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Ein Geheimnis aus dunklen Zeiten Berlin zur Zeit des Mauerfalls: Erika zur Linde erfährt, dass ihr Vater Ulrich sich überraschend an seinem Schreibtisch erschossen hat. Als sie in seinem Nachlass stöbert, fällt ihr das Tagebuch ihrer Mutter Sophie in die Hände. Gebannt fängt sie an zu lesen und stößt dabei auf einen gewissen Felix Auerbach: einen blonden, attraktiven Juden und Schulfreund ihres Vaters. Während Ulrich als Offizier in den Krieg musste, hielt Sophie Auerbach bei sich versteckt, dabei geriet die Welt der regimetreuen Neunzehnjährigen ins Wanken – in mehr als einer Beziehung. Was Erika bei ihren Nachforschungen erfährt, bringt alles in Gefahr: ihr Erbe, den Ruf ihres Vaters und nicht zuletzt ihre eigene Identität.
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Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2018
Nicolas Remin
Roman
Ein Geheimnis aus dunklen Zeiten
Berlin zur Zeit des Mauerfalls: Erika zur Linde erfährt, dass ihr Vater Ulrich sich überraschend an seinem Schreibtisch erschossen hat. Als sie in seinem Nachlass stöbert, fällt ihr das Tagebuch ihrer Mutter Sophie in die Hände. Gebannt fängt sie an zu lesen und stößt dabei auf einen gewissen Felix Auerbach: einen blonden, attraktiven Juden und Schulfreund ihres Vaters. Während Ulrich als Offizier in den Krieg musste, hielt Sophie Auerbach bei sich versteckt, dabei geriet die Welt der regimetreuen Neunzehnjährigen ins Wanken – in mehr als einer Beziehung.
Was Erika bei ihren Nachforschungen erfährt, bringt alles in Gefahr: ihr Erbe, den Ruf ihres Vaters und nicht zuletzt ihre eigene Identität.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2018
Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Redaktion Silke Jellinghaus
Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
Umschlagabbildung Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie/Archiv Landshoff/bpk
ISBN 978-3-644-30024-8
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Es gab keine bessere Stelle im Garten, um den Toten verschwinden zu lassen. Die britische Fliegerbombe, die vor sechs Wochen das Haus verfehlt hatte, war nicht explodiert, aber sie hatte sich tief in den Gartenboden gebohrt, und nachdem sie abtransportiert war, blieben ein paar Kubikmeter lockerer Gartenerde zurück. Er hätte nicht länger als eine Stunde für die Grube gebraucht, aber kurz nach Mitternacht hatte es angefangen zu regnen, und jetzt wurde es immer schwerer, die durchweichte Erde auf dem Spaten mit einem Schwung an den Rand der Grube zu befördern. Er war von oben bis unten mit Schlamm bedeckt und würde mindestens drei Eimer von dem kostbaren Wasser verbrauchen müssen, um sich nachher bei Kerzenlicht in der Küche zu reinigen.
Die laute Musik und das Gejohle, das den ganzen Abend von der Grundschule am Ende der Straße zu ihm herübergeschallt war, hatte mit dem Einsetzen des Regens plötzlich aufgehört. Seitdem sich dort vor vier Tagen eine russische Pioniereinheit einquartiert hatte, standen zwei Gulaschkanonen, ein Pferdewagen und ein halbes Dutzend schwarz-weiß gefleckter Kühe auf dem Schulhof. Jetzt war die Grundschule auch der Ausgangspunkt von Beutezügen. Russische Soldaten kamen zu jeder Tageszeit, meist in kleinen Gruppen, selten allein, und waren auf der Suche nach Alkohol, Frauen, Schmuck, Uhren, Radios, Nähmaschinen und Grammophonen. Da er anderthalb Jahre an der Ostfront verbracht hatte, war er unfähig, sie für das zu hassen, was sie taten. Ihm hatten sie siebenmal einen Besuch abgestattet, dreimal tagsüber und viermal in der Nacht. Beim letzten Besuch hatten sie die Waschbecken zerschlagen und sämtliche Armaturen in der Küche und in den Badezimmern abgeschraubt. Doch bis jetzt war er glimpflich davongekommen. Eine Garbe mit dem Maschinengewehr hätte gereicht, um den Bechstein zu zerstören, aber sie hatten den Flügel jedes Mal unberührt gelassen. Auch die Porträts an den Wänden, perfekte Zielscheiben, hatten sie nicht interessiert. Die Uniform hatte er rechtzeitig im Heizungskeller verbrannt, seine Walther PPK so versteckt, dass sie notfalls schnell zur Hand war. Umlaufenden Gerüchten zufolge würden die Russen die südwestlichen Bezirke Berlins Anfang Juli den Amerikanern überlassen. Aber bis dahin waren es noch acht Wochen, in denen alles Mögliche passieren konnte.
Im März 1943 hatte er an einem wunderbaren Vorfrühlingstag an einem Fenster am Quai d’Orléans gestanden und die Entschärfung einer britischen Zweitausend-Pfund-Fliegerbombe beobachtet, die vom Steuerschwanz bis zum Sprengkopf zwei Meter lang war und deren Spitze drei Meter unter dem Pflaster steckte. Pioniere hatten um die Bombe eine Grube ausgehoben und die Wände mit Holzbrettern verschalt. Eigentlich hätte er wie alle anderen Anlieger das Haus verlassen müssen, aber er hatte den zuständigen Leutnant mit der Autorität seiner Majorsuniform und des Ritterkreuzes verscheucht. Er sah nur den Rand der Grube, wusste aber, dass der Spezialist dort unten zuerst mit Malerkitt einen Napf um den Zünder formen würde, um dann flüssigen Sauerstoff hineinzugießen und zu warten, bis die Batterietemperatur des Zünders so weit gesunken war, dass er den Zündkopf mit einer Zange abschrauben konnte. Die Entschärfung war reibungslos verlaufen. Am nächsten Tag hatte er bei Jeanne Lanvin ein dunkelblaues Kostüm gekauft und es nach Lichterfelde geschickt.
Im März 1945, als die Rote Armee Küstrin erreicht hatte und der Sturm auf Berlin nur noch eine Frage der Zeit war, machte man es sich einfacher. Man nahm Kriegsgefangene, die für ein paar zusätzliche Rationen die Blindgänger freilegten, ausgruben und auf Lastwagen verluden. Niemand überlebte diese Arbeit länger als zwei Wochen. Im März waren es sechs russische Kriegsgefangene gewesen, die einen schmalen Graben um die Bombe in seinem Garten geschaufelt und sie dann über ein paar Holzplanken auf einen Leiterwagen geschoben hatten, der neben der Grube stand. Eine SS-Einheit hatte die angrenzenden Häuser räumen lassen, aber auch diesmal hatte er sich geweigert, das Haus zu verlassen und sich mit einem Feldstecher an ein Fenster im ersten Stock gestellt. Wäre die Bombe hochgegangen, hätte er eine halbe Sekunde Zeit gehabt, sich zu ducken. Die Mauern hätten standgehalten, doch vermutlich hätte der Luftdruck einen Teil des Daches abgedeckt. Aber die Fliegerbombe war nicht explodiert, und er hatte den Rest des Tages damit verbracht, die ausgehobene Erde in die Grube zurückzuschaufeln.
Nun stand er an derselben Stelle und hatte eine Grube von einem guten halben Meter ausgehoben. Auf dem Grund hatte sich eine tiefe Pfütze gebildet, doch er wollte vorsichtshalber noch ein wenig weitergraben. Es war unwahrscheinlich, dass zu dieser Uhrzeit noch ein Russe auftauchen würde, aber man konnte nie wissen. Überhaupt wusste man im Augenblick vieles nicht. Gab es im Stadtzentrum noch Widerstandsnester? War es ein bloßes Gerücht, dass Einheiten der Wehrmacht im Osten noch gegen die Rote Armee kämpften? Kein Gerücht war jedenfalls die Nachricht vom Tod des Führers, die er heute Vormittag im Reichsfunk gehört hatte: An der Spitze der heldenmütigen Verteidiger der Reichshauptstadt ist der Führer gefallen. Von dem Willen beseelt, sein Volk und Europa vor der Vernichtung durch den Bolschewismus zu retten, hat er sein Leben geopfert.
Das mit der Spitze der heldenmütigen Verteidiger war natürlich Quatsch. Er tippte auf Zyankali und auf einen Tod im Führerbunker, zwanzig Meter unter der Reichskanzlei. Glasampullen mit Zyankali waren in den letzten Apriltagen in höheren Kreisen so freigiebig verteilt worden wie Hustenbonbons. Auch kein Gerücht war, dass die russischen Feldjäger mit Leuten, die sich während der nächtlichen Ausgangssperre außerhalb ihrer Häuser oder Wohnungen aufhielten, kurzen Prozess machten. Wenn die Russen ihn nach Mitternacht dabei erwischten, wie er eine Leiche vergrub, würde es ein sehr kurzer Prozess werden.
