Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Für Sophie Hansen hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Zusammen mit ihrer Freundin Barbara betreibt sie seit kurzem einen Kräuterladen auf dem Land. Alles läuft gut, bis Sophie eines Tages einen anonymen Brief bekommt, der unter anderem eine Tarotkarte enthält. Sie findet Unterstützung bei Carla, einer hellsichtigen Frau, die sich mit diesen Karten auskennt. Dabei kommen immer mehr Erinnerungen in ihr hoch und Sophies Heldenreise beginnt. Eine Reise nach innen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Ute und Robin
The river is flowing down to the sea …Unsere Tränen werden zu einem Fluss, der ins Meer der Erinnerungen fließt.
Prolog
Der Narr
Der Magier
Die Hohepriesterin
Die Kaiserin
Der Kaiser
Der Hohepriester
Die Liebenden
Der Turm
Die Sonne
Der Gehängte
Das Äon
Der Stern
Die Lust
Der Mond
Der Tod
Der Eremit
Der Wagen
Die Ausgleichung
Die Kunst
Der Teufel
Das Glück
Das Universum
Anmerkungen
Danksagungen
Nachdenklich blicke ich auf das Kartenspiel in meiner Hand, einem Tarotdeck von Aleister Crowley. Es ist schon ein wenig abgegriffen. Sanft streiche ich über die Oberfläche der obersten Karte und drehe sie um.
Es ist das As der Stäbe. Die Flamme schlägt mir züngelnd entgegen. Ich habe mich nicht näher mit der Bedeutung der Karten beschäftigt. Es hat mich bis heute nicht besonders interessiert. Doch jetzt wüsste ich gerne, was das heißen könnte. Vielleicht würde mir das in meiner jetzigen Situation weiterhelfen.
Die Tarotkarten sind das Vermächtnis meines Vaters. Er starb vor ein paar Monaten. Es ist das Einzige, was er mir hinterließ. Manchmal nehme ich sie in einem Anflug von Nostalgie heraus und betrachte sie. Dann ziehe ich eine oder mehrere Karten. Das Deck ist nicht vollständig. Es fehlen alle Trümpfe, die sogenannte Große Arkana und trotzdem hänge ich daran.
Gestern rief mich ein Mann an, der behauptete, ein alter Bekannter meines Vaters zu sein und dass er deshalb dringend mit mir sprechen müsse.
Seufzend setze ich mich in meinem Stuhl zurück. Was hat das zu bedeuten?
Ich lege die Karten beiseite. Dabei rutscht ein weißer Zettel heraus.
„Pass auf dich auf!“, steht in der gleichmäßigen Handschrift meines Vaters dort geschrieben. Auf der Rückseite, schon fast verblasst, erkenne ich Buchstaben und Zahlen, die eine Adresse sein könnten. Auf den ersten Blick kann ich sie jedoch nicht entziffern.
Wehmütig denke ich an meinen Halbbruder, den ich lange nicht gesehen habe. Er war bei der Beerdigung unseres Vaters, doch ich war an diesem Tag sehr aufgewühlt und wir haben außer ein paar Worten nicht miteinander gesprochen. In den letzten Jahren haben wir uns leider aus den Augen verloren. Er ist wesentlich jünger als ich und vielleicht ist das der Grund für die derzeitige Funkstille. Als Kinder waren wir sehr vertraut miteinander, beinahe wie Zwillinge, trotz des großen Altersunterschiedes von 10 Jahren. Dann ging ich aus dem Haus und der Kontakt riss ab. Ich hatte meinen Schulabschluss in der Tasche und wollte die Welt entdecken. Deshalb ging ich nach Paris. Und mein kleiner Bruder musste zuhause bleiben. Seitdem haben sich unsere Wege getrennt.
Er fehlt mir, denke ich.
Seltsam, dass mir das jetzt bewusst wird.
Das Telefon klingelt. Es ist Barbara, meine Kollegin und Freundin aus dem Laden.
„Wann kommst du heute?“
Ich schaue auf die Uhr und sehe, dass ich spät dran bin.
„Ich wollte gerade los.“.
„Prima! Es haben schon einige Kunden angerufen und Kräutertees bestellt. Der Laden brummt!“
„Das ist super! Ich bin gleich da!“ Ihre Freude wirkt ansteckend auf mich und der Gedanke an meinen Bruder wandert in den Hintergrund.
Ich lege die Karten zurück in die Esstischschublade, ziehe mich an und verlasse das Haus.
„Hast du alles?“
„Ich glaube ja. Ich schaue aber lieber noch einmal auf die Bestellung.“
Ich vergleiche sorgfältig die Schildchen auf den Packungen mit den Notizen auf dem Blatt vor mir, während Barbara einen Karton und Füllmaterial aus dem Regal nimmt.
„Das ist der letzte Kunde für heute.“
„Zum Glück! Ich bin ganz schön geschafft. Außerdem habe ich heute Abend noch etwas vor.“
„Ach ja? Ein Date?“, fragt Barbara und grinst anzüglich.
Zu meinem großen Ärger werde ich rot bis unter die Haarspitzen.
„Nein, nur ein alter Bekannter meines Vaters. Ich habe keine Ahnung, was er von mir will. Er meinte, es sei wichtig, also habe ich mich breitschlagen lassen und mich heute Abend mit ihm verabredet.“
Das Restaurant ist etwa zur Hälfte gefüllt, als ich eintrete.
