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Sophie wird durch einen Unfall mit der Zeitmaschine ihres Großvaters 200 Jahre zurück in die Vergangenheit versetzt. Durch eine Verwechslung und mehrere Zufälle wird sie, mehr oder weniger freiwillig, zur Kaiserin der damaligen Reiche ausgerufen. So muss sie den Platz der vor kurzem spurlos verschwundenen und ermordeten Kaiserin einnehmen und wird zur neuen Zielscheibe des Ordens des schwarzen Greifs. Welcher im Schatten ihrer neuen Heimat nach uneingeschränkter Macht dürstet und nichts scheint ihn aufhalten zu können…
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2015
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M.-Theresa Pöll
Sophie Ingendia
Der Orden des schwarzen Greifs
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Impressum neobooks
Diese Geschichte ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit einem anderen Roman und charakteristische oder äußerliche Ähnlichkeiten mit realen oder anderen fiktiven Personen sind nicht beabsichtigt.
Auf dem, parallel zu unserer Erde existierenden Planeten Edre, auf dem die klimatischen Bedingungen für Lebewesen ebenfalls hervorragend sind, hat die Evolution genauso wie auf unserem Heimatplaneten Menschen, die sich fast ident entwickelt haben wie wir, hervorgebracht. Man könnte sagen, dieser Planet ist von den Lebewesen, Pflanzen und der Beschaffenheit eine exakte Kopie unserer Erde. Es gibt nur den Unterschied, dass die Kontinente und Länder anders aussehen und heißen.
Diese Geschichte ereignet sich in den Jahren 1783/84 und 2012 nach Beginn der Zeitrechnung der Menschen auf Edre.
Das konstitutionelle Kaiserreich Voxien, 23. Juni 2012 (Gegenwart);
Sophie steigt die Treppen des Museums hinauf. Die Sechzehnjährige geht durch die belebten Gänge des Ausstellungshauses an vielen verschiedenen Gemälden, Menschen, Statuen und noch vielem mehr vorbei. Bis sie endlich in das Büro von Herrn Jason kommt, hinein geht und zu dem Bücherregal hinter dem Schreibtisch schreitet. Als sie direkt vor dem Regal steht, zieht sie an einem Buch, welches oben achtlos in das Regal gestopft worden ist. Sofort erscheint eine Schaltplatte, wie man sie von gut gesicherten Häusern und Geschäften an der Wand kennt, an der linken Außenwand des Bücherregales. Das Mädchen lässt ihren Blick über ihre rechte Schulter huschen und gibt dann mit flinken Fingern den Code ein. Plötzlich beginnt der Boden etwas zu vibrieren. Langsam bewegt sich das Regal nach rechts und gibt so einen Geheimgang frei.
Voxien, 23. Juni 1783 (Vergangenheit);
Johann blätterte eilig in seinem Buch, welches er in der kaiserlichen Bibliothek ausgeliehen hatte und suchte bis jetzt vergebens nach einem Hinweis über den „Orden des schwarzen Greifs“. Er wusste nur ein paar unklare Einzelheiten über diesen geheimnisvollen Orden. Zum Beispiel wusste er, dass dies ein Untergrund-Orden war und, dass dieser eine bestimmte Absicht hatte. Dies war aber auch schon sein Wissen über diese Vereinigung. Erneut wurde er von einem Buch enttäuscht. Es war sehr schwer an Daten von solchen Untergrundorganisation zu kommen. Aber es war auch ein Wunder, dass er überhaupt etwas von diesen Orden erfahren hatte, denn jeder, den er nach diesem gefragt hatte, hatte ihn nur mit einem fragenden Blick geantwortet. Johann schloss das Buch und legte es auf den Tisch. Er zog ein Blatt zu sich und begann ein Musikstück für die Kaiserin zu komponieren, das in einigen Monaten ein Orchester Ihrer Majestät vortragen sollte.
In der eisigen Kälte der Nacht rollte sich der Junge in ein armseliges Stück Stoff ein und kauerte sich zitternd auf den kalten Gassenboden zu einem Knäuel zusammen. Er war sich bewusst, dass bald ein wohlhabender Wirt kommen und ihn vertreiben würde, doch bis dahin versuchte er zu schlafen. Bevor er einschlief musste er an seine Mutter denken. Der kleine Junge vermisste sie unheimlich. Es kam ihm vor, als hätte er nur eine Minute geschlafen, schon wurde er durch einen Fußtritt aus seinem Schlaf katapultiert. „Verschwinde, du Straßengesindel! Du vertreibst mir noch die ganzen Leute, also verschwinde! Dreck!“, schrie der bierbauchige Wirt den Kleinen an. Sofort riss Lukas seine Decke an seine, mit zerschlissenem Gewand bekleidete, Brust und sprang auf. Der Wirt jagte ihn durch einige Gassen und Straßen bis er außer Atem war und wieder umdrehte. Das Waisenkind lief trotzdem weiter, um wirklich in Sicherheit zu sein.
