Sophienlust - Die nächste Generation 24 – Familienroman - Carolin Weißbacher - E-Book

Sophienlust - Die nächste Generation 24 – Familienroman E-Book

Carolin Weißbacher

4,0

Beschreibung

Schon wieder kommt eine junge Praktikantin nach Sophienlust: Bella Feldmann will hier erste Erfahrungen für ihren zukünftigen Beruf sammeln. Besonders viel Freude hat die junge Frau bald an David und Ellen Geissler. Die Geschwister werden immer dann in Sophienlust einquartiert, wenn ihr alleinerziehender Vater Hans, der Schauspieler ist, zu auswärtigen Dreharbeiten muss. Als sie ihn kennenlernt, gesteht sich Bella ein, dass ihr Hans Geissler sehr gut gefällt. Aber er scheint trotz der Trennung noch immer mit seiner reichen Frau Liane verbandelt zu sein … Verblüfft stoppte Bella Feldmann ihren rosaroten Cooper Mini vor dem weit geöffneten schmiedeeisernen Einfahrtstor von Sophienlust und betrachtete das Transparent mit den krakeligen bunten Buchstaben, von denen einige fantasievoll als Tierfiguren oder Blumen ausgestaltet waren: ›Herzlich willkommen! ‹, lautete die Aufschrift. Bestimmt hatten die Kinder von Sophienlust dieses kleine Kunstwerk geschaffen! Bellas Herz schlug höher. Ob… ob der Willkommensgruß ihr galt? Unsinn, wies Bella sich zurecht. Wieso sollten die Kinder ausgerechnet ihr eine so freudige Überraschung bereiten? Sie kam schließlich nur als Praktikantin nach Sophienlust. Und auch das nur für ein paar Monate. Trotzdem holte Bella ihr Handy aus der Jackentasche, um ein Erinnerungsfoto zu schießen. Sie konnte einfach nicht anders. Gerade war sie im Begriff, den Auslöser zu drücken, als wie aus dem Nichts eine johlende, lärmende Kinderschar auf sie zugelaufen kam. Die meisten der Kinder hielten einen Luftballon in der Hand. Als sie ganz nahe waren, ließen sie wie auf ein stummes Kommando fast gleichzeitig ihre Luftballons los, sodass diese in einer bunten, in allen Regenbogenfarben leuchtenden Traube in den Himmel stiegen. Völlig überwältigt starrte Bella den Luftballons nach. Im nächsten Moment war sie von der Kinderschar umringt. "Willkommen bei uns! Du bist bestimmt die Pra-Praktiantin", ergriff ein vorwitziger kleiner Junge das schwierige Wort. Bella musste lachen.

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Sophienlust - Die nächste Generation – 24 –

Manchmal werden Träume wahr...

Wieder läuten Hochzeitsglocken in Sophienlust!

Carolin Weißbacher

Verblüfft stoppte Bella Feldmann ihren rosaroten Cooper Mini vor dem weit geöffneten schmiedeeisernen Einfahrtstor von Sophienlust und betrachtete das Transparent mit den krakeligen bunten Buchstaben, von denen einige fantasievoll als Tierfiguren oder Blumen ausgestaltet waren: ›Herzlich willkommen!‹, lautete die Aufschrift. Bestimmt hatten die Kinder von Sophienlust dieses kleine Kunstwerk geschaffen! Bellas Herz schlug höher. Ob… ob der Willkommensgruß ihr galt?

Unsinn, wies Bella sich zurecht. Wieso sollten die Kinder ausgerechnet ihr eine so freudige Überraschung bereiten? Sie kam schließlich nur als Praktikantin nach Sophienlust. Und auch das nur für ein paar Monate.