Jetzt reichte ihm das Wasser in der Pfütze bis zu den Knöcheln, und er beschloss, dass die Grube tief genug war. Der schwierigste Teil des Unternehmens stand ihm ohnehin noch bevor. Er musste den Toten aus dem Keller holen und ihn über eine ehemals gepflegte Rasenfläche schleppen, die jetzt von unzähligen Granateinschlägen durchfurcht war. Ihm war inzwischen jedes Zeitgefühl abhandengekommen, schätzungsweise war der Mann seit ungefähr drei Stunden tot. Nachdem er begriffen hatte, was geschehen war, hatte er zuerst ein Taschentuch über die immer noch geöffneten Augen des Toten gelegt, die Augenlider mit seinen Händen nach unten zu streifen, hatte er nicht fertiggebracht. Dann war er mit weichen Knien in den ersten Stock gelaufen, hatte den Täbris aus seinem Schlafzimmer in den Keller hinabgetragen und den Toten darin eingewickelt. Den Teppich hatte er anschließend mit einer Wäscheleine verschnürt, zwei leere Kartoffelsäcke darübergeworfen und ihn auf dem Boden des Luftschutzkellers zurückgelassen.
Als er den Toten auf seine Schultern heben wollte, stellte er fest, dass er es nicht schaffte. Er würde gezwungen sein, ihn Stufe für Stufe nach oben ins Vestibül des Hauses zu ziehen und ihn dann durch den Garten zu schleifen. Im Freien kam plötzlich ein starker Wind auf, der die Regentropfen auf sein Gesicht peitschte. Rückwärts und laut keuchend zog er den Toten Schritt für Schritt über das Gras. Einmal stolperte er, fiel rücklings der Länge nach hin und schlug mit dem Kopf auf den zerfurchten Gartenboden. Quälende Minuten später hatte er den Toten an den Rand der Grube geschleift. Mit den Handflächen rieb er sich über das Gesicht und stellte überrascht Blut darauf fest, offenbar war er bei seinem Sturz auf einen Granatsplitter gefallen und hatte sich eine Platzwunde zugezogen. Schließlich ließ er den Toten langsam in die Pfütze auf dem Grund der Grube gleiten.
Dass jemand hinter ihn getreten war, merkte er erst, als ein Lichtschein über die aufgehäufte Erde am Rand der Grube huschte. Er fuhr herum, und der Lichtkegel traf direkt auf sein Gesicht. Den Mann, der die Lampe hielt, konnte er nicht erkennen, was er sagte, wurde vom Heulen des Windes verschluckt. Dann ging alles rasend schnell – sein Versuch, dem Lichtkegel der Taschenlampe durch eine schnelle Drehung des Oberkörpers zu entkommen, sein Abrutschen am Rand der Grube, der Sturz und das dumpfe Geräusch, mit dem er auf dem Toten landete.
Der Anruf erreicht mich in der Stunde nach der großen Pause. Ich erkläre einer gelangweilten Klasse gerade das conditionnel passé, als die Schulsekretärin anklopft und mich ins Sekretariat bittet. Eine Frau Kehl sei am Telefon und müsse mich unbedingt sprechen. Roswitha Kehl ist seit dreißig Jahren die Haushälterin meines Vaters. Wenn sie mich aus dem Unterricht ans Telefon holen lässt, ist etwas vorgefallen.
Unsere Schule ist ein riesiger Kasten aus gelblichem Backstein mit langen melancholischen Fluren, einem asphaltierten Pausenhof und einer in den sechziger Jahren angebauten Turnhalle. Ich bin Französischlehrerin. Unter den Kollegen gelte ich als «überqualifiziert». Dieses Adjektiv hat mir mein geschiedener Mann Detlev angehängt, den ich einmal im Streit «geistig unterqualifiziert» genannt habe. Detlev ist Sportlehrer an unserer Schule. Wir gehen uns aus dem Weg, und vermutlich ist ihm unsere Ehe im Rückblick genauso peinlich wie mir. Mit meinen dicken Brillengläsern sehe ich nicht besonders sportlich aus, aber ich bin leider stark kurzsichtig und vertrage keine Kontaktlinsen. Anders als die meisten Kolleginnen und Kollegen lege ich keinen Wert darauf, jung und dynamisch auszusehen. In der Schule kleide ich mich bewusst praktisch – feste Schuhe, Blusen und Blazer aus waschbaren Stoffen. Im Kollegium und in den Klassen bin ich «die Linde». Mein Unterricht gilt als effektiv, denn bei mir herrscht Disziplin in den Klassen. Dass es über meine Beliebtheit an der Schule unterschiedliche Ansichten gibt, weiß ich. Aber wenigstens können meine Klassen nach zwei Jahren leidlich Französisch.
Als ich das Sekretariat betrete, ist es auf der Wanduhr über der Tür kurz vor elf. Ich greife nach dem Hörer, der auf dem Tisch liegt, und räuspere mich.
«Erika?»
«Am Apparat», sage ich.
«Ihrem Vater scheint es nicht gutzugehen.»
Ich kenne die normale Telefonstimme der Kehl. Jetzt klingt sie hoch und gepresst.
Die Kehl hat nach dem Tod meiner Mutter den Haushalt meines Vaters übernommen. Seither kommt sie jeden Wochentag um neun und geht um vier. Sie bereitet meinem Vater das Frühstück, kocht das Mittagessen, putzt das Haus und kümmert sich um seine Wäsche.
«Was ist los mit ihm?»
«Das kann ich Ihnen jetzt nicht erklären», sagt sie. «Könnten Sie sofort kommen?»
Besonders häufig sehe ich meinen Vater nicht. Wenn er nicht darauf bestehen würde, sich hin und wieder zu treffen, würden wir uns kaum sehen. Jetzt besuche ich ihn jeden vierten Sonntag. Dann kocht die Kehl für uns, und wir sitzen an dem großen Esstisch, benutzen das Meißen und die Servietten mit dem eingestickten Familienwappen und führen stockende Unterhaltungen über das Essen oder den Garten. Über Persönliches reden wir nie. Manchmal versinken wir auch in minutenlangem Schweigen. Mein Vater war nie sehr gesprächig. Auch mit meiner Mutter hat er nie viel geredet.
Als er mich nach ihrem Tod im Sommer 1959 auf ein Internat schickte, habe ich ihn regelrecht gehasst. Heute verstehe ich ihn. Er schrieb damals an seinem Kriegsroman und brauchte absolute Ruhe im Haus. Der Roman, der 1961 erschienen ist, hat meinen Vater über Nacht berühmt gemacht, und ein paar Jahre lang war er eine öffentliche Person. Er reiste zu Lesungen, gab Radiointerviews und trat im – damals noch schwarzweißen – Fernsehen auf. Warum er sich im Sommer 1965 von einem Tag zum anderen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, weiß ich nicht. Ich war in diesem Jahr zum Studium in Frankreich und hatte ganz andere Sachen im Kopf. Als ich wieder in Berlin lebte, haben wir uns zwei Jahre lang überhaupt nicht gesehen. Aber dann rief er mich irgendwann an und machte den Vorschlag, sich zum Essen zu treffen. Manchmal denke ich, dass mein Vater wegen des Internats ein schlechtes Gewissen hatte.
Jetzt ist er achtundsiebzig – ein höflicher älterer Herr, der zehn Jahre jünger aussieht, als er tatsächlich ist. Anders als in perfekt gebügelten Hemden und mit dezent gemusterten Krawatten habe ich ihn nie gesehen. Früher hätte man ihn eine «tadellose Erscheinung» genannt, und vermutlich hat die Kehl eine Zeitlang gehofft, die Nachfolge meiner Mutter anzutreten. Aber mein Vater hat in ihr wohl nie etwas anderes gesehen als die Haushälterin. Warum sich mein Vater damals für sie entschieden hat, als er eine Haushälterin suchte, kann ich nicht sagen. Die Kehl hat eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Mutter, dasselbe längliche Oval des Gesichts, eine hohe Stirn und blaue Augen. Allerdings war meine Mutter eine bildschöne Frau, und das war die Kehl nie.
Auf der kurzen Fahrt zum Haus meines Vaters frage ich mich, was passiert sein könnte. Ein Herzinfarkt? Ein Unfall? Aber dann hätte die Kehl die Feuerwehr geholt und nicht in der Schule angerufen, um mich aus dem Klassenzimmer holen zu lassen. Als sie mir die Tür öffnet, ist sie außer Atem, so als hätte ich sie bei einer anstrengenden Tätigkeit unterbrochen.
«Was ist passiert?»
«Ihr Vater ist …» Den Rest des Satzes kann ich nicht verstehen.
«Was ist mit ihm? Hat er Ihnen gesagt, dass Sie mich anrufen sollen? Wo ist er jetzt?»
Die Kehl deutet über ihre Schulter. «In seinem Arbeitszimmer.»
Das Arbeitszimmer ohne Aufforderung zu betreten, ist streng verboten. Anklopfen, auf das «Herein» warten, dann eintreten und das Anliegen zügig vortragen – diese Prozedur ist immer einzuhalten. Jetzt steht die Tür des Arbeitszimmers eine Handbreit auf, vom Flur aus kann ich einen Teil des bis an die Decke reichenden Bücherregals erkennen. Vor der Schwelle bleibe ich stehen, klopfe vorsichtig und warte, während sich ein mulmiges Gefühl in meiner Magengrube ausbreitet. Erst als ich nach dem zweiten Klopfen kein «Herein» gehört habe, trete ich ein.
