den Mund und bedeutete ihm zu schweigen. Sie wusste, dass man den Grafen nicht reizen durfte. Dann glitt sie vom Schoß des Vaters herab, küsste seine Hand und setzte sich wieder auf ihren Platz. Der Graf ließ für sich und den Maler weitere Krüge mit Bier auftragen und stieß mit dem Gast an.

Als Porträt im Ahnensaal zu hängen war eine große Ehre. Nicht alle Ahnen hatten es bis dorthin geschafft. Lediglich die bedeutenden Vorfahren erhielten einen Platz in der Galerie. Vor allem eine Frau, die Ahne Katharina, nahm viel Raum ein. Ihr Gemälde hing genau in der Mitte der Längswand. Alle anderen Porträts waren kleiner und um sie herum angeordnet, so dass sie für jemanden, der den Saal betrat, das Zentrum der abgebildeten Vorfahren bildete.

An Winterabenden, wenn die Kinder sich an den großen Ofen im elterlichen Schlafgemach drängten, weil überall sonst im Schloss der Raureif an den Wänden glänzte und man tagsüber nie richtig warm geworden war, erzählte die Gräfin den Töchtern die Geschichte der kühnen Katharina.

Sophie liebte diese Ahne und besuchte ihr Bild so oft sie konnte. Und bei jedem dieser Besuche entfachte das Gemälde neue Fantasien in ihr. Wenn die Sonne in den Saal schien, bildete sie eine Aureole um Katharina. Ihr feuerrotes Haar leuchtete kräftig vor dem dunklen Hintergrund. Auf ihrem linken Arm saß ein Falke, mit der rechten Hand hielt sie die Zügel, während sie zur Beizjagd ritt. Sophie hörte den heiseren Schrei des Falken, das Hundegebell, sah, wie die Erde unter den Hufen des galoppierenden Pferdes hochflog, wenn der Falke einen Fasan oder ein Rebhuhn geschlagen hatte. An nebligen Morgen, wenn kaum Licht in den Ahnensaal fiel und sich alle Farben in das Bild zurückzogen, stellte sie sich vor, wie die Ahne an einem Schreibpult sitzend, Bücher über Falknerei und Gartenbau schrieb. Bei mildem Frühsommerlicht hingegen schimmerten für Sophie die Fluten des Rheins auf Katharinas Gesicht, denn sie wusste, dass die Ahne auf einer Insel mitten im Fluss gelebt hatte.

Die Gestalt auf hohem Ross sah von oben auf den Betrachter herab. Sie hatte in ihrer Haltung etwas Abweisendes, aber ihr Blick war gütig. Katharina war Äbtissin geworden, und es hieß, sie sei sehr gelehrt gewesen und habe schon als Kind mit Nicolaus Cusanus debattiert. Diese Tatsache spielte eine große Rolle in den Darstellungen der Mutter, die gerne eine ihrer Töchter in einem Kloster gesehen hätte.

Sophie kannte aber auch die Legende von der weißen Gräfin, die nachts den Burgberg hinab galoppierte. In der Küche wurde, wenn sich die ersten Herbstnebel über dem Wald zeigten, oft genug darüber getuschelt und die jungen Mägde machten angstvolle Gesichter. Es hieß, wer die weiße Gräfin sehe, der müsse bald sterben. Sophie, der die Vorstellung des Todes noch fremd war, hätte die Ahne auf dem Geisterpferd gerne einmal gesehen. In einem Herbst war sie mehrfach und verbotenerweise nachts auf den Wehrgang geklettert und hatte vergeblich in die Dunkelheit gelauscht. Darüber war sie zweimal eingeschlafen und hatte sich wegen der nächtlichen Kälte einen schweren Husten zugezogen. Den Vater hatte sie häufig einen Trinkspruch auf Katharina ausrufen hören, die als einzige, wie er seinen Tischgesellen berichtete, einen räuberischen Überfall überlebt hatte.

»Eine echte Hirschbach kriegt man nicht klein«, rief der Vater dann, hob seinen Becher und trank ihn in einem Zug aus. Sophie sah die Ahne beim nächsten Besuch im Saal mit noch mehr Ehrfurcht an. Was musste sie für eine gute Reiterin gewesen sein, wenn sie den wilden Räubern entkommen war. Sophie selbst hatte Angst vor Pferden, seitdem sie einmal im Burghof gesehen hatte, wie eines auf die Hinterbeine gestiegen war, den Pferdeknecht mit sich gerissen und lahm getreten hatte.

Ihre Bewunderung für das Ahnenporträt der Katharina übertrug Sophie, je länger sie ihn aus ihrem Versteck beobachtete, auf den Maler Frans und sein Handwerk. Es musste wunderbar sein, Bilder herzustellen, die einem bei jedem Besuch etwas Anderes erzählten, und Sophie war fest entschlossen, so viel wie möglich über diese Kunst in Erfahrung zu bringen.