Vielleicht erwarteten Denise von Schoenecker und ihr Sohn an diesem Tag noch ganz besondere Gäste…

Trotzdem holte Bella ihr Handy aus der Jackentasche, um ein Erinnerungsfoto zu schießen. Sie konnte einfach nicht anders. Gerade war sie im Begriff, den Auslöser zu drücken, als wie aus dem Nichts eine johlende, lärmende Kinderschar auf sie zugelaufen kam. Die meisten der Kinder hielten einen Luftballon in der Hand. Als sie ganz nahe waren, ließen sie wie auf ein stummes Kommando fast gleichzeitig ihre Luftballons los, sodass diese in einer bunten, in allen Regenbogenfarben leuchtenden Traube in den Himmel stiegen.

Völlig überwältigt starrte Bella den Luftballons nach. Im nächsten Moment war sie von der Kinderschar umringt. »Willkommen bei uns! Du bist bestimmt die Pra-Praktiantin«, ergriff ein vorwitziger kleiner Junge das schwierige Wort.

Bella musste lachen. »Ja, das stimmt. Ich will hier bei euch in Sophienlust ein Praktikum machen.«

»Hm. Ich glaube, du bist noch ziemlich jung«, meinte der Junge und musterte Bella mit neugierigen Blicken. »Ich habe gedacht, du bist ein bisschen älter. Vielleicht so wie Tante Isi oder Tante Ma.« Er grinste und streckte Bella seine nicht ganz saubere Hand hin: »Ich bin übrigens Dennis. Und wie heißt du?«

Bella wollte schon den Mund öffnen, um ihren Namen zu sagen, grinste stattdessen aber zurück. »Willst du raten? Wenn du meinen Namen errätst, bekommst du eine Tafel Schokolade als Belohnung.« Sie wandte sich an die anderen Kinder. »Ihr dürft natürlich mitraten. Wollt ihr?«

Ein lautes, vielstimmiges Ja war die Antwort.

Bella lehnte sich gegen den Kotflügel ihres Autos. »Also dann – los geht’s«, forderte sie die Kinder auf. »Wer macht den ersten Vorschlag?«

Dennis legte nachdenklich den Kopf schief, schwieg aber. »Heißt du Evi?«, kam es laut von ziemlich weit hinten. Bella schüttelte den Kopf.

»Nein, Evi heiße ich nicht.«

»Heißt du vielleicht Silvia? So heißt nämlich meine Tante«, ließ sich als nächstes ein dunkelhaariges Mädchen vernehmen. Wieder schüttelte Bella den Kopf.

»Ich habe auch eine Tante. Meine Tante heißt Isabel«, versuchte es nun Dennis. »Heißt du wie meine Tante?«

»Nicht schlecht geraten! Stimmt zwar nicht ganz, aber fast. Ich heiße Bella. Das ist die Abkürzung von Isabella. Du warst also ganz schön nah dran, Dennis.«

Bella griff ins Handschuhfach ihres Autos und holte zwei Tafeln Schokolade heraus. »Ich würde sagen, ‚ganz schön nah dran‘ ist eine Tafel Schokolade wert«, schlug sie vor. »Und die zweite Schokoladentafel wird gerecht unter allen anderen aufgeteilt.«

Sie bückte sich mit der Schokolade in der Hand zu den Kindern hinunter und bekam im selben Moment einen feuchten Nasenstüber, der sie fast zu Boden gehen ließ. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich mit der freien Hand an ihrem Auto abstützen, während eine klebrige Zunge wie ein Waschlappen über ihr Gesicht fuhr.

»Anglos, komm sofort zurück! Das darfst du nicht, Anglos!« Fabian Schöller drängte sich an den anderen Kindern vorbei nach vorn und packte die Dogge am Halsband, um sie von Bella wegzuzerren. Es gelang ihm allerdings erst auf den zweiten Versuch. »Platz, Anglos! Sei ein braver Hund und mach Platz!«, forderte Fabian den Hund auf, während er ihn immer noch am Halsband festhielt. Diesmal gehorchte Anglos aufs Wort. Willig legte sich die Dogge zu Füßen ihres jungen Herrn, als könnte sie kein Wässerchen trüben.

