Space Jobs » Box Set - Leonard Lionstrong - E-Book

Space Jobs » Box Set E-Book

Leonard Lionstrong

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Beschreibung

Dieser Sammelband enthält 3 vollständige Romane und 28 Short Storys. 1000 Seiten Space Opera Science-Fiction: Space Jobs - Buch 1 » Odyssey Space Jobs - Buch 2 » Origin Space Jobs - Buch 3 » Legacy Space Jobs - Buch 4 » Die Short Storys Heute Hüllenputzer, Morgen Millionär. Sie beuteten ihn aus, und er ließ es geschehen. Doch im All kannst du ALLES SCHAFFEN. Allein und arbeitslos auf einem Weltraumbahnhof? Das ist kein Problem für den jungen Außerirdischen Immik. Begeistert stürzt er sich in jede Tätigkeit. Doch schon bald gerät er an den Falschen, und eine vogelwilde Achterbahnfahrt durch die Galaxis beginnt. Im Weltraum arbeiten, an Bord von Raumschiffen und zwischen den Sternen tätig sein? Das klingt großartig. Wenn da nicht die miesen Arbeitsbedingungen und die fiesen Arbeitgeber wären. Der elternlose Immik lässt sich nicht entmutigen, was auch immer da kommen mag. Turbulente Space Opera in einem überraschend anderen Kosmos. Eine frühere Auflage von »Space Jobs« ist mit einem anderen Cover unter dem Titel »Die Sternenvogelreisen« erschienen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Space Jobs » Box Set
Space Jobs - Buch 1 » Odyssey
1.
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Nachtrrag
Was danach geschah
Glossar
Space Jobs - Buch 2 » Origin
1.
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Was danach geschah
Epilog
Glossar
Space Jobs - Buch 3 » Legacy
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Was danach geschah ...
Glossar
Space Jobs - Buch 4 » Die Short Storys
Zu früh zu spät
Die Flaschenpost im Sternenstrom
Aus dem Leben einer Superintelligenz
Strafshopping
Welt im Schlepptau
Bahnhof Sternenflug
Schattenträger
Vom Erdboden verschluckt
Festvorbereitungen
Der verschenkte Planet
Erfindungen
Das dreckige Raumschiff
Unsere Perle im All
Der Privatplanet
Raumschiffrennen
Der ganz große Wurf
Allwissend
Immer besser
Nachtjahre
Sie hatten ihm Furchtbares angetan
Der Morgen beginnt mit Frühstück an einem Black Hole
Planetendiebe
Die letzte Frage
ePets Inc.
Sternenstreicher
Comic Copycat – Eine Kopie von Welt
Wie die Sternhaufenkriege ausgelöst wurden
Rüpel und Wegelagerer im All
Der verlorene Prolog
Impressum

Space Jobs » Box Set

 

Dieser Sammelband enthält 3 vollständige Romane und 28 Short Storys. 1000 Seiten Space Opera Science-Fiction:

 

Space Jobs - Buch 1 » Odyssey

Space Jobs - Buch 2 » Origin

Space Jobs - Buch 3 » Legacy

Space Jobs - Buch 4 » Die Short Storys

 

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Space Jobs - Buch 1 » Odyssey

 

 

Der Außerirdische Immik, von dem hier die Rede sein wird, ist kein Piepmatz. Er ist jugendlich und er geht aufrecht. Seine Vorfahren waren Vögel, daher besitzt er ein spärliches Federkleid, verfügt über Krallen an Händen und Füßen. Und er hat einen Schnabel, der ihm äußerst wichtig ist. Fliegen allerdings kann er nicht. Bestenfalls kann er davon träumen.

 

 

1.

 

Irgendwie würde er sich schon durchschlagen. Immik würde alles machen. Einiges hatte er schon versucht und war gescheitert. Fliegender Ersatzteilbote hatte er werden wollen, schnittiger Taxiflieger in Lederkluft zwischen den Monden. Auch als Gärtner hätte er sich gern probiert, in den grünen Anlagen einer Monarchie auf einem gar nicht weit entfernten Planeten. Doch er hatte kein Händchen dafür, Leute wie er schätzen die Trockenheit. Als Liebhaber war er aufgetreten und glorios gescheitert in seiner fiebrigen Jugendlichkeit. Die herrschaftliche Schönheit mit dem flatterigen Herzen hatte ihn nicht einmal angesehen.

Immik war ein leichtgewichtiges dürres Bürschchen, dessen spärliches Federkleid unter einem hellgelben Overall Unterschlupf gefunden hatte. Der Overall würde später zu seinem Markenzeichen werden, aber das wusste er in diesem Moment noch nicht. Er konnte einen kernigen Schnabel aufbieten und blickte aus runden schwarzen Augen in eine Welt, die ihn staunen machte. Während Immik übermütig ausschritt, versuchte er ein Bein höher, als das andere zu heben. Auf diesen Stelzen ruhte seine Welt. Ans Fliegen war nicht zu denken. Er hätte auch Insekten aus Mauerritzen schnappen können. Wenn es an diesem Ort Mauern gegeben hätte…

Schließlich hatte Immik von einem Vermittler das Angebot erhalten, auf dem Raumhafen des Planeten Kubaba in einer subplanetaren Waschanlage als Raumschiffhüllenreiniger anzuheuern. Er hatte eingewilligt und arbeitete seitdem für einen kargen Lohn in der Tag- und Nachtschicht. Er nahm es mit Vehikeln aller Größenklassen auf. Die einen bürstete er, die anderen polierte er.

»Raumschiffe, was gibt es denn da schon groß sauberzumachen?«, hatte der Agent im Vorzimmer des Einstellungsbüros im Ton eines guten Kumpels gefragt.

»Ach weißt du«, hatte Immik erwidert, »dreckig sind sie alle. Der Weltraum ist ein schmutziger Ort.«

Natürlich gibt es Waschplätze und Maschinen, die Robotertechnik ist hier durchaus fortgeschritten. Doch die ausladenden Anlagen taugen nur fürs Grobe. Den Blechkollegen fehlt hingegen etwas Entscheidendes: die Lebendigkeit. Richtig zu reinigen ist nämlich eine Frage der Leidenschaft. Eine Kombination aus Gefühl und Erfahrung ist nötig, die man nicht programmieren kann.

Immik besaß das Gefühl. Er hatte darüber hinaus ein natürliches Gespür für den Glanz. Diese Gabe ermöglichte es ihm, den Zustand der Metalle zu lesen. Raumschiffe waren aus unterschiedlichen spezifischen Legierungen gefertigt. Schiffshäute bestanden niemals aus einem Stück, und sie besaßen keine Fenster. Nicht wenige von ihnen waren kostspielig. Wer hätte etwas anderes erwartet? Pflege tat also not. Eine Schweißnaht, an der selbst der gewissenhafteste Blick nichts auszusetzen fand, entpuppte sich dank Immiks Talent als inwendig rissig. Flächen, an denen niemand etwas zu bemängeln hatte, empfahl er in die Werkstätte. Die Korrosion hatte keine Chance mehr. Ohne es zu ahnen, rettete Immik das Leben von Raumfahrern und auch so manchen Profit. Darüber hinaus erhöhte der Glanz einer professionellen Reinigung den Wert der Schiffe und sorgte nebenbei für selige Besatzungen. Ohne ein Finish von Hand ist noch nie eine Crew zufrieden ins All gestartet. Unpoliert zwischen den Sternen, das ging gar nicht.

Nachdem das gigantische Gestell der Waschanlage zurückgefahren war, huschte er flink auf einem balancierenden Aggregat hinauf. Immik war mit seinem Mindergewicht bestens dafür geeignet. Blitzschnell wich er pendelnden Schläuchen aus, mied versiegende Fontänen ätzender Reinigungslösung und manövrierte sich auf diese Weise durch den metallenen Wald aus gewaltigen Trägern.

