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Glück, Hoffnung und der Wille zu überleben. 1986, während eines bitterkalten Winters, verlebt Sophie Troublefield das Weihnachtsfest, fernab von ihren Lieben, fern von ihrem geliebten Alkohol, in einer Suchtklinik. Die Chancen, das Leben in den Griff zu bekommen stehen denkbar schlecht. Ihr gelingt, was vielen verwehrt bleibt. Sie schafft es, sich von ihrer Abhängigkeit zu befreien.
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.ddb.de abrufbar.
Hergestellt in Deutschland • 2. Auflage 2017
© Heimdall Verlag, Devesfeldstr. 85, 48431 Rheine,
www.heimdall-verlag.de
© Alle Rechte bei der Autorin: G.E. Wideman, [email protected]
Satz und Produktion: www.lettero.de
Coverbild: © Kudzie Marange
Gestaltung: © Matthias Branscheidt, 48431 Rheine
ISBN: 978-3-946537-43-4
Weitere Bücher
als E-Book, Print- und Hörbuch unter:
www.heimdall-verlag.de
www.meinaudiobuch.de
Fakten über Alkohol
Jeder siebte Erwachsene trinkt zu viel, knapp 1,8 Millionen Deutsche gelten als alkoholabhängig, die Dunkelziffer jedoch liegt weitaus höher. Die Gefahren von Alkoholkonsum, selbst in geringeren Mengen, werden nach Einschätzung von Medizinern und Suchtexperten deutlich unterschätzt. 80 bis 90 Prozent der Erwachsenen bundesweit – also fast alle – trinken Alkohol, sagt Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.
Das Buch
Sophie Troublefield ist Alkoholikerin. Ihre Jugend im Deutschland der 60er Jahre ist geprägt von Aufbruchsstimmung, Redlichkeit und Gutgläubigkeit. Im Alter von 55 Jahren, bei einer Geburtstagsfeier, trifft Sophie mit der Autorin dieses Buches zusammen. Neun Jahre später entsteht dieser Roman.
Humorvoll, manchmal Entsetzen auslösend, ergänzt durch philosophische Betrachtungen und Zitate, versucht die Autorin dem Leser, anhand von Sophies Lebensgeschichte, die schrecklichen Gefahren näherzubringen, die vielen Menschen durch den Missbrauch von Alkohol, Drogen und Medikamenten drohen.
Sophie ist eine junge Frau, die, erfüllt von einem unstillbaren Lebenshunger, ihren Lebensweg geht und erkennen muss, dass Alkohol die größte Herausforderung ihres Lebens wird. Früh begegnet sie David, einem schwarzen, amerikanischen Soldaten. Trotz riesiger kultureller und sozialer Unterschiede, heiraten sie. David wird ihre große Liebe und entpuppt sich gleichzeitig als ihr Retter.
Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.
Charles Darwin
»Wie viele Male soll ich eigentlich noch dem Tod von der Schippe springen?«
Das fragte sich Sophie gerade gestern, an ihrem 64. Geburtstag. 64 Jahre sind eine lange Zeit. Ein stolzes Alter, ziemlich alt, betagt, antiquiert. Es gibt viele Bezeichnungen für Menschen jenseits der sechzig. Und dabei empfand Sophie sich noch keinen Tag älter, als an dem Tag, an dem sie vor 40 Jahren geheiratet hatte.
In einem Moment der Wehmut, waren ihr an diesem Geburtstag die vielen Gelegenheiten eingefallen, bei denen sie gedacht hatte, dass ihr Leben, nach menschlichem Ermessen, eigentlich längst vorbei sein müsste.
Rückblende1. Der Anfang vom Ende … oder vielleicht doch nicht?
Es war das Jahr 1986, und zwar genau die Zeit, in der die meisten Menschen sich auf das bekanntlich schönste Fest des Jahres vorbereiteten, das Weihnachtsfest.
Sophie und ihre kleine Familie, das sind David, ihr Mann und Dennis ihr süßer, kleiner Sohn mit dem Lockenköpfchen, gerade mal vier Jahre alt, waren im Juni des Jahres in Sophies Heimatstadt gezogen, weil sie ihr Leben in der Nähe von Bremen, wo sie die letzten sechs Jahre gelebt hatten, nicht mehr aushalten konnte.
Genau richtig gelesen. Sie konnte ihr Leben nicht mehr aushalten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie war zu der Zeit so weit unten angekommen, dass man sie kaum noch zu den Lebenden zählen durfte, was ihr an dem Punkt allerdings gar nicht bewusst war.
Sophie war Alkoholikerin. In all den Jahren zuvor, schon seit ihrem 14. Lebensjahr, um es genau zu sagen, hatte sie einen ständig steigenden Alkoholkonsum gehabt. Sie hatte wirklich und wahrhaftig dafür gesorgt, dass Alles und Jeder in ihrem Umkreis fast vor die sprichwörtlichen Hunde gegangen wäre.
Wenn sie jetzt nicht schleunigst die Reißleine des Fallschirmes ziehen würde, der sie vor dem unsanften Aufprall retten könnte, würde sie wahrscheinlich nie wieder in die glücklichen Kinderaugen ihres geliebten Dennis schauen können oder die liebevollen Blicke ihres wunderbaren Ehemannes David erhaschen. Irgendetwas musste geschehen und sie wusste zum Teufel nicht, was sie tun sollte.
Sie hatte natürlich aufgrund ihrer Defizite, weil sie ständig besoffen war, und ihrer Unfähigkeit deswegen zu arbeiten, keinen Job und bezog Arbeitslosengeld. David hatte auch keine Arbeit, da er das Gefühl hatte, auf sie aufpassen zu müssen. Somit besaßen sie kaum genug Geld zum Leben. Glücklicherweise hatte ihre Mutter die drei im Juni bei sich aufgenommen, so dass sie wenigstens einen Ort zum Wohnen hatten und erst einmal keine Miete zahlen brauchten.
Gerade hatte sie, im November, zum zweiten Mal das Krankenhaus in ihrer Heimatstadt verlassen. Die erste Entlassung war im Oktober, nach einer dreiwöchigen Entgiftung gewesen, die sie auf Anraten ihres damaligen Hausarztes begonnen hatte. Jetzt im November, nach einem weiteren Aufenthalt in demselben, hatte sie das Hospital nach wenigen Tagen auf eigenen Wunsch verlassen.
Im Oktober hatte sie es wirklich geschafft, nachdem sie nach Hause entlassen worden war, eine Woche ohne Alkohol zu leben. Bis sie dann nach sieben Tagen genau da weiter gemacht hatte, wo sie vor dem Krankenhausaufenthalt aufgehört hatte.
Weniger als einen Monat später, hatte sie sich wieder soweit herunter gesoffen, dass sie sogar schon Dinge sah, die gar nicht vorhanden waren. Das Schlimmste daran war, sie wusste dass diese seltsamen Bilder nicht real waren. Ein Elch im Garten, ein sitzendes Kind gegenüber auf der Straße vor einem parkenden Auto, ringförmige Muster, die sich auf jedem Untergrund befanden, auf den sie ihre Füße setzte. So etwas, das erfuhr sie erst später, nannte man Delir.
Es war ein kalter Winter in dem Jahr. Nacht für Nacht war sie, zu Fuß oder mit dem Auto, unterwegs, in dem irrigen Glauben, irgendwo etwas Trinkbares, Alkoholisches zu finden.
