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Gerüchte flüstern von Sol, einer wiedergeborenen Kriegerin, fähig, alles zu vereinen oder alles zu zerstören. Doch Sol ist nicht nur eine Bedrohung für finstere Mächte, sondern auch ein Magnet für die gefährlichsten Wesen dieser Welt. Was Luina nicht weiß: Sie ist das Ziel. Denn sie ist die Einzige, die Sol finden kann. An ihrer Seite kämpft Kane, ihr Sozius und Schicksalsgefährte. Doch kann sie ihm wirklich vertrauen? Während radikale Freiheitskämpfer nach ihrem Tod gieren und ein skrupelloser Rudelführer ihre Familie in einen blutigen Krieg treibt, rückt eine Macht aus der Dunkelheit näher. Die Gefahr ist nur einen Atemzug entfernt. Luina steht vor einer Wahl, die ihr Leben kosten könnte. Kann sie ihre wahre Bestimmung erkennen, bevor die Dunkelheit sie verschlingt? Düster, magisch und voller Gefühl – eine Urban Romantasy über Schuld, Macht und eine einzigartige Verbindung. Band 2 kann unabhängig von Band 1 gelesen werden, da dieser die Vorgeschichte erzählt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Sozius
Hautfetzen
Anspannung
Vertraute Feinde
Stillstand
An der Grenze
Earl
Aufruf
Etu
Blutspuren
Mondkraft
Schwarz
Erjas Begegnung
Wolfsaugen
Schweigen
Gespalten
Umhüllt
Alpha
Kalt
Erwacht
S
Epilog
Glossar
Figuren
Sozius
Zwischen Schattenklingen und Schwärze
Von
Lara Spescha
1. Auflage, 2025 ISBN: 978-3-8194-1691-0
© Lara Spescha – www.laraspescha.ch
Instagram: laraspescha
Lektorat: Sandra Krichling / Lektorat Text-Theke
www.text-theke.com
Umschlaggestaltung und Illustrationen: Lara Spescha
An alle Krieger des Lichts
Gestern war die Welt mir fremd, all die Geheimnisse und ihre Wesen, heute weiß ich, dass sich in den Wäldern noch mehr verbarg. Und ich war ein Teil davon.
Ich lief durch den noch verschlafenen Wald, genoss die Ruhe und machte mich auf den vertrauten Weg zurück in Richtung des Hauses am Waldrand. Ich schloss meine Augen, spürte den kühlen Wind an meinen Wangen, während er die Tannenzweige zum Tanzen brachte und den wohltuenden Geruch nach nassem Holz und Wald verbreitete. Ich liebte das Grüne, irgendwie würde es einem Zuhause immer am nächsten kommen.
Bevor ich das weiße Fell unter meiner Hand spürte, nahm ich ihre sanfte Energie wahr. Ich hatte mich bereits an die zurückhaltende, fast schon magische Energie gewöhnt, die mich an einen belebenden Wind erinnerte. Ich öffnete die Augen, lächelte und sah in die vertrauten babyblauen Augen einer schneeweißen Wölfin, die mir bis über den Bauch reichte. Mit dem Gefühl, dass die übernatürlich große Wölfin mich ebenfalls anlächelte, fragte ich grinsend:
»Bist du als Bodyguard hier oder als Freundin?«
Erja in Wolfsgestalt senkte kurz den Kopf, um dann ihren Hals zu strecken. Ich hatte genug Zeit mit Servazius verbracht, um zu verstehen, dass sie mir gutgesinnt begegnete, als Begleiterin. In ihren Augen erkannte ich das Lächeln wieder. Es war nicht wichtig, dass ich nicht genau verstand, was sie in menschlicher Gestalt gesagt hätte. Gemeinsam liefen wir weiter.
Aus dem Nichts ertönte ein Pfiff, der sich anhörte, als würde er die Luft durchschneiden. Darauf folgte ein herzzerreißendes Jaulen. Erja. Ich zog den kalten Dolch aus der Halterung am Bein, stellte mich breitbeinig hin, nahm so meine Kampfhaltung ein, wie ich es im Training geübt hatte. Mein Puls wurde schneller, angespannt sah ich mich um, doch in der Weite erkannte ich nichts, was mir von der drohenden Gefahr berichtete. Der Wald war zu dicht. Das unruhige, zu schnelle Atmen von Erja zog meine Aufmerksamkeit auf sich, sie hatte sich zurückverwandelt. In ihrem Oberschenkel steckte ein Metallpfeil aus Silber, ihr nackter Körper zusammengerollt vor Schmerz, die goldbraunen Haare fielen über ihren Oberkörper. Sie umhüllte den Pfeil mit der Hand, schrie erneut auf und ließ ihn augenblicklich wieder los. Ihre Hand verbrannte. Emeritusjäger? Jedenfalls waren es ihre silbrigen Pfeile, speziell versetzt mit Giften, die nur übernatürlichen Wesen wie Servazius schadeten und sie auch töten konnten. Erja versuchte, sich nicht zu bewegen, während ihr Atem weniger hektisch wurde. Da ich niemanden sehen konnte, konzentrierte ich mich auf die Geräusche, erwartend, die Menschen zu hören, ihre Schritte oder das verräterische Klirren ihrer Jäger-Waffen ‒ doch nichts. Im Wald war es still. Ich atmete tief ein, doch bevor ich meine Angriffsstellung aufgeben konnte, um ihr zu helfen, streckte Erja die Hand in meine Richtung aus, um mich davon abzuhalten.
»Nein. Sie sind noch da.«
Erst zum zweiten Mal sah ich die babyblauen Augen auch in ihrer menschlichen Form. Der Wolf in ihr war voller Furcht und hellwach, bereit zu handeln, denn sie dachte an das Gleiche wie ich. Begannen die Angriffe erneut? Waren diejenigen, die mich töten wollten und es letztes Jahr monatelang versucht hatten, zurück?
Immer noch war ihr Atem schmerzverzerrt und das Einzige, was man hören konnte. Nicht mal ein Tier hatte sich in unsere Nähe verirrt, was mich beunruhigte. Sollte ich den Pfeil ziehen? So lange der Pfeil mit seinem Gift steckte, würde Erja leiden, die Wunde nicht heilen, doch das Gefühl, dass wir beide nur Beute wären, sobald ich die Verteidigung aufgeben würde, hielt mich davon ab, mich zu bewegen. Ein weiterer Pfeil flog durch die Luft und ich wünschte mir, die Schusswaffe vom Training in der Hand zu haben, stattdessen wich ich dem Pfeil mit einem schnellen Schritt nach rechts aus, weg von Erja. Der Pfeil in Erjas Bein brannte sich frei, vergrößerte das Loch um sich. Ihr Anblick entfachte meine Angst.
»Zeig dich!«, schrie ich.
In Erjas Stimme lag Hoffnung, verborgen hinter den Schmerzen.
»Cyrus kommt.«
Aufgeschreckt blickte Erja in den Wald, so abrupt, dass ich sicher sein konnte, dass sie von ihren übermenschlichen Sinnen gewarnt wurde. Dort war jemand. Und er kam näher.
Linus trat aus dem Dunkeln, ich erkannte ihn kaum wieder. Braune Dreadlocks, graue Militärhose, braungebrannte Haut und stechende Augen voller Hass, die immer noch von dem Wolf in ihm erzählten. Seine Stimme klang rauchig und herablassend.
»Du hast dich sehr verändert.«
»Und du rächst dich immer noch für etwas, für das wir nichts können.«
Er war unbewaffnet, weshalb ich sicher sein konnte, dass er nicht alleine war, doch selbst dann konnte er mich mit seiner Kraft töten. Linus zischte abschätzend.
»Du und unschuldig?« Er war meinetwegen manipuliert worden, monatelang. Doch auch ich hatte gelitten, als ich von meinem totgeglaubten besten Freund Prem, in Linus’ Körper, angelogen und beeinflusst worden war. Linus kam ein paar Schritte näher. »Du machst es mir zu einfach. Denn wie ich sehe, bist du immer noch nicht schlau genug gewesen, eine von uns zu werden.«
»Wenn du mir wehtust, wird er kommen.« Meine Warnung ging in Schmerzenszischen unter.
Ich sah zu Erja, die immer noch gequält am Boden lag, erneut versuchte, den Pfeil aus ihrem Körper zu ziehen, wissend, dass wir beide in Gefahr schwebten. Diesen unachtsamen Moment nutzte Linus aus und sprang auf mich zu. Ich bemerkte es erst, als er vor mir stand. Ich versuchte, ihm den Dolch in den Hals zu stechen, doch ich war zu langsam, er schlug mir mit solcher Kraft gegen die Hand, dass ich die Waffe verlor. Linus packte mich am Hals und warf mich mit einem abschätzigen Grinsen hart zu Boden.
»Dass er dich noch alleine lässt, überrascht mich.«
Ich spürte einen dumpfen Schmerz im Rücken und dass auch Kane ihn wahrnahm. Seine Unruhe, seine Schuldgefühle und dass er bereits auf dem Weg war. Denn mein Sozius spürte meinen Schmerz, meine Angst und wo ich war.
»Er ist in der Nähe.«
Es funktionierte, für einen kurzen Augenblick sah ich Linus’ Sorge, unsicher blickte er auf, sich umschauend, doch nichts bewegte sich um uns.