Kein Schiff glich dem anderen. Konstruiert worden waren sie von verschiedenen Völkern zu unterschiedlichen Zwecken. Das wirkte sich auch auf den letzten Belag aus, jene Schicht, die Schiff und kosmische Leere voneinander trennte. Es gab energieabsorbierende Überzüge, weltraumfeste Speziallacke zur Erhöhung der Abriebfestigkeit, pompöse Kompositmaterialien, mit denen Eindruck geschunden wurde oder komplexe Tarnbeschichtungen, die bei Schmugglern beliebt waren. Man hatte es mit den persönlichen Vorlieben der Besitzer und Reeder zu tun. Das betraf Farben, Muster, Beschriftungen und sogar künstlerische Motive, auf die Rücksicht bei der Reinigung genommen werden musste. Die empfindlichsten Oberflächen wurden unter einer eigens konstruierten, hochenergetischen Abschirmung auf Vordermann gebracht.

Immik bearbeitete die Stellen, an die Maschinen nicht herankamen oder wo sich hartnäckig etwas festgesetzt hatte. Er verwendete einen Hightechmopp ebenso wie eine Vielzahl spezieller Reinigungstücher, -lappen und -feudel. Und wenn er sicher war, dass niemand hinsah und die raumhafeninterne Personal- und Gastüberwachung mit etwas anderem beschäftigt war, nutzte er das Material und setzte seinem Schnabel damit zu. So viel Glanz musste sein!

Winzige unentdeckte Meteoriteneinschläge dichtete er ab, größere rapportierte er. Wo es nötig war, ging er mit der Hochdruckspritze drüber und rieb alles blank. Fremdartige Materie entfernte er mit einer Spezialschere und deponierte sie in Sicherheitsbeuteln. Kosmische Strahlung hatte an dafür nicht vorgesehenen Stellen für radioaktive Belastung gesorgt. Dagegen hatte er mit Spezialreinigern vorzugehen. Mitunter kam es sogar vor, dass er Reste organischen Materials fand. Woher es stammte und wie es auf die Schiffshaut gelangt war, das mochte er sich lieber nicht vorstellen.

Immik hatte sich einer speziellen Ecke der Waschanlage eingerichtet, und zwar in einer halbwegs geräumigen Aussparung innerhalb eines beweglichen Auslegers. Von dort aus konnte die Vorrichtung im Notfall manuell bedient werden, doch der Fall war nie eingetreten. So hauste er ungestört oberhalb des Reinigungsdecks und sah die meisten Schiffe aus seiner bevorzugten Position, nämlich von oben. Den Rest der lautstarken Welt der professionellen Sauberkeit nahm er aus der Höhe kaum wahr.

»Wo soll ich anfangen?«, ließ sich eines Tages der Manager, der ein fieser Tintenfisch war, herab. Genmanipulationen seiner Vorfahren hatten ihn landtauglich und sauerstoffatmend gemacht. Eine schadhaft aufgebrachte Gefiederung bedeckte ihm die Arme wie ein Ausschlag. Kunstfedern galten als der letzte Schrei unter seinesgleichen. Der Tintenfisch hatte sich in die Behaglichkeit einer engen grünen Glasflasche zurückgezogen, die auf seinem Schreibtisch stand. Die beiden Tentakel ragten so eben noch zuckend heraus. Eine externe Schallmembran an der Decke des Verwaltungscontainers gab die Worte des Vielarmigen wieder:

»Ich sag es mal so: Ihr hingebungsvolles Wirken an der Hülle hat Eindruck gemacht. Und wie Sie den Lappen halten, klasse!«, verkündete er sprudelnd.

Ja, dachte Immik und gönnte sich ein Lächeln. Anstrengende Tage und Wochen schienen nun Früchte zu tragen. Schon begann sich das wärmende Gefühl der Dankbarkeit in ihm zu regen.

»Ich will gar nicht verschweigen, dass wir die eine oder andere Rückmeldung vonseiten der Kunden hatten. Das ist ja immerhin was.« Nicht wahr! Sein Boss war ein prima Kerl, der ein Auge auf seine Leute hatte und sie offenbar richtig einzuschätzen wusste.

»Es gibt allerdings ein Problem«, spritzte er hervor.

Oho, dachte Immik, was kommt nun? Womöglich hatte man vor, ihn zu befördern.

»Sie sind für den Job zu langsam. Der Speed fehlt, verstehen Sie?«, fuhr der sehr fiese Tintenfisch fort. Eine selbstgefällige Strenge hatte sich in die künstliche Stimme des Managers gemischt, wahrscheinlich durch den Computer induziert. »Niemand erwartet die Rasanz eines Roboters oder den programmierten Eifer einer Spezialmaschine. Aber auch für Hilfskräfte gibt es Standards. Und die müssen nun mal eingehalten werden. Gewisse Erwartungen unsererseits sind ebenfalls zu berücksichtigen. Sie verstehen das sicher.«

Nein, tue ich nicht. Verwirrung begann sich seiner zu bemächtigen. Inbrunst, Leidenschaft und Hingabe waren nicht genug? »Wie dem auch sei, wir würden Sie gern weiterbeschäftigen.«

Na also!

»Im Vertrauen, Sie sind seit Wochen einer unserer besten Mitarbeiter. Bei Tag- mit gleichzeitiger Nachtschicht zum selben Lohn durchaus brauchbar. Aber die augenblickliche wirtschaftliche Lage lässt es leider nicht zu«, sprühte es aus ihm heraus. Die Schallmembran sonderte zur Unterstreichung noch einige Klicklaute ab, die in dem Raum als Echos herumsprangen.

Immik wusste nicht, was zu erwidern war. Sollte er seine Vorzüge in Erinnerung rufen, auf zukünftige Möglichkeiten verweisen, die ihm zweifellos mit zunehmender Erfahrung zur Verfügung stehen würden? Immerhin zählte er noch nicht zu den Erwachsenen. Sein Boss hatte nun endgültig in der Flasche Platz gefunden und fuhr schlabbernd fort: »Aus diesem Grund sehen wir uns gezwungen, Sie spontan freizusetzen und dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung zu stellen. Auch wenn das jetzt hart wie Koralle klingt. Aber sehen Sie diese Entwicklung auch als Chance und Herausforderung für Ihr weiteres Leben – für das wir Ihnen gerne und selbstverständlich alles Gute wünschen.«

Immik wollte sich für diese Aussichten gar noch bedanken, während sein Gegenüber es vorzog, sich hinter Tintenwolken unsichtbar zu machen. Wäre es ihm möglich gewesen, hätte er sich in das tiefste Dunkel eines Ozeans zurückgezogen oder – noch besser – sich in ein Paralleluniversum davongeschlichen. Er blieb eben ein Tintenfisch, Manager oder nicht…

So stand Immik arbeitslos, ohne Geld, ohne Freunde, ohne Wohnung, denn die war an seinen Arbeitsplatz gekoppelt gewesen, und überhaupt ohne jegliche Aussicht auf irgendetwas auf seinen wackligen Beinen vor dem vermaledeiten Container auf Deck 1, knapp unter der glutheißen Oberfläche des Planeten Kubaba. Manager müsste man sein, sinnierte er, da könnte man nicht entlassen werden, denn wer sollte das tun, er wäre dann ja der Boss? Die argumentative Schwäche seiner Gedanken entging ihm. Wenn er irgendetwas zu diesem Zeitpunkt war, dann so weit vom Managerposten entfernt wie nur möglich. Er war arbeitslos, obdachlos, ohne finanzielle Mittel und mutterseelenallein. Doch Immik fühlte sich eher befreit als bedrückt. Er öffnete den Kragenbereich seines Arbeitsoveralls, immerhin der war ihm geblieben. Der Manager hatte ihn nicht zurückgefordert. Es würde sich schon etwas für ihn finden. Wenn es irgendwo Arbeit gab oder die Möglichkeit, in die Reichweite von Arbeit zu kommen, dann auf einer Einrichtung, auf der Raumschiffe starteten und landeten. Er musste sich nur etwas umsehen.

