Soya - Luisa Sarah Blum - E-Book

Soya E-Book

Luisa Sarah Blum

0,0

Beschreibung

Ein Mädchen wird geboren, welches eigentlich nicht hätte überleben dürfen. Es trägt das Blut von drei seit jeher verfeindeten Völkern in sich – eine Mischung aus Elf, Mensch und Schirkan. Alten Legenden zu Folge, einer jener seltenen Mischlinge, welche enorme Kräfte zu entwickeln im Stande sind. Bis zum sechzehnten Lebensjahr lebt Soya bei den Menschen und weiß nichts von ihrer wahren Herkunft oder davon wer sie wirklich ist und welche Kräfte in ihr schlummern. Sie wächst in einer friedlichen Zeit wohlbehütet bei ihrem Großvater auf. Soya lebt ein ganz gewöhnliches Leben und genießt die Jugendjahre. Nur ihre Höhenangst und ihre unerklärbare Sonnenempfindlichkeit ärgern sie und geben ihr Rätsel auf. Eines Tages fällt ihr ein grüner Stein zu, in dem sich eine magische Schrift bildet. Soya merkt, dass ihre Welt aus weit mehr besteht, als sie zu glauben vermochte und wie es bislang den Anschein erweckte. Doch dies ist erst der Anfang – eine finstere Macht ist auf Soya aufmerksam geworden und jagt sie. Soya flieht und lernt einen wichtigen Freund kennen der sie fortan begleiten wird: Taoko, einen jungen schwarzen Wolf mit übersinnlichen Fähigkeiten. Doch nichts ist so, wie es anfänglich scheint, denn der wahre Feind kommt von ganz unerwarteter Seite ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 993

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



1. Auflage 2018

Alle Rechte vorbehalten© copyright byRiverfield Verlag, Baselwww.riverfield-verlag.ch

LektoratMartin Stiefenhofer, Freiburg im Br. (D)

Korrektorat & Satzihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)

UmschlaggestaltungHauptmann & Kompanie, Zürich (CH)

E-Book Programmierung: Dr. Bernd Floßmann (D)

ISBN 978-3-9524906-3-1 (Print)

ISBN 978-3-9524906-4-8 (E-Book)

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher unter www.riverfield-verlag.ch

In Langmut, in Freundlichkeit,in dem Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe.

2. Korinther 6,6

Für meine Tochter

Inhalt

Cover
Titelseite
Inhalt
Die Landkarte
Der Beginn
Verborgenes Glück
Das Geheimnis des grünen Steins
Soya
Der Wettkampf
Der kalte Engel
Die gefälschte Unterschrift
Der schwarze Reiter
Das Ende
Der Stern
Aus den Krallen des Tieres
Taoko
Helandibur
Die Falle
Der Phylenos
Farol
Farols Geheimnis
Das dunkle Blut
Bei Nacht und Nebel
Auf der Flucht
Der Todesfluch
Merlan
Die dunklen Wesen
Vertrauen gegen Vertrauen
Der Norill
Unerwartete Besucher
Meredon
Unverhofftes Wiedersehen
Etwas offenbart sich
Schlechte Neuigkeiten
Plan A
Freund oder Feind
Der schwarze Skorpion
Man hat die Wahl
Der Doppelgänger
Hell und Dunkel
Sekretas
Glück und Pech
Warten
Rache ist …
Unverhofftes Wiedersehen
Aushalten
Das unausweichliche Treffen
Elghinn
Wenn vor dem Ende ein Anfang steht
Wenn Liebe blind macht
Über die Autorin
Glossar
Verzeichnis der wichtigsten Personen
Schirkanssprache
Zaubersprüche der Elfen

… ich habe mir nie groß Gedanken darüber gemacht, wie mein Leben einmal aussehen würde. Und selbst wenn – meine Vorstellung wäre ohnehin nie Wirklichkeit geworden.

Ein Sprichwort aus Bakul besagt: ›Mach nie zu große Pläne, der Morgen wird etwas ganz anderes bringen.‹

Doch auch wenn du auf alles gefasst zu sein glaubst: Wenn es eintrifft, bist du doch nicht vorbereitet …

Der Beginn

Es war einer jener stürmischen Tage im November. In Elindor herrschte klirrende Kälte. Felder und Wege lagen unter einer dicken Schneedecke und auf den hohen Stadtmauern versperrte eine Eisschicht den Soldaten ihren üblichen Patrouillenweg. Im kalten Dunst konnte man die nächstgelegenen Berge bereits nicht mehr erkennen und es war schwierig, eine klare Grenze zwischen See und Himmel auszumachen, die grau in grau inein­anderflossen und gelegentlich durch dicke Nebelschwaden verschluckt wurden.

Allmählich brach die Nacht an, und während ein Licht nach dem anderen im Schloss Siramon hoch über Elindor erlosch und es wie ein Gespenst in der Dunkelheit verschwand, begegnete man nur selten Wachen, die ihre Runden zogen, obschon die Sicherheitsvorkehrungen vor geraumer Zeit verschärft worden waren.

Es war lange nach Mitternacht, als im höchsten der fünf Türme vier Männer in langen, schweren Umhängen aus dem dunklen Korridor in einen schwach beleuchteten Raum traten. Der Letzte von ihnen schloss die Tür hinter sich zu. Seine Hand zitterte leicht, als er sie vom Türknauf nahm. Mit sorgengefurchter Stirn gesellte er sich zu den beiden anderen Männern, die stehen geblieben waren. Ihre Blicke folgten dem Vierten, der jetzt mit lautlosen Schritten, eingehüllt in einen pechschwarzen Umhang, den langen Tisch umrundete. Seine Gebärden waren nicht die eines gewöhnlichen Mannes. Seine Bewegungen waren verwirrend schnell und geschmeidig. Irgendetwas an ihm machte jeden, der in seiner Nähe war, unruhig: Man hatte das unangenehme Gefühl, in die Enge getrieben worden zu sein; eine unheimliche, eine unerklärliche Angst saß einem im Nacken, sodass niemand es ertragen hätte, allein mit ihm in einem Raum zu sein.

Er blieb hinter dem schweren Holztisch ebenso geschmeidig wie abrupt stehen und zog etwas aus seinem Umhang hervor. Weiße Kerzen warfen ein züngelndes Licht an die hohen Wände und erhellten in ihrem flackernden Schein die vielen Bilder und Bücherregale.

Der Raum war luxuriös ausgestattet. Prächtige, mit samtenem Stoff bezogene Stühle standen um den mächtigen Holztisch, wertvolle Gegenstände glänzten auf polierten Möbeln. Die Wände waren hoch, die Decke leicht gewölbt. Feine Stuckaturen schlängelten sich in einem ziselierten Muster über die gesamte Länge des Raums und schwere, dunkelrote Vorhänge bedeckten große Fenster, die bis zum Boden hinunterreichten.

Die Minuten verstrichen. Nur ein gelegentlich verhaltenes Hüsteln war zu hören, ansonsten war es still. Die bleichen Finger des Herrn schlossen sich um einen grünlich schimmernden Stein, den er verdeckt in der Hand hielt, während das flackernde Licht dunkle Schatten unter seine Augenlider warf.

Die drei offensichtlich in die Jahre gekommenen, leicht gebeugt dastehenden Männer schienen allmählich ungeduldig zu werden, aber der Vierte machte keine Anstalten, sich ihnen zuzuwenden oder den Blick von dem zu heben, was seine Hand verbarg. Es schien ihn nicht zu stören, dass sie alle paar Minuten verstohlen auf die Standuhr blickten. Allem Anschein nach war er in seinen Gedanken mit etwas beschäftigt, das ihn beunruhigte; Wichtiges schien sich in seinem Kopf abzuspielen und ihn ganz zu vereinnahmen.

Doch obwohl die drei Männer die Anspannung fast nicht mehr aushielten, blieben sie stumm. Keiner wagte, die Gedanken ihres Herrn zu unterbrechen. Sie hatten schon den ganzen Tag gewartet; jetzt konnten sie diese Minuten, ehe sie es erfahren würden, auch noch ausharren. Und während sie gleichermaßen verzweifelt wie ergeben an seinem bleichen Gesicht hingen, erhob sich unten im Hof wütendes Gekläff. Ein Tor wurde geöffnet, ferne Stimmen drangen zu ihnen hoch. Dann herrschte wieder Stille.

Zornig ließ der Herr nun einen Blick über das Pergament schweifen, das er aus dem Inneren seines Umhangs zog. Auf der Rückreise hatte er es immer und immer wieder durchgelesen. Doch es gab keine Zweifel – die Lage war eindeutig und er musste handeln.

Der lange Zeiger rückte auf die volle Stunde und die Uhr schlug mit einem hellen Klang drei Mal. Als die Spannung dem Zerreißen nahe war, durchbrach schließlich eine zittrige Stimme die Stille.

»Herr, wir sollten noch warten …«, wisperte einer der älteren Männer und verstummte sogleich, als er die Kälte in den Augen des Herrn sah. Er schlug die Augen nieder, verlor den Faden und der Satz endete in einem jämmerlichen Stottern. Verstört blickte er auf das glänzende Braun der Tischplatte und fuhr dann schließlich sichtlich angestrengt fort: »W-wir s-sollten kei-keine voreiligen …« Wieder brach er ab, irritiert und verängstigt von dem Blick, den er auf sich haften spürte.

»Hat sie denn niemand gefunden!«, donnerte der hohe Herr mit schneidender Stimme. »Es sollte doch nicht so schwer sein, diese Frau ausfindig zu machen!« Seine Kiefermuskeln spannten sich, während sein harter Blick erneut die Schrift des Pergaments fixierte.