»Beeilt euch.«
Aus dem Augenwinkel konnte ich sein Rudel sehen, das ebenfalls aus dem Dickicht kam immer näher. Angeführt wurde es von Pontian, seinem breitschultrigen Bruder, der mit seinen kurzen dunklen Haaren aus einem russischen Mafiafilm hätte stammen können. Linus senkte sich zu mir herab, hielt mich weiterhin am Boden, um mich so daran zu hindern, mich zu bewegen, weshalb ich nicht erkannte, wer sonst noch bei ihm war oder wie viele.
Pontian kniete sich zu Erja, die sich augenblicklich wieder verwandelte. Seine Stimme war kalt und abgründig.
»Du weißt doch, dass das Gift im Wolfskörper schneller wirkt.«
Ich entdeckte den Dolch, doch Linus durchschaute mein Vorhaben. Mit einer schnellen Bewegung kickte er den Dolch davon, aus meiner Reichweite, drückte noch fester an meinen Hals und Kiefer und drohte, ihn unter Qualen zu zerbrechen. Ich schrie auf ‒ und dieser Schrei jagte hallend durch Kanes Körper. Linus‘ Augen hatten alles verloren, was ich einst so gemocht hatte. Erjas gellende Schmerzensschreie durchschnitten den Lärm der Umgebung, ließen alles verstummen und schnitten sich in meine Haut, dass mir die Tränen kamen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit verstummten die Schreie, kurz darauf lockerte Linus seinen Griff. Ich blickte in die dämonischen hellgrünen Augen des braunen Wolfes über mir, die drohend auf mich runtersahen, bevor Linus in den Wald verschwand. Ich spürte meinen Kiefer immer noch nicht, als wäre er ein fremdes Körperteil. Doch das war unwichtig, gerade musste ich nur wissen, wie es Erja ging. Was hatten sie ihr angetan? Ich rückte näher zu ihr, während mein Puls raste, als ich sie bewegungslos, blutend auf dem Bauch liegen sah. Ich berührte ihre Schulter, ihre Augen waren offen, starr, als wäre sie eingefroren. Sie atmete. Eine innerliche Wärme, als würde ich nach Hause kommen, breitete sich in mir aus, kurz bevor Kane mit seinen breiten Schultern die Sicht zu Erja verdeckte. Das Gold in seinen wohlvertrauten gelben Augen schlug Wellen und beruhigte mich, zwang mich, tief zu atmen. Einzelne lange blonde Strähnen waren aus seinem Pferdeschwanz gefallen. Sorge war in jedem Millimeter seiner Haut zu spüren, selbst wenn sie hinter einem wütenden Gesicht mit kantigen Wangenknochen verborgen war. Ich musste nicht fragen, Kane wusste, was ich jetzt wissen musste.
»Erja geht’s so weit gut, Cyrus bringt sie jetzt nach Hause.«
Ich atmete erleichtert aus. Erja war bei Cyrus in Sicherheit, bei ihrem Mann und Sozius, der sie beschützen würde. Der sie so wahrnahm, wie Kane mich.
Kane legte seine warmen Arme um mich und hob mich ohne Weiteres hoch. Ich wehrte mich nicht, nicht bei Kane. Er war der Einzige, der mir so vertraut war, dass seine Nähe eine innerliche Ruhe bedeutete. Wie sehr sie auch versuchten, es mir zu erklären, ich würde es nie verstehen, wie aus diesem Fremden mein Vertrauter geworden war. Auch gegen die Gefühle, die er in mir auslöste, konnte ich mich nicht wehren. Sie waren zu deutlich. Bruder, Verbündeter, kein Wort wurde dem gerecht, was er für mich war ‒ ohne dass ich mich dafür entscheiden konnte. Und ihm ging es gleich. Bei ihm war ich sicher, zuhause.
Kane trug mich durch den Wald. Sobald ich in seinen Armen lag, beruhigten sich seine Augen, verwandelten sich allmählich zurück in das warme dunkle menschliche Braun mit dem dunklen Rand, worin ich immer noch das Karamellgold erkennen konnte. Der Beweis, dass er vor Kurzem auch ein Wolf gewesen war, um schneller bei mir zu sein. Seine Stimme war tief, stark und immer noch distanziert.
»Tut mir leid.«
Ich wollte ihm widersprechen, doch die Welle von Schuld raubte mir die Worte. Wir waren so lange sicher gewesen und nun waren es nicht die Angriffe auf mein Leben, die uns bedrohten, sondern die Antwort auf die Geschehnisse des letzten Jahres. Sein einst eigenes Rudel. Die Wut brannte unter Kanes Haut, doch wie immer sah man es kaum in seinem Gesicht. Wenn er mich jetzt nicht wegbringen müsste, hätte Kane Linus schon getötet?
Erneut antwortete Kane meinem Gefühlschaos, ohne dass ich fragen musste. Würde ich mich jemals daran gewöhnen, dass er mir so nah war, mich so spürte?
»Das entscheidet jetzt Cyrus.«
»Was?« Ich sah ihn fragend an.
»Wie wir reagieren, entscheiden sie. Immerhin war die Botschaft auf Erjas Haut.«
»Ihre Haut?«
»Sie haben mit den Jägerpfeilen ein Stück Haut abgetrennt, um uns eine Nachricht zu hinterlassen.«
Deshalb hatte sie so geschrien, sie wurde gefoltert.
»Welche Nachricht?«
Er prüfte meinen Blick, hielt ich es aus, es zu hören?
»Sie fordern uns im Krieg. Angeblich geht es ihnen ums Gebiet.«
»Sie waren einst ein Teil eurer Familie.«
»Nach den alten Gesetzen der Servazius ist das der einzige Grund, gegen Geschwister in den Krieg zu ziehen. Mit seinen barbarischen Methoden wollte er mich zum Täter machen.«
Kane war einst Linus‘ bester Freund gewesen, bevor das Rudel sich getrennt hatte und daraus zwei entstanden waren. Dennoch war die Botschaft ans Rudel gerichtet, sonst hätte Linus mich angreifen können.
»Warum glaubst du das?«
»Linus weiß, dass ich ihn jetzt töten will. Fass ich jedoch einen von ihnen an, beginne ich den Krieg.«
»Sie haben bereits begonnen.«
»Sie haben uns herausgefordert. Das zählt nicht als Kriegsakt. Unsere Seite hat es nun in der Hand. Wir können auch für immer den Frieden wahren. Sie dürfen uns nicht in den Kampf zwingen.«
»Warum will er Krieg? Ihr könnt nichts dafür, was letztes Jahr passiert ist.« Weder Linus noch das Rudel hatte etwas mit den vergangenen Ereignissen zwischen ihm, Prem und mir zu tun.
Kanes Muskeln am Hals spannten sich an.
»Er will, dass ich meine Schuld begleiche. Wenn ich jetzt die Kontrolle verliere ... Würde es dann durch den Krieg Verluste geben, wäre ich schuld an ihrem Tod.«
Weil Linus immer noch Kane die Verantwortung für seinen Verlust gab. Als vor rund fünfzig Jahren Linus‘ Rudel auf Emeritusjäger traf, brachen Kämpfe aus, immerhin werden Jäger ausgebildet, um Servazius und dergleichen zu töten. Doch es geriet außer Kontrolle, beide Seiten wahren getrieben von Hass und forderten Tote, doch Kane verweigerte ihnen die Unterstützung im Kampf, denn er hatte das Kämpfen aufgegeben. Dabei verstarb unter anderem Linus‘ Sozius. Wäre Kane dort gewesen, hätte er es verhindern können, darüber waren sie sich einig. Seitdem war das Rudel gespalten und Linus von Rachegelüsten verführt. Dabei konnte niemand Linus den Schmerz verübeln, den er nicht ertragen konnte. Mein Inneres glaubte selbst nicht, es zu überleben, wenn ich Kane, meinen Sozius, verlieren würde, dabei verstand ich das, was uns verband, immer noch nicht. Vor wenigen Wochen waren wir uns noch fremd gewesen, ein unachtsamer Moment prägte mich nun für mein Leben. Denn er war nun mein Verbündeter, derjenige, der mein Inneres spürte und seines mit mir teilte. Sozius bedeutete so viel wie Gefährte und beschrieb das Wichtigste im Leben eines Servazius. Die Menschen würden wohl Werwolf sagen, doch es gab vieles, was die Menschen nicht wussten, angefangen damit, dass sie nicht alleine auf der Welt waren. Servazius bedeutete Sklave des Schicksals, weil es eine Sache gab, die stärker war als ihr freier Wille, stärker als ihre Überzeugung oder ihr Lebensinstinkt, stärker als alles, was es auf der Welt gab, sogar stärker als die Bindung zwischen Eltern und Kind und ich hätte niemals daran geglaubt bis ich es selbst gespürt hatte. Mein Inneres kannte mein Schicksal, selbst wenn es mir manchmal immer noch schwer fiel, es zu verstehen. Kane wahrzunehmen, ihm zu vertrauen und ihn zu fühlen, so wie gerade, während der Schmerz der Schuld in ihm ausbrechen wollte und durch ihn jagte, fühlte sich so natürlich an wie mein eigener Körper. Er gehörte nun zu meinem Leben.