Voxien, 2012;
Sophie geht mit schnellen Schritten durch den Gang. Hinter ihr schließt sich die Bücherregaltür wieder. „Wer ist da?“, fragt eine alte Stimme. „Ich bin es!“, antwortet Sophie. „Oh, Sophie. Ist die Schule schon aus? Komm doch einmal her, ja?“ „Ich komme und ja die Schule ist schon aus! Endlich langes Wochenende!“, sagt Sophie mit erleichtertem Tonfall zu ihrem Großvater. Sie geht durch ein riesiges perlweißes Labor, wo ihr Großvater in seiner Freizeit, die er allerdings nur sehr selten hat, an verschiedenen Erfindungen und Experimenten herumbastelt. Rund um die beiden stehen halbfertige oder schon fast vollendete Maschinen. „Was ist denn das für ein Gerät?“, fragt der Teenager, als sie sich direkt neben dem alten Mann platziert und auf eine fast zur Decke reichenden Maschine zeigte, an der er herumwerkelt. „Ach, das ist nur der Versuch einer Zeitmaschine! Aber du kommst gerade recht zum Ausprobieren, ob sie überhaupt funktioniert.“ Sophie lehnt sich mit der Hand gegen das Schaltpult der Zeitmaschine. Der augenscheinliche Rentner rollt auf einem Skateboard unter der Maschine hervor, steht auf und geht hinüber zur Wand. „Da ist also mein Skateboard! Ich habe das Teil schon überall gesucht!“, ruft Sophie mit einem anschuldigenden Ton dem Hobbyerfinder zu. „Du weißt doch, dass ich es manchmal mit meinem Rücken habe.“ „Das ist keine Entschuldigung! Du hättest ja nur fragen müssen!“ „Aber du warst gerade in der Schule und ich kann schlecht in den Unterricht platzen, um dich zu fragen, ob ich mir dein Skateboard ausleihen darf“, gibt der ältere Herr zurück. „Ach, lassen wir das, okay?“, fragt das Mädchen. „Ja“, antwortet ihr der Großvater, „Ich hab es gleich. Ich muss nur noch den Stecker in die Steckdose stecken.“ Er bückt sich und schließt die Zeitmaschine an das Stromnetz an. Plötzlich erstrahlt die Maschine.
Voxien, 1783;
Johann war gerade mit den ersten Seiten der Komposition fertig geworden, als jemand an seine Wohnungstür klopfte. Er stand auf und eilte durch die Wohnung. Der Komponist öffnete die Tür und Francesco Mirak, Fürst von Luxar, höchstpersönlich stand erhaben vor ihm. Seine grünen Augen sahen Johann an, als ob er ihn röntgen wollte. Etwas, sowohl freundliches, als auch verächtliches lag in seinem Gesicht. Johann machte eine tiefe Verbeugung und fragte: „Was verschafft mir die Ehre, Durchlaucht?“ „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihnen die Freude zu Teil wurde für unsere geliebte Kaiserin zu ihrem Geburtstag eine Komposition zu kreieren, Frawek. Deshalb bin ich zu Euch gekommen, um mich zu erkundigen, ob es Euch damit auch gut geht. Immerhin nicht mehr lange und die Komposition wird vorgetragen“, meinte der hakennasige Mann. „Wie rücksichtsvoll von Euch! Es geht mir sehr gut mit der Komposition, danke der Nachfrage“, antwortete Johann glücklich, „Wollt Ihr eintreten?“ „Leider habe ich noch viel zu tun, sonst würde ich mit Freuden eintreten!“, sagte der Adelige und wandte sich zum Gehen. „Fürst, wartet! Ich habe noch eine Frage“, warf Johann noch schnell ein, in der Hoffnung er könnte etwas herausfinden, als der Adelige sich schon umgedreht hatte - „Wisst ihr zufälligerweise etwas über den Orden des schwarzen Greifs?“ „Über den Orden des schwarzen Greifs?“, wiederholte Francesko Mirak prüfend. Johann nickte. „Ich fürchte, ich kann Ihnen bei diesem Thema nicht weiterhelfen, dieser Orden kommt mir heute zum ersten Mal zu Ohren. Tut mir leid, Frawek, aber nun muss ich wirklich gehen.“ Johann war schon wieder enttäuscht worden. Er hatte gehofft der Herr würde etwas wissen, da er es schon sehr oft mit allmöglichen Orden zu tun gehabt hatte. „Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend, Durchlaucht!“, sagte der Komponist mit Enttäuschung in der Stimme. „Danke! Ihnen auch!“, schon war der Fürst um die Ecke geschritten und ging die Treppen des vierstöckigen Hauses hinunter. Johann schloss die Tür und machte wieder mit den üblichen Hausarbeiten weiter.
Lukas träumte einen schönen Traum. Er träumte wieder von seiner Mutter. Sie war, als er drei Jahre alt war, von einer Kutsche überfahren worden. Er musste es mit ansehen und sein Vater war im Krieg gefallen. Seine Träume wechselten in dieser Nacht schnell. So ging es weiter bis er von der aufgehenden Sonne geweckt wurde. Kurz nach dem Aufwachen merkte er, dass er in dieser Nacht zur großen Mauer vor der kleinen Kirche gewandert war. Von dem Hügel aus, auf dem die Kirche stand, konnte man in der Ferne gut das Schloss der Kaiserin sehen. Im Volksmund wurde es Libertas genannt. Es war groß, schön und hatte traumhafte Gärten, in denen man wunderbar spielen konnte. Er drehte sich etwas nach rechts. Dort erstreckten sich grüne Gras- und fruchtbare Getreideflächen, welche von Bergen umringt wurden; dann erklangen die Kirchglocken über ihm.
