Soziale Arbeit mit marginalisierten Jugendlichen - Markus Ottersbach - E-Book

Soziale Arbeit mit marginalisierten Jugendlichen E-Book

Markus Ottersbach

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Beschreibung

Für die Soziale Arbeit ist die Unterstützung marginalisierter Jugendlicher eine Kernaufgabe und eine Herausforderung. Die Besonderheiten dieser Zielgruppe erfordern spezielle Kenntnisse, Methoden und Angebote, mit denen die Jugendlichen erreicht und gefördert werden können. Dieses Buch vermittelt diese Grundlagen für die Soziale Arbeit mit marginalisierten Jugendlichen. Ausgehend von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den Lebenslagen und Lebensstilen der Jugendlichen erörtert das Buch die Unterstützungsmöglichkeiten, die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter nutzen können. Im Zentrum steht dabei die Frage: Wie kann Soziale Arbeit marginalisierten Jugendlichen gesellschaftliche Partizipation ermöglichen? Dazu werden sowohl bewährte Programme der Jugendsozialarbeit, der Gemeinwesenarbeit und der Schulsozialarbeit als auch innovative Angebote aus der politischen Bildung, der internationalen Jugendarbeit und der Jugendverbandsarbeit vorgestellt.

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Autor

Prof. Dr. Markus Ottersbach ist promovierter und habilitierter Soziologe und seit 2005 Professor für Soziologie an der Technischen Hochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Seit 2014 ist er dort Direktor der Instituts für interkulturelle Bildung und Entwicklung und Leiter des Forschungsschwerpunkts »Migration und Interkulturelle Kompetenz«. Seine aktuellen Schwerpunkte in der Lehre sind Migration, Soziale Ungleichheit und Soziale Arbeit. Markus Ottersbach hat zahlreiche Forschungs- und Evaluationsprojekte im Auftrag staatlicher Institutionen, Stiftungen und sozialer Einrichtungen geleitet und zahlreiche Monographien, Sammelbände und Artikel zu den Themen Migration, Stadtsoziologie, Politische Partizipation, Jugendsoziologie und Soziale Arbeit publiziert.

Markus Ottersbach

Soziale Arbeit mit marginalisierten Jugendlichen

Verlag W. Kohlhammer

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037278-8

E-Book-Formate:

pdf:        ISBN 978-3-17-037279-5

epub:     ISBN 978-3-17-037280-1

mobi:     ISBN 978-3-17-037281-8

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1     Bedeutung und Probleme der Begriffswahl: Ein Plädoyer für den Begriff »marginalisierte Jugendliche«

1.1 Der Begriff der »Randgruppe«

1.2 Der Begriff der »sozialen Benachteiligung«

1.3 Der Begriff der »bildungsfernen Jugendlichen«

1.4 Der Begriff der »Ausgrenzung« bzw. der »Exklusion«

1.5 Der Begriff der »abgehängten Jugendlichen«

1.6 Plädoyer für den Begriff der »marginalisierten Jugendlichen«

1.7 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

2     Theoretische und analytische Vorbemerkungen: Makro-, Meso- und Mikroperspektive

2.1 Makrokontext: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

2.2 Mesokontext: Lebenslagen

2.3 Mikrokontext: Lebensstile und soziale Milieus

2.4 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

3     Methodologische Aspekte zur sozialwissenschaftlichen Erkundung der Lebenslage und der Lebensstile

3.1 Quantitative und qualitative Methoden

3.2 Entwicklung und Bedeutung der subjektiven Perspektive in modernen Gesellschaften

3.3 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

4     Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Lebenslagen marginalisierter Jugendlicher

4.1 Individualisierung

4.2 Pluralisierung

4.3 Globalisierung

4.4 Das Zusammenspiel von Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung in Bezug auf marginalisierte Jugendliche

4.5 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

5     Die Lebenslagen marginalisierter Jugendlicher

5.1 Ökonomisches Kapital

5.2 Kulturelles Kapital

5.3 Soziales Kapital

5.4 Politisches Kapital

5.5 Die Erkundung der Lebenslagen vor dem Hintergrund des Capability-Approach

5.6 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

6     Lebensstile, soziale Milieus und mögliche Entwicklungswege marginalisierter Jugendlicher

6.1 Lebensstile und soziale Milieus

6.2 Mögliche Entwicklungswege

6.3 Aktivierung und widerständige Praktiken marginalisierter Jugendlicher

6.4 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

7     Re-Inklusion und Verhinderung von Exklusion marginalisierter Jugendlicher als Herausforderungen für die Soziale Arbeit

7.1 Wichtige Eckpunkte: Sozialraum-, ressourcen- und diversitätsorientierte, kritisch-reflexive Soziale Arbeit

7.2 Bewährte Angebote und Methoden: Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit und Gemeinwesenarbeit

7.3 Weitere Erfordernisse: Soziales Lernen und inklusive Bildung durch das Zusammenbringen und Fördern von Jugendlichen unterschiedlicher sozialer Milieus

7.4 Neue Ansätze für diese Zielgruppe: Politische Jugendbildung, Internationale Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit

7.5 Partizipation und Agency in der Sozialen Arbeit

7.6 Grenzen sozialarbeiterischer Interventionen: Die Verantwortung der Politik

7.7 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

Literaturverzeichnis

 

Einleitung

 

 

 

In der Öffentlichkeit gelten marginalisierte Jugendliche im besten Fall als eine Gruppe, der mit Mitleid zu begegnen ist, und im schlimmsten Fall als eine Gruppe, deren Verhalten als asozial zu bezeichnen ist und die deshalb weggesperrt werden muss. Während die Vertreter*innen der ersten Sichtweise eher eine caritative Haltung zeigen, finden sich die Anhänger*innen der zweiten Perspektive in ganz unterschiedlichen Lebenslagen und sozialen Milieus wieder. Es sind nicht nur Bewohner*innen wohlhabender Quartiere, die diese Gruppe Jugendlicher homogenisieren und ihr verächtlich gegenüber auftreten, sondern auch Vertreter*innen der Mittelschichten und auch der Unterschichten selbst, die Vorbehalte gegenüber marginalisierten Jugendlichen äußern. Auch verschiedene Berufsgruppen sind dabei vertreten: Neben Politiker*innen gibt es auch zahlreiche Vertreter*innen der Medien, die an reißerischen und spektakulären Bildern von diesen Jugendlichen interessiert sind und diese partiell auch im Rahmen ihrer Profession selbst produzieren.

Gemeinsam ist den ›öffentlichen‹ Bildern von marginalisierten Jugendlichen, dass sie erstens einer differenzierten, sachlichen, wissenschaftlichen und professionellen Perspektive widersprechen und zweitens der Gruppe nicht wirklich helfen, ihre Situation zu verbessern.