Mein Vater hat immer bei geschlossenen Vorhängen und künstlichem Licht gearbeitet. Auch jetzt sind die Vorhänge zugezogen, nur die Schreibtischlampe mit dem grünen Glasschirm verbreitet ein geheimnisvolles Licht, das mich als Kind immer fasziniert hat. Ich sehe den Rücken meines Vaters, der immer noch nicht reagiert hat. Er sitzt nicht aufrecht, sondern sein Oberkörper ruht auf der Tischplatte, so als hätte ihn bei der Arbeit der Schlaf oder eine Ohnmacht übermannt. Erst als ich auf die andere Seite des Schreibtischs trete, sehe ich die Pistole, die seine Hand immer noch umklammert hält.
Blut ist an seiner Wange herabgelaufen und hat einen Fleck von der Form Afrikas gebildet. Als ich das Einschussloch über dem rechten Ohr entdecke, frage ich mich, ob dies alles nicht ein Albtraum ist. Ich taumele einen Schritt zurück, presse die Hand auf meine Rippen, spüre den rasenden Herzschlag darunter. Plötzlich ist mir schlecht. Ich drehe mich um, schiebe die Kehl zur Seite, die an der Tür stehen geblieben ist, und renne in die Küche. Dort beuge ich mich über die Spüle, und ein Teil meines Mageninhaltes ergießt sich in das Spülbecken, der andere läuft über mein Kinn auf die Bluse herab. Irgendwann nehme ich benommen das Küchenhandtuch, das neben der Spüle hängt, und wische mir das Gesicht und die Bluse ab. Mein Atem und mein Herzschlag beruhigen sich allmählich. Ich richte mich auf, kann aber noch immer nicht ganz begreifen, was passiert ist.
Was hat meinen Vater dazu gebracht, sich umzubringen? Er hatte weder gesundheitliche noch finanzielle Probleme, und die Vorstellung, dass er ein obskures Doppelleben geführt haben könnte, von dem niemand wusste, ist albern. Oder war es ein Unfall? Mein Vater hat seine Offizierspistole in der untersten Schublade des Schreibtischs aufbewahrt. Hat er in einer schlaflosen Nacht beschlossen, sie zu reinigen und beim Ausprobieren der Mechanik, beim Betätigen des Abzugs vergessen, dass die Waffe geladen war? Hat er dabei den Lauf der Waffe zufällig auf seine Schläfe gerichtet? War es vielleicht gar kein Selbstmord, sondern nur ein Unfall? Diese Möglichkeit beruhigt mich ein wenig.
Vom Vestibül aus rufe ich die Polizei an. Das Telefon steht dort auf einem abgewetzten Konsoltisch. Mein Vater hat es immer abgelehnt, es in sein Arbeitszimmer verlegen zu lassen oder selber ans Telefon zu gehen. Der Polizei nenne ich meinen Namen und die Adresse des Lichterfelder Hauses. Ich sage, dass es einen tödlichen Unfall beim Reinigen einer Waffe gegeben hat.
Als ich in die Küche komme, sitzt die Kehl am Küchentisch und raucht. Vor ihr steht ein Glas mit einer hellbraunen Flüssigkeit. Sie macht eine einladende Geste, aber ich schüttele den Kopf.
«Ich hab die Polizei angerufen und einen tödlichen Unfall gemeldet», sage ich. Das Wort Unfall spreche ich mit erhobener Stimme aus, so als würde ich in der Klasse die Aussprache einer neuen Vokabel demonstrieren. «Wann haben Sie meinen Vater gefunden?»
«Gegen halb elf. Ich kam um halb zehn und dachte, er würde noch schlafen.»
Mein Vater ist immer spätestens um sieben Uhr aufgestanden. «Warum sollte er noch schlafen?»
«Er lag seit vier Tagen im Bett. Er hat nichts gegessen und nur Kamillentee getrunken. Ich wollte Sie schon anrufen, aber Ihr Vater war dagegen. Als ich heute in die Küche kam, sah ich, dass er die Kaffeemaschine benutzt hatte. Dann habe ich ihm Frühstück gemacht und kurz vor zehn an seine Tür geklopft, aber er hat nicht reagiert. Zehn Minuten später habe ich noch einmal geklopft. Als er sich immer noch nicht gerührt hat, habe ich die Tür aufgemacht. Das Bett war leer, also bin ich zum Arbeitszimmer gegangen. Zuerst dachte ich, er wäre an seinem Schreibtisch eingeschlafen. Bis ich die Pistole sah und die Wunde an der Schläfe. Ich hätte sofort die Polizei holen können, aber ich wollte zuerst Sie anrufen, damit Sie …»
Als sie den Fleck auf meiner Bluse sieht, bricht sie ab. Vielleicht wollte sie sagen: Damit Sie sich in aller Stille von Ihrem Vater verabschieden können, fand den Satz dann aber unpassend. Stattdessen sagt sie: «Ich dachte, Sie würden Ihren Vater noch einmal ohne Polizisten und den ganzen Trubel sehen wollen.»
Ohne den ganzen Trubel – da könnte sie recht haben. Bei einem tödlichen Unfall mit einer Waffe rückt die Polizei wahrscheinlich mit einer ganzen Mannschaft an.
Inzwischen habe ich mich wieder unter Kontrolle. «Ist in den letzten Tagen etwas Ungewöhnliches geschehen? Hatte mein Vater Besuch, oder gab es einen Anruf?»
Die Kehl denkt einen Moment nach. «Vor vier Tagen kam ein Brief aus Amerika. Irgendetwas an dem Brief scheint Ihren Vater irritiert zu haben. Er ist sofort ins Schlafzimmer gegangen, nachdem er ihn gelesen hatte. Und danach blieb er vier Tage im Bett.»
«Hat er nichts darüber gesagt?»
Die Frage trägt mir einen resignierten Blick ein. Mein Vater hätte mit der Kehl nie über private Angelegenheiten geredet.
«Existiert der Brief noch?»
Die Kehl zeigt zur Decke. «Ihr Vater hat ihn mit nach oben genommen.»
Ein geheimnisvoller Brief also, der jetzt wie in schlechten Romanen verschwunden ist, der vielleicht nie wieder auftaucht, weil mein Vater ihn vernichtet hat. Allerdings könnte das Eintreffen dieses Briefes auch rein zufällig mit einer Magenverstimmung meines Vaters zusammengefallen sein.
Vom Fenster aus sehe ich die Polizeiwagen kommen, ohne Sirene, aber mit rotierendem Blaulicht auf dem Dach. Aus dem ersten Wagen steigen ein Beamter in Zivil und ein uniformierter Polizist. Dann hält ein zweiter Wagen mit zwei weiteren Beamten. Einer von ihnen trägt einen Overall, der andere schleppt einen großen Koffer. Vielleicht ist einer ein Sanitäter und der andere von der Spurensicherung. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, ins Arbeitszimmer zu gehen, um nach einem Abschiedsbrief zu suchen, den ich vielleicht übersehen habe. Aber wenn der Tod meines Vaters ein Unfall war, kann es einen solchen Brief nicht geben. Als die Beamten sich der Gartenpforte nähern, gehe ich zur Haustür und öffne, bevor es klingelt.
Da die meisten Gewaltverbrechen innerhalb der Familie stattfinden, gibt mir der Kommissar (der Mann in Zivil aus dem ersten Wagen) nur kühl die Hand, ohne zu kondolieren. Vielleicht irritieren ihn auch meine dicken Brillengläser, die meine Augen verkleinern. Mein Exmann hatte immer behauptet, dass mich das hinterhältig aussehen lässt.
In der Küche nimmt der Kommissar meine Personalien und die der Kehl auf. Dann fragt er mich, wo er mit der Kehl in Ruhe reden kann, und ich schlage das Esszimmer vor. Was die Kehl dem Kommissar sagen wird, kann ich nicht wissen. Aber sie wird ihm wohl dasselbe berichten, was ich vorhin von ihr gehört habe. Ob sie dabei den Brief aus Amerika erwähnt oder nicht, dürfte keine Rolle spielen.
Eine Stunde später schickt mich der uniformierte Polizist zu seinem Chef ins Esszimmer. Der Kommissar sitzt an unserem großen Esstisch, auf dem Stuhl, auf dem mein Vater immer gesessen hat. Ich setze mich auf den Platz, auf dem ich alle sechs Wochen gesessen habe, um mit meinem Vater über Belanglosigkeiten zu reden. Diese gemeinsamen Essen waren für mich immer eine lästige Pflicht, aber jetzt vermisse ich sie bereits. Ich muss mich zusammennehmen, um nicht in Tränen auszubrechen. Das gute Französisch meines Vaters fällt mir ein, seine altmodische Höflichkeit und dass wir beide Alphonse Daudet mochten.
Der Kommissar auf dem Stuhl meines toten Vaters trägt einen zerknitterten Anzug, ein Polohemd und ungeputzte Adidas-Sportschuhe. Ich schätze ihn auf Mitte fünfzig. Er riecht nach Schweiß und Rasierwasser. Vor ihm liegt ein Clipboard, in der Hand hält er einen Kugelschreiber. Er sieht mich an, und ich starre wütend zurück. Auf einmal hasse ich ihn dafür, wie er sich dort auf dem Stuhl meines Vaters breitmacht, einem Stuhl, der ihm nicht gehört, der jetzt mir gehört wie das ganze Haus – falls mein Vater nicht einen Teil seines Vermögens der Kehl vermacht hat. Das kann ich mir nicht vorstellen, aber auszuschließen ist es nicht.