Ihre Mutter, die Gräfin, und eine Tante, die ein Auge auf die Mädchen hatte, seit das letzte Fräulein nach Mainz zu ihren Eltern zurückgekehrt war, wurden vom Maler Frans in den nächsten Tagen rasch abgetan. Er skizzierte sie einen Vormittag lang, dann machte er sich an die Ausarbeitung. Die Roben schwarz, die Halskrausen weiß, der gesamte Hintergrund in tiefem Grau.

Sophie hatte beobachtet, dass er sich beim letzten Bild einen vierten Krug mit Bier hatte bringen lassen, und sie bemerkte, dass seine Hand danach unsicher war, wenn er den Pinsel in den Tiegel tauchte und die Leinwand ansteuerte. Als er am Abend dieses Tages fertig wurde, wagte sie es, ihr Versteck zu verlassen und ihn zu fragen, ob er ihr ein Stück Leinwand und etwas Holzkohle überlassen könne. Der Maler, der vor dem unfertigen Bild ihrer Patentante Gerburg eingenickt war, schreckte hoch.

Die porträtierte Tante sah ungnädig auf ihn herab, denn er hatte zwar ihr Gesicht, aber erst die Hälfte ihrer Halskrause fertig gestellt. Ihr oberer Leib befand sich noch in Skizzenform, wobei die Linien ihres Leibesumfangs beträchtlich voneinander abwichen, so als habe Frans ein wenig mit ihrer Figur gespielt, indem er sie einmal rank und schlank, dann wieder matronenhaft dick gezeichnet hatte. Und er hatte sich den Spaß gemacht, ihren strengen Gesichtsausdruck durch ein sehr gewagtes Dekolleté, bei dem eine Brust vorwitzig über das Korsett lugte, zu konterkarieren. Etwas Verwirrendes ging von dem Bild aus und Sophie fragte den Maler, ob er immer verschiedene Formen in einer Skizze ausprobiere.

Der Maler Frans antwortete nicht, sondern füllte mit einem breiten Pinselstrich die Fläche über der nackten Brust mit einem tiefen Schwarz. Dann lehnte er sich weit nach hinten, kniff die Augen zusammen und betrachtete das Ergebnis. Nach einem herzhaften Schluck Bier gab er Sophie zur Antwort, dass er sich sein Modell zuerst immer nackt vorstelle, bevor er es bekleide. Sonst würde das Bild am Ende nicht stimmen.

3

So lernte Sophie, dass es in der Malerei eine Fülle von Möglichkeiten gab, ein Sujet umzusetzen. Die Tante konnte man dick, dünn, bekleidet oder sogar nackt malen. Und das Schöne war, man konnte ein Bild immer wieder verändern, indem man zum Beispiel die nackte Brust der Tante in Windeseile mit schwarzer Farbe in ein strenges Kleid verwandelte. Der Maler Frans erklärte ihr, dass man in der Porträtmalerei nach bestimmten Regeln verfahre, aber auch den Wünschen der Porträtierten folge. Dann gähnte er herzhaft und griff unter seinen Schemel. Dort lagen noch ein paar Reste einer Leinwand, die er vor ein paar Tagen zugeschnitten hatte. Er zog die Stücke hervor und forderte Sophie auf, sich so viele zu nehmen, wie sie brauche. Dann hielt er ihr noch ein Weidenkörbchen mit Kohlestücken hin: »Hier! Und jetzt geh’, du hältst mich von der Arbeit ab!«

Sophie raffte die Leinwandstücke zu einem Bündel zusammen, griff sich ein rundes Stück Kohle und lief, so schnell sie konnte, in den Mädchenschlafsaal. Dort versteckte sie ihre Schätze unter dem Bett. Und immer, wenn die Schwestern den Schlafsaal verlassen hatten, holte sie Leinwand und Kohle hervor und zeichnete Vögel, Blumen und die Burg.

Bald war das größte Stück Leinwand dunkelgrau, denn sie hatte wieder und wieder ihre Werke ausgewischt und neue Bilder darüber gezeichnet.

Vier Tage später, der Maler arbeitete inzwischen am Porträt des Vaters und hatte sie rufen lassen, stand sie selbst Modell. Sie hielt einen Apfel in der Hand und trug ein schwarz-graues Festtagskleid, das oben von einer weißen, gefältelten Halskrause abgeschlossen wurde.

Der Maler Frans skizzierte eifrig, aber nach einer Weile schien ihm etwas zu fehlen. Er grunzte und ließ sich noch eine Platte mit Fleisch auftragen. Dann bat er darum, einen kleinen Hund von draußen zu bringen. Den fütterte er solange mit Schinken, bis das Tier müde zu Sophies Füßen lag. Zwischen Füttern und Malen biss er ab und zu in eine geschälte Zwiebel und trank aus dem Krug mit Bier.