„Guten Abend, Signora“, begrüßt mich Giovanni, der Besitzer, lächelnd. Wir kennen uns schon seit Jahren. Seine ruhige, freundliche Art macht mir Mut.
„Sie hatten einen Tisch bestellt, nicht wahr? Bitte folgen Sie mir.“
Ich blicke mich um und da sehe ich ihn. Er schaut mich durchdringend an, während Giovanni mich zu seinem Tisch führt.
„Guten Abend Frau Hansen!“
„Guten Abend Herr …?“
„Holbein, mein Name ist Andreas Holbein. Ich bin der Anwalt ihres Vaters.“
Verblüfft setze ich mich auf den Stuhl, den Giovanni mir anbietet. Für einen alten Bekannten meines Vaters ist Andreas Holbein noch ziemlich jung. Vielleicht Mitte 30, würde ich schätzen, – und mit seinem ebenmäßig geschnittenen Gesicht und den dunklen Locken durchaus attraktiv.
„Naja, ich bin nicht direkt der Anwalt ihres Vaters.“
„Aha.“
„Möchten Sie vielleicht etwas trinken“, unterbricht Giovanni unsere Unterhaltung.
„Ein Mineralwasser bitte“, antworte ich mechanisch.
„Für mich bitte ein Glas Rotwein“, sagt er und lächelt mich an.
„Ich weiß, unser Kontakt kommt unerwartet für Sie“, fährt er fort, nachdem Giovanni sich zurückgezogen hat.
„Ja, unerwartet trifft es ziemlich genau, nachdem mein Vater schon über 20 Jahre tot ist. Und wer sind Sie, wenn nicht der Anwalt meines Vaters?“
„Nun, ich kann verstehen, dass Sie misstrauisch sind, aber ich kann Ihnen das erklären.“
Langsam werde ich ungeduldig.
„Könnten Sie bitte konkreter werden?“
„Na klar! Ich bin der Nachfolger des Nachlassverwalters ihres Vaters. Ich habe seine Kanzlei übernommen und teilweise auch die Mandanten, darunter auch ihren Vater.“
„Aha.“
„Sie hatten vor kurzem Geburtstag, stimmt’s?“, fährt er fort.
Ich werde rot.
„Was geht Sie das an?“
„Oh, bitte entschuldigen Sie. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich habe den Auftrag, Ihnen diesen Umschlag zu geben. Ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk ihres Vaters, sozusagen.“
Giovanni kommt und bringt die Getränke. Er schaut mich besorgt an. Ich zucke mit den Schultern und betrachte nachdenklich den unscheinbaren weißen Umschlag in meiner Hand.
„Möchten Sie etwas essen? Soll ich die Karte bringen?“
„Nein, danke, heute nicht. Mir ist der Appetit gerade vergangen. Vielleicht möchte der Herr …!“
„Oh, ach, nein, nein, danke, ich muss dann auch wieder gehen.“
„Warum haben Sie mich nicht in ihre Kanzlei bestellt?“
„Nun ja, ich dachte, dass es möglicherweise etwas zu feiern gibt, wenn Sie eine Geburtstagsnachricht von ihrem Vater erhalten. Da habe ich mich wohl getäuscht. Es war ein Fehler. Bitte entschuldigen Sie.“
„Was bin ich Ihnen für Ihre Mühe schuldig?“
„Nichts! Das ist bereits erledigt.“
Unschlüssig sitze ich alleine am Tisch. Soll ich den Umschlag öffnen? Ist der Inhalt so explosiv wie Pandoras Büchse?
Schließlich reiße ich ihn auf. Zum Vorschein kommt eine beschriebene Postkarte und eine weitere Tarotkarte: Es ist Der Narr.
Auf der Postkarte steht eine kurze Notiz:
Bitte wende dich an Giselle Lacroix. Es ist wichtig.
Die genaue Adresse wird dir mein Anwalt geben.
Ich schaue zur Tür, hinter der er vor ein paar Minuten verschwand. Mist!
Unwirsch winke ich Giovanni zu mir.
„Haben Sie jetzt ein wenig Appetit?“, fragt er hoffnungsvoll.
„Ja! Bitte bringen Sie mir einen Teller Lachsnudeln und einen Salat.“
„Sehr gerne! Ach ja, der Herr, der bei Ihnen saß, gab mir noch etwas für Sie.“
Er überreicht mir eine Visitenkarte mit der Adresse von Andreas Holbeins Kanzlei. Darunter ist mit kurzen Strichen eine Narrenkappe gezeichnet.
Will denn diese Nacht gar nicht enden? Es ist vier Uhr morgens und ich habe kaum geschlafen. Meine Gedanken kreisen um die Tarotkarten und Holbeins Rolle in diesem Spiel. Warum nimmt er plötzlich Kontakt zu mir auf? Was hat er mit mir und meinem Vater wirklich zu tun? Und was hat das Auftauchen der fehlenden Karte zu bedeuten? Antworten finde ich keine. Die Zeit verrinnt nur langsam und im Bett halte ich es nicht mehr aus. Draußen ist es noch stockdunkel als ich aufstehe. Ich dusche, frühstücke ausgiebig, prüfe im Kalender meine Termine, checke E-mails, bis es endlich so spät ist, dass ich in Holbeins Büro anrufen kann.
„Wollen Sie mich hochnehmen? Woher wussten Sie, was in dem Umschlag ist? Nennen Sie das Diskretion?“
Wütend laufe ich in meinem Wohnzimmer auf und ab, das Telefon am Ohr. Am anderen Ende herrscht Stille.