«Ich glaube», sagt er, nachdem er (vielleicht nur, um meinem Blick auszuweichen) seine Notizen konsultiert hat, «dass wir ein Fremdverschulden ausschließen können. Es gibt keinen Hinweis auf einen Einbruch, und ein Kampf scheint auch nicht stattgefunden zu haben.»
Er benutzt das Wort Fremdverschulden, das ich nur aus dem Fernsehen kenne und das ich nicht ins Französische übersetzen könnte, vermutlich braucht die französische Sprache zwei oder drei Wörter für das deutsche Wort Fremdverschulden. Ich gehe davon aus, dass seine Mannschaft inzwischen Fenster und Türen nach Einbruchsspuren überprüft und nichts gefunden hat. Wahrscheinlich spielt es für die Polizei auch keine Rolle, ob der Tod meines Vaters ein Selbstmord oder ein Unfall war, solange es keinen Hinweis auf ein Fremdverschulden gibt.
Der Kommissar blickt wieder auf sein Clipboard. Offenbar benutzt er eine Art Formular.
«Ist irgendetwas im Zimmer von Ihnen berührt worden?»
«Ich war höchstens drei Minuten im Raum und habe nichts angefasst», sage ich. «Es war offensichtlich, dass mein Vater tot war.»
«Warum hat Frau Kehl Sie aus der Schule geholt und nicht sofort die Polizei angerufen?»
«Sie wollte mir die Möglichkeit geben, mich in Ruhe von meinem Vater zu verabschieden.»
«Was hat sie Ihnen am Telefon gesagt?»
«Dass etwas mit meinem Vater wäre und ich sofort kommen müsste.»
«Hatte Ihr Vater gesundheitliche Probleme?»
«Wenn, dann wusste ich jedenfalls nichts davon.»
«Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?» Seine Fragen kommen schnell und routiniert.
«Vor vier Wochen», sage ich. «Wir haben zusammen an diesem Tisch gegessen. Es ging ihm gut.»
«Hat er Psychopharmaka genommen? Drogen?»
Ich schüttele den Kopf, und er macht wieder ein Kreuz auf seinem Formular.
«Hatte Ihr Vater eine psychiatrische Vorgeschichte?»
Wieder schüttele ich den Kopf.
«Hatte Ihr Vater Grund, sich Sorgen zu machen? Litt er unter Depressionen?»
«Mein Vater war kein Mensch, der über seine Sorgen gesprochen hätte», sage ich. Dann frage ich etwas Unsinniges. «Was war die Todesursache?»
Vermutlich kommt es öfter vor, dass Angehörige in solchen Situationen wirres Zeug reden. Der Kommissar sieht mich mitleidig an. «Ein Schuss in die Schläfe. Der Tod ist zwischen acht und neun Uhr morgens eingetreten.»
Er streift sich dünne Handschuhe über, wie sie an der Wursttheke benutzt werden, dann zieht er eine Pistole aus der Plastiktüte, die neben dem Clipboard auf dem Tisch liegt. Die Pistole hat einen kurzen Lauf und ist aus dunklem und hellem Metall zusammengesetzt. Er wiegt die Waffe vorsichtig in der Hand, als wäre sie geladen und entsichert.
«Eine Walther PPK aus dem Krieg», sagt er. «Solche Pistolen haben nur Offiziere gehabt. Als die Russen nach Berlin kamen, wird Ihr Vater die Waffe versteckt haben. Er muss einen Grund gehabt haben, sie wieder aus dem Versteck zu holen.»
Der Kommissar sieht mich an. Was in seinem Kopf vorgeht, weiß ich nicht. Was in meinem Kopf vorgeht, weiß ich auch nicht. Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass ich dies alles nicht träume. Während eine Mischung aus Schweiß und Rasierwasser über den Tisch weht, überlege ich, ob Unfälle bei der Polizei beliebter sein könnten als Selbstmorde, einfach deshalb, weil sie weniger Papierkram nach sich ziehen. Aber vermutlich ist es dem Kommissar auch egal, wo er sein Kreuz macht, solange kein Fremdverschulden vorliegt.
«Mein Vater könnte die Pistole gereinigt haben, und dabei ist etwas schiefgegangen», sage ich.
Der Kommissar überlegt einen Moment, während sein Kugelschreiber auf dem Clipboard hin und her wandert. Dann spricht er, ohne mich dabei anzusehen.
«Ihr Vater könnte auch vergessen haben, dass die Waffe geladen und entsichert war, als er den Abzug ausprobiert hat», sagt er schließlich. Und dann: «Es wäre nicht das erste Mal, dass sich beim Reinigen einer Waffe versehentlich ein Schuss löst.»
Am Tag der Beerdigung ist es nach ein paar kühlen Regentagen spätsommerlich warm. Gestern haben Honecker und Gorbatschow an der Karl-Marx-Allee eine Militärparade zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR abgenommen. Als sich ein paar tausend Personen protestierend auf den Weg zum Palast der Republik gemacht haben, wurden sie an der Spreebrücke von einer Polizeikette abgefangen. All dies geschah, während ich mir auf der anderen Seite der Mauer einen dunkelblauen Mantel kaufte. Ich besitze nur Parkas, und so will ich nicht zur Beerdigung gehen. Mein Vater hat meinen legeren Stil immer missbilligt.
Um halb elf bin ich mit der Kehl am Eingang des Friedhofs verabredet. Es dauert einen Moment, bis ich sie erkenne, denn anders als in ihrer geblümten Kittelschürze habe ich die Kehl noch nie gesehen. Sie trägt einen dunkelgrauen Mantel mit kleinem Pelzkragen und ist sorgfältig geschminkt. Wieder frage ich mich, ob sie – das ist ja mein Albtraum – womöglich im Testament meines Vaters berücksichtigt worden ist.
Der Notar ist Anfang nächster Woche wieder in Berlin, erst dann werde ich es erfahren. Mit seiner Sekretärin habe ich für nächsten Dienstag einen Termin vereinbart. Ich selber fühle mich in meinem ungewohnten Aufzug unbehaglich. Der Stoff meines gestern gekauften Mantels ist so steif, dass er nicht weich von den Schultern herabfällt, sondern brettartig absteht. Auch die Entscheidung, ein Kleid zu tragen, erweist sich als unglücklich, denn meine schwarzen Strümpfe betonen meine großen Füße.
Ein ansteigender, von niedrigen Hecken eingefasster Weg führt vom Eingang des Friedhofs zur Kapelle hinauf. Da mein Vater weder Bekannte noch Freunde hatte, bin ich davon überzeugt, dass die Kehl und ich die einzigen Trauergäste sein werden. Doch vor dem Eingang steht ein Dutzend älterer Herren mit ihren Gattinnen, und als ich mich umblicke, sehe ich, dass weitere Trauergäste im Anmarsch sind. Den Pfarrer erkenne ich schon von weitem, er trägt die Dienstkleidung protestantischer Pastoren, einen schwarzen Anzug und einen schwarzen Pullover mit rundem Ausschnitt, aus dem weiße Kragenecken ragen. Wir stehen noch zehn Minuten in der Sonne neben der Kapellentür, und während gelbe Blätter auf uns herabwehen, berichte ich den Umstehenden vom Herzinfarkt meines Vaters. Das ist die Version, auf die ich mich mit der Kehl geeinigt habe, die offizielle Version. Ein technischer Unfall würde zu Nachfragen führen, ein emotionaler Unfall zu noch mehr Nachfragen.
Als wir um elf unsere Plätze in der ersten Reihe der Kapelle einnehmen, sind alle Bänke besetzt. Der Sarg meines Vaters ist aus dunklem, fast schwarzem Eichenholz und üppig mit weißen und roten Nelken bedeckt. Das gibt der Dekoration einen nationalen Einschlag. Der Pfarrer spricht von der Herkunft meines Vaters aus einem «alten Soldatengeschlecht», von seiner Potsdamer Kadettenzeit und seinen Kriegsjahren, die er «mit reinem Schild» absolviert habe. Er erwähnt auch die Nachkriegszeit und sein «jahrelanges Ringen» um sein Werk. Ein «grausamer Schicksalsschlag» habe ihn aus der «Blüte des Lebens» gerissen und seine Tochter und seine Freunde in tiefer Trauer zurückgelassen.
Als ich nach dem Ende der Beerdigung mit der Kehl zum Ausgang des Friedhofs laufe, rollt ein Mann in einem Rollstuhl langsam auf uns zu. Auf beiden Seiten des Stuhls verlaufen ein halbes Dutzend Räder aus Gummi, vermutlich jedes mit einer unabhängigen Aufhängung, sodass er erschütterungsfrei über unebenes Gelände fahren kann. Auf der linken Seite ist ein Sauerstoffzylinder festgezurrt, ein Schlauch führt zu einer Sauerstoffmaske, die auf dem Schoß des Mannes liegt. Der Rollstuhl gibt beim Rollen ein seidiges Flüstern von sich, so als würde sich ein fliegender Teppich nähern.
Dem Rollstuhl folgt eine Frau mit slawischen Gesichtszügen, die einen teuren Pelz trägt. Ich schätze, dass sie mindestens zwanzig Jahre älter ist als ich. Ihren Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten. Ich habe den Eindruck, dass sie das Manöver ihres Mannes missbilligt. Zwei Schritte hinter ihr, in respektvollem Abstand, steht ein jüngerer Mann mit einer Art Uniformmütze auf dem Kopf, vielleicht handelt es sich um den Chauffeur.
