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Stell Dir vor: Du verbringst ein Schuljahr in Neuseeland. Der immergrüne Regenwald mit Farnen, Moosen und Palmen duftet nach Honig. Zikaden zirpen ohrenbetäubend laut. Vögel zwitschern in metallischen Tönen fremde Melodien. Du bist hin und weg von diesem Ort. Dem Wald aus Deinen Träumen. Der Wald hat mit Dir etwas vor. Das weißt Du genau. Dann passieren dort unbegreifliche Dinge. Du hast plötzlich übermenschliche Kräfte. Du verwandelst Dich. Doch nicht nur der Wald ist geheimnisvoll. Deine neuen Freunde und Dein Schwarm sind nicht die, für die Du sie hältst. Nach und nach tut sich eine makabre Geschichte auf. In der Bucht vor Blenheim, wo Du wohnst, liegt eine sagenumwobene vulkanische Insel. Vor zwanzig Jahren kauften ein Dutzend Familien die Insel. Sie bauten ihre Häuser mitten im Krater. Gerüchte und Geschichten kursieren über die Inselbewohner. Denn sie leben völlig isoliert. Nur ihre Kinder schicken sie zur Schule. Und die verbreiten Angst und Schrecken. Du tauchst in diese mysteriöse Welt ein. Mit Haut und Haaren. Doch wie sagt man so schön: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Ein Wahnsinniger hat es auf Dich abgesehen. Er schmiedet blutrünstige Pläne. Mit Dir im Mittelpunkt. Du sollst ihn bei einer abscheulichen Tat unterstützen. Als Gegenleistung sollst Du erfahren, wer Du wirklich bist. Wie würdest Du Dich entscheiden? Geh mit Sophie, der Frankfurter Schülerin, nach Neuseeland in den immergrünen Regenwald.
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Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Anna Bloom
Sophies Erwachen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Für meine Freunde
Mara, Nina, Manuel, Stefan und Jochen
Ich riss das Fenster auf. Eine Welle kalter Luft schlug mir entgegen. Es war Winter und die Welt war schneebedeckt. Die Renaissancehäuser, die vorbeifahrenden und parkenden Autos, die Straßen: Alles war weiß und reflektierte die Lichter der Straßenlampen. Die schneegeschwängerte orangefarbene Luft wirbelte sich hinten am Horizont zu einem schwarzen Loch zusammen. Dort lag unsichtbar, aber noch zu erahnen die Skyline von Frankfurt. Das war er nun, der letzte Abend, bevor es ans andere Ende der Welt ging. Ich zündete mir heimlich die letzte Zigarette an, verabschiedete mich von meiner Stadt. Die gespenstischen Türme spendeten einen bitteren Trost. Ich versuchte den Zigarettenrauch so auszublasen, dass er nicht ins Zimmer hineinströmen würde. Mein Kopf ragte weit aus dem Fenster hervor, so dass sich langsam eine Schneekrone auf meinen Haaren absetzte. So sehr mich der lang anhaltende Schneefall ärgerte, so sehr würde ich den Schnee morgen vermissen. In Neuseeland war es derzeit Sommer. Innerlich schwankte ich zwischen Wehmut, Angst und Hoffnung. Ich war zu aufgeregt, um schlafen zu können. Ich fragte mich, ob sich nach meiner Rückkehr meine Freunde noch an mich erinnern würden. Ein ganz anderer Mensch werde ich wohl nicht sein. Aber ich würde gut Englisch sprechen und hätte ein neues, ganz anderes Land kennengelernt. Schlecht würde es mir nicht gehen. Immerhin würde ich bei Papas Freunden leben. Aber wenn ich in Neuseeland keine Freunde finden würde? Ein Jahr war eine sehr lange Zeit, um einsam zu sein. So grübelte ich noch die halbe Nacht vor mich hin. Irgendwann gegen drei oder vier Uhr schlief ich dann doch ein. Ich träumte vom Regenwald. Das war ein ganz anderer Wald als der bei uns. Keine Eichen oder Buchen, nur unbekannte Bäume. Alles war grün. Farne und grünes langes Moos wuchsen an den Sträuchern, an den Steinen, an den Bäumen. Wie der Bart von uralten versteinerten Göttern. Ich lief barfuß im Wald umher. Das Moos war so fest und dicht, dass mir die Steine an den Füßen nicht wehtaten. Nebelschwaden rauschten herbei und wieder fort. Ein leichter Nieselregen tropfte auf meine Haut. Er war weder kalt, noch warm. Ich fühlte mich nicht geborgen und doch sicher. Ich suchte nach etwas. Ich wusste aber nicht wonach. Es war eine ganz tiefe Sehnsucht, wie nach Wasser oder Essen. Ich wusste, dass ich mich vor wilden Tieren nicht fürchten musste. Aber wie war es mit Menschen? Nein, um Menschen musste ich mir auch keine Sorgen machen. Ich versuchte, mein Gedächtnis zu erforschen, wonach ich suchte, ich schien es aber ganz vergessen zu haben. Übrig blieb nur die Erinnerung an die Suche. Als ich so auf dem Boden saß wurde ich müde, legte mich hin und drehte den Kopf zur Seite. Das Moos war wie ein Kissen an meiner Wange. Die Farne wuchsen in einer unglaublichen Geschwindigkeit, um eine Decke für mich zu flechten. Die Decke fühlte sich warm und feucht an. Ich öffnete die Augen und blickte in ein Augenpaar. Ob sie menschlichen oder tierischen Ursprungs waren, konnte ich nicht sagen. Sie waren grün und ich hatte keine andere Wahl, als ihnen zu vertrauen. Ein schriller Ton zwang mich dazu, den Blick von diesem Augenpaar abzuwenden. Das weiße, gleißende Licht, das mich umgab, kam nicht aus dem Wald. Es kam aus meinem Frankfurter Zimmer. Automatisch griff meine linke Hand nach dem Wecker und schaltete ihn endlich ab. Es war acht Uhr. Meine Koffer und Taschen stapelten sich im Raum. Mein Bett stand wie eine Insel mitten im Zimmer. Ich balancierte zwischen den Koffern zur Tür und steuerte das Bad im Korridor an. Das Bad war frei und ich schloss die Tür hinter mir zu. Ich drehte die Dusche auf und stellte die Wassertemperatur so heiß ein, wie ich die Hitze ertragen konnte. Da meine nächste Dusche erst in zwei Tagen sein würde, wusch ich mich so gründlich wie möglich. Die Haare föhnte ich kurz durch und packte in meinen Waschbeutel alles ein, was ich in Neuseeland brauchen würde. Das waren die letzten Dinge, die ich noch nicht verpackt hatte. In meinem weißen Bademantel ging ich wieder zurück ins Zimmer. Auf meinem Bett lagen die Klamotten, die ich für den Flug vorbereitet hatte: Unterwäsche, eine bequeme Jeans, ein T-Shirt und ein Kapuzenpulli. Auf dem Weg in die Küche hörte ich die Stimmen meiner Eltern. Sie waren wohl schon wach. Sie deckten den Tisch, meine Mutter wirbelte in ihrem Bademantel herum. Mein Vater goss den Kaffee ein.
„Guten Morgen, Schatz!", sagte mein Vater, als er mich sah.
„Ach, hallo Sophie! Du bist ja schon wach", fügte meine Mutter überrascht hinzu.
„Guten Morgen, Ihr Beiden", sagte ich und setzte mich auf meinen Stammplatz, von dem ich aus dem Fenster schauen konnte. Wurde ich gerügt, als ich noch klein war, hatte ich meinen Blick immer aus dem Fenster in die Freiheit schweifen lassen. In letzter Zeit allerdings verstand ich mich mit meinen Eltern viel besser. Vielleicht lag es daran, dass ich älter wurde, etwas vernünftiger, aber vielleicht lag es auch an meinen Eltern, die umgänglicher wurden und anfingen, mir zu vertrauen. Ein Vertrauensvorschuss verpflichtet, ihm gerecht zu werden. Vielleicht hatten sie das in einem Elternratgeber gelesen. Zumindest schien es zu funktionieren. Ich hatte viel Freiheit, die ich nun selbst einschränken musste. Ob das Verhältnis zu meinen Gasteltern in Neuseeland genauso reibungslos funktionieren würde? Ob sie mich am Wochenende lange ausgehen lassen würden? Hier in Frankfurt war ich es gewohnt, erst um fünf oder sechs Uhr morgens nach Hause zu kommen, nachdem ich lange in den Clubs gefeiert hatte. Ich war ja immerhin schon 17 Jahre alt. Für meine Eltern war es auch kein Problem, wenn mein Freund bei mir übernachtete. Als ich noch einen hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Meine Mutter stellte die weich gekochten Eier auf den Tisch und setzte sich zu mir und meinem Vater.
„Iss dich an den Brötchen satt. In Neuseeland gibt es kein gutes Brot. Zumindest kein Dunkles. Es gibt nur Toastbrot und fluffiges Weißbrot. Du wirst dich schnell nach unserem schönen Brot sehnen".