Die Stimmung im Haus war erdrückend. Erja lag in ihrem Zimmer und erholte sich. Cyrus ließ sie keinen Augenblick alleine. Ich hatte bereits selbst gesehen, wie das Emeritusjägergift eine Hand in Sekunden durchbrannte, eine Hand eines Unsterblichen. Wie schlimm musste nun Erjas Verletzung sein? Erneut antwortete Kane meiner Unruhe, dem Gefühlschaos in meinem Bauch.
»Sie wird es schaffen.«
Doch auch ich konnte sein Inneres spüren, die Wut, die er versuchte zu kontrollieren und einsperrte, umzingelt von Schuldgefühlen. Das Gegenteil seines ruhigen Äußeren, das wie eine Statue neben dem Kamin im Wohnzimmer stand. Er war athletisch gebaut, durch Training gut geformt. Immer noch trug er eine einfache Form seiner Kampfmontur, komplett in Schwarz gekleidet, die Hosen voller Taschen, die einige Waffen versteckten, mit einem T-Shirt, das sein Herz hinter Leder schützte. Seine Haltung aufrecht, dominant, sein Gesicht fast in einer perfekten Symmetrie, dazu markante Wangenknochen, ein kantiges Kinn, auf der ein leicht schattiger Bartansatz zu erkennen war. Kane hatte die Kampfmontur seit den Angriffen auf mich nicht mehr abgelegt, obwohl nun seit Wochen nichts mehr passiert war. Wir wussten nicht, warum die Angriffe erfolgten und warum sie dann plötzlich verstummt waren. Ich hatte gehofft, es wäre vorbei, doch Kane wartete nur darauf, dass wieder jemand kam, um mich zu töten.
Ich zog meine Knie näher zu mir, schlang die Arme um sie und legte den Kopf darauf, während ich mich gegen die Lehne der z-förmigen Couch legte. Das Licht des Kamins erreichte meine Beine, den Holzboden, der in wenigen Schritten durch Erde ersetzt wurde, sogar die ersten Bäume und Wurzeln zeichnete das warme Licht ab. Es wurde weiter hinter dunkler, dichter, doch ich konnte noch den Wald sehen, der bereits im Wohnzimmer begann und von einer großen Weite erzählte. Das Feuer knisterte, während es fast schon zu still war im Raum, trotz des Lebens im Wald. Kanes Inneres war so unnachgiebig. Wut, Schuld und der Drang, alle zu beschützen, formten sich zu einem beständigen Sturm.
Kane drehte sich um, sprach mit Nachdruck, während er auf mich zukam.
»Er wird dich nicht nochmals laufen lassen.«
Linus‘ wahres Gesicht musste ich bereits kennen lernen, selbst wenn es mir leid tat, dass er wegen mir manipuliert worden war. Monatelang hatte er seinen Körper geteilt, damit Prem durch ihn mich beeinflussen konnte, um mich zu einer Verwandlung zu animieren. Er war genau wie ich ein Opfer dieser Tat, doch es erklärte nicht seinen Hass, entschuldigte nicht diese Taten. Besonders nicht nach dem heutigen Tag.
»Ich ihn auch nicht.«
Konnte ich Stolz in seinem Lächeln sehen?
»Cyrus wird den Krieg verhindern wollen.«
»Und du folgst diesen Anweisungen?«
Kane kniete sich zu mir und sah mir in die Augen, als würde er nie genug davon bekommen. Das Gold schimmerte unter dem Braun und stillte meine Sehnsucht, als könnte sie nie wiederkommen. Und etwas in mir hoffte, dass es ihm gleich ging.
»Krieg würde für dich Gefahr bedeuten«, erklärte er selbstverständlich.
Das war etwas, das ich wirklich über ihn wusste: Er würde mich immer beschützen. Kane sah enttäuscht zu Boden, stand auf, in diesem Moment öffnete sich die Tür zur Küche zwischen Regal und Kamin. Xylona kam von der hellen Küche ins Wohnzimmer. Sie war klein, trug eine einfache Fellweste und darunter ein braunes Stoffkleid. Barfuß lief sie über den Holzboden. Sie hatte dunkle rostbraune wellige Haare, ihre Haut wirkte alt, fast gräulich, obwohl ihr Gesicht zu einer Zwanzigjährigen passte. Sie hatte ein sanftes Lächeln und unter den dunkelbraunen Augen flammte etwas Giftgelbes und Grünes hervor, das von ihrem Wolf erzählte. Xylona und ihr Sozius waren die Ältesten der Servazius, die als Rudel hier zusammen lebten, dabei kannten sie selbst nicht mal ihr genaues Alter, denn sie waren in ein Zeitalter geboren, in dem man nicht Lebensjahre zählte. Xylona hatte in einer Zeit gelebt, in der man weder Häuser, Heizungen noch Lebensmittel bunkern konnte. Und sie lebten in vielen Dingen immer noch so einfach wie damals.
Kane grüßte sie mit einem respektvollen Nicken.
»Xylona. Wie geht es Erja?« Kane sorgte sich, dabei brannte nicht die Frage nach ihrem körperlichen Empfinden, sondern ihrem psychischen.
Xylona sah Kane nachdenklich an, bevor sie antwortete:
»Besser. Sie erholt sich. Es werden nur leichte Narben bleiben, wenn überhaupt.« Sich einen sogenannten Unsterblichen mit frischen Wunden und Narben vorzustellen, widersprach dem Glauben an dieses Wort.
Kane stand immer noch wie eine Statue da, sah nun jedoch wieder zu mir.
»Ich habe dir immer gesagt, dass wir nicht unsterblich sind.«
Ja, sie konnten sterben, doch ihre Verletzungen heilten übernatürlich schnell, und um jemanden zu töten, brauchte es mehr als nur einen Stich in die Lunge oder den Hals.
Xylona lächelte mich an.
»Wenn jemand unsterblich ist, dann sind es die Menschen, denn ihr werdet wiedergeboren.«
Kane grinste mich an, als würde er sagen: Genau meine Worte. Ich wusste bereits, dass viele von ihnen glaubten, dass Menschen, wenn sie starben, zu ihren Sternen zurückkehrten, um von dort in ein neues Leben zu inkarnieren. Für sie war das Unsterblichkeit, weil unsere Seele weiterlebte. Denn sobald man sich verwandelte, wie zum Servazius, verlor man die Verbindung zum Stern, ihre Lebensenergie, und nach ihrem Glaube auch die Möglichkeit, wiedergeboren zu werden. Stattdessen verband ein Servazius sich mit dem Mond, von wo ihre Energie und Kräfte stammten. Ihre Lebensenergie für dieses Leben. Statt unendlich viele Leben, besaßen sie eines in einem übernatürlichen Körper.
Kane sah kurz zum Wald, bevor er erneut sprach.
»Ihr geht auf die Jagd?«
Xylonas Lächeln verschwand, sie sah ihn prüfend an.
»Deine Sinne sind selbst für uns übersinnlich, Kane.« Dann sah sie kurz zu mir, bevor sie weitersprach »Ich werde nicht eine Wunde heilen, um die nächste zu gefährden. Wir gehen in den Norden.«
Kane nickte kurz, als würde er sich entschuldigen, bevor er mich einweihte.
»Wir haben momentan Ausgangssperre für unsere Gemeinsamen und ihr Gebiet.« Zu Xylona gewandt, sagte er: »Linus wird jede Gelegenheit nutzen, um zu provozieren.«
»Als Tochter eines Stammesführer musste ich früh lernen, den Kopf zu senken und es über mich ergehen zu lassen.«
Ich stand auf, wollte die Anspannung lösen, doch meine Stimme war nicht so stark wie erhofft.
»Heilen? Kann man sich das wie Medizin vorstellen?«
Xylona lächelte, legte ihre Hand auf eine der Boxen.
»Nichts ist so stark wie der Geist im Heilen. Dennoch können wir den Körper und seine Selbstheilung unterstützen mit Kräutern und Ähnlichem.«
»Von ihr lernte Ida alles über Heilkunde«, erklärte Kane.
Xylona zog an der Box.
»Ida weiß längst mehr als ich, sie hat die Gabe für Gaya, sie müsste nur an sich glauben.«
»Gaya?«
Xylona antwortete, als hätte ich nach dem Wetter gefragt:
»Muttererde. Die eine Seite deiner Kraft.« Ich drehte mich weg, als sie sich weiter auszog. Kane verdeckte sie, indem er vor mich schritt. Da sie sich ohne Kleidung verwandelten, war Nacktheit ihnen wohler als mir. Für sie war es Alltag, normal, es war schwer zu glauben, dass es auch für mich so werden könnte.
Kanes Worte waren als Vorwarnung an mich gerichtet.
»Wasil. Vermeidet ihre Grenze.«
Anschließend vernahm ich weitere Schritte aus dem Wald. In diesem Augenblick war ich froh um Kanes warnende Bemerkung, denn so erschrak ich nicht, als ich mich wieder ihnen zuwand und einen weiteren ansah. Wasil war Xylonas Sozius. Der Einzige, der noch älter war als Xylona selbst. Mit einem Nicken begrüßte ich Wasil, der meinen Gruß erwiderte. Er hatte wellige dunkelbraune Haare, die bis über die Schulter fielen. Langsam verloren sie an Farbe, ebenso wie sein Bart. Seine Augen waren eine Mischung aus Grüntönen, das Leuchten darin gehörte zu seinem Wolfs-Ich. Wasils Haut sah aus, als würde sie wegen seines Alters unter jeder Berührung zerfallen. Stumm verabschiedeten sie sich, liefen in den Wald und zwei Schritte weiter rannten zwei große braune Wölfe davon.