Nach einer Woche durfte Sophie einen Blick auf das Bild werfen, für das sie Modell gestanden hatte. Darauf stand ein kleines, ernst blickendes Mädchen. Zu seinen Füßen spielte ein Hund, der zu ihm hochschaute. Das Mädchen hielt einen roten Apfel in der Hand, obwohl Sophie doch einen grünen gehalten hatte. Ihr Kleid war unten blau statt grau und ihre Haare blond. Soweit sie sich erinnerte, hatte der echte Hund nicht einmal zu ihr hochgeschaut, sondern immer nur das Brett mit dem Fleisch fixiert, das neben Frans auf einem Schemel stand.

»Was ist mit meinen Haaren?«, fragte sie den Maler schüchtern. »Warum sind sie blond?«

»Kinder mit roten Haaren, dat zal niet doen! Kleine Mädchen mit solchen Haaren wirft man bei uns in tiefe Brunnen!«, murmelte der Maler.

»Aber Papa wird böse sein, er wird das Blond nicht mögen, er hat doch selbst rote Haare!«

Der Maler blinzelte ein wenig und sah zwischen ihr und dem Bild hin und her. Dann nickte er.

»Da magst du Recht haben. Gut, dann male ich dir nur die Haube!«

Er tauchte einen Pinsel in einen Tiegel mit einer Farbe, die aussah wie frische Milch und im Nu war das Blond verschwunden. Mit einem anderen Pinsel zog er eine feine schwarze Linie zwischen dem Weiß der Haube und der Stirn des Kindes.

»So besser, juffrouw?«

Sophie nickte. Die weiße Haube ließ tatsächlich nichts von ihren Haaren sehen. Dann zeigte sie lachend auf ihren Kopf.

»Meine Haube kommt nie so weiß aus der Wäsche wie auf deinem Bild. Selbst im Sommer nicht, wenn sie auf der Bleiche gelegen hat. Und worauf stehe ich denn da? Wo gibt es diesen Fußboden? Wir haben hier doch nur Dielen!«

»Kind, du fragst zu viel. Ich habe dir Fliesen wie bei mir zu Hause gemalt und du beklagst dich!«

Dabei ließ er geräuschvoll seine Winde ab, denn er hatte an diesem Morgen vier ganze Zwiebeln zum Bier gekaut. Sophie hielt sich die Nase zu und zuckte mit den Schultern.

»Papa wird es nicht mögen, dass ich so ernst blicke. Er mag fröhliche Kinder oder gar keine, sagt er immer.«

Der Maler starrte nachdenklich auf sein Bild.

»Das sind deine Augen, die sind für mich nicht einfach. Sie haben die Farbe des Himmels im Frühjahr oder die der See, an einem Sommermorgen.«

»Was ist die See?«, wollte Sophie wissen.

Der Maler Frans trank erneut aus dem grauen Tonkrug. Den zinnernen Becher, den man ihm daneben stellte, ließ er wie stets unbeachtet.

»De zee, wie man bei uns sagt, das ist viel Wasser. Wasser soweit das Auge reicht. Meer, Wellen, Wind. Da wo das Land aufhört, beginnt die See. Schau!«

Nun goss er doch etwas in den Becher und blies hinein, so dass sich die Oberfläche kräuselte.

»So ist das Meer, aber viel größer!«

»Größer als unsere Burg und der Wald?

»Viel größer!«

Seine Vergleiche führten dazu, dass sich Sophie fortan das Meer in der Farbe des Gerstentrunks vorstellte. Mit Interesse bemerkte sie, wie der Maler den Pinsel vorsichtig in die Milchfarbe tunkte und zwei helle Pünktchen in die blauen Augen des Porträts tupfte. Sofort blickten sie freundlicher und Sophie freute sich über die Veränderung. Dann griff Frans nach einem neuen, sehr feinen Pinsel und verlängerte die Mundwinkel der Porträtierten nach oben.

»So? Soll es so sein?«

Sophie klatschte in die Hände und nickte. Aus dem Bild blickte sie ein Leben sprühendes Konterfei an, zu dessen Füßen ein Hund spielte.

»Das wird dem Vater gefallen!«

Das fertige Gemälde war so lebensnah, dass es später, zum Verdruss von Sophies älteren Geschwistern, auf Anordnung des Burggrafen einen Platz in der Ahnengalerie bekam.

