Sophie - Roos Ouwehand - E-Book

Sophie E-Book

Roos Ouwehand

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Beschreibung

Ein Zimmer, ein Blick, eine Familie. Sophie ist acht Jahre alt. Mit ihrem Spielkameraden Daniel schaut sie aus dem Fenster ihres Kinderzimmers. Draußen im Regen zieht der freche Nachbarsjunge Joran mit dem Dreirad seine Kreise. Sophie ist 46 Jahre alt, als sie nach ersten Umbrüchen in ihrem Leben, wieder mit Daniel aus dem Fenster schaut. Ob Joran wohl Kinder bekommen hat, die ebenso frech wurden wie er? Sophie ist inzwischen zweifache Mutter und geschieden, Daniel ist kinderlos und geschieden. Seine Frau konnte keine Kinder bekommen und verliebte sich in einen verwitweten Familienvater mit drei Kindern. Da war ihr Glück perfekt. Die beiden Jugendfreunde Sophie und Daniel tun sich zusammen, die Eltern sterben, die Kinder Sophies werden erwachsen. Irgendwann machen sich bei Daniel Anzeichen von Demenz bemerkbar, da ist Sophie schon 65 Jahre alt. Dann kommen die Tagespflege und der Tod. "Fehlt er dir? Daniel?" fragt Boris, Sophies Enkel. "Es ist wunderbar", sagt die nunmehr 87jährige Sophie, "wenn jemand ab und zu seinen Namen sagt. Dann ist es, als wäre er wieder ein bisschen da. Die Leute trauen sich oft nicht, wenn ich dabei bin. Sie reden meist von 'er' oder 'ihm'. Ich glaube, sie haben Angst, ich könnte mich aufregen, wenn ich seinen Namen höre. Aber mich regt es viel mehr auf, wenn ich seinen Namen nicht höre." In Roos Ouwehands Stück spiegelt ein Zimmer die Familiengeschichte und das Leben einer Frau. Das Fenster nach draußen wird zum Zeitfenster und das Leben zum langen Fluss. Und am Ende wurden alle Namen genannt.

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Seitenzahl: 73

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Theatertexte finden Sie auf unserer Websitewww.kiepenheuer-medien.de

© 2018 Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH

Schweinfurthstraße 60, 14195 Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Sämtliche Rechte der öffentlichen Wiedergabe (u. a. Aufführungsrecht, Vortragsrecht, Recht der öffentlichen Zugänglichmachung und Senderecht) können ausschließlich von der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH erworben werden und bedürfen der ausdrücklichen vorherigen schriftlichen Zustimmung. Nicht genehmigte Verwertungen verletzen das Urheberrecht und können zivilrechtliche und ggf. auch strafrechtliche Folgen nach sich ziehen.

„Wir sind aus Zeit gemacht.“

(Rutger Kopland)

1

Sophie (8) sitzt mit dem Nachbarsjungen Daniel (9) auf ihrem Bett.

Stille

DANIEL Fußball?

SOPHIE Es regnet.

DANIEL Ja. Was dann?

Stille

DANIEL Playmobil?

Sophie zuckt mit den Schultern.

DANIEL Lego?

Sophie sieht nicht begeistert aus. Stille

DANIEL Jetzt bist du dran.

SOPHIE Womit?

DANIEL Denk du dir was aus.

SOPHIE Oh.

Sie denkt nach.

SOPHIE Malen?

DANIEL Du willst immer malen.

SOPHIE Ja.

Pause

DANIEL Sagt dein Vater eigentlich manchmal Schatz

zu deiner Mutter?

SOPHIE Hm?

DANIEL Oder Liebling? Das ist doch immer so

in den Filmen. Die Männer sagen da Liebling zu

ihrer Frau. Oder mein Engel.

SOPHIE Ja ...

DANIEL Und Wouters Vater sagt das auch ganz oft zu

seiner Frau. Zu seiner Mutter. Ich

meine, zu Wouters Mutter.

SOPHIE Zu seiner Frau.

DANIEL Ja. Genau. Mein Schatz ... sollen wir

dieses Jahr nach Italien in Urlaub fahren.

Schatz, magst du noch einen Kaffee ...

Kurze Stille

DANIEL Mein Vater sagt das nie.

SOPHIE Meiner auch nicht.

DANIEL Ich glaube, sie lassen sich scheiden.

SOPHIE Echt?

DANIEL nickt.

SOPHIE Weil dein Vater nicht Schatz sagt?

DANIEL Er schreit die ganze Zeit nur rum. Wo ist

meine Sonnenbrille, verdammt nochmal!

Welches Rindvieh hat schon wieder

das Licht im Klo angelassen!

SOPHIE Hm.

DANIEL Und er sagt niemals

„Liebling“ zu meiner Mutter.