Das Kaiserreich Voxien, Libertas, 24.Juni 1783;
Tiefe Schwärze umhüllte die junge Dame wie ein Mantel aus Dunkelheit. Doch dann rief jemand hoffnungsvoll aus der Ferne: „Eure Majestät es ist Zeit zum Aufstehen! Es ist ein wunderbarer Morgen!“ Sophie hörte wie Gardinen aufgezogen wurden. Die Frauenstimme lachte fröhlich. „Nun kommen Sie schon! Sie liegen schon seit zwei Tagen im Bett!“, sagte die Stimme wieder, noch mit leichter Sorge in der Stimme. Sophie wollte die Augen nicht öffnen, sie hatte eine Befürchtung. „Das kann nicht sein. Habe ich wirklich an ihr gelehnt? Ich hoffe das war nur ein Traum…“, dachte sie sich, doch dann zwang sie sich ihre Lider zu öffnen. Was sie sah war unglaublich. Ihre Augen erblickten einen roten Baldachin. Sie lag in einem weichen Doppelbett mit einer aus roten Tüchern bestehenden Überdachung, welche von vergoldeten Holzstangen getragen wurden. Sie schloss die Augen wieder und flüsterte: „Das darf alles nicht wahr sein!“ „Eure Majestät ist endlich wach!“, sagte die Frauenstimme nun freudig mit anfänglicher Unsicherheit. „Man kann das wohl so nennen. Ja!“, flüsterte Sophie. „Soll ich Herrn Zaron Bescheid sagen, dass Ihr wach seid?“ „Wer? Ääh … Ja. Seid doch so lieb und sagt ihm, dass ich unbedingt mit ihm sprechen muss.“ „Wie Ihr wünscht!“, meinte die Stimme aufgeweckt. Sophie hörte eilige Schritte und schließlich wie eine Tür aufgemacht wurde und wieder ins Schloss fiel. Sie öffnete langsam ihre Augen, wandte ihren Kopf der rechten Wand zu und betrachtete wunderschöne Fresken. Dann richtete sie ihren Blick auf die linke Wand. Anders als bei der rechten waren hier keine Fresken, sondern Öl-Porträts von Menschen, die unglaublich schön gekleidet waren und Schmuck trugen. Diese Leute sahen aus, als hätten sie einem edlen Königsgeschlecht angehört. Sie beschloss das Zimmer zu erkunden und sich danach anzuziehen. Die junge Frau richtete sich auf und verließ das Bett. In schönen kräftigen Farben strahlte das Nachthemd, das sie kleidete. Sophie blickte auf und sah direkt in ihre tiefblauen Augen, während ihr die dunkelbraunen Haare bis knapp über die Schultern fielen. Unter dem Spiegel war eine Kommode platziert, verziert mit aus Goldplättchen bestehenden Mustern. Sie wandte sich nach rechts. Gegenüber dem Bett waren große Fenster, die den Raum mit Licht durchfluteten. Die ganze Wand bestand nur zu einem kleinen Teil aus Mauer, den die kleinen Säulen zwischen den Fenstern ausmachten und sonst aus Glas. Sophie ging zum Ende des Bettes und blickte erneut nach rechts, wo sie an der Wand große dunkelbraune Schränke vorfand. Sie ging auf die Schränke zu, während das Eichenparkett mit Kirschintarsien unter ihren Füßen leicht nachgab. Einen Meter von den Schränken entfernt blieb sie stehen, legte ihren Kopf ins Genick und betrachtete die gewölbte Decke. Auch hier waren Fresken aufgemalt worden. In der Mitte befand sich ein goldener Kronleuchter, dieser wäre die unglaublichste Beute eines jeden Diebes gewesen. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Schrank. Sophie machte einen weiteren Schritt und öffnete langsam die Schranktüren. Im Holzschrank waren die schönsten Kleider aufgehängt, die sie je gesehen hatte. Die traumhaften Kleider strahlten, jedes für sich, in den intensivsten Farben. „Wenn das alles hier kein Traum ist, welches Jahr schreiben wir? Wie komme ich zurück nach Hause? Aber das Wichtigste welche Rolle spiele ich hier, es kann doch nicht sein, dass ich…oder doch?“, überlegte Sophie mit gerunzelter Stirn. Sie schritt auf die Fenster zu und schaute in den Innenhof hinunter. „Ich muss im ersten Stock des Gebäudes sein!“ Im Hof sah sie viele Menschen. Ein Beweis dafür, dass die Zeitmaschine funktioniert hatte, denn all diese Menschen trugen Rokokokleider. Es war der Innenhof eines Schlosses, eines großen und prächtigen Schlosses. Sophie wandte sich vom Treiben des großen Innenhofs ab und ging zum Schrank zurück. Ihr Entschluss stand fest. Für das Erste hatte sie vor nicht aufzufallen, nahm sich ein blau-türkises Kleid aus dem Schrank und ging zum Bett zurück. Sie legte es auf das nicht gemachte Himmelbett, holte die dazu passenden Schuhe und begann sich umzuziehen. Als sie fertig war, hängte sie das Nachtkleid in den Schrank zurück. Sie atmete tief durch und schloss den Schrank. In dem Moment klopfte jemand an der Tür. „Ich komme!“, rief Sophie zur Tür gewandt, die sich einige Meter links neben den Schränken befand. Mit schnellen Schritten näherte sie sich dieser. Kurz vor dem Türblatt atmete Sophie ein weiteres Mal tief durch, dann öffnete sie die verzierte Tür.
Johann war schon seit einigen Stunden wach und hatte sich bereits an seine Arbeit begeben. Er schloss die Wohnungstür hinter sich. Der Schlüssel wurde in die Manteltasche gesteckt und gleich darauf hallten die Schritte des Mannes von den Treppenhauswänden wider. Johann, vor Lebensfreude sprühend, jagte die Treppen hinunter bis er schließlich, beim Portier vorbei, vor der Haustür des Gebäudes angekommen war. Mit dem Einkaufskorb in der Hand, machte er die Tür auf, verabschiedete sich vom Mann hinter dem Tresen und schritt über die Türschwelle. Er marschierte durch die Straßen Nethas, der Hauptstadt Voxiens, auf den Markt zu.