Eine solche, differenzierte, sachliche, wissenschaftlich fundierte und professionelle Sichtweise muss als erstes vor allem Abstand davon nehmen, dass es sich bei der Gruppe der marginalisierten Jugendlichen um eine homogene Gruppe handelt. Auch wenn die Mitglieder dieser Gruppe sicherlich mit ähnlichen strukturellen Gegebenheiten konfrontiert sind, unterscheiden sich ihre Umgangsweisen mit diesen strukturellen Bedingungen doch erheblich. Dennoch ist die Analyse dieser strukturellen Bedingungen eine zentrale Aufgabe sozialwissenschaftlicher Forschung. Um konkrete und professionelle sozialarbeiterische Ansätze und Konzepte zu entwickeln, darf die Forschung bei dieser Analyse jedoch nicht verharren, sondern muss auch die subjektiven Be- und Verarbeitungsweisen dieser strukturellen Bedingungen durch die einzelnen Mitglieder der Gruppe marginalisierter Jugendlicher betrachten.

Um eine effektive, professionelle Unterstützung marginalisierter Jugendlicher aus Sicht der Sozialen Arbeit leisten zu können, ist es zunächst wichtig, die für die Zielgruppe üblichen Bezeichnungen kritisch zu betrachten. Inzwischen kursiert eine ganze Menge an Titulierungen, die die Gruppe mehr oder weniger etikettieren und stigmatisieren. Einen analytischen und nicht-stigmatisierenden Begriff für die Zielgruppe zu finden, ist jedoch nicht einfach. Ein möglichst wertfreier, den Entwicklungsprozess berücksichtigender und nicht-stigmatisierender Begriff für diese Gruppe ist der Begriff »Marginalisierte Jugendliche«. Er ist neutral, reflektiert den Prozesscharakter und verhindert eine Stigmatisierung der Gruppe.

Neben der kritischen Auseinandersetzung mit Begriffen geht es bei der Erarbeitung eines professionellen sozialarbeiterischen Handlungskonzepts auch um Kenntnisse über gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Lebenslage der betroffenen Jugendlichen, deren Lebensstile und soziale Milieus. Damit rückt die gesellschaftliche Partizipation marginalisierter Jugendlicher ins Zentrum der Analyse. Die gesellschaftliche Partizipation umfasst alle drei Aspekte: die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Aspekte der Lebenslage, die von Pierre Bourdieu auch als Kapitalformen bezeichnet werden und das Verhalten und Handeln der Jugendlichen prägen, und auch die – aktive oder auch passive – Gestaltung des Alltags durch die Jugendlichen selbst, die im Kontext ihrer Lebensstile und der Zugehörigkeit zu sozialen Milieus sichtbar wird.

Für die Soziale Arbeit ist die Unterstützung marginalisierter Jugendlicher eine Herausforderung. Die zahlreichen Restriktionen, denen die Zielgruppe im Kontext der gesellschaftlichen Partizipation ausgesetzt sind, erfordern ein besonderes Bewusstsein für die zentralen Eckpunkte Sozialer Arbeit, die sich als Sozialraum-, Ressourcen- und Diversitätsorientierung und einer kritisch-reflexiven Ausrichtung der Sozialen Arbeit benennen lassen. Notwendig sind sowohl bereits bewährte als auch innovative Ansätze und Angebote der Sozialen Arbeit, mit denen diese Jugendlichen erreicht und gefördert werden können. Die Jugendsozialarbeit, die Gemeinwesenarbeit (GWA) und inzwischen auch die Schulsozialarbeit sind bereits bewährte Angebote und Ansätze, die marginalisierten Jugendlichen wirkungsvolle Unterstützungsleistungen bieten. Um soziales Lernen und inklusive Bildung zu ermöglichen, ist es jedoch zudem wichtig, diese Jugendlichen auch in Angebote der politischen Jugendbildung, der internationalen Jugendarbeit und der Jugendverbandsarbeit einzubinden, also in Angebote der Jugendarbeit, die eher Jugendlichen der Mittelschichten vorbehalten sind. Mit anderen Worten geht es darum, gemeinsame Angebote für Jugendliche unterschiedlicher sozialer Milieus durchzuführen, um soziales Lernen und inklusive Bildung zu ermöglichen. Schließlich muss es auch darum gehen, die Grenzen sozialarbeiterischer Interventionen in Bezug auf eine Verbesserung der Situation marginalisierter Jugendlicher darzustellen und auf die Verantwortung der Politik für dieses Ziel zu verweisen.

Schwerpunkte dieses Buches bilden die Situation marginalisierter Jugendlicher, deren subjektive Bewältigungsformen, die Möglichkeiten einer Unterstützung dieser Jugendlichen durch das Hilfesystem der Sozialen Arbeit und die Benennung politischer Maßnahmen und Forderungen, um die Situation marginalisierter Jugendlicher nachhaltig zu verbessern.

 

1          Bedeutung und Probleme der Begriffswahl: Ein Plädoyer für den Begriff »marginalisierte Jugendliche«

 

 

 

Die Begriffswahl in den Sozialwissenschaften und auch in der Sozialen Arbeit ist von einer hohen Bedeutung, weil sie Professionalität repräsentiert, und Professionalität in der Sozialwissenschaft und vor allem auch in der Sozialen Arbeit sich u. a. durch die Reflexion der Auswirkungen einer Begriffswahl charakterisiert. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man von »asozialen« oder von »marginalisierten Jugendlichen« spricht. Bei diesem Beispiel wird die Differenz schnell deutlich, weil der aus der Alltagssprache stammende, erste Begriff diffamierend und diskriminierend ist. Mit diesem Begriff wird die Zielgruppe nicht nur homogenisiert und verallgemeinert, sondern auch verächtlich dargestellt. Ob man jedoch besser von »bildungsfernen« oder von »marginalisierten Jugendlichen« spricht, ist für Laien schon nicht mehr so leicht erkennbar. Beide Begriffe werden in (sozial-)wissenschaftlichen Kontexten verwendet und dennoch unterscheiden sich deren Implikationen. Zudem kann die Benutzung der Begriffe durchaus unterschiedliche Auswirkungen für die Zielgruppe haben.

Die Zielgruppe der Jugendlichen, um die es hier geht, ist jedoch tatsächlich begrifflich nicht leicht zu fassen, wenn man die Folgen der Begriffswahl berücksichtigt bzw. wenn man jegliche Arten von Diskriminierungen und Stigmatisierungen verhindern will.

Lange Zeit wurde diese Gruppe Jugendlicher als »Randgruppe« oder als »sozial benachteiligt« charakterisiert. Später nannte man sie »bildungsfern«. Im Zuge der Debatte um In- und Exklusion wurde die Gruppe auch als »exkludiert« oder »ausgegrenzt« bezeichnet. Im Anschluss an die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und der darauffolgenden Zunahme territorialer Ungleichheiten zwischen West- und Ostdeutschland sprach man auch von »abgehängten Jugendlichen«. Neue Publikationen tendieren eher dazu, von »marginalisierten Jugendlichen« zu sprechen1. Deutlich wird, dass in den Sozialwissenschaften, aber auch in den Arbeits- sowie Wissenschaftsbereichen der Sozialen Arbeit und der Pädagogik es einen sich schnell fortentwickelnden Begriffsgebrauch für diese Zielgruppe gibt. Im Folgenden wird deshalb kurz auf die Inhalte der verschiedenen Begriffe rekurriert und vor allem deren Implikationen, Folgen und Auswirkungen analysiert.