SOPHIE Deshalb müssen sie sich

doch nicht gleich scheiden lassen?

DANIEL Er sagt gar nichts mehr zu ihr.

SOPHIE Oh.

DANIEL Und als ich gestern in die Garage kam,

saß er da und weinte.

SOPHIE In der Garage?

DANIEL Ja. Auf einem Gartenstuhl. Im

Dunkeln.

SOPHIE Warum?

DANIEL Warum was?

SOPHIE Warum in der Garage?!

DANIEL zuckt mit den Schultern.

DANIEL Ich glaube, er hatte sich versteckt.

Er hat einen richtigen Schreck gekriegt, als er mich gesehen hat.

Als er gesehen hat, dass ich ihn gesehen habe.

Und dann hat er so getan .... du weißt schon ... als ob nichts wäre.

SOPHIE Und dann?

DANIEL Habe ich gesagt: Ab jetzt denke ich

daran, das Licht auszumachen. Und

ich bringe öfter den Müll raus

und helfe beim Abräumen.

SOPHIE Ja.

DANIEL Darauf hat er noch schlimmer geweint.

„Das Leben ist manchmal sehr

kompliziert”, sagte er.

Kurze Stille

DANIEL Dann hat er mir über den Kopf gestreichelt.

SOPHIE Und dann?

DANIEL Hab ich mich eine Zeitlang aufs

Trampolin verzogen.

Kurze Stille

SOPHIE Mein Vater nennt meine Mutter

Bonkie.

DANIEL Bonkie.

SOPHIE Wenn er sie richtig süß findet.

DANIEL Bonkie ... Klingt irgendwie komisch.

SOPHIE Ist ein Hundename.

DANIEL Hatten sie früher einen Hund?!

SOPHIE Nein. Einfach so. Von einem Hund, den sie

irgendwann mal gesehen haben. Einen

Welpen.

Daniel geht zum Fenster.

SOPHIE Regnet es noch?

DANIEL Ein bisschen.

Sie schauen nach unten in den Garten.

SOPHIE Dem kleinen Scheißer von nebenan

ist es total egal.

DANIEL Mit seinem Dreirad.

Sie sehen nach unten.

DANIEL Gestern hat er in den Durchgang

gepisst.

SOPHIE Ist nicht wahr! Echt?

DANIEL Echt.

SOPHIE Igitt!

DANIEL Ich sag zu ihm: Das darfst du nicht,

wenn du aufs Klo musst,

geh nach Hause.

SOPHIE Ja!

DANIEL Darauf sagt er: mit Kinderstimme

„Mein Vater hat gesagt,

ích darf hierhin pinkeln“.

SOPHIE Sack.

DANIEL War da so eine große, gelbe

stinkende ... Eigentlich willst du sagen: geh und

hol ‘nen Gartenschlauch. Mach’s

halt weg, weißt du.

SOPHIE Ich kriege später keine Kinder.

DANIEL Nein?

SOPHIE Ich wüsste nicht, warum. Man ist

ständig damit beschäftigt,

sie zu füttern, sie anzuziehen und

ihren Krempel aufzuräumen. Und was kriegt man

dafür? Geschrei und

Rotznasen. Und stinkende Windeln.

DANIEL Hm.

SOPHIE Und so eine Geburt

stell ich mir auch nicht toll vor.

DANIEL Nein, ich auch nicht. Sollen wir fragen,

ob wir mit Daisy raus dürfen?

SOPHIE Also, wenn wir später heiraten, kriegst

du keine Kinder. Damit du’s weißt.

DANIEL Nö, naja, okay, prima.

SOPHIE Und du musst auch ab und zu nett

sein. Die ganze Zeit

„Schatz“ oder so ist nicht nötig,

aber nett sein schon, verstehst du?

Freundlich. Höflich.

DANIEL Ja. Na klar.

SOPHIE Okay. Komm schon. Es hat aufgehört.

Im Weggehen hören wir sie noch.

DANIEL Aber einen Hund kriegen wir schon, oder?

SOPHIE Ja, na klar. Ein paar.

DANIEL Vier oder so. Oder fünf.

SOPHIE Ja. So in etwa.

2

Sophie liegt im Bett. Sie ist zwölf. Ihre Mutter Elly sitzt bei ihr.

Es ist Abend.

SOPHIE Kannst du dich noch daran erinnern,

was du als erstes zu Papa gesagt hat?

ELLY Oh je ...

SOPHIE Oh je? ... Das?

ELLY Warte, ich muss kurz nachdenken.

SOPHIE Weißt du es nicht mehr?

ELLY „Hier wird nicht geraucht“,

glaube ich.

SOPHIE Papa hat geraucht?

Elly nickt.

SOPHIE Echt?!

ELLY Ja, echt.