Längst war kein Geld mehr da, mit dem sie noch etwas hätte kaufen können. Dennoch hatte sie in ihrer kranken Vorstellung scheinbar angenommen, dass sie trotz aller Widrigkeiten irgendwie an ihren Stoff kommen könnte.
Sie klingelte nachts bei ihren Nachbarn, um sie um Alkohol zu bitten. Die waren natürlich völlig vor den Kopf gestoßen, durch ihr mitternächtliches Klingeln und die absurde Frage nach Schnaps. Sie lief zu ihrer damals einzigen, verbliebenen Freundin Elli, die ein paar hundert Meter entfernt lebte. Sie spielte ihr vor, dass sie mit ihrem Mann einen Ehekrach hätte und konnte auf diese Weise bei ihr Unterschlupf bekommen.
Natürlich hatte Sophie eigentlich nur gehofft, dass Elli bald einschlafen würde. Dann könnte sie sicherlich bei ihr im Kühlschrank, oder anderswo in der Wohnung, den für sie so lebensnotwendigen Alkohol finden.
Als Elli sie mitten in der Nacht beim Durchsuchen der Küche erwischte, erfand Sophie eine Ausrede. Sie wolle versuchen, zu Hause Frieden zu stiften. Daraufhin machte sie sich, mir nichts dir nichts, aus dem Staub.
Ihr ganzes verfügbares Geld hatte sie in Schnaps und Weinbrand umgesetzt. David hatte seine liebe Mühe, immer wieder neue Verstecke auszumachen, um den so überaus wertvollen Alkohol wegzuschütten, was bei Sophie regelmäßig irre Wutattacken auslöste.
Mehrere Male bestellte sie sich billige Weinbrand- oder Schnapsflaschen mit dem Taxi, weil sie zu besoffen war, um selber zu fahren. Immer musste sie warten, bis alle anderen im Haus eingeschlafen waren.
Bei einer dieser Gelegenheiten hatte sie kein Geld mehr, um den Taxifahrer zu bezahlen. Um trotzdem an die Flasche zu kommen, stahl sie ihrer Mutter, mangels auffindbaren Geldes einen wertvollen Diamantring. Den übergab sie einfach an den Fahrer, in der Hoffnung, dass sie ihn auf die Weise für ihren Schnaps bezahlen könnte. Gottlob war der Fahrer ein ehrlicher Mann. Er brachte den Ring einige Tage oder Wochen später zurück. Sophies Mutter bezahlte ihn daraufhin für den Alkohol von der Tankstelle und für die Fahrt.
Sophie schlief nur noch zwei Stunden am Stück. Jedes Mal, wenn sie aufwachte musste sie nachladen. Wenn sie am Morgen, um zirka fünf Uhr endgültig aufstand, versuchte sie mit zittrigen Händen ein Wasserglas mit Schnaps zu füllen und dieses dann in sich hineinzuschütten, was ihr meistens nicht gelang. Wenn es dann doch mal geklappt hatte, musste sie das Gesöff nach einer Minute wieder auszukotzen, weil ihr Magen den scharfen Schnaps einfach nicht bei sich behalten konnte.
Die ganze Familie war in Aufruhr, niemand wusste mehr was zu tun war. Sie riefen Ärzte ins Haus, ihr Bruder fuhr sogar mit ihr ins Landeskrankenhaus. Dort fragte die Ärztin, ob Sophie dableiben wolle, was sie verneinte. Also musste der liebe Bruder sie notgedrungen wieder mitnehmen, da sie noch nicht entmündigt worden war und deshalb nicht gezwungen werden konnte, im LKH zu bleiben.
Die Entmündigung, so befürchtete Sophie damals in einigen klaren Momenten, hätte wahrscheinlich als nächstmögliche Aktion angestanden.
Im November hatte sie sich, wie oben erwähnt, selber aus dem Krankenhaus entlassen. Als die Lage für Sophie immer aussichtsloser wurde, begab sie sich noch ein drittes Mal ins Krankenhaus.
Dort ging das Delir, das schon Wochen vorher begonnen hatte, weiter. Sie erzählte mir, dass sie sich erinnerte, dass sie beeindruckt auf ihrem Bett gesessen hätte und den Fußboden betrachtet hatte, auf dem sich immer neue Farbmuster bildeten, zusammenflossen, wieder auseinander brachen, um dann wiederum zu anderen Farben und Formen zu werden. Auf einem Bücherregal in der Ecke des Zimmers stand eine Hand, deren winkender Zeigefinger ihr andeutete, sie möge dorthin kommen. Es war total verrückt. Das Schlimmste war, sie wusste, dass all diese Dinge nur in ihrer Vorstellung existierten.
Am nächsten Tag, am Vormittag im Krankenhaus, hatte sie Halluzinationen. Das war neu für Sophie. Halluzinationen sind Wahrnehmungen, die man hört oder besser gesagt, zu hören glaubt. Sie war wiederum völlig fasziniert, diesmal im Bett liegend. Sie lauschte den Geräuschen, die aus ihrem Zuhause zu kommen schienen.
Sie hörte Treppen knarren, Türen zuschlagen, die Haustürklingel schellte, ein Nachbar kam und brachte die frohe Nachricht, dass er einen Job für David habe. Alles Lug und Trug, aber sie vermutete, dass eine geheimene, unterirdische Kabelleitung von ihrem Wohnhaus zum Krankenhaus führte.
Am Nachmittag kam David mit Dennis vorbei, um Sophie zu besuchen. Sie beglückwünschte ihn zum neuen Job. Er war völlig verdutzt, da er davon nichts wusste. Sophie erzählte ihm darauf von ihren Wahrnehmungen.
David erwiderte, »Du bildest dir alles nur ein«, aber sie wollte das einfach nicht glauben. David war ziemlich verzweifelt und hoffte einfach nur, dass dieser Alptraum irgendwann, hoffentlich bald, zu Ende gehen würde.
Irgendwie war es ihr gelungen, David zu überzeugen, das kleine, grüne Familienauto vor dem Krankenhaus zu parken. Sie bräuchte es vielleicht bald, um nach Hause zu kommen, hatte sie ihm erklärt.
Mit diesem kleinen, grünen Auto, nahm sie, noch Patientin in eben diesem Krankenhaus, ihre nächtlichen Ausflüge wieder auf. Sie besorgte sich Schnaps von einer der Tankstellen im Ort, trank diesen direkt im Auto auf. Ihr Arbeitslosengeld musste gerade eingetroffen sein, denn andernfalls hätte sie kein Geld für derlei Einkäufe gehabt.
Als ihr all das zu umständlich wurde, entließ sie sich wiederum selber aus dem Hospital. Sie fuhr zurück nach Hause, mit Sicherheit zum Unmut ihrer ganzen Familie, die nach wie vor hilflos ihren Eskapaden gegenüber stand.
Es war jetzt ganz kurz vor Weihnachten. Sophie hatte die gesamte Barschaft der Familie in Alkohol umgesetzt. Es wurde immer schwieriger für sie, an irgendetwas Alkoholisches zu kommen. Sie hatte Selbstmordgedanken, lag fast nur noch im Bett, soff, und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Ihre Geschwister, besonders ihre nächst jüngere Schwester Ingrid, kam oft vorbei. Sie wischte jeden Tag die ekeligen Hinterlassenschaften weg, da Sophie es selber nicht tat. Die komplette Familie war verzweifelt und völlig außer Rand und Band.