Der kleine Junge Lukas streifte durch die Straßen der großen Stadt. Der Markt war vor ihm aufgetaucht, nun hatte er endlich die Möglichkeit sein Loch im Bauch zu füllen. Lukas ging, vor Hunger gekrümmt, durch die noch kleine Ansammlung von Menschen, die sich an den einzelnen Ständen verdichtete. Dann fiel ihm dieser Mann auf. Er trug einen pechschwarzen Umhang mit einer Kapuze, die er tief in sein Gesicht gezogen hatte. Sein rechter Arm ruhte im Inneren des bodenlangen Mantels und lag scheinbar auf etwas. Auf seiner Brust war mit rotem, auf der rechten und mit grauem Garn, auf der linken Brustseite, jeweils eine Hälfte eines eigenartigen Wesens eingestickt worden. Es hatte Flügel, einen Schnabel, aber auch einen Schwanz und Pranken. Er sah unheimlich aus, irgendwie düster, so wie er dort an der Wand eines Wirtshauses lehnte. Der Mann schien auf etwas zu warten. Nur worauf? Lukas folgte dem Blick des Mannes nach rechts und sah in der Menge einen schöngekleideten Mann mit Einkaufskorb die Stände abklappern. Nun begann sich der Kapuzenmann zu regen und fixierte sich auf den Mann mit dem Korb. Der in schwarzes Gewand Gehüllte löste sich von der Wand und Lukas erschrak, denn die muskulöse Gestalt hatte gerade ein langes, scharfes Schwert aus dem Umhanginneren gezogen, ließ es nur wenige Zentimeter über den Boden schweben und ging auf den Mann mit dem Korb zu. Lukas musste handeln.
Johann betrachtete die Salatköpfe und überlegte, welchen dieser Schönheiten er nun nehmen sollte, als ihn plötzlich etwas mit voller Wucht zur Seite riss und sich kurz darauf ein ellenlanges Schwert in der Tischplatte des Standes verkeilte, wo er noch vor einer Sekunde gestanden hatte. Ein Junge in zerlumpten Kleidern hatte ihn noch rechtzeitig zur Seite gerissen und ihm somit, zumindest für das Erste, das Leben gerettet. „Danke!“, sprudelte es aus seinem Mund „Wie heißt du?“ „Lukas!“, antwortete der arme Junge, während sich beide schnell wieder aufrappelten. Doch in ein längeres Gespräch konnten sie sich nicht vertiefen, denn der bewaffnete Mann hatte das Schwert aus der Holzplatte befreit und ließ es mit einer eleganten Bewegung einen Looping in der Luft beschreiben. Gemächlich schritt er auf die Zwei, die immer weiter zurückwichen, zu. Die Menschenmenge war schreiend auseinander geströmt und versuchte sich selbst in Schutz zu bringen. Plötzlich stießen der Junge und der Komponist mit den Rücken gegen einen Korbstand. Sie saßen in der Falle. Der Kapuzenträger schwang erneut das Schwert. Dieses Mal kam das Prachtstück von rechts und sauste surrend herab. Lukas rannte nach links. Frawek konnte sich noch in letzter Sekunde zur Seite werfen und landete mit voller Wucht auf dem Boden, während das messerscharfe Schwert nur knapp sein Genick mit allem Drum und Dran verfehlte. Frawek drehte sich auf den Rücken. Ihm schauderte es beim Anblick des maskierten Mannes. Ihm standen die Haare im Nacken zu Berge, als er das Schwert auf ihn niedersausen sah. Johann hielt seinen Arm schützend über seinen Kopf, wohlwissend, dass sein Arm in diesem Fall nicht sehr viel nützen würde, denn das viel zu große Messer würde ihn wie eine gekochte Kartoffel in Scheiben schneiden. Das Schwert näherte sich mit beängstigender Geschwindigkeit erneut seinem Körper.