Mein Vater war öfters geschäftlich in Neuseeland unterwegs. Bei einer dieser Geschäftsreisen hatte er meinen Gastvater Volker, einen ausgewanderten Deutschen, kennengelernt. Die beiden verstanden sich sehr gut und trafen sich immer wieder auf Geschäftsreisen in Neuseeland oder in Deutschland. Irgendwann kam mir die fixe Idee, ein Auslandsjahr zu machen. Ich wollte weg aus Frankfurt. Etwas Neues erleben, neue Leute kennen lernen. Es kamen die USA, Kanada, Australien oder Neuseeland in Frage. Da mein Vater die Familie meines Gastvaters gut kannte und es ihm lieber war, wenn seine Tochter bei Bekannten unterkam als bei Fremden, organisierte er meinen Aufenthalt bei meinem Gastvater in Neuseeland. Für mich war dieses Land zuerst das „Ende der Welt“. Klar, alle sprachen Englisch und das war die Begründung für meinen Wunsch, ins Ausland zu gehen. Insofern konnte ich mich nicht dagegen wehren, ausgerechnet am anderen Ende der Welt ein Schuljahr zu verbringen. So wie mein Vater von Neuseeland schwärmte, würde ich es doch nicht schlecht treffen. Er zeigte mir Fotos, Fernsehdokus und ich surfte im Internet, um mehr über dieses Land und seine Bewohner herauszufinden. Irgendwann steckte er mich mit seiner Begeisterung an und ich willigte ein. An meiner Schule hatten bereits viele Schüler Auslandsjahre absolviert. Insofern war es kein Problem, dass auch ich ein Jahr lang weg sein würde. Die Schulen in Neuseeland haben einen sehr guten Ruf, die Lehrinhalte sind vergleichbar. Ich müsste bestimmte Kurse besuchen und dann könnte ich, ohne ein Jahr zu verlieren, hier in Frankfurt das Abitur machen.
Nun war es mein letztes Frühstück zusammen mit meiner Familie. Ich biss in mein Kürbiskernbrötchen, das ich mit Leberwurst bestrichen hatte. Das wird es tatsächlich ein Jahr lang nicht geben. Ich versuchte mir den Geschmack einzuprägen. Dann nahm ich eine Brezel aus dem Brotkorb und bestrich sie mit Butter. Brezeln wird es in Neuseeland auch nicht geben. Ich genoss alles, was auf dem Tisch lag. Selbst den Kaffeegeschmack versuchte ich so lange wie möglich auszukosten. Vielleicht trinkt man in Neuseeland nur Instant-Kaffee. Ich schaute meine Eltern an. Auch sie würde ich ein Jahr lang nicht sehen. Das Gesicht meiner Mutter mit den zarten Falten um die Augen und die muskulösen Hände meines Vaters. Er würde mich ein Jahr lang nicht in die Wange kneifen, wie er es immer tat. Ich lächelte meine Eltern an und sagte: "Es wird schon gut gehen."
„Aber natürlich. Sonst verfolge ich Volker bis zu seinem Lebensende“, lächelte mein Vater verschmitzt.
„Ach, Papa“, rollte ich mit den Augen.
„Ich geh jetzt noch kurz ins Internet. Dann können wir alles ins Auto packen und losfahren.“ Ich stand auf und strich meiner Mutter über die Wange.
„Bis gleich, Schatz.“ Wenn sie traurig war, dann ließ sie es sich heute gewiss nicht anmerken. Sie kann sich immer so gut beherrschen. Ich dagegen bin eher der emotionale Typ, wie mein Vater.
Ich loggte mich bei Facebook ein und postete auf meiner Wand: „auf zum ende der welt!“ Zwei meiner Freunde waren auch eingeloggt. Als sie sahen, dass ich auch online war, wünschten sie mir einen guten Flug. Ich hatte einen Kloß im Hals. Beim Telefonieren hätte man es mir angemerkt, aber beim Chatten nicht.
Ich schrieb: „ich hab einen kloß im hals.“
Und: „Ich werde euch vermissen! Lasst uns über Facebook in Kontakt bleiben."
Meine beste Freundin Susi antwortete: „mir laufen tränen runter :( …aber wozu gibt es das netz?“
Ich gab zurück: „hoffentlich ist meine family in NZ auch vernetzt…meinen schlepptop nehme ich mit, aber die müssen ja für die verbindung sorgen…ich mache einen aufstand, wenn die das nicht hinbekommen!“
„ansonsten gehst du ins internetcafe… das gibt’s auch am ende der welt…vielleicht lernst du ja ein paar nette typen dort kennen :)“
„ich hoffe darauf, dass ich das überhaupt überlebe, und du denkst schon an typen!“
„klar, das nenne ich mal kulturaustausch :)…ich beneide dich…So einen süßen kiwi hätte ich auch gerne mal. Und ich meine nicht die wilden vögel, die dich zerfleischen werden…“
„oh mann, ist es denn so seltsam, dass mir ein wenig mulmig zumute ist?“
„nö, aber ich zieh dich gerne damit auf…“
„na, dann ist es ja ok :) vielleicht finde ich ja einen kiwi-mann für dich?!“
„immer her damit…“
„ich mach mal einen contest: susi sucht den super-kiwi, ich sitze in der jury und mache dumme bohlensprüche“
„mann, schade, dass ich nicht mitkommen kann…das hört sich fantastisch an…aber ich gönns dir… hab ganz viel spaß in NZ und vor allem erzähl mir alles, wirklich alles, ok?“
„na logo...keine geheimnisse…ich schreib nen Blog oder so. du kriegst die unzensierte variante“
„danke, das habe ich als beste freundin auch verdient :)“
„du, ich mach jetzt schluss…mein vater klopft an die tür… wir müssen zum flughafen…“
„scheiße, ist es echt schon so spät?!…viel glück und nen guten flug, kleines… ich geh jetzt pennen.“
„schlaf gut und ich meld mich, sobald ich da bin…“
„bis die tage :)“
Sie loggte sich zuerst aus. Dann meldete ich mich auch ab.
„Ich bin gleich fertig“, rief ich meinem Vater zu, der wieder anklopfte.
„Wir müssen los, Sophie. Bei dem Wetter dauert die Fahrt lange“, drängelte er.
„Ja, ich komme gleich“, antwortete ich ruppig. Ich war immer noch aufgelöst. Der Laptop war am Herunterfahren. Ich blickte mich in meinem Zimmer ein letztes Mal um. Ich hatte alles mit IKEA-Möbeln eingerichtet. Ob IKEA auch in Neuseeland zu kaufen war? Meine Wände hatte ich sonnengelb gestrichen. Das machte mich fröhlicher, wenn ich mal wieder melancholisch auf meinem Bett lag. Hier hatte ich alles, was ich je in meinem Leben erlebt hatte, überschlafen, überdacht und verarbeitet. Hier hatte ich mich mit Musik getröstet und wenn ich einsam war, meine Zeit im Internet verbracht. Das war immer mein zu Hause gewesen. Als mein Computer endlich aus war, packte ich ihn in die Laptoptasche und verließ damit fluchtartig mein Zimmer. Ich sagte meinem Vater, dass er alle Taschen und Koffer aus dem Zimmer selbst holen müsse, ich könne da nicht mehr rein.
Ich saß im Auto und wartete, bis mein Vater alles im Kofferraum verstaut hatte. Meine Mutter setzte sich zu mir nach hinten. Sie wusste, dass jetzt jegliche Aufmunterungen und sonstige Worte wie Salz in meinen Wunden wären und schwieg. Wir sprachen so lange nicht, bis wir auf die Autobahn kamen. Ich ließ die Frankfurter Welt, die ich so gut kannte, an mir vorüberziehen. Alles, was hässlich und unbewohnbar an dieser Stadt war und alles, was ich lieb hatte. Ein undefinierbares dumpfes Gefühl breitete sich in mir aus, wie eine schlechte Vorahnung. Ich versuchte, sie zu zerstreuen und mir vorzustellen, was Schönes auf mich zukommen würde: Grüner Wald, grünes Wasser, in dem man jetzt im dortigen Sommer baden könnte und Kajakfahren. Wandern war auch nicht ohne. Die warmen Bilder aus „Herr der Ringe“ tauchten vor meinem inneren Auge auf. Den Feuerberg und die Orks versuchte ich schnell wieder auszublenden. Der sagenumwobene Ring war auch nicht gerade positiv. „Ein Ring, um sie alle zu knechten“. Weg damit.
Ich drehte mich zu meiner Mutter: „Wenn ich wieder zurück bin, erwarte ich einen gedeckten Tisch mit allen meinen Lieblingsessen“, ich drückte ihre Hand.
„Worauf Du Dich verlassen kannst.“ Meine Mutter lächelte. „Du bekommst eine richtige Willkommensparty. Das vergisst Du jetzt gleich am besten. Soll ja eine Überraschung werden.“
Nach einer Ewigkeit, die wir mit Parkplatz- und Schaltersuche verbracht hatten, checkte ich endlich alles ein und wir gingen zu den Sicherheitskontrollen. Ein letztes Mal drückte ich meine Eltern. Mein Vater gab mir in seiner Rolle als solcher einen letzten gut gemeinten Rat, der dämlicher nicht hätte sein können.