Kane räusperte sich, drehte sich zu mir und zeigte zur Tür.
»Ich will dir etwas geben.« Ich nickte und lief voran durch die Tür, durch die Xylona gekommen war, durch die große helle Küche, weiter in den menschlichen Teil des Hauses in ein weiteres Wohnzimmer, das ausgestattet war mit einem Fernseher, Staumöbeln und einer kleinen Bar. Schlicht, modern, es wirkte unbenutzt, was es eigentlich auch war, da es nur zur Tarnung diente und dann verwendet wurde, wenn Menschen zu Besuch waren. Nur die große Treppe, die zum alten Gebäude von außen passte, erzählte von der Geschichte dieses Ortes. Die Treppe war breit und führte durch alle vier Stockwerke der Villa. Jeder hatte sein Zimmer, was mehr einem Apartment glich, um sich zurückzuziehen. Und Kanes wurde, wenn ich hier war, irgendwie auch zu meinem. Gemeinsam lebten sie wie eine Art Familie. Für sie alle schien es so normal, dass ich hier durch die Gänge lief, als würde ich dazu gehören. Und für sie tat ich es auch, einfach weil ich Kanes Sozius war. Selbst für ihn.
Sein Zimmer war im dritten Stock, rechts am Ende des Ganges. Gleich neben der Tür befand sich die kleine Bücherecke mit einem Sofa und vollen Regalen. Gegenüber stand die lange Schrankwand, die das Zimmer in zwei Hälften teilte. Ich lief weiter und erreichte die Bücherregale, dahinter war ein weiterer Teil verborgen: sein Trainingsraum. Eine Wand überdeckt mit einem Spiegel, die andere, im Rücken der Regale, voller unterschiedlicher Waffen. Schwerter, Katanas, Stöcke. Alles für Training. Die dicken Vorhänge bewegten sich, ein kalter Wind zog durch den Raum. Die komplette Fassade des Hauses bestand aus Glaswänden, verborgen vor der Stadt. Im Dunkel, auf der anderen Hälfte seines Zimmers, war sein schwarzes Bett und dahinter die Tür zum Badezimmer, verborgen von den Stauschränken. Kane ging ohne weitere Worte zu seinem Bett, mit einer präzisen Bewegung griff er darunter und zog etwas heraus. Erst als er wieder ins Licht trat, erkannte ich die matte Schusswaffe.
»Die trägst du ab jetzt immer bei dir.« Kane reichte mir die Smith & Wesson. Sie war geladen. Ich wollte widersprechen, doch er kam mir zuvor. »Zu deinem, Schutz.«
Er wollte die Angst, mich zu verlieren, verbergen, doch er konnte es nicht. Nicht vor mir. Ich spürte die Verzweiflung tief in seinem Magen, alleine durch den Gedanken, immerhin würde mein Verlust für ihn bedeuten, ewig zu leiden. Ich konnte meine Enttäuschung darüber nicht verbergen, dass es für ihn nicht leichter schien, seit ich in sein Leben gekommen war.
»Sollte das nicht besser werden, wenn die Sehnsucht gestillt ist, und nicht schlimmer?«
Jedem, mich eingeschlossen, wurde der Schmerz der Sehnsucht genommen, einfach durch die Anwesenheit dieses einen Wesens. Die Last wurde leicht, das Leben lebenswerter. Nur ihn schien es mehr zu belasten als zu befreien. Kane sah in den Wald, wich meinem Blick aus.
»Luina, das liegt nicht an dir.« Ich drehte mich zur Waffenwand um, die im Spiegel reflektiert wurde. Lag es an seiner Vergangenheit, an den Kriegen, die er erlebt hatte, dass er nicht ruhen konnte, immer darauf wartete, dass ihm alles genommen wurde? Kane stand plötzlich hinter mir, ich hatte ihn nicht gehört, doch nun spürte ich ihn und seine sanfte Stimme an meinem Nacken. »Es ist einfacher, seit du da bist.«
»Ich spüre es doch.«
»Du weißt, dass ich dich nicht anlüge.«
Warum spürte er dann nicht diese Energie, die Hoffnung, die Erleichterung?
Kane packte mein Handgelenk und drehte mich gekonnt schnell und doch sanft um, damit ich ihn ansah.
»Manchmal zweifle ich, dass es wirklich wahr ist.«
Er sprach von unserer Verbindung. Ich blickte erstaunt, gleich spürte ich die Weite, die er mir öffnete, die Tiefe, die er versuchte, vor mir zu verbergen und noch mehr versprach. Ihm fiel es nicht leicht, darüber zu reden, noch weniger mir zu gestatten, diese Seite von ihm zu sehen.
Meine Stimme brach.
»Warum?«
»Ich wusste nicht, ob ich fähig bin, dich wahrzunehmen.«
Ich erinnerte mich selbst daran, wie ich jahrelange gelitten hatte, als wäre es gestern.
»Hast du denn nicht diese Sehnsucht gehabt? Die Schmerzen?«
»Ja, die Schmerzen waren unerträglich. Ich dachte nur oft, bei anderen könnten sie viel schlimmer sein. Wenn ich sah, wie sehr sich manche quälten.«
»Und jetzt?«
Erneut sah er mich an und ich spürte die Ehrlichkeit in seinen Worten.
»Bin ich mir sicher, dass es niemand stärker spüren kann als ich.«
Wie arrogant und doch musste ich lächeln, auch wenn es uns beide angreifbarer, verletzlicher machte und noch abhängiger. Für ein Leben ohne den anderen war es bereits zu spät.
Kane hielt mich immer noch am Handgelenk. »Ich hatte es dir bereits gesagt. Du bist das Einzige, das mir gefährlich werden kann. Bedrohen sie dein Leben, bin ich nur noch eine Marionette.« Ich sah auf den Boden, wand mich aus seiner Berührung und Kane gewährte. »Und wenn sie dich töten ...« Würde er es nicht überstehen und nicht fähig sein, sich zu töten.
Das Bedürfnis, mich so stark zu sehen wie ihn, brannte in seiner Brust, die Angst mich zu verlieren und die Abneigung, dass ich ein Mensch war, konnte ich klar in ihm wahrnehmen, während er dagegen kämpfte, versuchte, es vor mir zu verbergen. Sein Wunsch, mich zu verwandeln, hing unausgesprochen im Raum, denn er würde mich nie darum bitten, mein Leben für ihn aufzugeben. Meinen Stern zu löschen. Nach dem langen Kampf im letzten Jahr war ich nicht fähig, jetzt mein menschliches Leben aufzugeben. Immerhin konnte eine Verwandlung tödlich enden.
Ich lief in Richtung Bücherecke, legte die Waffe auf den kleinen Tisch vor dem Sofa. Mit dem Schmerz in der Brust, zu enttäuschen, nicht genug zu sein, zu wissen, dass ich Kane nur belastete, während er mich befreite vor Last und Schmerz. Nur durch ihn hatte ich die Freiheit erlangt, verbündet zu sein. Ich wusste, dass Kane bereits viel erlebt hatte und dass es ihm schwer fiel, darüber zu reden. Mir reichte es nicht zu wissen, dass Linus‘ Version über Kanes Vergangenheit nicht stimmte. Dass er älter war als 279 Jahre, er nicht genau am gleichen Tag für den Krieg erschaffen worden war wie Linus. Es lag so viel verbogen ihn ihm, geschützt vor mir und meinen Sinnen. Es war verletzend zu wissen, dass er mir nicht genug vertraute, mich es spüren zu lassen oder es mir wenigstens zu erzählen. Noch während Kane nach Wörtern suchte, öffnete ich die Tür und lief hinaus. Es war sein Zimmer, vielleicht wurde es Zeit, mich wieder darauf zu besinnen.
Ich ging nach unten, unsicher, ob ich bleiben sollte. Aris Stimme riss mich noch an der Treppe aus den Gedanken, er stand im Wohnzimmer und sah mich besorgt an.
»Alles in Ordnung bei dir?«
Ari war stehen geblieben, als wäre er mitten in der Bewegung eingefroren, er trug eine einfache braune Hose und ein beiges T-Shirt, auf dem seine schlichte Kette mit dem Ring auffiel. Der kurzhaarige Blonde war der erste wahre Freund in dieser Welt gewesen, vor ihm konnte ich nicht verbergen, dass mein Lächeln nicht echt war. Er kam zur Treppe, wartete auf mich. »Habt ihr euch gestritten?«
Ich schüttelte den Kopf und lief zu ihm hinunter, dankbar, seine sanfte Energie zu spüren. Alle Servazius hatten eine dezente Energie im Vergleich zu den Menschen, als würde die Natur selbst sie davor schützen, wahrgenommen zu werden. Nun, da ich neben Ari stand, erkannte ich den Fingerabdruck auf dem Ring an der Kette.
»Ist das Trauts?«
Ari nickte, sofort leuchteten seine haselnussbraunen Augen auf beim Gedanken an seinen Sozius, als würde ein blauer Schleier aus klarem Wasser wie eine Welle über das Warme streifen und sich sofort wieder verflüssigen, während ein sanftes Lächeln auf seinem schmalen Mund entstand.