Trotzdem stand Fabian ziemlich betreten vor Bella und schluckte. »Tut mir leid, das macht Anglos sonst nie«, entschuldigte er sich. »Und es war auch bestimmt nicht wegen der Schokolade. Die mag er nämlich gar nicht. Ich habe wirklich keine Ahnung, was er wollte. Möchtest du, dass ich ihn ausschimpfe?«

»Aber nein«, wehrte Bella ab. Allmählich erholte sie sich von ihrem Schrecken. »Ich glaube, er wollte mich einfach nur begrüßen. Vielleicht hat er gemerkt, dass ich Hunde mag. Als ich ein Kind war, hatten wir zu Hause auch einen Hund. Einen Golden Retriever. Er hieß Buddy.«

Fabian atmete auf, sichtlich erleichtert darüber, dass Bella nicht von ihm erwartete, Anglos zu bestrafen.

Stattdessen ließ sie sich von einem rotblonden etwa 16-jährigen Mädchen, das sich als Angelina vorgestellt hatte, auch noch mit Barri bekannt machen und kraulte liebevoll den Kopf des Bernhardiners.

Erst die Wildmooser Kirchturmuhr erinnerte Bella wieder daran, dass die Zeit nicht stehenblieb. »Jetzt müsst ihr mich aber weiterfahren lassen«, verabschiedete sie sich fürs Erste von den Kindern. »Ich habe nämlich einen Termin bei Frau von Schoenecker. Und da möchte ich doch pünktlich sein.«

Die Kinder zeigten Verständnis und wichen zurück, während Bella sich in ihr Auto setzte und winkend weiterfuhr.

Als das Kinderheim in Sicht kam, stellte sie erstaunt fest, dass es fast wie ein kleines Schloss aussah. Auf dem Foto, das sie im Internet gesehen hatte, war ihr das längst nicht so deutlich bewusst geworden. Und die hohen Bäume und der Park… Bella konnte sich kaum sattsehen, während sie die Autotür hinter sich zuwarf und die Freitreppe, die zu dem Gebäude führte, hinauflief.

Oben angekommen hob sie die Hand, um die Klingel zu drücken, doch in diesem Moment wurde bereits von innen geöffnet.

Im Türrahmen stand eine schlanke, dunkelhaarige Frau von Mitte vierzig und hinter ihr ein junger Mann, der, seinem Aussehen nach zu urteilen, ihr Sohn sein musste.

»Guten Tag«, sagte Bella ein wenig verlegen.

Die Frau wirkte sehr elegant in ihrem cremefarbenen Jackenkleid, sodass Bella unwillkürlich an sich hinunterschaute und das Gefühl hatte, mit Jeans, T-Shirt und Turnschuhen nicht ganz das passende Outfit für ihren Einstand in Sophienlust ausgewählt zu haben.

»Ich… ich bin Bella Feldmann«, stotterte sie. »Ich habe mich um den Praktikumsplatz hier in Sophienlust beworben, weil ich Erzieherin werden möchte und…«

Die Frau lächelte Bella herzlich zu. »Ich weiß«, sagte sie. »Ich bin Denise von Schoenecker. Wir haben bereits am Telefon miteinander gesprochen. Ich freue mich sehr, dass Sie zu uns nach Sophienlust gekommen sind, Bella. Ich darf doch Bella zu Ihnen sagen, nicht wahr?«

»Natürlich«, nickte sie.

»Gut. Und mich nennen Sie bitte Denise. Frau von Schoenecker ist ein bisschen umständlich«, gab Denise zurück.

Bella wurde immer verwirrter. Als ihr Blick wie zufällig in Nicks Richtung schweifte und sie in seine warmherzigen dunklen Augen schaute, schlug ihr Herz unwillkürlich ein wenig schneller.

»Das ist mein Sohn Nick«, redete Denise indessen weiter. »Er ist der Besitzer von Sophienlust. Und somit für die nächsten Monate sozusagen Ihr Chef.«

Bella hielt für einen Moment die Luft an.