Dann, nach langem Schweigen, endlich ein Räuspern.
„Also, ganz ehrlich, weiß ich im Moment nicht, wovon Sie sprechen.“
Er scheint eingeschüchtert, das ist gut. Vielleicht sagt er jetzt die Wahrheit.
„Na, die Narrenkappe auf ihrer Visitenkarte!“, blaffe ich in den Hörer. „Da wussten Sie doch, dass die Tarotkarte „der Narr“ in dem Umschlag ist!“
„Oh, tatsächlich! Das wusste ich nicht, bitte glauben Sie mir. Die Narrenkappe hatte ich auf mich bezogen, auf mein dummes Verhalten.“
Verblüfft schweige ich. Konnte das sein?
„Ich schaue nicht in fremde Umschläge! Würde ich das tun, hätte ich bald keine Mandanten mehr und müsste mir eine neue Arbeit suchen. Halten Sie mich für so dumm?“
„Ich weiß nicht, was ich von Ihnen halten soll. Ich kenne Sie ja kaum.“
„Ich glaube, hier handelt es sich um ein Missverständnis. Können wir nicht noch einmal in Ruhe reden?“
„Die Narrenkappe war also nicht auf mich oder den Inhalt des Briefes bezogen?“
„Nein, war sie nicht, sie war auf mich bezogen – ausschließlich.“
„Also gut. Ich glaube Ihnen. Mein Vater hinterließ neben der Tarotkarte nur eine kurze Notiz, dass ich mich wegen einer Adresse an Sie wenden soll. Wissen Sie etwas darüber?“
Meine Wut verraucht langsam, doch ich bleibe wachsam.
„Warten Sie bitte kurz, ich schaue in meine Unterlagen.“
Ich höre es im Hintergrund rascheln. Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr. Nach einer gefühlten Ewigkeit folgt ein Knacken im Hörer.
„Bitte entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat. Wir können die Akte nicht finden. Es tut mir sehr leid.“
Mein Misstrauen kehrt sofort zurück.
„Die Akte ist verschwunden? Wie kann das sein?“
„Ich weiß es auch nicht. Ich werde sie jetzt suchen und sie anrufen, sobald ich sie habe.“
Er hat aufgelegt! Wütend lege ich das Telefon auf die Kommode. Insgeheim muss ich den Menschen Recht geben, die sagen, Frauen und Männer seien in verschiedenen Universen unterwegs.
Um mich abzulenken nehme ich die Tarotkarten aus der Schublade und fange an sie zu mischen. Was hat das alles zu bedeuten?
Ich ziehe eine Karte. Es ist Die acht der Kelche, die Trägheit.
Okay, junger Mann! Solltest du die Akte nicht bald finden, werde ich dir Beine machen!
Im Laden habe ich das dringende Bedürfnis, mich zu bewegen. Also mache ich mich daran, Regale aufzufüllen. Barbara schaut mir erstaunt zu, wie ich mit zu viel Elan die Tüten und Päckchen nehme und beinahe in die Regale werfe.
Der ehemals kleine Laden namens „Kräuterhexenhaus“ hat sich in den letzten beiden Jahren stark vergrößert. Zum eigentlichen Laden ist ein Teehaus und ein Internetshop gekommen, den hauptsächlich ich betreue. Außerdem haben wir unser Sortiment erweitert. Außer Tees gibt es auch Räucherwaren bei uns zu kaufen, was von den Kunden immer besser angenommen wird. Längst reichen unsere selbst angebauten und gesammelten Wildkräuter nicht mehr aus und wir kaufen zu. Mittlerweile können Barbara und ich davon leben, auch dank einer kleinen Rente, die ich bekomme. Ich habe mich hier sehr gut eingelebt und vermisse die Schule nur selten. Konstantin sehe ich noch ab und zu. Er ist mir ein guter Freund, obwohl er sich mehr erhofft. Doch ich fühle mich gerade woh,l so wie es ist.
„Ist was?“, fragt Barbara und schaut mir belustigt zu, während sie selbst mit einem Staubtuch über die Theke fährt.
„Nein, wieso?“
„Sonst sehe ich dich die Regale mit deutlich weniger Energie auffüllen.“
Ich blicke aus dem Fenster.
„Da ist ein Gast. Hast du schon bedient?“
Barbara kommt zu mir herüber und schaut mir über die Schulter.
„Tatsächlich! Die war vor zwei Minuten noch nicht da!“
Im Garten sitzt an einem der äußeren Tische ein Mädchen in einem geblümten Sommerkleid. Sie spielt mit ihren Fingern, scheint nervös, beinahe schüchtern und irgendwie fluchtbereit.
„Ich gehe mal runter“, sagt Barbara, legt das Staubtuch beiseite und verlässt den Raum.
Ich widme mich wieder dem Einräumen der Regale, doch das Mädchen da draußen geht mir nicht aus dem Kopf.
Kurz darauf kehrt Barbara zurück, nimmt ihr Staubtuch und widmet sich wieder dem Polieren der Theke.
„Sie möchte nichts essen oder trinken, nur einfach ein bisschen dort sitzen, hat sie gesagt. Seltsam, nicht? Und noch seltsamer finde ich, dass sie dir wie aus dem Gesicht geschnitten ist.“
Erstaunt blicke ich auf.
„Was sagst du da?“
„Na, sie sieht aus wie eine Kopie von dir im Alter von neun oder zehn Jahren.“
Ich gehe wieder zum Fenster.