Der Mann, der zu sprechen gewagt hatte, sackte zitternd in sich zusammen.

»Es ist ja nicht so, dass sie gewöhnlich ist!«, fuhr der Herrscher leise, doch mit nicht minder schneidender Stimme fort. »Ihre Schönheit fällt noch jedem Tölpel auf!«

»Fürwahr, Herr«, meldete sich der offenbar Älteste zu Wort. Er hatte schneeweißes, kurz geschnittenes Haar. Seine Stimme klang hoch und leicht hysterisch. »Es heißt, sie sei so schön, dass man meine, Sonne, Mond und Sterne gleichzeitig am Firmament zu sehen.« Einen Moment irritiert von dem lodernden Blick des Herrn auf seinem Gesicht, fuhr er zögernd fort: »Das ganze Land sucht nach ihr, aber sie scheint wie vom Erdboden verschwunden …«

»Vom Erdboden verschwunden …«, zischte der Herr und ließ ein leises, hasserfülltes Lachen folgen.

Dann herrschte wieder erbitterte Stille. Keiner der drei Männer wagte es mehr, das Wort zu erheben. Sie hatten das heftige Pulsieren an der Schläfe ihres Herrn bemerkt; es war nicht ratsam, den Herrn, den König herauszufordern.

Nach mehreren tiefen Atemzügen schaute er in die versammelte Runde. Einen nach dem anderen betrachtete er mit seinen lodernden Augen, dann zuckte es abermals heftig an seiner Schläfe und er wandte sich von ihnen ab. Sein dunkler Umhang strich über den Boden, als er sich dem Gemälde zudrehte, das hinter ihm an der Wand in einem dunklen, schweren Rahmen hing. Es war das Bild eines Mannes. Auch er hatte sehr bleiche Haut und rabenschwarzes Haar und, wenn man den Farben Glauben schenken konnte, außergewöhnlich dunkle Augen. Noch dunklere als die des Königs, obwohl das beinahe nicht möglich schien.

Man hatte diesen Mann im Königreich jedoch noch nie gesehen und keiner wusste, wer er war oder was dieses Bild hier im Schloss zu suchen hatte. Den Mut dazu, den König danach zu fragen, hatte bisher niemand aufgebracht. Das Bild war jedoch keinem im Schloss geheuer, weder den Soldaten noch den Beratern des Königs, und schon gar nicht den Dienstmädchen. Sie alle waren sich einig: Es verbreitete eine düstere Stimmung und am liebsten hätten sie es weggeschafft. Aber König Saahrrin schien äußerst viel von dem Bild zu halten. Oft hatte er minutenlang auf das Gemälde gestarrt, tief in Gedanken versunken, und dann plötzlich Entscheidungen getroffen, die eigentlich lange und reiflich überlegt sein wollten. Das Bild, so schien es, hatte auf ihn eine enorme eingebende Wirkung.

Die drei Männer warfen sich abwechselnd nervöse Blicke zu und starrten dann wieder auf den reglosen Rücken ihres Königs, der wie ein abweisendes Brett zu ihnen gerichtet war.

Er hatte müde ausgesehen, als er das Schloss betreten hatte, müde und abgekämpft, seine Gesichtsfarbe war bleich gewesen – noch bleicher als sonst. Während Stille und Dunkelheit miteinander zu verschmelzen schienen und die Kerzenreste kaum mehr Licht spendeten, hob er schließlich den Kopf und straffte seine Schultern.

Seine Stimme war leise, beinahe ein Flüstern, doch jede Silbe unmissverständlich klar und deutlich: »Die Elfen sind nicht bereit zu verhandeln … Wir haben keine andere Wahl.«

»Aber Herr!« Der Mann mit den schneeweißen, kurz geschnittenen Haaren stockte und fasste sich vor Schreck ans Herz, dann schluckte er krampfhaft und fuhr schließlich tapfer fort: »Wir haben keine Chance gegen dieses Volk! Die Elfen werden uns mit einem einzigen Zauber vernichten!«

König Saahrrin drehte sich mit einem Schwung seines Umhangs um und sah ihm ins Gesicht. »Meint ihr wirklich, ich hätte nicht daran gedacht?« Seine Stimme war eisig kalt und fuhr wie eine messerscharfe Klinge durch die gespannte Stille.

Mit Mühe unterdrückten die drei Männer ihr Schaudern.

»Glaubt ihr allen Ernstes, ich würde diesen Pakt eingehen, wenn ich eine andere Wahl hätte?«

»Aber, Herr … bitte verzeiht … gewiss … Aber, die Elfen … Es ist unmöglich …«

»Unmöglich?« Sein Blick war kalt glühend. »Zweifelt ihr meine Macht an?!«

»Aber nein, Herr! Niemals, Herr! Doch die Elfen …« Die Finger des Alten krallten sich in den Stoff, während er versuchte, diesem Blick standzuhalten. »Sie … sind u-unbesiegbar.« Seine Stimme versagte.

»J-ja«, meldete sich der mit dem längsten Bart zu Wort. »Entschuldigt, mein König …« Auch ihm schien es ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten, dem Herrn zu widersprechen, »doch … ein einfacher Mensch kann niemals gegen einen Elfen ankommen …« Seine Stimme wurde immer dünner und sein Blick sank auf die glänzende Tischoberfläche, in der sich sein Gesicht verzerrt widerspiegelte. »N-nicht e-einmal H-Hunderte könnten einen E-Einzigen besiegen …«

Der Dritte, der bis jetzt geschwiegen hatte, nickte eifrig mit dem Kopf, wagte es jedoch nicht, etwas zu sagen oder den Blick von der Stuhllehne zu heben, die er wie besessen anstarrte.

Saahrrins Kiefermuskeln zuckten, dann zwickte er sich mit dem Finger in die Nase.

»Ich sage ja auch nicht, dass wir Menschen allein gegen die Elfen kämpfen werden.«

Er bedachte seine Berater mit einem kurzen, durchdringenden Blick, zerknüllte das Blatt Pergament und warf es in eine Ecke. Verunsichertes Gemurmel erhob sich und ratlose Blicke wurden getauscht, doch der König sagte nichts weiter. Er fuhr zärtlich über den kleinen Gegenstand in seiner Hand, während sich der Ausdruck in seinem Gesicht plötzlich veränderte.

»Aber Herr … Was meint ihr?«

Die ohnehin schon versteiften Gliedmaßen der alten Männer verkrampften sich erneut. Sie waren es zwar gewohnt zu warten, fühlten sich ständig in seiner Gegenwart verunsichert und konnten sich aus seinen Sätzen keinen Reim machen – aber diese Äußerung verwirrte sie allesamt über alle Maßen.

Der König fuhr über das silberne Abzeichen, das auf seine Brust gestickt war. Als er wieder hochsah und in die ratlosen Gesichter seiner Berater blickte, schien er seine Worte mit Bedacht zu wählen.

»Die Schirkans werden uns unterstützen«, sagte er leise, und obwohl seine Stimme jetzt sanft war, fiel alle Beherrschung von den Beratern ab und ihre Gesichter zeigten schieres Entsetzen – er hätte genauso gut sagen können, er verhandle mit dem Teufel und verschenke ihm ihre Gliedmaßen.

»Die Schschirkans?«, stieß der Mann mit dem langen Bart hervor und griff ebenfalls nach einer Stuhllehne, um sich daran abzustützen.

»Ja«, sagte König Saahrrin schlicht und ging lautlos zum Bücherregal, das zu seiner Linken stand. Seine langen, bleichen Finger glitten über die dicken Bücher und hielten bei einem besonders breit gebundenen Exemplar inne.

»Herr … bei allem Respekt …«, ertönte eine verzagte Stimme hinter ihm, »Herr, Sie können die Schirkans nicht um Hilfe bitten …«

»Nein?« Saahrrins Lippe zuckte.

»Herr, b-bitte versteht mich nicht falsch, aber würden wir uns auf einen Handel mit ihnen einlassen, wären wir zu ewiger Verdammnis verflucht!«

Saahrrin drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen um.

»Adrilan, was denkt ihr, woher wir die Morlaks haben?«

Der letzte Rest an Farbe wich schlagartig aus Adrilans Gesicht und seine Augenlider begannen nervös zu zucken.

»Und, sind Sie seither dem Teufel begegnet? Oder sind sonst irgendwelche Albträume Realität geworden?«

Adrilans Kopf schwankte hin und her, sein Gesicht weiß wie die Kerze, die neben ihm heftig flackerte.

»Sehen Sie? Es ist alles eine Frage von Beziehungen«,sagte Saahrrin lapidar, wandte sich wieder dem Regal zu und zog das breite, in Leder gebundene Buch heraus. Er legte es mit einem dumpfen Knall auf die frisch polierte Tischfläche, ließ sich auf dem größten der samtbezogenen Stühle nieder und begann darin zu blättern.

Plötzlich erfüllte ein Röcheln den Raum. Mit beiden Händen zerrte Adrilan an seinem Kragen, während nur noch stoßweise Luft aus seiner Kehle drang.

»Adrilan!« Binnen einer Sekunde war Saahrrin bei ihm und half ihm auf den Stuhl.

»E-es, es t-tut mir leid, Herr … es ist nur … der Sch-Schock …«

Saahrrin beugte sich langsam zu ihm hinunter. Er sprach ganz leise und obwohl seine Stimme sanft war, begannen sich Adrilans Augen vor Schreck zu weiten.

»Herr …«, flüsterte er atemlos, verstummte jäh und blickte ausdruckslos geradeaus.

Saahrrin wandte sich ab und der alte Mann sackte kraftlos auf dem Stuhl zusammen.

»Bringt ihn in sein Gemach! Er braucht Ruhe!«, befahl er mit kalter Stimme.