Obwohl der Mann im Rollstuhl einen dicken Mantel trägt, sehe ich, dass er spindeldürr ist. Er hat bläuliche Lippen und eine gelbliche, von schuppigen Flecken übersäte Haut. Ein paar spärliche Haare kleben an seinem kahlen Schädel. Bevor sein Rollstuhl vor mir anhält, presst er sich die Sauerstoffmaske an den Mund. Zur Beerdigung meines Vaters zu kommen muss ihn eine beträchtliche Anstrengung gekostet haben. Aber als er spricht, ist seine Stimme nicht das heisere Krächzen eines alten Mannes, sondern ein kräftiger und sanfter Bariton.
«Das tut mir leid mit Ihrem Vater», sagt er.
Anders als bei den meisten Menschen bleibt sein Blick nicht an meiner klobigen Brille hängen, sondern er betrachtet mein Gesicht. Seine grauen Augen sind hellwach.
Einen Moment lang bin ich verwirrt. «Sie kannten meinen Vater?»
Er lächelt amüsiert. «Das ist lange her.»
«Aus dem Krieg?»
Ich weiß nicht, warum ich «Krieg» sage. Vielleicht weil mir viele der älteren Herren, die zusammen mit ihren Ehefrauen auf die Beerdigung gekommen sind, wie ehemalige Kameraden meines Vaters vorkommen.
Über diese Frage muss der Mann nachdenken. «Mehr oder weniger», sagt er vage. «Wir haben uns später aus den Augen verloren.» Aus den Augen verloren hört sich fast so an, als hätten er und mein Vater sich irgendwann einmal gut gekannt. Dann fügt er etwas hinzu, das ich nicht verstehe. «Sie haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Ihrem Vater.»
Mein Vater war dunkelhaarig, untersetzt und ein wenig korpulent. Ich hingegen bin blond und war immer schlank. Auch unsere Gesichter sahen sich nie ähnlich. Ich kam eher nach meiner Mutter, allerdings ohne ihre Schönheit geerbt zu haben.
Vielleicht ist die Hand, welche die Frau jetzt ihrem Mann auf die Schulter legt, eine Warnung, das Thema nicht zu vertiefen – was immer das für ein Thema sein mag. Doch dann ist das Gespräch bereits beendet, denn der Mann greift nach seiner Atemmaske, die Frau dreht sich um und wechselt mit dem Chauffeur einen schnellen Blick. Das flüsternde Surren des Motors ist wieder zu hören, und der perfekt gefederte Rollstuhl bewegt sich zum Ausgang des Friedhofs. Auf dem Parkplatz werden die Frau und der Chauffeur den Mann und seinen Rollstuhl vermutlich in eine luxuriöse Limousine verfrachten.
Im Auto sitzt die Kehl schweigend neben mir. Sie hat sich vor dem Rückspiegel die Lippen nachgezogen, eine Spitze mir gegenüber, denn ich benutze nie Lippenstift. Der Tod meines Vaters hat uns nicht «in Trauer vereint». Ich werde sie ebenso wenig wiedersehen wie meinen Vater. Wir wollen gleich gemeinsam einen Gang durch alle Räume des Hauses unternehmen. Danach wird die Kehl mir die Schlüssel geben, und wir werden uns voneinander verabschieden. Als wir vor dem Haus parken, teilt sie mir mit, dass sich der Brief aus Amerika angefunden hat.
Er liegt auf dem Küchentisch, ein hellblauer Umschlag, auf dem zwei rosa Briefmarken mit dem Porträt Washingtons kleben. Absender ist ein gewisser Paul Singer aus Los Angeles. Der Name sagt mir nichts. Paul Singer hat den Brief in leicht fehlerhaftem Deutsch geschrieben, eine amerikanische Schreibmaschine benutzt und die fehlenden Pünktchen über den Umlauten nachträglich hinzugefügt.
Sehr geehrter Herr zur Linde!
Ich bin der Sohn von Anna Singer, geborene Auerbach. Meine Mutter ging im März 1940 nach Shanghai. Ihr Bruder, Felix Auerbach, blieb in Berlin und wurde später deportiert. Die Geschwister schrieben sich Briefe bis in den Herbst 1942. Daher weiß ich dass Sie meinem Onkel damals geholfen haben.
In der letzten Woche bin ich einer Frau begegnet, die meinen Onkel noch im Oktober 1943 gesehen hat. Sie heißt Dr. Sarah Spielrein, und wohnt in Berlin-Dahlem.
Sie haben 1947 meiner Mutter auf die Frage nach ihrem Bruders geantwortet, dass er Februar 1943 deportiert wurde. Ich glaube mein Onkel wurde NICHT deportiert! Vielleicht hat er nachdem er ist untergetaucht den Kontakt mit Ihnen gebrochen um Sie nicht in Gefahr zu bringen.
Ich würde gerne jemand sprechen, der meinen Onkel persönlich gekannt hat. Kann ich Sie besuchen? Ich bin in November in Berlin.
Yours, Paul Singer
Ich lese den Brief zum zweiten Mal, langsam, Wort für Wort, wie einen komplizierten Text in altem Französisch. Da fragt jemand nach seinem Onkel. Von dem hatte man gedacht, er wäre im Februar 1943 aus Berlin deportiert worden, doch eine gewisse Sarah Spielrein hatte ihn noch im Oktober 1943 getroffen. Singer schreibt: den Kontakt mit Ihnen gebrochen um Sie nicht in Gefahr zu bringen. Das kann nur bedeuten, dass es einen Kontakt zwischen meinem Vater und diesem Felix Auerbach gegeben hat. Aber in welchem Verhältnis standen die beiden?
Und bei Sarah Spielrein handelt es sich offenbar um eine Jüdin, die den Krieg im Untergrund überlebt hat und jetzt in Dahlem wohnt. Ich könnte sie anrufen und sie fragen, wer dieser Felix Auerbach war und auf welche Weise mein Vater ihm geholfen hat.
Über das Leben meines Vaters in diesen Jahren weiß ich nur wenig. Es hat mich auch nie interessiert. Selbst sein Buch über den Krieg habe ich nie gelesen. Als Berufsoffizier wird er nach dem Ausbruch des Krieges im September 1939 nur noch selten in Berlin gewesen sein. Wie konnte er da einem Juden geholfen haben? Und warum wurde dieser Felix Auerbach nie erwähnt? Dass mein Vater jüdische Freunde hatte, höre ich zum ersten Mal.
«Der Brief war oben in der Schublade des Nachttischs», sagt die Kehl.
Erst jetzt fällt mir auf, dass der Brief fleckig und zerknittert ist, so als hätte ihn jemand (der nur mein Vater gewesen sein kann) immer wieder zur Hand genommen und gelesen. Aber die Vorstellung, dass mein Vater vier Tage lang im Bett gelegen und ständig diesen kurzen Brief gelesen hat, ist genauso absurd wie die Vorstellung, dass der Brief etwas mit seinem Tod zu tun haben könnte, der ein Unfall war, ein emotionaler vielleicht, aber ein Unfall.
«Werden Sie diesen Singer treffen, wenn er in Berlin ist?», will die Kehl wissen. Offenbar hat sie den Brief gelesen. Einen Rest Neugierde bringt sie also noch für uns auf.
Ich schüttele den Kopf. «Ich werde ihm schreiben, dass mein Vater, kurz nachdem er den Brief bekommen hat, verstorben ist.» Natürlich werde ich Singer treffen, wenn er nach Berlin kommt.
Die Kehl ist aufgestanden und wirft mir einen ungeduldigen Blick zu. Sie will den Rundgang durch das Haus hinter sich bringen.
Man braucht Fingerspitzengefühl, um unser Haus zu reinigen. Zu viel Druck mit dem Putzlappen, und schon löst sich das Furnier der Möbel, oder die Vergoldung der Bilderrahmen blättert ab. Eine falsche Staubsaugerdüse kann den mürben Samt der Polstermöbel ruinieren. Das ist der Kehl nie passiert, und ich bedanke mich bei ihr für all die Jahre, in denen sie hier gearbeitet hat. Ich versuche, herzlich zu klingen, aber ich rede genauso steif mit ihr wie mein Vater.
Im oberen Flur stehen die Türen eine Handbreit auf, und alles ist so wie früher: der rote Kokosläufer, die Stiche von märkischen Gutshäusern an den Wänden, die Deckenlampe mit der gelblichen Alabasterschale. Links liegen das Bügelzimmer, das Gästezimmer und das Schlafzimmer meines Vaters. Am Ende des Flurs ist das Bad, rechts mein altes Zimmer und das Zimmer meiner Mutter. Mein alter Schreibtisch ist noch da, ein ehemaliger Frisiertisch, der früher der Mutter meines Vaters gehört hat.
Auf einmal will ich nur noch von hier verschwinden. Ich habe genug von diesem Tag, von dem Begräbnis, dem Brief, dem Haus und von mir selber. Deshalb frage ich auch nicht, warum das Zimmer meiner Mutter abgeschlossen ist. Die Kehl hat gesagt, dass ich den Schlüssel im Schreibtisch meines Vaters finde. Das reicht mir für heute.