Sophie, die meist sich selbst überlassen war, folgte dem Maler in diesen Tagen überall hin. Am Abend ging Frans zu den Mägden in die Küche, trank dort Wein und unterhielt die Frauen mit Geschichten aus seiner Heimat. Sophie setzte sich dann neben die Esse und machte sich klein. Einmal sah sie, wie er eine von den Mägden umfasste, eine Hand an ihren Hintern und die andere an ihre Brust legte. Sophie dachte, das sei eine Art Tanz aus seiner Heimat, aber die Magd quiekte so laut, dass Sophie vor Schreck einen Stapel mit Tonschalen umwarf. Die Magd drehte erschrocken den Kopf weg und zog das Tuch über ihrer Brust zusammen. Der Maler Frans schimpfte Sophie aus. »Pah, was hockst du da? In der Küche hast du so spät nichts zu suchen!«

Sophie sprang auf und lief rasch in die Stube hoch, in der die Familie ihre Mahlzeiten einnahm, und von dort in den Schlaftrakt des Schlosses. Aus dem elterlichen Gemach drangen vertraute Geräusche, Vater und Mutter schnarchten. Im Mädchensaal ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Die Schwester im Nebenbett murmelte im Schlaf »Gute Nacht«.

Sophie stand wieder auf und strich, als sie sich auszog, über ihren Busen. Im fahlen Mondlicht bedauerte sie es, dass ihre Brust so klein war. Denn das schien den Maler zu interessieren. Vielleicht sollte sie ihn fragen.

Eile war geboten, ihr Anliegen war dringend, denn Frans wollte bald wieder abreisen. Und wenn er ihren Busen angesehen hätte, würde er sich vielleicht ihrer Bitte nicht verschließen, die Burg nach ihren Wünschen zu malen. Sie hatte heimlich vom Garten aus an einer Skizze gearbeitet. Das fertige Bild sollte in Farbe ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter werden.

Am nächsten Morgen schlich sie noch vor dem Frühstück in den Erker, in dem der Maler seine Staffelei aufgestellt hatte. Und als Frans sich ächzend auf seinen Stuhl niederließ und sie mit gerunzelter Stirn musterte (»Du schon wieder!«), fragte sie ihn flüsternd, ob er sich auch für ihre Brust interessiere.

»Was?«

Der Mann drehte sich zu ihr um und sah sie an. Dann lachte er laut auf, schlug sich auf den Schenkel, lachte, dass ihm wieder die Tränen über sein rotes Gesicht liefen. Sophie aber blieb beharrlich. Offenbar wurde ihr Angebot nicht geschätzt und sie musste sich aufs Bitten verlegen.

Sie zog das Stück Leinwand unter ihrem Überkleid hervor, dass er ihr geschenkt hatte.

»Schau! Hier habe ich ein Bild von der Burg, und ich wünsche, dass du sie so in Farbe malst!«

Der Maler nahm, immer noch lachend, Sophies Zeichnung, wischte sich die Tränen aus den Augen und besah sich das Bild, das Sophie auf einem fünfzigfach verwischten Hintergrund letztgültig angefertigt hatte. Schlagartig verstummte er, stand auf und ging zum Fenster. Er kniff, wie es seine Art war, die Augen zusammen und hielt die Zeichnung hoch. Dann murmelte er etwas in seiner Sprache.

»Was sagst du?«, fragte Sophie, die ihn nicht verstanden hatte.

»Woher hast du das?«

»Gefunden«, log Sophie. »Aber«, fuhr sie fort und stampfte dabei mit ihrem kleinen Fuß auf, »willst du die Burg nun so malen oder nicht?«

»Ich male nur Porträts. Aber diese Zeichnung ist sehr gut, ich frage mich, wie sie hierhin gekommen ist. War ein anderer Maler vor mir hier?«

Sophie beantwortete seine Frage nicht und verlegte sich stattdessen aufs Feilschen. »Zwei Krüge Bier mehr? Einen ganzen Kapaun? Ich werde dafür sorgen, dass es dir an nichts mangelt, wenn du die Burg so malst, wie du sie da siehst!«

Der Maler nahm wieder vor der Staffelei Platz und zuckte mit den Schultern. »Ich habe keinen Auftrag, juffrouw, und ohne Auftrag male ich nichts!« Dann wischte er sich seufzend eine letzte Träne ab und griff nach Palette und Pinsel.

Sophie lief zu ihrer ältesten Schwester, Adelheid, die sich ebenfalls gut mit dem Vater stand und der ihr nie etwas abschlug. Adelheid hörte der kleinen Schwester zu, strich ihr eine kupferfarbene Strähne aus dem Gesicht und sah lächelnd auf Sophie, die vor Aufregung und Leidenschaft hochrot geworden war. Seufzend nahm sie Sophies kleine Hand in die ihre.

»Dieser Maler stinkt immer fürchterlich nach Zwiebeln, und er setzt sich an der Tafel meistens neben mich. Ich wünschte, er verließe uns bald, aber wenn du es dir so sehr wünschst.«