Die Tag- und Nachtschichten hatten ihn bisher nur seinen Arbeitsplatz kennenlernen lassen. Nun hatte er Zeit, den Raumhafen zu erforschen. Immik tat das Naheliegende und nahm den Wartungsaufzug an die Oberfläche. Doch dort wurde er enttäuscht. Kubaba wirkte alles andere als imponierend. Es waren nämlich keine Raumschiffe zu sehen. Das keramische Landefeld war ein weiter und öder Raum unter einem hohen blauen Himmel. Hätte Immik es aus der Perspektive der Raumfahrer sehen können, wäre er wohl angetaner gewesen. Dann nämlich hätte er die animierte Beschilderung, die farbigen Markierungen, die gläsernen Abfertigungshallen und die kapitalen Fahrstuhlschächte bemerkt. Die Schiffe befanden sich sämtlich unter Tage. Immik kannte den Grund dafür nicht. Mochten es die Sandstürme sein, von denen er nie einen gesehen hatte, findige Energiesparmaßnahmen oder Schutz vor Ungemach aus dem Weltraum. Was immer der Anlass war, hier gab es für ihn nichts zu entdecken.

»Wo geht’s lang?«, fragte Immik.

»Dein Ziel?«, wollte die Wand vor ihm wissen.

»Zu den Schiffen.«

»Geh zum Abfertigungsgebäude gleich dort drüben.« Ein Wegzeichen erschien zu seinen Füßen. »Dort nimmst du die Rolltreppe nach unten.« Das Zeichen setzte sich in Bewegung, um noch einmal zu stoppen. »Wenn du willst, kannst du dich auch gern mit mir unterhalten«, meinte die Wand. »Oder ich suche dir eine Passage heraus oder erledige eine Bestellung für deine körperlichen Begehren.«

»Schönen Dank, aber ich möchte mich nur etwas umsehen.«

Am Horizont stieg glühend ein Schiff auf, als Immik seinen Fuß auf die gläserne Rolltreppe setzte, die ihn in den unbekannten Bauch des Raumhafens trug. Es gibt wohl kein Geräusch im Universum, das man auf einem planetaren Kosmodrom nicht hören könnte. Das geschäftige Brummen der Bodenfahrzeuge, das drängende Grollen stark tuender Triebwerke, im Gegensatz dazu das ziselierte Klöppeln der Hüllenausbesserungstechniker, das kühle Klicken Tausender Automatiken, das Zischen von Aggregaten für die Lufterneuerung, die vielkehligen Rufe der Freigänger, das Scheppern von Metall, das Klackern, Klappern, Klimpern, das leidvolle Quietschen von ins Alter gekommenen Entladungseinrichtungen oder das saugende Geräusch, wenn ein belegter Lastenfahrstuhl zurück an die Oberfläche gedrückt wurde.

Dann sah er sie. Schiffe. Kolossale Schiffe, die ganze Decks auszufüllen schienen. Winzige Schiffe, die sich zu Hunderten stapelten. Einige nah, doch viel mehr von ihnen weit entfernt und noch darüber hinaus. Das subplanetare Deck war so gewaltig, dass man keinerlei Begrenzungen, Schotten oder Wände sah, sondern in der Ferne die Krümmung des Planeten vermutete. Auf diesen Decks war eine Vielzahl von Robotern unterwegs, viele transportierten etwas, andere waren aufgrund ihrer Aufbauten und Ausstattung als Maschinen für spezielle Arbeiten zu erkennen. Ein Raumhafen war eben immer auch Reparaturdock, Versorgungsstation, Fluchtpunkt und Kontakthof zugleich. Die größten Schiffe maßen Hunderte von Metern in der Höhe. Sie waren aufgestapelt wie Güter in einem gewaltigen Hochlager, gehalten von schimmernden energetischen Balken und Trägern. Dauerparker konnten sich hier an Versorgungsleitungen anschließen und verschiedene Dienstleistungen direkt vor Ort in Anspruch nehmen.

Die Vielfalt der Raumschiffe war beachtlich. Manche davon kannte Immik schon, das hatte sein Beruf mit sich gebracht. Die meisten Schiffe waren Kugeln in verschiedenen Größen mit unterschiedlichen Anstrichen und in ungleichen Stadien der Sauberkeit und Pflege. Dazwischen fanden sich zahlreiche robuste kastenförmige Vehikel, die überhaupt nie Farbe gesehen hatten, deren Hüllen vornehmlich unterschiedliche Aggregatzustände von Rost aufwiesen. Sie schienen durch unkundige Reparaturen entstellt und erfuhren wohl augenscheinlich wenig Zuneigung vonseiten ihrer Besitzer. Doch so viel er auch über die Außenhäute von Schiffen wusste, so exakt er Aufbauten und Material kannte, mit den Besatzungen und Kapitänen der Boote war er nicht vertraut. Er hatte schon mitbekommen, dass es zahlreiche Völker, Wesen und Geschöpfe in der Galaxis gab, aber ihre Namen kannte er nicht. Er wusste überhaupt nichts über sie. Und niemand von denen glich ihm in Gestalt. Zu seinem Leidwesen war er wohl ein Einzelexemplar. Immik wusste fast nichts von der Welt und die Welt nichts von ihm. Sein bisheriges Leben hatte sich auf dem Raumhafen abgespielt. Mit Gelegenheitsjobs hatte er sich durchgebracht. Doch das Wissen darum war verschwommen, wie eingepackt in Folien. Er konnte nichts davon genauer beschreiben. Hatte er diese Jobs überhaupt je ausgeführt? Den Raumhafen jedenfalls schien er nicht weiter zu kennen. Länger zurückreichende Erinnerungen, gar an eine Kindheit, besaß er nicht.

Auf der Rolltreppe sank Immik noch immer gedankenversunken den Eingeweiden des Raumhafens entgegen. Doch inzwischen war er ein wenig zu tief nach unten geglitten. Hier lagen die Bereiche, die Jugendliche wie er nicht betreten sollten, obwohl gerade sie einen schmerzhaft spürbaren Reiz ausübten. So steril und wohlgeordnet der Raumhafen auch sein mochte, hier zeigte sich das genaue Gegenteil. Es war ein verwerfliches Chaos, das seinen eigenen Regeln folgte. Regeln, die Immik nicht kannte. Dieser Teil des Raumhafens blühte im Verborgenen, aus einem nachvollziehbaren Grund. Hier wurde der illegale Teil der Geschäfte abgewickelt, ohne den kein größerer Raumhafen funktionieren, geschweige denn existieren konnte. Für jede verbotene Fracht gab es auch einen, der sie transportierte. Für jeden krummen Bedarf existierte einer, der diesem nachkam. Je ungebührlicher die Dienstleistung war, desto tiefer musste man hinabsteigen in die Kellerzone des Hafens. Alles Übrige regelte der Preis. Hier gab es Kaschemmen, in denen sich die Raumfahrer und Galgenvögel hemmungslos jeder Art von Rauschmittel hingaben. Spelunken, in denen die rohe Faust regierte. Immik hielt sich in der Peripherie auf, einen tieferen Abstieg wagte er nicht. Dazu fehlte es ihm entschieden an Mut – und an finanziellen Mitteln. Der fiese Tintenfisch war nicht eben großzügig mit ihm umgegangen. Immiks Möglichkeiten reichten gerade eben für eine schummrige Automatikbar. Er wählte das günstigste Getränk: ein Glas Kometenwasser.

»Kommt in wenigen Minuten«, säuselte die Maschine. »Zeit genug, die Auswahl noch einmal zu überdenken, werter Gast. Wir bieten aparte Mischgetränke in exquisiter Auswahl. Trinke drei und zahle nur zwei! Wie wäre es mit …« Immik drückte ein zweites Mal auf das Auswahlfeld, um die Stimme verstummen zu lassen und die Ausführung der Bestellung zu beschleunigen.