Als wir uns zum Abschied die Hand geben, überlege ich, ob ich der Kehl anbieten soll, sie nach Haus zu fahren, denn es hat inzwischen angefangen zu regnen. Aber ich frage sie nicht, wahrscheinlich hätte sie mein Angebot auch abgelehnt. Dann rauche ich noch eine Zigarette aus der Schachtel, die sie auf dem Küchentisch vergessen hat.
Als ich eine Stunde später meine Wohnungstür aufschließe, bin ich auf einmal hungrig. Ich schiebe eine Lasagne in die Mikrowelle, und beim Essen stelle ich fest, dass ich nichts von dem verstehe, was in den letzten zehn Tagen passiert ist. Der Tod meines Vaters war ein Selbstmord. Es hat keinen Sinn, sich etwas anderes einzureden. Aber warum hat er sich erschossen? Wegen alter Geschichten, die sich vor mehr als vierzig Jahren im Krieg abgespielt haben? Und warum hat der Mann im Rollstuhl behauptet, ich hätte eine erstaunliche Ähnlichkeit mit meinem Vater? Was hätte er mir noch gesagt, wenn ihn seine Frau nicht daran gehindert hätte?
Ich schiebe den Teller beiseite und frage mich, was mich morgen in der Kanzlei von Elst erwartet, wenn das Testament meines Vaters eröffnet wird. Über seine finanziellen Verhältnisse weiß ich praktisch nichts. Werde ich reich sein? Oder wird mir der Notar erst kondolieren und danach mit betretener Miene mitteilen, dass mein Vater Schulden hatte und nach dem Verkauf des Hauses gerade noch genug übrig bleibt, um die Anwaltskosten zu bezahlen? Auszuschließen ist es nicht. Mit diesen unangenehmen Gedanken gehe ich ins Bett und schlafe irgendwann ein.
Die Sekretärin, die mich in der Kanzlei von Dr. Elst empfängt, hat so lange Fingernägel, dass ich mich frage, wie sie damit eine Schreibmaschine bedient. Ich bin direkt nach der Schule hergekommen und trage meinen Parka und meine Cordhose. Die Sekretärin taxiert mich skeptisch. Mandantinnen von Dr. Elst pflegen keine Cordhosen zu tragen.
«Erika zur Linde», sage ich. «Ich habe einen Termin bei Dr. Elst. Wir haben telefoniert.»
Elst residiert in einer Zwölf-Zimmer-Wohnung am oberen Ende des Kurfürstendamms. Das Haus ist ein Altbau mit pompösem Eingang und einem Jugendstilaufzug mit herausklappbaren Plüschsitzen. Die Büroetage hat spiegelglatte Parkettböden und hohe Stuckdecken. Ich bin nervös, weil ich das Mittagessen ausgelassen und stattdessen ein halbes Dutzend Tassen Kaffee getrunken habe.
Im Wartezimmer überfliege ich die erste Seite einer Tageszeitung. Gestern ist es in Leipzig zur größten Protestdemonstration gekommen, die es seit dem 17. Juni 1953 in der DDR gegeben hat. Siebzigtausend Demonstranten sind durch die Innenstadt marschiert. Offenbar hielt die SED-Führung die Lage für hochgefährlich, denn es ist medizinisches Personal für die Spätschicht zwangsverpflichtet worden, ganze Krankenhausstationen wurden geräumt, und zusätzliche Blutkonserven standen bereit. Man befürchtete eine «chinesische Lösung» wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Doch nicht einmal solche Nachrichten können mich von meinem Brüten über das Testament und den Brief von Paul Singer ablenken. Mein Vater und Elst seien «alte Freunde», hat die Kehl gesagt. Der Brief steckt in meiner Handtasche, vielleicht kann Elst etwas dazu sagen.
Seitdem mein Vater sich Mitte der sechziger Jahre plötzlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, sind alle Kontakte mit der Außenwelt über die Kanzlei von Elst gelaufen. Elst hat die Finanzen meines Vaters verwaltet und den Kontakt zu seinem Verlag gehalten.
Elst holt mich persönlich aus dem Wartezimmer. Er ist sonnengebräunt, zwei Meter groß, um die siebzig und hat den Ausdruck von jemandem, der auf einem Pferd sitzt und auf den Rest der Welt herabblickt, der im Straßengraben herumkrabbelt.
«Es tut mir leid, dass ich nicht zur Beerdigung Ihres Vaters kommen konnte», sagt er zu Begrüßung.
Sein Schreibtisch ist riesig und reinstes Empire. Ein solches Möbelstück habe ich einmal im Schloss Malmaison gesehen, es hat Napoleon gehört. Bis auf eine Tischuhr, eine Schale mit Füllfederhaltern und ein schmales Konvolut ist die Tischplatte leer. Elst hat es nicht mehr nötig, Akten zu wälzen.
«Es sind mehr Leute zur Beerdigung meines Vaters gekommen, als ich dachte», sage ich.
«Freunde Ihres Vaters?»
«Vermutlich Kriegskameraden. Ich habe niemanden gekannt. Freunde hatte mein Vater nicht. Aber es hat mich ein Mann angesprochen, mit dem er befreundet gewesen sein könnte. Der Mann sagte, er kannte meinen Vater von früher und sie hätten sich aus den Augen verloren.»
«Hat er Ihnen seinen Namen genannt?»
«Nein, wir haben nur ganz kurz miteinander gesprochen. Es schien ihm nicht gutzugehen. Er saß in einem Rollstuhl und wurde von seiner Frau und einem Chauffeur begleitet.»
«Wie alt war der Mann?»
«So alt wie mein Vater. Mitte siebzig oder auch älter.»
«Können Sie ihn beschreiben?»
«Klein, kahlköpfig, spindeldürr. Er hat behauptet, ich hätte eine erstaunliche Ähnlichkeit mit meinem Vater.»
Elst sieht mich an, diesmal länger als nur eine kurze Sekunde. Das hat er bisher vermieden wie die meisten Männer, die meinem bebrillten Blick ausweichen und meine Nasenwurzel fixieren, wenn sie mit mir reden. Dann zieht er die Schultern nach oben, was alles bedeuten kann oder auch nichts. Schließlich sagt er: «Sie haben Ähnlichkeiten mit Ihrer Mutter.»
Das könnte als Kompliment gemeint sein, denn meine Mutter war bildschön. Rein theoretisch hat er recht mit seinem Vergleich. Ich habe dieselbe Figur wie meine Mutter, und wir ähneln uns im Profil. Das sieht man allerdings nur, wenn man sich meine klobige Brille wegdenkt.
«Das hat Ihr Vater einmal über Sie gesagt», fügt Elst noch hinzu, vielleicht um seiner Bemerkung Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dass mein Vater mich – die graue Maus – überhaupt einmal in einem Gespräch mit Elst erwähnt hat, überrascht mich.
«Wann hat er das gesagt?»
«Das ist lange her. Ich weiß es nicht.»
«Haben Sie meinen Vater oft gesehen?»
Elst schüttelt den Kopf. «Wir haben hin und wieder miteinander telefoniert. Das letzte Mal war er im März hier in der Kanzlei. Hatte Ihr Vater gesundheitliche Probleme?»
«Jedenfalls hat er nicht darüber gesprochen. Sein Tod kam völlig überraschend.»
«Woran ist er gestorben?»
Die Frage hatte ich erwartet. Elst kann ich nicht das Märchen vom Herzinfarkt erzählen. Vermutlich würde ihn auch die Version eines emotionalen Unfalls nicht überzeugen. «Die Polizei meint, es war ein Unfall», sage ich.
Bei dem Wort Polizei hebt Elst den Kopf. «Warum war die Polizei da?»
«Mein Vater ist an einer Schussverletzung gestorben. Er hat seine Pistole gereinigt, und dabei hat sich ein Schuss gelöst.»
«Er hat eine geladene Waffe gereinigt? Eine entsicherte Waffe?»
«Offenbar.»
«Hat er eine Arterie erwischt und ist verblutet?»
Jetzt kann ich es nicht länger vermeiden, über Einzelheiten zu sprechen. «Die Kugel ging in die rechte Schläfe. Frau Kehl hat ihn an seinem Schreibtisch gefunden, als sie ihm das Frühstück bringen wollte.»
«In die rechte Schläfe», wiederholt Elst langsam. «Ihr Vater hat die Waffe gereinigt, sie geladen, den Sicherungshebel umgelegt, und als er dann den Lauf an seine Schläfe richtete, hat sich zufällig ein Schuss gelöst.» Er schließt die Augen und öffnet sie wieder. «Denken Sie wirklich, dass es ein Unfall war?»
«Ich habe meinen Vater nicht besonders gut gekannt», antworte ich. Das entspricht der Wahrheit, ist aber keine Antwort auf seine Frage. «Wir haben uns auch nicht sehr oft gesehen.»
Elst nickt. «Ich weiß.» Dann sagt er etwas Unerwartetes: «Was Ihr Vater übrigens immer bedauert hat.»
Ich bin so überrascht, dass ich einen Moment lang sprachlos bin. «Er hat bedauert, dass wir uns so selten gesehen haben? Hat er das so direkt gesagt?»
«Nicht direkt, aber es war klar, was er meinte. Er hatte immer den Eindruck, dass Sie auf einen näheren Kontakt mit ihm keinen Wert gelegt haben.»