Der Mann hatte einen grün-goldenen Rock, eine weiße Hose und schwarze Schuhe an. Er verbeugte sich so tief, dass seine braunen Haare beinahe den Marmorboden des Ganges berührten. Als er aufsah, konnte Sophie die Iris des jungen Mannes ihr gegenüber erkennen. Seine Augen waren Braun wie flüssige Schokolade und jugendlicher Ehrgeiz und Schalk blitzten in ihnen auf. „Eure Majestät wünschen mich zu sprechen. Geht es Euch gut?“, fragte der Mann mit seiner warmen Stimme. Sophie schätze ihn auf 17 oder 18 Jahre. „Ja unbedingt. Es geht…Lass uns eine Runde gehen, denn es könnte durchaus länger dauern alle offenen Fragen zu klären“, antwortete Sophie und sie machte unbeholfen einen kleinen Knicks, wie es im Fernsehen oft gemacht wurde. „Am besten ist es wohl, wenn wir in den Park gehen“, sagte sie, wobei sie hoffte, der Mann habe die Unsicherheit in ihrer Stimme nicht gehört. „Wie Ihr wünscht“, sagte Zaron mit einem eigenartigen Blick. Eine Mischung aus Besorgnis, Beunruhigung und Mitleid. Sophie schritt aus dem Schlafzimmer und schloss dabei die Tür hinter sich. Zaron war ein zirka einen Meter und siebzig Zentimeter großer, gutaussehender junger Mann. Sie schritten gemächlich die ebenfalls mit Fresken verzierten, gut drei Meter hohen Gänge entlang. Ihre Schritte hallten vom rostroten Marmorboden und von den Wänden wider. Um die Stille zwischen den beiden zu brechen, fragte Zaron: „Wie habt Ihr geschlafen?“ Er richtete seine kastanienbraunen Augen auf Sophie. „Eigentlich habe ich am Ende recht gut geschlafen….“, antwortete sie wahrheitsgetreu und beschloss, dem schlechten Schlaf die Schuld für das Unwissen zu geben. „Aber?“ „Aber, sonst habe ich überhaupt nicht gut geschlafen. Das hat zur Folge, dass ich nun ziemlich durch den Wind bin. Und Sie?“ Die beiden waren mittlerweile einige Male nach rechts und links abgebogen und nach einer weiteren Wende nach rechts an einer Stiege ebenfalls aus rostrotem Marmor angelangt. Die Stiege führte zum hinteren Haupteingang hinunter. Im Geländer waren in regelmäßigen Abständen Kronen und anderen Adelsinsignien aus Gold eingegossen worden. Zaron stieg mit erstaunter Miene die Treppe hinab. Es war selten, dass ein Adeliger oder eine Adelige sich um die Bediensteten scherte. „Gut. Danke.“ Sie gingen durch den riesigen Eingangsbereich. Der junge Mann öffnete die große Tür und hielt diese für das Mädchen offen, die sich bei ihm bedankte. Kaum waren sie aus dem Gebäude getreten, sahen sie den prächtigen Park und stiegen die Treppe zum Kies hinunter. Sie gingen in die Parkanlage und suchten ein stilles Plätzchen, wo sie sich auf eine Bank niederließen. „Wie fange ich jetzt am besten an?“, begann Sophie. „Herr Zaron, ich habe Ihnen vorher doch gesagt, dass ich zum überwiegenden Teil sehr schlecht geschlafen habe.“ „Ja, Eure Majestät.“ „Und, dass ich zur Zeit ziemlich durcheinander bin“, sagte Sophie und starrte die schön geschnittene Hecke gegenüber an. Erneut antwortete der Mann mit einem Ja. In seinem Gesicht zeichnete sich nun mehr Mitleid ab als vor dem Schlafzimmer. Was wusste er? „Dann sagt mir doch bitte welches Datum wir heute schreiben!“ „Es ist der 24. Juni 1783“, antwortete er auf diese Frage. Am liebsten hätte Sophie in diesem Augenblick einige Flüche laut aus sich heraus geschrien, aber sie musste es sich verkneifen. Sie atmete tief durch und fragte: „Wenn ich fragen darf und aufgrund meines extrem realen Traumes muss ich das, wer bin ich?“ Zaron starrte sie irritiert an. Ihre tiefblauen Augen beobachteten ihn wie nie zuvor. Sophie blickte ihm in die Augen und er wusste, dass sie diese Frage vollkommen ernst gemeint hatte. „Soll ich die ganzen Titel auch aufzählen?“, fragte er. Die junge Frau nickte. „Ihr seid Marie Sophie Rubina Magdalena Ingendia die Erste. Die Kaiserin von Voxien, Königin von Milasch, Herzogin von Remar und Großherzogin von Donisien“, sagte Zaron in einem Atemzug. Sophie schaute ihn ungläubig an. Doch er sagte mit hoher Wahrscheinlichkeit die Wahrheit, denn alles stimmte, von ihren vier Vornamen bis zum Nachnamen “Ingendia“. Nun, alles passte, bis auf „die Erste“. Also würde der Rest auch stimmen. Sie dachte nach.
Es kam ihm vor, als hätte sie sich sowohl äußerlich, als auch innerlich verändert. Sie war viel ruhiger als zuvor. Aber vielleicht war sie einfach von dem Vorfall noch verstört. Ihre Augen waren strahlender und deren Blau intensiver geworden. Auch kam ihm vor, dass ihre Haare ein schöneres Dunkelbraun angenommen hatten. Wobei, er hatte sie wahrscheinlich noch nie so genau gemustert. Dennoch kam ihm vor, als ob die junge Frau neben ihm nicht mehr dieselbe war, wie vor ein paar Tagen. Was aber wenn er sich irrte? Immerhin trug sie den Siegelring des Herrscherhauses an ihrem rechten Ringfinger. Sie sah im Großen und Ganzen immer noch aus wie früher, nur diese Kleinigkeiten kamen ihm anders vor und irritierten Alexander stark. Er hatte die Kaiserin weiterhin angestarrt, ohne es zu bemerken.
Lukas hörte den Wächter hinter sich schreien, doch er verdrängte das Gebrüll aus seinem Wahrnehmungsfeld und konzentrierte sich voll und ganz auf seinen Weg.
Plötzlich schoss etwas über Johanns Kopf hinweg und das Klirren von zwei aufeinander treffenden Schwertern war zu hören. Lukas hatte nicht das Weite gesucht, sondern hatte dem Wächter das Schwert entrissen und war zurückgekommen, um den Komponisten zu retten.