»Traut wollte sichergehen, dass ich kein Risiko einging, als ich noch aktiv für die Regierung arbeitete.«
Ari begann zu lachen, vertieft in die Erinnerung. Es war albern von Traut zu denken, dass sein Sozius ihn vergessen könnte, denn selbst wenn er es versuchen würde, wären sein Körper und sein Herz stärker.
Traut trat aus der Küche, versuchte, streng zu klingen, während er lächelte.
»So, wie du das erzählst, klingt das, als wäre mein Sozius-Sinn stumm.« Traut trug wie immer eine dunkelgraue Stoffmütze, eine Trainingshose und ein weißes Tank-Top, das seine dunkle braune Haut betonte. Elegant lehnte er sich an den Türrahmen und blickte zu mir. »Seine Aufträge waren nicht gerade ungefährlich. Daher musste ich sichergehen, dass er vor jedem Einsatz darüber nachdenkt, was es kosten könnte, ein zu großes Risiko einzugehen.«
Ari lehnte sich leicht zu mir.
»Ich bin besser als das, was er mir zutraut.«
Traut kam auf uns zu.
»Du warst bei Einsätzen immer in Lebensgefahr, falls du es vergessen hast.«
Aris Lächeln erlosch.
»Und jetzt bin ich es nicht.«
Ari war also auch bei der Regierung der Servazius, genau wie Kane, doch bei Ari schienen das die anderen zu wissen. Ich zögerte kurz, sprach leise.
»Hast du mit Kane zusammengearbeitet?« Ich hatte es geahnt. An Trauts nicht überraschtem Gesicht erkannte ich, dass er ebenfalls wusste, dass Kane eine verborgene Vergangenheit in der Regierung hatte. Immerhin war Ari einer der wenigen, die Kanes Vergangenheit kannten und Traut war sein Sozius.
Ari sprach ebenfalls leise und seine Stimme hatte einen Hauch von Sorge verborgen.
»Nein. Kanes Verbindung ging viel tiefer. Nicht mal ich kenne seine genauen Aufträge.«
»Er hat also genauso wenig mit dir darüber geredet.«
Traut spielte an seinem Ring, den er an der linken Hand trug. Er wollte mich aufmuntern.
»Es ist für ihn genauso neu wie für dich, ihn so zu spüren.«
Ich zweifelte an seinen Worten, Kane verbarg seine Vergangenheit, die Frage war, warum? Weil sie nicht vergangen war oder er sie nie überwunden hatte?
Ari klang nun auch aufmunternd.
»Je weniger du über die Servazius-Regierung weißt, desto besser. Jedenfalls jetzt noch. Es wird nicht leichter, dich vor ihnen zu verbergen, wenn du zu viel weißt.«
Denn kein Mensch durfte über die Existenz von Servazius und anderen Wesen erfahren, geschweige denn ein Teil ihrer Welten sein, darauf lag die Todesstrafe. Die einzige Ausnahme bei Servazius waren Sozius. Doch denen wurde irgendwann die freie Wahl, so zu werden wie sie, von der Regierung genommen. Wollte Kane mich nur davor beschützen?
»Glaubst du wirklich, es liegt daran?«
»Er hat versprochen, dich niemals anzulügen, und das wird er auch niemals.«
Wassertropfen, die mich an der Wange streiften, weckten mich aus meinen Gedanken. Wie Traut genau an Wasser gekommen war, hatte ich nicht mitbekommen, doch die Badezimmertür neben uns war offen. Ari hatte das meiste abbekommen und sah an sich hinunter. Sein halber Oberkörper wies eine breite Wasserspur auf. Das befreite Lachen der beiden füllte den Raum und steckte mich an. Eine Minute später waren wir mit Wasserballons ausgestattet. Sie wollten mich aufmuntern, ablenken, und es tat ihnen genauso gut. Es war kalt, das neue Jahr war keine zwei Monate alt und doch glaubte man dem Bild, ignorierte man meine Jacke, es könnte Sommer sein. Die ersten Blumen blühten, die Wiese im Garten war grün, der Wald und die Wiese erwachten. Ari rannte durch den großen Garten an den Rosen vorbei, sein T-Shirt war längst durchnässt. Einer seiner Würfe traf mich am Schuh, der Ballon platzte und ergoss sich über den Boden. Entschuldigend sah er mich mit seinen haselnussbraunen Augen an, lächelnd. Während ihn ein weiterer an der Schulter traf und sein Gesicht bespritzte. Auf der anderen Seite, am Waldrand, grinste Traut, sein Tänzerkörper war gestrafft, die Muskeln angespannt, bereit, dem Gegenangriff gekonnt auszuweichen, auf den er nicht lange warten musste. Unerwartet kamen die Wasserballons nicht von Ari, sondern von der Seite und explodierten an seiner Hüfte. Überrascht blickten wir alle zum Wald. Marinus kam aus seinem Versteck, lief selbstsicher aus dem Wald, den einen Ballon hochwerfend und fangend als Warnung an uns alle, bereit zu sein. Marinus war kräftig, hatte meerblaue Augen, die hervorstachen, von einer bereisten Weite erzählten. Er trug Jeans und ein schlichtes dunkelblaues T-Shirt. Das Einzige, was ich von ihm wusste, war, dass er mal das Rudel übernehmen sollte und dass er Seemann gewesen war, was man auch an seinen Schmucksachen erkennen konnte. Wo es möglich war, trug er Symbole aus seiner damaligen Zeit: eine Kette mit einem alten Kompass, ein Armband mit einem Anker und die dazugehörigen Knöpfe. Marinus wirkte ein bisschen älter als die anderen, was er, soviel ich wusste, auch war, denn er war im Alter von zwanzig, im 16. Jahrhundert, verwandelt und aus seinem Seemannsleben gerissen worden. Als ich ihn beim Kennenlernen darauf angesprochen hatte, erzählte Marinus beiläufig von seinem Leben als Seemann. Wie er die Weite genossen hatte, die Seeluft und die harte Arbeit auf dem Schiff. Er hatte es wirklich erlebt, die Reisen, die ewig langen Wochen ohne Land. Er liebte das Meer und das Wasser, selbst wenn er fast alle Freunde und seine Familie verloren hatte. Wasser war sein Element, weshalb er nicht mal bei solch einer albernen Aktion fehlen würde. Als Einziger von uns war er noch trocken, nicht mal ein Tropfen war beim Füllen seiner Munition auf seiner Kleidung gekommen. Er war gut ausgestattet. Wasserballons lagen in seiner zweiten Hand, weitere über dem Arm zwischen den Lederarmbänder. Marinus‘ Schuss kam schneller als Aris Rufe zu Traut, aufzupassen. Als Antwort flog der nächste zu Ari, während Marinus Trauts Ballons auswich und so von meinem getroffen wurde. Wir lachten, doch bevor er sich mir widmete, traf ihn eine große Explosion am Rücken, die ihn sogar zu einem Ausfallschritt zwang. Überrascht sahen wir alle in Richtung Küche. Denn dieser Volltreffer versprach einen weiteren Gegner im Haus. Yara trat hervor, sie trug eine Kiste prallgefüllter Ballons nach draußen, stellte sie neben den Eingang. Ihre Haare waren nach hinten gegelt, in ihrer militärbraunen Cargohose waren weitere Wasserballons verborgen. Selbst in so alltagstauglicher Kleidung sah sie noch wie eine Kriegerin aus, vielleicht durch ihr Gesicht, ihre dunklen Augen, hohen Wangenknochen. Oder durch ihre breiten Lederarmbänder, die über ihre Unterarme geschnürt waren. Ihre braunen Augen suchten den Himmel ab, ein Rabenruf ließ mich ihrem Blick folgen. Corvus, ihr Rabe, verriet ihr gerade die Position von Traut, der sich in der Zwischenzeit versucht hatte zu verstecken und am Waldrand zwischen den Bäumen stand, bevor Rascheln von seinem schnellen Rennen erzählten. Yara nahm ein paar Wasserballons und rannte den Geräuschen nach. Meine Augen flogen über den Platz, Marinus und Ari waren verschwunden, dennoch lief ich nur vorsichtig Richtung Kiste. Nach dem letzten Angriff auf Marinus besaß ich nur noch zwei Stück. Ich versuchte zu lauschen, in der Hoffnung, ein Geräusch würde mich vorwarnen, selbst wenn meine Konkurrenten mir in allen Sinnen überlegen waren. Seit Kindertagen machte ich Kampfsport, dennoch war ich ihnen in Schnelligkeit und Stärke unterlegen.