„Du kannst Volker und Barbara vertrauen. Bitte halte Dich an das, was sie Dir sagen. Sie wollen Dein Bestes, auch wenn es Dir nicht immer als das Beste vorkommen mag. Bitte versprich mir das.“
„Ok, Papa.“ So wie die Beiden da standen, konnte ich ihm den Wunsch gar nicht abschlagen. Aber innerlich dachte ich mir, dass ich alt genug war, Regeln zu hinterfragen. Ich drehte mich ganz schnell um und mit dem obligatorischen Kloß im Hals ging ich durch die Sicherheitskontrolle.
Der Flug nach Blenheim verging ganz und gar nicht wie im Flug. Zuerst hatte ich durch Papas Panik massig viel Zeit, die ich wartend am Gate zu überbrücken hatte. Der Flug mit Emirates nach Dubai dauerte knapp sechs Stunden, die ich ohne eine Minute Zeit zu verlieren am selbstbedienbaren HighTech-Fernsehapparat verbracht hatte. Die Filmauswahl war gigantisch: Über 300 Kinofilme, unzählige Fernsehserien und dutzende CD-Platten standen zum Abruf bereit. Drei volle Kinofilme hätte ich statistisch gesehen eigentlich auf diesem Flug sehen können, hätten anfangs der Kapitän und das automatische Stewardess-System in eben diesem HighTech-Gerät nicht in vier Sprachen ihre Ansagen gemacht und uns über das Verhalten in Notsituationen aufgeklärt. Als ob man bei einem Absturz aus 10 000 Metern Höhe mit den Rettungswesten etwas ausrichten könnte. Einen letzten Blick auf Frankfurt wagte ich noch, bevor ich mich dem Wahnsinnsapparat hingab. Den dritten Film schaffte ich tatsächlich nicht ganz. Der Kapitän machte seine Landungsansage, während unter uns ein Teppich aus Lichtern immer näher kam. Aus dem Teppich wurden Straßen und Häuser. Wie ein buntes, energiegeladenes Nervensystem war alles miteinander verbunden. Die fahrenden Autos sahen aus wie Informationen, die von Nervenzelle zu Nervenzelle übertragen wurden. Kurz bevor die Räder des Flugzeugs die Landebahn berührten, sah ich hoch oben am Horizont das höchste Gebäude der Welt – den Burj Khalifa. So weit oben wie dort leuchtete nichts mehr, außer den Sternen. Menschen aus allen Teilen der Welt mischten sich hier am Flughafen durcheinander. Obwohl sie unterschiedlich aussahen, waren sie in den „Duty Free Shops“ alle gleich. Sie wollten alle billige Zigaretten, Parfüms, Alkohol und Schokolade kaufen. Ich schlenderte zwei Stunden lang durch den auf Hochglanz polierten Flughafen, der architektonisch einem langgezogenen Schlauch glich, bis mir schlecht wurde von den Ausdünstungen der Menschen und der Erschöpfung. Als ich eine freie Liege entdeckte, entschloss ich mich, ein Weilchen zu entspannen, bevor ich mich zu meinem Gate aufmachen musste. Unter den Liegen lagen Menschen in bunte Decken gehüllt, ihre Habseligkeiten zwischen sich schützend eingekeilt. Die schwarze Lederliege war mit einem alten Fettfilm überzogen. Vor Ekel zog ich die Kapuze meines Pullis über meinen Kopf und legte ihn erst dann auf der Liege auf. Ich suchte in meinem Ipod die Snow Patrol-Platte heraus und schloss meine Augen. Die bekannten Klänge beruhigten mich ein wenig.
Der Flug nach Sydney dauerte über dreizehn Stunden. Zwar waren meine Beine bei einer Körpergröße von ein Meter zweiundsiebzig recht kurz, trotzdem fühlten sie sich im Verhältnis zum Sitz meines Vordermanns nach wenigen Stunden schon Heidi Klumesk an. Der Sitz quetschte meine Venen und Arterien zusammen. Mein Blutkreislauf hatte keine Chance mehr. Ich konnte mich nicht lang genug machen, um ihn wieder in Schwung zu bringen. So fühlte sich wohl eine akute Thrombosegefahr an. Meine Sitznachbarn, ein deutsches Pärchen beide Ende Dreißig, straßenköterblond, etwas aufgeschwemmt und jeweils mit zwei Denkfalten auf der Stirn gebrandmarkt, die bereits aufgrund ihrer - Zitat - „superstressigen Jobs in der Werbebranche“ zu Narben auswuchsen, waren trotz meines entschuldigenden Blickes genervt, dass ich sie einmal stündlich zum Aufstehen zwang. Zuvor hatte ich mir geduldig die Geschichte anhören müssen, wie sie ein Paar wurden, warum sie keine Kinder haben wollten und was sie im Urlaub in Australien vorhatten. Dann schliefen beide bei ihren Hörbüchern, die sie auf ihren IPhones hörten, selig ein und ich musste sie jedes Mal, wenn ich Spaziergehen wollte, wecken. Beim nächsten Flug, das schwor ich mir, würde ich am Gang sitzen, auch wenn ich den grandiosen Ausblick auf Wolkenformationen, Licht, Wasser, Erde und alles anderem, was nicht immer zu identifizieren war, aus dem Bullauge verpassen würde. Da ich durch das Flugzeug streifte, um nicht so viel sitzen zu müssen, kannte ich das Flugzeug in und auswendig. Ich bot der Stewardess, die mich besorgt fragte, ob es mir auch wirklich gut ginge, scherzhaft an, sie beim Verteilen des Essens oder der Getränke zu unterstützen. Sie winkte leider ab. Wenn mir das Herumlungern zu peinlich war, ging ich auf die Toilette. Während ich einige Kniebeugen und Streckübungen machte, betrachtete ich alles ganz genau. Wenn mir etwas gefiel, schaltete ich mein Handy ein und machte Fotos davon. Mein Spiegelbild, der Seifen- und Handlotionspender, das Waschbecken und auch das Klopapier. Das werden die ersten Fotos sein, die meine Freunde auf Facebook von mir sehen würden. Das war ein seltsamer Gedanke, den ich grinsend beiseiteschob. Ich machte nochmal ein Foto: von meiner sichtbar geschwollenen Vene am Oberschenkel. Wenigstens eine Erklärung für die vielen Toilettenfotos. Dann machte ich das Ding wieder aus und ging zu meinem ungeliebten Platz. Die folgende Zeit bis zum Landeanflug auf Sydney hörte ich Musik und blickte auf die Welt unter mir. Der Ausblick war gigantisch, dafür hatten sich die Strapazen gelohnt. Das gesamte Farbspektrum zwischen Grün und Gelb ergoss sich unter uns, Blau war um uns herum und über uns. Es war wie ein Frontenkrieg der Farben. Je näher wir der Erde kamen, desto größer war die Gewalt der Grün- und Gelbtöne, bis sie schließlich ganz die Oberhand gewannen und wir die Erde berührten. Der kühle graue Marmor des Flughafens war der krasse Gegensatz zur natürlichen Färbung der Erde. Die Menschen trugen Shorts und Jeans und plapperten viel auf Englisch. Es war laut, lebendig und heiß hier, ich zog meinen Pulli aus. Die Stiefel, die ich über den Jeans trug, waren eindeutig fehl am Platz. Meine Füße quollen in der Hitze auf. Ich steuerte die Schuhläden an und kaufte schließlich ein Paar rote Flipflops, die ich in den kommenden Sommermonaten in Neuseeland eindeutig brauchen würde. Die Stiefel und die dicken Socken zog ich auf der Toilette aus und wusch mir nach dem erschreckenden Anblick die Füße im Waschbecken, bevor ich die neuen Flipflops anzog. Eine ältere Frau musterte mich skeptisch und leicht erbost, als ich die Füße in das Waschbecken hob, aber sie hielt sich aus Höflichkeit zurück. Bei uns in Deutschland hätte ich längst eins auf die Nuss bekommen. Die angelsächsische Zurückhaltung gefiel mir eindeutig besser als unsere direkte Art, preußische Tugenden zu vermitteln. Die verbleibenden zwei Stunden bis ich das Flugzeug nach Wellington bestieg, lief ich einfach nur umher, um die Schwellungen aus den Gliedern zu bekommen. Im Flugzeug fing es dann endlich an: Hunderte Schmetterlinge hoben ab und landeten in meinem Bauch. Und das alle zwei Minuten. Es war nun unumgänglich. Bisher hatte ich noch mit der Möglichkeit eines Absturzes gerechnet, aber bei dem sanften Dahingleiten des Vogels war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir ankamen und dass mich meine Gastfamilie erkannte, war so gut wie sicher. Mein Vater hatte ihnen dutzende Fotos von mir geschickt, damit am Flughafen ja nichts schief ging. Das könnte mir zumindest die Peinlichkeit ersparen, dass sie mich mit einem Schild, auf dem mein Name in Großbuchstaben stand, empfingen. Ich rutschte unruhig hin und her und lächelte meinen Sitznachbarn, einen älteren Herren, an. Das provozierte ihn zu einem Gespräch über Gott und die Welt. Die Zeit verging schnell und Blenheim, meine neue Heimatstadt, war nur noch einen Katzensprung entfernt. In Wellington bestieg ich das nächste Flugzeug. Wenn man die kleine Klapperkiste als solches bezeichnen konnte. Kaum erreichte die Kiste ihre Flughöhe, musste sie schon wieder den Landeanflug in Angriff nehmen. Denn Blenheim lag auf der nördlichen Spitze der neuseeländischen Südinsel. Die Insel sah von oben aus wie ein grüner Diamant, den jemand im blauen Meer verloren hatte. Überwältigend schön. Ein Funke von Vorfreude entfachte eine Welle von Aufregung und Zittern in meinem ganzen Körper. Wir landeten auf einem ehemaligen kleinen Militärflughafen unweit von Blenheim. Vor Müdigkeit und Aufregung wankend verließ ich die Maschine. Ich war so durch, dass alles wie automatisch passierte. Ich zeigte am Schalter meinen Pass, holte mein Gepäck und ging durch den Zoll. Obwohl ich nichts zu verzollen hatte, wurde mein gesamtes Gepäck auseinandergenommen, um sicher zu gehen, dass ich kein Essen dabei hatte und damit Krankheiten in das Land einschleppte. Ich dachte eigentlich, dass die Neuseeländer locker seien. Da hatte ich mich wohl geirrt. Aber die Müdigkeit machte es mir unmöglich, mich irgendwie aufzuregen oder zu wehren. Ich ließ es passieren. Als sie nichts fand, lächelte mich die dicke Zöllnerin zuckersüß an und bekam dabei überall Lachfalten im Gesicht. Vielleicht sind sie ja doch ganz nett, diese Neuseeländer, dachte ich und steuerte schwankend auf die Milchglastür zu, die die Vergangenheit von der Zukunft trennte.