SOPHIE Aber das ist doch total ungesund.

ELLY Tja. Zum Glück hat er später

aufgehört.

SOPHIE Unglaublich!

ELLY Zu der Zeit haben alle geraucht.

Das war normal. Damals. Wir wussten

noch nicht, dass es ungesund ist. Heute sind wir schlauer.

SOPHIE Wollte er cool sein?

ELLY Ich glaube schon.

Sie denkt nach.

ELLY So hat er geraucht ...

Sie lacht, macht es vor, greift mit der Hand vor den Mund.

ELLY So mit der Zigarette, ungefähr so ...

SOPHIE Und war es cool?

ELLY Schon. Vielleicht hatte er es

in einem Film gesehen.

SOPHIE Fandst du es cool?

ELLY Nein. Nicht wirklich. Aber später an dem

Abend ... es war eine Party und er

spielte in der Band. Er saß auf

der Bühne und wechselte die Saiten.

Da fand ich ihn plötzlich süß.

SOPHIE Warum?

ELLY Keine Ahnung. Er machte das gut.

Mir hat schon immer gefallen,

wenn jemand etwas gut konnte.

Fand ich anziehend.

Kurze Stille

ELLY So Schatz, jetzt wird geschlafen. Morgen ist

viel zu tun.

Sie küsst Sophie, geht zur Tür.

SOPHIE Mama.

ELLY Hmhm.

SOPHIE Wann wird es wieder so wie früher?

Elly stockt und hält den Atem an.

ELLY Das weiß ich nicht. Vielleicht nie

mehr, mein Schatz. Die Dinge

ändern sich ständig. So geht es nun mal.

SOPHIE Aber ...

ELLY Und das ist auch gut so. Stillstand

führt zu nichts. Wer weiß,

welche Überraschungen uns

noch erwarten.

SOPHIE Mir ist lieber, wenn alles bleibt,

wie es ist.

Elly lacht kurz.

ELLY Weil du ein richtig konservatives

Wesen bist. Wie alle Kinder.

SOPHIE Ich bin kein Kind.

ELLY Was bist du dann?

Sophie zuckt mit den Schultern.

SOPHIE Eine Zwischenstufe.

ELLY Aha.

Es ist einen Augenblick still.

SOPHIE Ich weiß gar nicht, was

„konservativ“ bedeutet.

ELLY Wenn man alles festhalten und

bewahren will, wie es ist. Denk

an konservieren. Oder an Konserve.

Das ist ein altes Wort für

Dose. Die kann man eine

Ewigkeit aufheben.

SOPHIE Sachen aus der Dose sind eklig.

ELLY Genau. Und auch nicht so gesund.

Man kauft besser frische Produkte.

Und wirft das alte Zeug weg.

In der Politik gibt es

progressive Parteien, die wollen,

dass sich Dinge ändern, und

konservative, die denken, es sei

besser, alles so zu lassen,

wie es ist. Aber das funktioniert nicht.

Veränderung gehört dazu. Gehört zum

Leben.

Es ist einen Augenblick still.

SOPHIE Okay. Dann will ich auch was

ändern.

ELLY Ach ja?

SOPHIE Ja. Meinen Namen.

ELLY Aha?

SOPHIE Ich finde „Sophie“ öde.

ELLY Warum um alles in der Welt ist

Sophie öde?

SOPHIE Klingt uncool. Altmodisch.

ELLY Wie willst du dann heißen?

SOPHIE Naja … Katy. Oder Pink.

ELLY Pink?!

SOPHIE Ja. Das ist doch viel besser.

ELLY Hm.

Kurze Stille

ELLY Habe ich dir eigentlich schon mal

erzählt, warum wir dich Sophie genannt

haben?

Sophie schüttelt den Kopf.

ELLY Dein Vater und ich waren in Paris. Wir

wussten gerade ein paar Wochen, dass ich

schwanger war und wir waren ... ach, wir

waren so froh. So unglaublich

glücklich. Wir saßen in einem verrauchten

Pariser Café, ein gut aussehender Mann

spielte Klavier und um uns herum viele

trinkende Leute.

SOPHIE Wenn man schwanger ist, soll man doch

nicht im Rauch sitzen?

ELLY Stimmt. Zum Glück bist du ja trotzdem

ziemlich gut geraten.

SOPHIE Und dann?

ELLY An einem großen runden Tisch

stand eine Gruppe von befreundeten Leuten. Sie

versuchten, eine von ihnen,

ein rundliches Mädchen mit wunderschönen

dunklen Locken zum Singen zu überreden.

Und dieses Mädchen

hieß Sophie. Ah, s’il te plaît

Sophie! Une chanson! Pour moi! Pour

nous! Aber Sophie war sehr

schüchtern. Schließlich ließ sie sich