Dann war der Tag des Heiligen Abend gekommen. David hatte noch genau 15 Mark zur Verfügung. Damit war er losgefahren, um wenigstens ein kleines Geschenk, einen Roboter, der Dennis’ innigster Wunsch war, für sein geliebtes Kind zu kaufen.
Sophies Schwager Stefan, der in der Nähe wohnte, kam mit seinem Auto vorbeigefahren, wohl auf Bitten von Sophies Mutter. Auf irgendeine Weise war es Mutter und Schwager gelungen, sie dazu zu bewegen, mit Stefan zu einem Psychiater zu fahren, der in der Stadt seine Praxis hatte. Glücklicherweise war dessen Praxis um 11 Uhr am Heiligen Abend noch geöffnet.
Sophies Familie hatte sich offenbar vorher erkundigt und ihr Kommen angemeldet. Der Schwager fuhr mit Sophie und ihrer unverzichtbaren Schnapsflasche auf dem Schoß, zum Arzt. Er parkte gegenüber der Praxis. Dann lief er verschämt mit ihr über die Straße zum Doktor, in der Hoffnung, dass niemand sie sehen oder gar erkennen würde. Sophie konnte kaum noch laufen, sie stützte sich schwer auf Stefan. Sie musste wohl furchterregend ausgesehen haben, ungekämmt, ungewaschen und schlampig gekleidet.
In der Praxis ließ man sie nicht lange warten, bis der Arzt sie in sein Sprechzimmer rief. Sogleich fing er an, Sophie zu untersuchen.
Er war ein sehr direkter Mann mit viel Erfahrung, der vor einigen Jahren eine Suchtklinik, in einer kleinen Stadt in der Nähe, eröffnet hatte. Um in diese Klinik eingewiesen zu werden, war es nötig, vorher den Arzt zu besuchen, damit er die Notwendigkeit einer Einweisung feststellen konnte.
Er sagte zu ihr: »Mädchen, du bist ja total besoffen und du stinkst. Möchtest du, dass man dir hilft oder ist dir alles egal?« Sophie hatte den Sinn der Worte eigentlich gar nicht richtig verstanden, also fragte der Arzt sie weiter: »Möchtest du in meine Klinik eingewiesen werden? Wenn ja, muss dein Schwager dich jetzt sofort, ohne Umwege, ohne vorher nach Hause zu fahren, dorthin bringen, ansonsten geh nach Hause und beende die Sache.« Irgendwie musste Sophie wohl einen lichten Moment gehabt haben, denn sie erklärte sich einverstanden, unverzüglich dorthin gefahren zu werden.
Langsam und vorsichtig liefen Stefan und sie, Sophie schwankte mehr als dass sie ging, zum Auto. Sophie erzählte mir, sie erinnerte sich noch daran, dass ihr Schwager sie, die unvermeidliche Flasche zwischen den Knien, auf versteckten Wegen, damit niemand sie sehen würde, in die Klinik gebracht hatte.
Dort angekommen, wies man ihr ein Zimmer zu, in dem sie sich umgehend ins Bett legen durfte. An das was ihr Schwager danach gemacht hatte, konnte Sophie sich nicht mehr erinnern. Er musste aber wohl zu ihrer Familie zurück gefahren sein und ihr später noch einige Dinge gebracht haben. Irgendwann merkte sie, dass sie ein Nachthemd anhatte und eine Tasche mit persönlichen Dingen neben ihrem Bett stand.
Die ersten zwei Tage in der Klinik waren fürchterlich. Es war ein regelrechter Alptraum, denn hier bekam sie keinen Alkohol mehr. In diesen Tagen war ihr einziger Gedanke, »Wie komme ich an Schnaps?« Sie hatte obskure Ideen, wie sie es wohl bewerkstelligen könnte, aus dem Fenster zu steigen, um irgendwo hin zu gelangen, wo sie etwas Alkoholisches kaufen konnte. Sie hörte ständig einen laufenden Diesel Motor, den sie einem wartenden Taxi zuordnete. Natürlich war dort kein Taxi, aber wie so häufig, war der Wunsch der Vater des Gedankens. Sie musste entsetzliche Angstzustände gehabt haben. Manchmal glaubte sie, dass sie ihre Zunge verschlucken würde. Die Muster auf dem Fußboden waren auch immer noch da. Sie aß überhaupt nichts, aber das war in diesen, fast hoffnungslosen Momenten, wirklich nicht wichtig.
So verbrachte sie die Weihnachtstage in einem Zustand, in dem sie dem Tode näher war, als dem Leben, wie man ihr später berichtete.
In den darauf folgenden Tagen wachte sie so langsam aus ihrem Dämmerzustand auf. Sie erzählte, dass sie sich an die erste Dusche erinnerte, die erste Gruppensitzung, den ersten Fernsehabend, das erste Frühstück und doch, all diese Dinge waren ihr zu Beginn der Rehabilitation völlig egal gewesen.
Sie interessierte sich nicht für den Film, den sie gemeinsam mit den anderen Patienten anschauen durfte. Ihr war einerlei was gesagt, getan oder gegessen wurde. Ihre Persönlichkeit war fast gänzlich verschwunden, wie es schien. Nur ganz allmählich schimmerte so etwas, wie ein menschliches Wesen, durch das Dunkel ihrer Umnachtung.
Nach der ersten Woche nahm sie immer bewusster an den täglichen Aktivitäten teil.
Zum Beispiel war es Usus in der Klinik, dass alle Patienten morgens um 6 Uhr einen langen Spaziergang machten. Das war Teil des Therapiekonzeptes. Dieser Gang machte ihr am Anfang riesige Schwierigkeiten, da sie überhaupt nicht mehr daran gewöhnt war, sich in irgendeiner Form zu bewegen. Nach einigen Tagen klappte das Laufen ohne größere Probleme. Sie konnte jetzt mit den übrigen Patienten beim allmorgendlichen Fußmarsch mithalten.
Morgen für Morgen stapften alle Patienten gemeinsam durch den tiefen Schnee. Manchmal schneite es so stark, dass es fast einem Schneesturm glich, der ihr die Luft zum Atmen nahm, aber Sophie hielt tapfer durch.
Auch an den täglichen Therapiesitzungen, die immer in einer Gruppe stattfanden, nahm sie ab der zweiten Woche mit mehr Interesse teil. Eine der Therapeutinnen im Krankenhaus war eine Ordensschwester, die vor vielen Jahren Sozialpädagogik studiert hatte und seit vielen Jahren dort arbeitete. Sie hatte durch ihre langjährige Tätigkeit in diesem Beruf eine wunderbar klare Menschenkenntnis.
Sie war es auch, die Sophie später, nach etwa einem Jahr, bei einem Ehemaligentreffen in der Klinik sagte, »Jemanden wie Sie hatten wir noch nie hier. Jemanden, der so sehr herunter gekommen war, deren Prognose gleich Null war.« So hatte Sophie sich selber gar nicht wahrgenommen, naja eigentlich hatte sie sich damals überhaupt nicht mehr wahrgenommen.
In der therapiefreien Zeit in der Klinik, konnten die Patienten lesen, rauchen, Kaffee trinken, mit anderen zusammen sitzen und reden.
Es wurde eine Werktherapie angeboten, deren Zweck es war, zu lernen, wieder etwas mit seiner Zeit anzufangen. Während der Saufphase tut ein Säufer ja fast nichts anderes, als eben saufen.