Beim Auftreffen der anderen Waffe auf die seine, gaben Lukas´ Arme etwas nach, da der Angreifer sehr weit ausgeholt hatte und um einiges stärker war. Der Junge nahm all seine Kraft zusammen, um den Angriff zu erwidern. Er spürte, wie ihm der Schweiß über sein Gesicht zu fließen begann. Ihm wurde heiß. Doch dann… Tatsächlich schaffte er es, dass das Schwert des Gegners anfing sich nach oben zu bewegen. Aber der Kapuzenmann drückte dagegen. Johann war währenddessen unter den Schwertern hervorgekrochen und hatte sich davon gemacht. Lukas starrte wie gebannt auf die gekreuzten Schwerter, als würde er versuchen, sie mit seinen Gedanken in Bewegung zu setzen. Plötzlich machte der Mann eine Handbewegung und das Schwert in Lukas Händen schoss mitsamt seinen Armen nach oben. Er hatte das Schwert losgelassen, doch der Junge konnte noch im letzten Moment den Griff erneut packen und ließ es als Deckung vor seinen Leib schnellen. Gerade im richtigen Augenblick, denn schon sauste des Gegners Klinge nach vor, um den Körper des Jungen zu durchbohren. Lukas schwenkte seine Waffe zur Seite. Er schlug mit einer loopingartigen Bewegung das Schwert des Erwachsenen aus seiner Bahn und so verfehlte der Angreifer um Haaresbreite sein Ziel. Der vermummte Mann zog seine Waffe blitzartig zurück. Er ging einige Schritte nach vorne. Lukas konzentrierte sich voll und ganz auf seinen Angreifer und dessen Schwert. Erneut setzte der Mann zum Angriff an.
Johann rannte so schnell er konnte. Er hoffte, dass es noch nicht zu spät war, die Straßen und Gassen schienen kein Ende zu nehmen. Von seinem besten Freund hatte er sich in aller Eile eine Waffe geliehen, die ihm dieser erstaunt ausgehändigt hatte. Sie wog schwer in seinen Händen.
Der Mann schlug nach dem tapferen Jungen, der ihm den Weg zum Ziel deutlich erschwert hatte. Lukas schlug noch vor dem Erwachsenen zu. Er spürte, wie sich sein Schwert durch den linken Oberarm des Feindes bohrte und einen Fleischfetzen beim Zurückziehen mit sich riss. Der Mann mit der Kapuze schrie vor Schmerzen auf und legte dabei seinen Kopf in den Nacken, wodurch ihm die Kapuze vom Kopf rutschte. Sein Gesicht war zur Hälfte von einer Maske bedeckt, der Rest war schmerzverzerrt und blonde Strähnen rutschten darüber. Lukas sah eine Narbe, die sich vom linken Augenwinkel quer über die Wange des Angreifers zog. Das Blut sickerte durch den Umhang des Mannes und zeichnete einen roten Fluss in den schwarzen Stoff. Der Mann senkte den Kopf, in seinen grünen Augen war purer Zorn zu erkennen. Er knirschte mit den Zähnen und packte sein Schwert so fest, dass sich die Knöchel weiß abzeichneten. Zuerst war es nur ein Schritt, mit dem sich der Maskierte näherte, dann noch einer und noch einer. Der Junge wich mit jedem Schritt des Mannes einen Schritt zurück. Dann wandte sich Lukas um und rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten davon. Auch der Umhangträger hatte begonnen zu laufen und war ihm dicht auf den Fersen.
Die Menschen auf den Straßen sprangen, als sie den Jungen gefolgt vom blutenden Mann auf sich zukommen sahen, schnell aus dem Weg oder schreiend zur Seite.
Lukas konnte das Herz in seinen Ohren pochen hören. Er achtete nicht darauf wohin er lief, für ihn war das Wichtigste, dass er den teuflischen Mann hinter sich irgendwie loswerden konnte. Nur wie? In seiner Eile bog er nach rechts. Die schweren Schritte seines Verfolgers hallten in seinen Ohren und er beschleunigte so schnell er konnte. Die Stände an den Wänden der Häuser wurden von kreischenden und fluchenden Leuten fast zerdrückt, als diese versuchten auszuweichen. Lukas war sich schon sicher, dass er den Maskierten etwas abgehängt hatte, als plötzlich eine Kutsche vor ihm auftauchte. Er hatte nicht bemerkt, dass er an einer der vielen Kreuzungen der Stadt angekommen war. Der Waisenjunge war nur noch zwanzig Meter von der Kutsche entfernt.
Mit einem fragenden Blick, weshalb die Leute so schrien, musterte der Kutscher seine Umgebung. Er wandte gerade noch rechtzeitig seinen Kopf nach links, um den Grund des Lärmes zu sehen. Er hielt sofort die Kutsche an, wobei die Insassen des luxuriösen Gefährts mit einem Ruck durchgeschüttelt wurden.
„Was soll ich tun?“, fragte sich der gehetzte Junge, als ihm auch schon die rettende Idee kam. Er trug einen Lederriemen, den er einmal vom Stand des Schneiders gemopst hatte, als Gürtel eng um seine Taille. Der Riemen wurde vom Schwert, das gerade darin seinen Platz gefunden hatte, zur Seite gedehnt. So, dass die Waffe nicht herausfallen konnte. Es waren nur noch zehn Meter. Acht, fünf, vier, drei, zwei, eins.