„Das ist ja unheimlich! Jetzt ist sie weg. Bist du sicher, oder willst du mich auf den Arm nehmen?“
Barbara gesellt sich zu mir.
„Tatsächlich! Sie ist weg. Nein, ich will dich nicht hochnehmen. Hast du vielleicht eine kleine Schwester?“
„Nicht, dass ich wüsste.“
Nachdenklich setze ich meine Arbeit fort.
Abends in meiner Wohnung sitze ich am Schreibtisch. Pino, mein kleiner braunweißer Mischling liegt an meinen Füßen und schläft entspannt. Vor mir liegen ordentlich gestapelt die Tarotkarten.
Ich nippe an einer Tasse Tee und schaue aus dem Fenster in die Abenddämmerung. Wer hält mich hier zum Narren? Oder bin ich selbst der Narr?
Entschlossen gehe ich zum Bücherregal. Pino hebt den Kopf und beobachtet mich aus schlaftrunkenen Augen. Willst du jetzt schon zur Abendrunde aufbrechen, scheinen sie zu fragen. Da ich den Raum nicht verlasse, legt er seinen Kopf wieder auf den Teppich und schläft weiter.
Ich fahre mit dem Finger die Reihen meiner Bücher ab. Irgendwo habe ich doch ein Handbuch zu den Tarotkarten. Ich hatte es vor Jahren gekauft und lange nicht gebraucht. Doch ich finde es nicht.
Seufzend setze ich mich an den Tisch. Ich suche die Karte 0 – Der Narr aus dem Stapel und betrachte sie eingehend. Was will sie mir sagen? Mit weit offenen Augen starrt er mich an. Überhaupt zeugen die vom Körper gestreckten Arme und Beine von bedingungsloser Offenheit. Neugierig lächelnd begrüßt er die Welt, naiv und vorurteilslos. Um ihn herum wartet die Fülle der Welt darauf, von ihm entdeckt zu werden.
So weit, so gut. Und was bedeutet das im Alltag? Ich öffne mein Laptop und gebe Kartenlegen in die Suchmaschine ein.
Leider ist beim Öffnen der Seite ein Fehler aufgetreten.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Ich versuche es erneut. Erfolglos. Da piepst mein Handy. Ich gehe es suchen. Es ist noch in meiner Handtasche, die ich auf der Kommode neben der Wohnungstür abgestellt habe.
Eine SMS von Barbara ist gekommen. „Was ist los?“ steht da und ich kann die Sorge, die aus diesen drei Worten spricht beinahe körperlich spüren.
Ich rufe sie an.
„Hallo Barbara.“
„Was ist los? Wir hatten im Laden heute keine Gelegenheit mehr, in Ruhe miteinander zu sprechen. Ich hatte den Eindruck, dass du irgendwie durcheinander bist.“
„Mein altes Leben scheint mich einzuholen und ich weiss nicht, was das alles zu bedeuten hat. Jetzt wollte ich im Internet etwas nachsehen und es ist abgestürzt.“
„Hat das etwas mit deinem Date zu tun?“
„Ja und nein.“
„Wie bitte?“
„Es geht um das Erbe meines Vaters, die Tarotkarten. Ich habe dir doch erzählt, dass das Deck nicht vollständig ist. Jetzt ist bei meiner Verabredung gestern Abend eine der fehlenden Karten aufgetaucht. Und ich wüsste gerne, was sie zu bedeuten hat. Deshalb wollte ich ins Internet. Kann ich vielleicht deinen Computer benutzen?“
„Ich habe da eine bessere Idee. Ich kenne eine seriöse Kartenlegerin, die dir bestimmt gerne weiterhilft. Sie heißt Carla Schmidt. Rufe sie an.“
Ich notiere mir die Nummer, dann lege ich auf und kehre zum Schreibtisch zurück. Der Narr starrt mich aus seinen weit aufgerissenen blauen Augen an. Plötzlich spüre ich eine bleierne Müdigkeit und das Bedürfnis nach Ruhe. Ich muss nachdenken.
„Pino, komm! Wir gehen noch unsere Abendrunde und dann ins Bett.“
Das Mädchen sitzt am Rande der Veranda auf den Holzbohlen vor dem Laden. Sie schaukelt mit ihren frei hängenden Unterschenkeln hin und her und scheint ganz in sich versunken. Den Blick in den Schoß versenkt, spielt sie mit ihren Fingern. Der Rock ihres Kleidchens wird ab und zu vom Wind erfasst und bläht sich dann auf wie ein Ballon. Ich gehe auf sie zu.
Gerade als ich sie ansprechen will, wache ich auf. Benommen schaue ich mich um und erkenne am Grauschleier vor dem Fenster, dass es bereits dämmert. Jetzt verfolgt mich dieses Mädchen sogar schon in meinen Träumen! An wen erinnert sie mich? Ihre Gesichtszüge, ja ihre ganze Art sind mir sehr vertraut, beinahe schon zu intim. Ich schüttele den Kopf, um mich von dem Traum frei zu machen und konzentriere mich auf die Gegenwart. Schemenhaft erkenne ich Pino. Er schnarcht in seinem Körbchen in der Ecke. Alles ist wie immer. Das beruhigt mich und ich döse wieder ein bis der Wecker klingelt.