»Dominik von Wellentin-Schoenecker«, sagte Nick und streckte Bella zur Begrüßung seine Hand hin. »Aber alle in Sophienlust nennen mich Nick. Also sagen Sie am besten auch Nick zu mir. Ich bin mir sicher, dass wir uns gut verstehen werden.«

Da Bella nicht so recht wusste, was sie antworten sollte, ergriff sie erst einmal Nicks Hand. Sein Händedruck war fest und herzlich. Es war der Händedruck eines Menschen, zu dem man Vertrauen haben und auf den man sich verlassen konnte. Dabei war Nick nach Bellas Schätzung nicht älter als höchstens zwanzig, also noch genauso jung wie sie selbst.

Hier in Sophienlust würde sie sich wohlfühlen, dessen war sich Bella von Minute zu Minute sicherer.

»Ich… ich hole dann meinen Koffer aus dem Auto«, schlug sie vor.

Denise winkte ab. »Dazu ist später noch Zeit genug. Ich denke, wir gehen jetzt erst einmal hinein«, meinte sie und nickte Bella freundlich zu. »Da können wir dann bei einer Tasse Kaffee alles Weitere besprechen.«

*

»Warum bekommst du eigentlich nie eine Rolle, in der du einen richtigen Papa spielen darfst, Han?« David hielt seine Gabel aufrecht in der linken Hand und wickelte mit der rechten Hand eifrig Spaghetti darauf. Die meisten davon landeten allerdings wieder auf dem Teller oder auf dem Fußboden der kleinen Küche, weil er seinen Vater bei diesen Worten nicht aus den Augen ließ.

Hans Gassner setzte das Glas mit der Rotweinschorle, das er soeben zum Mund führen wollte, ab, und wandte sich seinem Sohn zu. »Erstens sollst du mich nicht immer Han nennen, David. Und zweitens habe ich doch schon des Öfteren einen Papa gespielt. Erinnerst du dich nicht mehr an den Fernsehfilm ‚Familienglück in den Bergen‘? Da war ich ein Papa von einem kleinen Jungen, der fast genauso alt war wie du.«

»Das stimmt nicht.« David zog einen Flunsch und ließ seine Gabel krachend auf den Teller fallen. »Der Junge auf dieser… dieser Berghütte war acht. Und ich bin schon seit zwei Monaten neun. Der Junge war noch ein Baby.«

»Ein Baby? Bist du übergeschnappt?«, ließ sich da ein zorniges Stimmchen an seiner Seite vernehmen. »Was bist du doch gemein, Dav! Du bist echt megamäßig gemein! Nur weil du mein großer Bruder bist, darfst du noch lange nicht so mit mir umspringen. Ich bin seit voriger Woche sieben. Und ich bin schon lange kein Baby mehr. Keiiiin Baby!«

Hans Gassner hob beschwichtigend die Hände. »Natürlich nicht, Emma«, versuchte er seine kleine Tochter zu beruhigen. »So hat David das auch nicht gemeint. Du hast das nur falsch verstanden, und deshalb…«

»Ich habe gar nichts falsch verstanden! Immer hilfst du Dav. Du bist ungerecht, Han. Ungerecht, ungerecht, ungerecht!« Emma griff nach der Ketchupflasche und versuchte, sie zusammenzudrücken, wobei sie die Öffnung auf ihren Bruder richtete.

Hans Gassner sprang auf und schnappte sich blitzschnell die Ketchupflasche. Dabei stieß er seine Rotweinschorle um, sodass sich das Getränk quer über den ganzen Tisch ergoss. Missmutig holte er einen Lappen und wischte auf.

Dann ließ er sich mit einem Laut der Verzweiflung wieder auf seinen Stuhl zurücksinken und beschloss, sich ein Glas Rotwein pur einzuschenken.

»Jetzt hast du uns noch immer nicht gesagt, warum du nie richtige Papas spielst, Han.« Emma, offenbar schon wieder mit David versöhnt, wechselte einen Blick stummen Einverständnisses mit ihrem Bruder. »Du könntest das doch bestimmt. Du bist doch ein richtiger Papa.«

Hans Gassner entfuhr ein Seufzer. Dass er ein Papa war, war nicht zu übersehen. An manchen Tagen wurde er allerdings das Gefühl nicht los, dass er irgendwie kein besonders guter Papa war. Höchstwahrscheinlich hatten gute Papas nämlich ruhige, wohlerzogene Kinder und nicht solche Rangen wie David und Emma! Er seufzte ein weiteres Mal.