Die Berater eilten mit Adrilan rasch hinaus und schlossen dann eilig die Tür hinter sich zu.

*

Viele Meilen vom Schloss entfernt, weit hinter dem verschneiten Gayenorgebirge, erhellten im Mandoriawald grelle Lichtblitze die Baumwipfel. Schnee wurde von der Wucht der Flüche aufgewirbelt, entsetzliche Schreie zerrissen die Stille. Dunkle Gestalten hoben, verborgen im Schatten der Bäume, unheilvoll ihre Arme und der Himmel färbte sich scharlachrot.

Zwei Elfen, für ein menschliches Auge das Ebenbild an Schönheit und Perfektion, standen mitten auf einer kleinen Lichtung. Schnee reichte ihnen bis zu den Knien. Ringsum ragten die riesigen Bäume des Mandoriawaldes empor. Nur auf einer Seite der Lichtung ragte kahl und mächtig eine Felswand empor.

Es gab keinen Ausweg.

Die Flüche, die aus dem Wald kamen, gingen weit über gewöhnliche Magie hinaus. Wer immer sie auch angriff – er wollte die Elfen vernichten!

Die Elfe mit den smaragdgrünen Augen griff verzweifelt nach dem Arm der anderen. Dunkelbraunes, langes Haar fiel ihr flach und glänzend bis ins Kreuz. Eine sanfte Brise teilte ihren langen Umhang und offenbarte den Blick auf ein Medaillon, das sie um ihren Hals trug. Es leuchtete im letzten Schein des Sonnenlichts auf.

»Eldevin!«, schrie sie, »Eldevin!!!«

Sie rüttelte und zerrte an Eldevin, die unverwandt zu den Schatten der Bäume blickte – aber nichts erkennen konnte.

»Tolo! – Komm!«, schrie sie und zerrte verzweifelt an Eldevins Arm. Um sie schmolz der Schnee von der sengenden Hitze, und von der Wucht der Flüche wurden sie mit ihrem Schild fast zu Boden gedrückt.

»Lest nin! – Bitte! Eldevin!« Ihre Stimme ging im lauten Donner eines Fluchs unter.

Mit angstentstelltem Gesicht wandte Eldevin endlich den Blick von den Schatten ab.

»Ta naa neuma, Elehna! – Es ist eine Falle!«, keuchte sie, die Stimme heftig bebend.

Der Druck von Elehnas Händen um Eldevins Arm verstärkte sich und ihre smaragdgrünen Augen funkelten jetzt in aufrichtiger Demut.

»Idagor ea ar’estel. Ve boe ritha, di o Soya menantog! – Der Kampf ist hoffnungslos. Wir müssen versuchen, sie von Soya wegzulocken!«

Einen Moment lang starrten sie sich reglos an. Dann stürzte Eldevin los und zog ihre Tochter mit sich. Sie rannten über die Lichtung und stürmten auf die riesigen, mit Schnee bedeckten Bäume zu, die am nächsten zu erreichen waren.

Sie hatten die Bäume schon fast erreicht, als Elehna ein Fluch heftig in die Seite traf – sie duckte sich und rannte weiter, wollte den grellen Lichtblitzen entfliehen. Doch der nächste Fluch schleuderte sie jäh durch die purpurne Luft. Sie spürte nicht mehr, wie ihr Schild aufflackerte und erlosch, als ein erneuter Fluch sie traf. Sie schlug gegen den Felsen, glitt lautlos an der steilen Gesteinswand hinab und blieb reglos im Schnee liegen. Die schmerzerfüllten Schreie, die durch die Luft gellten, waren nicht mehr die ihren.

Eldevin, bereits bei den ersten Bäumen angelangt, stürzte zurück. Doch noch bevor sie ihre Tochter erreichen konnte, traf auch sie ein Fluch mitten in der Brust und ihre Schreie erloschen rasch, niedergestreckt nur wenige Meter von Elehna entfernt. Ihr Gesicht glitt zur Seite und ihre zuvor noch entstellten Züge glätteten sich.

Stille legte sich über die Lichtung und der Schnee, von der Wucht der Flüche aufgewirbelt, rieselte wieder sanft auf die Erde hinab. Der Himmel verdunkelte sich und für einen kurzen Moment war es, als wären Sonne, Mond und alle Sterne am Firmament erloschen.

Lautlose Schritte glitten über den Boden und giftige Zähne gruben sich in die Körper, während der Wind zu heulen begann, als wollte er protestieren, vor Wut und Entrüstung toben – doch es war zu spät.

Ein großer, hagerer Mann mit schneeweißem, langem Bart, der ihm bis zu den Hüften reichte, blieb reglos unter dem Türrahmen eines kleinen, verschneiten Hauses stehen. Der Saum seines dunkelblauen Umhangs war noch mit Schnee bedeckt und seine Wangen von der eisigen Kälte gerötet. Er starrte auf die zerbrochene Wiege und auf ein kleines Leinenbündel, welches reglos inmitten des verwüsteten Hauses auf dem Boden lag. Er löste sich erst aus dieser Erstarrung, als noch jemand ins Haus gestürmt kam und gegen seinen Rücken prallte.

Auch dieser Mann hatte schneeweiße Haare, doch sie waren nur schulterlang und ein eigenartiger, perlenmatter Schimmer ging von ihnen aus. Sein Gesicht war jedoch das eines jungen Mannes, obgleich etwas darin war, das ihn auf seltsame Weise älter erscheinen ließ. Er war makellos schön. Die Haare hatte er auf den Seiten nach hinten geflochten und so konnte man seine Ohren sehen, die nach oben zu einem Spitz verliefen. Er trug einfache Kleider: eng geschnittene Hosen, Stiefel, die sich vorn verjüngten, und einen dünnen, grünen Pullover, der viel zu wenig warm aussah für diese Jahreszeit. Er stürmte schreiend auf die zersplitterte Wiege zu, fiel auf die Knie und wühlte panisch in dem großen, weißen Leinentuch, das neben den Trümmern lag. Ein Aufschrei der Erlösung entfuhr ihm, als er ein kleines Geschöpf mit zwei funkelnd smaragdgrünen Augen darunter hervorhob. Er schloss es in seine Arme und beugte sich schluchzend darüber.

»Sie lebt. Zindabor. Sie lebt.« Seine Stimme bebte, als würde ihm jedes Wort, das er sagte, Schmerzen bereiten.

Zindabor schloss die Augen. Er schob langsam die gierende, aus den Angeln geratene Tür hinter sich und trat auf die beiden zu.

Als er sich zu ihnen niederließ, breitete sich sein dunkelblauer Umhang wie ein großer, runder Teppich um ihn herum aus. Das Knistern des Kaminfeuers und das krampfhafte Schluchzen des Mannes, der vornübergebeugt dasaß und das kleine Kind an seine Brust gepresst umklammert hielt, wurden erst unterbrochen, als sich Zindabor nach einer Weile leise räusperte.

»Laendor …«, sagte er leise.

Laendor reagierte nicht. Doch dann wurde das Zittern seiner Schultern schwächer und er hob ein wenig den Kopf. Er war weiß wie Kreide und seine Augen glichen jenen eines Gejagten: Unruhig flackerten sie in ihren dunklen Höhlen und suchten nach festem Halt.

»Wer nur … wer, Zindabor … wer hat das getan?« Seine Hand glitt fahrig und zitternd über das weiße Tuch. »Wer kann nur so grausam sein?«, fuhr er mit bebender Stimme fort, den Blick angewidert auf die Trümmer gerichtet.

»Wir werden es herausfinden, Laendor«, sagte Zindabor mit leiser Stimme. »Wir werden sie finden.«

»Sie? Du glaubst, es waren mehrere?«

»Allem Anschein nach ja, jedenfalls deutet alles darauf hin.«

»Aber … wieso sollten …«

Zindabor richtete sich auf und fuhr sich über seinen langen, schneeweißen Bart.

»Ich denke, dass das heute kein Zufall war, keine spontane, erst recht keine unbesonnene Gräueltat, obwohl … mehrere Faktoren nicht übereinstimmen.« Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. »Die beiden Angriffe stehen miteinander in Verbindung, es waren wohl dieselben Angreifer. Nur hier wurden sie gestört und konnten ihr Vorhaben nicht zu Ende bringen … Wir haben ihren Plan durchkreuzt.«

»Es war also sorgfältig geplant«, zischte Laendor. »Sie haben gewusst, dass wir weg sind, und haben dann zugeschlagen …«

Zindabor faltete seine großen Hände ineinander und betrachtete den Boden, der übersät war mit hellen Holzsplittern.

»Und doch waren sie in Eile … Sie mussten gewusst haben, dass wir davon erfahren können.«

»Aber was ist mit den Verletzungen, die Elehna und Eldevin aufweisen? Das müssen eindeutig Tiere gewesen sein.«

Zindabor blickte nachdenklich auf ein kleines Rad, das vor ihm auf dem Boden lag. Vor nicht allzu langer Zeit waren sie mit der Wiege fertig geworden. Elehna war vor Freude fast in Tränen ausgebrochen.

»Hmmmm«, sagte er leise. »Trotzdem bin ich mir sicher, dass es einen Zusammenhang gibt.« Er hielt einen Moment inne, dann huschte sein Blick zum Fenster.