„Schande!!!! Das darf nicht wahr sein! Das ist unmöglich! Warum ich? Das muss ja ausgerechnet mir passieren! Als ob ich ein Versuchskaninchen wäre! Scheibenkleister!!!! Wenn ich wirklich in der Vergangenheit bin, wie komme ich dann überhaupt in meine Zeit zurück? Großvater wird sicher einen Weg finden. Bis dahin werde ich für dieses Land tun was ich kann. Die Frage ist nur, ob ich das kann und was ich tun soll! Naja, ich werde das dann früher oder später sowieso herausfinden.“ Diese Worte gingen Sophie durch den Kopf, während sie immer noch die Hecke anstarrte. Sie war so vertieft gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte, dass Zaron sich bereits vorgebeugt hatte, um zu sehen, ob es ihr wirklich gut ginge. Er hatte sich so weit nach vorne gebeugt, dass er schon fast nicht mehr richtig auf der Bank saß. Fragend und zugleich interessiert starrte er Sophie an. Vielleicht erinnerte sie sich an etwas. Als Sophie wieder zu sich kam, war ihre einzige Reaktion auf diese Szene, dass sie ihre Augen langsam von der Hecke zu Zarons Gesicht schräg unter ihrem eigenen, direkt in Blickkontakt mit seinen braunen Augen gleiten ließ und sich sonst nicht im geringsten bewegte. Sie hob eine Augenbraue und fragte: „Was soll das werden, wenn es fertig ist?“ „Verzeiht. Ich wollte nicht aufdringlich sein“, antwortete der junge Mann schnell, während er sich wieder aufrecht auf die Bank setzte. Sophie grinste, „Was soll daran aufdringlich sein?“ „Nun ja, ich meinte nur.“ Auch er begann zu lächeln. Sie hatte mehr Humor als früher. Sie hatte eine ganz andere Art angenommen. Was hatte man nur mit ihr gemacht? Nach einigen Sekunden milderte sich das Lächeln in Sophies Gesicht und sie fragte: „Also. Was steht denn heute alles an?“ „Wie bitte? Anstehen? Niemand steht an!“, sagte der Siebzehnjährige und schaute die junge Kaiserin irritiert an. „Äh. Nein. Was ich eigentlich sagen wollte war, was für mich heute zu tun ist.“ „Aah. Nun da sind einige wichtige Sachen zu regeln.“ Bemerkenswert, dass sie nach den vergangenen Tagen bereit war zu regieren.
„Wo sind sie nur hin?“, fragte sich Johann, als er zum Markt zurückkehrte, wo das Unheil seinen Lauf genommen hatte. Er preschte auf den Stand mit den Salatköpfen zu. Die Bauersfrau hatte bereits alle Salate wieder auf ihren ursprünglichen Platz zurückgelegt und begutachtete gerade die große Kerbe in der Holzplatte, die vom Schwert des Angreifers stammte. Der Komponist blieb mit dem Schwert seines Freundes im Gürtel steckend vor der Frau stehen, die aufsah und zurückwich, als sie das scharfe glänzende Schwert erblickte. „Wo sind der Junge und der vermummte Mann hin?“, sprudelte es aus seinem Mund. Die alte Frau starrte ihn ängstlich an und zeigte mit zitterndem Zeigefinger in die Richtung, die die beiden eingeschlagen hatten. Schon war er wieder so schnell er konnte auf dem Weg, den beiden Kämpfenden hinterher. Auch bei seinem Anblick schreckten die Leute zur Seite, sie waren alle noch von den Vorgängen geschockt und aufgewühlt.
Er sprang so hoch wie er noch nie in seinem Leben gesprungen war. Der Kutscher war mit einem Satz aufgestanden und stieg auf seinen Sitz, wobei er sich gegen die Wand hinter sich presste. Der Junge spürte wie sein rechter Fuß auf dem Holz der reich verzierten Kutsche aufsetzte und etwas nachgab. Ohne zu zögern rannte Lukas auf dem dunkelbraunen Holz weiter und sprang auf der anderen Seite der Kutsche herunter. Erneut drückte das Gewicht seines Körpers auf seine Ballen, gleichzeitig stützte er sich auf seine rechte Hand. Das Geräusch des auf den gepflasterten Bodens auftreffenden Schwertes schwappte an seine Ohren. Er rannte weiter.
Fast zeitgleich zu Lukas hatte der maskierte Mann ebenfalls die Kutsche erreicht. Doch im Gegensatz zu dem Waisenkind, riss der Mann die Kutschentür auf. Die wohlgenährten und vor allem reichen Insassen kreischten, als sie den vernarbten Halbmaskierten sahen und rückten sofort an die Wände. Mit einem Satz war der Blonde im Kutscheninneren, das er mit einem großen Schritt durchquert hatte, stieß die Tür höchst unsanft auf und war mit einem kleinen Sprung aus dem Gefährt wieder draußen. Er sah wie der kleine Junge im fast selben Moment bereits wieder auf den Beinen war und sich nun nur noch wenige Meter vor ihm befand. Sofort setzte der Mann erneut zur Verfolgung an.