Auf dem Weg ins Bad komme ich an der Wohnungstür vorbei. Ich sehe etwas Helles auf dem Boden schimmern und bücke mich danach. Es ist ein Briefumschlag. „Für Sophie“ steht darauf, sonst nichts. Jemand muss ihn heute Nacht unter der Tür durchgeschoben haben. Nervös öffne ich das Kuvert und ziehe eine weitere Tarotkarte heraus. Diesmal ist es die I – der Magier.
Ich öffne die Wohnungstür und sehe mich um. Natürlich ist niemand mehr da. Langsam schließe ich die Tür wieder und lehne mich gegen sie. In meinem Kopf schwirren tausend Gedanken gleichzeitig wild durcheinander und ich muss mich zusammenreißen, um nicht in blinden Aktionismus zu verfallen. Also erst einmal in Ruhe nachdenken.
Es ist noch zu früh, um bei Andreas Holbein anzurufen und nachzufragen, ob er etwas damit zu tun hat. Falls ja, kann ich seinen Sinn für Humor nicht teilen. Ich atme tief durch, gehe ins Bad, dann in die Küche und koche mir eine Tasse Kaffee. Pino ist inzwischen aufgewacht und schnüffelt neugierig an dem Umschlag. Er schmiegt sich an mein Bein und schaut schwanzwedelnd zu mir hoch. Ich kraule ihn hinter den Ohren und er kuschelt sich noch näher an mich heran.
Ich sehe mir die Karte genauer an. Wie der Narr hat auch der Magier diesen verklärten Gesichtsausdruck, der nicht von dieser Welt ist. Ganz im Gegensatz zu mir, scheint er mit sich im Reinen zu sein. In seinen Bewegungen ist noch die Leichtigkeit des Narren zu spüren. Sein Blick geht nach oben.
Mein Handy klingelt.
„Guten Morgen Frau Hansen, Andreas Holbein hier!“
„Guten Morgen Herr Holbein! Gut, dass Sie anrufen! Ich wollte sie sowieso sprechen. Was haben Sie für Neuigkeiten?“
„Das möchte ich ungern am Telefon besprechen. Können Sie heute vielleicht in meine Kanzlei kommen?“
„Ich werde es einrichten“, sage ich seltsam ruhig, obwohl ich innerlich vor Ungeduld beinahe platze.
„Gut. Ich rufe sie später noch einmal an. Jetzt habe ich leider keine Zeit mehr. Bis dann.“
Aufgelegt! Wütend starre ich auf mein Telefon. Ich komme mir langsam vor wie eine Marionette in einem Puppenspiel. Entschlossen dem Einhalt zu gebieten packe, ich meine Tasche.
„Komm Pino, wir gehen in den Laden.“
Pino duckt sich und schaut mich fragend von der Küchentür aus an.
„Ja, ich weiß. Du magst es nicht, wenn ich wütend bin. Du bist doch gar nicht gemeint!“
Ich gehe in die Hocke und Pino kommt vorsichtig schwanzwedelnd zu mir herüber. Ich streichle ihn und rede leise auf ihn ein. Nach ein paar Worten beginnt er sich zu entspannen und setzt sich vor mich auf den Boden. Auch ich merke, wie ich ruhiger werde.
„So, jetzt aber los! Sonst kommen wir noch zu spät zur Arbeit!“
Barbara ist schon da, als ich den Laden betrete.
„Oh! Das ist ja spannend!“, sagt sie, nachdem ich sie auf den neuesten Stand der Dinge gebracht habe.
„Ich bin schon neugierig, wie es weitergeht!“
„Ich auch!“
„Hast du Carla schon angerufen?“
„Nein, dazu konnte ich mich noch nicht durchringen.“
Das Telefon klingelt und enthebt mich einer weiteren Erklärung.
„Frau Hansen, ich bin es noch einmal, Andreas Holbein. Würde es Ihnen heute so gegen 15.00 Uhr passen?“
„Gut, abgemacht.“
Ich mache mich an meine Arbeit am Computer und checke eingegangene Bestellungen, die ich bearbeiten muss. Es gelingt mir einigermaßen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und ich spüre, wie meine innere Ruhe zurückkehrt. Gegen Mittag kommt Barbara in mein Büro.
„Was würdest du davon halten, wenn ich die Kartenlegerin hierher einlade?“, sagt sie lächelnd und lehnt sich mit verschränkten Armen an den Schrank gegenüber des Schreibtischs.
„Sie wollte sich unser neues kleines Kräuterparadies sowieso einmal anschauen. Das wäre doch eine gute Gelegenheit.“
Pino steht von seinem Platz an meinen Füßen auf, streckt sich kurz und geht schwanzwedelnd zu Barbara.
Ich zögere kurz, bin mit meinen Gedanken noch bei der Rechnung, die ich gerade geschrieben habe.
„Ja, das ist eine gute Idee. Vielleicht sollten wir daraus ein richtiges Fest machen? Ein Einweihungsfest meine ich. Dazu sind wir noch gar nicht gekommen.“
„Ja, super Idee! Das machen wir!“
Den kleinen Kräuterladen gibt es schon länger, doch der Internetbestellservice, das erweiterte Sortiment und die große Teestube mit Garten erst seit ich vor zwei Monaten bei Barbara eingestiegen bin.
Ich finde die Kanzlei auf Anhieb und sogar einen Parkplatz direkt vor dem Gebäude. Bevor ich aussteige, hole ich tief Luft, prüfe im Rückspiegel mein Äußeres und umfasse kurz den Rosenquarz in meiner Handtasche. Noch einmal tief durchatmen, dann kann es losgehen.
Andreas Holbein empfängt mich sofort.