Mit dem Glas bewaffnet – es verlieh ihm wie von Zauberhand das Gefühl, dazuzugehören – hockte er sich an einen aufgeschossenen Tisch, der für ein Wesen seiner Gestalt nicht gemacht war, und setzte zur Beobachtung an. Doch seine Anwesenheit blieb eine Randerscheinung. Jeder sah ihm sofort an, dass er nicht an diesen Ort gehörte, er ein Tourist oder Ausflügler war. Ein Grünschnabel, der nichts zu bieten hatte und deshalb auf Kometenwasser hatte ausweichen müssen – ein lächerlicher Hüpfer. Kein Dealer behelligte ihn, kein fragwürdiges Angebot erreichte ihn, kein Verbrechen, nicht einmal die leiseste Verabredung dazu beobachtete er; und rein gar nichts ergaben die angestrengten Lauschversuche, niemand redetet ein Wort in seiner Nähe. Mit Ausnahme des Tisches, der ihn fortwährend mit Angeboten traktierte. »Wie wäre es mit dieser Idee, werter Gast: Beim Kometenwasser gegeizt, noch schnell den Rachen mit einem Shot gebeizt.« Enttäuscht leerte Immik sein Glas und stakste knacksend davon. Die Fahrt auf der gläsernen Rolltreppe zog sich hin wie eine gefühlte Zeitdilatation; jenseits der Treppe vergingen womöglich Jahre, die spannendsten Dinge könnten ohne ihn passierten, wenn er nicht bald auf Touren kam… Und wenn er unter der brennenden Sonne Kubabas wieder zur Vorschein käme, wäre der Planet ein anderer. Der Raumhafen womöglich längst abgebrochen, die letzten Bewohner verstorben, Sand und Asche würde alles sein, was er zu Gesicht bekäme und das wäre dann auch sein Ende.

Ganz so wüst kam es nicht. Irgendwann spuckte ihn die Fahrtreppe auf dem dürftigen K-Deck aus. Um weiterzufahren, hätte er umsteigen müssen. Hier herrschte gähnende Leere. Einige Bodenfahrzeuge glitten träge zwischen vereinzelten Objekten umher. Aus der Ferne drangen die Hammerschläge einer Reparaturwerft, ansonsten war dieser Raum nahezu still. Lediglich ein untergründiges Summen bewies, dass er sich inmitten eines hochtechnisierten Gebäudekomplexes befand.

Ein blauer Torus fiel ihm auf, dem er sich – ohne es eigentlich zu wollen – auf einem Fahrsteig näherte. Es handelte sich um einen äußerlich gepflegten Pott ohne hoheitliche Symbole oder Kennzeichen. Ein privates Fahrzeug ohne Raffinesse. Allerdings hatte man sich Mühe gegeben, möglichst einladend zu wirken. Girlanden und Flitter versteckten die schnöde Gewöhnlichkeit, verbargen Ansätze der Armut, verhüllten Rost und Risse. 

Als er näher kam, verhieß ein blumengeschmücktes Portal Gratisgetränke. Virtuelle Tänzerinnen ploppten auf, als er das Schiff erreicht hatte. Sie lockten mit dem Paradies unter den Sternen. Eine schwebende Botschaft mit pulsierenden Lettern erschien. Nur konnte Immik weder lesen noch wusste er etwas über Sprachen, die in der Galaxis gesprochen wurden. Aber das musste er auch nicht, denn die geschriebene Meldung verwandelte sich in ein Werbevideo, das dank Autoplay sofort ans Werk ging: »Lockt dich nicht auch manchmal das Fernweh? Hast auch du Sehnsucht nach fernen Welten und Sternenreichen?« Dabei zeigte das Video funkelnde Planeten, gewaltige Städte und glitzernde Reichtümer. Immik musste zugeben, dass die Bewegtbilder ihn und seine Wünsche auf das Genauste kannten. Denn alles, was sie ihm in Aussicht stellten, das wollte er tatsächlich. »Wenn du bereit bist, dann heuere noch heute an und begib dich mit uns auf große Fahrt. Du wirst es nicht bereuen, denn die Arbeit an Bord dieses Schiffes ist erfüllend und wird gut bezahlt.«

»Ich bin dabei«, zwitscherte Immik begeistert und in der Außenhaut des Schiffs öffnete sich eine Luke. Mit wippendem Kopf und entschlossenem Schritt trat er in sein neues Leben ein. Arglos und herzensgut war er nicht im Mindesten auf das vorbereitet, was die soeben getroffene Entscheidung für seine Zukunft bedeuten sollte.

Und die Reise beginnt …

2.

 

Das gloriose Angebot stellte sich als Falle heraus. Was hätte es auch sonst sein können. Er war auf schnöde Werbung hereingefallen. Girlanden und Flitter waren eine List, erfunden und konstruiert für die Unerfahrenen, die Grünschnäbel, für ahnungslose Typen, für Leute wie ihn. Es war sein erster Versuch gewesen, auf einem Raumschiff anzuheuern, und prompt war er hereingefallen. Er war aus freien Stücken an Bord gekommen, damit hatte er sich auch freiwillig zum Dienst verpflichtet. So einfach war das.

Das Schiff hatte sofort abgehoben. Gefragt wurde nicht. Einen Rückweg gab es ebenfalls nicht. Immik saß fest. Und schoss doch gleichzeitig mit Lichtgeschwindigkeit in ein neues Leben. Er würde sich damit abfinden müssen. Er hätte es schlechter treffen können. Der Raumhafen Kubaba hielt noch weit miesere Arbeiten für Verzweifelte bereit. Aber davon wusste Immik nichts. Und tatsächlich, die folgenden Monate würden satter und behaglicher für ihn werden. Endlich würde er wieder nach Herzenslust schnabulieren können. Sie sollten ihn aber auch in ein moralisches Dilemma führen. Die Frage war: Taugte einer wie er zum Betrüger?

Der Eigner des Schiffs, so stellte sich heraus, war in zweifelhafter Absicht unterwegs. Er war kein Raumfahrer, sondern Handelsvertreter. Selbstlenkender Raumschiffer musste in diesen Zeiten niemand mehr sein, bestenfalls noch beim Militär, denn die Schiffe fuhren und lenkten sich selbst. Man befahl ihnen, was man getan haben wollte und wohin man sich zu bewegen gedachte und die Schiffe führten es aus. Rechenwerk und Roboter erledigten die technischen Aspekte des Reisens. Das war zwar unromantisch, aber praktisch. So lagen die Dinge auch im Fall des Torusschiffes, der PROSPERITAS II.

Immik sah sich im Glück. Endlich würde er zu den Sternen fahren. Gleich der erste Versuch hatte ihn wieder in Lohn und Brot gebracht. Er war vom Fleck weg engagiert worden. Er ahnte wohl, dass sein neuer Boss schon eine längere Weile nach geeignetem Personal Ausschau hielt, sonst wäre er ehrlicher aufgetreten.

Honscha Sennrom wusste Eindruck zu machen. Er war ein gefiederter Riese, dessen geöltes Federkleid blau wie angelassener Stahl unter einer geschlitzten Kluft aus verdichteten Kunststoffen schimmerte. Auf dem schmalen Kopf fand sich eine keilförmige Hornplatte, die aussah, als könne Honscha damit mit Gewalt durch die Schiffsaußenhaut brechen. Er roch nach angebrüteten Eiern. Die Ursache dafür fand sich in seinem Alkoholkonsum, der einem milchigen Likör den Vorzug gab, den er Gasnebel nannte. Nichts fürchtete Honscha mehr als die Leere, allem voran die Leere in seiner Kasse. Die im Glase kam gelegentlich hinzu. Zum Ausgleich besaß Honscha ein Talent. Er konnte reden. Er redete mit der Lautstärke und Ausdauer eines schnurrenden Triebwerks. Er tat es immer dann, wenn es etwas an den Mann zu bringen galt – denn er war ein geborener Verkäufer.

»Ein Nestling bin ich nicht mehr«, betonte Immik. »So gut wie erwachsen bin ich. Und ein erfahrener Arbeiter und Raumschiffreiniger.« Dass ihm bisher nur Hüllen unter die Krallenhände gekommen waren und er weiter keine Erfahrungen vorweisen konnte, erwähnte er nicht. Immerhin hatte er sofort bemerkt, dass hier vor allem das Innere des Raumschiffs eine raumpflegerische Behandlung durch kundige Hände nötig hatte.