1.1       Der Begriff der »Randgruppe«

Der Begriff der Randgruppe wurde in Deutschland vor allem in den 1960er Jahren im Rahmen der Aktivitäten der Studentenbewegung als Bezeichnung für sozial Deklassierte in die öffentliche Diskussion eingeführt. Die Studentenbewegung und deren intellektuelle Vertreter*innen hatten auch Einflüsse auf die Sozialpolitik, die Sozialarbeit und die Sozialpädagogik2. Die Kritik an kapitalistischen Verwertungsinteressen und an der Ausbeutung des Proletariats bewirkte eine Politisierung innerhalb der Sozialarbeit und der Sozialpädagogik. War bei Marx noch die Arbeiterschaft das revolutionäre Subjekt, wurde diese durch Marcuse (1967) als Folge der sozialen Integration der Arbeiterschaft durch sozial Deklassierte und andere Minderheiten ersetzt. Sie sollten fortan zum Subjekt der Bildung einer neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsform avancieren. In diesem Kontext entwickelte Marcuse die Hoffnung, dass solche »Randgruppen« die Utopie einer besseren Welt realisieren sollten. In den 1980er Jahren verlor der Begriff vor dem Hintergrund des Beginns der Massenarbeitslosigkeit und des zunehmenden Einflusses Sozialer Bewegungen im Sozialbereich an Bedeutung (vgl. Brocke 1996). Seitdem wird er eher diskriminierend und stigmatisierend verwendet, wenn es z. B. um die Kritik abweichenden Verhaltens bzw. der Eigenverantwortlichkeit abweichender Personen geht. In der kritischen Sozialarbeit wurden mit dem Begriff der »Randgruppe« vor allem Jugendliche bezeichnet, die nicht dem Mainstream angehören. Darunter fielen z. B. kriminelle und gewalttätige Jugendliche, Punks, ausländische Jugendliche, Kinder aus kinderreichen Familien und von Alleinerziehenden, Straßenkinder und -jugendliche, Schulverweigerer, aber auch rechtsextreme Jugendliche. Angesichts der Individualisierung und der Pluralisierung unserer Gesellschaft verschwimmen klare schichtspezifische Zuordnungen jedoch immer mehr. Zudem bilden diese »Randgruppen« immer individuellere Lebensstile und differenziertere soziale Milieus aus, so dass sie kaum noch als eine gemeinsame Gruppe definiert werden können (vgl. auch Kilb 2010).

1.2       Der Begriff der »sozialen Benachteiligung«

Der Begriff der »sozialen Benachteiligung« steht in engem Zusammenhang mit dem Begriff der sozialen Ungleichheit. Aspekte der sozialen Ungleichheit wie Armut und Reichtum, rechtliche Einschränkungen und Privilegien, geringer und hoher Bildungsstatus, Krankheit und Gesundheit bilden die exogenen Faktoren,die Auswirkungen auf die Entwicklung der personalen Identität und das Selbstbild des Menschen haben. Armut, rechtliche Benachteiligung, geringe Bildungsqualifikation und Krankheit fördern somit die Entwicklung eines negativen Selbstbilds. Benachteiligungsfaktoren können auch kumulieren, sich gegenseitig bedingen und selbstverstärkende Verläufe in Gang setzen und damit die Entwicklung einer positiven Identität zusätzlich gefährden. Eine gelingende Lebensbewältigung ist dadurch gefährdet, so dass sozial benachteiligte Jugendliche häufig einen erhöhten Bedarf an sozialen Unterstützungsleistungen haben.

Der Begriff impliziert somit einerseits eine objektiv messbare und eine subjektive Komponente. Die objektive Seite sozialer Benachteiligung beschreibt Personen bzw. einzelne Gruppen mit niedrigen gesellschaftlichen Statuspositionen, deren Zugang zu wertvollen Ressourcen bzw. zu gesellschaftlicher Teilhabe und zur Erreichung bestimmter Ziele eingeschränkt ist (vgl. Stimmer 2000). Auch das Recht kennt den Begriff der »sozialen Benachteiligung«. Im § 13 SGB VIII Absatz 1 und 2 werden zwei Arten von Benachteiligungen von jungen Menschen unterschieden:

»1) die strukturelle soziale Benachteiligung: Davon betroffen sind junge Menschen, die aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe in ihren persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, in ihrem Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beruf sowie allgemein in ihrer Teilhabe an der Gesellschaft systematisch eingeschränkt werden; 2) die individuelle Beeinträchtigung: Als individuell beeinträchtigt werden junge Menschen angesehen, wenn persönliche Merkmale es ihnen erschweren, bestimmte, für ihre Entwicklung und die gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft wichtige psychische, kognitive oder soziale Anforderungen zu erfüllen«.

Soziale und individuelle Benachteiligung beeinflussen sich gegenseitig. Armut, geringe Bildungsqualifikation und Krankheit beeinflussen das Selbstbild; ein negatives Selbstbild kann wiederum Armut, geringe Bildungsmotivation und Krankheit begünstigen.

Im Kontext des Capability-Approach (vgl. Sen 1993) lässt sich soziale Benachteiligung als Mangel an Verwirklichungschancen beschreiben. Verwirklichungschancen spiegeln ein Bündel an Fähigkeiten wider, das als Ganzes eine Person in die Lage versetzt, ein erfüllendes Leben zu führen. Dazu gehören z. B. sich ausreichend ernähren, am gesellschaftlichen Leben partizipieren, über eine Wohnung und Kleidung verfügen, sich ohne Scham in der Öffentlichkeit zeigen und seine Meinung frei äußern zu können. Armut, Krankheit, rechtliche Diskriminierung jeder Art und geringe Bildungsqualifikation schränken diese Verwirklichungschancen ein, sie führen zu einem Mangel an Teilhabechancen.

Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht (vgl. Schlack 2003) kann eine soziale Benachteiligung auch eintreten, wenn die seelischen und körperlichen Grundbedürfnisse wegen ungünstiger äußerer Lebensbedingungen nicht oder nur unzureichend befriedigt und dadurch die Gesundheit und Entwicklung des Kindes beeinträchtigt werden. Soziale Benachteiligung ist somit auch eine Folge von Mängeln der primären Sozialisation und der Interaktion des Kindes mit seinen Bezugspersonen. Das Risiko dieser Form sozialer Benachteiligung nimmt jedoch mit dem Grad der sozialen Stressbelastung zu, und der sozioökonomische Status ist dafür ausschlaggebend. Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status schneiden bezüglich Mortalität, Morbidität und gesundheitsbezogener Lebensqualität statistisch gesehen deutlich schlechter ab als Kinder aus sozioökonomisch besser gestellten Familien.

Von immer größerer Bedeutung für die soziale Entwicklung und damit Indiz für soziale Benachteiligungen sind nicht nur die erwähnten Faktoren sozialer Ungleichheit, sondern auch der Wohnort bzw. die Region, in der der junge Mensch aufwächst: Strukturschwäche, die sich z. B. in Abwanderung (wie in einigen östlichen Bundesländern) und hoher Arbeitslosigkeit äußern kann, bedeuten geringere Zukunftsaussichten für junge Menschen.