Als sich die Tür automatisch öffnete und meine Augen sich an das gleißende Licht, das durch die Öffnung hereinströmte, gewöhnten, sah ich ein paar Gestalten in der Empfangshalle herumstehen. Einige Personen schloss ich gleich aus. Eine wild winkende Dreiergruppe erregte meine Aufmerksamkeit. Sie mussten Vater, Mutter und Tochter sein. Ich erkannte ihre Gesichter von den Fotos, die mein Vater mir gezeigt hatte. Das war eindeutig meine neue Familie. Ich lächelte sie breit und erleichtert an. Sie hatten kein peinliches Schild mit meinem Namen dabei. Das Eis war damit gebrochen. Barbara, die Mutter, umarmte mich als Erste, dann Volker, der Vater und dann Stephanie ihre Tochter, die so etwas wie eine Schwester für mich werden würde.
„Endlich bist Du da!“, rief Stephanie.
„Herzlich willkommen Sophie“, sagte Barbara.
„Wie war Dein Flug?“, fragte Volker.
Ich wusste gar nicht, was ich auf diese Flut von Fragen sagen sollte. „Ich bin sterbensmüde“, war das Einzige, das mir einfiel, was aber auch der Wahrheit entsprach.
„Nach dreißig Stunden ist das auch kein Wunder“, antwortete Barbara.
Dann besann ich mich auf meine gute Erziehung und fügte hinzu: „Danke, dass ich bei Euch sein kann. Ich freue mich schon sehr auf die Zeit hier.“
„Als Dein Vater uns darauf ansprach, ob Du ein Schuljahr hier verbringen könntest, waren wir Feuer und Flamme. Stephanie redet von nichts anderem mehr, als von ihrer neuen Schwester.“ Volker zwinkerte Stephanie zu.
„Ich habe meinen Freunden von Dir erzählt. Wir haben uns echt coole Sachen überlegt, die wir unternehmen können. Hast Du schon Wale gesehen?“
„Nur im Zoo“, erwiderte ich.
„Der Großvater meiner besten Freundin fährt mit Touristen am Samstag raus aufs Meer zum Wale beobachten. Wir können mitfahren.“
„Das wäre echt cool“, sagte ich begeistert.
„Kommt, lasst uns Deine Sachen in den Wagen befördern. Gib mir Deinen Rucksack und Deine Tasche“, sagte Volker. Er nahm sofort den Wagen mit meinen überdimensionierten Koffern in Beschlag. Stephanie riss die Tragetasche mit meiner Jacke und meinen Stiefeln aus meinen Händen.
„Ich will mich auch nützlich machen“, rechtfertigte sie sich, als ihr Vater den Kopf verständnislos schüttelte. Barbara und Volker gingen vor, während Stephanie und ich ein paar Schritte hinter ihnen gingen. Sie begutachtete meine Stiefel, deren Schaft aus der Tüte raushing. „Die sind sehr schön. Aber so schnell wirst Du sie hier nicht brauchen“, sagte sie und lachte dabei.
„Ja, ich weiß. In Frankfurt liegt jetzt viel Schnee und hier ist Sommer. Der Wahnsinn!“, sagte ich und spürte den warmen neuseeländischen Sonnenschein auf meiner Haut als wir aus der Tür des Flughafens traten. Hinter dem kleinen Parkplatz mit einer Handvoll Autos türmten sich blaugrüne Berge auf. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals, in dem Blenheim lag, waren die Berge gelblich-braun, fast wie die Landschaft aus einem Western-Film. Volker und Barbara steuerten auf einen silbernen Jeep zu. Ich betrachtete die Beiden. Sie waren sehr sportlich, braun gebrannt und trugen beide Jeans und helle kurzärmlige Hemden. Sie wirkten leger und ausgeglichen. Zwar hatten sie sehr viel Deutsches an sich, aber ihr Gang war etwas langsamer und geschmeidiger als bei Menschen, die in Deutschland leben. Die Lachfältchen rund um den Mund verrieten, dass sie nicht nur bei meinem Empfang ein freundliches Grinsen aufsetzten. Nachdem meine Sachen im riesigen Jeep verschwunden waren und wir losfuhren, stellte ich mit Erstaunen fest, dass Volker sich schnurstracks auf der linken Straßenseite einordnete. Natürlich fuhren wir auf der linken Straßenseite. Neuseeland war ja mal eine englische Kolonie, aber so richtig bewusst hatte ich mir das vorher nicht gemacht. Wir fuhren an einigen Kasernen vorbei. Blenheims Flughafen war mal ein Militärflughafen gewesen und lag etwas außerhalb der Stadt. Rechts und links von der Straße standen Obstplantagen und Weinstöcke. Nach zehn Minuten Fahrt erreichten wir die Stadt. Die Straßen waren breiter als bei uns. Ein Grünstreifen trennte sie auf beiden Seiten von den dahinterliegenden Gehwegen. Auf einer Straßenseite standen Strommasten in Reih und Glied. Die Häuser waren hinter Bäumen und blühenden, wild wuchernden Hecken versteckt, die nicht wie bei uns in Deutschland mit Hilfe einer Wasserwaage beschnitten waren. Wenn man überhaupt ein Haus hinter den Heckenmauern vermuten konnte, dann waren es einstöckige Einfamilienhäuser. Nur ihre Dächer lugten hervor. Den Menschen hier lag wohl viel an ihrer Privatsphäre. In Frankfurt wohnten wir in einer Wohnung im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses. Die Wände waren recht dünn und man konnte so sehr leicht am Leben der Anderen teilnehmen. Mein Viertel bestand nur aus solchen Häusern. Strommasten gab es bei uns fast nicht, da die Stromkabel unterirdisch verbaut wurden. Hecken gab es nur in den Vororten oder im Park. Das hier war eine andere Welt. Hinter den Bergen begann bereits die Wildnis. Alles, was die Menschen hier an Zivilisation hatten, rangen sie der Natur in einem langen und anstrengenden Prozess ab.
„Hier gibt es Palmen?“, stellte ich erstaunt fest, als wir an zwei ausgewachsenen Exemplaren vorbeifuhren.
„Ja klar. Blenheim ist die Stadt mit den meisten Sonnenstunden in Neuseeland“, sagte Stephanie in ihrem schnellen Redetempo, das sie mit wilden Gesten unterstützte.
„Das ist die Nikau-Palme. Sie ist die südlichste Palmenart der Welt“, klärte mich Barbara auf.
„Es wird hier nicht so kalt im Winter wie in Deutschland“, fügte Volker hinzu. „Deswegen sind wir hergekommen. Der Riesling hat hier beste Bedingungen zum Reifen“, fuhr er fort.
„Und die Leute sind fröhlicher und entspannter“, sagte Barbara lächelnd.
„Das Meer und die Berge sind das Beste an Blenheim. Ich gehe oft Wandern, Schwimmen oder Kajakfahren. Manche Schüler kommen morgens mit dem Kajak zur Schule“, schwärmte Stephanie von ihrer Heimat.