«Das habe ich auch von ihm gedacht. Wann hat mein Vater Ihnen das erzählt?»
«Irgendwann in diesem Frühjahr. Wir haben eigentlich nie über persönliche Angelegenheiten gesprochen. Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?»
«Vier Wochen vor seinem Tod.»
«Ist Ihnen nichts aufgefallen?»
«Er war so wie immer.»
«Gab es irgendeinen Vorfall?»
Ich finde, Vorfall ist nicht das richtige Wort für einen Brief, in dem sich jemand nach einer Geschichte erkundigt, die sich vor fast einem halben Jahrhundert abgespielt hat.
«Es kam ein Brief aus Amerika», sage ich, «der meinen Vater sehr irritiert hat. Ein Paul Singer erkundigt sich darin nach seinem Onkel, der mit meinem Vater bekannt war. Von dem dachte man immer, er wäre 1943 deportiert worden.»
«Ein Jude?»
Ich nicke. «Es sieht ganz danach aus. Singers Mutter konnte nach Amerika emigrieren, und mein Vater schrieb ihr nach dem Krieg, dass ihr Bruder im Februar 1943 verhaftet wurde. Aber Singer hat kürzlich mit einer Frau gesprochen, die den Mann im Herbst 1943 getroffen hat. Der Mann hieß Auerbach. Er konnte offenbar untertauchen und hatte danach keinen Kontakt mehr zu meinem Vater.»
«Was wollte Singer von Ihrem Vater?»
«Ihn sprechen. Er kommt Anfang November nach Berlin.»
Ich lege Singers Brief auf den Schreibtisch. Elst streicht ihn glatt, dann liest er ihn zweimal und danach ein drittes Mal. Der Brief ist weder lang noch kompliziert.
Schließlich faltet er das Blatt zusammen. «Hat Ihr Vater nie über diesen Auerbach gesprochen?»
Wieder schüttle ich den Kopf. «Dass es in seinem Bekanntenkreis Juden gab, wusste ich nicht.»
«Werden Sie Singer antworten?»
«Ich werde ihm schreiben, dass mein Vater verstorben ist und wir uns treffen können, wenn er in Berlin ist. Außerdem will ich versuchen, Sarah Spielrein zu erreichen.»
Einen Moment lang bin ich überzeugt davon, dass Elst mir gleich raten wird, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Aber dann greift er nach dem Ordner mit dem Testament, der vor ihm liegt, und schlägt ihn auf.
Das Testament ist nur fünf Seiten lang. Elst liest langsam, er betont jedes einzelne Wort, und obwohl ich ihn deutlich verstehe, habe ich Schwierigkeiten, seinen Worten zu folgen. Im Testament gibt es weder komplizierte Klauseln noch Legate. Ich bin die einzige Erbin, und ich erbe weit mehr, als ich erwartet habe. Elst liest mir die Summen vor. Anleihen, Festgeld, Aktien. Seine Sekretärin hat die Kurse für ihn notiert. Zweimal frage ich nach. Ich will sicher sein, dass ich mich nicht verhört habe.
Was ich anschließend unterschreibe, weiß ich nicht. Ich bin nicht ganz bei mir. Es geht wohl um mein Einverständnis damit, dass Elst sich weiter um die Finanzen meines Vaters kümmert, die jetzt meine Finanzen sind. Beim Aufstehen wird mir schwindlig. Elst gibt mir noch einen Ordner mit Kopien der wichtigsten Unterlagen mit. Als er mich zur Tür begleitet, muss ich aufpassen, nicht auf dem glatten Parkett auszugleiten. Im Fahrstuhl sehe ich mich im Spiegel der Kabine und frage mich, was mich dazu gebracht hat, diesen mausgrauen Parka zu kaufen.
Mein Golf steht auf der anderen Seite des Kurfürstendamms, und ich muss warten, bis ich den Fahrdamm überqueren kann. Ein Porsche fährt so dicht an mir vorbei, dass ich erschrocken einen Schritt zurücktrete. Theoretisch kann ich mir jetzt auch einen Porsche leisten. Als ich im Auto sitze und den Zündschlüssel umdrehe, geht das Radio an und die Cavatina aus dem B-Dur-Quartett von Beethoven erfüllt den Wagen. Plötzlich steigen mir Tränen in die Augen, und dann heule ich. Ich heule, weil ich reich bin, weil mein Vater tot ist und weil es auf der Welt so etwas Schönes gibt wie diese Cavatina.
Ein paar Minuten später bin ich wieder in der Lage zu fahren und lasse den Motor an. Auf der Kreuzung am Roseneck nimmt mir ein weißer Opel die Vorfahrt. Ich hupe wütend, schreie irgendetwas und fange wieder an zu heulen. Genauso habe ich mich damals gefühlt, als ich sechs Wochen nach dem Tod meiner Mutter im Zug nach Marburg saß. Mein Vater hat es damals für besser gehalten, mich in einem Internat unterzubringen. Habe ich in der Bahn geheult? Ja, ganz bestimmt. Den Sommer, in dem meine Mutter starb, sehe ich immer noch wie durch einen dichten Schleier, an ihre Beerdigung erinnere ich mich kaum. Ich weiß nur noch, dass es an diesem Tag brütend heiß war und dass ich nicht geheult habe. In Gegenwart meines Vaters musste ich mich immer zusammenreißen.
Als meine Taschentücher verbraucht sind, wische ich mir die Augen mit den Handrücken ab. In Dahlem überfahre ich beinahe eine rote Ampel, weil ich kaum etwas erkennen kann. Elst hat vorhin gesagt, mein Vater hätte bedauert, dass wir uns nicht öfter gesehen haben. Aber hat mein Vater das wirklich gesagt? Und hat Elst das wirklich gesagt? Oder bilde ich mir das nur ein? Wieder habe ich das Gefühl, in einen verrückten Traum verstrickt zu sein. Als ich eine Viertelstunde später das Auto abschließe und zu meiner Wohnung laufe, will ich an alles das nicht mehr denken. Der Tod meiner Mutter ist lange her. Irgendwann wird auch der Tod meines Vaters lange her sein.
Bevor ich ins Bett gehe, schreibe ich Singer, dass mein Vater an einem Herzinfarkt verstorben ist und ich noch nie etwas von einem Felix Auerbach gehört habe. Und dass wir uns treffen können, wenn er in Berlin ist.
Das Memphis am Venice Beach hatte ein Dutzend Tische im Gastraum und ein weiteres Dutzend Tische auf der Terrasse davor. Singer saß draußen und sah zu, wie sich die Leute am Strand Frisbees zuwarfen. Von einer Strandbar mit einem Schilfdach, die von Surfern und Mädchen in Bikinis umlagert wurde, kam laute Musik. Es waren immer noch knapp dreißig Grad.
Das Eis in seinem Martini schmolz in der Hitze, während er auf Harry Pendel wartete, um seine Geschichte loszuwerden. Pendel war jemand, der genau zuhörte und die richtigen Fragen stellte. Vor zwei Jahren war Pendel sein Scheidungsanwalt gewesen. Als sie entdeckt hatten, dass sie beide als Kinder deutscher Juden in Shanghai zur Welt gekommen waren, hatte sich eine Art Freundschaft zwischen ihnen entwickelt.
Pendel kam kurz vor sieben. Er war klein und dick, sein blond gefärbtes Haar trug er straff zurückgekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengerafft. Seine Mandanten arbeiteten in Hollywood für die Filmindustrie. Singer hatte ihn das letzte Mal auf der Beerdigung seiner Mutter gesehen.
Nach ihrem Tod vor sechs Wochen hatte er ihr kleines Haus verkauft und von dem Erlös ihre Hypothek abbezahlt. Außer einer Kaffeetasse mit einem Blumenmuster, die er aus sentimentalen Gründen aufgehoben hatte, war von seinem Erbe nichts übrig geblieben. Ihr Schließfach enthielt lediglich alte Fotos und ein paar Briefe des Bruders seiner Mutter. Der war im Frühjahr 1940 in Berlin zurückgeblieben, als seine Eltern aus Berlin nach Shanghai geflohen waren.
«Warum er damals in Berlin geblieben ist», sagte Singer, «hat meine Mutter nie verstanden. Irgendetwas hielt ihn in Deutschland fest.»
«Was weißt du über deinen Onkel?», fragte Pendel.
«Er war Journalist wie ich, und mein Vater hat ihn gehasst, weil er ihn für einen Nazi hielt. Das alles hat mich nie interessiert, aber jetzt würde ich gerne ein paar Sachen genauer wissen. Ich habe zwei Briefe gefunden, die meine Mutter nach dem Krieg an einen Freund ihres Bruders geschrieben hat, an einen gewissen Ulrich zur Linde. Im ersten Brief aus dem Frühjahr 1946 hat sie sich nach dem Schicksal ihres Bruders erkundigt. Sie hatte zum letzten Mal im Herbst 1942 von ihm gehört. Daraufhin hat ihr dieser Ulrich zur Linde geschrieben, dass ihr Bruder im Februar 1943 deportiert wurde. Und im Sommer 1965 hat sie sich nach dem Manuskript eines Kriegsromans erkundigt, das ihr Bruder bei diesem Ulrich zur Linde deponiert hatte.»
«Ihr Bruder hat tatsächlich einen Kriegsroman geschrieben? Ein Jude?»