Lange Zeit wurde die Zielgruppe als sozial benachteiligt (vgl. Korte 2006) mit möglichen Schwerpunkten auf Markt-, Rechts- oder Lernbenachteiligung oder als Träger von »Risikobiographien« bezeichnet (Büchner 2001; Spies & Tredop 2006). Der umstrittene Begriff der sozialen Benachteiligung (vgl. Geßner 2004) hat schließlich auch die Einführung zielgruppenspezifischer Angebote legitimiert. In Deutschland geschah dies sogar in institutionalisierter Form, z. B. durch die Gründung einer eigenen Schulform, die ehemals als Sonder- und nun als Förderschule bezeichnete Schule für Kinder und Jugendliche, die als sozial benachteiligt eingestuft worden sind. Auch im außerschulischen Bereich hat der Begriff mitunter bewirkt, dass zielgruppenspezifische Maßnahmen z. B. der Jugend- oder der Migrationssozialarbeit entwickelt wurden und nach wie vor angeboten werden. Der Haken dieser Programme ist häufig, dass sie über den Charakter der besonderen Förderung (positive Diskriminierung) die angesprochenen Zielgruppen stigmatisieren und somit das Problem einer institutionalisierten Diskriminierung »verlängern« (vgl. Bommes 1996, S. 44). Spätestens hier wird deutlich, dass der Begriff eine gesellschaftliche Konstruktion ist, die für die Betroffenen negative Auswirkungen haben kann.

1.3       Der Begriff der »bildungsfernen Jugendlichen«

Zahlreiche Institutionen, angefangen von der Bundeszentrale für politische Bildung bis hin zu kommunalen Einrichtungen der Jugendarbeit, deren Auftrag u. a. die Förderung der außerschulischen (politischen) Bildung von Jugendlichen ist, beschäftigen sich in letzter Zeit verstärkt mit einer scheinbar neuen Zielgruppe: den so genannten bildungsfernen Jugendlichen. Häufig wird der bezeichneten Gruppe Desintegration, fehlendes politisches Interesse, Schulverweigerung bzw. (Aus-)Bildungsverweigerung attestiert. Eine exakte Definition so genannter bildungsferner Jugendlicher sucht man in der Literatur bisher jedoch vergeblich. Als bildungsfern werden gemeinhin Jugendliche bezeichnet, die der schulischen Bildung relativ ferngeblieben sind, d. h. keinen Hauptschulabschluss erreicht haben. Eine kritisch orientierte sozialwissenschaftliche Perspektive sollte sich mit diesem vagen Verständnis jedoch nicht zufriedengeben. Denn welche Personen als bildungsfern einzustufen sind, hängt vom Bildungsbegriff ab. Ein rein leistungsorientierter Bildungsbegriff wie der bisher hier zugrunde gelegte misst Bildung anhand des Grades der Akkumulation von Wissen. Mit der mehr oder weniger genauen Erfassung des Wissenstands ist das Problem fehlender oder ausreichender Bildung aber noch nicht gelöst, denn umstritten ist auch, was Wissen ist. Versteht man Wissen als wissenschaftlich fundiertes, schulisch vermitteltes Wissen oder eher als lebensweltliches Wissen, deren beider Bedeutung im Übrigen für die Bewältigung des Alltags nicht unterschätzt werden sollte? Und wenn man Bildung als wissenschaftlich fundiertes Wissen versteht: Orientiert man sich dann an einer rein disziplinären oder eher an einer interdisziplinären wissenschaftlichen Perspektive? Gerade in hochkomplexen und stark ausdifferenzierten Gesellschaften ist interdisziplinäres Wissen erforderlich, um die aktuellen gesellschaftlichen Probleme lösen zu können. Ein kritischer Bildungsbegriff hingegen müsste neben der Erfassung des interdisziplinären Wissenstands auch noch zwei weitere Kompetenzen beinhalten. Zunächst ginge es darum, einen Theorie-Praxis-Bezug herzustellen, d. h. sich bei der Forschung an der Praxis zu orientieren und die Ergebnisse der Forschung wiederum in die Praxis einfließen zu lassen. Weiterhin wäre es wichtig, sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher Diskurse und öffentlicher Kontroversen möglichst unvoreingenommen eine eigene Meinung bilden zu können. Die Verbindung von Theorie und Praxis wie die eigene Urteilsfähigkeit und Mündigkeit wären somit weitere Aspekte dessen, was Bildung sein könnte (vgl. auch Adorno 1959). Zusammenfassend könnte man die Gruppe der bildungsfernen Jugendlichen etwa anhand folgender Kriterien kennzeichnen:

•  Jugendliche, die nur einen geringen Wissensstand im Sinne schulisch relevanten Wissens erworben haben. Dies ließe sich relativ leicht an den Schulnoten bzw. -abschlüssen ablesen.

•  Es wären demnach aber auch solche Jugendliche bildungsfern, deren lebensweltliches Wissen Defizite aufweist. Deutlich wird dieses Manko z. B. in der Unfähigkeit, Krisen zu bewältigen, und bei denjenigen, die nicht interdisziplinär denken und sich nicht auf einen intensiven Theorie-Praxis-Bezug einlassen können.

•  Nach diesem Verständnis gehören auch diejenigen Jugendlichen dazu, die nicht in der Lage sind, öffentliche Kontroversen kritisch einzuschätzen und eine eigenständig entwickelte Meinung zu bilden.

Bei diesem relativ hohen Anspruch an das, was Bildung sein könnte, ergibt sich zweifellos die Frage, wer dann überhaupt als bildungsnah bezeichnet werden könnte. Auch bei Erwachsenen dürfte es im Übrigen schwierig sein, fündig zu werden. Ein weiteres Problem bei dem Versuch der Definition dessen, was bildungsferne Jugendliche charakterisieren könnte, ist die Etikettierung der damit bezeichneten Gruppe durch einen negativ konnotierten Begriff. Zudem wird wie beim Begriff der sozialen Benachteiligung lediglich ein Status beschrieben. Die sich hinter dem Status verbergende Dynamik der Entstehung der sozialen Benachteiligung oder der Bildungsferne bleiben außer Acht.