Ein verdächtiges Geräusch aus dem Garten, der mir entgegenflog, alarmierte mich. Zum Ausweichen war es bereits zu spät. Mein Körper wurde gedreht, an die Wand gedrängt. Statt das Wasser an meiner Haut zu spüren, nahm ich Kanes Wärme wahr. Seine Sorge. Hörte das Plätschern hinter uns. Kane stand schützend vor mir, er hatte das Geschoss mit seinem Körper abgefangen. Seine Unruhe beruhigte sich, verschwand aus meinem Körper, während er mich ansah. Die goldgelben Augen meines Sozius erwacht und alarmiert, das sanfte stille Braun begann bereits die unruhigen Wellen aus Karamellgold zu überdecken. Seine langen blonden Haare offen mit den Händen nach hinten gestreift, vereinzelte Strähnen verdeckten sein Gesicht, seine starken Augen und die markanten Wangenknochen, während das Wasser an ihnen hinunterglitt und auf seine Schultern tropfte, sie waren nass. Er zog sein schwarzes T-Shirt vollständig über den Sixpack, was den Verdacht bestätigte, dass er gerade aus der Dusche kam. Was hatte ihn so erschrocken? Immerhin hatte er mich nur vor Wasser beschützt. Ich spürte seinen warmen lautlosen Atem an meiner Haut, er wurde bereits langsamer. Kane blickte herum, während die Umgebung uns wieder erreichte, die für einen Augenblick nicht existiert hatte. Am Waldrand hörte ich Traut und Ari lachen, sie schienen sich nicht daran zu stören, dass er sie gerade als Bedrohung wahrgenommen hatte. Kane blickte auf den Boden, nahm den Arm neben meinem Kopf an der Wand herunter, damit ich mich aus der Enge befreien konnte. Wir bewegten uns beide nicht. Immer noch hatte ich das Gefühl, dass eine gewisse Anspannung in ihm zurückgeblieben war.
Ich sah in den Wald, erwartend, dass etwas passierte.
»Ist jemand hier?«
Kane schüttelte den Kopf. Seine Stimme war leise, erklärend.
»Wie gesagt. In deiner Nähe ruhe ich nie.«
Sofort erinnerte ich mich, wie er mir einst versprochen hatte, dass er seine Sinne nicht abschalten konnte, niemand mir zu nahe kommen könnte, ohne dass er es merken würde. Mir so versprach, dass ich immer sicher war, doch das hier war etwas anderes, oder nicht?
In Trauts Stimme konnte man das freche Schmunzeln sogar hören.
»Komm schon raus da, Luina ist kein Schutzschild.«
Kane sah mir kurz in die Augen, doch gleich darauf senkte er wieder den Blick und nahm mir die zwei Wasserballons aus der Hand und grinste schelmisch. Dann drehte er sich um, und mit präzisen schnellen Bewegungen, denen ich nicht nachkam, widmete er sich Ari und Traut und traf beide in den Schultern, so dass das Wasser über ihr Gesicht spritzte, bevor die zwei ausweichen konnten. Kane sah mich an und ich spürte sein aufgewühltes Inneres, was sich jedoch erholte, und fragte mich, wie er mich so gut lesen konnte, und was mir diese Infos genau sagen sollten. Kane machte einen Schritt zurück, nahm sich einige Ballons aus der Kiste und sah dann erneut zu mir. Er zögerte.
»Bleibst du heute hier?«
Ich nickte. Sein Lächeln wurde breiter, dann sprang er den anderen entgegen, um sich in die Schlacht zu mischen.
Zehn Minuten später waren wir alle von oben bis unten nass und liefen lachend ins Haus. Es hatte uns gutgetan, ein paar Minuten nicht daran denken zu müssen, was passiert war. Doch als Erja lächelnd in der Küche stand, in einem schlichten gerade geschnittenen weißen Kleid, wurden die Erinnerungen wiedererweckt. Ich zögerte zu fragen, wie es ihr ging. Sie wirkte älter als die Anfang zwanzig, die ihr Körper zeigte. Wie bei allen Servazius war es schwer einzuschätzen, wie alt sie war, da es ein körperliches Alter gab, das so gut wie stillstand nach der Neugeburt, und das wahre Alter. Erja war eine der Jüngsten, dennoch hatte sie die Rolle einer Mutter eingenommen, nicht jedoch, weil sie die Sozius des Alphas war, sondern weil sie sich gerne um andere kümmerte. Wie jetzt. Ihr erfreutes Lächeln war ehrlich. Sie deutete uns, hereinzukommen.
»Tee?«
Zustimmendes Nicken erlöste die Truppe um mich, die sich endlich wieder bewegte und sich hineintraute. Marinus, Traut und Yara setzten sich an den Tisch. Erja zog die brodelnde Pfanne vom Herd und zuckte dabei kurz, sie hatte noch Schmerzen. Mit einem Sprung stand Kane ihr zur Seite und übernahm das Umgießen der heißen Pfanne. Ari machte sich an die Tassen. Erja drehte sich lächelnd zu mir um, und ich sah in ihren Augen die gleiche Sorge wie in meinen, dennoch brachte ich es immer noch nicht über mich, zu fragen.
Erja legte ihre warme Hand auf meine Schulter.
»Du solltest dir was Trockenes anziehen.«
Ich nickte und spürte in diesem Moment die Kälte in meinen Knochen, die ich beim Rennen und Lachen vergessen hatte. Ich sah zu Kane, weil ich nicht ohne Erlaubnis in seinen Bereich gehen wollte.
»Ich geh in deinem Zimmer duschen.«
Doch Kane stand nicht mehr dort, seine Wärme war neben mir, breitete sich über seine Hände an meinen Armen auf meinen Körper aus. Er brachte mich nach oben mit der enttäuschten Bemerkung, dass ich nicht fragen müsste, ob ich in sein Zimmer dürfte, selbst wenn ich offiziell bei meinem Vater wohnte. Im letzten Schrank an der Wand, die das Zimmer in zwei Hälften teilte, hatte er mir bereits vor Wochen Platz freigeräumt. Genaugenommen war er bis auf ein paar Kleidungsstücke von mir und einem flachen Safe in der Mitte leer. Da ich so oft bei ihm war und auch hier trainierte, hatte es sich schnell ergeben, ein paar Sachen zu lagern, um die ich dankbar war. Ich packte mir frische Kleidung und lief um die Kante. Kane hatte saubere Handtücher bereit gelegt und kam mir gerade entgegen, als ich ins Bad wollte.
»Brauchst du noch etwas?«
Ich schüttelte den Kopf. An der Tür drehte ich mich erneut um, Kane stand wie so oft am Fenster neben dem dunklen Vorhang und blickte in den Wald. Sofort spürte er mein Zögern, drehte sich zu mir.
Die Frage brannte mir, seit ich Erja in der Küche gesehen hatte, in der Brust.
»Wie geht es ihr?«
Kane wusste, von wem ich sprach.
»Besser.« Ich drehte mich wieder Richtung Bad, spürte, wie Kane näher kam. »Wie geht es dir?«
Ich war erstaunt, dass er fragte, es nicht einfach erspürte. Er würde Unruhe in mir wahrnehmen, die Sorge um Erja, die Schuld. Ich war mir nicht sicher, ob ich wusste, wie ich mich fühlen sollte, deshalb zog ich die Schultern hoch.
»Es ist alles okay.«
Kane nickte nur. Er glaubte mir nicht.
Der Dampf klebte am Spiegel, als ich erholt aus der Dusche stieg und mich anzog. Das Badezimmer war komplett mit dunklen Steinplatten ausgelegt, Licht spendeten, bis auf die Lampe über dem Waschbecken, nur kleine LED-Spots, die mehr wie Sterne wirkten. Alles war schlicht, minimalistisch eingerichtet. Im Spiegelschrank waren nur die nötigsten Sachen, so dass auch dort mehr als genug Platz für mich gewesen wäre. Doch ich brauchte nicht viel. Als ich die Tür öffnete, spürte ich bereits, dass Kane nicht hier war. Sein Zimmer war leer. Die gestillte Sehnsucht konnte jedoch mein Herz beruhigen, er war nicht weit entfernt, wahrscheinlich wieder unten in der Küche. Verträumt stellte ich mich ans Fenster und blickte in den Wald. Es dämmerte, das dunkle Blau umhüllte die friedliche Nacht. Am Himmel strahlte der Mond im hellem Licht und offenbarte so die einzelnen Tannen unter ihm. Wolken zogen in der Ferne auf. Es war so still in diesem Raum, keine Geräusche von draußen oder den anderen Räumen. Nichts, was einen hätte ablenken können von den Erinnerungen oder dem schlechten Gewissen.
Ich hielt inne, als mein Blick auf einen Stapel Bücher fiel, worauf ein offenes lag, als wäre es in Eile zur Seite gelegt worden. In Kanes Bibliothek sammelten sich viele Werke in verschiedenen Sprachen und Formen: Englisch, Griechisch, Japanisch und sogar unbekanntere Sprachen wie Romanisch oder Latein und solche, die ich nicht identifizieren konnte. Ich trat näher und streckte mich, um es zu lesen, ohne es zu berühren. Es war die gleiche verschnörkelte Schrift wie in der Bibliothek oder in den anderen Büchern auf den Regalen, die ich nicht identifizieren konnte. Buchstaben, die durch elegante Pinselstriche, mal länger und kürzer, seitliche Verlängerungen und Kreise, ein mir unbekanntes Alphabet zeigten. Daneben stach mir eine kleine Truhe aus rötlichem Holz ins Auge, sie stand zwischen zwei Reihen am Regalrücken. Ich öffnete sie vorsichtig und erkannte ein braunes Benitoit mit dunkleren und helleren orange-braunen Streifen, das in einem dunkelroten Polster eingebettet war. Der Stein der Emeritusjäger, der mit dem gleichen Gift versetzt wurde wie die Pfeile, die Erja getroffen hatten. Gefühlt konnte ich ihre Schmerzensschreie immer noch hören. Wie konnte man nur etwas erschaffen, das einzig dazu da war, um andere Wesen zu quälen und zu verletzen? Ich spürte die Hitze unter meiner Hand, die von dem Benitoit kam, nur durch die Nähe, ohne ihn zu berühren, wie eine Glut, während sich die Bilder der Ereignisse in mir festbrannten. Wie hatte es so weit kommen können, dass sie Erja folterten? Hätte ich mehr tun können, irgendwie an die Waffe kommen können, Linus überwältigen? Unter meiner Hand schloss sich die Kiste mit dem Stein, ich spürte das Holz, öffnete die Augen, die ich unbemerkt zusammengekniffen hatte.