Honscha Sennrom war noch nicht überzeugt: »Du bist über alle Maßen dreckig, Junge. Schaust ansonsten aber gesund aus. Auch wenn du eine jämmerliche Zeit hinter dir haben magst, mir ist so was egal. Wenn du hierbleiben willst, musst du Leistung bringen.«

»Jämmerliche Zeiten habe ich tatsächlich hinter mir, Herr Honscha, aber ich bin körperlich auf der Höhe und arbeitstechnisch austrainiert. Alle meines Volkes sind Leichtgewichte von Geburt. Dennoch bin ich zäh und arbeite gut, ein geringes Gewicht kann manchmal von Vorteil sein. Auch esse ich nicht viel. Ich bin den Hunger gewohnt.« Als wäre der Hunger je ein Vorteil gewesen. Als hätte er etwas von seinem Volk gewusst…

Das leuchtete Honscha Sennrom ein. Da er keinen weiteren Bewerber hatte finden können, nahm er den schmutzigen kleinen Kerl gegen Kost und Logis und einige vage Versprechen kurzerhand unter Vertrag. Dieser Vertrag war rein virtuell, befand sich ausschließlich in Honschas Kopf und wurde ansonsten nie gesehen.

»Sei’s drum, Junge, willkommen an Bord der PROSPERITAS II! Auf dass du mir keine Schande machst.«

Plötzlich bewohnte Immik eine geräumige Kabine mit allerlei Komfort. Das Schiff hatte ihm auf seinen Wunsch sogar eine bodentiefe Stange eingerichtet, auf der er in den Schlafperioden ruhen konnte. Außerdem hatte es ihm eine sandige Hygienekapsel zur Verfügung gestellt. Nach der ausführlichen Grundreinigung, eine ausgiebige Schnabelpolitur nicht zu vergessen, händigte Honscha ihm einen knitterfreien grauen Overall aus. Das Kleidungsstück war gewichtslos, makellos glatt, reinigte und bügelte sich selbst und überwachte die Körperfunktionen seines Trägers. Damit ihm nichts passierte, wie Honscha versicherte. Immik behagte das wenig, er fühlte sich von seiner eigenen Kleidung gegängelt. Auch optisch hielt er den Anzug für missraten. Ein anständiger Overall sah nach Arbeit aus, hatte Falten zu haben und ölverschmiert zu sein. Das Unerträglichste aber war: Das Teil besaß keine Taschen. Wo sollte er Werkzeuge, Utensilien und Tücher verstauen?

Wenigstens die regelmäßigen automatischen Mahlzeiten präsentieren sich appetitlich und bekömmlich. Falls Honscha oder der Computer dachten, ihn auf diese Weise anfüttern oder gar nudeln zu können, lagen sie damit allerdings falsch. Sein Mindergewicht blieb ihm erhalten.

Honscha Sennrom drängte anfangs tatsächlich auf Ordnung und Sauberkeit. Er erkannte wohl die Gelegenheit, sein Schiff in etwas Reinlicheres zu transformieren und kommandierte seinen neuen Angestellten zur Arbeit an Schwämmen, Lappen, Eimern und Feudeln. Honscha Sennrom war von beachtlichem Wuchs, weshalb er aus Immiks Sicht wie ein Riese erschien. Der hornige Kopfschmuck tat ein Übriges. Einem wie ihm widersprach man nicht.

Putzend lernte Immik sein neues Zuhause kennen. Die Antriebssektion des Schiffs war zu seinem Bedauern eingekapselt, ein Prinzip, dem er schon auf Kubaba wiederholt begegnet war. Der Bereich war aus diesem Grund zwar ohne Aufwand rein zu halten, andererseits konnte man nie sehen, was vor sich ging und wie die PROSPERITAS II wirklich angetrieben wurde. Einmal entdeckte er einen Reinigungsroboter, doch der war defekt. Um ihn zu reparieren, hätte man einen weiteren Roboter gebraucht. Den zentralen Raum beanspruchte Honscha Sennrom ganz für sich allein. Hier ging er seinen Geschäften nach, bereitete Unternehmungen und mögliche Profite vor. Immik war auch auf die Lagerräume gestoßen, in denen sich verpackte Maschinen stapelten. Beinahe hätte die Neugierde gesiegt und ihn eine der Boxen öffnen lassen. Honscha wäre gewiss nicht erfreut gewesen. Denn in dem Lager hatte er auch seine Beute verstaut. Alles, was ein Gauner wie er hatte stehlen können, ein ganzes Gaunerleben lang. Letztlich verhinderte der Overall den Griff zum Behälter. So sehr Immik sich auch mühte, bestimmte Bewegungen waren ihm an gewissen Orten nicht möglich. Er hätte sich ausziehen müssen, um an einen Behälter gelangen zu können. Immik verstand.

Nachdem sie einige Tage ereignislosen Raumfluges hinter sich gebracht hatten, nahm Honscha seinen Angestellten zur Seite und erklärte ihm die Welt. Jedenfalls soweit es seine eigene, ganz spezielle Version dieser Welt betraf.

»Schau, Junge«, sagte er freundlich, »du weißt sicherlich, dass ein Raumschiff zu fliegen eine Stange Geld kostet. Vor allem wenn es das eigene Schiff ist. Ich muss Leasingraten aufbringen und für unseren Unterhalt sorgen. Das alles muss verdient werden.«

Immik wusste das bereits. Wovon sollte man sonst die Hüllenreinigung bezahlen, die Bebunkerungen und anfallenden Reparaturen im Hafen. Dafür musste es natürlich Geld geben.

»Meine Profession ist der Verkauf von Klimaanlagen. Von speziellen Klimaanlagen, die du sonst nirgendwo finden wirst, möchte ich hinzufügen. Sie regulieren nicht die Temperaturen einzelner Häuser oder Räume, nein, das wäre nichts Besonderes. Sie beeinflussen komplette Planeten.«

»Ist das denn möglich?«, flötete Immik aufgeregt. Honscha strich mit den Schwingenhänden über die Streifen seiner Kluft, sofort drängte sich sein schimmerndes Federkleid ins Licht. »Das wirst du bald sehen«, meinte er vieldeutig. »Früher lief das Geschäft besser, die Leute waren vertrauensvoller. Die PROSPERITAS I war dreimal so groß. Und ich hatte jede Menge talentierter Leute und stapelweise erstklassige Roboter an Bord. Aber dann kam der Krieg. Erst brauchten sie das Geld für Waffen und danach gab es dann nicht mehr genug Leute, die noch Geld besaßen.«

Immik hatte seine Zweifel, was die Klimageräte vermeintlich planetarer Wirkung anging. Mit Raumschiffen kannte er sich aus, die konnten riesig sein; doch Planeten waren im Vergleich auch zum allergrößten Schiff, das er sich vorzustellen vermochte, wahrhaftig Giganten. Die Dimensionen der Kisten im Lager schienen ihm zu diesem Zwecke in keiner Weise ausreichend zu sein. Aber er wollte nicht voreilig etwas kritisieren, von dem er nichts verstand.

Honscha hatte seinen Mitarbeiter in den Zentralraum beordert. Wieder roch es nach angebrüteten Eiern, ein Hauch von Alkohol wallte mit. Von einer beträchtlichen Projektionswand grüßte ein blauer Planet herüber. Abgesehen von den Videoflächen erhielt man nur durch winzige Bullaugen einen Blick ins All. Doch das All war leidlich schwarz, mehr sah man von ihm eigentlich nie. Unentwegte Finsternis, das war alles, was das All von sich aus zu enthüllen bereit war. Es würde seine Gründe haben. Die allseitige Schwärze war der Lauf der Dinge. Sterne und Planeten, wenn man sie fand, galten als Ausnahme und freudiger Umstand. Immik fühlte sich, als würde er sich mitten im Weltraum befinden, während die blaue Kugel langsam tiefer sank und ihm die Füße zu kitzeln schien.

Honscha nahm einen Schluck aus einer durchscheinenden Trinkvorrichtung, deren Mundstück mehrfach gedreht war. Immik sah eine gelblich weiße Flüssigkeit darin schwappen, den Gasnebel. Die Trinkvorrichtung umging Schwierigkeiten mit dem Schnabel und ermöglichte es Honscha darüber hinaus, ohne die geringste Kopfbewegung zu trinken. Tanken nannte er das.

»Schau sie dir an. Das ist Taschtulak. Eine mickrige Welt, die von Kolonialisten bewohnt wird. Sie sind federlose Humanoide, die offiziell zur Protektion gehören. Allerdings ist Taschtulak so unbedeutend, dass es längst in Vergessenheit geraten ist. Die Leute dort sind ziemlich rückständig. Und deshalb, Immik, müssen wir behutsam vorgehen.«

Immik stimmte gern zu. Er konnte es kaum erwarten, auf dieser Welt zu landen. Es würde der erste richtige Planet sein, auf den er seine schmalen Füße setzte, von Kubaba mit dem Raumhafen einmal abgesehen.