Sie lernten, Holzbilder mit einem Brennstab herzustellen. Auf die jungfräulichen Holzbretter wurden, mittels eines Lötstabes, Bilder eingebrannt, die man als später Wandschmuck verwenden konnte. Auch Entspannungsübungen, eine Art Yoga, wurden angeboten. Diese dienten dazu, den Patienten zu helfen, ihre oft sehr traumatische Saufvergangenheit zu bewältigen.
Sophie fing nach und nach wieder an, sich zu pflegen. Das heißt, sie duschte jeden Tag, bügelte ihre Kleidung, achtete auch sonst auf ihr Äußeres, sogar Make up benutze sie jetzt manchmal.
Während der ganzen Zeit regenerierte sich ihre völlig ausgetrocknete Haut. Sie hatte Schuppen auf dem Kopf, die beim Kämmen wie Schnee herunter rieselten. Überall am Körper pellte die Haut in großen Flatschen ab. Ihr vom Alkoholmissbrauch aufgedunsenes Gesicht begann wieder menschliche Züge anzunehmen, obwohl es noch Monate dauern sollte, bis es wieder zu seiner ursprünglichen Form gelangen würde.
Ab der dritten Woche durften Familienmitglieder an einem bestimmten Tag in der Woche zu Besuch kommen. Ebenfalls ab der dritten Woche durfte man telefonieren. All das war während der ersten zwei Wochen verboten, damit die Patienten sich ganz auf sich selber konzentrieren konnten.
Alles in allem, so lautete Sophies Fazit, haben diese sechs Wochen in der Entgiftungsklinik ihr das Leben gerettet. Sie spricht noch heute oft von dem großen Glück, dass ihr durch diesen Schritt zuteil geworden war.
Ich wage nicht mir auszumalen, was passiert wäre, wenn es ihr nicht vergönnt gewesen wäre, diesen Psychiater, an eben jenem Heiligen Abend zu treffen. Dank an alle anderen, die dabei geholfen haben, aus ihr wieder einen Menschen zu machen. Als meine Freundin hätte ich sie andernfalls niemals kennen gelernt. Auch viele andere Menschen, von denen ihr in meinem nächsten Buch hören werdet, hätten viele schöne Dinge in ihrem Leben nicht erlebt.
Das Geheimnis des außerordentlichen Menschen ist in den meisten Fällen nichts als Konsequenz
Gautama Buddha
Nach sechs Wochen intensivster Erfahrungen durfte Sophie das Krankenhaus verlassen, ohne Alkohol im Blut.
Ihr Mann David holte sie mit dem kleinen, grünen Familienauto ab, Dennis im Schlepptau.
Grün, die Farbe des Autos, das Sinnbild für Hoffnung. Sophie bestand darauf, selber zu fahren. Etwas gewagt von David, ihr das Steuer zu überlassen, aber sie war immer schon sehr durchsetzungsfähig gewesen. Somit hatte er wahrscheinlich wenige Chancen, sich gegen ihren Willen zur Wehr zu setzen.
Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle. Sie gelangten mit heiler Haut nach Hause. Sophies neues Leben konnte beginnen. Glück gehabt!
2. Sophie trifft G.E.
»Gibt es etwas Beglückenders, als einen Menschen zu kennen mit dem man sprechen kann wie mit sich selbst? Könnte man höchstes Glück und tiefstes Unglück ertragen, hätte man niemanden, der daran teilnimmt? Freundschaft ist vor allem Anteilnahme und Mitgefühl!«
Marcus Tullius Cicero
Vor etwa neun Jahren traf ich auf einer Feier Sophie, eine Frau, die mich von Anfang an faszinierte. Sie ist, genau wie ich, seit vielen Jahren mit einem schwarzen Amerikaner verheiratet. Und das waren beileibe nicht unsere einzigen Gemeinsamkeiten.
Wir sind, bis auf ein paar Monate Unterschied, gleichaltrig, wohnen sogar in der gleichen Stadt, in der wir auch das Licht der Welt erblickt haben. Wir haben beide viele Jahre im Ausland und verschiedenen Städten in Deutschland verbracht. Das Schicksal hatte es scheinbar gewollt, dass wir etwa zur gleichen Zeit in unsere Heimatstadt zurückgekehrt waren.
Wir hatten uns als Jugendliche nicht gekannt, da wir auf verschiedene Schulen gegangen waren. Auch in unserer Freizeit hatten wir unterschiedliche Interessen und somit kaum Berührungspunkte, durch die wir uns hätten treffen können.
Wir fanden während unserer Begegnung bei der Feier Gefallen aneinander und verabredeten uns in der darauf folgenden Zeit hin und wieder. So wurden wir ganz allmählich zu sehr guten Freundinnen.
Wir hatten viel zu bereden, viele Gemeinsamkeiten, jede Menge ziemlich ähnliche Erfahrungen in den letzten Jahrzehnten gemacht. Es war durchaus nicht einfach gewesen, damals in den 70er und 80er Jahren in Deutschland, mit einem dunkelhäutigen Amerikaner verheiratet zu sein. Um es kurz zu sagen, wir waren uns überaus sympathisch.
Eines Tages fragte mich Sophie völlig unerwartet, »Hast du nicht Lust, mit mir in den Skiurlaub nach Österreich zu fahren?« Da dieser Sport unser beider Hobby war und ist, sagte ich zu. Wir planten für den folgenden Winter Ferien zu zweit in den österreichischen Bergen, um ein paar Wochen lang auszuspannen und unserem gemeinsamen Hobby zu frönen.
Dass das anfangs ideale Skiwetter, gleich am zweiten Tag derart umschlagen würde, uns sozusagen festsetzen würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Im Nachhinein möchte ich behaupten, dass dieses die intensivste und gleichzeitig aufwühlendste Zeit meines Lebens gewesen ist.
Fast zwei Wochen lang waren wir komplett eingeschneit. Wir hatten täglichen Handykontakt mit unseren Familien. Es gab genug Lebensmittelvorräte in der Hütte, glücklicherweise, denn Hilfe war auf Grund der extremen Wetterlage nicht zu erwarten. Wir vertrieben uns die lange Zeit mit allerlei klugen Gesprächen über unsere Vergangenheit, philosophierten über die Gegenwart und diskutierten unsere Erwartungen für die Zukunft.
Ich gedenke, auf den nächsten Seiten all die Erlebnisse und Erkenntnisse zu Papier zu bringen, die Sophie mir über ihr Leben geschildert hat.
3. VorgeplänkelManchmal kann auch Geld Glück bedeuten
Alle, die Sophie gut kennen, wissen, dass sie, seit sie erwachsen ist, Lotto spielt. Nicht exzessiv, wie manch andere, aber regelmäßig, jede Woche. Diese Unart, wie ich es am liebsten nennen möchte, hatte sie von ihren Eltern, besonders von ihrer Mutter abgeschaut. Sophie berichtete mir, »Meine Mutter füllte jedes Wochenende, am Freitag, einen Lottoschein aus, immer mit den gleichen Zahlen. Ich erinnere mich noch lebhaft an ihre samstäglichen Aussprüche. Mit strahlendem Lächeln verkündete sie regelmäßig, mehrmals jeden Samstag, »Stell dir mal vor, wir hätten sechs Richtige, was wir damit alles machen könnten. Ich würde …« Darauf folgten dann regelmäßige Aufzählungen von Wunschlisten und begünstigten Personen, die im Falle eines Gewinns abgearbeitet werden würden.«
Mich fasziniert diese Haltung, zeigt sie doch, dass es durchaus möglich ist, Menschen, zuversichtlich zu stimmen, sei es allein durch die abstrakte Möglichkeit eines finanziellen Glückstreffers.