„Das klingt verrückt für meine Frankfurter Ohren“, sagte ich verdutzt. „Aber auf jeden Fall cool.“
Dann fuhren wir schon in eine Einfahrt. Ein riesiger grüner Garten war auf der rechten Seite angelegt, mit der obligatorischen wilden Heckenmauer davor, um die Bewohner vor neugierigen Blicken zu schützen. Dahinter stand ein zartrosa gestrichenes eingeschossiges Einfamilienhaus. Mein neues Zuhause sah zwar kitschig aus, aber auch irgendwie süß. Mein erster Eindruck war, dass die Leute hier alles taten, um fröhlich und beschwingt leben zu können. Ob ich mich mit meiner melancholischen Stimmung hier wohl fühlen würde fing ich an zu bezweifeln. Die Vorstellung, im rosaroten Schweinchenhaus düstere Musik von Björk zu hören und mich vor Heimweh heulend unter meiner Bettdecke zu verstecken, war doch zu abstrus.
„Hier wohnen wir, Sophie.“ Barbara holte mich aus meinen Gedanken.
„Komm, ich zeige Dir das Haus und Dein Zimmer.“ Stephanie streckte mir ihre Hand entgegen und kaum hatte ich ihr meine Hand gereicht, zog sie mich schon ins Haus. Es war nicht abgeschlossen. Das wäre in Frankfurt undenkbar gewesen. Hier am anderen Ende der Welt waren Einbrüche wohl kein großes Thema. Wohin sollte man auch flüchten, wenn man auf einer Insel mit lediglich vier Millionen Einwohnern mitten im Pazifik eine Straftat beging? Ein großer Flur lag hinter der Eingangstür. Auf der rechten Seite ging es in die Küche. Sie war recht modern eingerichtet, mit einem großen Tisch und vier Clubsesseln in der Mitte des Raumes.
„Komm, ich zeige Dir unser Wohnzimmer“, drängelte Stephanie und zog mich durch eine weitere Tür, die aus der Küche führte. Das überdimensionierte Wohnzimmer nahm die Breite des ganzen Hauses in Anspruch. Eine große Fensterfront und eine Tür, durch die man auf die Terrasse und den davor liegenden Garten gelangen konnte, ließen das Zimmer noch größer wirken, da man den Blick bis zur Hecke am Straßenrand schweifen lassen konnte. Auf der Terrasse standen Gartenmöbel samt Liegen. Der Raum selbst war lichtdurchflutet und die hellen Möbel reflektierten das Licht zusätzlich. Ein großer Fernseher stand an der linken Wand, den Stephanie gleich anmachte und ihn mir stolz präsentierte. „Dank Satellitschüssel haben wir auch deutsche Sender. So bleiben wir immer up-to-date.“ Ich schaute sie merklich etwas gelangweilt an. „Die Zeitungen bringen hier nur neuseeländische Nachrichten und seitenweise Rugby-Ergebnisse. Ohne den Fernseher hat man keine Ahnung, was auf der Welt passiert“, sagte sie entschuldigend.
„Habt ihr einen Internetanschluss?“, packte ich die Gelegenheit am Schopf.
„Ja klar. Da musste ich nicht lange argumentieren. Papa braucht das Netz wegen dem Wein. Ich habe einen Laptop, wenn Du ihn benutzen willst, ist das kein Problem.“
„Ich habe meinen mitgenommen“, freute ich mich über die Aussicht, ins Internet gehen zu können.
„Na, dann können wir gleich versuchen, bei Dir das WLAN-Netz einzurichten“, lachte sie und machte sich sofort auf den Weg zum Flur. Auf der rechten Seite gingen zwei Türen ab.
„Das ist das Schlafzimmer meiner Eltern und das hier ist das Bad“, kommentierte Stephanie beim Vorbeigehen. Geradeaus sah ich zwei weitere Türen, die unsere Zimmer sein mussten.
„Das Zimmer links ist Deines“. Sie riss die Tür auf. „Deine Sachen sind auch schon hier. Es war unser Gästezimmer. Du kannst es ein wenig wohnlicher dekorieren, wenn Du möchtest. Ist noch ein bisschen anonym.“
„Es sieht sehr hübsch aus“, sagte ich, ohne zu flunkern. Die Möbel waren auch hier aus weiß gestrichenem Holz, wie auch der Holzboden. Ein dunkellila Teppich gab dem Zimmer den nötigen Farbkontrast. Die Wände waren beige gestrichen, das erinnerte mich an mein Frankfurter Zimmer. „Mit ein, zwei Bildern an der Wand und meinen Sachen im Regal wird das Zimmer schon wohnlich aussehen“.
„Lass uns mal schauen, ob dein Laptop läuft. Ich hole den Zugangscode zum WLAN.“ Stephanie stürzte aus dem Zimmer, bevor ich etwas sagen konnte. Mit ihrem schnellen Tempo, ihren rotblonden langen Haaren und ihrer schlanken Figur war sie wie ein roter Blitz in Sekundenschnelle aus meinem Zimmer fort. Sie schien alles schneller zu machen als normale Menschen. Das Sprechen, das Gehen, das Denken. Ich kam mir wie eine Schnecke neben ihr vor. Sie hatte viel überschüssige Energie. Oder war sie nur aufgedreht, weil ich da war? Eine Schwester, die sie nie hatte. Ich schaltete meinen Laptop ein und blickte in das verlassene fremde Zimmer. Aus meinem Gepäck wühlte ich meinen Kulturbeutel heraus. Ich kramte nach dem Parfümflakon und als ich ihn endlich hatte, sprühte ich in jeder Ecke des Zimmers einmal kurz in die Luft. Ich wollte, dass mein Zimmer nach mir roch. Nachdem ich mit den Armen durch die Luft gewedelt hatte, durchströmte mich endlich ein wohliges Gefühl des Angekommenseins. Da Stephanie noch nicht zurück war, ging ich auf die Toilette. Ihre Eltern räumten in der Küche auf und redeten miteinander, doch ich verstand nichts. Als ich zurück in meinem Zimmer war, saß Stephanie schon an meinem Laptop und versuchte die Verbindung zum Netz herzustellen.
„Sorry, ich hab schon ohne Dich losgelegt. Hoffe, Du bist mir nicht böse“, entschuldigte sie sich.
„Ja, kein Thema“, winkte ich ab und setzte mich neben sie aufs Bett.
„Das scheint zu funktionieren. Ich starte den Browser.“ Drei Sekunden später fügte sie triumphierend hinzu: „Du bist online, Sophie.“
„Danke, Du hast mein Leben gerettet. Ich bin absolut internetsüchtig. Ich wollte mit meinen Freunden zu Hause in Kontakt bleiben.“
„Ich bin auch viel im Netz. Aber auch viel draußen in der Natur mit meinen Freunden. Willst Du jetzt schon ins Netz oder vorher etwas essen? Meine Eltern haben Frühstück gemacht.“
„Ich könnte einen Happen vertragen. Aber wieso Frühstück? Wie spät ist es denn?“
„Es ist acht Uhr.“
„Da seid ihr aber früh aufgestanden wegen mir. Sorry.“
„Macht nichts. Ich stehe immer so früh auf. Auch wenn ich Ferien habe.“
„Ich beneide dich. Ich bin ein absoluter Langschläfer. Mich kriegt man nicht so leicht aus dem Bett.“
„Wart mal ab. Wenn Du meine laute Musik morgens hörst, wirst Du schon wach werden. Bei meiner Mutter wirkt das auch. Komm, lass uns was essen.“
Barbara und Volker machten gerade einen Fruchtsalat als wir in die Küche traten. Der Tisch war bereits gedeckt. Der Duft von Kaffee durchströmte den Raum. Stephanie setzte sich an den Tisch, ich nahm mir den freien Stuhl. Joghurt, Milch und verschiedene, mir unbekannte Müslisorten standen auf dem Tisch.
„Trinkst Du Tee oder Kaffee?“ fragte mich Barbara. „Ein Kaffee wäre perfekt“, antwortete ich. Stephanie griff schneller als ihre Mutter zur Kanne und schenkte mir ein.
„So, der Obstsalat ist auch fertig. Nimm Dir, Sophie. In Blenheim sind wir verwöhnt, was Obst angeht. Hier gibt es dutzende Obstplantagen. Wir exportieren auch ins Ausland, aber wenn es direkt vom Baum kommt, dann schmeckt es am besten.“
Ich nahm Joghurt, Müsli und dekorierte das Ganze mit Obstsalat.
„Funktioniert der Internetzugang, Sophie?“, fragte Volker.
„Ja, danke.“
„Fühl Dich wie zu Hause, bitte. Genieß die Zeit bei uns. Stephanie wird Dich ihren Freunden vorstellen. Du wirst schnell Anschluss finden.“
„Es gibt hier so viele tolle Dinge, die man in der Natur unternehmen kann, die Du in Frankfurt sicher nicht häufig machen konntest. Du wirst eine schöne Zeit haben“, ermunterte mich Barbara. War mir die Angst so leicht anzusehen oder war das alles nur selbstverständlich, wenn man in ein ganz neues Land reiste?
„Wir können in den Ferien eine Reise auf die Nordinsel machen“, schwärmte Stephanie verzückt.