Kane stand neben mir, seine Hand immer noch an der Kiste. Seine Stimme war warm.
»Du hättest sie nicht retten können.«
Kane ließ seine Hand sinken, während er mit der anderen meinen Arm berührte. Sofort spürte ich wieder seine Wärme. Er zeigte auf den kleinen Tisch neben dem Sofa. Darauf lagen zwei Suppenteller, Dampf stieg aus ihnen. Ich hatte Kane nicht gehört, nicht mal die Tür. War ich so tief in Gedanken gewesen? Kane setzte sich aufs Sofa, seine Augen baten dazuzukommen, während er schweigend wartete. Ich sah ein letztes Mal zur der Kiste. Menschen waren grausam, weil sie solche Waffen erschufen und nutzten. Denn Emeritusjäger hatten das Gift selbst hergestellt, um Unlichtweltler wie Servazius aufzuspüren und zu töten. Sie versetzten die Edelsteine, ihre Waffen, damit und glichen so ihre körperliche Schwäche aus. Jäger hatten diesen Job, doch wie perfide war es, von Servazius selbst diese Waffen gegen ehemalige Rudelmitglieder zu nutzen, nur um sie zu foltern.
Ich hockte mich auf den Teppich zwischen Sofa und Tisch. Kanes Nähe war beruhigend, gerade war ich froh, nicht alleine zu sein, denn das klumpige graue Gefühl lag mir immer noch im Magen.
Kane erklärte, dass Cyrus sich mit Erja zurückgezogen hatte, es ihr jedoch so weit gut ging.
»Wir sollen uns keine Sorgen machen.« Er zeigte auf die Teller mit Eintopf, prall gefüllt mit Kartoffeln, Gemüse und Fleisch. »Ich hoffe, das ist in Ordnung?« Ich nickte dankbar, spürte den Hunger, doch mein Appetit war weg.
Kane sprach sanft, fast schon leise. »Sie sind besorgt um dich.«
»Um mich? Erja wurde gefoltert, nicht ich.«
»Luina, niemand macht dir einen Vorwurf, tu du es also auch nicht.«
Selbst wenn ich wusste, dass er mich nicht anlog, suchte ich die Wahrheit seiner Worte in seinen Augen, wo ich sie auch fand.
»Was haben sie genau getan?«
»Sie haben ein Stück Haut aus dem Oberschenkel ausgebrannt und abgezogen, so dass dieses als Pergament diente, um die Kriegserklärung zu überreichen. Erja betonte, dass es nur das Gift war, das sie so paralysierte.« Selbst wenn Kane kaum Emotionen zeigte, ließ es ihn nicht kalt. In ihm brodelte der Wolf, der seine Familie schützen wollte und sich schuldig fühlte, nicht schneller gewesen zu sein. »Für uns waren sie immer noch Freunde.«
»Es waren nicht alle«, wollte ich trösten, doch dieses Wissen würde die Tat der anderen nicht schmälern.
Kane begann erneut zu essen, ich schob es auf meinem Teller nur hin und her. Eine Weile hörte man nur die Geräusche der Gabeln an den Tellern, bis Kane die Stille durchbrach.
»Es tut mir leid.«
»Du kannst nicht vierundzwanzigsieben um mich sein.«
»Linus lässt euch alle für meine Entscheidung bezahlen.« Kane senkte den Kopf, seine Augen wurden schmaler, darunter spannten sich seine Muskeln an. Er ballte die Fäuste, ohne eine Bewegung der Arme, so stark, dass sie bleich wurden und jeder Muskel sichtbar. »Diese primitiven Methoden wurden seit dem Mittelalter nicht mehr genutzt.«
»Warum dann so ... bestialisch?«
»Um zu provozieren. Und Cyrus zu bestrafen. Er stand mir damals zur Seite.« Als das Rudel sich trennte.
Kane dachte daran, Linus zu töten. Ich war schockiert.
»Wir werden diesen Streit irgendwie stoppen. Wir finden eine Lösung.«
»Ich glaube nicht, dass es eine friedliche Lösung gibt. Wie sehr sich Cyrus das auch wünscht. Linus wird nicht ruhen, bis einer von uns stirbt.«
Nun wurde ich wütend, Kane so machtlos zu sehen.
»Ihr könnt nicht mal wissen, ob du seinen Sozius hättest retten können, wenn du mit in den Kampf gezogen wärst.«
»Doch, das wissen wir. Beide.«
»Aber er weiß nicht, dass du Fänger warst?« Ein Fänger war immerhin ein ausgebildeter Soldat der Servazius, das Militär, gleich eine Art Polizist, die gegen übernatürliche Wesen ankommen mussten.
Kane schüttelte minimal den Kopf.
»Nein. Für ihn werde ich immer dieser Bruder aus dem Krieg sein. Doch selbst wenn er es nicht eingestehen will, er kennt meine Fähigkeiten.«
Linus hatte mir selbst davon erzählt, wie er und Dutzende andere Menschen Munition für den Krieg geworden waren, wie sie ahnungslos gefoltert und schließlich verwandelt wurden. Sie waren wie unzählige andere auf dem Schlachtfeld als Wolf erwacht, unkontrolliert, unwissend, was passiert war. Eine Waffe, nichts mehr als ein ersetzbarer Soldat. Dort lernte er Kane kennen, glaubte, mit ihm ein Schicksal zu teilen, doch es war nicht Kanes Vergangenheit, sondern nur Linus‘.
»Warum hast du ihm nie die Wahrheit erzählt?«
»Mein Duft vermischte sich mit seinem, was ich als Tarnung brauchte, und daraus entstand eine Freundschaft. Linus stellte mich den anderen vor, erzählte frei, was passiert war. So hatte ich einen Ort, wo ich bleiben konnte.«
»Weiß niemand aus deiner Familie, dass du Fänger bist außer Ari und Cyrus?«
»Mittlerweile wissen es Einzelne. Es ist für jeden besser, wenn nicht. Ich lüge nicht, verschweige es nur.«
»Mir erzählst du es«, hakte ich nach.
Er schüttelte den Kopf.
»Du fragst. Ich habe versprochen, dich nicht anzulügen, dennoch hoffe ich, du stellst diese Frage nicht.«
Ich wich seinem starken Blick aus. Hoffnung, dass er irgendwann bereit sein würde, mir alles zu erzählen, war das Einzige, was mich dazu brachte, nicht weiter nachzubohren. Hatte er sich so große Feinde gemacht, dass er geflohen war? Oder hatten die Jahre als Soldat ihn gezeichnet? Sicher war, würde die Wahrheit rauskommen, würde Linus es ihm nicht verzeihen können, so lange belogen worden zu sein. Denn er war nicht gut darin, die Vergangenheit loszulassen. Immerhin hasste er alle Menschen für die Tat, ihn verwandelt zu haben. Und noch mehr Kane, weil er nicht gegen die Jäger in den Kampf gezogen war, als diese ihr Rudel jagten. Schon damals hatten Unschuldige ihr Leben gelassen, nicht nur Linus‘ Sozius, weil sie von Rache getrieben waren, genau wie heute.
Ich spürte, wie er sich verschloss und sein Inneres so still werden wollte wie das Zimmer um uns, weshalb ich weiterfragte.
»Warum greifen sie Erja an? Warum nicht einfach mich töten, wenn er sich an dir rächen will?«
Kane war längst dieses Szenario im Kopf durchgegangen, was seine Unruhe verstärkte.
»Einen unschuldigen Sozius zu töten, wird mit dem Tod bestraft.«
Spätestens dann würden sie die Regierung einschalten.
»Warum Krieg? Warum jetzt?«
»Wenn ich ihn analysieren könnte, wäre es nicht so weit gekommen.«
Meine innere Wut stieg.
»Und die Regierung tut jetzt nichts?«
Kane atmete geräuschlos aus, schloss dabei nachdenklich die Augen.
»Um das Gebiet zu kämpfen, ist nach alten Gesetzen der Servatius erlaubt. Land bedeutet für uns immer noch Freiheit. Und Krieg nicht unweigerlich den Tod.«
Verachtung klang in meiner Stimme mit.
»Was sind das für Gesetze?«
»Sie hätten die barbarischen Methoden nicht akzeptiert.« Kane schob den leeren Teller vor sich nach vorne.
»Warum greifen sie dann nicht ein?« Ich blickte auf, eine Erklärung erwartend.
»Sie halten sich von unseren Gebieten fern.«
»Weil Cyrus darum bat?«
Kane stand auf, dann versteinerte er wieder.