»Es ist klar, weswegen sie hier waren. Nur«, er hob die Brauen, »eines musste zuerst vernichtet werden, bevor das eigentliche Leben angegriffen werden konnte.« Seine Augenbrauen schoben sich tief in die Stirn, während seine Augen auf dem kleinen Bündel in Laendors Arm verweilten. »Was die Verletzungen an Elehnas und Eldevins Körpern angeht, sind es mit ziemlicher Sicherheit Bisswunden von Morlaks.«

»Morlaks?« Laendor hob verblüfft den Kopf. »Diese rotäugigen Monsterhunde?«

»Nun, ja. Es irritiert mich genauso. Doch die Art, wie sich die Haut um die Wunden herum verfärbt hat, lässt keinen Zweifel daran. Womit sich eine wichtige Frage stellt: Wie haben sie es geschafft, überhaupt in den Mandoriawald einzudringen?«

»Die Morlaks können die magische Grenze nicht überschreiten! Das ist nicht möglich! Sie kommen von der dunklen Seite!«

»Gewiss. Und doch bin ich mir sicher, dass es ihr Gift ist«, Zindabor atmete tief aus, »und sie haben sie verletzt. Doch sie allein hätten niemals die Kraft dazu, Eldevin und Elehna zu töten. Selbst wenn es Tausende gewesen wären.«

»Sie müssen unterstützt worden sein von der dunklen Seite«, grenzenloser Zorn stand in Laendors Gesicht, »denn Elfen hätten sie nicht gehorcht! Sie hätten sich gegen sie aufgebäumt! Du weißt, wie groß ihre Abscheu vor dem elbischen Blut ist. Nur dafür wurden sie geschaffen«, flüsterte er boshaft, »um Elfen zu wittern, um sie zu jagen und für immer in die Flucht zu schlagen!« Er verzog verächtlich das Gesicht. »Schreckliche Bestien, herangezüchtet, um das menschliche Reich nach dem Krieg von den Elfen zu säubern.«

Zindabors Falten auf der Stirn vertieften sich.

»Das hier«, seine langen Finger richteten sich auf die zertrümmerte Wiege, »muss ein ausgewachsener Magier gewesen sein – kein Morlak wäre so gezielt vorgegangen. Zudem hätte er sich von uns nicht stören lassen.«

»Und«, fuhr Laendor fort, »jemand muss den, der das getan hat, gewarnt haben, dass wir unterwegs sind. Vermutlich ist er kurz vor unserer Ankunft geflohen.« Laendors Blick fiel auf die Überreste der Wiege, die auf dem dunklen Holzboden verstreut herumlagen; Staub, Splitter, Fetzen, überall ein Bild der Verwüstung.

»Aber wie konnte die dunkle Seite den Mandoriawald betreten?«, fragte Laendor. »Wie konnten sie die Grenze überschreiten? Niemand kann so viel Magie besitzen und den Bann brechen! Das ist elbisches Land!«

In Zindabors Brillengläsern spiegelte sich die orangerote Glut des Kaminfeuers, während er nachdenklich den Funken zusah, wie sie im Rauch erloschen.

»Genau das frage ich mich, seit ich das Haus betreten habe«, murmelte er nachdenklich und neigte den Kopf. »Der Bann müsste so stark sein, dass es selbst den mächtigsten dunklen Magiern nicht gelingen dürfte, ihn zu brechen. Deswegen ist er erschaffen worden. Damit der Krieg ein für alle Mal ein Ende hat.«

Laendor schaute ihn an. »Und? Hast du eine Idee?«, fragte er mit verbissener Miene.

»Natürlich«, sagte Zindabor. Ein freudloses Lächeln erhellte sein Gesicht. »Tausende. Und eine verrückter als die andere.«

Resigniert wandte sich Laendor von ihm ab. »Ich werde nicht eher ruhen, bis ich sie gefunden habe«, sagte er leise. »Sie werden dafür bezahlen. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue.«

Zindabor sah zu, wie Laendor mit irrem Blick auf ein abgesplittertes Holzstück stierte, während er, das kleine Geschöpf an sich gepresst, vor- und zurückwippte.

Der Kampf war also unwiderruflich entfacht. Es war ohne Zweifel so, dass Laendor nie in sich hineinhorchen würde. Er würde niemals zur Erkenntnis kommen, dass es besser war, überlegt und langsam zu handeln, statt gedankenlos blutrünstige Rache zu üben … Sein Stolz war gebrochen. Es gab nichts mehr, was er noch hatte, alles war ihm mit einem Schlag genommen worden; seine Frau und seine Tochter. Jetzt hatte er nur noch dieses kleine Geschöpf, das er in seinen Armen hielt, und um genau das machte sich Zindabor am allermeisten Sorgen.

Eine Weile blieben sie so sitzen; nur das ferne Rufen eines Waldkauzes in der Dämmerung war zu hören. Am Horizont bildeten sich bereits die ersten goldenen Streifen und kündeten den Morgen an.

Zindabor wandte den Blick vom Kamin ab. »Sie hat nicht geweint, Laendor …«, sagte er in die Stille hinein und blickte besorgt von Laendor auf das kleine, weiße Bündel an seiner Brust.

Verwirrt sah Laendor hoch, dann verlor sein Gesicht sogleich jeglichen Ausdruck. Einen Herzschlag lang schien er wie aus Stein gemeißelt, dann richtete er sich abrupt auf.

»Nein!«, erwiderte er, und seine Stimme war plötzlich laut und stark und glühender Zorn trieb ihm rote Flecken ins Gesicht. »NEIN! Du nimmst mir Soya nicht auch noch weg! Soya ist – gut. Wage es nicht, auch nur so etwas zu denken!«

Zindabor richtete sich zu seiner vollen Größe auf, seine Haltung hatte jedoch nichts Bedrohliches an sich, obwohl er Laendor mindestens zwei Köpfe überragte und die Spitze seines Hutes sogar die Decke streifte.

»Laendor«, sagte er sanft, doch Laendor sah entschlossen an ihm vorbei, hinüber zu den Trümmern, wo alles in Schutt und Asche lag. »Du hast einen schweren Verlust erlitten. Ich weiß, was du im Moment durchmachst …«

»Du hast keine Ahnung, was ich durchmache!«, schrie Laendor und seine Stimme zitterte.

»Es ist nur natürlich, dass du dich jetzt mit aller Macht an Soya klammerst und sie schützen willst. Wir sollten aber trotzdem in Betracht ziehen, dass Soya womöglich …«

»Sie hat geschlafen!«, schrie Laendor. »Wir können von Glück reden, dass sie geschlafen und die Gräueltaten nicht mitbekommen hat! Zum Glück, Zindabor! Zum Glück!«

»Tatsächlich?«, entgegnete Zindabor sanft und erwiderte gelassen Laendors zornigen Blick.

»Ja! Ja, hat sie!«

»Nun«, sagte Zindabor leise, aber deutlich, »so wie ich die Wiege daliegen sehe, entsteht in mir doch unweigerlich der Eindruck, dass es womöglich nicht ganz ruhig zugegangen ist. Ich mag mich irren, Laendor, du kennst Soya besser als ich. Doch glaubst du wirklich, dass sie bei so einem Krach hätte schlafen können?«

»Ja!«, schrie Laendor mit sich überschlagender Stimme, die Augen vor irrem Wahnsinn geweitet. Dann wandte er den Blick von Zindabor ab und ließ ihn über das Durcheinander schweifen, das um ihn herum herrschte – seine Gesichtszüge erschlafften, dann wirbelte er herum und stürmte aus dem Haus.

Verborgenes Glück

Ein alter Mann mit Hut, eingehüllt in einen dicken, schweren Wintermantel, ein weißes Bündel unter seinem Mantel fest an die Brust gepresst, eilte durch den knöcheltiefen Schnee die dunkle Küstenstraße Bakuls entlang. Eisige Gischt spritzte an die hohen Klippen und die salzigen Böen schlugen ihm wie Peitschenhiebe ins Gesicht. Immer wieder zuckte er vor den Möwen zusammen, die in der Dämmerung fast nicht zu erkennen waren und mit schrillem Kreischen seinen hastigen Schritten wild flatternd auswichen.

Als er endlich die Küstenstraße hinter sich gelassen und die Stadt erreicht hatte, betrat er ein Labyrinth aus schmalen, schwach beleuchteten Gassen, in denen es stark nach verbranntem Holz roch.

Bei jeder neuen Abbiegung warf er unruhige Blicke hinter sich. Dann – er stolperte beinahe über ein abgefallenes Rad, das jemand mitten in der Gasse liegen gelassen hatte – erreichte er das Zentrum des Fischerstädtchens. Er stand am Rand eines riesigen, vom Mond beschienenen Marktplatzes. Stattliche Häuser umsäumten den mit einer dünnen Schneeschicht überzogenen Platz, der wie weiß bepudert aussah. Ein großer, runder Brunnen, der ganz vereist mitten auf dem Platz stand, wirkte wie ein kleiner Eispalast.

Langsam trugen ihn seine Füße weiter, während sein Blick an einem der Häuser haften blieb, das ein wenig abseits der anderen stand und neben den hohen Bäumen, die den Platz säumten, leicht übersehen werden konnte.

Unschlüssig blieb er stehen, dann wanderte sein Blick hoch zur Kirchturmuhr. Unwillkürlich verdüsterten sich seine Züge – die massiven Zeiger der großen Uhr zeigten erst fünf Uhr morgens an. Hätte er gewusst, dass er so schnell vorankommen würde, hätte er die Abreise noch um einige Stunden hinausgezögert. Ein wenig verärgert dreinblickend schlurfte er noch die letzten Meter bis vor das Haus und setze sich dann, den Schnee von der Stufe wegwischend, mit einem Seufzer auf die weiße, kalte Marmortreppe.