„Ihr könntet ein paar Leute mitnehmen. Das wäre mir lieber, als wenn Ihr alleine reist.“
„Klar Mutter!“ Stephanie rollte mit den Augen und stupste mich an. „Mit ein paar Jungs ist es sowieso spannender“, flüsterte sie in meine Richtung. Stephanie kannte bestimmt viele Jungs. Mit ihrem hübschen Gesicht, den blauen Augen und der rotblonden Mähne kam sie sicher bei allen gut an. In Frankfurt kannte ich auch einige Jungs, aber der Richtige war noch nicht unter ihnen gewesen. Ob Stephanie einen festen Freund hatte? Die Frage merkte ich mir für später, wenn wir beide unter vier Augen waren. Stattdessen fragte ich Volker, wie lange sie schon in Neuseeland lebten.
„Barbara und ich sind in den achtziger Jahren hergekommen. Wir waren noch jung und abenteuerlustig. Mein Vater war Weinbauer und ich hatte alles bei ihm über den Weinbau gelernt. Mein älterer Bruder sollte das Weingut übernehmen. Für uns zwei hätte es nicht genügend abgeworfen. Zufällig habe ich in der Zeitung gelesen, dass in Neuseeland auch Wein angebaut wird, aber kein Riesling. Ab da habe ich nur noch von Neuseeland geträumt und von einem eigenen Riesling-Weingut. Als ich Barbara kennengelernt habe und sie die Idee auch gut fand, wanderten wir aus. Mein Vater gab uns ein Startkapital, wir nahmen zusätzlich Kredite auf, mit dem wir ein kleines Gut hier kaufen konnten. Den Riesling nahmen wir aus Deutschland mit. Er gedeiht hier gut und der Wein ist fantastisch. Nach und nach haben wir Land hinzugekauft und dann dieses Haus. Wir exportieren den Wein auch nach Deutschland. Deswegen kennen Dein Vater und ich uns.“
„Mit fällt gerade auf, dass ihr alle so gut Deutsch sprecht. Fast akzentfrei. Gerade Du, Stephanie. Du bist ja schon hier geboren“, sagte ich verdutzt.
„Das deutsche Fernsehen hält uns fit und einige Freunde, die ebenfalls aus Deutschland ausgewandert sind“, erklärte Barbara.
„Ich bin öfter in Deutschland. Bei meinen Großeltern. In der Schule lerne ich auch Deutsch“, fügte Stephanie hinzu.
Als wir mit dem Frühstück fertig waren, stand Barbara auf und fing an aufzuräumen. Ich reichte ihr einige Sachen.
„So, lass uns mal zum Weingut hinüberschauen“, bat Barbara Volker.
„Ruf deine Eltern an, Sophie. Sie machen sich bestimmt Sorgen. Das Telefon ist im Wohnzimmer. Und dann schlaf Dich etwas aus. Lass sie bitte schlafen, Stephanie. Egal wie aufregend es für Dich sein sollte, mit ihr zu sprechen.“
„Ja, Mutter. Ich werde mich zurückhalten“, rief Stephanie unzufrieden.
„Morgen gehen wir dann für die Schule einkaufen. Du wirst Unterlagen brauchen und vor allem eine Uniform“, stellte Barbara fest.
„Eine Uniform?“, fragte ich ungläubig.
„Uniform. Wie in England. Wir haben hier auch Sportclubs. Du musst dich für einen Club entscheiden. Und wir haben in der Schule „Häuser“, in die wir eingeteilt werden. Das ist wie bei Harry Potter“, referierte Stephanie in ihrem Spitzentempo und ihrer wild gestikulierenden Art.
„Worauf habe ich mich da eingelassen! Hoffentlich gibt es keine bösen Zauberer oder sonstigen Spuk“, lächelte ich.
„Zauberer gibt es zwar nicht, aber einige seltsame Leute, vor denen Du Dich in Acht nehmen solltest.“ Barbara schaute mich ernst an. Das war wohl die Pass-auf-Dich auf-Ansage.
„Klar, ich passe auf mich auf“, erwiderte ich automatisch. Aber vielleicht war doch mehr dahinter, als das? Da war wieder das mulmige Gefühl in meinem Magen. Aber ich war zu müde, um mir Gedanken darüber zu machen.
„Danke für das tolle Frühstück. Ich gehe jetzt duschen und dann schlafen, sonst breche ich vor Müdigkeit zusammen“.
„Schlaf gut, Liebes“, sagte Barbara.
„Wenn Du aufwachst, zeige ich Dir mein Zimmer und wir hören Musik“, sprudelte es aus Stephanie heraus.
Die Dusche tat unheimlich gut. Wenn man davon absieht, dass ich viel Kraft aufbringen musste, um meine müdigkeitsbedingten Gleichgewichtsstörungen auszugleichen. Sobald ich im Bett lag, fiel ich in einen schweren unruhigen Schlaf. Mein Gehirn hetzte von einem Traum in den nächsten. Ein besonderer Traum blieb mir in Erinnerung. Ich stand auf einem Eisfeld und hatte Schlittschuhe an den Füßen. Die Eisoberfläche war rau, von Dreck grau gefärbt und mit Zweigen übersät. Da die Menschen um mich herum trotzdem fahren konnten, fing ich mit zaghaften Bewegungen an, es ihnen gleich zu tun. Überraschenderweise glitten meine Kufen leicht dahin, als sei das Eis frisch präpariert. Ich wusste, ich war nicht alleine, aber ich konnte keine Menschen erkennen, die zu mir gehörten. Ich fuhr alleine vor mich hin und es machte mir zunehmend Spaß. So plötzlich wie ich hier aufgetaucht war, verließ ich das Eis wieder und lief auf einem einsamen Weg entlang. Neben mir lag ein Abhang, der in ein tiefes Tal stürzte. Auf der gegenüberliegenden Seite war ein Berghang zu sehen. Der Mond befreite sich aus der Umklammerung einer Wolke und brachte mit seinem Schein den Berg zum Glühen. Es war geheimnisvoll und überirdisch schön wie er smaragdgrün leuchtete. Eine Tanne neben mir strahlte ebenso und nun sah ich warum. Sie war mit dickem, nassem und zu Eis gefrorenem Moos umrankt. Der Berg vor mir war also ein einziger grüner Eisklotz. Diese Erkenntnis, die das Geheimnis lüftete, verdarb mir die Freude über das Phänomen nicht. Es war wunderschön anzusehen. Leider wachte ich dann auf und sah das düstere fremde Zimmer, in dem ich lag. Die Jalousien schlossen jedes Licht aus dem Raum aus. Ich konnte nicht sagen, wie spät es war. Nachdem ich eine Weile herumgedöst und an den Smaragdberg gedacht hatte, entschied ich mich aufzustehen und mich frisch zu machen. Draußen war es dunkel, als ich die Jalousien öffnete. Es musste bereits Abend sein. Ich ging in die Küche. Barbara war mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt. Es roch nach Fleisch, das scharf angebraten wurde.
„Ach Sophie, du bist ja doch wach. Wir wussten nicht, ob wir dich durchschlafen lassen oder wecken sollten“, sagte Barbara. „Es gibt Rinderfilet mit Kartoffelgratin. Du isst doch Fleisch, oder?“, fügte sie erschrocken hinzu.
„Ja, sehr gerne sogar“, erwiderte ich. Das Essen war köstlich. Stephanie redete ununterbrochen und lud mich anschließend in ihr Zimmer ein. Ich war zwar immer noch etwas benebelt vom langen Flug, aber ich freute mich, dass ich nicht alleine sein musste in meinem neuen Zimmer, obwohl ich als Einzelkind das Alleinsein gewohnt war.
Stephanies Zimmer war größer als meins. Sie hatte nicht nur ein überdimensioniertes Bett darin stehen sondern auch eine braune Ledercouch. Eine Wand war brombeerfarbig tapeziert. Das war ein schöner Kontrast zu den überwiegend hellen Möbeln. Besonders stolz war sie auf ihren Kronleuchter und ihre CD-Sammlung samt Soundanlage. Als ich die riesigen Boxen, die mir bis zur Brust gingen, sah, verstand ich, warum sie meinte, ich würde morgens schon früh aufstehen können, sobald sie ihre Musik anmachte. In Neuseeland würde ich eindeutig zur Frühaufsteherin umerzogen werden. Ihre CD-Sammlung war beeindruckend groß. Sie hatte auf den ersten Blick den gleichen Musikgeschmack wie ich: Snow Patrol, Coldplay und Mando Diao. Ich brachte ihr meine Thievery Corporation und Kruder-und-Dorfmeister-CD. Ich war etwas enttäuscht, als sie sagte, dass sie meine Liebe zu elektronischer Musik nicht teilte. Sie spielte die CDs aber trotzdem ab.