»Ich habe mich vor Jahren darum gekümmert.« Ohne Weiteres begann er, das Geschirr zusammenzuräumen, geräuschlos, während er weitersprach, ruhig und gelassen. »Kurz nachdem unser Rudel sich in zwei gespalten hat und wir in dieses Haus gezogen sind, habe ich sie um Diskretion gebeten. Ich dachte, dass dieser Krieg damals ausbrechen würde. War mir sicher, dass sie gegen Regeln verstoßen würden. Doch es geschah nie etwas.« Bis jetzt. Kane richtete sich auf, das Geschirr säuberlich in seiner Hand gestapelt. »Dass die Regierung immer noch nicht hierher kommt, ist mir recht. Vor allem für dich.«
Ich wusste, dass er nicht reden wollte, während ich alles wissen wollte. Doch mein Mund war schneller als mein Kopf.
»Warum bist du nicht mehr Fänger?«
Kane drehte sich zu mir, zögerte.
»Fänger hört man nicht auf zu sein. Ich bin nur momentan nicht aktiv.«
Ohne weitere Möglichkeiten zu reagieren, drehte er sich um und trug das dreckige Geschirr aus dem Zimmer.
Im Zimmer war es nun dunkel und das sanfte Mondlicht spiegelte sich auf der Seide der Bettwäsche und verwandelte die Falten in Wellen. Bis meine Augen zufielen und ich ins tiefe Schwarz fiel, in der giftgrüne Augen mich verfolgten. Sie wollten mich töten, zerfleischen. Als es mich zu Boden riss, wurde meine Sehnsucht entfacht, verdeckte meine Angreifer hinter unscharfem Nebel, bis auf die Zähne, die deutlich hervorblitzten. Ich hörte erneut Erjas Schreie, die mir durch Mark und Bein jagten, als könnte ihre Stimme ihren Schmerz in meinen Körper transportieren. Die Qualen, die sie erlitt, waren auch in mir zu spüren, als würde ich verbrennen. Pein war alles, was mich einnahm, und das verzweifelnde Gefühl, ihr nicht helfen zu können. Meine Schreie waren nur ein Hall von Erjas. Bis mich eine Kraft aus dem Sog erhob, mich zu sich rief und mich zurückholte aus dem Alptraum in die Realität.
»Luina.«
Es war Kane.
Er saß auf der Bettkante, nur so weit entfernt, dass er mich gerade nicht berührte. Selbst wenn ich die Augen geschlossen hatte, wusste ich, wo Kane war. Ich liebte den sanften Duft vom Versprechen des nah kommenden Regens, nach dem Kane roch und den ich zu selten wahrnahm. Wenn die Erde längst weiß, dass die Wärme enden wird, weil das Wasser den Sommer kurz unterbrechen wird und der Duft nach ihm längst einen umgibt. Es war mitten in der Nacht und mein Körper war müde, das Zimmer dunkel, fast schon finster. Kane stand auf, um zu gehen, sein Gesicht von der Finsternis verschluckt, so dass ich seine Sorge nur spüren konnte.
Meine Stimme war mehr ein Flüstern.
»Kane.« Er blieb stehen, drehte sich zu mir. Die Bilder von Linus über mir, Erjas Schreie waren immer noch so nah. »Linus wird ...«
Kane unterbrach, schüttelte den Kopf.
»Er wird niemandem von euch erneut so nah kommen.«
»Und wenn es Krieg gibt?«
Kane kam näher, dennoch war sein Gesicht nicht zu sehen.
»Ich kann nicht versprechen, dass dies nicht passiert. Nur dass du in Sicherheit bist.«
Kane drehte den Kopf leicht, so dass sanftes Mondlicht über seine kantigen Wangenknochen fiel und mir endlich seine Augen offenbarte, das Gold schimmerte unter dem Braun, und es stillte die Sehnsucht, als könnte sie nie wiederkommen. Und etwas in mir hoffte, dass es ihm ebenso ging. Kane wartete kurz, dann entfernte er sich mit leisen Schritten um die Mauer. Ich musste nicht mal die Augen schließen, schon waren wieder die Bilder im Kopf: Erjas Schreie neben mir, Linus‘ giftgrüne Augen drängten sich in der Dunkelheit vor mich und ich erkannte die Mordlust in ihnen. Ich schob die Decke zur Seite, stand auf und lief zu der kalten Scheibe, damit ich den Wald sehen konnte, mich selbst von seiner Stille überzeugen konnte. Sofort spürte ich die Sorge um mich, die von Kanes vertrauten Augen kamen, die auf mir ruhten. Ich musste ihn nicht suchen, ich wusste genau, wo er saß. Auf der Couch, ein Buch vor sich, mich zwischen den Haarsträhnen hindurch fixierend. Fast schon automatisch legte ich meine Hände auf die Arme, um die sanfte Kälte zu vertreiben, die mein Körper durch die Müdigkeit wahrnahm.
»Bist du nicht müde?«
Kane schloss das Buch, ohne den Blick von mir zu wenden.
»Ich brauch nicht viel Schlaf.«
»Schläfst du überhaupt, wenn ich da bin?«
Kane stand auf, mit einer fließenden Bewegung landete dabei das Buch auf der Couch.
»Besser.« Mit wenigen Schritten stand er vor mir, sofort wurde es wärmer. »Geh wieder ins Bett.«
»Schläfst du auf der Couch?«
Kane schüttelte den Kopf, in der Dunkelheit war er kaum sichtbar. Kälte umhüllte meine Füße beißend. Ohne mich zu berühren, lenkte Kane mich Richtung Bett. Ich setzte mich und zog die warme Decke über meine Beine, um die Kälte zu bekämpfen. »Wo schläfst du?«
Wie er ihm Dunkeln mein aufforderndes Gesicht sehen konnte, war unklar, doch es funktionierte.
»Auf dem Boden.«
Ich verdrehte die Augen.
»Das Bett ist groß genug.« Und es war sein Schlafzimmer, ich war der Gast.
»Ich habe oft schlechter geschlafen.«
Redete er davon, im Krieg draußen geschlafen zu haben oder dass die sehnsüchtigen Nächte vor unserer Verbindung schlimmer gewesen waren?
»Wenn ich nicht hier wäre, würdest du auch nicht auf dem Boden schlafen.«
»Wahrscheinlich würde ich dann gar nicht schlafen.«
Ich sah auf die unbenutzte Matratze neben mir, ich brauchte nicht mal ein Drittel des Bettes.
»Schlaf hier.« Kane schloss kurz die Augen, blieb weiterhin stehen. Ich verlor die Geduld. »Du bist mein Sozius, diese Nähe ist nichts im Vergleich.«
Seine Augen flogen zu meiner Hand, die auf die faltenfreie Hälfte klopfte, auffordernd. Er lief auf die andere Seite, zögernd legte er sich an den Rand des Bettes. Zu Beginn noch angespannt, steif wie ein Brett. Doch in seiner Umgebung fiel es mir leichter, die Augen zu schließen, und ihm ging es gleich. Allein seine Nähe hielt Linus und die Albträume von mir fern.
Als ich aufwachte, wurde es bereits hell draußen und Kane war wach, denn das Bett neben mir war leer. Würde ich mich daran gewöhnen, ihn jeden Tag als Erstes zu suchen?
Im Haus war es still, dennoch war ich mir sicher, dass hinter den verschlossenen Türen der Zimmer einige zu Hause waren. Bereits bei der Treppe hörte man alltägliches Klappern von Geschirr, roch den Kaffee und frische Brötchen. Ich öffnete die Tür, Erja blickte auf, sie räumte gerade sauberes Geschirr ein. Ihr schlichtes weißes Kleid fiel natürlich an ihr hinunter und machte Erja so unscheinbar in der weißen hellen Küche.
»Guten Morgen. Gut geschlafen?«
Ich nickte vorsichtig.
»Erstaunlicherweise ja, und du?«
Langsam ging ich zur Kochinsel. Erja nickte ebenfalls und widmete sich wieder dem Geschirr. Eigentlich wollte ich mehr fragen, wie es ihr ging, wie sie damit umging, was passiert war, wie schlimm es war. Ob sie mir die Schuld gab. Doch wie sollte man das fragen?
Ich hörte an ihrer Stimme, dass sie unruhig war.
»Mir geht es schon besser. Das war es, was du fragen wolltest, oder?«
Ich hob meinen Kopf, sie konnte die Sorge genauso wenig in ihren sanften blauen Augen verbergen wie ich.
»Ich wusste nicht, ob es mir zusteht, dich so direkt zu fragen.«
Erja legte ihre warme Hand auf meine.
»Luina, ich kann Kane wahrnehmen, etwas wenigstens. Ich weiß, dass etwas nicht stimmt, selbst wenn er kaum wahrzunehmen ist. Also gehe ich sicher richtig davon aus, dass du dir die Schuld gibst?«
Ich war überrascht. Nicht nur über ihr Mitgefühl, ihr Verständnis oder darüber, dass sie Kane wahrnahm, sondern auch, dass sie mich bereits so gut kannte.
»Ich hätte mehr tun müssen.«
Erja wartete, bis ich sie ansah.
»Sie handelten nach Befehl. Es mag verrückt klingen, doch waren sie trotz Folter sehr respektvoll, abgesehen von Václaw. Haben mich nur mit den Pfeilen berührt. Also ja, ich habe Schmerzen, aber das ist auch schon alles.«
Ich wollte widersprechen, doch die Stärke, die sie ausstrahlte, strich jeden Zweifel von mir. Weshalb ich ihr zuliebe Thema wechselte.
»Du nimmst Kane wahr?«