1.4       Der Begriff der »Ausgrenzung« bzw. der »Exklusion«

Im Kontext der Debatte um In- und Exklusion wurde die Gruppe auch als exkludiert oder ausgegrenzt bezeichnet. Vor dem Hintergrund der Systemtheorie (vgl. Luhmann 1984) werden Jugendliche als exkludiert oder auch ausgegrenzt (vgl. Kronauer 2002) bezeichnet, wenn sie von einem oder mehreren Subsystemen exkludiert bzw. ausgegrenzt werden. Exklusion oder Ausgrenzung können z. B. durch das Bildungs-, das Gesundheits-, das Wohnungssystem oder auch das rechtliche oder ökonomische System erfolgen. Wird ein Jugendlicher aus einem dieser Systeme exkludiert, stehen in der Regel andere Systeme wie die Sozialpolitik oder das Hilfesystem der Sozialen Arbeit zur Verfügung (vgl. Scherr & Bommes; Lüders 2013), um ihn zu re-inkludieren. Jugendliche können z. B. aus einer Schulform (z. B. Gymnasium) exkludiert werden und in eine andere Schulform (z. B. Sekundarschule) re-inkludiert werden. Sie können aber, vorausgesetzt sie haben die Schulpflicht erfüllt, auch ganz aus der Schule exkludiert werden. Dann stehen in der Regel andere Maßnahmen (meist solche des Hilfesystems bzw. der Sozialen Arbeit) zur Verfügung, um diese Jugendlichen wieder zu re-inkludieren. Oder die Statuspassage der Ausbildung wird nicht erreicht bzw. der Übergang zwischen Schule und Berufsausbildung misslingt, weil der Jugendliche nur einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Schulabschluss vorweisen kann. In einem solchen Fall droht das Misslingen einer Re-Inklusion in das (Ausbildungs-)System. Auch dann treten meist Maßnahmen des Hilfesystems in Kraft, um Jugendliche zu re-inkludieren. Neben den Maßnahmen zur Re-Inklusion existieren auch Angebote, die eine Exklusion verhindern sollen. Werden die Leistungen von Schüler*innen in der Schule schlechter oder ist gar die Versetzung in die nächst höhere Jahrgangsstufe gefährdet, gibt es die Möglichkeit, dies beispielsweise durch Nachhilfe oder Hausaufgabenhilfe zu kompensieren. Solche präventiven Maßnahmen können Exklusion und Ausgrenzung verhindern.

Neben der Re-Inklusion und der Verhinderung von Exklusion gibt es noch die Strategie der Verwaltung von Exklusion. Diese tritt ein, wenn die Möglichkeiten und Aussichten einer Re-Inklusion gering oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die Exklusion einer Person kann dann vor allem bei Fällen einer Mehrfach-Exklusion, z. B. durch das gleichzeitige Auftreten von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Wohnungslosigkeit, häufig nur noch verwaltet werden. Problemtisch bei der Verwendung der Begriffe der Exklusion und der Ausgrenzung ist auch hier, dass jeweils nur der Status beschrieben wird und der Prozess der Entstehung der Probleme jedoch ungenannt und ungeklärt bleibt.

1.5       Der Begriff der »abgehängten Jugendlichen«

Berücksichtigt man die immer noch existierenden territorialen Differenzen zwischen West- und Ostdeutschland, werden Jugendliche auch als abgehängt (Schubarth & Speck 2009) bezeichnet. Im Zuge der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten sind viele, vor allem gut qualifizierte ostdeutsche Jugendliche in Richtung Westdeutschland abgewandert. Die zurückbleibenden Jugendlichen in Ostdeutschland sind oftmals überproportional von Arbeitslosigkeit, mangelhafter Infrastruktur und niedriger Bildungsqualifikation betroffen, so dass sich viele von ihnen als ›abgehängt‹ empfinden. Der Begriff des »Abgehängt-Seins« kommt demjenigen des »Ausgegrenzt-Seins« sehr nahe und weist dieselben Probleme und Ungenauigkeiten auf.

1.6       Plädoyer für den Begriff der »marginalisierten Jugendlichen«

Eine weniger stigmatisierende Bezeichnung der gemeinten Gruppe anzuführen, ist jedoch nicht einfach. Eine neutrale und kritische Bezeichnung müsste nicht nur den Status beschreiben, sondern vor allem den Prozess der Entstehung der sozialen Benachteiligung, der Bildungsferne oder der Ausgrenzung hervorheben. Zudem müsste auch der Schuldgedanke auf der Seite des Signifikats, hier der spezifischen Gruppe der marginalisierten Jugendlichen, eliminiert werden. Beide Aspekte werden bei der Verwendung der bisher dargestellten und kritisierten Bezeichnungen für die Gruppe nicht berücksichtigt.

Aus diesen Gründen wird in aktuellen Publikationen eher der Begriff der »Marginalisierung« verwendet. Marginalisierung kennzeichnet die marginale Position einer Gruppe als Folge eines gesellschaftlich erzeugten, d. h. weitgehend unfreiwilligen und nicht selbst verschuldeten Prozesses. Er ist weitaus neutraler, weniger stigmatisierend, und zudem signalisiert er die Dynamik und die Prozesshaftigkeit, die erst dazu geführt haben, dass Jugendliche in eine marginale Situation gelangt sind. Vergleichbar mit dem Terminus »sozial benachteiligt« lässt sich auch der Begriff »marginalisiert« nicht nur auf Personen und Gruppen, sondern auch auf Quartiere anwenden. Lange Zeit sprach man von »sozial benachteiligten Quartieren« und meinte damit Viertel, in denen besonders viele (aber nicht nur!) sozial benachteiligte Personen und Gruppen wohnen. Ähnlich ist es auch mit marginalisierten Quartieren. Hier wohnen vielfach marginalisierte Personen und Gruppen. Dazu zählen Jugendliche und junge Heranwachsende, die von Exklusion bedroht sind oder bereits exkludiert wurden. Nicht alle Menschen in marginalisierten Quartieren sind auch selbst marginalisiert. In marginalisierten Quartieren wohnen durchaus auch wohlhabende oder gebildete Personen.Mit anderen Worten: Nicht immer deckt sich das als »marginalisiert« bezeichnete Quartier mit den dort wohnenden und als »marginalisiert« bezeichneten Personen und Gruppen. Andererseits gibt es marginalisierte Personen auch außerhalb marginalisierter Quartiere. Festzuhalten ist jedoch, dass in marginalisierten Quartieren der Anteil marginalisierter Personen überproportional hoch ist.

Köhler & König (2016) verdeutlichen im folgenden Schaubild, welche Gruppen Jugendlicher als marginalisiert bezeichnet werden können (Abb. 1).

Abb. 1: Die Gruppen marginalisierter Jugendlicher nach Köhler und König (aus: Köhler, Anne-Sophie & König, Joachim (2016): Marginalisierte junge Menschen mit komplexen Problemlagen als Zielgruppe der Jugendsozialarbeit. Forschung, Entwicklung, Transfer – Nürnberger Hochschulschriften, Nr. 16. Nürnberg: Evangelische Hochschule Nürnberg, S. 21,https://www.nuernberg.de/imperia/md/jugendsozi alarbeit/dokumente/evhsnbg_forschung_marginalisierte-jugendliche_2.pdf)

Die dunklen Bereiche verdeutlichen die Gruppe marginalisierter Jugendlicher. Dazu gehören exkludierte bzw. ausgegrenzte, »schwer erreichbare« und auch »unsichtbare« Jugendliche. Schwer erreichbare Jugendliche sind solche, die exkludiert sind und durch Maßnahmen des Hilfesystems kaum noch angesprochen werden können, um sie zu re-inkludieren. Häufig wird ihre Exklusion dann nur noch verwaltet. Die Lebenslage unsichtbarer Jugendlicher ist Institutionen meist gar nicht bekannt, ihre Kommunikation ist stark eingeschränkt oder gar nicht vorhanden, sie sind sehr introvertiert, halten sich nur selten in der Öffentlichkeit auf und bewegen sich meist ausschließlich in virtuellen Welten bzw. in sozialen Netzwerken. Aufgrund ihrer Unsichtbarkeit sind sie überhaupt nicht mehr für Institutionen erreichbar.