„In Blenheim gibt es keine Clubs, wo diese Art von Musik gespielt wird. Außer einem vielleicht. Ansonsten mögen wir Neuseeländer Musik, die mit echten Instrumenten erzeugt wird. Vielleicht weil wir mehr mit der Natur verbunden sind als Europäer“, versuchte sie ihren Musikgeschmack zu erklären. „Ich mag es einfach, eine Gitarre zu hören und die röhrige Stimme eines Sängers dazu. Wenn da elektronische Klänge mit dem Computer erzeugt werden, dann versetzt mich das schon in eine gewisse Stimmung, aber ich habe immer das Gefühl, dass diese Stimmung unecht ist, weil sie nicht von Menschenhand und Menschenstimme erzeugt wurde. Seltsam, aber es ist einfach so. Ich kann auf diese Musik nicht so abgehen wie auf Mando Diao oder Rolling Stones. Das läuft hier so im Hintergrund ab, man chillt, alles ist nüchtern. Aber zum Ausrasten bringt mich das gar nicht“. Sie lachte ihr helles und lautes Lachen. Ich wusste, dass ich sie auch nicht erleben mochte, wenn sie ausrastete. Geschweige denn, wenn sie böse war. Sie war viel zu laut für meine Ohren. Das galt es in jedem Fall zu vermeiden, prägte ich mir ein.
„Zum Ausrasten bringt mich elektronische Musik auch nicht!“, erwiderte ich. „Aber die Stimmung, die sie erzeugt, kenne ich in mir selbst gut. Es ist ein wenig Melancholie und auch Nüchternheit. Das ist ein Teil von mir. Und es lässt sich auch gut dabei tanzen. Warst Du schon in dem Club, in dem auch solche Musik gespielt wird?“, fragte ich sie vorsichtig aus. Der Club klang nach meinem Geschmack.
„Nein, ich war nie da. Meine Freunde auch nicht. Da geht eine Gang aus unserer Schule hin. Die sind gefährlich und deswegen meiden die meisten Leute sowohl die Gang als auch den Club. Der Club gehört dem Vater eines der Jungs aus der Gang“, klärte sie mich auf.
„Und da wird auch elektronische Musik gespielt?“, hakte ich nach.
„Ja, ich glaube schon.“
„Gehen wir mal zusammen hin?“ Meine neugierige Seite konnte es nicht lassen.
„Sophie, sei mir nicht böse, aber das ist echt keine gute Idee. Den Typen will ich nicht begegnen. Es reicht schon, dass ich sie in der Schule sehen muss. Einer von ihnen ist ein richtiger Kotzbrocken. Im letzten Schuljahr hat er meinen Fahrradreifen aufgeschlitzt und ich musste das Rad nach Hause schieben. Die ganze Bande ist so drauf. Drogen, Gewalt. Eine aus der Gang war schwanger und hat dann abgetrieben. Das ist doch nicht normal. Die leben da auf ihrer Insel und wollen absolut keinen Kontakt zu uns haben. Da laufe ich nicht auch noch in diesen Club rein. Du solltest Dich von denen fern halten.“ Sie sah mich sehr ernst und entschlossen an. Ihre großen blauen Augen waren weit aufgerissen. Stephanie befand sich wohl kurz vor dem Zustand „ausrasten“. Ich musste gegensteuern.
„Ja, ok. Schon klar. Ich wollte nur wissen, was hier so los ist“, druckste ich etwas vor mich hin. „Ich dachte am Ende der Welt ist das Paradies. Aber Ihr habt ja auch Eure Probleme mit Gangs und Drogen.“
„Das Paradies war es hier schon, bis vor zehn Jahren ein Dutzend Familien herkamen, eine Insel kauften und ihre Kinder groß wurden. Die haben sich hier nie richtig integriert. Sie sind immer nur unter sich. Na ja, aber es lässt sich hier trotzdem schön leben. Man muss sie nur ausblenden“, lächelte sie.
Die Vögel zwitscherten mich nach Sonnenaufgang rabiat aus dem Traum. Ich fragte mich, warum sie sich um unser Haus versammeln mussten, wenn doch auf den Feldern das neuseeländische Obst auf den Bäumen lockte. Ich blieb liegen und döste etwas vor mich hin. Dann drehte Stephanie wie angekündigt ihre Anlage hoch. Da war es für alle Beteiligten vorbei mit Schlafen. Nach dem Frühstück fuhr ich mit Stephanie und Barbara in die Innenstadt, um unsere Schulsachen zu kaufen. Die breiten, leeren Straßen wurden mit der Zeit immer enger, die schützenden Büsche vor den Häusern verschwanden und immer mehr Autos tauchten auf. Das war wohl die Innenstadt. Die Farbe Rosa war sehr beliebt in Blenheim, denn auch viele Häuser in der Innenstadt waren rosa gestrichen. Ein markanter rosafarbener Turm - laut Barbara ein Mahnmal für den ersten Weltkrieg - war das Wahrzeichen der Stadt und aufgrund seiner Größe schon von weitem zu sehen. Alles war sehr sauber. Die vielen Rasenflächen waren trotz der Hitze grün. Ein paar kleine Straßencafés gab es auch. Aber im Vergleich zu Frankfurt wirkte Blenheim sehr provinziell. Wie eine Stadt im wilden Westen. Ob ich es ein Jahr lang hier aushalten würde? Barbara parkte den Jeep vor dem einzigen Kaufhaus der Stadt, um das sich viele kleine Läden angesiedelt hatten. In einem der Läden kauften wir Ordner, Blöcke, Stifte und alles, was man für den Schulalltag brauchte. Dazu gehörte auch die Uniform. Eine für den Sommer und eine für den Winter. Im Sommer trugen die Mädchen ein kurzärmliges helles Hemd oder Poloshirt mit einem dunkelblauen Rock oder einer dünnen, ebenfalls dunkelblauen Stoffhose. Wenn es kälter wurde, war der blaue Hosenstoff dicker und man zog über ein langärmliges weißes Hemd einen blauen Pulli. Ich verzog spöttisch das Gesicht, als ich die Klamotten sah.
„Die Uniform soll die Gleichheit unter den Schülern fördern. Sie sollen ganz unabhängig von der Herkunft der Eltern Freunde werden und zusammen lernen“, erklärte mir Barbara mit etwas Pathos den Grund für die Uniform.
Die Preise für die Uniformen waren gepfeffert. Welche ärmeren Familien konnten sich diese Kleidung, ohne mit der Wimper zu zucken leisten, fragte ich mich. Die Gleichheit ihrer Kinder bezahlten sie, indem sie auf andere Dinge verzichteten.
Stephanie glaubte meine Meinung über Uniformen richtig gedeutet zu haben und klärte mich verständnisvoll auf: „Du kannst die hässlichen Klamotten aufmotzen, Sophie. Mit schönem Schmuck und Schuhen siehst Du wieder human aus.“
„Das ist ja das Problem. Deswegen gibt es ja keine Gleichheit. Ich meine, jeder, der es sich leisten kann, findet einen Weg, sich ungleich zu machen. Die Reichen sehen dann reich aus und die Armen arm. Oder?“, gab ich zu bedenken.
„Du hast teilweise Recht, Sophie. Aber bei uns in Blenheim haben wir das Glück, dass die Unterschiede nicht so groß sind. Die Menschen leben ganz gut von den Plantagen und die Schule ist sehr gut ausgestattet“, erwiderte Barbara.
„Wieso dann überhaupt eine Uniform?“, fragte ich.
„Das frage ich mich auch, Mutter! Sophie hat Recht“, fügte Stephanie hinzu.
„Ich freue mich, dass Ihr kritisch urteilen könnt. Aber es ist die alte Tradition aus England und Vorschriften sind nun mal Vorschriften“, wiegelte Barbara ab.
„Ist ja egal. Ich bin schon sehr gespannt auf die Schule“, sagte ich versöhnlich und ließ mir die Uniform, die ich anprobiert hatte, einpacken. Barbara fragte mich, ob ich genügend Sportsachen für den Sportkurs dabei hatte. Ich hatte mich während der Autofahrt, nach einer Diskussion mit Stephanie für den Kurs „Outdoor-Activities“ entschieden. Ein ähnliches Fach hatten wir in Deutschland nicht. Beim Klettern, Radfahren und Wandern würde ich draußen in der Natur sein und könnte die Gegend rund um Blenheim erkunden. Aber die vielfältige Ausrüstung, die man für Outdoor Activities brauchte, hatte ich in meinen zwei Koffern nicht dabei. Stephanie machte eine lange Liste von Dingen, die ich brauchen würde und wir stürzten uns in einen Outdoor-Laden, während Barbara einige geschäftliche Dinge regelte und im Supermarkt einkaufen ging. Wir verabredeten uns zur gemeinsamen Heimfahrt.