„Guten Tag Frau Hansen! Bitte nehmen Sie Platz.“ Er begrüßt mich mit festem Händedruck und geleitet mich mit einer geübten Handbewegung zu einer Sitzecke am Fenster. Eine elegante Isolierkanne, Tassen und Gebäck stehen auf dem niedrigen Tisch zwischen den schwarzen Sesseln bereit.
Als ich mich setze, habe ich das ungute Gefühl, in dem riesigen Möbel zu versinken.
„Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“
„Ja, gerne.“
„Was kann ich für Sie tun?“
„Ich habe wieder einen Brief mit einer Karte erhalten“, erkläre ich und zeige ihm den Magier. „Sie wurde mir heute Nacht unter der Wohnungstür durchgeschoben, wo ich sie heute Morgen fand.“
„Oh! Das ist ein bisschen unheimlich.“
„Das finde ich auch!“
Er nimmt die Karte und studiert sie eingehend.
„Und diesmal war keine Nachricht dabei?“
„Nein! Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht sagen, von wem die Karte ist.“
Er schaut mich fragend an.
„Oh nein! Ich habe damit nichts zu tun. So etwas mache ich nicht! Und ich weiß auch nicht, wer das gewesen sein könnte. Diese Karte habe ich noch nie gesehen!“
„Und wer war es dann?“
„Keine Ahnung! Nun schauen Sie mich nicht so vorwurfsvoll an! Ich kann nichts dafür! Ich wollte sie wegen etwas ganz anderem sprechen. Ich hatte gestern einen seltsamen Anruf in der Kanzlei. Eine Frau hat mich nach ihrer Adresse gefragt. Ich habe sie natürlich nicht herausgegeben. Und heute Morgen hatte ich dann das Gefühl, jemand sei hier gewesen. Nur eine Schublade des Aktenschranks stand offen, als ich das Büro betrat. Darin war auch ihre Akte, die ein kleines Stück herausgezogen war. Ich schließe abends immer alle meine Schränke und Schubladen, bevor ich gehe. Es scheint nichts gestohlen und alles war an seinem Platz. Deshalb habe ich auch die Polizei nicht eingeschaltet. Außerdem ist es wohl für das Image eines Anwalts der vertrauliche und teilweise brisante Daten von Klienten hat, nicht gerade förderlich, wenn ein Einbruch bekannt wird, wenn es nicht unbedingt sein muss. “
„Offensichtlich sucht mich jemand! Aber warum und wer? Vielleicht waren der Einbrecher und die Person, die mir die Karte unter der Tür durchgeschoben hat ein und dieselbe!“
„Das könnte sein. Wenn es Ihnen recht ist, wäre ich Ihnen gerne bei der Suche behilflich – als Ausgleich für den Schaden, der Ihnen entstanden ist, sozusagen.“
„Hilfe könnte ich schon brauchen, doch ich weiß ja selber nicht, wie es weitergehen soll.“
„Ich habe da ein paar Kontakte, die ich abfragen könnte. Vielleicht hilft es uns weiter.“
„Ja, gut, schaden kann es jedenfalls nicht.“ Ich nippe an meinem Kaffee, der inzwischen beinahe kalt ist.
„Und weshalb wollten Sie mich sprechen? Haben Sie die Akte meines Vaters gefunden?“
„Ja und nein“, druckst er herum und schaut dabei aus dem riesigen Fenster in einen großen, hellen Innenhof.
Mein Herz beginnt laut gegen meine Brust zu klopfen. Er nimmt seine Tasse, betrachtet sie aufmerksam und schweigt. Wieso spannt er mich so lange auf die Folter? Er trinkt, dann räuspert er sich und schaut mich von unten herauf an wie ein kleiner Junge, der etwas angestellt hat. Das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelt.
„Einen Augenblick bitte.“ Er steht auf und nimmt ab. Das Gespräch ist nach wenigen Sätzen beendet, doch ich platze jetzt beinahe vor Neugier. Geduld war noch nie meine starke Seite.
„Was ist nun mit der Akte?“, frage ich, als er wieder zu mir kommt.
Er setzt sich und schenkt sich Kaffee nach.
„Also die Sache ist die: Wir haben die Akte gefunden.“
„Wow! Das sind gute Nachrichten!“
„Nun ja, besser gesagt wir haben die Hülle gefunden. Sie befand sich im Papierkorb meiner Sekretärin. Der Inhalt bleibt verschwunden.“
Ich schaue ihn entgeistert an.
„Wie bitte?“
„Bitte entschuldigen Sie. So etwas ist mir noch nie passiert.“ Er sieht mich zerknirscht an.
„Leider habe ich wenig Hoffnung, dass der Inhalt wieder auftaucht.“
„Und warum?“
„Naja … Also gut, ich will ehrlich sein. Der Inhalt ist in unserer Schreddermaschine gelandet. Es war ein fürchterliches Missverständnis …!“
Ich schlucke hohl und weigere mich zu glauben, was ich da höre.
„Ein Missverständnis …?“, hauche ich entsetzt.