Bevor es zur Landung kam, analysierte die PROSPERITAS II die Atmosphäre Taschtulaks. Es wurden massenhaft Daten eingesammelt und ausgewertet. Anhand der Ergebnisse meinte Honscha, den optimalen Zeitpunkt und Ort für ihre Ankunft bestimmen zu können. Immik vermutete ein religiöses System oder eine rituelle Marotte hinter dem Verhalten seines Arbeitgebers. Vielleicht war er aber auch nur abergläubisch oder einfach bloß vorsichtig.

Auf Taschtulak gab es keinen Raumhafen. Zwar hatte es einst sogar mehrere davon gegeben, doch diese waren längst vergessen und die Natur hatte sich genommen, was sowieso ihr gehörte. Also landete die PROSPERITAS II auf einer vertrockneten Grasfläche. Nachdem der Triebwerkslärm abgeklungen war, stiegen die beiden Raumfahrer ins Freie. Die Luft war kühl und trocken. Diese Welt roch nach Pflanzen, nach Pilz und Ackerkrume und nach Dingen, die Immik nicht zuzuordnen wusste, die ihm aber spontan gefielen. Er entdeckte Gebäude und erkannte sofort, woraus sie erbaut waren. Nämlich aus den Bestandteilen von Raumschiffen, insbesondere aus deren Außenhüllen. Damit kannte er sich schließlich aus. Er hatte nicht gewusst, dass man Platten und schwere Bauteile dieser Art zum Errichten von Häusern verwenden konnte. Die Gebäude befanden sich sämtlich in einem abgewohnten Zustand. Die Kolonisten waren nahezu mittellos. Sie hatten ihre Schiffe in Baumaterial umgewandelt, weil ihnen nichts anderes mehr zur Verfügung gestanden und der Planet Taschtulak nicht mehr hergegeben hatte.

Die Ankömmlinge wurden von einigen Kolonisten zu einem Mahl geladen. Rustikal. Frugal. Sie hockten vor einer Platte aus blindem Metall und aßen aus Schüsseln, die einmal Teile einer Maschine gewesen sein mochten. Die Kolonisten berichteten, dass schon lange keine Schiffe mehr kämen, dass sie unter dem Klima litten, die Energieversorgung längst nicht mehr ausreiche und immer weniger Kinder geboren würden. Mit ihrer Gesellschaft ging es bergab. Es war ihnen klar, aber sie wussten sich darüber nicht zu helfen. Honscha baute sich in voller Pracht auf und präsentierte die Lösung. »Es ist simpel, ihr braucht besseres Wetter«, sagte er. »Damit wären alle eure Probleme gelöst. So etwas ist auf modernen Welten längst Standard, Leute. Ehrlich!«

Die Kolonisten in ihren schlichten Kitteln zeigten sich mäßig überrascht. Auch sie hatten sich erhoben, drehten ihre aufgetragenen Mützen in den Händen und ließen durchblicken, dass sie keine Möglichkeit sahen, diese hoffnungsvolle Technik für ihre rückständige Welt erwerben zu können.

Daraufhin sagte Honscha: »Liebe Leute, da habt ihr aber Glück. Zufällig bin ich Handelsvertreter für planetare Klimageräte. Das ist eine einmalige Gelegenheit. Und für euer herzliches Willkommen will ich mich mit einem anständigen Preis revanchieren.«

Die Kolonisten waren nicht sofort begeistert, sie hatten Einwände. Neben den ungewissen Kosten war das die Frage nach der Energieversorgung für eine so bedeutsame Maschine. Immik hatte schon ähnliche Überlegungen angestellt. Wo überhaupt müsste ein solches Aggregat aufgestellt werden, und schließlich: Funktionierte es denn? Die Kolonisten bestanden auf einer Vorführung.

»Wie müsste das Wetter denn sein, um eure Lage nachhaltig zu verbessern?«, fragte der Handelsvertreter listig.

»Warm und feucht müsste es sein«, erwiderten die Kolonisten. »Wir brauchen endlich Regen. Wasser für Wiesen, Brunnen und Felder.«

Immik fiel die Aufgabe zu, eines der im Lager der PROSPERITAS II mitgeführten Klimageräte freizulegen und für den Einsatz bereitzumachen. Honscha hatte ihm zuvor erklärt, wie er vorzugehen hätte. »Es geht um die Show, Junge«, hatte er gesagt. »Die Leute wollen etwas geboten bekommen für ihr Geld. Also stellst du hier etwas ein, justierst dort, polierst noch ein bisschen nach und prüfst alles kritisch. Auch die Girlanden und Holotänzerinnen kommen wieder zum Einsatz. Du kennst sie ja schon. Haben wir uns verstanden?«

Sie hatten. Immik versuchte sich als Unterhalter und baute noch einige Kunststücke in sein Programm ein, indem er zum Beispiel schrille Pfeiftöne erklingen ließ, sodass die Kolonisten annehmen mussten, die dramatischen Geräusche kämen direkt aus dem Aggregat. Tags darauf hatte der Budenzauber seine Wirkung getan. Es regnete 100 Stunden Badewasser, die Temperaturen stiegen enorm an. Die Kolonisten frohlockten. Wie immer das möglich war, aber diese Maschine mussten sie haben – egal zu welchem Preis. Ihren Wunsch ließ Honscha sie teuer bezahlen. Er spürte es, wenn die Beute sicher im Netz zappelte. Er nahm ihnen alles von Wert.

»Immik«, meinte er später an Bord des Schiffes, immer noch euphorisch, »das war mein bestes Geschäft in diesem Jahr. Jetzt wird getankt! Ja ja, die haben wir richtig abgezogen. Und du hast deine Sache gut gemacht. Wo bleibt der Gasnebel?«

Über das unerwartete Lob freute der Junge sich, doch es hatte sich bereits Misstrauen eingeschlichen. Insgeheim hielt er seinen Arbeitgeber für einen Bauernfänger und die vermeintlich aufbauenden Worte für nichts als Lobhudelei. Der nämlich interessierte sich mehr für den Alkohol als für die Nöte seines Mitarbeiters oder die Probleme seiner Kunden.

So ging es weiter. Planet um Planet, Welt auf Welt. Manchmal verkauften sie ein Aggregat, meist aber gelang das nicht. Da konnte Honscha reden, wie er wollte. Immik erledigte seine Pflichten inzwischen mit professioneller Routine. Zudem kümmerte er sich, wie er es versprochen hatte, um die Reinlichkeit im Schiff. Davon ab hielt er Ordnung im Lager, ohne jemals eine der Boxen zu öffnen, und mied den zentralen Raum.

Nachdem ihnen immer weniger Abschlüsse gelangen und in Kasse und Flasche ein Vakuum zu entstehen drohte, fuhr Honscha ein größeres Geschütz auf. Auf sein Geheiß reisten sie weiter hinaus, verließen die Protektion und begaben sich in unbekannte Gefilde. Nicht, dass die Sterne hier andere gewesen wären, auch das All war noch genau so schwarz wie zuvor und würde das auch in den nächsten Milliarden Jahren noch sein. Doch die Machtverhältnisse in dieser Zone waren andere. Honscha und Immik würden aufpassen müssen, wem sie das Geld aus der Tasche fingerten. Honscha hatte eine Idee, eine sichere Methode, wie er meinte, die er schon früher in finanziell dürren Zeiten erfolgreich zur Anwendung gebracht hatte. Doch bevor es dazu kommen konnte, verlegte ihnen ein Raumschiff den Weg. Beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, denn das All ist nicht nur riesig, es besteht auch überwiegend aus Nichts. Oder anders gesagt, die Zwischenräume sind derart groß – durch diese Maschen muss so ziemlich alles fallen. Dass nun ein Schiff sich genau in ihre Flugrichtung positionieren konnte, lag schlichtweg an der Tatsache, dass es dies mit Absicht tat. Sein Bordrechner hatte einen Abfangkurs berechnet und hielt diesen entschlossen durch. Ein Ausweichmanöver für die PROSPERITAS II war nicht möglich, da hätte man ein Schiff eines anderen Formats benötigt. Etwas Militärisches hätte helfen können…

Eine Funkübertragung baute sich auf. Die TANSTAAFL rief. »Die schicken jemanden rüber«, meinte Immik verblüfft. Ungewöhnlich war das und umständlich, um nicht zu sagen altmodisch. Was sollte das? Solch eine Zeit- und Energieverwendung für ein Gespräch. Sie würden es gleich wissen. Das Schiff gehörte zur GAWI. Deren Schiffe im Übrigen alle TANSTAAFL hießen, es spielte keine Rolle, mit welchem davon man es zu tun bekam. Beschwerden waren obendrein nicht drin.