Bei der Anprobe fühlte ich mich in den Sportklamotten wohl, obwohl ich die Befürchtung hatte, als untrainierte Deutsche mit einer Vorliebe für elektronische Musik bei den Outdoor-Junkies in Blenheim etwas aufzufallen und bei den Wanderungen notorisch als Letzte in der Gruppe anzukommen. Schlimmer noch: Nach einem Berganstieg vom Lehrer Mund-zu-Mund beatmet zu werden und dann zur Lachnummer der gesamten Schule zu mutieren. Ich schaute mich im Laden um. Die Menschen hier sahen locker und sportlich aus, so als ob sie die Bewegung an der frischen Luft im Mutterleib aufgesogen hätten. Ich wanderte nur selten mit meiner Familie, mit meinen Freunden sowieso nicht und die Radwege in Frankfurt waren keine wirkliche Herausforderung. Definitiv hatten sie nicht im Geringsten etwas mit Mountainbiking zu tun. Ein Kanu hatte ich auch noch nie im Leben gesehen, geschweige denn ein Paddel in der Hand gehalten. Das wird noch lustig, dachte ich Großstädterin zynisch. Aber wenn man mich in meinen neuen Sportklamotten sah, sah man mir nicht an, dass ich keine langen Trainingsjahre auf dem Buckel hatte.
„Du siehst fantastisch aus, Outdoor-Schneewittchen“, kommentierte Stephanie mein Outfit und spielte dabei auf meine langen schwarzen Haare und der nicht so häufig mit Luft und Sonnenschein in Berührung gekommenen hellen Haut an. „Rot steht Dir übrigens sehr gut. Nimm das zweite Outdoorshirt mit und das Langärmlige auch. Es kann ja auch mal regnen, dann brauchst Du was Wärmeres und was zum Wechseln, wenn Du nass geworden bist.“
„Gut, dann nehme ich noch die Hose, die Wanderstiefel, die Wandersocken, die Trinkflasche, den Regenschutz für meinen Rucksack und die Radlerhose.“ Das letzte Wort betonte ich etwas abfällig.
„Sieht spitze an Dir aus. Die Jungs werden eine Runde länger gucken als sie es sowieso tun werden, wenn Du Dich auf Dein Rad schwingst.“
„Nur, um über mich zu lachen, meinst Du. Übrigens: Es gibt garantiert keine Fotos von mir in Radlerhosen, Stephanie, sonst ist mein Ruf in Deutschland ruiniert“, warnte ich sie vor.
„Das kann ich Dir nicht garantieren, meine Liebe. Wenn nicht ich Dich erwische, dann Miss Hays, die Outdoor-Lehrerin. Sie fotografiert wie wild im Kurs und stellt die Fotos online. In der Schulzeitung gab es auch ein Gruppenfoto vom Outdoor-Kurs. Insofern musst Du Dich damit abfinden, dass Dein Arsch in Radlerhosen bei einer breiten Öffentlichkeit beliebt wird.“
„Wir werden schon sehen, wer den Kampf um die Fotos gewinnt“, sagte ich. Dann fiel mir das Wesentliche auf. „Ich habe doch gar kein Fahrrad“, rief ich.
„Keine Sorge. Es gibt einen Fahrradladen hier um die Ecke. Da habe ich meins auch gekauft.“
„Dann gehe ich an die Kasse. Ich glaube, ich habe alles.“ Die Preise auf den Etiketten klangen überirdisch hoch, aber das musste an der anderen Währung liegen. Ich hatte von meinem Vater eine Kreditkarte bekommen, mit der ich alle meine Ausgaben in Neuseeland bezahlen konnte. In Deutschland hatte ich keine Karte, sondern bekam das Taschengeld jede Woche bar auf die Kralle.
Die rothaarige Kassiererin war wie ein wandelndes Werbemaskottchen von Kopf bis Fuß in Outdoor-Klamotten gehüllt. Ich erkannte sie nur an ihrem kleinen Namensschild als Mitarbeiterin des Ladens. Ihr freundliches Gesicht war mit Sommersprossen übersät und sie hatte eine gemütliche neuseeländische Art, die sich auch in ihrer Sprache niederschlug. Leider konnte ich die lang gedehnten Vokale und am Ende eines jeden Wortes willkürlich veränderten Klänge nur mit Mühe in meinem Schema von Englisch wiedererkennen. Sie sah mich verdutzt an, als ich hilflos dastand und entschuldigend den für sie entscheidenden Satz hervorpresste. „Sorry, I’m from Germany. I didn’t understand you.“ Ich kam mir wie ein Vollidiot vor und wollte, dass die Erde sich öffnete und mich in ihrer Tiefe unter viel Schutt begrub. Meiner Meinung nach sprach ich gut Englisch und verstand noch viel mehr. Immerhin sah ich sämtliche DVDs in der Originalversion, ohne Untertitel. Aber dieser Dialekt war mir noch nicht untergekommen. Die Kassiererin lächelte mich entwaffnend an und versuchte ihr bestes British English heraus zu kramen, um sich verständlich zu machen. In meinem Hirn ratterte es wie wild, bis ich endlich glaubte das Gesagte interpretieren zu können. Es war der Preis der Ware und die Frage, ob ich Bar oder mit Kreditkarte bezahlen wollte. Ach Du Schande. So einfach war es und ich hatte gleich am Anfang total versagt. Mir wurde schwindelig bei dem Gedanken, den ganzen Tag über Shakespeare, Kolonialgeschichte und Gemeinschaftskunde in diesem Dialekt sprechen zu müssen. Geschweige denn, wie ich ohne etwas von dem zu verstehen, was die Jugendlichen in ihrem ganz eigenen Slang von sich gaben, Freunde finden sollte. Sophie, worauf hast Du Dich da bloß eingelassen? Ich schob schweigend meine Karte hin. Sie führte sie in ein Lesegerät ein und wartete, bis ein Streifen Papier herauskam, auf dem der Betrag stand und sie mir wie einer Taubstummen mit großen Hollywood-Gesten der 30er Jahren erklärte, dass ich auf dem Strich zu unterschreiben hatte. Dann war ich entlassen und konnte das einzige Wort, das mir jetzt noch einfiel, herausbringen: „Thanks“. Wahrscheinlich verstand sie mich sowieso nicht. Mein Englisch klang genauso fremd für ihre Ohren wie ihr Englisch für meine. Da ich nun sprachlich eine Niete war, würden Outdoor-Activities und sonstige Sportarten zu meinen Lieblingsfächern mutieren. Das Leben hatte eindeutig ironische Züge angenommen.
„Sophie, ist alles ok mit Dir?“, fragte Stephanie mit ihrer ins Dramatische abrutschenden Stimmführung.
„Scheiße, ich kann gar kein neuseeländisches Englisch! Ich habe kein Wort verstanden, was die Frau eben gesagt hat. Ich werde hier sang- und klanglos untergehen“, sagte ich panisch und setzte mich vor dem Eingang des Ladens auf die Bordsteinkante und schob die riesige weiße Einkaufstüte schützend unter meine Schenkel. Tränen kullerten an meinen Wangen herunter. Ich schämte mich für meine verfrühte Schwäche. Schützend ließ ich meine schwarzen Haarsträhnen wie einen Vorhang über meine Wangen gleiten. Ich weinte leise alle Tränen, die sich angesammelt hatten, während Stephanie mich erschrocken in den Arm nahm.
Als ich nicht mehr schluchzte und der Sturm in meinem Kopf langsam aufhörte zu wüten, stand sie auf und sagte: „Das wird alles gar nicht so schlimm werden. Ich und meine Freundinnen bringen Dir alles bei, was Du wissen musst. Ab morgen ist täglich Neuseeländisch-Kurs angesagt! Das Gute ist: Die Grundlage der Sprache ist immer noch Englisch. Also steh auf. Wir gehen ins Einkaufszentrum auf die Toilette. Du wäschst Dich und dann holen wir das Fahrrad im Laden. Danach treffen wir uns mit Jessica und Paula im Café und da beginnt schon der Einsteigerkurs!“
Sie konnte wirklich gut motivieren, das musste man ihr lassen. Widerspruch war bei ihrer Bestimmtheit unmöglich.
„Zu Befehl, Sir!“, sagte ich halbwegs authentisch und wir lachten.
Der Fahrradladen war gleich neben dem Einkaufszentrum an einem schönen Platz, auf dem ein Pavillon stand. Er hieß BikeFit und war überdimensioniert für eine Stadt von der Größe Blenheims, was sicherlich mit den schönen Bergen hier zu tun hatte und damit, dass die Einwohner und Touristen nichts Besseres in Blenheim anzufangen wussten als zu radeln. Auch ich hatte vor, das Fahrrad täglich zu nutzen, da die Schule zu weit weg war, um den Weg zu Fuß gehen zu können und weil es in Blenheim mit dem öffentlichen Verkehr nicht so weit her war wie in Frankfurt. Zwar könnte ich in Neuseeland mit meinen 17 Jahren den Führerschein machen, aber den Stress mit dem Linksverkehr wollte ich mir nicht antun, um dann zurück in Deutschland mich an den Rechtsverkehr gewöhnen zu müssen. Das Fahrrad war eine gute Alternative. Stephanie fuhr auch mit dem Rad zur Schule. So könnten wir zu zweit radeln. Das Angebot im Laden war groß. Ich hatte absolut keine Ahnung, worauf es ankam und was das Rad haben musste, um auch in den Bergen fahren zu können. Stephanie war meine letzte Hoffnung.
„Stephanie, welches Rad hast Du denn?“
„Ich glaube, das gleiche Modell wie das Blaue da drüben. Oder vielleicht wie das Rote hier.“