Stunden vergingen und es schien, als hätte sich die Nacht dazu entschlossen, noch ein wenig länger zu dauern. Doch als er schließlich das fünfte Mal den Kopf hob und sein Blick zum Kirchturm schweifte, brachen die ersten Sonnenstrahlen durch die dicke Nebeldecke und tauchten die verschneite Stadt in ein sanftes, rosafarbenes Licht. Über den Dächern und um den hohen Kirchenturm hing ein feiner Nebelschleier und aus den Kaminen quoll dicker, weißer Rauch. Die Fußstapfen, die zum Haus führten und vor dem alten Mann auf der Treppe endeten, waren noch die einzigen auf dem ganzen Platz. Doch schon bald würde sich das ändern.

Um Punkt acht Uhr öffnete sich die Tür des Hauses und ein stattlicher Mann mit großem, rundem Bauch und Schnurrbart trat heraus, um ein Schild mit dem Schriftzug »offen« aufzuhängen.

»Guten Morgen!«, rief er gut gelaunt, als der den seltsamen Gast auf den Steinstufen erblickte. »Ich bin Ludgar Hummkirch, der Bürgermeister. Bitte kommen Sie doch herein!«

Hastig stand der Neuankömmling auf und folgte dem Bürgermeister ins Haus. Dort war es angenehm warm. Es roch nach Kaffee und nach etwas Blumigem, vermutlich ein schweres Frauenparfum. Und tatsächlich, als sich der frierende Gast an den Empfangstresen stellte, sah er eine rundliche Frau mit großen, hellen Locken im Korridor verschwinden. Ludgar Hummkirch rieb sich die kalten Hände, während er sich hinter den Tresen stellte.

»Guten Morgen, mein Name ist Lenidras«, sagte der Mann schließlich leise, als ihn Ludgar Hummkirch mit hochgezogenen Augenbrauen und freundlichem Lächeln ansah. Ludgar bemerkte den eigenartigen Akzent. Auch die Kleider zeigten, dass er ein Fremder war. »Ich komme von Arohby, dem kleinen Bergdorf am Fuße des Berges Arambindol«, fuhr der Fremde fort. »Meine Frau ist diesen Winter gestorben.« Er hob mit einem Ausdruck des Schmerzes im Gesicht die Hand. »Wir hätten eigentlich das Kind unserer Tochter gemeinsam großziehen sollen.«

Sein Blick glitt hinab zu dem kleinen Bündel, das er in den Armen hielt.

»Der Vater des Kindes ist im Krieg umgekommen und meine Tochter ist vor einem Jahr an einer schweren Grippe gestorben.«

Ludgar war hinter dem Tresen immer mehr in sich zusammengesunken.

»Ich möchte Eleona hier in Bakul ein besseres Leben bieten«, fuhr Lenidras leise fort. »Eleona soll leben. Sie soll es hier besser haben, als wir es hatten.«

Ludgar beobachtete, wie Lenidras das Tuch ein wenig hinunterschob und erstarrte – über alle Maßen fasziniert und überrascht zugleich sah er zwei verblüffend smaragdgrüne Augen, die ihn aus dem Leintuchbündel heraus anblickten. Ludgar Hummkirch stockte der Atem. Diese Augen waren so wach, so klar und von so unglaublicher Schönheit, wie er es noch nie gesehen hatte!

Erst als Lenidras den Blick wieder hob, schüttelte Ludgar kurz den Kopf, um wieder zu sich zu kommen, ja, um sich regelrecht zusammenzureißen. Er lächelte verlegen. Das war ihm noch nie passiert, dass er sich so vergessen hatte. Er atmete tief ein und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er wusste, dass Fremde genaustens überprüft werden sollten. Erst vor Kurzem hatte König Saahrrin neue Gesetze erlassen. Irgendetwas musste vorgefallen sein. Doch Ludgar Hummkirch kratzte sich am kahlen Hinterkopf und begann dann nach kurzer Überlegung mit der Suche nach einem der Anmeldeformulare.

Trudi, seine Frau, hätte ihm schön die Leviten gelesen, wenn er diesen erschöpften und bemitleidenswerten Lenidras dieses ganze Prozedere hätte durchmachen lassen. Er hörte schon ihre Worte im Ohr klingen: »Jetzt bürde diesem armen Mann doch nicht noch mehr Schwierigkeiten auf!«

Alles hätte genaustens notiert werden und dann anschließend dem König persönlich übergeben werden sollen. Was für ein Riesenaufwand! Er hatte den Fragebogen durchgelesen. Lenidras hätte unter anderem noch einmal nach Arohby zurückkehren und sich von mehreren Stellen bestätigen lassen müssen, dass er tatsächlich einmal dort gelebt hatte. Also hätte er noch einmal den Weg hin und zurück bei dieser Kälte machen müssen. Was für eine Schikane! Ludgar Hummkirch hatte große Achtung vor dem König. Tatsächlich war das Leben viel besser geworden, seit König Saahrrin an die Macht gekommen war. Doch er konnte das diesem Mann unmöglich zumuten.

Im selben Moment landete eine Brieftaube am Fenster und ein weiterer Mann betrat das Gebäude. Auf dem Gesicht von Ludgar Hummkirch bildeten sich große rote Flecken. Er hatte nicht erwartet, dass so früh am Morgen schon so viel los sein würde. Sonst hätte er Trudi darum gebeten, ihm behilflich zu sein. Aber seine Frau war bereits beim Friseur in der nächsten Straße. Dort ging sie einmal in der Woche hin, um ihre Locken aufzufrischen.

Ludgar holte die Brieftaube vom Fenstersims und begann vorsichtig das kleine Briefchen, das an ihrem Bein befestigt war, abzulösen, während Lenidras hinab auf das Anmeldeformular sah. Er hätte sich nicht damit beeilt, das Formular auszufüllen, doch der Mann neben ihm musterte ihn mit wachsender Neugierde. Bakul war eine kleine Stadt und Fremde sah man hier im Rathaus nicht häufig. So war es vermutlich gar nichts Ungewöhnliches, wenn man hier gemustert wurde. Trotzdem, Lenidras fühlte sich unbehaglich. Rasch kritzelte er das Nötigste auf das Papier und legte es wieder auf den Tresen zurück, wo Ludgar jetzt das kleine Briefchen durchlas, das er vom Bein der Taube gelöst hatte. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen stand nichts allzu Erfreuliches darin.

Lenidras traf auf den Blick des anderen Mannes. Allmählich etwas verärgert über dessen Aufdringlichkeit, hob er die Hand und nickte ihm zu. Obwohl der Mann ein wenig den Kopf neigte und ein halbwegs freundliches Lächeln zustande brachte, merkte man ihm eine gewisse Skepsis, eine Scheu und ein Misstrauen an, was wohl an dem Argwohn lag, den man in Bakul allen Neuankömmlingen erst mal entgegenbrachte.

Der Bürgermeister kritzelte eine kleine Notiz auf einen Zettel, band sie wieder um das schmale Beinchen der Taube, öffnete das Fenster und ließ die Brieftaube in den nun bereits wolkenlosen Himmel davonflattern. Schwer ausatmend drehte sich Ludgar Hummkirch seinen Gästen zu.

»Ah, gut!«, rief er, als er das Formular auf dem Tresen sah. Er warf einen prüfenden Blick darauf und presste dann seine Lippen so fest aufeinander, dass sein Schnurrbart einen Hüpfer machte. »Herzlich willkommen in Bakul!«

*

Fünfzehn Jahre waren seither vergangen. Ludgar saß wie an jedem Morgen mit seiner Frau Trudi am Frühstückstisch. Es sollte wieder ein anstrengender Tag werden. Das Herbsteinläuten – ein beliebtes Fest, das am Wochenende gefeiert werden sollte – stand vor der Tür. Ein guter Grund, ordentlich zuzugreifen und sich zu stärken. Schließlich musste bis zum Mittag noch vieles organisiert und auf die Beine gestellt werden.

Trudi schenkte ihm Kaffee nach und schmunzelte über den Rand ihres Kaffeebechers hinweg.

»Schau mal, Ludi, hier auf dem Festprogramm ist Eleona mit ihrer Klasse abgebildet. Sie haben auch einen Stand beim Herbsteinläuten.«

Ludgar beugte sich nach vorn und kniff die Augen etwas zusammen. Er konnte auf dem Bild ein Mädchen im Teenageralter erkennen, das lachend in die Kamera blickte, während ihr ein Junge mit langen, braunen Haaren den Arm um die Schultern legte. Daneben stand die Tochter eines Freundes, an deren Namen er sich gerade nicht mehr erinnern konnte, und einige andere Schüler. Alle strahlten um die Wette und winkten dem Kameramann zu, um Werbung für ihre Kuchen zu machen, die sie verkaufen wollten.

»Ja«, sagte er. »Lange ist’s her. Ich erinnere mich noch gut daran, als sie mich damals mit ihren smaragdgrünen Augen angesehen hat, dick eingepackt und in den Armen dieses ruhigen, alten Mannes, der im tiefen Winter von Arohby nach Bakul gereist war.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was es ihn damals gekostet haben muss, seine Heimat zu verlassen. Ein schweres Schicksal liegt über den beiden. Meine Güte, die ganze Familie tot. Stell dir das mal vor. Eleona hat nur noch ihren Großvater.« Sein Blick schweifte hinüber zum Fenster. »Es war eine unruhige Zeit gewesen, damals. Der Feuerkrieg war gerade ausgestanden.«

Er streute sich Salz auf sein Spiegelei und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee.

»Gott, bin ich froh, dass König Saahrrin an die Macht gekommen ist.«

»Ja«, pflichtete ihm Trudi bei, während ihr Blick wieder auf das Foto fiel.

»Seither hat es nie wieder Krieg gegeben und von Kriminalität kann auch kaum mehr die Rede sein«, ergänzte Ludgar.

»Außer bei diesen kleinen Banden in Bakul«, sagte Trudi und schmunzelte.