Der Gesandte war ein rundlicher, im Schädelbereich weißbehaarter Humanoide, dessen nackte Hautflächen ihrer unvorteilhaften querstreifenförmigen Tätowierungen wegen kaum von seiner sonstigen raumfahrerischen Funktionskleidung zu unterscheiden waren. Er kam nicht allein, in seinem Schlepptau strömten mehrere Verkaufsstände herein. Honscha schwante Übles. Immik blickte nur schaulustig drein.

Das Gesicht des Humanoiden zeigte unverständliche Ausdrucksmuster. Die Wülste seiner Sprechfressöffnung waren mit einer roten Wachsfarbe bestrichen. Sein Speichel, der die Öffnung geschmeidig zu halten schien, hatte ein wenig davon gelöst. Womöglich der Aufregung des bevorstehenden Verkaufsgesprächs geschuldet, drohte ein Tropfen nach unten zu rinnen. Doch der Besucher fing ihn mit einer flinken Zungenbewegung noch rechtzeitig ein.

»Das erste Mal hier?«

»Mehr oder weniger schon«, versuchte Honscha sich herauszuwinden.

»Spielt ohnehin keine Rolle«, meinte der Verkäufer, »Kaufen müsst ihr sowieso. Sonst macht euch das zu Konsumtätern. Ihr habt euch bei der Einreise in diesem Sektor nicht angemeldet und es versäumt, Geld auszugeben. Die GAWI schätzt das nicht. Um euch die Sache kommod und weniger peinlich zu machen, das lockert das Portemonnaie, haha, habe ich die erstaunlichste Auswahl begehrter Produkte gleich mitgebracht. Ja, meine Herren, das nennt sich Service, haha. Ich bin überzeugt, ihr seid jetzt schon begeistert.«

Honscha verzog keine Miene, er kannte die GAWI und ihr restriktives Verkaufsverhalten. Widerworte riskierte er nicht, damit hätte er die Sache nur verschlimmert. Sie wäre ihm mit weiteren und noch größeren Schiffen auf die Pelle gerückt – und alles wäre noch teurer geworden. Was immer der Fremde ihm anzubieten hatte, wenn er sich damit nur beeilen würde. Honscha brauchte einen Drink.

Tand und Plunder in der einen Box, Modeschmuck und Stofffetzen, die anderswo als Bekleidung durchgegangen wären, in der anderen. Der Präsentation gelang kein bleibender Eindruck. Das änderte sich erst, als die Box mit dem technischen Gerät an der Reihe war. Der letzte Schrei, wie der GAWI-Schleimer versicherte, wobei er sich das schüttere Haar mit etwas Speichel, der augenscheinlich universell einsetzbar war, an den Kopf strich. »Nicht ganz billig, haha, aber jedes Prozent wert.«

Ihr Blick fiel auf eine Anzahl silbriger Kompakteinheiten. Darin konnte sich quasi alles verbergen. Der Verkäufer führte sogleich den Beweis. »Schaut euch das mal an!« Er manipulierte einen Gegenstand, der sich unter seinen Händen in Form schob.

»Erkennt ihr es?«

Taten sie nicht.

»Dann schaut genau hin. Es ist ein Koch, haha.«

Und tatsächlich. Die Vorrichtung aus aufblasbarem Metall hatte sich inzwischen komplett entfaltet und eine famose Kleinküche enthüllt. Davor stand dienstbereit, den Löffel schwingend, der robotische Koch.

Der GAWI-Scherge pries weitere käufliche Sensationen an. Immik beobachtete die bepinselte Gesichtswulst, die sich im Sprechrhythmus bewegte, als sei sie selbst eine Lebensform, die es sich in dem Gesicht zufällig bequem gemacht hatte.

»Habt ihr euch schon mal über krankmachendes Kometenwasser geärgert, das einem heutzutage überall vorgesetzt wird? Klar habt ihr, das sehe ich euch an. Diese Einheit, schaut nur genau hin, ist ein veritabler Kometenwasseraufbereiter. Nie wieder ungesundes Wasser, haha. Er kann in wenigen Sekunden euch gehören.«

Honscha geriert unversehens in Einkaufslaune. Einmal die Börse gezückt, fand er kein Halten mehr.

»Und hier der Antriebsverstärker. Was meint ihr, wie euer Kahn damit auf Trab kommt. Und wenn euch die Raumfahrergicht einholt, und das wird sie eines Tages, glaubt mir, dann braucht ihr die besten Decken. Diese hier sind aus lebendem, nachwachsendem Gewebe und inwendig beheizbar – für einen Spottpreis. Aber nur heute, haha.« Honscha hatte längst sämtliche Bedenken über Bord geworfen, vielleicht konnte sie ja ein anderer brauchen… Er verprasste sogar die Gewinne, die er erst noch zu machen gedachte. Der Verkäufer hatte das kommen sehen und gewährte großzügigerweise einen mehrstufigen GAWI-Kaufkredit. Schließlich bedankte er sich und versicherte, man würde sie im Gegenzug in den nächsten Tagen auf ihren hoffentlich fetten Beutezügen gänzlich unbehelligt lassen. Die TANSTAAFL nahm ihren Agenten zurück an Bord und zog ab, der nächste Kunde wartete schon, auch wenn der das in diesem Moment noch nicht wusste. Honscha griff begeistert zur Trinkvorrichtung.

 

Die Protektion hatten sie hinter sich gelassen und gelangten in ein Gebiet unter dem Einfluss der Gunst von Kamen. Dies war eine vom Glauben geprägte Machtsphäre. Miesepetrige Leute mit fatalistischen Ansichten, die keiner Diskussion aus dem Weg gingen, dabei aber immer recht behalten mussten, egal was gesagt wurde.

Hier endlich sollte Honschas List zum Einsatz kommen. Sie brauchten dringend den Erfolg. Jetzt war es an ihm zu zeigen, wer der wirkliche Spitzenverkäufer war, er oder der GAWI-Furz, der sich hinter einer interstellaren Organisation verstecken konnte. Während er, Honscha, freischaffend ohne Netz und Hilfe auskommen musste, wenn man von dem losen Vogel absah, den er seinen Assistenten schimpfte. Honscha, der in jeder Situation kreativ und energiegeladen und nie um Lösungen verlegen sein musste, sich nicht wie die Büttel der galaktischen Wirtschaftlichkeit auf Vorschriften oder Regeln berufen konnte. Was er tat, das war die hohe Schule, die wahre Kunst des Verkaufens! Dass man ihn erst jüngst nach allen Regeln dieser Kunst übers Ohr gehauen hatte, das übersah er geflissentlich.

Sie landeten nach Absprache, Honscha hatte zuvor Funkgespräche geführt. Er hatte behauptet, neu in den hiesigen Markt vorstoßen zu wollen und Referenzkunden für eine neuartige, extrem leistungsfähige Klimamaschine zu suchen. Auf diese Weise könne man eine Menge Geld sparen, man müsse sich aber sofort entscheiden. Schließlich warteten überall in der Galaxis Interessenten, die sich ein solches Angebot nicht entgehen lassen wollten. Derart unter Druck gesetzt – Honscha und Immik dehnten ihre Vorführungen auf mehrere, beinahe schmerzhafte Stunden aus –, knickten viele ein.