Er brauchte nur dem Geschrei der Leute zu folgen, so kam er mit Sicherheit zu den beiden. Kurze Zeit später, nachdem er nach rechts abgebogen war sah er vor sich eine reich verzierte Kutsche. Vor ihr standen Menschen, die versuchten die Insassen wieder zu Bewusstsein zu bringen oder zu beruhigen. Es war eindeutig, dass die Zwei hier entlang gekommen waren. Johann lief zum Kutscher, der in der Mitte seinen Platz eingenommen hatte. Der junge Musiker musste sich durch die Traube von aufgeregten Menschen drängen, um zu dem Mann zu kommen. Als bei dem Herrn angekommen war, fragte er sofort: „Wo sind der Junge und der maskierte Mann hin?“
„Ääh…okay… Jetzt weiß ich warum man sagt “das ist ein Berg Arbeit“…“, sagte Sophie als sie hinter Zaron in ihr Arbeitszimmer trat und den großen Stapel aus Papier auf den altmodischen Schreibtisch sah. Der Raum war sogar noch größer als ihr Schlafzimmer und ebenfalls mit Fresken verziert. Der Tisch war den Fenstern, die den gesamten Arbeitsraum mit Licht fluteten, abgewandt. Die junge Frau marschierte um den Schreibtisch herum und betrachtete den Stapel etwas genauer. Ganz oben lag ein Brief mit einem Siegel darauf. Sophie erkannte es sofort. Als sie noch klein war hatte sie bereits darüber gelernt. Es war das Siegel des Nachbarlandes im Nordosten. „Niran!“, dachte sich die 16-Jährige. Niran war ebenfalls ein Kaiserreich, das wie Voxien und Milasch in verschiedene Landstücke aufgeteilt war, die von Fürsten und Herzogen verwaltet wurden. Beispiele für eben solche Bezirke waren Remar oder auch Revan, in diesem Teil lebte der Kaiser von Niran. Die Steuern und die Gesetze erließ aber natürlich immer noch der Kaiser und so waren Zusammenkünfte immer wieder erforderlich. Da fiel ihr eine sehr wichtige Frage ein. „Zaron, könnte man sagen, dass Voxien und Milasch in alleiniger Monarchie oder in Monarchie mit demokratischer Abstimmung der Stände verwaltet werden?“ „Ich würde sagen, beide Reiche werden nur durch die Monarchie beherrscht, Majestät“, antwortete Zaron nach kurzer Überlegung. Ein sehr leises und tiefes Knurren war aus ihrem geschlossenen Mund zu vernehmen. Sophie hatte eine Abneigung gegen Titel aller Art entwickelt, da sie den Unterschied zwischen Arm und Reich, den sie schon früh hat kennenlernen müssen, nicht für richtig empfand. „Gut, dann werden wir das ändern“, sagte die junge Monarchin. „Wie steht es mit der Gesundheit der Voxianer und Milaschen und wie ist es mit der Wirtschaft?“ „Der derzeitige Gesundheitszustand eurer Untertanen ist nicht bekannt, Eure kaiserliche Majestät.“ Wieder knurrte sie leise. „Nun die Wirtschaft ist nicht so gut wie sie sein könnte“, gestand der junge Mann. Sophie sah ihn an und überlegte.
Lukas konnte seinen Verfolger, der ihn durch Netha gejagt hatte, hinter sich hören. Der Junge bog geradewegs in eine Seitengasse ein. Doch diese entpuppte sich, als der Knabe mit seinem Jäger auf den Fersen um die Ecke bog, als eine schmale Sackgasse.
„Jetzt hab ich das kleine Balg endlich in eine Falle getrieben. Du wirst dafür büßen, dass du mir den Arm aufgeritzt hast!“, dachte sich der Mann triumphierend.
Hektisch blieb Lukas vor der Wand am Ende der Straße stehen und drehte sich um. Währenddessen hatte er sich einen Fluchtplan ausgedacht, in dem die Kisten inbegriffen waren, die an der Stirnwand zu unterschiedlich hohen Türmen gestapelt worden waren.
Johann war der Beschreibung der vielen Menschen gefolgt und war nun kurz vor der Sackgasse. Sie war nur noch zwei Ecken entfernt. Er rannte so schnell ihn seine Füße tragen konnten.
„Hahaha. Na Kleiner, hast du Angst? Die solltest du nämlich haben. Du wirst für deine Taten bereuen, du kleines Miststück!“, grinste der vermummte Mann Lukas an, während die beiden immer mehr zur Wand vorrückten. „Vor dir hätte ich nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen Angst!“, gab der Junge zurück. „Ich bin neugierig, wie du dich aus dieser Situation herauswinden willst.“ „Na, so!“, rief Lukas, drehte sich um, machte einige schnelle Schritte und sprang auf den niedrigsten Stapel. Dann auf den Nächsten. Die Augen des Mannes blitzten vor Zorn auf. Er knirschte mit den Zähnen und setzte wieder zur Verfolgung an. Lukas war schon einen Stapel weiter nach oben gehüpft, als der blutende Mann auch schon den ersten Stapel bezwungen hatte. Immer höher kletterte der Waisenjunge die Kisten empor, aber sein Gegner hatte ein gutes Durchhaltevermögen, er war Lukas dicht auf den Fersen. Der Jüngling war bereits auf dem obersten Stapel, der gleichauf mit der Traufe war und sah, dass nur noch ein Stapel ihn und den Mann trennte. Lukas drehte sich um und stieg eilig auf das Satteldach.
Johann war gerade um die Ecke der Sackgasse gebogen, als er auch schon seine Zielpersonen, den Vermummten auf dem vorletzten Kistenstapel und den Knaben auf dem Dach erblickte und mit schnellem Lauf sich den beiden näherte. Auch er begann die Stapel nacheinander zu erklimmen.
> Eure Majestät Marie Sophie Rubina Magdalena Ingendia die Erste seid zur Zusammenkunft der Herzogen und Fürsten des Landes Niran mit der kaiserlichen Majestät Ludwig Irasmus Aras und seiner Gemahlin Ariana Maria geladen. Die Zusammenkunft findet am 16. Juli, im Palast des Kaisers von Niran, um drei Uhr statt. Für Euch und Euren Begleitern sind bereits Zimmer im Gasthof „Masserl“ in Revan reserviert worden. Euer Kommen wird schon jetzt mit Freuden erwartet.
Gezeichnet Eure kaiserliche Majestät
Ludwig Irasmus Aras
Kaiser von Niran<
las Sophie.