„Nun ja. Die Akte lag noch auf meinem Schreibtisch, als ich nachmittags zu einem Gerichtstermin musste. Auf der Vorderseite steht immer der Beginn und das Ende des Mandats und manchmal auch das Sterbedatum des Mandanten. So wie im Fall ihres Vaters. Meine Sekretärin dachte wahrscheinlich, der Fall sei verjährt und ich hätte die Akte liegen lassen, damit sie sie vernichtet.“
Ich falle gegen die Sessellehne und starre ihn ungläubig an. „Und im Computer? Sicher haben sie doch auch Daten ihrer Mandanten im Computer?“
„Meine Sekretärin war sehr gründlich. Diese Dateien hat sie auch gleich gelöscht.“
„Das muss ich erst einmal verdauen. Und es gibt keine Möglichkeit, die Daten zurückzuholen?“
„Ich fürchte nicht. Meine Sekretärin ist sehr zuverlässig und ordnungsliebend. Leider übertreibt sie es damit manchmal auch ein bisschen.“
„Sie vernichtet Akten, ohne Ihr Einverständnis?“
„Normalerweise nicht. Wissen Sie, es gibt noch jede Menge alter Akten meines Vorgängers, die wir nach und nach durchsehen und …“
„… vernichten“, beende ich den Satz. „Und ihre Sekretärin dachte, die Akte meines Vater wäre so ein Fall …“
„Ich fürchte ja.“
Es ist heiß und die Straßen sind vom Feierabendverkehr verstopft, als ich den Heimweg antrete. Das lässt mir Zeit zum Nachdenken. In meinem Hirn geht es zu wie in einem Bienenstock. Es summt und brummt von allen Seiten, doch ein klarer Gedanke ist nicht dabei. Schließlich muss ich einsehen, dass ich alleine nicht weiterkomme.
Zurück im Laden habe ich einen Entschluss gefasst.
„Wie war’s?“ Barbara wischt gerade einen Tisch im Garten ab, als ich zurückkomme.
„Spannend! Jetzt gibt es noch mehr Fragen und ich weiß nicht mehr weiter. Die Akte meines Vaters ist unwiederbringlich zerstört. Ich brauche die Kartenlegerin, glaube ich. Ich werde sie heute Abend anrufen.“
„Nicht nötig! Da kommt sie schon!“
Ich drehe mich um und sehe eine Frau in mittleren Jahren auf uns zukommen. Sie trägt ein bunt geblümtes Sommerkleid, das locker um ihre Hüften schwingt. Ihre schulterlangen blonden Haare sind bereits mit grauen Strähnen durchzogen.
„Hallo Barbara, wie geht’s?“
„Hallo Carla! Mir geht es gut. Darf ich dir Sophie, meine neue Geschäftspartnerin, vorstellen? Ich glaube, ihr kennt euch noch nicht.“
„Sehr erfreut, Carla Schmidt.“
„Sophie Hansen. Ich habe schon von Ihnen gehört.“
„Oh, ich hoffe, nur das Beste!“, lacht sie und zwinkert Barbara zu.
„Kommt, wir setzen uns und trinken eine kühle Zitronenlimonade. Ich habe gerade eine gemacht!“
„Barbara hat mir erzählt, dass Sie Tarotkarten legen.“
„Ja, das mache ich.“
Carla sieht mich aufmerksam an.
Wie soll ich es ihr nur sagen?
„Nun ja, …“, druckse ich herum und falte die Serviette in meinem Schoß. Nach Worten ringend schaue ich nach oben.
„Was machst du denn da?“, entfährt es mir lauter als ich es wollte. Die beiden Frauen neben mir folgen erschrocken meinem Blick. Über uns in der Eiche sitzt das Mädchen im geblümten Kleid auf einem der unteren Äste. Lautlos beobachtet sie uns. Ihre Miene zeigt keine Regung. Nur ihre Beine baumeln und zeugen von ihrer Lebendigkeit.
„Möchtest du auch ein Limonade?“, fragt Barbara in ihre Richtung. Die Kleine schüttelt den Kopf, steht auf, klettert ein Stück weiter hoch und versteckt sich hinter dem dicken Stamm.
„Wer ist das?“, fragt Carla.
„Wir wissen es leider nicht. Am liebsten würde ich jetzt hinter ihr herklettern und ihr ein paar Fragen stellen.“
„Ich glaube, das ist keine gute Idee“, antwortet Carla und blickt besorgt nach oben. „Sie scheint verschreckt und würde womöglich vom Baum fallen, wenn wir sie bedrängen.“
„Wahrscheinlich haben Sie recht“, antworte ich mürrisch, „doch ein Gespräch mit ihr könnte viele meiner offenen Fragen beantworten, die ich Ihnen dann nicht mehr stellen müsste.“
„Sie wird von selber kommen. Sie brauchen nur ein wenig Geduld. Das Mädchen ist scheu wie ein wildes Tier. Es braucht Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Stellen Sie doch einstweilen mir die Fragen. Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen.“
Ich spüre, dass sie recht hat. Mit Druck würde ich hier nicht weiterkommen. Trotzdem brauche ich Antworten und zwar möglichst schnell.
„Na, was ist?“, unterbricht Carla meine Gedanken.
„Ja, wir können es versuchen.“
Carla mustert mich eingehend, sagt aber nichts. Sie scheint meine Zweifel zu spüren. Zögernd lege ich die zwei Karten auf den Tisch.
„Ich habe in den letzten Tagen diese Karten geschickt bekommen. Können Sie mir etwas darüber sagen? Ich habe wenig Ahnung von Tarotkarten und ihrer Bedeutung. Eigentlich gar keine“, füge ich leise hinzu.
„Wollen Sie die lange oder die kurze Version hören?“
„Ich glaube die kurze muss vorerst reichen. Ich habe das Gefühl, dass mir jemand etwas sagen möchte und mir deshalb die Karten schickt. Möglicherweise mein verstorbener Vater oder dieses Mädchen, oder beide.“
Suchend blicke ich nach oben, doch das Mädchen bleibt verschwunden.