»Han, ist dir übel? Du machst so komische Laute«, kam es in diesem Moment teilnahmsvoll von Emma.

Hans Gassner musste lachen, ob er wollte oder nicht. »Es geht mir gut. Alles okay, alles bestens. Ich frage mich nur, wie oft ich euch noch sagen muss, dass ich nicht Han…«

»Sondern Papa heiße«, fiel Emma ihrem Vater ins Wort. Sie verdrehte die Augen, weil sie sich dabei sehr erwachsen vorkam. »Und wann spielst du jetzt endlich einen richtigen Papa?«

»Was…« Hans Gassner griff nach der Rotweinflasche und füllte sein Glas. »Was in aller Welt meint ihr eigentlich? Was stellt ihr euch unter ‚einen richtigen Papa spielen‘ überhaupt vor?«, fragte er kopfschüttelnd.

»Dass wir zu den Dreharbeiten mitkommen und mitspielen dürfen«, kam es wie aus einem Munde von David und Emma. »Du spielst den Papa, und wir spielen deine Kinder«, führte David aus. »Das wäre supermegacool. Dann wären wir während der ganzen Dreharbeiten zusammen.«

Hans Gassner nippte an seinem Rotwein. »Das geht nicht«, erklärte er. Und setzte, um nicht ein Dutzend weiterer bohrender Fragen beantworten zu müssen, sofort hinzu: »Wollt ihr denn nicht mehr nach Sophienlust? Als ihr während meines letzten Drehs dort wart, habt ihr am Telefon jedes Mal total begeistert geklungen. Und als die Dreharbeiten zu Ende waren und ich euch abholen kam, wolltet ihr unbedingt vorher noch mit all den anderen in dieses Tierheim Waldi und… und…«

»Natürlich gefällt es uns in Sophienlust, Han«, versicherte David sofort. »Und wir möchten, wenn du keine Zeit für uns hast, auf keinen Fall woanders hin. Aber wenn uns die anderen in der Schule zusammen mit dir in einem Fernsehfilm sehen könnten, wäre das eine voll coole Sache.«

»Aha«, meinte Hans Gassner. »Daher weht also der Wind. Und ich dachte schon, ihr wolltet statt nach Sophienlust diesmal vielleicht lieber zu eurer Mama in die Villa Wallenberg.«

Auf den Gesichtern der Kinder malte sich das blanke Entsetzen, sodass Hans Gassner seine Worte sofort leidtaten.

»Nein, wollen wir nicht!«, brüllte Emma los.

»Wenn du uns zu Mama schickst, hauen wir ab. Noch am ersten Tag«, legte David nach. »Uns reicht schon die Zeit, die wir wegen der doofen Verfügung dieses noch dooferen Gerichts…

Hans Gassner runzelte die Stirn, obwohl er viel lieber losgelacht hätte.

Es lag ihm fern, die Kinder gegen Liane aufzubringen, von der er nun seit knapp drei Jahren geschieden war. Aber dass die Pflichtbesuche bei ihr sowohl Emma als auch David ein Gräuel waren, gab ihm das angenehme Gefühl, dass er trotz seiner gescheiterten Ehe vielleicht doch nicht alles falsch gemacht hatte.