»Nun«, Ludgars Schnurrbart erzitterte, »wenn uns die Ferrans in Ruhe lassen, bin ich allemal zufrieden. Was scheren uns die kleinen Banden, die vielleicht mal hier und da was klauen? Es sind Teenager, die nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht. Das wird auch wieder vorübergehen.«

»Wenn ich mich nicht irre«, sagte Trudi und hielt sich das Foto näher hin, »habe ich Eleona auch schon ein paarmal mit diesem Jungen gesehen.«

»Mit wem?«

»Mit diesem Jungen, der ihr den Arm über die Schulter gelegt hat.« Sie zeigte ihm das Foto.

»Ja.« Ludgar überlegte. »Ist das nicht dieser Ramon? Ramon, wie heißt er noch weiter? Er ist schon im Sommer aus der Schule gekommen. Muss ein Jahr älter sein als Eleona.«

Trudis Blick verschleierte sich. »Das gäbe ein hübsches Paar ab, die zwei. Sie scheint diesem Ramon jedenfalls zu gefallen. Ich habe einmal beobachtet, wie er sie angesehen hat, als sie über den Markt zum Meer hinuntergeschlendert sind. Kein Mann sieht eine Frau so an, wenn er nicht verliebt ist.«

Ludgar warf ihr einen tadelnden Blick zu.

Trudi lächelte; die blonden Locken auf ihrem Kopf hüpften, als sie den Kopf drehte, zu ihrem Mann schaute und keck die Augenbrauen hob.

»Ramon soll auch in einer solchen Bande sein«, sagte Ludgar, während er sich immer noch den Kopf darüber zermarterte, welchen Nachnamen Ramon hatte. Es fiel ihm partout nicht mehr ein. Er schob sich noch das letzte Stück Spiegelei in den Mund und stand auf. »Möge der Tag glücklich verlaufen!«, sagte er und gab Trudi einen Kuss.

Lenidras, wie üblich bekleidet mit einem einfachen weißen Hemd und braunen Hosen, stand am großen Fenster im Wohnzimmer, wo er einen guten Blick aufs Meer hatte, und sah sich den Sonnenuntergang an. Und wie immer, wenn die Sonne langsam am Horizont verschwand und die Wände in rötlich schimmerndes Licht tauchte, befiel ihn eine eigenartige Traurigkeit. Es war das Ende des Tages und der Anfang der Nacht – ewig gleich und unaufhaltsam; das Licht verschwand und die Dunkelheit brach an. Für manche war es die schönste Zeit des Tages, für andere die Schlimmste.

Er beobachtete, wie die Möwen in der Abenddämmerung ihre letzten Kreise zogen, und gegen seinen Willen legte sich seine Stirn in Falten. Sein Blick fiel auf die Uhr – Eleona verspätete sich abermals … So viele Jahre waren vergangen, seit sie hierhergekommen waren, und wieder einmal neigte sich der Sommer dem Ende zu. Die Tage wurden kälter und die Wellen des Meeres heftiger. Laut tobend krachten sie gegen die hohen Klippen und niemand war mehr so töricht, sich abends unten am Meer der bissigen Kälte auszusetzen – außer ein paar Teenagern, die laut lachend auf dem Uferweg standen und herumalberten.

Eleona räkelte sich am Geländer neben Ramon, der gerade dabei war, Goldmünzen in seiner Hand zu zählen. Seine Augen verengten sich, während ihm sein langes Haar ins Gesicht wehte. Eleona ließ den Blick über seine Züge schweifen: die ausgeprägten Wangenknochen, die vollen Lippen, die sich nun zu einem anerkennenden Lächeln verzogen, die gerade Nase, das Muttermal unter seinem rechten Auge … Sie fühlte seine Wärme durch seine Jacke hindurch, während er sich am Geländer an sie lehnte. Er deutete auf seine Hand. Bedeutungsvoll hob er die Augenbrauen.

»Nicht schlecht, hm?«, flüsterte er ihr zu, und feine Lachfältchen bildeten sich am Rand seiner Augen, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt waren.

Ramon. Er war der Anführer ihrer Bande. Nicht nur, weil er der Älteste war oder weil er gut einen halben Kopf größer war als sie alle. Er verfügte vielmehr über die besondere Gabe zu führen – eine Gabe, die nur sehr wenigen vergönnt war.

»Hm«, entgegnete Eleona. »Nicht übel.«

Jetzt offenbarte Ramons breites Lachen eine Reihe blendend weißer Zähne. Er wandte sich Fin zu.

»Gute Arbeit, Fin, so viel hast du noch nie erbeutet.«

Fin hob abschätzig seine Brauen. »Was? Und was war letzte Woche? Die Perlen waren mindestens genauso viel wert!«

Fin hatte kurzes, blondes Haar, das meist irgendwo wirr am Kopf abstand und über seine Nase verteilten sich haufenweise Sommersprossen, die gerade nach der langen Hitzeperiode besonders deutlich hervorstachen. In seinen wachen, hellblauen Augen lag oft ein freudiger Schalk, der jedoch auch schnell von einem dämonischen Glimmen abgelöst werden konnte.

»Du hättest die mal sehen sollen! Solche Kerle waren das!«

Eleona spürte das Geländer neben sich vibrieren – Xaira, die sich neben sie an das Geländer gelehnt hatte, lachte leise.

»Was!«, zischte Fin, und seine Augen blitzten zu Xaira herüber. »Zeig mal, was du erbeutet hast!«

Sie zwinkerte Eleona zu und stieß sich vom Geländer ab.

Eleona hob neugierig den Blick. Xaira war bisher nie sonderlich erfolgreich damit gewesen, reiche Leute um ihre Wertsachen zu erleichtern. Dass sie Fin so vorwitzig herausforderte, überraschte sie. Mit einem breiten Grinsen zog Xaira eine lange, goldene Kette aus ihrer Jackentasche. Ein anerkennender Pfiff glitt von Ramons Lippen, und mit triumphierendem Blick hielt Xaira die Kette hoch ins matte Licht der Straßenlaterne.

Ein mandelgroßer, grüner Stein hing daran.

Eleona, die am Geländer lehnte und dabei zusah, wie Xairas Augen zu strahlen begannen, jetzt, da es offensichtlich war, wer heute als Sieger nach Hause gehen würde, tauschte einen vielsagenden Blick mit Ramon, als sie plötzlich ein merkwürdiges Ziehen in ihrer Nabelgegend verspürte. Der Griff ihrer Hände um das Geländer lockerte sich und ein sonderbares Summen erfüllte ihren Kopf – Eleona fühlte, wie ihr alle Gedanken entglitten. Sie sah hoch in das herrliche Grün des Steins, in dem sich das Licht tausendmal zu brechen schien.

Von weit her hörte sie undeutlich Fins abschätzige Stimme, hörte, wie Xaira zurückfauchte, und nahm dann vage wahr, wie sich Ramons Silhouette auf die Kette zubewegte.

Der Kreis, in dem sie standen, schien sich immer mehr zu schließen. Ein Windstoß fuhr ihr durchs Haar und ließ sie erschaudern. Eleona spürte, wie ihr Herz zu rasen begann, wie sich ihr Atem beschleunigte und ihr eine sengende Hitze das Rückenmark hochschoss. Dann war sie unfähig, zu denken.

Das sanfte Leuchten des Steins war unvergleichlich. Wie es aus dem klaren, dunklen Grün brach, wie es leicht schimmerte, wenn sich der Stein in der Luft bewegte! Noch nie zuvor hatte sie so etwas Wunderschönes gesehen … Ihre Hände verließen das Geländer, ohne dass sie etwas dazu beitrug.

Der Stein war zu wertvoll – zu wertvoll, um ihn hier zu präsentieren …

Dumpfe, unverständliche Worte drangen an den Rand ihres Bewusstseins, doch sie waren zu leise, als dass sie sie verstanden hätte … Das Summen in ihrem Kopf wurde lauter … Sie musste den Stein beschützen … Sie musste ihn an sich nehmen … Sie musste dafür sorgen, dass er in Sicherheit war … Er ist mein!, dachte Eleona. Er gehört zu mir! Sie schwebte in einem luftleeren Raum, geblendet von dem sanften Glühen des Steins – hypnotisiert von seinem mystischen Schimmern.

Eine plötzliche Bewegung riss sie aus dieser seltsamen Betäubung – sie war zu schnell, zu hektisch. Irritiert wandte sie den Blick zur Seite, als Ramon den Arm ausstreckte und die Kette ergriff. Eleona schnappte nach Luft, starrte auf seine geschlossene Faust und klammerte sich keuchend am Geländer fest. Eine eisige Schwäche breitete sich in ihrem Körper aus und ihr wurde schlecht. Schwer atmend lehnte sie sich zurück, das Herz hämmerte heftig gegen ihren Brustkorb, dann blickte sie in die Runde.

Alle fixierten Ramon, der die goldene Kette jetzt vorsichtig in die Höhe hielt. In ihren Gesichtern spiegelte sich jedoch nicht diese verrückte Anwandlung, dieser begierige Drang, den Eleona soeben verspürt hatte.

»Woher hast du sie?«, fragte Ramon Xaira, ohne den Blick von der Kette abzuwenden.

»Ich habe sie einer Frau auf dem Markt abgenommen.«

»Es war bestimmt eine Zeunerin!« Fin verzog das Gesicht.

Zeuner. Noch so etwas, worüber man in Bakul Bescheid wissen sollte: Zeuner galten als nichts. Sie waren nirgends willkommen, obwohl sie von weit her ihre Handelsware in die Städte brachten und nicht selten auf dem Weg von den Ferrans ausgeraubt wurden. Trotzdem: Die Zeuner galten als etwas Dreckiges, als Parasiten, die Krankheiten und Unheil mitbrachten, und so wurden sie auch behandelt.

Ramon warf Eleona einen kurzen Seitenblick zu.

»So etwas hab ich noch nie gesehen«, murmelte er.

»Muss Zeunerschmuck sein …« Fin blickte angeekelt drein und Xaira warf ihm einen giftigen Blick zu.

»Hat von euch schon jemand so eine Kette gesehen?«, fragte Ramon und hielt das Schmuckstück in die Höhe, sodass alle einen besseren Blick darauf werfen konnten.

Im Schein der Straßenlaterne erglühte der Stein jetzt in einem merkwürdig rötlichen Schimmer. Das Glühen wurde stärker. Es sah aus, als ob sich ein kleines Feuer in seinem Innersten entfacht hätte. Es brach in feinen Linien durch den Stein, zog sich in dünnen Bahnen durch das beharrlich dunkler werdende Rot, während Ramons Stimme immer leiser wurde.

Abermals erfüllte ein leises Summen Eleonas Kopf. Breit und kühl entfaltete es sich und dämpfte ihre Sinne. Alles in ihr wurde ruhig und unbeschwert und sie glitt in ein nie gekanntes, entspanntes Dasein. Das zärtlich sanfte Glühen, das der Stein ausstrahlte, drang direkt in sie hinein. Es erfüllte sie. Es hüllte sie ein in ein unbeschreiblich glückvolles Dasein. Das Rot im Innersten des Steins wurde stärker. Eleona fühlte, wie sich alle ihre Muskeln lockerten, während die Welt um sie herum jegliche Bedeutung verlor, alles andere war plötzlich unwichtig, wertlos. Nur der Stein allein zählte, nur der Stein allein war wichtig!

Eleona näherte sich dem Stein, während eine Stimme in ihrem Kopf plötzlich schrie: »Nein! Tu das nicht!«

Sie hätte nur noch die Hand ausstrecken und ihn an sich nehmen müssen. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihn zu ergreifen.

»Lass es!«

»Aber wieso?«, fragte Eleona die Stimme, die dessen Panik nicht verstehen konnte. Sie hob langsam die Hand …

»Neiiiin!«

Eleona blinzelte.

»Hör auf damit!«, schrie die Stimme erneut und Eleona riss sich vom Stein los.

Schwer atmend richtete sie den Blick auf Fin, der sich gleich neben dem Stein befand, und versuchte sich auf sein Gesicht zu konzentrieren, einzuprägen, wie sich die Haut im Schein der Straßenlaterne heller abzeichnete, wie …

Das Glühen des Steins wurde stärker – es war mit nichts, was sie je zuvor zu Gesicht bekommen hatte, zu vergleichen …

»Eleona?«

Jemand berührte sie an der Schulter und Eleona zuckte zusammen.

»Was …«, keuchte sie mit einem Brechreiz in der Kehle und starrte in das Gesicht, das sie plötzlich vor sich sah.

»Hast du schon einmal so etwas gesehen?«, fragte Ramon und zog eine Augenbraue hoch.

Die eisige Schwäche von zuvor kehrte in ihre Glieder zurück.

»Nein«, stammelte sie.

Abschätzig zog sich Ramons Stirn in die Länge.

»Ach komm schon, Eleona.« Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Du hast dir den Stein doch noch gar nicht einmal richtig angeschaut.«

Seine warme Hand hob die ihre und im nächsten Augenblick ließ er den Stein mit der Kette in ihre flache Hand fallen.

Eleona sog scharf Luft ein, als sie plötzlich etwas Kühles und Leichtes auf ihrer Handfläche spürte. Beinahe entfuhr ihr ein zittriges Lachen. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, doch jetzt, da sie den Stein in der Hand hielt, kam es ihr merkwürdig vor, dass sie nicht mehr empfand als reine Erleichterung. Ramons Blick blieb auf ihr haften, während sie das Glühen im Stein verfolgte; wie feine Risse lief es durch die glatte Struktur und leuchtete da und dort auf. Egal wie sie ihn drehte und in welchem Winkel sie ihn zum Licht hielt, sie hatte den Eindruck, dass der Stein nicht bloß das Licht der Straßenlaterne reflektierte, sondern solches ausstrahlte.

Eleona fühlte, wie sich Ramons Füße bewegten, wie der Stoff seiner Jacke den ihren berührte und sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von ihrem entfernt war. Ihr Interesse schien seines noch mehr geweckt zu haben. Dann spürte sie, wie er erneut den Blick vom Stein hob und abermals ihr Gesicht betrachtete.

Angestrengt versuchte Eleona, sich weiter auf das rötliche Schimmern zu konzentrieren – doch so besessen sie auch davon war, Ramon machte sie nervös und hinderte sie am Denken.

Das war schon immer so. Für sie war es unerklärlich, mit welchem Interesse er sich ihr widmete. Obwohl Xaira sie als das schönste und außergewöhnlichste Mädchen von ganz Bakul bezeichnete, fand sich Eleona selbst nichts Besonderes. Sie hatte zwar schönes, dunkelbraunes Haar, das ihr bis ins Kreuz fiel, doch ein blasses Gesicht und war viel zu dünn. Das Einzige, was Eleona an ihrem Äußeren wirklich mochte, waren ihre Augen. Sie waren von einem Smaragdgrün, wie sie es anderswo noch nie gesehen hatte. Nur Lenidras hatte ihr einmal erzählt, dass ihre Mutter genau dieselben Augen hatte.

Eleona konnte sich nicht mehr an ihre Eltern erinnern. Sie war noch zu klein gewesen, als sie starben, und sie hatte keinerlei Andenken an sie. Keine Bilder, keine Briefe, rein gar nichts – bis auf ein Medaillon, das sich nicht öffnen ließ. Sie hatte es, seit sie es von ihrem Großvater bekommen hatte, kein einziges Mal abgelegt. Obwohl die feine Kette, an der das Medaillon befestigt war, nicht gerade den robustesten Eindruck erweckte, war sie ihr immer erhalten geblieben.

Eleona kniff die Augen zusammen, als sie plötzlich eine winzig kleine Gravur im Inneren des Steins entdeckte!

»Dieses Symbol, das ist doch …«, murmelte sie und hielt den Stein ans helle Licht der Straßenlaterne.

Egal wie sie ihn drehte, konnte sie das Zeichen genau erkennen und sah es nie verkehrt herum – es schien sich dem Blickwinkel anzupassen. Und jetzt, da sie es sah, fand sie es merkwürdig, dass es ihr bis jetzt noch nicht aufgefallen war – als wäre es soeben erschienen.

Xaira reckte sich nach vorn. Ihre Neugier war wohl zu groß, als dass es sich gelohnt hätte, weiter zu schmollen. Sie zitterte leicht. Wie immer war sie mal wieder viel zu dünn angezogen.

Eleona zog sie an sich. Obwohl sie meistens ihre Jacke geöffnet hatte, fror sie nie. Irgendein Gendefekt schien zu verhindern, dass sie so etwas wie Kälte empfinden konnte – jedenfalls in dem Maße, wie es ein normaler Mensch tat. Vermutlich würde sie erfrieren, ohne es überhaupt zu merken.

Xaira war ihre Freundin. Sie hatte blondes, langes, leicht gewelltes Haar. Hellblaue Augen leuchteten aus einem gebräunten Gesicht heraus, auf dem wie bei Fin viele winzige Sommersprossen zu sehen waren, und wenn sie lachte, bogen sich ihre Augen zu kleinen Halbmonden, sodass man ihre Pupillen fast nicht mehr sehen konnte. Dieses Lächeln jedoch bekam nicht jeder zu Gesicht. Xaira war sehr stolz und etwas eingebildet, fand Lenidras. Überhaupt mochte er Eleonas Bande nicht sonderlich gut leiden. Er meinte immer, es wären nicht die Freunde, die einem in wirklicher Not helfen würden. Aber da täuschte er sich. Ramon, Maurin, Fin und Xaira hatten ihr schon so manches Mal aus der Patsche geholfen. Von diesen Ereignissen wusste Lenidras natürlich nichts; er ertappte sie ohnehin schon zu oft bei Dingen, von denen er besser nichts erfahren hätte.

Xairas Augen weiteten sich, als sie das kleine Symbol in dem Stein erblickte. »Das ist doch … ist es das wirklich?«, keuchte sie und legte den Kopf schräg, um es besser betrachten zu können.

Eleona runzelte die Stirn. »Ja, scheint so. Es hat genau dieses Muster.«

Auch Maurin und Ramon traten jetzt näher; selbst Fin lugte gespannt über Xairas Schulter.

Eleona hatte noch in lebendiger Erinnerung, wie sie im Geschichtsunterricht bei Professor Brandt die Schirkans durchgenommen hatten; ein kleines Kapitel, das er nebenbei hatte einfließen lassen. Doch für Eleona war es das Spannendste im ganzen Jahr gewesen. Die Schirkans – die bösen Wesen der Schattenwelt, die irgendwo im Dunklen einer Höhle leben sollen. Sogar Xaira hatte sich dafür interessiert. Und sie hielt im Allgemeinen nicht mehr vom Geschichtsunterricht als vom Sport. Und Sport ertrug sie nur deshalb, weil sie sich in Lehnar, den Sportlehrer, verliebt hatte.

»Was ist das für ein Symbol?«, bohrte Ramon nach.

»Du kennst es nicht?« Xaira warf sich schwungvoll die Haare über die Schulter. »Es ist das Symbol der Schirkans. Der Überlieferung nach, sollen sie im Vuir auth, genannt auch Feuerkrieg, der 547 bis 548 stattgefunden hat, eine Rolle gespielt haben«, führte sie in wichtigtuerischem Ton aus.

»Du bist einer dieser Schildkansfrauen begegnet?«, flüsterte Fin, die Augen schreckensstarr.

»Schirkan, Fin!«, fauchte Xaira, »und: Nein! Natürlich war diese Frau kein Schirkan! Sonst wäre ich jetzt nicht mehr am Leben!«

»Aber woher hatte diese Frau denn diesen Schmuck?«, fragte Fin grimmig.

»Keine Ahnung! Was weiß ich!«

»Meint ihr wirklich, der Stein kommt von dort? Das sind doch bloß Legenden …«

Maurin. Er war der Unscheinbarste ihrer Gruppe. Er hatte dunkles, leicht gewelltes Haar und nichts an ihm war wirklich auffallend. Er hatte schöne, grüne Augen und reine Haut, auf der sich kein einziges Muttermal oder sonst irgendeine Unreinheit niederzulassen gewagt hätte. Er hielt sich meistens im Hintergrund auf; nie war er derjenige, der einen Streit anfing oder sich sonst hervortat. Eleona mochte Maurin fast am liebsten – wenn da nicht dieses andauernd warme Gefühl wäre, das sie in Anwesenheit von Ramon verspürte.

Ramon hob die Hand und nahm ihr die Kette wieder aus der Hand – Eleona sog scharf die Luft ein, als sie erneut ein Ziehen in ihrer Magengrube spürte. Auf einmal fühlte sie sich fiebrig und eine kalte Schwäche kroch ihr die Beine hoch. Dann spürte sie, wie sich das Geländer neben ihr bewegte, und riss den Blick mühsam vom Stein los.

Xaira schaute sie missbilligend an.

Die Kirchenglocke läutete zehn Uhr.

»Was?«, fragte Eleona.

»Es hat zehn Uhr geläutet«, bemerkte Xaira und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

Eleona lehnte sich nach hinten und blickte in das dunkle Grau des Himmels. Sie liebte die Abenddämmerung, wenn alles ruhig wurde und sich die Stille wie ein Tuch über die Stadt legte. Immer wenn die Nacht hereinbrach, fühlte sie, wie ihr Herzschlag ruhiger und sie gleichzeitig wacher und klarer wurde.

»Solltest du nicht seit neun Uhr zu Hause sein?« Xaira begann ihre wilde Mähne, die sich andauernd im Wind zerzauste, zu einem Zopf zu flechten.

Eleona warf ihr einen finsteren Blick zu.

»Danke«, knurrte sie leise, »das hätte ich glatt vergessen.«

»Ich möchte nur nicht, dass du wieder Hausarrest bekommst.«

»Schon klar.« Eleona stieß sich grimmig vom Geländer ab und trat vor Ramon. Sie war die Letzte, die dran war, ihre Beute auszuhändigen.

Maurin hatte heute ein feines Silberarmband in die Fundkiste gelegt, Ramon hatte einen Mann um seine teure Tabakschatulle erleichtert und Fin einige Goldmünzen aus dem Sack eines Händlers erbeutet.

Langsam hob sie die Arme und streifte Ramon eine goldene, mit Juwelen besetzte Kette über den Kopf.

Er verlor mitten im Satz den Faden und als Eleona ein Lächeln in seinem Gesicht erblickte, verspürte sie einen leichten Stich, denn die Tage, die er noch mit ihnen verbringen würde, waren gezählt. Ramon hatte sich im vergangenen Jahr als Soldat beworben und die Prüfung mit Bravour bestanden. Wie erwartet. Da er ein Jahr älter war als sie und schon diesen Sommer die Schule abgeschlossen hatte, würde er bereits in wenigen Tagen den Dienst als Soldat im Schloss Siramon antreten. Ein aufregender Gedanke, für König Saahrrin arbeiten zu dürfen. Natürlich freute sie sich für Ramon, denn das wollte er schon immer. Und dennoch quälte sie dieser Gedanke mehr als alles andere.

In dieser Welt, in der sich Eleona zuweilen nicht verstanden oder dazugehörig fühlte, gab ihr Ramon das Gefühl, getragen zu werden. Wenn er hier war, war alles gut. Seine Nähe gab ihr jedes Mal ein Gefühl der Erleichterung – als würde er sie von allem Ballast befreien. Sie hatte immer gewusst, dass ihre Zeit als verschworene Bande irgendwann abgelaufen sein würde, und hatte versucht, den Gedanken mit aller Kraft zu verdrängen. Doch jetzt, da es so weit war, überfiel sie eine bleierne Schwere, die zu vergleichen war mit einem Abschied für immer. Es war eine Illusion zu glauben, dass sie ihre Freundschaft danach so eng aufrechterhalten könnten, wie es jetzt war – auch wenn Xaira sie andauernd vom Gegenteil überzeugen wollte. Es war nun einmal der Lauf des Lebens, der die Dinge veränderte; das war so klar und logisch wie die Nacht, die auf den Tag folgt – sie würde Ramon verlieren und sie konnte nichts dagegen tun.

»Die Königin der Diebe«, flüsterte Ramon. »Wie hast du es diesmal angestellt?« Das Braun seiner Augen glühte wie flüssiger Bernstein, und während sein Blick auf ihr ruhte, fühlte sie, wie etwas in ihrem Innersten sich zu winden begann. Sie war nie gut darin, Abschied zu nehmen.

»Ich hab sie Hassans Mutter abgenommen«, sagte Eleona ohne Umschweife.

Fin blinzelte, dann brüllte er vor Lachen.

Hassan. Er gehörte zur anderen Bande von Bakul. Es verging praktisch kein Tag, an dem sie nicht wegen irgendwelcher Kleinigkeiten aneinandergerieten. Noch gingen sie in die gleiche Schulklasse, weil er und seine »Ratten« der gleiche Jahrgang waren. Für Eleonas Geschmack verbrachten sie eindeutig zu viel Zeit mit ihnen.

Eine halbe Stunde später – es hatte wieder mal eine Weile gedauert, bis sie sich hatte losreißen können – überquerte Eleona die schwach beleuchtete Küstenstraße und bog in die dunkle Hohlgasse ein. Ein kalter, bissiger Wind kam auf und Eleona zog die Kapuze tiefer ins Gesicht.

Es fühlte sich merkwürdig an, doch den Stein bei ihren Freunden zu lassen, erfüllte sie mit unerklärlicher, nicht nachvollziehbarer Unruhe.

Eleona beschleunigte ihre Schritte und versuchte den Stein aus ihren Gedanken zu verscheuchen.

Der Wind, der durch die Straße fegte, peitschte die Äste der Bäume und Sträucher heftig aneinander. Ein Heulen fuhr durch die Ritzen der Häuser und gelegentlich schlugen lose Fensterläden gegen die alten Fassaden.

›Vielleicht‹, dachte Eleona, ›hat es etwas mit den Geschichten zu tun, die sich die Leute hier in Bakul erzählen, weshalb Lenidras gerade in letzter Zeit so übervorsichtig ist.‹ Seit einiger Zeit geschahen anscheinend merkwürdige Dinge – man erzählte sich von grauenvollen Kreaturen mit roten Augen und riesigen gefletschten Zähnen, die das Land durchzogen und Menschen auflauerten.

Eleona wusste nicht, was sie von diesen Geschichten halten sollte. Sie hielt im Allgemeinen nicht viel von Gerüchten, die immer wieder im Umlauf waren. Es war ihr aufgefallen, dass schon seit Langem nicht mehr viel Aufregendes passiert war. Da war es nicht weiter verwunderlich, wenn solche abstrusen Geschichten bei den Leuten Anklang fanden. Und Verletzte von irgendwelchen Angriffen gab es auch keine.

Eleona wollte gerade einem herunterhängenden Ast ausweichen, als sie mitten in der Bewegung verharrte und sich umdrehte. Ein eigenartiges Kribbeln im Nacken gab ihr das Gefühl, beobachtet zu werden. Stirnrunzelnd ließ sie den Blick über die verlassene Straße hinter sich schweifen. Irgendetwas hatte sich bewegt. Sie hielt einen Moment inne, doch da war nur der Wind, der erbarmungslos weiter tobte; die Gegend schien menschenleer zu sein. Bestimmt hatte sie sich das nur eingebildet, oder vielleicht rannte irgendwo ein aufgescheuchtes Tier davon. Verächtlich wandte sie sich von der dunklen Hecke ab. Langsam ging Eleona weiter, doch schon im nächsten Augenblick wandte sie sich erneut um und die Kapuze fiel ihr vom Kopf. Eleona spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten und ein Schauer über ihren Rücken hinunterlief.

Etwas bewegte sich in der Hecke neben ihr. Ihre Augen bohrten sich in das dunkle Schwarzgrün der Blätter, während sie angestrengt versuchte, etwas zu erkennen. Da – etwas bahnte sich seinen Weg durch das Dickicht auf sie zu! Eleona starrte in dunkelrote Augen, während sie das Ausmaß seiner Größe erfasste. Etwas Riesiges kam auf sie zu! Eleona hob, bereit zuzuschlagen, die Arme, da ertönte plötzlich ein lautes, ein markerschütterndes Krächzen. Sie stolperte zurück und ein Ungetüm stürzte aus dem Gebüsch auf sie zu, krächzte schrill auf, schlug heftig mit den Flügeln, während Eleona zu Boden fiel und die Hände vors Gesicht hielt, jeden Moment damit rechnend, messerscharfe Krallen in der Haut zu spüren – doch kurz bevor es Eleona erreicht hatte, stieß es sich vom Boden ab und flog in den nachtschwarzen Himmel davon.

»Eleona!«