Eingeschränkte Ressourcen bzw. eine Lebenslage, die durch Armut, Arbeitslosigkeit, fehlende Bildung, Krankheit der Jugendlichen selbst oder ihrer Bezugspersonen gekennzeichnet ist, können zu folgenden, von Köhler & König (2016, S. 23) aufgeführten, sozialen Problemen führen:

•  übermäßiger Medienkonsum bei starker Nutzung sozialer Netzwerke,

•  Freizeitgestaltung, die von Phantasie- und Interessenlosigkeit sowie von geringer Initiative für neue Angebote und geringer Bandbreite an Aktivitäten geprägt ist,

•  Mangel an positiven Vorbildern und Bezugspersonen (z. B. Freund*innen, Lehrer*innen, Verwandte, Ausbilder*innen),

•  Isolierungstendenzen, geringe soziale Einbindung und bewusster sozialer Rückzug prägen das Sozialverhalten,

•  mangelnde und unrealistische Zukunftsvorstellungen als Ausdruck empfundener Perspektiv- und Chancenlosigkeit,

•  sozial abweichendes Verhalten, Passivität und Schulverweigerung,

•  Häufung lebenskritischer Ereignisse und/oder traumatischer Erfahrungen, verbunden mit Angst und Misstrauen,

•  erzieherische Defizite bei Eltern und Erziehungsberechtigten,

•  Abhängigkeit von Suchtmitteln und häufig psychische Erkrankungen,

•  wenig Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit aufgrund häufiger Versagenserfahrungen und negativer Reaktionen durch Andere.

Hingewiesen werden muss an dieser Stelle jedoch darauf, dass solche Reaktionen auftreten können, nicht notwendigerweise auftreten müssen. Zudem gibt es durchaus marginalisierte Jugendliche, die erfolgreiche Bewältigungsformen für ihre Probleme entwickeln. Dazu gehören z. B. auch hohe Bildungsaspirationen und -erfolge oder auch Aktivitäten wie z. B. widerständige Praktiken. Betonen muss man allerdings wiederum, dass marginalisierte Jugendliche von den o. g. sozialen Problemen weitaus häufiger betroffen sind als privilegiertere Jugendliche.

Wichtig ist es hervorzuheben, dass der Begriff der Marginalisierung sowohl eine Polarisierung von Personen bzw. Gruppen als auch eine Stigmatisierung derselben impliziert. Mit andere Worten: In eine marginalisierten Lage geraten Personen und Gruppen erst, wenn neben der Polarisierung bzw. Segregation auch eine Stigmatisierung stattfindet. Die Unterscheidung dieser beiden Prozesse ist wichtig, da nicht jede segregierte Person oder Gruppe auch gleichzeitig einem Stigma unterliegt. Zudem kann der Ruf einer marginalisierten Person, einer Gruppe oder sogar eines Quartiers sich durchaus ändern3.

Als Akteurinnen und Akteure der Stigmatisierung treten immer wieder sowohl Vertreter*innen der Medien und der Politik, aber auch gesellschaftlicher Institutionen wie die Schule, das Jugendamt oder die Polizei auf. Insbesondere der gemeinsame Auftritt dieser verschiedenen Institutionen kann zur Marginalisierung bestimmter Personen und Gruppen beitragen und für diese von verheerender Bedeutung sein. Zitate konservativer Politiker*innen werden insbesondere von der Boulevard-Presse immer wieder in die Öffentlichkeit transportiert. Indem Medien durch einseitige Berichterstattung bzw. Verlautbarungen ein negatives Bild bestimmter Personen, Gruppen oder sogar Quartiere konstruieren, bilden beide Institutionen eine so genannte unheilvolle Allianz. So werden häufig die angeblich »hohe (Ausländer-)Kriminalität«, der »starke Drogenkonsum«, die »enorme Gewaltbereitschaft« bestimmter Personen und Gruppen, aber auch deren fragwürdige Werte und Normen als Schlagzeilen für die Titelseiten der Boulevard-Presse verwendet. Aber auch eine scheinbar sensiblere Berichterstattung, die Klischees und Pauschalisierungen wie »türkische Kultur«, die Bezeichnung türkischer Jugendlicher als »Machos« bzw. türkischer Frauen als »Opfer der Zwangsverheiratung« benutzt, trägt zu dieser, für marginalisierte Personen, Gruppen oder gar Quartiere unheilvollen Allianz von Medien und Politik bei. Deutlich wird hier, dass von bestimmten Medien immer wieder bestimmte Jugendliche und diese in der Regel auch nur in bestimmten Regionen bzw. städtischen Quartieren4 mit Phänomenen wie Drogen, Kriminalität und Bandentum in Verbindung gebracht werden. Jugend wird dann oft als ›Problem‹ konstruiert mit erheblichen Folgen für die Betroffenen. Hinzu kommt, dass bei den einseitigen Beschreibungen der Handlungen marginalisierter Personen und Gruppen mögliche Gründe für deren Entstehung regelmäßig vernachlässigt bzw. verzerrt wiedergegeben werden. Werden solche marginalisierte Personen, Gruppen und Quartiere von außen (z. B. durch Medien, durch politische Verlautbarungen oder auch durch die Wissenschaft) stigmatisiert, dann kann bereits die Angabe des Wohnorts bei der Jobsuche, in der Schule, bei der Polizei oder auf dem Wohnungsmarkt dazu führen, dass diese Personen in ein schlechtes Licht gerückt bzw. diskriminiert werden. Delinquente Karrieren können durch solche Prozesse forciert oder sogar angestoßen werden5.

Will man die Gründe der Marginalisierung der Jugendlichen analysieren, muss man sich die gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Lebenslage marginalisierter Jugendlicher, aber auch deren Lebensstile bzw. sozialen Milieus genauer anschauen.

1.7       Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

In den Sozialwissenschaften und auch in der Sozialen Arbeit ist es wichtig, Wert auf die Wahl der Begriffe zu legen, weil mit den Begriffen häufig Wertungen, aber auch Vorurteile, Diskriminierungen und Stigmatisierungen verbunden sein können. Um eine professionelle Perspektive einzunehmen, müssen die Implikationen, Folgen und Konsequenzen der Begriffswahl reflektiert werden.

Die Benennung der hier behandelten Zielgruppe verdeutlicht, dass zunächst zwischen alltagssprachlichen und wissenschaftlichen Begriffen differenziert werden muss. Aber auch innerhalb der (Sozial-)Wissenschaften gibt es im Begriffsgebrauch Unterschiede, die meist erst deutlich werden, wenn man die Folgen und Auswirkungen der Begriffswahl reflektiert. So macht es durchaus einen Unterschied, ob von »bildungsfernen« oder »marginalisierten Jugendlichen« die Rede ist. Um Diskriminierungen und Stigmatisierungen der Zielgruppe zu verhindern, muss in Bezug auf die Zielgruppe deren Entstehungskontext berücksichtigt und eine individuelle Schuldzuweisung (wie beim Begriff der »bildungsfernen Jugendlichen«) vermieden werden. Auch die Darstellung des Status der Gruppe (wie beim Begriff der »sozialen Benachteiligung« oder auch beim Begriff der »Exklusion«) reicht nicht aus, um der Situation der Zielgruppe gerecht zu werden. Stattdessen wird in Bezug auf die hier thematisierte Zielgruppe für die Benutzung des Begriffs der »marginalisierten Jugendlichen« plädiert. Bei dieser Begriffswahl wird sowohl der Status der Gruppe neutral dargestellt als auch der Prozesscharakter berücksichtigt. Beide Aspekte tragen zudem maßgeblich dazu bei, eine Diskriminierung und Stigmatisierung der Zielgruppe zu verhindern.