Nie erschienen sie, ohne nicht den jeweiligen Planeten auf das Genaueste untersucht zu haben, was zu langweiligen Stunden, wenn nicht Tagen im Orbit führen konnte und Immik zum Nachdenken brachte. Ist das nicht alles Flunkerei, Lug und Trug, dachte er, auf der Stange in seiner Kabine hockend. Ihm klapperte der Schnabel und die Halsfedern stellten sich auf, wenn er an Honscha Sennroms Methoden dachte. Referenzkunden, das klang verlockend. Nur wie kam es, dass die Preise am Ende sogar höher ausfielen als üblich? Und welchen Zweck erfüllten die ausgiebigen und umständlichen Messungen vor jeder Landung? Mal hing man tagelang fest, ein andermal war rasch ein geeigneter Ort für ein Landemanöver gefunden. Es kam aber auch vor, dass sie unverrichteter Dinge wieder abzogen. Honscha meinte dann, er hätte keine lohnenden Interessenten finden können oder der Planet wäre schlichtweg zu öde oder zu leer oder zu arm gewesen.

Letztlich gab es keine Referenzkunden, sie waren Kunden wie andere auch, sie fielen nur auf das vermeintliche Sonderangebot und die sorgfältige Choreografie herein. Die Story musste stimmen, dann klappte es auch mit dem Geschäft. Honscha und Immik bearbeiteten die Leute derart, dass viele in den Handel einschlugen, auch wenn er ihnen zum Nachteil gereichte. Noch schwerer wog, dass die vermeintlichen Klimageräte gar keine waren. Sie funktionierten nicht. Sie taten überhaupt nichts. Sie täuschten Aktivität lediglich vor. Abgesehen von einem schmalen Infostreifen an der Front der Geräte, die das Ganze optisch ein bisschen herausputzten. Doch selbst das hielt nur wenige Tage an, so lange, bis die eingebaute Mikroenergiebank entleert war. Für eine echte Wetterkontrolle wäre weit mehr erforderlich gewesen. Nicht einmal regional funktionierten die Geräte.

Honscha Sennrom nahm genau Maß, bevor er einen Planeten besuchte. Er sammelte Wetterdaten und die PROSPERITAS II erstellte eine Prognose. Wo es passte und ein Wetterumschwung bevorstand, da gingen sie vor Anker. Aus diesem Grund verbrachten sie so viel Zeit im Orbit. Honscha brachte Ausflüchte vor. Doch Immik durchschaute ihn nun.

Es gab nirgendwo transportable Maschinen von einer Größe, die das Klima eines ganzen Planeten in eine gewünschte Richtung zwingen konnten. Das wusste im Grunde auch jeder, doch niemand wollte die Hoffnung auf eine Verbesserung ziehen lassen. Etwas Gutes musste das alles haben, also zahlte man den Preis. Und wenn man ehrlich war, dann entlohnte man auch die gebotene Schau. Selbst wenn die Sache ins Unglück führte. Je verzweifelter der Kunde, desto müheloser war das Spiel. Aber wer konnte das ahnen, wenn die Verzweiflung längst überhandgenommen hatte…

Immik drückte den Kopf in sein dünnes Federkleid. Ja, Honscha Sennrom, als Handelsvertreter und Arbeitgeber leidlich erfolgreich, war auf seine Weise ebenfalls ein fieser Tintenfisch. Immik hatte mitbekommen, dass dieser sich auch auf andere Art bezahlen ließ, denn finanzielle Mittel hatten manche Kolonisten schlichtweg nicht. Er nahm ihnen persönliche Artefakte und Gegenstände von religiöser Bedeutung. Manchmal schickte eine Kolonie ein Kind in das Schiff. Und wenn es verwirrt und verletzt wieder hervorkam, wusste Immik, dass etwas grundlegend falsch lief.

Der Lagerraum des Spindeltorus war längst bis zur Decke gefüllt. Immik schlich gelegentlich darin herum, freilich ohne die Absicht, sich etwas davon anzueignen. Sein petzender Overall hätte das sofort bemerkt und an Honscha gemeldet. Wo hätte er auch etwas verstecken sollen? Außerdem wusste er, woher die Beute stammte, wie arm die vormaligen Besitzer gewesen waren und unter welchen Umständen Gegenstände, Kunstwerke und Waren ihren Weg in diesen Raum gefunden hatten. Davon wollte er nichts besitzen. An den Wänden lehnten verpackte Schätze; farbige Sicherheitssäcke standen herum, die Rohstoffe enthielten. Es fanden sich altertümliche Aggregate, deren Funktion nicht ersichtlich war; Ersatzteile von Raumschiffen, der mumifizierte Leichnam eines borkigen Pflanzenwesens, dessen überlanger Tripelname in den Stamm eingekerbt war. Lesen konnte Immik ihn nicht. Einige längliche, armgroße Gegenstände hielt er für Waffen. Sie bestanden aus rot schimmernden Rohren und hölzernen Endstücken. Andere waren Klingen, geschwungen, gezackt, gesägt oder gerade, sie waren bereit für einen tödlichen Hieb. Es war primitives Gerät, doch irgendwo würde jemand einen lohnenden Preis dafür zahlen. Daneben waren konservierte Nahrungsmittel aufgereiht, die Honscha nach eigener Aussage für Delikatessen hielt und die er mit Freude zu verspeisen beabsichtigte oder – falls sein Magen das nicht aushalten sollte – auf einer fortschrittlichen Zentralwelt zu Geld zu machen plante. Ein Schicksal, das dem übrigen Plunder ebenso bevorstand. So arm die Kolonisten auch waren, auspressen konnte man noch den ärmsten Tropf. Honscha war ein Meister darin.

Immik beschloss, Honscha mit den Vorwürfen zu konfrontieren, die er hatte zusammentragen können, um der Sache ein Ende zu machen. Im zentralen Raum stand der Handelsvertreter, lässig gegen ein Drehgestell gelehnt. Gerade hatte er eine Fernkommunikation beendet. Die Bildwand zeigte noch das Logo der GAWICOM.

»Ich mag kein Betrüger sein«, verkündete Immik. »Ich steige aus!«

Honschas einschüchternder Blick veränderte sich keine Spur. »Wer betrügt hier? Und was heißt das, Junge, du willst aussteigen?« Er warf die Trinkvorrichtung beiseite, streckte sich zu voller Größe und baute sich vor Immik auf. Den Schädel hielt er gesenkt. Wollte er ihn gleich hier durch die Schiffswand stoßen? »Möchtest du im All spazieren gehen?«, missverstand er das Anliegen Immiks absichtlich, um dann auszurufen: »Ach, kündigen will der Herr! Da hat er sich leider den falschen Zeitpunkt ausgesucht. Wie er wohl weiß, befinden wir uns im Einsatz, im Weltraum. Sieh dich mal um, Junge. Hier gibt es sonst nichts. Hier gibt es nur mich und das Schiff, und die PROSPERITAS II ist meins.« So schwadronierte er und verstieg sich gar zu der Ansicht, Immik sei ihm eh die ganze Reise über zu schwächlich und flatterhaft gewesen. Und seine Moral könne er auch für sich behalten. Von wegen Betrüger! Er täte nur, was er eben tun müsse. Von was bitte, solle er sonst den Lebensunterhalt für zwei Personen, die Abgaben an die GAWI und die Kosten für das Schiff bestreiten?

Da konnte Immik flöten, wie er wollte, Honscha entließ ihn nicht aus seinem Griff. Es war ihm ja nicht einmal möglich, von Bord zu gehen und andernorts anzuheuern. Dazu war das All eben doch zu weit und zu tödlich. Und die altmodischen Planeten, die sie anflogen, waren denkbar ungeeignet für ein mögliches Entkommen. Von diesen Welten käme er womöglich nie wieder weg. Also verrichtete er weiter seinen Dienst, half bei den schäbigsten Betrügereien und beklagte sich hinterher darüber. Doch die ständigen Vorwürfe ließen Honscha Sennrom seine Meinung ändern. Er würde ohne einen Assistenten besser dastehen. Der Erfolg hatte sich eh rar gemacht. Das war sicherlich nicht seine Schuld. Denn bisher war er mit seiner Masche immer durchgekommen. Obwohl… Honscha musste zugeben: Kein Trick war für die Ewigkeit konstruiert. Alle Jahre wieder war es angezeigt, mit etwas Frischem und gewieft Neuem zu reüssieren. