Sophienlust Staffel 8 – Familienroman - Diverse Autoren - E-Book

Sophienlust Staffel 8 – Familienroman E-Book

Diverse Autoren

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Beschreibung

Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren: Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. E-Book 71: Engel mit dem Luftballon E-Book 72: Maja, das Blumenkind E-Book 73: Geliebter Kater Stiefelchen E-Book 74: Meine geliebte Tochter E-Book 75: Neues Glück für Heidi E-Book 76: Von der Mutter einen Gruß E-Book 77: Liebeserwachen E-Book 78: Binnie sucht Eltern E-Book 79: Ein Freudentag für Uschi E-Book 80: Die große Verantwortung

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Seitenzahl: 1550

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Inhalt

Engel mit dem Luftballon

Maja, das Blumenkind

Geliebter Kater Stiefelchen

Meine geliebte Tochter

Neues Glück für Heidi

Von der Mutter einen Gruß

Liebeserwachen

Binnie sucht Eltern

Ein Freudentag für Uschi

Die große Verantwortung

Sophienlust – Staffel 8 –

E-Book 71-80

Diverse Autoren

Engel mit dem Luftballon

Alexander von Schoenecker war müde, aber in bester Laune. Sein Antrag auf der landwirtschaftlichen Tagung war angenommen worden, und die Sitzung hatte glücklicherweise nicht allzu lange gedauert. Denn gerade an diesem Tag lag ihm daran, einen gemütlichen Abend mit Denise zu verbringen. Es war schließlich der Jahrestag ihrer Hochzeit.

Alexander lächelte, weil es ihm vorkam, als sei es erst gestern gewesen, dass er die bildschöne junge Witwe heimgeführt hatte, die für seine beiden verwaisten Kinder zur innig geliebten zweiten Mutter geworden war. Ihm selbst aber war ihr Sohn aus erster Ehe, Dominik, inzwischen so ans Herz gewachsen, als wäre er sein eigen Fleisch und Blut. Ja, es war tatsächlich schon eine Reihe von Jahren her, dass er Denise geheiratet hatte, denn auch ihr gemeinsamer Sohn Henrik drückte nun bereits die Schulbank.

Der einsame Mann hinter dem Steuer seines Wagens warf einen Blick auf seine Armbanduhr. In einer knappen halben Stunde würde er daheim sein auf Gut Schoeneich! Er holte tief Atem, vergewisserte sich, dass die Straße frei war, und gab mehr Gas, um die Zeit etwas zu verkürzen.

In Bachenau sah Alexander ein paar Bekannte und winkte ihnen freundlich zu, ohne anzuhalten. Ich bin verliebt wie damals, belächelte er sich selbst. Ich kann es kaum erwarten, endlich meine Denise in die Arme zu schließen.

Der kleine Ort blieb hinter ihm zurück. Felder und Waldstücke säumten nun die Landstraße. Als er an einer Waldwiese vorüberkam, verlangsamte er unwillkürlich die Fahrt, weil sich ihm dort ein besonders reizendes Bild bot. Vielleicht hätte er nicht so gebannt hingeschaut, wenn es sich nicht um ein Kind gehandelt hätte. Kinder aber waren Denises Lebensinhalt. Auf Sophienlust – dem Gut, das unweit von Gut Schoeneich lag – bot sie heimatlos gewordenen Kindern oder solchen, die in Not geraten waren, Geborgenheit und Schutz. Sophienlust war eigentlich ihrem Sohn Dominik als Erbe von seiner Urgroßmutter Sophie von Wellentin zugefallen. Aber Denise verwaltete den schönen Besitz und hatte das Vermächtnis der Erblasserin getreulich zu erfüllen gewusst. ›Das Haus der glücklichen Kinder‹ nannte Nick das Kinderheim Sophienlust gern. Obwohl noch Gymnasiast, fühlte er sich doch schon für Gut und Kinderheim mitverantwortlich.

Ja, und hier auf der Wiese spielte ein Kind! Ein ganz besonders reizendes Kind in einem gelben Kleidchen. Sein Spielzeug war ein großer blauer Luftballon. Es sah aus, als wäre das kleine Mädchen vom Himmel heruntergekommen.

Die Kleine schien die Welt vergessen zu haben. Sie tanzte und sprang glückselig mit dem Ballon umher, sodass Alexander von Schoenecker das Herz aufging. Erstaunlich erschien ihm allerdings, dass das Kind ganz allein war. Weit und breit konnte er keinen Erwachsenen erblicken.

Alexander fuhr noch langsamer und hielt schließlich an. War das kleine Mädchen vielleicht aus Sophienlust fortgelaufen? Von hier führte ein Waldweg hinüber nach Sophienlust. Es wäre immerhin denkbar. Doch nein, er hatte dieses kleine Mädchen noch nie gesehen. Aber er erkannte, obwohl im Kinderheim ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, die kleinen Heimbewohner doch recht genau.

Alexander von Schoenecker fühlte sich trotzdem für das kleine Ding verantwortlich. In einer Stunde würde es hier im Wald dunkel sein. Wohin gehörte das Kind?

Eine Weile wartete er. Die Kleine beachtete ihn nicht. Sie spielte fröhlich und unbekümmert. Dann schien sie müde geworden zu sein, denn sie setzte sich ins Gras, wobei sie die Schnur des Ballons fest mit der kleinen Hand umklammerte.

»Hallo, kleines Mädchen, bist du ganz allein hier?«, rief Alexander ihr vom Wagen aus zu.

Das Kind schaute zu ihm auf, freundlich, ohne Verwunderung.

»Ja, ich bin allein. Die böse Tante ist fortgefahren.«

Alexander stieg aus. »Kommt deine Tante wieder zurück, um dich zu holen? Sollst du auf sie warten?«

Ratlosigkeit zeigte sich deutlich auf dem süßen Gesichtchen. »Ich weiß nicht.«

Alexander schätzte das Alter des Kindes auf knapp drei Jahre. Es war ein besonders entzückendes Persönchen.

»Was hat denn die Tante gesagt?«, setzte der Mann das Verhör geduldig fort.

»Gar nichts.«

»Hm – aber sie hat dir den Luftballon geschenkt?«, versuchte Alexander es auf andere Weise.

Eifriges Nicken.

»Und was war dann?«

»Sie ist weggefahren. Mit ihrem Auto.«

»Aber sie kann dich doch nicht allein im Wald gelassen haben. Wie heißt du überhaupt?«

Das waren offensichtlich zu viele Fragen auf einmal. Das Kind sah ernst und nachdenklich aus, gab jedoch keine Antwort.

»Soll ich dich mitnehmen?«, schlug Alexander vor. »Ich weiß ein Haus, in dem viele Kinder wohnen. Da ist bestimmt Platz für dich. Oder sucht dich deine Tante dann?«

»Die Tante ist böse«, verkündete das namenlose kleine Ding. »Ich mag sie nicht.«

»Wir können einen Zettel schreiben, wo du zu finden bist«, überlegte Alexander halblaut. »Du darfst nicht allein hierbleiben, wenn es dunkel wird.«

»Ich … ich mag gern zu den Kindern«, sagte die Kleine stockend. »Die Tante soll mich nicht mehr holen. Sie mag mich nämlich auch nicht.«

Alexander von Schoenecker sah auf die Uhr und stellte fest, dass er nun schon eine Menge Zeit geopfert hatte. Immerhin wollte er keinen Fehler machen und nahm sich vor, zunächst noch eine Viertelstunde zu warten. Länger würde ein verantwortungsbewusster Erwachsener das Kind gewiss nicht allein auf der kleinen Wiese lassen.

Alexander nahm einen Zettel aus seiner Aktenmappe und schrieb in deutlich lesbaren Buchstaben darauf, dass das Kind mit dem blauen Luftballon im Kinderheim Sophienlust Unterkunft gefunden habe.

Neugierig schaute die kleine Dame zu. Alexander klappte das Handschuhfach im Wagen auf und fand darin eine angebrochene Tafel Schokolade. Das Kind aß alles hungrig auf. Offenbar hatte es schon längere Zeit keine vernünftige Mahlzeit bekommen. Bei näherem Hinschauen erwies sich auch das gelbe Kleidchen als nicht vollkommen sauber.

Wer mochte die sogenannte böse Tante sein? War es denkbar, dass sie das Kind mit dem Luftballon absichtlich hier zurückgelassen hatte?

Die Erfahrungen auf Sophienlust hatten den Gutsherrn von Schoeneich gelehrt, dass es in dieser Hinsicht die seltsamsten und traurigsten Dinge gab. Trotzdem vermochte er sich an diesem schönen Abend nicht recht vorzustellen, warum eine Frau diesem reizenden Kind einerseits einen Luftballon zum Geschenk macht, es aber andererseits schutzlos im Wald zurückließ. Doch das Wort von der ›bösen Tante‹ stimmte ihn nachdenklich.

Die gesetzte Frist war verstrichen. Alexander befestigte seinen Zettel kunstvoll und gut sichtbar an einem Baum, der mitten in der Wiese stand. Wer immer das Kind suchte, musste auf die Nachricht aufmerksam werden.

»Kommst du mit?«, fragte er und lächelte die Kleine aufmunternd an. »Es wird dir bestimmt gefallen.«

Der blonde Kopf nickte.

»Du darfst hier neben mir sitzen. Es ist nicht weit. Deine Tante wird dich abholen, wenn sie kommt.«

»Sie soll nicht kommen.«

Das hörte sich sogar ein bisschen ängstlich an.

Alexander ließ den Wagen an. Er war zu der Überzeugung gekommen, dass er hier weitere Nachforschungen doch nicht anstellen konnte. Das musste er seiner Frau, der Polizei oder anderen Berufenen überlassen.

»Du hast ein feines Auto«, piepste seine Beifahrerin. »Fahren wir weit? Mit der bösen Tante sind wir sehr lange gefahren. Ich habe sogar geschlafen.«

»Nein, wir sind gleich da. Aber du darfst später noch mal mit mir spazieren fahren, wenn du willst.«

»Ich mag schon gern.« Ein strahlender Blick aus den großen Kinderaugen belohnte ihn für sein Angebot.

Etwa zehn Minuten später hielten sie vor dem schönen Herrenhaus von Sophienlust. Ein Mädchen mit lustigen Sommersprossen im Gesicht lief eilig auf den Wagen zu, knickste artig und sagte: »Tag, Onkel Alexander.«

»Tag, Pünktlich. Eigentlich müsste man schon sagen, guten Abend. Habt ihr schon gegessen?«

Das Mädchen hieß eigentlich Angelina Dommin. Aber sogar die Lehrer in der Schule riefen es Pünktchen.

»Ja, ich wollte gerade noch einmal zum Stall. Wir sind heute Nachmittag auf den Ponys geritten, und ich habe etwas vergessen.«

»Ist Frau Rennert in der Nähe?«

»Ich kann sie holen!« Nun erst entdeckte Pünktchen das Kind im Auto. »Bringst du uns ein kleines Mädchen, Onkel Alexander? Das hat nicht mal Nick gewusst. Der ist nämlich schon drüben in Schoeneich, weil es bei euch doch heute ein Festessen geben soll.«

Alexander schmunzelte. »Stimmt genau, Pünktchen. Diese kleine Dame habe ich zufällig unterwegs aufgelesen. Vielleicht wird sie wieder abgeholt. Aber ich wollte sie nicht allein auf der Wiese im Wald lassen.«

»Nein, das geht nicht. Es wird ja bald dunkel.« Pünktchen schaute zum Himmel empor und rannte dann ins Haus, um die Heimleiterin zu rufen.

Frau Rennert erschien, umringt von einer Schar von Kindern. Die Nachricht, dass ein kleines Mädchen im Heim Einzug halten sollte, hatte sich natürlich sofort herumgesprochen.

Frau Rennert nahm die Kleine auf den Arm. Scheu, aber doch mit deutlichem Zutrauen legte sich der blonde Kopf gegen ihre mütterliche Schulter.

»Bist du müde?«, fragte die Heimleiterin verständnisvoll.

»Ja, aber ich will meinen Luftballon mit ins Bett nehmen.«

»Natürlich nimmst du ihn mit.« Frau Rennert strich dem Kind liebevoll über das wirre Haar. »Was sonst noch ist, können wir morgen besprechen, Herr von Schoenecker.«

Alexander hatte ihr in ein paar knappen Sätzen geschildert, wie er zu seinem Findling gekommen war.

»In Ordnung, Frau Rennert. Ich erzähle es meiner Frau. Sie wird sich morgen früh um das kleine Fräulein kümmern. Sollte sich allerdings noch heute Abend jemand melden, dann rufen Sie uns bitte an. Ich werde auch der Ordnung halber bei der Polizei anklingeln. Es wäre immerhin denkbar, dass wir einen kleinen Ausreißer aufgegriffen haben, der verzweifelt gesucht wird.«

Pünktchen knickste wieder, die anderen Kinder winkten fröhlich.

Alexander von Schoenecker fuhr langsam davon, über die vor ein paar Jahren erbaute Straße hinüber nach Schoeneich, wo Denise und die beiden Jungen ihn schon sehnsüchtig erwarteten.

Die schöne Frau mit dem dunklen Haar und den wundervollen braunen Augen, die Nick von ihr geerbt hatte, schmiegte sich mit glücklichem Lächeln an ihres Mannes Brust.

»Ich habe unterwegs an dich gedacht, Liebste«, raunte er ihr ins Ohr. »Es ist immer noch wie am ersten Tag – nein, es ist sogar noch schöner geworden.«

»Wir haben inzwischen große Kinder, Alexander«, meinte Denise lachend.

»Und drüben in Sophienlust mal wieder ein neues kleines Kind«, fiel er ein, indem er den Arm zärtlich um ihre schlanke Taille legte.

»Ein neues Kind?«, fragten Nick und Henrik wie aus einem Mund.

»Ja, ich erzähle euch bei Tisch, wie sich die Sache zugetragen hat. Ihr könnt aber auch mitkommen, wenn ich jetzt beim Polizeirevier anrufe.«

In der Diele wartete Andrea.

»Bist du auch gekommen? Das ist eine Überraschung, Kind. Hast du Hans-Joachim mitgebracht?«

»Natürlich, Vati. Er geht eben noch beruflichen Pflichten im Kuhstall nach. Aber er wird gleich hier sein.« Andrea, Alexanders Tochter aus erster Ehe, war seit einiger Zeit mit dem Tierarzt Dr. Hans-Joachim von Lehn verheiratet.

»Fehlt nur Sascha, um die Familie vollzählig zu machen«, stellte Denise mit mütterlichem Stolz fest.

»Der steckt in irgendeiner Zwischenprüfung«, sagte Andrea. »Wir haben ihn gestern in Heidelberg angerufen. Er findet das Studentenleben zurzeit gar nicht lustig, weil er zu viel pauken muss.«

Es verging eine ganze Zeit, ehe die Familie sich endlich um den großen Tisch versammeln konnte. Das Telefongespräch mit der Polizei gab Anlass zu vielen Fragen, von denen Alexander die meisten nicht beantworten konnte, weil sein blonder Schützling nicht viel gesagt hatte.

»Für heute müssen wir es dabei bewenden lassen, dass es ein Kind mit einem blauen Luftballon ist. Vielleicht finden wir morgen mehr heraus«, beendete der Gutsherr die fruchtlosen Mutmaßungen, die sofort angestellt wurden.

»Vielleicht stellt sich alles als harmlos heraus«, meinte Denise. »Doch ich werde das Kind nicht eher hergeben, als bis ich weiß, warum es von einer bösen Tante spricht.«

Nick nickte mehrmals nachdrücklich. »Sehr richtig, Mutti. Man weiß nie, was dahintersteckt.«

Die Erwachsenen lächelten verstohlen über den Eifer des Jungen, der ein bisschen altklug wirkte. Doch niemand ließ ihn das merken, denn Nicks Eingreifen hatte sich schon oft als nützlich und segensreich erwiesen. Manchmal fand er den Kontakt zu einem fremden, verschüchterten Kind leichter als die Großen. Auch Henrik war inzwischen so vernünftig geworden, dass er sich hin und wieder eines Heimkindes annahm. Denise mochte jedenfalls auf die tatkräftige Hilfe ihrer Söhne nicht mehr verzichten, auch wenn sie manchmal über das Ziel hinausschossen.

Martha hatte mit dem Festessen wahrhaftig ein Meisterwerk vollbracht. Im Allgemeinen behauptete Nick, dass Marthas Schwester Magda drüben in Sophienlust nicht zu übertreffen sei – doch heute hatte er keine Zeit, solche Vergleiche anzustellen. Denn er war intensiv damit beschäftigt, die leckeren Genüsse zu vertilgen. Beim Vanille-Eis, das mit dampfend heißer Himbeersoße gereicht wurde, seufzte er nur einmal hingebungsvoll. Sonst verhielt er sich mucksmäuschenstill.

Nach dem Essen rief Denise in Sophienlust an. Sie erfuhr von Schwester Regine, dass das fremde Kind gebadet worden sei und nun bereits fest schlafe. Der Luftballon sei am Bett festgebunden worden.

Schulterzuckend kehrte Denise in den Kreis ihrer Lieben zurück. »Nichts Neues«, erzählte sie. »Die Kleine schläft. Sie hat nichts mehr gesagt. Wahrscheinlich war sie zu müde.«

Alexander füllte die Gläser.

»Kriege ich auch etwas?«, bat Nick.

»Ich auch!«, fiel Henrik ein.

»Jeder ein bisschen. Aber denkt daran, dass Wein müde macht. Morgen ist nämlich ein ganz normaler Schultag«, entschied der Vater.

»Ich bin älter als Henrik, also muss ich mehr bekommen als er. Als ich so klein war, habe ich überhaupt keinen Alkohol trinken dürfen«, beschwerte sich Nick.

Hans-Joachim von Lehn, der verliebt die Hand seiner jungen Frau hielt, nickte seinem jugendlichen Schwager versöhnlich zu. »Gönne doch dem Kleinen mal was, Nick. Bist doch sonst nicht so.«

Nick ergab sich in sein Schicksal, registrierte dann aber mit Genugtuung, dass sein Vater ihm ein ganzes Glas einschenkte, während Henrik sich mit einem Schlücklein begnügen musste. Es gab also doch noch Gerechtigkeit auf der Welt!

Es wurde ein fröhlicher Familienabend. Gegen zehn Uhr brachen die von Lehns auf. Als ihr Wagen in der Dunkelheit verschwunden war, schickte Denise ihre Söhne energisch zu Bett.

Die Kinder waren so erzogen, dass sie den Eltern hin und wieder ein ungestörtes Beisammensein gönnten. Sie wussten ja, wie stark ihre Mutter durch das Kinderheim und ihr Vater durch die Leitung der beiden Güter beansprucht waren.

Alexander machte eine neue Flasche auf und setzte sich in einen bequemen Sessel. Auf dem Kaminsims flackerten zwei Kerzen. Es war still und heimelig im Gutshaus.

»Ich bin sehr glücklich, Liebste. Komm zu mir!« Er zog Denise auf seine Knie, und sie schmiegte sich an ihn und ließ sich von ihm küssen.

»Vielen Dank für jeden Tag, den du mir geschenkt hast, Denise.«

»Bin ich es nicht, die dir zu danken hat, Alexander? Mein Leben war einsam geworden, bevor du kamst. Auch kannte ich nichts als harte Arbeit, bevor die große Erbschaft kam. Ich hatte die Sorge um Nick und musste das teure Heim für ihn bezahlen. Aber schlimmer als die Arbeit war die ständige Trennung von meinem kleinen Jungen. Doch dann wurde plötzlich alles anders. Wir konnten in Sophienlust beisammen sein. Trotzdem …«

»Nun, wir haben uns doch gleich am ersten Tag kennengelernt«, warf Alexander ein.

»Ja, Liebster, aber damals hatte ich nicht den Eindruck, dass aus uns einmal das glücklichste Paar der Welt werden sollte.«

»Du hast mein Leben reich gemacht, Denise. Sascha und Andrea bekamen endlich wieder eine Mutter. Ich glaube kaum, dass sie sich im Internat so entwickelt hätten, wie es hier geschehen ist. Meine kleine Andrea – jetzt ist sie schon selbst Ehefrau und in vieler Hinsicht bemüht, dir zu gleichen.« Er lächelte in väterlichem Stolz. »Und Sascha ist fast schon ein Mann geworden. Heutzutage haben viele Eltern Sorgen mit ihren studierenden Söhnen. Bei Sascha stimmt alles, weil du ihm den richtigen Weg gewiesen hast.«

»Warum stellst du dein Licht unter den Scheffel, Alexander?« Denise schlang die Arme fester um den geliebten Mann. »Du bist für deine Kinder ein Vorbild. Das ist es, was den jungen Menschen von heute leider oft genug fehlt. Nicht mit Moralpredigten erzieht man, sondern mit dem vorgelebten Beispiel.«

»Du darfst mich nicht so über den grünen Klee loben, Isi. Das bringt mich in Verlegenheit. Außerdem könnte ich jedes Wort zurückgeben, denn es passt auf dich weit mehr als auf mich.«

Sie plauderten mit gesenkten Stimmen von der Vergangenheit, der Gegenwart und ein wenig auch von der Zukunft. Dazu tranken sie vom besten Wein aus dem Keller und bemerkten kaum, wie die Stunden verstrichen. Endlich brach Denise auf.

»Wir müssen schlafen gehen, Alexander. Wein macht müde, und morgen ist wieder ein Tag. Das hast du vorhin zu den Buben gesagt.«

Der Mann legte die Lippen auf die seiner Frau. »Heute, Isi – denn Mitternacht ist längst vorüber. Gehen wir nach oben.«

Wenig später erlosch das letzte Licht im Gutshaus von Schoeneich.

*

Am nächsten Abend machte Nick, der als zukünftiger Besitzer von Sophienlust auch dort ein eigenes Zimmer besaß, in dem er übernachten durfte, wenn er dazu Lust hatte, wieder einmal von diesem Sonderrecht Gebrauch.

»Ich bleibe heute hier, Mutti, wenn es dir recht ist«, teilte er seiner Mutter mit, die in Sophienlust mit Frau Rennert das große Wirtschaftsbuch durchgesehen hatte.

»Gut. Bist du mit den Schulaufgaben fertig?«

»Nur in Englisch habe ich noch etwas durchzulesen. Das kann ich heute abend machen, wenn die Kleinen schlafen.«

Denise lächelte verständnisvoll. »Vorher möchtest du dich also mit den Kleinen beschäftigen? Schwester Regine wird dir für deine Unterstützung dankbar sein.«

Nick bekam rote Ohren. »Vielleicht sagt sie mir, wie sie heißt, Mutti.«

Natürlich meinte Nick die kleine Fremde mit dem blauen Luftballon, den er ihr nach dem Mittagessen, das er ebenfalls in Sophienlust eingenommen hatte, wunderbar prall aufgeblasen hatte, sodass er wieder aussah wie neu. Nick hatte es sich in den Kopf gesetzt, etwas über das Kind herauszufinden, und seine Mutter ließ ihn gewähren. Er hatte ein erstaunliches Geschick im Umgang mit großen und kleinen Kindern, obwohl das bei einem Jungen in seinem Alter recht ungewöhnlich war.

»Versuch’s, Nick. Ich habe heute früh ein bisschen mit ihr gespielt. Sie ist freundlich, aber schüchtern. Es kommt mir so vor, als hätte sie nicht viel Berührung mit anderen Menschen gehabt. Auf der Polizei liegt keine Suchmeldung vor, und der Zettel, den Vati geschrieben hat, ist nicht fortgenommen worden.«

»Bis jetzt haben wir noch bei jedem Kind herausgekriegt, woher es kommt und wie es heißt. Ich setze sie nachher auf ein Pony. Das macht ihr bestimmt Spaß.«

»Sie ist noch sehr klein, du musst vorsichtig sein.«

Nick trollte sich. Denise aber ging durchs Haus, um hier und da nach dem Rechten zu sehen. Die größeren Kinder saßen über ihren Schulaufgaben. Sie erledigten diese teils in ihren eigenen Zimmern, teils aber auch in einem großen Raum. Überall wurde ›Tante Isi‹ mit strahlenden Gesichtern begrüßt. Pünktchen wollte ihr unbedingt die letzte Klassenarbeit in Deutsch zeigen, in der das begabte Mädchen eine blitzblanke Eins bekommen hatte.

Denise nahm das Aufsatzheft und begann zu lesen. Es handelte sich um eine Tiergeschichte. Da war Pünktchen natürlich in ihrem Element gewesen. Denn Tiere spielten im Leben der Sophienluster Kinder eine wichtige Rolle – nicht nur die Tiere, die zum Gutsbetrieb gehörten, oder die Ponys, auf denen sie reiten durften, sondern auch Kleintiere aller Art, die persönliches Eigentum der Kinder waren. Habakuk, der sprechende Papagei, der im Wintergarten residierte, war im Laufe der Jahre zu einer gewichtigen Persönlichkeit des Heims geworden. Die genaue Zahl von Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Wellensittichen, Kanarienvögeln, Goldhamstern und Kaninchen, die zum Heiminventar gehörten, war Denise nicht immer bekannt.

So war Pünktchens Aufsatz über einen hartherzigen Bauern, der einen Wurf junger Katzen hatte ertränken wollen, ein kleines Meisterwerk geworden. Die vier Kätzchen wurden in Pünktchens Erzählung glücklicherweise in letzter Minute auf dramatische Weise gerettet. Der Junge, der die Tierchen aus dem Wasser fischte, wurde als Held geschildert und hatte deutliche Ähnlichkeit mit Pünktchens geliebtem großen Freund Nick. Denn Pünktchen war einst als unglückliches kleines Kind von Nick aufgefunden worden und hing seitdem mit echter, verehrungsvoller und manchmal sogar ein wenig eifersüchtiger Liebe an ihm.

Die kleinen Katzen in Pünktchens Klassenaufsatz führten den Leser in vier gänzlich verschiedene Familien, wo sie – wie hätte es anders sein können? – nur Segen stifteten. Vielleicht war die Erzählung ein wenig idealisiert, doch Denise freute sich, dass Pünktchen die positiven Seiten des Lebens aufzuzeigen versuchte. Sogar das Tierheim, das Andrea und Hans-Joachim von Lehn für kranke Tiere gegründet hatten, erschien in abgewandelter Form in Pünktchens Aufsatz.

»Fein hast du das gemacht, Pünktchen«, lobte Denise das Mädchen und gab ihr das Heft zurück. Dann ging sie weiter.

Im Park spielte Schwester Regine mit den Kleinsten. Das neue Kind hockte im Sand und backte Kuchen, sorgsam und mit noch ungeschickten Händchen. Der Luftballon war an der Rückenlehne einer Bank festgebunden.

»Tante Isi«, sagte das Kind leise, als Denise ihm über das weiche Haar strich, das frisch gewaschen war und in der Sonne glänzte wie Silber.

»Ja, mein Kleines? Wer bekommt denn die vielen guten Kuchen?«

»Die liebe Tante.«

War die ›liebe‹ und die ›böse‹ Tante ein und dieselbe Person? Denise seufzte. Es war schwer, ja, fast unmöglich, aus einem so kleinen Kind genaue Angaben über Herkunft und Namen herauszufragen. Um den kleinen Findling nicht zu verschüchtern, drang sie nicht weiter in das Kind und überließ alle Nachforschungen zunächst Nick.

Eben überlegte Denise, ob noch mehr in Sophienlust zu tun sei, als Isabel im Laufschritt in den Park kam. »Tante Isi, Telefon! Tante Ma schickt mich.« Damit meinte das Mädchen Frau Rennert, die von den Heiminsassen, ob groß oder klein, Tante Ma genannt wurde.

Denise eilte leichtfüßig auf das Herrenhaus zu. Dass sie früher einmal Tänzerin gewesen war, ließ sich nicht verleugnen. Ihr Gang wirkte leicht und schwebend, ihre Haltung aufrecht und stolz.

Im Büro reichte ihr Frau Rennert den Hörer. »Maria Berger«, sagte sie dabei.

Maria Berger war eine Verwandte von Frau Rennert. Als Waise war sie einstmals kurz in Sophienlust beheimatet gewesen. Jetzt war sie glückliche Ehefrau von Horst Berger, einem reichen Großindustriellen.

»Was gibt es?«, erkundigte sich Denise.

Maria brachte ihr Anliegen vor, nachdem sie sich zunächst vergewissert hatte, dass es in Sophienlust allen gut ging.

»Natürlich machen wir das, Maria«, antwortete Denise ohne Besinnen. »Wann möchte Frau von Rettwitz denn kommen? Je eher, desto besser. Du weißt ja, dass Sophienlust auch in Not geratenen Erwachsenen Heimstatt sein soll.«

Frau Rennert sah Denise fragend an, als diese schließlich den Hörer niederlegte. »Mir hat sie nichts erzählt, Frau von Schoenecker.«

»Es ist kein Geheimnis, Frau Rennert. Maria wollte es wohl nicht zweimal auseinandersetzen. Sie hat Freunde, eine Familie von Rettwitz, die von einem sehr traurigen Schicksal betroffen worden sind. Ihr einziges Töchterchen Renata ist im Alter von gut zwei Jahren an Hirnhautentzündung gestorben. Das war für die jungen Eltern ein schlimmer Schlag.«

»Schrecklich«, warf die warmherzige Heimleiterin ein. »Aber dann können wir für das Kind doch nichts mehr tun.«

»Nein, nein – es handelt sich um die Mutter, Isolde von Rettwitz. Sie leidet unter schweren Depressionen und kann den Verlust des Kindes nicht überwinden. Ihr Mann verspricht sich nun von einem Milieuwechsel Besserung und Heilung. Außerdem erwägt er, eventuell eines unserer Kinder zu adoptieren. Weitere Kinder kann das Paar nämlich aus Gründen, die mir nicht bekannt sind, nicht haben.«

»Natürlich nehmen wir die Dame gern auf«, erklärte Frau Rennert. »Das Zusammenleben mit unserer fröhlichen Schar wird sie ihre Depressionen sicher bald vergessen lassen.«

Denise nickte nachdenklich. »Hoffentlich, Frau Rennert. Falls es ihr für den Anfang hier in Sophienlust zu lebhaft zugehen sollte, werde ich sie nach Schoeneich einladen.«

Denise reichte der Heimleiterin zum Abschied die Hand und verließ das Herrenhaus von Sophienlust. Als sie schon im Wagen saß, sah sie Nick, der das fremde Kind an der Hand zu den Ponyställen führte. Der blaue Luftballon war wieder einmal mit von der Partie.

Ob ihr Sohn etwas herausfinden würde?

*

Achim von Rettwitz kam etwas abgespannt nach Hause, denn es lagen zwei anstrengende Gerichtsverhandlungen hinter ihm. Er hatte sich als tüchtiger Staatsanwalt bereits einen Namen gemacht. Studium, Beruf, dann seine glückliche Ehe mit Isolde – anfangs war alles im Leben des jungen Juristen nach Wunsch gegangen. Die ersten Sorgen waren gekommen, als Isolde bei der Geburt der kleinen Renata fast ihr Leben eingebüßt hatte. Doch das Schicksal hatte es noch einmal gnädig gemeint. Mutter und Kind waren am Ende gesund gewesen. Die Eröffnung des Professors, dass dem Paar weitere Kinder versagt sein würde, hatte damals kaum eine Bedeutung gehabt.

Renata war der Liebling und Abgott der Eltern geworden. Das Glück war vollkommen gewesen, bis diese tückische Krankheit das Kind hinweggerafft hatte.

Seither hockte Isolde apathisch und ohne Tränen neben dem leeren weißen Bettchen. Seither vernachlässigte sie den Haushalt und auch ihr eigenes Äußeres. Selbst an ihrem Mann schien sie keinerlei Interesse mehr zu haben. Achim gab sich alle erdenkliche Mühe, aber nichts fruchtete. Er schlug eine gemeinsame Reise vor, doch Isolde wollte sich nicht von dem verwaisten Kinderzimmer trennen. Er umgab seine Frau mit Liebe und Rücksichtnahme, aber es war, als bemerke sie gar nichts davon.

Auch an diesem Tag fand er die jetzt übliche Situation vor. Isolde hatte ihr schönes dunkles Haar gewaschen, sich aber nicht einmal die Mühe genommen, es aufzustecken. Wie ein ganz junges Mädchen trug sie es lang bis zur Taille. Achim liebte dieses herrliche Haar. Er beugte sich über seine Frau und legte die Lippen auf ihren Scheitel.

»Guten Abend, Isolde. Du siehst wunderschön aus, weißt du das?«

Sie schaute nicht einmal auf. Starr war ihr Blick auf das leere Bettchen geheftet. Müde hob sie die Schultern. »Was ist denn schön an mir?«

»Dein Haar, Isolde. Die heutigen Teenager würden dich um diese Pracht glühend beneiden.«

Isolde von Rettwitz gab keine Antwort.

Ihr Mann seufzte etwas unterdrückt, doch er ließ sich nicht so rasch entmutigen.

»Wie wäre es, wenn wir gemeinsam ausgingen, Isolde? Oder hast du etwas vorbereitet zum Abend? Heute ist Freitag. Morgen und übermorgen habe ich keinen Dienst.« Er bemühte sich, seiner Stimme einen zuversichtlichen Klang zu verleihen.

»Ich war nicht fort, Achim. Vielleicht ist noch etwas im Kühlschrank. Du weißt, dass ich nichts essen mag.«

Das stimmte. Isolde war seit dem Tod des Kindes erschreckend mager geworden.

»Aber ich möchte essen«, wandte er ein. »Ich hatte heute so viel zu tun, dass ich nicht einmal ins Kasino gekommen bin mittags.«

»Das tut mir leid.« Es war eine gleichgültige, höfliche Bemerkung – mehr nicht.

Vor allem diese Gleichgültigkeit war es, die Achim Sorge bereitete. Wie sollte das weitergehen? Der Arzt, mit dem er sich mehrfach beraten hatte, empfahl einen Milieuwechsel, andere Eindrücke und vielleicht zu gegebener Zeit die Adoption eines Waisenkindes. Aber wie sollte er Isolde aus diesem Zimmer wegbekommen, in dem sie die meisten Stunden des Tages verbrachte, manchmal mit dem Lieblingsteddy der kleinen Renata im Arm?

Der Mann legte die Hände auf die Schultern seiner Frau. Seine Finger verfingen sich in ihrem seidigen, glänzenden Haar. »Komm, Liebste, ich möchte mit dir ausgehen. Du musst dein Haar ein bisschen aufstecken und dich umziehen. Ich kann inzwischen einen Tisch bestellen.«

»Ich will nicht, Achim«, wandte sie tonlos ein. »Geh du allein, wenn du hungrig bist.«

»Nein, Isolde. Allein mag ich nicht gehen.«

Er nahm sie bei den Händen und zog sie in die Höhe, obwohl sie sich sträuben wollte. Liebevoll legte er die Arme um sie und küsste sie. Doch ihre Lippen blieben kühl und gaben die Zärtlichkeit nicht zurück.

Wie anders war es früher zwischen ihnen gewesen. Isolde hatte ihn Abend für Abend ungeduldig an der Tür erwartet und sich stets mit einem Jubelruf an seine Brust geworfen. Wie Kinder hatten sie oft miteinander gelacht und gescherzt.

»Isolde – bitte!« Seine Lippen liebkosten ihren Mund, seine Hände streichelten ihren starren Körper. »Ich liebe dich, Isolde. Du darfst über der Trauer um unsere süße kleine Renata das Leben nicht vergessen«, mahnte er und zog sie noch fester an sich.

»Wir werden nie wieder ein Kind haben, Achim.« Tonlos, mutlos, verzweifelt klang es.

»Aber du bist mir geblieben, Isolde. Werden wir beide nicht die Kraft finden, mit unserem Schicksal fertig zu werden? Unsere Liebe muss stark genug sein.«

»Ich habe keine Kraft mehr, Achim. Aber wenn du darauf bestehst, können wir zusammen essen gehen. Ich bin keine gute Hausfrau mehr. Nicht einmal fürs Wochenende habe ich etwas eingekauft.«

»Das können wir morgen Vormittag gemeinsam tun, Isolde.« Es kam ihm vor, als habe er eben einen winzigen Fortschritt erzielt. Er streichelte sie liebevoll. »Weißt du noch? Als wir jung verheiratet waren, haben wir immer samstags Einkäufe gemacht. Das war sehr amüsant.«

»So wird es nie mehr sein, Achim.«

Wenn sie weinen würde, meinetwegen schreien und das Schicksal anklagen – alles wäre besser als diese völlige Teilnahmslosigkeit, dachte er.

Immerhin setzte Achim an diesem Freitagabend seinen starken Willen durch. Isolde wählte ein dunkles Kleid, das ihr leider viel zu weit geworden war. Trotzdem sah sie schön aus, als sie gemeinsam das nette Einfamilienhaus am Stadtrand verließen. Ihr Haar war hoch aufgesteckt und schimmerte wunderbar.

»Ich bin stolz auf dich, Isolde«, flüsterte er ihr ins Ohr, als sie das kleine, exquisite Restaurant in der Innenstadt betraten, wo er einen Tisch hatte reservieren lassen.

Sie antwortete nicht auf das zärtliche Kompliment, sondern schaute starr geradeaus. Verstohlen sah Achim um sich – zu seiner Erleichterung waren keine Bekannten zu erblicken. Für Isolde hätte eine erzwungene Unterhaltung mit Freunden sicherlich eine Qual bedeutet, die er ihr ersparen wollte. Er war schon glücklich, dass es ihm heute gelungen war, sie zu diesem Ausflug in ein Lokal zu überreden.

Beim Essen sprachen sie kaum. Isolde kostete nur wenig von den Gerichten, die ihr Mann bedachtsam für sie ausgewählt hatte. Aber von dem roten Wein trank sie durstig.

»Maria Berger hat mich heute angerufen«, berichtete Achim wie beiläufig, weil er die Sprache schließlich irgendwie auf sein Thema bringen musste.

»So? Geht es ihr gut? Sie hat mir zweimal geschrieben. Aber ich kann mich nicht aufraffen, ihr zu antworten.«

»Bei Bergers ist alles in schönster Ordnung. Maria macht sich Gedanken um dich. Das ist es.«

»Maria meint es gut. Helfen kann sie mir leider nicht. Sie will mich einladen. Aber ich passe nicht in ein fröhliches Haus.«

»Inzwischen hat sie einen anderen Vorschlag gemacht, Isolde.«

»Warum lasst ihr mich nicht in Frieden?«, begehrte sie auf.

»Weil ich dich liebe, Isolde«, erwiderte Achim mit seltsamem Ernst. »Auch ich habe viel verloren mit unserer kleinen Renata. Jetzt möchte ich nicht auch noch dich und deine Liebe verlieren.«

Isolde schwieg. Aus ihrem starren Gesicht war nicht herauszulesen, was hinter ihrer blassen Stirn vor sich ging.

»Maria schlägt vor, dass du aufs Land gehst«, fuhr Achim mutig fort. »Es ist ein ehemaliges Herrenhaus mit dem romantischen Namen Sophienlust.«

Isolde verzog den Mund zu einem winzigen Lächeln. »Sophienlust ist Marias ganze Liebe. Sie spricht oft davon. Aber was soll ich dort? Es ist ein Kinderheim.«

»Nicht nur – es bietet auch Erwachsenen Erholung an. Frau von Schoenecker würde sich freuen, wenn du kämest.«

Isolde schüttelte den Kopf. »Das ist wieder so ein Plan, den ihr in guter Absicht hinter meinem Rücken geschmiedet habt. Marias Brüder sind damals von Pflegeeltern adoptiert worden. Wahrscheinlich soll ich mir in Sophienlust ein Kind auswählen, nicht wahr?«

»So weit sind unsere Überlegungen noch nicht gegangen, Isolde. Maria meinte lediglich, dass Frau von Schoenecker eine Frau sei, mit der du dich vielleicht aussprechen könntest.« Achim ging so diplomatisch wie möglich vor.

»Aussprechen kann ich mich mit keinem Menschen, Achim. Niemand versteht mich.« Wie müde ihre Stimme klang.

»Wenn ich dich nun bitten würde, es mir zuliebe wenigstens zu versuchen, Isolde?« Er legte seine Hand auf die ihre, die kalt war.

»Ich …, ich will es mir überlegen, Achim.«

»Wie lange brauchst du Bedenkzeit?«, drängte er.

»Bis morgen, Achim. Wenigstens bis morgen. Ich …, ich mag Renatas Zimmer nicht verlassen. Warum begreifst du das nicht? Wenn ich dort sitze, ist es manchmal, als lebte sie noch.«

Erschüttert wandte er das Gesicht ab, damit sie nicht sah, wie tief ihn ihre Worte trafen. Arme, arme Isolde! Sie wollte noch immer nicht den Tod des Kindes wahrhaben. Sie klammerte sich an ihre Träume. Das war verhängnisvoll und für ihren Gemütszustand sogar gefährlich.

Nachdem er die Gläser ein letztes Mal gefüllt hatte, brachen sie auf. Es war nicht sehr spät geworden. Am Himmel gingen eben die ersten Sterne auf.

»Schau, Liebste, wie schön«, sagte Achim, als er Isolde über die Straße zum Wagen führte.

»Aber unsere kleine Renata kann die Sterne nicht mehr sehen«, erwiderte sie bitter.

Am späten Abend und in der Nacht gab sich Achim alle Mühe, Isolde zu beweisen, dass er ihre Liebe brauchte und suchte. Sie versagte sie ihm nicht, aber es war, als halte er ein lebloses Wesen in den Armen. Ihre Seele war nicht bei ihm, obwohl ihre Körper eins waren.

»Wirst du nach Sophienlust gehen?«, fragte er leise.

»Wenn du es willst …«

Er zog sie noch einmal zärtlich an sich. »Ja, Isolde, ich bitte dich darum. irgendetwas muss geschehen, sonst gehen wir beide daran zugrunde.«

Hatte sie es selbst gespürt? Hatte sie erkannt, dass sie einander fremd wurden?

»Also gut, ich werde hinfahren. Wenn du möchtest, können wir das Wochenende dazu verwenden.«

»Danke, Isolde.«

*

»Ich finde die Sache höchst kriminell«, platzte Nick heraus.

Alexander von Schoenecker legte die Hand auf des Jungen Schulter. »Was denn, mein Sohn?«, erkundigte er sich.

Nick war soeben mit dem Fahrrad von Sophienlust nach Schoeneich gekommen. Seit zwei Tagen war er nicht mehr zu Hause gewesen, weil er seinen Aufenthalt in Sophienlust für unerlässlich gehalten hatte.

»Na, mit der Kleinen, die du gefunden hast, Vati. Das gibt es doch gar nicht, dass man ein Kind im Wald zurücklässt und sich nicht mehr darum kümmert. Wenn ich mir überlege, was ihr hätte passieren können …«

»Glücklicherweise hat Vati sie gefunden und mitgenommen«, erinnerte Denise ihren Sohn, der sich aufgeregt mit den Fingern durch das wellige dunkle Haar fuhr.

»Und die Polizei? Weiß sie vielleicht etwas? Irgendwo muss die Kleine doch vermisst werden. Sie heißt übrigens Micki.«

Denise und Alexander waren überrascht. »Micki? Wie hast du das herausgefunden? Die Polizei tappt noch völlig im Dunkeln. Vielleicht hilft der Name weiter.«

»Carola hat Kuchen ausgeteilt. Plötzlich streckte die Kleine die Hand aus und rief: Micki auch!«, berichtete Nick. »Also heißt sie sicher Micki!«

»Das ist anzunehmen«, stimmte Alexander ihm bei. »Allerdings ist das sicherlich ein Kosename. Wenn man wenigstens den Familiennamen wüsste.«

Nickt lachte ein bisschen. »Wir haben beschlossen, sie Micki Luftballon zu nennen. Heute habe ich ihr einen neuen geschenkt, weil der andere leider das Zeitliche gesegnet hat.«

»Vom Taschengeld gekauft?«, fragte Alexander anerkennend.

»Na klar! Kostet ja bloß zwanzig Cent. Aber ich muss morgen in einen anderen Laden gehen. Sie hatten nämlich nur noch einen einzigen blauen. Aber ihr hättet sehen sollen, wie die Kleine sich gefreut hat. Komisch, dass ihr ausgerechnet die sogenannte böse Tante einen Luftballon geschenkt hat.«

»Bist du der Tantengeschichte ein bisschen auf die Spur gekommen, Sherlock Holmes?«, erkundigte sich Alexander.

Nick rieb sich die Nase. »Ich glaube, es gibt zwei Tanten«, erklärte er nachdenklich, »eine böse und eine liebe. Der Luftballon stammt von der bösen. Das lässt sich Micki nicht ausreden.«

»Sollte man gar nicht annehmen – es sei denn, die böse Tante hat dem Kind den Ballon gegeben, um unbemerkt abfahren zu können. Dann wäre es eine geplante Aussetzung des kleinen Mädchens gewesen«, überlegte Alexander von Schoenecker halblaut.

»Höchst kriminell«, wiederholte Nick, da ihm dieser Ausdruck besonders zu gefallen schien. »Die liebe Tante soll von fremden Männern in einem Kasten fortgetragen worden sein, sagt Micki.«

»Das könnte bedeuten, dass sie gestorben ist«, versetzte Denise kummervoll. »Die Geschichte wird immer rätselhafter.«

»Ich glaube, Micki Luftballon ist ein Waisenkind«, behauptete Nick. »Wir haben sie nach ihrer Mami oder Mutti oder Mama gefragt. Sie schien gar nicht recht zu verstehen, was wir meinten. Genauso ging es mir, als ich von einem Papi redete. Sie findet es in Sophienlust herrlich und will nicht mehr weg, weil so viele Kinder da sind«, beendete Nick nun seinen Bericht.

»Wir behalten das Kind selbstverständlich, falls sich keine Angehörigen finden sollten. Aber ich denke immer noch, dass wir der Sache auf den Grund kommen. Leider ist ein blauer Luftballon kein sehr gutes Erkennungszeichen.« Denise nickte ihrem Jungen zu. »Danke, Nick. Ich glaube, du hast mehr herausgefunden, als uns gelungen wäre.«

Nick setzte ein befriedigtes Gesicht auf. »Das war nichts Besonderes, Mutti. Außerdem hat mir Pünktchen geholfen. Sie findet, dass Micki aussieht wie eine Puppe.«

»Da hat sie so unrecht nicht. Es ist ein besonders niedliches kleines Ding«, sagte Denise fröhlich. »Was mich beschäftigt, ist die Tatsache, dass Micki Luftballon gut genährt und in tadellosem Gesundheitszustand ist. Man hat sie also gewiss nicht vernachlässigt oder schlecht behandelt. Dazu passt die Sache mit der bösen Tante nun wieder gar nicht.«

»Aber Micki würde nicht schwindeln«, wandte Nick ein. »Dazu ist sie noch viel zu klein.«

»Stimmt«, pflichtete Alexander ihm bei. »Die gleiche Überlegung habe ich bereits angestellt, als ich sie mitnahm.«

»Kommt morgen die neue Dame?«, wollte Nick nun wissen. »Das Zimmer ist heute schon geschrubbt worden. Sogar neue Gardinen hat Carola aufgehängt.«

»Ja, Frau von Rettwitz wird wohl morgen im Lauf des Tages eintreffen. Ich wollte mit dir darüber reden, Nick«, äußerste Denise etwas zögernd.

»Ist was Besonderes mit ihr?« Mit wacher Aufmerksamkeit richteten sich die dunklen Augen des Jungen auf seine Mutter.

»Sie hat etwas sehr Trauriges erlebt. Ihre kleine Tochter ist gestorben. Nun wollen wir versuchen, sie in Sophienlust wieder ein bisschen froh zu machen.«

Nicks hübsches Jungengesicht war ernst geworden. »Ich sag’s den anderen, Mutti. Vielleicht mag die Dame Tiere gut leiden. Pünktchen und Isabel könnten mit ihr zu Andrea fahren. Das Tierheim Waldi & Co. ist doch interessanter als ein Zoo.«

»Sicher ist das eine gute Idee, Nick. Wir hoffen sehr, dass Frau von Rettwitz unter den Kindern von Sophienlust wieder fröhlich wird.«

Nick rieb sich schon wieder die Nase und seufzte dazu. »Sie kriegt bei uns vielleicht aber auch neue Sehnsucht nach ihrem eigenen Kind«, orakelte er. »Oder sie nimmt eins mit. Ja, natürlich, so wird es enden. Es ist immer dasselbe. Irgendwann gehen unsere Kinder fort.«

Das war das Einzige, was Nick hin und wieder an Sophienlust störte. Er nahm leidenschaftlich gern neue Kinder auf, aber er trennte sich nur schwer von ihnen. Dennoch hatte er längst eingesehen, dass es für so manches Kind ein großes Glück bedeutete, in einer richtigen Familie zwischen liebenden Eltern eine bleibende Heimat zu finden.

»Möglich wäre es schon, dass Frau von Rettwitz später ein Kind adoptieren möchte. Im Augenblick ist jedoch nicht daran gedacht, Nick. Du schaust weiter in die Zukunft als unsere gute Huber-Mutter.«

Denise hatte die alte Kräuterfrau in Sophienlust aufgenommen. Die Huber-Mutter bewohnte ein schönes Zimmer und war für die Kinder eine sagenumwobene Gestalt, der sie geheimnisvolle Kräfte zutrauten und die sie dennoch liebten wie eine gute Großmutter.

Ob sie tatsächlich das Zweite Gesicht besaß, ließ sich weder beweisen noch widerlegen, obwohl Nick Stein und Bein schwor, dass es so sei. Gewiss aber verstand sich die Huber-Mutter auf das Sammeln von heilkräftigen Pflanzen aller Art, aus denen sie Tees zubereitete. Sogar der Drogist in Bachenau bezog regelmäßig gewisse Kräutermischungen von ihr. Und im Dorf sowie in der weiteren Umgebung von Sophienlust gab es eine Menge Leute, die die Heiltränklein der Huber-Mutter den Medikamenten des Arztes vorzogen.

»Ich kann ja die Huber-Mutter mal fragen, wenn Frau von Rettwitz da ist«, erklärte Nick.

»Lass das lieber, Nick. Du weißt, dass die alte Frau neugierige Fragen nicht besonders mag.«

»Hm, aber vielleicht weiß sie wenigstens, woher Micki Luftballon gekommen ist, Mutti.«

»Es wird sich herausstellen, mein Junge. Die Kleine ist jetzt in guter Hut. Das scheint mir das Wichtigste zu sein.«

Nick verzog sich. Denise aber sagte zu ihrem Mann, indem sie sich gegen seine Brust lehnte: »Ein klein wenig fürchte ich mich vor morgen, Liebster. Wenn Frau von Rettwitz echte Depressionen hat, werden sich die Kinder von ihr fernhalten. Möglicherweise wird sie durch unsere Kinder tatsächlich an ihr eigenes Töchterchen erinnert. Da hat Nick gar nicht so unrecht.«

»Sophienlust hat eine heilsame Luft, Liebste.« Zärtlich küsste Alexander seine Frau. »Warum bist du plötzlich so verzagt?«

»Sie tut mir schrecklich leid, Alexander«, gestand Denise. »Das einzige Kind zu verlieren, muss entsetzlich sein. Ich wage es gar nicht, mir einen solchen Schmerz auszumalen. Henrik zum Beispiel – ich fürchte, ich würde dann den Verstand verlieren.« Sie schlug die Hände vors Gesicht, als wollte sie das Bild nicht einmal in Gedanken sehen.

»Du wirst der unglücklichen Mutter schon einen neuen Weg zu zeigen wissen, Denise. Es wäre nicht das erste Mal.«

Denise ließ sich umarmen und küssen. Dankbar empfand sie die Wärme und Geborgenheit, die Alexander ihr immer wieder gab. Dennoch sah sie dem kommenden Tag mit Bangen entgegen.

*

»Die Landschaft ist hübsch, Isolde.«

»Ja, Achim.« Die junge Frau saß neben ihrem Mann im Wagen und antwortete rein mechanisch, ohne einen Blick auf die Umgebung zu werfen.

Die beiden hatten ihr Ziel schon fast erreicht. Eben tauchte das Sophienluster Herrenhaus zwischen den Bäumen auf.

»Sieh mal, das Gebäude dort wirkt fast wie ein Schloss. Das muss es sein.«

»Ja, Achim.« Es hörte sich an wie die eingelernte Antwort eines gehorsamen Kindes.

Achim von Rettwitz empfand Mitleid mit seiner Frau. Er wusste genau, dass sie ihre Zusage inzwischen am liebsten rückgängig gemacht hätte.

Wenig später fuhr er vor dem Herrenhaus vor. Es war Sonntagnachmittag und sehr still. Zuerst hatte es den Anschein, als habe niemand den Wagen bemerkt. Achim wollte eben aussteigen, um zu läuten, als sich die Tür des Hauses öffnete und ein schlanker Junge mit dunklem Haar und dunklen Augen heraustrat. Ohne zu zögern kam er auf das Auto zu und verbeugte sich höflich.

»Willkommen in Sophienlust. Ich bin Dominik von Wellentin-Schoenecker. Meine Mutti erwartet Sie schon. Sie sind doch Herr und Frau von Rettwitz?«, vergewisserte er sich.

Achim half Isolde beim Aussteigen. Nick nahm zuerst ihre Hand, dann die ihres Mannes. Sein hübsches offenes Gesicht drückte deutlich Verwunderung aus.

»Ich zeige Ihnen den Weg«, erbot er sich. »Mutti ist im Biedermeierzimmer.«

»Danke, Dominik.«

Achim bot seiner Frau den Arm. Nick warf Isolde noch einen langen Blick zu, ehe er die Haustür öffnete und den Besuchern den Weg zum ehemaligen kleinen Salon seiner Urgroßmutter wies, jenem Raum, in dem alles unverändert geblieben war wie zu Lebzeiten Sophie von Wellentins.

Denise empfing das Paar mit weit geöffneten Armen. »Wie schön, dass Sie gekommen sind, Frau von Rettwitz.«

Achim küsste Denise ehrfürchtig die Hand. Zugleich sah er die Herrin von Sophienlust mit einem ähnlich verwunderten Gesichtsausdruck an, wie Nick ihn zuvor beim Anblick seiner Frau gezeigt hatte. Denn Isolde von Rettwitz und Denise von Schoenecker wiesen eine seltsame Ähnlichkeit auf. Isolde hätte ohne Weiteres die jüngere Schwester von Denise sein können. Das sah nun auch Achim von Rettwitz.

»Sag bitte in der Küche Bescheid, dass wir Tee haben möchten, Nick«, bat Denise. »Sie nehmen doch Tee?«, erkundigte sie sich bei den Ankömmlingen.

Beide bejahten. Nick trollte sich, um das Gewünschte zu bestellen. Wenig später erzählte er Pünktchen, Isabel, Angelika und Vicky die höchst verwunderliche Geschichte.

»Also, sie sieht aus wie Mutti«, berichtete er aufgeregt. »Natürlich nicht ganz genauso, mehr wie eine Verwandte von ihr. Aber sie hat schrecklich traurige Augen. Kann man ja auch verstehen, wenn ihr Kind tot ist.« Nick hatte ein weiches Herz. Am liebsten hätte er sofort etwas unternommen, um Isolde von Rettwitz, die durch ein wunderliches Spiel der Natur seiner Mutter ähnlich sah, fröhlich zu stimmen.

»Wenn sie heute Abend rote Grütze kriegt, freut sie sich bestimmt«, meinte Henrik, der eben von irgendwoher zu dem Kreis der Kinder gestoßen war, treuherzig.

»Hat Magda rote Grütze gemacht?«, erkundigte sich Nick.

»Ja, ich hab’ eben ein kleines Schüsselchen geschenkt gekriegt«, berichtete Henrik. »Schmeckt klasse.«

»Du bist verfressen«, konstatierte Nick würdevoll. Immerhin stand es für den künftigen Herrn von Sophienlust nun fest, dass er zum Abendbrot bleiben würde. Denn in Schoeneich gab es heute keine rote Grütze!

*

Indessen tranken Isolde und Achim von Rettwitz im Biedermeierzimmer vor dem Ölgemälde, das Sophie von Wellentin darstellte, ihren Tee. Dazu kostete sie von dem Gebäck, das Magda eigens für diesen Nachmittag frisch hergestellt hatte.

Denise setzte der neuen Hausgenossin behutsam auseinander, dass sie jederzeit nach Schoeneich übersiedeln könne, falls ihr der Betrieb im Heim zu laut und lebhaft sei. Andererseits meinte sie aber, dass sie sich in Sophienlust ungebundener fühlen könne.

»Reiten Sie, Frau von Rettwitz?«, fragte Denise danach, um ein möglichst neutrales Thema anzuschneiden.

»Ich habe es als junges Mädchen getan.«

»Sie sollten diesen schönen Sport hier wieder ausüben. Wir haben gute Pferde. Es gibt nichts Herrlicheres, als am frühen Morgen über die taufrischen Wiesen und Felder zu galoppieren. Mein Mann und ich nehmen Sie gern mit, wenn Sie Lust haben.«

»Ja, danke – vielleicht.«

Achim konnte feststellen, dass Isoldes Antwort nicht ganz so gleichgültig geklungen hatte wie sonst. Der Vorschlag mit dem Reiten schien sie ein kleines bisschen zu interessieren.

»Ich schicke dir deine Reitsachen, Isolde.«

»Der braune Koffer steht im Hochschrank. Die Stiefel sind auch dabei. Wie kommst du eigentlich zurecht – ohne mich?« Es war, als falle der jungen Frau das erst jetzt ein.

Achim machte eine weitschweifige Handbewegung. »Ich behelfe mich schon. Die Portiersfrau macht zweimal in der Woche sauber. Essen kann ich im Kasino. Die Wäsche gebe ich aus. Es muss schon mal gehen, Isolde.« Er sagte nicht, dass es in den vergangenen Wochen ja auch funktioniert hatte, obwohl Isolde sich um nichts gekümmert hatte.

»Vielleicht komme ich bald wieder, Achim.« Isolde warf Denise einen unsicheren Blick zu.

»Ein paar Wochen sollten Sie es schon bei uns aushalten, liebe Frau von Rettwitz«, bat Denise. »Lassen Sie es wenigstens auf einen Versuch ankommen. Ihr Mann wird es gewiss einrichten, Sie ab und zu übers Wochenende zu besuchen.«

Achim nickte. »Wenn das möglich ist, gnädige Frau? Dies ist doch kein Hotel.«

»Nein, aber ein Haus, in dem man sich immer über Gäste freut.«

Isolde machte eine Bewegung. »Ich bin kein erfreulicher Gast, Frau von Schoenecker.«

»Das müssen Sie den anderen zur Entscheidung überlassen«, erklärte Denise ruhig. »Jedenfalls ist Ihr Gatte uns immer herzlich willkommen – sowohl hier in Sophienlust wie drüben in Schoeneich.«

Achim sah auf seine Uhr. »Ich fürchte, ich muss an die Rückfahrt denken, gnädige Frau.«

Isolde begleitete ihn bis zum Auto. Wieder einmal war Nick im rechten Augenblick zur Stelle und erbot sich, Isoldes Gepäck ins Gästezimmer zu tragen.

Denise führte Frau von Rettwitz noch einmal ins Biedermeierzimmer zurück. »Wenden Sie sich bitte immer an mich, wenn Sie einen Wunsch haben«, bat sie. »Sollte ich einmal nicht erreichbar sein, so hilft Ihnen Frau Rennert oder auch deren Schwiegertochter Carola.«

»Ich hoffe, dass ich niemandem Mühe machen werde, Frau von Schoenecker. Vielleicht passe ich gar nicht in dieses Haus. Maria Berger hat meinen Mann gedrängt. Und er hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich zustimmte. Mein armer Mann hat es schwer mit mir.« Sie seufzte tief auf.

»Ihr Mann möchte Ihnen helfen, Frau von Rettwitz. Den gleichen Wunsch haben wir. Ich begreife, dass Ihnen das unmöglich erscheinen muss, denn niemand kann Ihnen Ihr geliebtes Kind zurückgeben. Trotzdem wollen wir versuchen, Ihnen Ihr bitteres Leid tragen zu helfen.«

»Sie sind sehr gütig, Frau von Schoenecker. Der Arzt meint, ich sollte Abstand gewinnen. Aber man nimmt den Kummer mit sich, fürchte ich.«

»Trotzdem geht das Leben weiter. Ihr Mann braucht Sie – auch er trauert um das Kind«, mahnte Denise sanft.

»Achim kommt immer allein zurecht. Das haben Sie doch vorhin selbst mit angehört. Er ist viel stärker als ich. Wenn ich tot wäre wie Renata, könnte er sich anderweitig binden und sicherlich wieder glücklich werden.«

»Diese Einstellung werden Sie bald aufgeben, liebe Frau von Rettwitz! Wenn Ihr Mann Sie nicht so innig liebte, hätte er Sie wohl kaum hierhergebracht.«

Denise sprach an diesem Sonntagnachmittag nicht lange mit der neuen Bewohnerin von Sophienlust. Dennoch blieb es Nick vorbehalten, das Eis bei Isolde von Rettwitz ein wenig zu brechen. Er stand sozusagen rein zufällig im Weg, als Isolde ihr Zimmer aufsuchte, während seine Mutter mit Henrik zum Abendessen nach Schoeneich zurückfuhr.

»Kann ich noch etwas helfen?«, erkundigte er sich jetzt artig. »Ich habe die beiden Koffer auf den Ständer gestellt. Aber vielleicht ist der falsche oben.«

»Danke, Nick. Ich denke, es ist nicht wichtig, in welcher Reihenfolge ich die Koffer auspacke. Wohnst du denn hier?«

»Ich habe ein Zimmer in Sophienlust. Heute bleibe ich, weil …«

»Doch nicht meinetwegen?«, warf Isolde erschrocken ein.

»Nein, sondern wegen der roten Grütze«, gestand Nick in schöner Aufrichtigkeit. »Die gibt es nämlich zum Abendbrot. Magdas rote Grütze ist einmalig. Sie werden es ja erleben.«

Isolde von Rettwitz setzte sich in den geblümten Sessel und wies auf den zweiten Stuhl im Zimmer, damit auch Nick Platz nehme.

»Rote Grütze hab’ ich als Kind auch schrecklich gern gemocht. Es ist viele Jahre her, dass ich sie zum letzten Mal aß.«

»Rote Grütze mögen nicht nur Kinder«, stellte Nick fest. »Überhaupt wird Ihnen Magdas Essen guttun. Sie sind nämlich viel zu dünn.«

Nick redete so altklug wie ein Vater zu seiner Tochter. Doch Isolde von Rettwitz war von dem hübschen Jungen fasziniert. Ohne es recht zu merken, ging sie aus ihrer sonstigen Reserve heraus.

»Mir hat das Essen nicht mehr geschmeckt, Dominik«, erzählte sie.

»Das kann ich mir vorstellen, Frau von Rettwitz. Mutti hat mir gesagt, dass Sie Ihre kleine Tochter verloren haben. Das ist schrecklich traurig für Sie.«

Isolde nickte stumm. Ihr war die Kehle von aufsteigenden Tränen eng. Sie hatte auf einmal das Bedürfnis, zu weinen – zum ersten Mal seit Renatas Tod!

»Meine Mutti hat auch viel Trauriges erlebt«, fuhr Nick unbefangen fort, während die Frau im Sessel beklommen dem Schlag ihres eigenen Herzens lauschte. »Mein Vater starb, noch ehe ich geboren wurde. Ich habe ihn also nie gekannt. Damals war Mutti ganz arm und musste Geld verdienen. Sie war Tänzerin. Später konnten wir dann hierher nach Sophienlust, weil meine Großmutter mir alles vererbt hatte. Seitdem sind wir glücklich. Alle Leute, die nach Sophienlust kommen, werden glücklich. Das müssen Sie mir glauben.«

Isolde von Rettwitz nickte ihm zu. »Du bist ein guter Junge, Dominik. Ich danke dir.«

»Sie können mich Nick nennen, wie alle«, erlaubte er großzügig. »Zu bedanken brauchen Sie sich nicht. Wofür eigentlich?«, fügte er hinzu.

»Weil du mir von euch erzählt hast, Nick.«

Er hob die Schultern. »Na ja, ich dachte, es interessiert Sie, weil Sie jetzt bei uns sind. Außerdem möchte ich gern, dass es Ihnen in Sophienlust wirklich gefällt.«

»Ich werde mir Mühe geben, Nick«, versprach Isolde von Rettwitz.

»Ich glaube, das ist gar nicht nötig. Es kommt von selbst«, behauptete Nick. »Kommen Sie nachher zum Essen in den Speisesaal oder möchten Sie lieber allein essen am ersten Abend? Mutti hat mir aufgetragen, Sie zu fragen.«

»Wenn du neben mir sitzen willst, komme ich mit. Ich möchte mich nicht ausschließen.«

»Prima, Frau von Rettwitz. Ich hole Sie nachher ab. Jetzt will ich nicht länger stören. Und nicht wahr, Sie sind schon gar nicht mehr so schrecklich traurig – wenn’s auch schlimm ist mit Ihrer kleinen Tochter?« Unsicher sah er sie an.

Isolde konnte ihm nur stumm zunicken. Als er hinausgegangen war, warf sie sich über ihr Bett und schluchzte wild auf. Zum ersten Mal schwemmte eine Flut von heißen Tränen den Panzer fort, der sich um ihre Seele gelegt hatte.

*

Achim von Rettwitz war etwa eine halbe Stunde zu Hause, als das Telefon läutete. Er ging an den Apparat und meldete sich.

»Hallo, wie geht’s?« Eine fröhliche Stimme erklang, die Stimme einer Frau.

»Wer spricht denn da? Ich fürchte, Sie sind falsch verbunden.« Er hatte tatsächlich keine Ahnung, wer die Anruferin war.

»Aber Achim – jetzt musst du mal raten.«

Ein verhaltenes Lachen brachte ihn auf die richtige Spur. »Lieselott?«, vergewisserte er sich.

»Na also. Ich wollte mich nur erkundigen, ob Isolde richtig im Kinderheim gelandet ist. Warum ihr ausgerechnet ein Kinderheim ausgesucht habt, wird mir zwar ewig ein Rätsel bleiben, aber das ist eure Sache.«

Lieselott Engel war mit Isolde in die gleiche Schulklasse gegangen. Obwohl Isolde mit der unverheiratet gebliebenen sogenannten Freundin nicht allzu viel verband, war die Verbindung zwischen ihnen doch niemals abgerissen. Lieselott kam zu Besuch. Lieselott schloss Brüderschaft mit Achim. Lieselott hielt es für selbstverständlich, dass sie Renatas Patin wurde – kurz: Lieselott sorgte von sich aus dafür, dass sie mit dazugehörte, obwohl man das eigentlich gar nicht wollte.

Lieselott hatte fast täglich bei Isolde oder Achim angerufen. So war ihr auch Isoldes geplante Abreise nicht verborgen geblieben.

»Wir hatten eine glatte Fahrt. Ich glaube, es wird Isolde in Sophienlust gefallen«, antwortete Achim etwas kühl und abweisend.

»Umso besser. Aber was wird jetzt aus dir, du armer Mann?«

»Ich gehe nicht so schnell verloren, Lieselott. Es ist alles gut organisiert, und ein paar kleine Unbequemlichkeiten kann man schon mal in Kauf nehmen.«

»Isolde hat mir ans Herz gelegt, mich ein bisschen um dich zu kümmern. Morgen Abend komme ich vorbei und bringe etwas zu essen mit«, ließ sich Lieselott mit der ihr eigenen Entschlossenheit vernehmen.

»Morgen Abend bin ich leider verhindert, Lieselott. Wir haben eine Ausschusssitzung, die bestimmt ziemlich lange dauern wird. Mach dir bitte meinetwegen keine Umstände.«

»Das tue ich gern, Achim. Übermorgen also. Abgemacht?«

Es blieb ihm gar keine Wahl, denn wenn Lieselott zu etwas entschlossen war, dann setzte sie ihren Kopf auch durch.

»Schlaf schön, Achim. Hoffentlich fürchtest du dich nicht allein im Haus.« Und wieder dieses Lachen, das er so gut kannte.

»Ich bin keine ängstliche Natur, Lieselott. Gute Nacht und vielen Dank für deinen Anruf.«

Achim lehnte sich im Sessel zurück und schloss die Augen. Lieselott war in jeder Hinsicht das Gegenteil von Isolde. Sie hatte lichtblondes Haar und tiefblaue Augen. Sie sah tatsächlich ein bisschen wie ein Engel aus, wenn auch ihr resolutes Auftreten durchaus nichts Überirdisches an sich hatte. Lieselott stand mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit und neigte durchaus nicht zu Trauer und Trübsal. Ihre Nähe war herzerfrischend und aufmunternd, wenn sie ihm auch hin und wieder ein kleines bisschen auf die Nerven ging.

Nun suchten Achims Gedanken Isolde. Ob sie schon zu Bett gegangen war? Zugleich meinte er Denise von Schoenecker wieder vor sich zu sehen – eine Persönlichkeit, der sein Herz sofort zugeflogen war. Diese Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen! War das ein gutes Vorzeichen?

Achims Zuversicht wuchs. Zwischen den Kindern würde Isolde ihr Leid überwinden lernen und vielleicht sogar eines von ihnen für immer heimbringen.

Achim von Rettwitz stand auf. Er reckte die Arme und löschte das Licht im Wohnzimmer. Ehe er einschlief, stellte er sorgfältig den Wecker neben sein Bett.

Lieselott hat recht, dachte er zu seiner eigenen Verwunderung im Einschlafen. Es ist ein seltsames Gefühl, allein im Haus zu sein. Isolde fehlt mir bereits in der ersten Nacht.

*

»Wie viele Luftballons hast du Micki eigentlich inzwischen schon gekauft?«, fragte Carola Rennert Nick, der soeben wieder einen Ballon aus seiner Hosentasche hervorgezaubert hatte und ihn mit vollen Backen aufblies.

»Ich hab’ sie nicht gezählt, Carola. Aber sie freut sich jedesmal so niedlich. Ich kann’s einfach nicht lassen. Außerdem möchte ich gern herauskriegen, wieso sie die blauen Luftballons mag, aber die böse Tante, die ihr den ersten geschenkt hat, nicht. Das ist doch paradox, oder?«

»Vielleicht finden wir es nie heraus, Nick«, seufzte Carola. »Ich bin nur froh, dass die Kleine sich gut eingelebt hat. Gestern kam sie zu mir in die Wohnung und hat die Zwillinge bestaunt. Sie war ganz andächtig.«

Carola, früher ein Sophienluster Schützling, war mit Wolfgang Rennert, dem Hauslehrer des Heims, glücklich verheiratet.

»Hm, Frau von Rettwitz lebt sich nicht so gut ein«, seufzte Nick. »Mit Erwachsenen ist es viel schwieriger. Micki kann man deine Babys zeigen oder einen Luftballon schenken …«

» … Frau von Rettwitz sitzt meist irgendwo in einer abgelegenen Ecke des Parks oder auch in ihrem Zimmer«, ergänzte Carola Rennert. »Ich glaube, sie weint sehr viel.«

»Ja, das stimmt«, äußerte Nick betrübt. »Ich habe es ein paar Mal gesehen und schon mit Mutti darüber gesprochen. Sie meint, es ist gut, wenn sie weint. Aber das kann ich nicht verstehen.«

Carola hob die Schultern. »Vielleicht muss man erst einmal richtig weinen, wenn man einen so schlimmen Schmerz hinter sich hat wie Frau von Rettwitz.«

»Wenn ich mich mit ihr unterhalte, ist sie manchmal recht fröhlich«, setzte Nick seine Betrachtungen fort. »Gestern ist sie mit Vati und Mutti morgens ausgeritten. Ich glaube, das hat ihr Freude gemacht. Weißt du, ich möchte ihr gern mal von Micki Luftballon erzählen. Sie denkt, es gibt keinen auf der Welt, der so unglücklich ist wie sie. Aber Micki zum Beispiel hat es auch schwer. Wir können ihre Eltern nicht finden. Sie hat nicht einmal einen Namen, wenn sie auch zu klein ist, um das schon zu begreifen.«

»Du kannst Micki und Frau von Rettwitz kaum miteinander vergleichen. Micki scheint unter der Ungewissheit über ihr Schicksal gar nicht zu leiden. Sie ist seelenvergnügt bei uns, so weit ich das überschauen kann.«

Carola Rennert war nur gelegentlich und zur Aushilfe im Kinderheim tätig. Ihre Arbeitskraft gehörte vor allem dem eigenen kleinen Haushalt, ihrem Mann und den Zwillingen. Denise hatte dem jungen Paar eine Wohnung ausgebaut, sodass es sein eigenes Reich besaß und doch auf Sophienlust war. Blieb Carola mal ein wenig Zeit, so holte sie ihre Farben hervor und malte. Sie war eine begabte Künstlerin, hatte ihre Bilder schon erfolgreich auf Ausstellungen gezeigt und verkaufte sie zu recht beachtlichen Preisen.

»Ist dir schon mal aufgefallen, dass Mutti und Frau von Rettwitz sich ähnlich sehen?«, fragte Nick nun.

Carola nickte. »Es ist ganz erstaunlich.«

»Ich mag sie gut leiden, weil sie Mutti so ähnlich sieht«, gestand Nick. »Deshalb rede ich auch oft mit ihr.«

»Wenn es sie nicht stört …«

»Nein, sie hat mich schon zweimal aufgefordert, in ihr Zimmer zu kommen. Das würde sie doch nicht tun, wenn ich ihr auf den Wecker ginge.«

Carola Rennert lachte. »Deine Ausdrücke, Nick! Zur Konversation mit einer richtigen Dame bist du wirklich nicht geeignet.«

Nick zog einen Flunsch. »So was sag’ ich doch bloß zu dir, Carola. Ich weiß schon, wie man sich benimmt.«

»Vielleicht hat sie ein bisschen Spaß, wenn du dich mit ihr unterhältst«, mutmaßte Carola.

»Klar, wir müssen es schaffen, dass Frau von Rettwitz sich hier glücklich fühlt. Das ist die Aufgabe von Sophienlust.« Seine dunklen Augen leuchteten, und Carola war plötzlich gerührt und sogar ein bisschen beschämt.

»Du hast recht, Nick«, pflichtete sie ihm bei.

»Wenn wir uns alle gemeinsam Mühe geben, wird sie bestimmt wieder fröhlich und will am Ende nie mehr weg von Sophienlust«, behauptete Nick begeistert.

»Nun, damit wäre ihr Mann vielleicht nicht einverstanden«, wandte die junge Frau ein. »Du darfst nicht vergessen, dass sie verheiratet ist.«

»Ja, natürlich. Dann wird sie wohl fortgehen, wenn wir es endlich mit ihr geschafft haben«, seufzte der Junge. »Dabei passt sie so gut zu uns.«

Carola lächelte. Sie verstand nur zu gut, was Nick zu Isolde von Rettwitz hinzog – die Ähnlichkeit mit Denise von Schoenecker. Zwar sah Carola mit ihrem scharfen Malerauge, dass diese Ähnlichkeit mehr im Typus und in den Bewegungen der neuen Bewohnerin von Sophienlust lag als in tatsächlicher Gleichheit der Züge. Doch fand auch sie dieses Spiel der Natur verwunderlich und erfreute sich daran.

»Ich muss nach den Zwillingen sehen, Nick«, fiel ihr ein. »Willst du mitkommen? Ich habe noch etwas Kuchen vom Sonntag.«

Da sagte Nick nicht nein. Wenig später saß er in Carolas blitzblanker Küche und verzehrte schweigend und erstaunlich rasch zwei riesige Kuchenstücke, während die junge Hausfrau und Mutter die Fläschchen für ihre Sprösslinge vorbereitete.

»Viel Arbeit, gleich zwei Kinder«, meinte Nick mit vollem Mund.

»Im Kinderheim sind es doch weit mehr«, lachte Carola glücklich. »Ich bin dankbar und froh, dass ich nicht nur ein Kind habe. Zwillinge waren genau richtig für unsere Familie.«

»Das finde ich auch«, erklang unvermutet Wolfgang Rennerts Stimme. Der Lehrer war hereingekommen, ohne dass die beiden ihn bemerkt hatten. Er umarmte seine Frau liebevoll und so stürmisch, dass die Fläschchen dabei in Gefahr gerieten. Schließlich einigten sie sich, indem jeder ein Fläschchen und ein Kind übernahm. Nick verabschiedete sich, denn mehr Kuchen war leider nicht vorhanden.

Noch am gleichen Tag suchte und fand der Junge eine Gelegenheit, die Geschichte von Micki Luftballon mit ein paar phantasievollen Ausschmückungen Isolde von Rettwitz zu erzählen. Zu seiner Enttäuschung hörte seine große Freundin zwar höflich und aufmerksam zu, doch sie schien von dem ungeklärten Schicksal des Kindes nicht sonderlich beeindruckt zu sein.

*

Lieselott Engel bremste ihren knallroten Mini-Minor genau vor dem Gartentor des Bungalows. Vom Rücksitz angelte sie zwei große Tüten aus dem Supermarkt, ehe sie ausstieg und den Mini abschloss.