Singer nickte. «Das stand in einem seiner Briefe an meine Mutter. Als 1965 die amerikanische Übersetzung des Kriegsromans erschienen war, den zur Linde geschrieben hatte, sind ihr die Briefe ihres Bruders wieder eingefallen. Dieser zur Linde hatte ihr durch einen Anwalt mitteilen lassen, dass er nie ein Manuskript bekommen habe. Sie hat zwei Jahrzehnte kein Wort darüber gesagt, nur in den letzten beiden Wochen im Krankenhaus hat sie immer öfter von ihrem Bruder gesprochen. Ich hielt das alles für ein Hirngespinst.»
Singer hatte seine Mutter behandelt wie eine senile Person. Inzwischen hasste er sich dafür. Als er nach ihrem Tod die Briefe gefunden hatte, war sein schlechtes Gewissen so überwältigend gewesen, dass er sich geschworen hatte, der Sache nachzugehen.
«Was hast du jetzt vor?», fragte Pendel.
«Ich habe Ulrich zur Linde einen Brief geschrieben. Diesmal wird er sich nicht damit begnügen können, einen Rechtsanwalt antworten zu lassen.»
«Warum bist du dir da so sicher?»
«Ich war vor zwei Wochen für einen Artikel im Ambassador-Hotel und hatte ein interessantes Gespräch mit einer älteren Dame. Sie hat mich im Foyer um Feuer gebeten, und da sie einen deutschen Akzent hatte, haben wir Deutsch gesprochen. Ich sagte ihr, dass meine Familie aus Berlin stammt. Als ich den Mädchennamen meiner Mutter erwähnte, wollte sie wissen, ob meine Mutter mit einem Felix Auerbach verwandt gewesen sei. Ich sagte ihr, dass Felix Auerbach der Bruder meiner Mutter war. Da erzählte sie mir, dass sie als junge Frau mit meinem Onkel zusammen in einer ‹Judenwohnung› gewohnt hatte.»
Singer hielt es für angebracht, an dieser Stelle eine bedeutungsvolle Pause zu machen.
«Im Frühjahr 1943», fuhr er fort, «war sie in den Untergrund abgetaucht. Und dann hat sie meinen Onkel im Herbst 1943 auf der Straße getroffen.»
Pendel hatte sofort begriffen. «Also kann er nicht im Februar 1943 deportiert worden sein. Wusste dieser zur Linde nicht, dass sein jüdischer Freund untertauchen konnte, oder hatte er gelogen? Was weißt du über diesen Mann?»
«Sein Kriegsroman ist in Amerika bereits in der sechsten Auflage erschienen.»
Pendel zog die Augenbrauen in die Höhe. «Dann muss er glänzend daran verdient haben.»
Einen Moment lang starrte er auf die Strandbar mit dem Schilfdach. Er hatte seine Olive aus dem Martini gefischt und begann, sie mit kreisenden Bewegungen seines Unterkiefers zu verspeisen.
«Man hat den Juden damals alles abgenommen», fuhr Pendel nachdenklich fort. «Immobilien, Geld, Möbel, Pelze, Musikinstrumente, Gemälde. Warum nicht auch ein Manuskript? Dieser Ulrich zur Linde könnte das Manuskript unterschlagen und für seinen eigenen Roman benutzt haben.» Er schwenkte sein Glas, und die Eiswürfel darin klimperten wie winzige Goldstücke.
Singer musste daran denken, dass Pendel im letzten Jahr einen Drehbuchautor in einem Plagiatsprozess vertreten und den Prozess gewonnen hatte. Danach war ein Haufen Geld an den Drehbuchautor geflossen.
«Was hast du dem Mann geschrieben?», wollte Pendel wissen.
«Dass ich zufällig eine ältere Dame gesprochen habe», sagte Singer, «die meinen Onkel noch im Herbst 1943 getroffen hat. Und ich habe ihm meinen Besuch angekündigt.»
«Du fliegst nach Berlin?»
Singer nickte. «Meine Redaktion will, dass ich über die Ereignisse in Ostdeutschland berichte. Wenn ich diesen zur Linde treffe, werde ich ihm sagen, dass ich nach dem Tod meiner Mutter auf Briefe gestoßen bin, die mein Onkel ihr nach Shanghai geschrieben hat und in denen von seinem Kriegsroman die Rede ist. Und dann habe ich noch etwas.» Er zog ein Foto aus der Innentasche seines Jacketts. «Der Mann auf dem Foto ist mein Onkel.»
Pendel nahm das Bild in die Hand und betrachtete es mit zusammengekniffenen Augen. Das Bild zeigte einen gutaussehenden Mann und eine attraktive junge Frau auf einer Gartenbank. Die Frau, eine Blondine, trug eine enge weiße Bluse. Auf dem Kopf hatte sie eine Offiziersmütze mit einem Reichsadler und einem Hakenkreuz auf dem Schirm. Sie drehte den Kopf zur Seite und warf Singers Onkel einen neckischen Blick zu.
«Wer ist diese Frau?»
«Auf der Rückseite steht Sophie z. L.», antwortete Singer.
«Sophie zur Linde?»
«Vielleicht», sagte Singer.
«Ich weiß weder etwas über diese Frau», meinte Pendel, «noch etwas über deinen Onkel oder diesen Ulrich zur Linde. Aber ich bin seit langer Zeit im Scheidungsgeschäft, und ich hatte immer einen guten Instinkt für das, was sich zwischen zwei Leuten abspielt. Und manchmal reicht es schon, sich ein Foto näher anzusehen.»
«Und was sagt dir dein Instinkt?»
«Dass es zwischen dieser Frau und deinem Onkel knistert. Und dass diese Frau ein kleines Biest ist», sagte Pendel. «Vielleicht kannst du herausfinden, ob sie die Frau von diesem Ulrich zur Linde ist.»
«Und ob sie noch lebt», ergänzte Singer.
«Wann fliegst du nach Berlin?»
«Spätestens in vier Wochen», sagte Singer.
Er schloss die Augen und murmelte mehrmals das Wort «Plagiat» vor sich hin: Plagiat, Plagiat, Plagiat. Ein Wort ohne harte Konsonanten und unangenehme Zischlaute, ein ausgesprochen wohlklingendes Wort, das sich nach Geld anhörte.
Zwei Tage nach der Testamentseröffnung ruft mich Elst an, um mir mitzuteilen, dass sich der Verlag meines Vaters wegen des literarischen Nachlasses gemeldet hat. Er hat für mich einen Termin mit einer Verlagsmitarbeiterin in der Lobby eines Hotels am Kurfürstendamm verabredet. Ich fahre direkt von der Schule in die Stadt und trage meine übliche Schulkleidung, Cordjeans, robuste Schnürschuhe, grauer Parka. Das Hotel gilt hier in Westberlin als elegant: dicker Teppichboden im Foyer, übergewichtige Sessel, Spiegel an den Pfeilern, kitschige Lüster an der Decke.
Die Dame vom Verlag trägt enge schwarze Hosen, schwarze hohe Schuhe und darüber einen hellblauen, flauschigen Mohair-Pullover mit silbernen Fäden, die im Licht der Lüster glitzern. Nachdem sie mir zum Tod meines Vaters kondoliert hat, nehmen wir Platz.
«Ihr Vater», sagt sie, «ist nicht ganz so in Vergessenheit geraten, wie wir dachten. Ein paar Nachrufe sind kritisch, aber die meisten Reaktionen auf den Tod Ihres Vaters sind positiv.»
Sie kann sich offenbar nicht richtig ausdrücken.
«Wir fragen uns», fährt sie fort, «ob es noch unveröffentlichtes Material gibt. Der Roman Ihres Vaters ist 1961 erschienen. Er hatte mehr als fünfundzwanzig Jahre Zeit, um etwas Neues zu schreiben.»
Von der Kehl weiß ich, dass mein Vater einen streng geregelten Tagesablauf hatte. Etwas muss er also wohl zustande gebracht haben.
«Ich könnte seinen Nachlass durchsehen», sage ich lahm. Die Vorstellung, in den Manuskriptschränken meines Vaters herumzuwühlen, ist nicht sonderlich attraktiv. Notfalls stecke ich alle Manuskripte in einen Karton und schicke sie an den Verlag.
Das Gespräch zwischen mir und der Verlagsdame dümpelt noch ein wenig vor sich hin, es geht um eine Vertragsverlängerung – aber solche Dinge soll Elst für mich erledigen. Da nimmt eine Frau von vielleicht vierzig Jahren ein paar Schritte von uns entfernt Platz.
Sie trägt keine bräunlichen Cordhosen wie ich, sondern gutsitzende Jeans und eine kurze, taillierte Jacke aus gelbem Bouclé-Stoff. Ihre blonden Haare fallen in Wellen auf ihre Schultern herab und werden nicht wie meine eigenen von einem Gummiband zusammengehalten. Mir fällt auf, dass wir eine ganze Anzahl biometrischer Daten teilen: die Körpergröße, die Haarfarbe, die minimal nach oben gebogene Nase à la Lauren Bacall, der ein wenig katzenhaft-schleichende Gang, agile et noble. Erst denke ich (der Gedanke kommt mir so), wenn sie sich so kleiden würde wie ich, würde sie so aussehen wie ich. Dann denke ich, wenn ich mich so kleiden würde wie sie, würde ich so aussehen wie sie.