Arbeitsanregungen

•  Warum ist es erforderlich, sich im wissenschaftlichen Kontext von Begriffen der Alltagssprache zu distanzieren und spezielle wissenschaftliche Begriffe zu verwenden?

•  Reflektieren Sie den Zusammenhang von Begriffswahl und Professionalität in der Sozialen Arbeit!

•  Welche Argumente sprechen für die Verwendung des Begriffs der »marginalisierten Jugendlichen« in Bezug auf die hier thematisierte Zielgruppe?

Literaturempfehlungen

Brocke, Hartmut (1996): Randgruppen. In: Kreft, Dieter & Mielenz, Ingrid (Hg.): Wörterbuch Soziale Arbeit. Weinheim/Basel: Beltz.

Geßner, Thomas (2004): Was benachteiligt wen oder warum? Versuch einer Präzisierung des Konstrukts »Benachteiligung«. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik, Heft 1, S. 32–44.

Korte, Petra (2006): Der Benachteiligtendiskurs aus allgemeinpädagogischer Perspektive. In: Spies, Anke & Tretop, Dietmar (Hg.): »Risikobiographien«. Benachteiligte Jugendliche zwischen Ausgrenzung und Förderperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 25–40.

Lemert, Edwin M. (1982): Der Begriff der sekundären Devianz. In: Lüdersen, Klaus & Sack, Fritz (Hg.): Abweichendes Verhalten I. Die selektiven Normen der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 433–476.

Lüders, Christian (2013): Exklusion – der ewige Stachel der Kinder- und Jugendhilfe. In: DJI impulse. Bulletin des Deutschen Jugendinstituts, Heft 4, S. 7–9.

Ottersbach, Markus (2009): Jugendliche in marginalisierten Quartieren Deutschlands. In: Ottersbach, Markus & Zitzmann, Thomas (Hg.): Jugendliche im Abseits. Zur Situation in französischen und deutschen marginalisierten Stadtquartieren. Wiesbaden: Springer VS, S. 51–74.

Spies, Anke & Tretop, Dietmar (2006): »Risikobiographien« – Von welchen Jugendlichen sprechen wir? In: dies. (Hg.): »Risikobiographien«. Benachteiligte Jugendliche zwischen Ausgrenzung und Förderperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 9–24.

1     Auch andere Bezeichnungen wurden gewählt, wie z. B. »sozial schwache Jugendliche« oder »Jugendliche in prekären Lebenslagen«, auf die hier nicht eingegangen werden kann.

2     Damals gab es noch eine klare Trennung zwischen der Sozialarbeit, deren Tradition eher in der Armenfürsorge begründet ist, und der Sozialpädagogik, deren Zielgruppe eher Jugendliche sind und deren Angebote sich eher auf den Bildungsbereich beziehen.

3     Die Prozesse der Polarisierung und Stigmatisierung lassen sich auch in Bezug auf die Entstehung marginalisierter Quartiere nachweisen (vgl. Ottersbach 2004, 2009).

4     Es soll hier jedoch nicht der Eindruck erweckt werden, dass solche Entwicklungsverläufe nur sozial konstruiert werden, im Grunde genommen also gar keine problematische Entwicklung darstellen. Eine solche Perspektive müsste den tatsächlichen Leidensdruck vieler Jugendlicher in solchen Lebenslagen ignorieren und würde der Situation der Jugendlichen auch nicht gerecht. Die Frage ist letztendlich, ob die Fremd- und die Selbstwahrnehmung dieser Jugendlichen sich decken oder eben auseinanderklaffen. Im letzten Fall handelt es sich dann eindeutig um eine Stigmatisierung von außen.

5     Mithilfe der Labeling-Theorie (vgl. Lemert 1982, S. 433ff.) könnte man an solchen Beispielen aufzeigen, dass die »primäre Devianz« (das wären in diesem Beispiel die aufgrund der ökonomischen, rechtlichen und sozialen Ungleichheit entstehenden abweichenden Verhaltensweisen der Bewohner*innen) durch Stigmatisierung seitens Medien, Politik und Wissenschaft eine »sekundäre Devianz« provozieren kann (dies wäre die Inkorporation der von außen erfolgten Schuldzuweisung, die – je nach dem – zu verstärkter Apathie und Resignation oder Gewalt und Kriminalität führen kann).

 

2          Theoretische und analytische Vorbemerkungen: Makro-, Meso- und Mikroperspektive

 

 

 

Gesellschaftliche Prozesse zu verstehen oder gar zu erklären, ist seit ihrer Existenz das wichtigste Anliegen der Soziologie. Da gesellschaftliche Prozesse in aktuellen Gesellschaften dynamisch und hochkomplex sind, gibt es keine soziologische Theorie, die aktuelle Gesellschaften als Ganzes sowohl aus der Makro-, der Meso- oder der Mikroperspektive analysieren kann. Soziologische Theorien der Gegenwart konzentrieren sich deshalb meist auf eine der genannten Perspektiven.

Um einer Analyse der Lebenssituation marginalisierter Jugendlicher gerecht zu werden, müssen jedoch alle drei Perspektiven berücksichtigt werden.

2.1       Makrokontext: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Im Kontext der makrosoziologischen Perspektive sind zunächst die aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu analysieren. Moderne Gesellschaften kennzeichnen sich zunächst durch funktionale Differenzierung und durch ein Reflexiv-Werden. Damit verbunden sind die Rahmenbedingungen der Individualisierung, der Pluralisierung und der Globalisierung.

Zunächst ist festzustellen, dass moderne Gesellschaften sich durch eine funktionale Differenzierung kennzeichnen. Die Theorie funktionaler Differenzierung geht auf die systemtheoretischen Überlegungen Parsons und später Luhmanns zurück. Moderne Gesellschaften verändern sich ständig und werden angetrieben von zunehmender Komplexität. Historisch betrachtet, wurden in frühesten Gesellschaften Differenzierungen nach Geschlecht und Alter hierarchisiert. In archaischen Gesellschaften erfolgten Differenzierungen durch verschiedene Segmente (Familien, Clans, Dörfer), zwischen denen es kein soziales Gefälle gab. In der frühen Neuzeit wurden hierarchische Differenzierungen in Form von Schichtzugehörigkeiten (Stratifikation) sowie durch Zugehörigkeit in Zentrum und Peripherie abgelöst. Mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft wurden diese frühen Formen der Differenzierung immer stärker durch funktionale Differenzierungen ersetzt. Allerdings werden Stratifikationen nicht komplett durch funktionale Differenzierung ersetzt, sondern sind nach wie vor existent. So existieren nach wie vor Formen stratifikatorischer Differenzierung z. B. in Form von sozialer Ungleichheit, aber auch als Differenzierung der Bedeutung von Nationalstaaten (in der Politik), Unternehmen (in der Wirtschaft) oder von Schulen (im Bildungssystem) etc. Die Systemtheorie versteht unter funktionaler Differenzierung (vgl. Luhmann 1984), dass jedes Subsystem Gesellschaft nur unter seinem spezifischen Blickwinkel beobachtet. Das Teilsystem der Wirtschaft betrachtet Gesellschaft nur hinsichtlich ökonomischer Prozesse, das Rechtssystem nur in Bezug auf juristische Phänomene und die Wissenschaft ausschließlich, ob Sachverhalte oder Prozesse wahr oder falsch sind. Zudem werden die gesellschaftlichen Funktionssysteme wie Recht, Arbeit, Wohnen, Gesundheit, Bildung, Wissenschaft und auch die Soziale Arbeit immer komplexer und spezieller. Das Rechtssystem fächert sich auf in zahlreiche, spezielle Rechtsgebiete (Arbeitsrecht, Familienrecht, Strafrecht etc.), für die speziell ausgebildete Expert*innen zuständig sind.