Wie gesagt, gibt Sophie jede Woche einen kleinen Betrag für das Lottospiel aus. Viele Ungläubige rechnen ihr ständig vor, was sie mit dem bisher eingesetzten Geld alles hätte machen können. Was diese »bedauernswerten Menschen«, wie ich sie ironisch nennen möchte, nicht wissen, ist, wie viel Hoffnung Sophie sich mit diesen relativ kleinen Beträgen kaufen konnte und kann. Was sie mit ihrem Einsatz schon einige Male erreicht hat, wobei ich in dem Zusammenhang auch gleich auf die ausgleichende Gerechtigkeit hinweisen möchte.
Ich will jetzt nicht schon am Anfang die ganze Geschichte vorweg nehmen, aber diese drei Begebenheiten muss ich euch doch, zur Beurteilung, kurz schildern.
1987, gerade aus der Entzugsklinik entlassen, ging Sophie an einem Montag, wie immer, zum Lottoladen, um dort die am Wochenende gezogenen Zahlen mit ihren vergleichen zu lassen. Und siehe da, fünf der sechs Zahlen hatte sie auf ihrem Schein angekreuzt. Dieser Tipp bescherte ihr einen Gewinn von 2.800 DM, die konnten sie zu der Zeit wirklich gut gebrauchen.
1999, am Tag von Sophies Entlassung aus einem Krankenhaus, wo man ihr ein neues Hüftgelenk eingesetzt hatte, fuhr ihr Mann auf ihr Bitten hin, auf dem Rückweg vom Krankenhaus nach Hause, beim Lottogeschäft vorbei. Übrigens, den Defekt ihres alten Hüftgelenks, hatte der Arzt auf ihre Sauferei zurückgeführt, deretwegen sie von Dezember 86 bis Februar 87 in der Entzugsklinik gewesen war. Der Doktor hatte gemeint, dass während der Jahre des Alkoholmißbrauchs ein eklatanter Nährstoffmangel entstanden sei, der das Hüftgelenk regelrecht pulverisiert hatte. Der Arzt hatte ihr damals eröffnet, »Ihr Gelenk ist nur noch Brei, es muss dringend ersetzt werden.« Wie gesagt, ging Sophies Mann in den Lottoladen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder heraus kam. Nach etwa einer viertel Stunde erschien er, schlenderte langsam auf Sophie im Wagen zu, mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht. Er klopfte bedeutungsvoll auf die Brusttasche seines Hemdes. Sie hatte wieder fünf richtige Zahlen angekreuzt und wieder 2.800 DM gewonnen. Damals wurden Gewinne bis 5.000 DM noch in bar ausgezahlt.
2016, Sophie war einen Monat zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo ihr mittels mehrerer Notoperationen das Leben gerettet worden war. Sie hatte eine Sepsis gehabt. Ihre Krankheit war das Resultat der letzten vier Jahre gewesen, in denen sie sich überschwänglich für verschiedene, ehrenamtliche Projekte eingesetzt hatte, von denen ich in meinem nächsten Buch berichten werde. Sie ließ an einem Donnerstag ihren Lottoschein überprüfen und siehe da, sie hatte 2.800 Euro gewonnen. Dieses Mal wurde das Geld allerdings überwiesen, was zwei Tage dauerte.
Dreimal der gleiche Betrag, zweimal in DM, einmal in Euro und kurioserweise, jedes Mal mit exakt den gleichen Gewinnzahlen. Wie kann man das erklären? War es Zufall, Glück, ausgleichende Gerechtigkeit, als Wiedergutmachung für ihre Krankheiten? Vielleicht ein bisschen von allem? Was auch immer es gewesen sein mochte, diese drei Vorfälle beschreiben Sophies glückliches Händchen, ihre Zuversicht und ihren unerschütterlichen Glauben an das Glück im Leben, ziemlich treffend. Ich bin fest davon überzeugt, dass Sophie genau wegen dieser Haltung, ihr Leben so scheinbar spielerisch meistern kann.
»Ich werde euch allerdings die Glückszahlen nicht verraten, die Sophie allein mir genannt hat. Es könnte ja immerhin sein, dass in Zukunft wieder einmal, gerade diese Zahlen drankommen. Den Jackpot möchte ich in dem Fall höchstens mit Sophie teilen, sollte ich denn meinen Lottoschein abgegeben haben.«
4. Über das Glück und die ausgleichende Gerechtigkeit
»Glücklich ist nicht, wer anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür hält.«
Seneca
Was ist eigentlich Glück und gibt es eine ausgleichende Gerechtigkeit, die mich für erlittene Schicksalsschläge entschädigt? Das sind die zentralen Lebensfragen, die mir ständig im Alltag begegnen.
Nehmen wir die Definition von Glück. Laut einer Quelle, die ich im Internet fand, bedeutet Glück »ein besonders günstiger Zufall oder eine erfreuliche Fügung des Schicksals.« Wenn wir das englische Wort »luck« betrachten findet man dazu Folgendes: »eine ungeplante, unvorhergesehene, unkalkulierbare Macht, die Ereignisse positiv oder negativ prägt. Es existiert good luck und auch bad luck. Beide befinden sich scheinbar außerhalb der Kontrolle des Einzelnen.«
In der deutschen Sprache ist Glück nur positiv besetzt, es existiert kein gutes Glück oder schlechtes Glück. Also gehen wir davon aus, dass das deutsche Glück nicht das Gleiche ist wie das englische luck.
Die ausgleichende Gerechtigkeit, wenn wir die juristische, philosophische oder ethische Definition bei Seite lassen, bedeutet nüchtern betrachtet, die zahlenmäßige Gleichheit von Leistungen und Gegenleistungen unter sich Ebenbürtigen. Einfacher gesagt, Tausch oder Abgeltung im Verhältnis eins zu eins. »Wie du mir, so ich dir!«
Meiner Meinung nach kommt es bei diesem Thema vorrangig auf die Geisteshaltung an. Bin ich ein positiver Mensch, gebe ich einer Situation die Chance sich günstig zu entwickeln, oder sehe ich hinter jeder Handlung, jedem Ereignis etwas Verhängnisvolles, Drohendes, das mir das Leben schwer machen will? Erwarte ich Glück oder Pech?
Ich selber und auch Sophie, soweit ich sie jetzt kenne, sind durch und durch optimistische Menschen. Es gibt sogar Leute, die uns Naivität vorwerfen. Meiner Meinung nach ist diese Einstellung geboren aus ihrem Unverständnis gegenüber unserer überaus lebensbejahenden Einstellung, allen Dingen und Menschen gegenüber.
Sophie hat ein äußerst charismatisches Wesen, das eine tiefe, innere Zufriedenheit ausstrahlt. Dieses Charisma und eine gewisse Naivität, gepaart mit dem unerschütterlichen Glauben an das Glück, haben möglicherweise dazu beigetragen hat, dass Sophie die kommenden Ereignisse, mit einer fast kindlich anmutenden Leichtigkeit er- und überleben konnte.
5. Sophies Lebensphilosophie
Wenn du das Leben begreifen willst, glaube nicht, was man sagt, oder was man schreibt, sondern beobachte selbst, und denke nach; das hat einmal vor etwa 150 Jahren der russische Autor Anton Tschechow gesagt.
Der Edle haßt den Gedanken, die Welt zu verlassen,
ohne daß sein Name genannt wird.