»Weißt du, Han, einmal mit dir zusammen drehen, wäre schon eine coole Sache«, unternahm indessen David einen neuen Vorstoß. »Stell dir vor, alle aus meiner Klasse sitzen mit ihren Eltern vor dem Fernseher, und plötzlich … plötzlich sehen sie uns drei: nicht nur dich, sondern auch mich und Em. Und von da an wagt niemand mehr, Em oder mich auszulachen, wenn wir in der Schule Fehler machen oder etwas nicht verstehen. Niemand traut sich mehr, uns das Pausenbrot wegzunehmen. Oder uns irgendetwas zu klauen. Einfach weil wir Fernsehstars und berühmt sind.«

»Verstehe«, meinte Hans Gassner trocken. »Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ihr dafür in Kauf nehmen würdet, stundenlang immer wieder die gleiche Szene zu proben, bis der Regisseur endlich zufrieden ist. Und ich bezweifle auch, ob ihr Lust hättet, so viele Drehbuchseiten auswendig zu lernen, dass ein Gedicht für die Schule der reinste Klacks dagegen ist.«

Emma legte den Kopf schief, was sie immer tat, wenn sie angestrengt nachdachte. »Wir müssten während der Drehzeit aber nicht in die Schule gehen«, hielt sie schließlich listig dagegen. »Das heißt, dass wir außer dem Drehbuch sonst nichts zu lernen bräuchten. Wie… wie viele Seiten hat denn so ein Drehbuch?«

»Mindestens so viele wie dein Lesebuch und das Lesebuch von David zusammen«, kam es nach kurzer Überlegung von ihrem Vater.

Emma prallte entsetzt zurück, fing sich aber sofort wieder. »Du lügst, Han. Das kann nicht stimmen«, hielt sie dagegen. »So viele Seiten könntest du nämlich nie und nimmer lernen. Und wenn, dann würdest du das meiste davon sofort wieder vergessen. Letzte Woche hast du sogar den Termin für die Elternsprechstunde vergessen, weißt du noch?«

Hans Gassner biss sich peinlich berührt auf die Unterlippe. Am liebsten hätte er behauptet, er könne sich an sein Missgeschick nicht mehr erinnern, besann sich aber gerade noch rechtzeitig, dass er damit nur Wasser auf Emmas Mühlen gießen würde.

»Ich lüge nicht«, rechtfertigte er sich stattdessen. »Du hast mich nach der Länge des gesamten Drehbuchs gefragt, Emma, und ich habe dir darauf völlig wahrheitsgemäß geantwortet. Natürlich ist der Anteil der einzelnen Rollen unterschiedlich groß. Eine Hauptrolle zum Beispiel kann gut und gern ein Drittel des gesamten…«

»Du spielst aber nie Hauptrollen«, unterbrach David seinen Vater. »Und was das Auswendiglernen betrifft – das würden Em und ich schon hinkriegen. Ich bin nämlich ziemlich gut im Schreiben von Spickzetteln. Das hat nach dem letzten Test sogar meine Lehrerin gesagt. Also… also natürlich hat sie es nicht so direkt gesagt, aber eben… sinnigermaßen.«

»Sinngemäß heißt das«, verbesserte Hans Gassner, der plötzlich ziemlich froh war, den Elternsprechtag versäumt zu haben.

David stampfte ärgerlich mit den Fuß auf. »Wieso muss ich ‚sinngemäß‘ sagen, wenn du das andere Wort auch verstanden hast?«, murrte er. »Dass ihr Erwachsene auch immer so pingelig sein müsst.« Er wandte sich ab und betrachtete seine Gabel, die inzwischen wie eine dicke Garnspule aussah. Gierig öffnete er den Mund, schaffte es aber nicht, die aufgewickelten Spaghetti hineinzuschieben, was einen Heiterkeitsausbruch Emmas zur Folge hatte.

Unwillkürlich nahm Hans Gassner noch einen Schluck Rotwein. »Ich hoffe doch, dass ihr euch in Sophienlust ein bisschen besser benehmt und mir keine Schande macht«, bemerkte er.

»Wir machen dir dort keine Schande«, versicherte Emma, immer noch kichernd. »In Sophienlust haben wir nämlich noch nie Spaghetti und Ketchup gegessen. Bei Magda gab es bis jetzt nur einmal Tomatensauce zu Würstchen und Pommes. Aber die Sauce war aus echten Tomaten. Und die Pommes hatten die Form von Tieren, also Vögel und Dinos und solche Sachen. Außerdem waren sie ganz klein.«