Ein weiteres Kennzeichen moderner Gesellschaften ist das Reflexiv-Werden der Gesellschaft. Damit ist gemeint, dass die Existenz der aus der »ersten Moderne« (Beck, Giddens & Lash 1996) hervorgegangenen Risiken (wie z. B. der Klimawandel) in der »zweiten, reflexiven Moderne« erkannt, analysiert und bekämpft werden müssen (vgl. auch Beck & Bonß 2001). Die Theorie reflexiver Modernisierung zeigt auf, dass die erste, industrielle Moderne erhebliche Nebenfolgen bewirkt, die ihre eigenen institutionellen Grundlagen gefährden und somit zu politischem Handeln zwingen. Dies entspricht nach Beck einer Selbstkonfrontation von Modernisierungsfolgen mit den Modernisierungsgrundlagen und charakterisiert die zweite Moderne als Risikogesellschaft:

»Die Konstellationen der Risikogesellschaft werden erzeugt, weil im Denken und Handeln der Menschen und der Institutionen die Selbstverständlichkeiten der Industriegesellschaft (der Fortschrittskonsens, die Abstraktion von ökologischen Folgen und Gefahren, der Kontrolloptimismus) dominieren. Die Risikogesellschaft ist keine Option, die im Zuge politischer Auseinandersetzungen gewählt oder verworfen werden könnte. Sie entsteht im Selbstlauf verselbständigter, folgenblinder, gefahrentauber Modernisierungsprozesse. Diese erzeugen in der Summe und Latenz Selbstgefährdungen, die die Grundlagen der Industriegesellschaft in Frage stellen, aufheben, verändern« (Beck 1993, S. 36).

Die Forderung nach dem Umbau der Gesellschaft in Richtung ökologischer, ökonomischer, kultureller und sozialer Nachhaltigkeit erreicht inzwischen alle gesellschaftlichen Funktionssysteme in zunehmendem Maße.

Zu den weiteren Rahmenbedingungen moderner Gesellschaften gehören Aspekte wie Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung und deren Zusammenspiel.

Die These der Individualisierung moderner Gesellschaften ist vor allem von Beck (1986, S. 205ff.) aufgenommen und weiterentwickelt worden. Dem Autor gemäß ist nach dem Zweiten Weltkrieg ein neuer Modus der Vergesellschaftung aufgetaucht: die Individualisierung. Zunächst bedeutet er nichts anderes als Enttraditionalisierung. Die lange Zeit gültigen sozialen Kontrollnetze mit einer klaren und geschlossenen Weltanschauung und funktionierenden Autoritätsverhältnissen werden zugunsten eines Zuwachses an neuen Optionen, Freiheiten, Wahlmöglichkeiten und Chancen einer individuellen Lebensgestaltung abgelöst. Zwar gab es bereits in der Renaissance, in der höfischen Kultur des Mittelalters und im Protestantismus individualisierte Lebensstile. Allerdings nimmt die Individualisierung jetzt eine neue Gestalt und vor allem ein neues Ausmaß an.

Eine weitere wichtige Rahmenbedingung gegenwärtiger Zivilgesellschaften ist die Pluralisierung. Sie bezieht sich nach Beck (ebd., S. 161ff.) auf die Vervielfältigung der Formen sozialer Beziehungen6 und auf Lebensstile und ist mit der Individualisierung eng verbunden7. Die Pluralisierung der Beziehungsformen zeigt sich durch die Entstehung zahlreicher alternativer oder neuer Partnerschaftsformen. Single-Haushalte, nicht-eheliche Gemeinschaften, homosexuelle Paare, Lebensabschnittsgemeinschaften, Ein-Eltern-Familien, Familien mit Kindern, Ehen ohne Kinder, Zweck- und ›Sinn‹-Wohngemeinschaften treten neben die bislang statistisch gesehen am häufigsten anzutreffende Familie mit zwei Kindern, wie sie von Parsons (1956) noch als mehr oder weniger allgemeingültige »Normalfamilie« beschrieben worden ist. Während diese neuen Lebensformen für die inzwischen erwachsene Generation noch neu waren, wachsen Jugendliche heutzutage mit ihnen auf, d. h., sie empfinden sie als zum Alltag gehörend und nicht mehr als außergewöhnlich.

Als eine weitere gesellschaftliche Rahmenbedingung ist die Globalisierung anzuführen. Unter Globalisierung ist zunächst eine weltweite Verflechtung einzelner Subsysteme wie der Wirtschaft, der Wissenschaften, der Politik, der Medien und der Kultur zu verstehen. Diese Verflechtungen beziehen sich auf Staaten, Gesellschaften, Institutionen, Gruppen und Individuen. Historisch gesehen ist es wichtig zu sehen, dass Globalisierung nicht erst in diesem Jahrhundert erfunden wurde. Bereits im 15. und 16. Jahrhundert und spätestens im Zuge der Industrialisierung, der Arbeitsteilung und der Herausbildung des Kapitalismus als hegemonialer (Welt-)Wirtschaftsform werden wirtschaftliche Prozesse internationalisiert (vgl. Braudel 1986). Die damals entstehenden Formen des zweckrational geleiteten Wirtschaftshandelns bestimmen noch immer das Marktgeschehen, das sich aus Konkurrenzdruck, Innovationsdynamik, Rationalisierung und Werbung zusammensetzt, nur heute eben in einer globaleren Dimension und kaum noch durch politische, sondern fast nur noch durch ökonomische Macht gesteuert (vgl. Wallerstein 1974). Um das Ausmaß tatsächlicher Globalisierungstendenzen ausfindig zu machen, ist es erforderlich, Globalisierung in ihrer Vieldimensionalität8zu begreifen, d. h. die Ausdifferenzierung der einzelnen Subsysteme in ihrer Komplexität und in ihrer Reziprozität zu interpretieren. Globalisierung ist eben deshalb so aktuell und effektiv, weil sie in immer mehr gesellschaftliche Subsysteme vordringt, dort die Strukturen verändert und somit Veränderungen für andere Subsysteme und Institutionen bewirkt. Diese Entwicklungen haben auch erhebliche Auswirkungen auf die Lebenslagen und Lebensstile Jugendlicher.