Konfuzius
Immer auf der Suche nach der letztendlichen Wahrheit, so war und ist Sophies Leben, vom ersten bis zum jetzigen Tag, geprägt von vielen Höhen und Tiefen. Weil ich, wie jeder Mensch, das unlogische Bedürfnis habe, etwas für die Ewigkeit hinterlassen zu wollen und auch ich ein Geltungsbedürfnis habe, das mich wünschen lässt, die Aufmerksamkeit anderer zu erlangen, habe ich zugestimmt, dieses Buch über Sophie zu schreiben, in der Hoffnung, dass es viele interessierte Leser finden wird.
Ich habe gelernt, schonungslos, offen und ehrlich, über mich selber zu sprechen. So werde ich auf die gleiche Weise Sophies Geschichte erzählen. Wenn nötig ihr Wesen analysieren und von ihrer Vergangenheit berichten. Einer Vergangenheit, die wahrlich nicht immer mit Ruhm bekleckert war, wenn ich das ehrlich sagen darf, ohne die Absicht, meine Freundin dadurch zu beleidigen.
Durch meine Ehrlichkeit stoße ich des Öfteren andere Menschen vor den Kopf, was sich jedoch, aufgrund meiner Persönlichkeit, nicht verhindern lässt. Sophies Berichte und ihre Selbsteinschätzung, erinnern mich stark an diese, meine Charaktereigenschaft.
Glaubt aber nicht, dass dies eure Realität werden könnte. Es ist einzig und alleine Sophies Wahrheit, die durch den Flügelschlag eines Schmetterlings, der sich irgendwo auf der Welt in Bewegung gesetzt hat, so einzigartig geworden ist.
Wir alle leben im Hier und Jetzt. Jeder Mensch, ich möchte bekräftigen, wirklich jeder, ist etwas Besonderes, Wunderbares und Außergewöhnliches. Wie ein kluger Mann namens Thoreau einmal gesagt hat, frei von mir übersetzt, »Schwinge dich auf jede Welle des Lebens, und finde deine Ewigkeit in jedem einzelnen Moment.«
Viele Menschen meiner Generation werden sich hier wieder erkennen. Manche werden sich an ähnliche Erlebnisse erinnern und vielleicht reflektieren, was sie selber aus all den Erfahrungen ihres Lebens gemacht haben.
Jeder verarbeitet Erinnerungen auf unterschiedliche Weise. Manche sprechen darüber, andere gehen zum Psychologen, um heraus zu finden, warum etwas auf diese Weise und nicht anders gelaufen ist, wieder andere verlieren sich in sinnlos anmutenden Aktivitäten.
Zum Abschluss meiner philosophischen Betrachtungen, möchte ich euch eines meiner Lieblingszitate von Thoreau verraten, von dem ich fest überzeugt bin: »Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen, wird der Erfolg all unsere Erwartungen übertreffen.«
Ich wünsche mir sehr, dass auch ihr, von Sophies Unzulänglichkeiten und den ihr daraus entstandenen Konsequenzen, profitieren werdet. Mir sind ihre Geschichten ein Reservoir an Erfahrungen, die ich, seitdem ich sie gehört habe, in vielen Situationen des täglichen Lebens nutzen kann.
Ihr werdet sehen, dass man in vermeintlich ausweglosen Situationen, über sich hinaus wachsen kann, dem Leben sozusagen eine positive Wendung geben kann.
Dazu muss ich noch ein wunderschönes, englisches Zitat zum Besten geben, das schon seit Jahren bei Facebook kursiert: «Be kind, for everyone you meet is fighting a battle you know nothing about.« Es lässt sich nur sehr schwer in die deutsche Sprache übersetzen, es könnte ungefähr so lauten: »Sei gütig, denn jeder Mensch, den du triffst, kämpft seinen eigenen Kampf, von dem die anderen keine Ahnung haben.«
6. In eigener Sache
Heute sitze ich hier in meinem Zimmer, 64 Jahre alt, relativ gesund, relativ zufrieden, so reich, oder arm, das bleibt dem Betrachter überlassen, wie schon immer in meinem Leben. Mit einem eigenen Kind, einem 36 jährigen jungen Mann, der ebenso wie ich, das Glück auf seiner Seite hat, der manche positiven Charaktereigenschaften von mir abgeschaut oder vielleicht geerbt hat. Mit einem 27 jährigen Stiefsohn, der den Glauben an das Glück im Leben möglicherweise auch von mir abgeguckt hat. Mit einem Ehemann, der der beste, einfühlsamste, umsichtigste und rücksichtsvollste Mensch ist, den ich je das Glück hatte kennen zu lernen, mit dem ich seit 40 Jahren verheiratet bin. Das folgende Zitat ist eine perfekte Beschreibung dieses Mannes, denn er beherrscht die Kunst, alle Menschen gleich zu behandeln.
Der beste Mensch sein, heißt zwischen sich und andern den wenigsten Unterschied machen; der schlechteste, den meisten.
Arthur Schopenhauer
Sophies Erlebnisse zu schildern, entspringt mehr oder weniger einem Zufall. Weil meine Oma väterlicherseits, auch Sophie hieß, sah ich Sophies Erzählungen als einen Wink des Schicksals. Nachdem ich vor einiger Zeit Sophie kennen gelernt hatte, dachte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren über meine Großmutter nach, wahrscheinlich aufgrund der Namensgleichheit. Irgendwie war wohl die Vorsehung am Werk gewesen. Somit ist dieser schöne Name noch eine zusätzliche Sache, die Sophie und mich verbindet. Schon als kleines Kind erlebte ich oft, wenn Freunde meiner Eltern mich sahen, dass sie ausriefen, »Eure Tochter sieht ja fast genauso aus wie ihre Oma!« Diese Großmutter sei eine sehr eindrucksvolle Erscheinung gewesen, eindrucksvoll sowohl vom Aussehen, als auch ihre Persönlichkeit muss Ehrfurcht gebietend gewesen sein, wurde mir berichtet. Nicht im negativen Sinne, beängstigend, sondern klug und sehr sympathisch ist sie offensichtlich gewesen, fürsorglich und liebevoll, eine wahre Mutterfigur eben.
Sie war nicht schlank, aber dennoch gut geformt, wie man auf Fotos sehen kann, aus Ostwestfalen stammend. Sie war etwas größer als mein Großvater, was man aber auf den vielen Fotos, die von ihr existieren, nicht erkennen kann. Es wurde mir berichtet, dass ihr Mann sich für alle Schuhe Einlagen hatte machen lassen, damit er mindestens genau so groß wie sie wirkte. Und tatsächlich, es lässt sich nicht ein einziges Foto finden, auf dem er kleiner als sie erschienen wäre.
An unserer Bilderwand hängt ein Foto der Hochzeit, eben dieser Oma und ihres Mannes, mit der versammelten Schar ihrer äußerst streng und unnahbar wirkenden Verwandtschaft. Die Hochzeit hatte natürlich, wie es die Tradition um die Wende zum 20. Jahrhundert verlangte, in der Heimat der Braut statt zu finden, einem Dorf in der Nähe von Paderborn. Ich habe diese Oma nie kennen lernen dürfen. Sie ist, drei Jahre bevor ich geboren wurde, verstorben. Interessanterweise ist mein Geburtstag am gleichen Datum wie ihr Todestag.
Nun genug von mir, denn ihr sollt ja über Sophie erfahren. Da wir, wie oben berichtet, während des Schneesturms, sehr viele gemeinsame Stunden und Tage verbracht haben, bin ich mit ihrem Leben in gewisser Weise fast genau so vertraut, wie mit meinem eigenen.
Nachdem ich euch sicher mit der ersten Geschichte über Sophie schockiert habe, möchte ich nun etwas über ihre Familie und Jugend erzählen, um möglicherweise Anhaltspunkte zu liefern, warum sich ihr Leben so und nicht anders abgespielt hat.
So interessant wie Sophies Nachname »Troublefield« anmutet, so unverwechselbar faszinierend und manchmal tragisch, ist Sophies Weg bis heute gewesen.
7. Wie Sophie wurde, was sie ist und entgegen allen Erwartungen – Glück gehabt
Der Mensch vermehrt sein Glück in dem Maße,
in welchem er es anderen verschafft.
Jeremy Bentham
»Ich glaube es ist so weit«, keuchte Lilly mit schmerzerfüllter Stimme, zwischen zwei Wehen, die ihr fast den Atem raubten.
Es war der vierte Juni 1953, kurz nach Mitternacht. Heute war der Frohnleichnamstag. Soweit man das schon jetzt in der Nacht sagen konnte, würde es ein sehr warmer, sonniger Tag werden. Der perfekte Rahmen für die überall stattfindenden Prozessionen.
Ihr Mann Georg war außer Rand und Band. Er war zwar, aufgrund seines Berufes, schon oft dabei gewesen, wenn eine Frau ein Baby bekommen hatte, aber dieses Mal war es sein eigenes das auf dem Weg war, das war etwas ganz anderes.
»Es wird wohl das Beste sein, wenn ich jetzt ins Krankenhaus gehe«, stöhnte Lilly, die vor Schmerzen kaum noch richtig denken konnte.
Also lief Georg eilig zu einem Nachbarn, der zu der Zeit eines der seltenen Telefone besaß und rief ein Taxi. Das kam recht schnell. Flugs brauste dieses mit Georg, Lilly und Sophie, die sich noch in ihrer Mietwohnung im Bauch der Mutter befand und eigentlich noch gar keinen Namen hatte, eilends zum Krankenhaus, das sich glücklicherweise ganz in der Nähe befand.
Dort angekommen, sollte Lilly sich, von Georg gestützt, in den Kreissaal begeben, wo die Hebamme und eine Schwester, vom Portier alarmiert, schon warteten.
Weil Georg einem Kollaps nahe zu sein schien, schlug die Hebamme ihm vor, »Ich denke, es ist besser, wenn sie jetzt nach Hause gehen, wir schaffen das gut ohne sie.«
Erleichtert machte sich Georg etwas zögerlich zwar, aber dennoch, zu Fuß auf den Heimweg. Zur damaligen Zeit war es durchaus nicht üblich, dass der Ehemann bei der Geburt eines Kindes zugegen war, auch wenn es sein eigenes war und er selber fast fertig ausgebildeter Arzt war.
Die Wehen wurden immer heftiger, aber es tat sich nichts weiter, so dass die Hebamme schließlich ankündigte, »Wir müssen den Doktor dazu holen, es wird eine schwierige Geburt werden.«
Dieser kam nach kurzer Zeit eilends herbei, denn er wohnte gleich gegenüber des Krankenhauses. Er war wohl auf einem Fest gewesen und hatte offensichtlich eine ansehnliche Menge Alkohol konsumiert, wohl weil der nächste Tag ein Feiertag war.
Er untersuchte Lilly und stellte fest, »Wir werden das Baby mit einer Zange holen, von alleine wird es nicht herauskommen.«
Voller Angst harrte Lilly der Dinge die da kommen würden, geschüttelt von einer Wehe nach der anderen. Endlich, nach vier Stunden voller Schmerzen und Wehklagen, setzte der Arzt die Zange an das Köpfchen des Babys in Lillys Bauch an und zog es vorsichtig heraus. Freudig verkündete er, »Es ist ein Mädchen und es scheint gesund zu sein.«
Sophies Vater wurde durch einen Anruf beim Nachbarn ins Krankenhaus zurück beordert. Er hatte zu Hause natürlich nicht geschlafen, sondern hatte versucht sich mit einigen hochprozentigen Getränken zu beruhigen. Als er sein erstes Kind erblickte, rief er mit tränenerstickter Stimme, »Lilly, danke, mein Gott, ist das ein hübsches Kind!«
Laut Sophies Mutter musste für diese Aussage wohl der übermäßige Alkoholkonsum verantwortlich gewesen sein, denn sie meinte, »Diese Behauptung war eine glatte Lüge.« Der Arzt hatte Sophie mit der Zange, beim Herausziehen, am Augenlid und der Wange zu fassen bekommen. Diese hingen auch noch Tage nach der Geburt herunter, was Sophie ziemlich übel zugerichtet hatte und ihr mitnichten das Aussehen eines süßen Babys gegeben haben konnte.
Noch heute kann man bei Sophie, bei genauerem Hinsehen, die Narben dieser Zangengeburt erkennen.
Nach 10 Tagen im Krankenhaus wurde Lilly mit ihrem Baby nach Hause entlassen. Zu der damaligen Zeit gestalteten sich die Aufenthalte in Krankenhäusern wesentlich länger als heute. Ein Verbleib von 10 Tagen, nach einer schwierigen Geburt, war durchaus nichts Außergewöhnliches.
Nun galt es nur noch, dem Kind einen Namen zu geben. Lilly sprach darüber gleich am ersten Tag zu Hause mit ihrem Mann Georg. Sie schlug vor, »Wir müssen so langsam einen Namen für unser Kind finden, was hälst du von Ruth? Ich finde das ist ein sehr schöner Name.«
»Du weißt, dass ich jüdische Namen nicht mag, wir könnten doch auch einen passenden deutschen Namen für unser Mädchen finden«, versuchte Georg seine Abneigung zu erklären. »Wie wäre es denn mit Sophie, das ist doch ein wunderschöner Name.«
Sophies Vater war im Krieg nur einfacher Soldat gewesen, aber er war, wie alle damals, so sehr mit den Thesen der Regierung indoktriniert worden, dass er diese Konditionierung auch in seinem späteren Leben nie völlig ablegen konnte. Allerdings hatte er Sophie und ihre Geschwister das niemals spüren lassen, hatte sich immer offen gegenüber Neuem und Andersartigem gezeigt und hegte wahrscheinlich ständig Zweifel an dem, was man sie damals zu glauben gelehrt hatte.
Sophies Mutter war in der Hinsicht durchaus offener und moderner. Sophie behauptete zwar, sie erinnere sich durchaus an manch antijüdische Bemerkung, die ihre Mutter, wahrscheinlich gewohnheitsmäßig, öfter einmal hatte fallen lassen. Lilly war sehr impulsiv und dachte in manchen Momenten nicht groß nach. Jedoch tief innen hatte Sophies Mutter immer gewusst, dass dieser Hass, der den jungen Menschen der 20er und 30er Jahre beigebracht worden war, nichts mit der Realität zu tun hatte und somit inakzeptabel war.
Weil Lilly keinen Streit mit ihrem Mann haben wollte stimmte sie zu, »In Ordnung, dann nennen wir unser kleines Mädchen eben Sophie, den Namen mag ich auch.«
Am nächsten Tag schob Lilly den Kinderwagen, den sie von einer Freundin geerbt hatte, mitsamt Sophie zum Rathaus und meldete das Kind als Sophie an. Lilly war einfach nur glücklich, so dass ihre Tage nur so dahin zu schweben schienen.
Ihrer Freundin Leni gestand sie, »Weißt du, es war mein sehnlichster Wunsch, Kinder zu bekommen und nun hab ich endlich eins. Es ist nur blöd, dass Georg immer noch kein richtiges Geld verdient. Naja, eigentlich wollte er jetzt sowieso noch gar kein Kind. Er war ganz schön entsetzt, als ich ihm gesagt hab, dass ich schwanger wäre. Ich würde ja gerne selber noch weiter arbeiten, aber was die Leute darüber sagen würden, kannst du dir ja vorstellen.«
In den 50er Jahren ging eine Mutter einfach nicht arbeiten, das machte einen schlechten Eindruck. Die Meinung der anderen Leute zählte damals sogar noch mehr als heute. Allerdings, was die anderen Leute denken und sagen, ist heute scheinbar noch fast genau so wichtig, wie damals, wie ihr alle wisst, da hat sich nicht viel getan.
Zum Zeitpunkt von Sophies Zeugung war Georg noch in Hamburg an der dortigen Universität, im Medizinstudium gewesen. Er hatte vor dem Krieg eine so genannte Lehre als Krankenpfleger gemacht und dabei viel über Krankheiten gelernt. Nach seiner späten Heimkehr aus der Gefangenschaft in Russland, hatte er sich entschlossen, vermutlich auf Drängen seines Vaters, Arzt zu werden. Seine Kenntnisse der Medizin waren im Gefangenenlager in Russland genutzt worden. Er hatte dort viele praktische Erfahrungen sammeln können.
Jedoch musste er, um in Deutschland richtiger Arzt zu werden, noch studieren. Er hatte keine finanzielle Basis um eine Familie zu ernähren, als sich herausstellte, dass seine Freundin, Sophies Mutter, schwanger war.
In den frühen fünfziger Jahren, mit knapp 40 noch nicht im Beruf etabliert zu sein, war damals nichts Ungewöhnliches für die Männer der Kriegsgeneration. Allerdings kann man sich gut vorstellen, wie schwer es gewesen sein musste, im Alter von fast 40 noch von der Gunst seiner eigenen Eltern und der des Vaters der Ehefrau abhängig zu sein.
Vor acht Monaten, als Lilly Georg gestanden hatte, dass sie schwanger war, hatte dieser wie vor den Kopf gestoßen ausgerufen, »Und wo sollen wir wohnen? Wir sind ja noch nicht mal verheiratet! Wir müssen jetzt schleunigst heiraten, damit du kein uneheliches Kind bekommst! Oh mein Gott, wovon sollen wir leben, ich muss doch noch mein Studium beenden! Was werden nur die Leute sagen?«
Es war offensichtlich, dass Georg zu dem Zeitpunkt nicht mehr ein noch aus wusste.
Lilly war da viel pragmatischer, sie antwortet ohne aufgeregt zu klingen, »Wir können einfach bei mir zu Hause wohnen. Mein Vater und ich sind ganz alleine in dem Haus, meine Schwestern sind doch schon ausgezogen, da ist genug Platz.«
Es gab nur ein kleines Problem, Lillys Vater musste gefragt werden. Einen Tag nach Georgs Gefühlsausbruch, setzte sich Lilly zu ihrem Vater und gestand ihm, »Du Vater, Georg und ich werden ein Baby bekommen.«
Der Vater zuckte nicht mit der Wimper, er hatte so etwas schon längst erwartet und zog nur leicht eine Augenbraue hoch, zum Zeichen, dass er darauf wartete, was als nächstes kommen würde. Es würde noch was kommen, dass wusste er.
Richtig angenommen, als nächstes fragte Lilly ihren Vater, »Denkst du, es wäre möglich, dass wir für eine Weile bei dir wohnen, vielleicht so lange, bis Georg sein Studium beendet hat und auf eigenen Beinen stehen kann?«
Griesgrämig, wie Lillys Vater fast immer war, grummelte er, »Na gut, es bleibt euch ja wohl nichts anderes übrig. Meinetwegen, lass den Hungerleider mit dir zusammen bei mir wohnen.«
Eine Bedingung stellte Lillys Vater allerdings. »Wenn ihr bei mir wohnen wollt, müsst ihr vorher heiraten, ohne Hochzeit gibt es keine Wohnung.«
Lillys Vater hatte sich eine sehr abwertende Bezeichnung für Georg angewöhnt, er nannte ihn Hungerleider, weil er eben noch nicht für den Lebensunterhalt seiner Familie sorgen konnte.
So war das Problem erstmal gelöst. Sobald Georg und Lilly geheiratet hätten, würden sie im Haus, das Lillys Vater seit 1938 als Neubau gemietet hatte, wohnen. Die Tatsache, dass Lillys Vater ein unangenehmer Choleriker war, störte Georg sehr. Aber was blieb ihm übrig, in der Wohnung seines eigenen Vaters wäre nicht genug Platz gewesen.
Lillys Vater war als Architekt und Ingenieur beim Bauamt der Stadt angestellt gewesen. Er hatte diese Position genutzt, um ein neu erbautes Haus zu ergattern, das sowohl eine Zentralheizung hatte, als auch ein Badezimmer und eine Gästetoilette, was damals als ziemlich luxuriös galt. Jetzt war er schon seit acht Jahren pensioniert.
Der Garten war groß, ungefähr 600 Quadratmeter, was jedenfalls am Anfang des letzten Jahrhunderts recht üblich war, da die Menschen größtenteils Selbstversorger waren. Im Garten wurden Gemüse und Obst angebaut, um genug zum Essen zu haben.
Lilly berichtete Georg von dem Gespräch mit ihrem Vater und der meinte dann, diesmal auch überraschend pragmatisch, »Gut, dann bitte ich dich hiermit, meine Frau zu werden. Lass uns so schnell wie möglich heiraten. Ein Siebenmonatskind lässt sich glaubhaft erklären, wenn wir noch länger warten, wird uns niemand mehr abnehmen, dass du nicht schon vor der Hochzeit schwanger warst.«
Damals war eine ungeplante Schwangerschaft ein Drama, das man nicht so einfach wie heute, etwa durch eine Abtreibung, hätte beenden können. Eine uneheliche Empfängnis war zwar durchaus nicht unüblich, hatte aber äußerst negative gesellschaftliche Folgen.
Kurz nach Sophies Geburt beendete ihr Vater sein Studium und ließ sich als Arzt in ihrer Heimatstadt nieder. Die Existenzgründung ihres Vaters, nach dem zweiten Weltkrieg, mit einer Familie, für die er sorgen musste und den Unwägbarkeiten der damaligen Zeit, war sicherlich ähnlich mühsam, wenn nicht noch schwieriger, als in der heutigen Zeit.
Sophies Vater musste von der Bank einen Kredit über 25.000 DM aufnehmen, was damals eine unvorstellbar hohe Summe war, jedoch galt es schließlich eine komplette Praxis neu einzurichten. Da sein eigener Vater Beamter der Reichsbahn gewesen war und deshalb eine gute Pension bezog, konnte er für das Darlehen seines Sohnes bürgen. Kurz darauf war es dann so weit, die Praxis wurde eröffnet.
Die Familie von Sophies Vater stammte eigentlich aus Schlesien, allerdings war ihr Großvater in den 20er Jahren als Reichsbahnangestellter mit seiner Frau und vier Kindern in den Westen Deutschlands umgezogen und danach, als Sophies Vater 14 Jahre alt war, in Sophies Heimatstadt versetzt worden.