„Ich werde sehen, was ich tun kann, um zu helfen.“
Sie nimmt die Karten und betrachtet sie eine zeit lang eingehend. Barbara kommt mit Limonade und Gläsern aus dem Haus. Erst jetzt merke ich, dass ich einen ganz trockenen Mund habe und trinke das ganze Glas auf einmal leer.
„Zunächst einmal ist es so, dass die Karten an sich im Zusammenhang mit einer Person, Frage oder Lebenssituation ihre Kraft entfalten. Hat man keine speziellen Fragen, kann ich zwar ganz allgemein etwas zu den Bildern sagen, das wird aber wahrscheinlich nicht viel weiter helfen. Auf jeden Fall kann ich sagen, dass es sich bei diesen Karten um die ersten beiden Karten der großen Arkana handelt. Das sind die 22 Karten, die zusammen die sogenannte Heldenreise darstellen. Das ist die Entwicklungsreise des Menschen vom Narren zum Weisen, wie wir sie beispielsweise auch aus Märchen, Mythen und Sagen wie der Artussage oder der Reise des Odysseus kennen.“
Sie macht eine Pause und trinkt von ihrer Zitronenlimonade.
„Mir schwirrt der Kopf. Und was hat das mit mir zu tun?“
„Das weiß ich noch nicht. Die Karten sind Bilder der Seele, bilden also unser Unterbewusstsein ab. Viele von uns haben heute verlernt, die Sprache der Seele zu hören.“
Oh! Bei diesen Worten fühle ich mich ertappt!
„Es ist schon spät, ihr beiden, und ich habe Hunger“, mischt sich Barbara in das Gespräch ein.
„Wie wäre es, wenn wir uns etwas kochen?“
Es ist bereits dunkel, doch die laue Sommernacht lädt zum Verweilen ein. Wir sitzen nach Tortellinis mit Kräutersahnesauce noch bei einem Glas Rotwein zusammen und lassen den Abend ausklingen. Die Grillen zirpen und die Blätter der Eiche über uns rascheln im leichten Wind. Pino liegt unter dem Tisch und schnarcht leise. Wie schön es hier ist und wie friedlich, denke ich und lege den Kopf in den Nacken. Hoch über mir im Baum bemerke ich eine Bewegung. Dann sehe ich ein schwaches Leuchten.
„Seht ihr das auch?“, flüstere ich aufgeregt.
Barbara und Carla heben die Köpfe.
„Dort ist ein Licht. Vielleicht von einer Kerze“, meint Barbara und steht auf um besser schauen zu können. Der Mond kommt hinter einer Wolke hervor und taucht die Szene in gespenstisches Licht. Über uns, beinahe in der Baumkrone, sitzen zwei Personen. Die eine hält eine Kerze in der Hand. Mir wird flau im Magen und ich möchte auf einmal nur noch nach Hause in die Sicherheit meiner vier Wände flüchten. Pino ist aufgewacht und bemerkt die allgemeine Unruhe. Er beginnt leise zu knurren. Ich stehe auf und packe hastig meine Sachen, während Carla und Barbara weiterhin gebannt nach oben starren.
„Faszinierend“, bemerkt Carla und ich meine ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu erkennen.
„Ich gehe jetzt. Kann ich Sie morgen anrufen?“, sage ich lauter als gewollt und merke, dass sich meine Stimme beinahe überschlägt.
„Ja, machen Sie das. Dann vereinbaren wir einen Termin.“ Ihre Stimme klingt weich und warm und ich bin ihr sehr dankbar, denn sie gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein.
„Soll ich dich nach Hause begleiten?“, fragt Barbara und sieht mich besorgt an.
„Nein, danke! Ich habe ja Pino.“ Und wie zur Bestätigung springt er fröhlich an mir hoch.
Müde sitze ich frühmorgens bei einer Tasse Kaffee und versuche aufzuwachen. Die Nacht war sehr unruhig. Immer wieder bin ich hochgeschreckt und zur Wohnungstür gelaufen. Ein neuer Umschlag ist in dieser Nacht nicht aufgetaucht. In den kurzen Schlafphasen habe ich von dem Mädchen und ihrem neuen Begleiter geträumt.
Pino legt seine Schnauze auf meinen Oberschenkel und schaut mich an. Ich streichle ihn und er kuschelt sich hingebungsvoll in meine Hand. Getröstet von seiner Nähe stehe ich auf und räume das Geschirr in die Spüle.
Der Tag verläuft seltsam ruhig. Alles geht seinen Gang, als wäre in den letzten Tagen nichts passiert. Ich habe mich telefonisch für den Abend mit Carla Schmidt verabredet. Sie wohnt im nächsten Dorf und ich beschließe, die Strecke für Pinos Abendspaziergang zu nutzen. Es war ein kühler Sommertag und ein frischer Wind weht mir ins Gesicht. Ich genieße den Weg, das Gehen im Wind, die Erde unter meinen Füßen. Pino springt wild vor mir herum. Es scheint, als wolle er mich aufmuntern, rennt im Kreis, versucht mich bellend zum Spielen zu animieren. Als ich darauf nicht reagiere, hebt er kleine Stöckchen auf und wirft sie in die Luft. Ich muss lachen und renne mit ihm ein Stück durch die kniehohen Wiesen. Er sieht mich an und scheint ebenfalls zu lachen.
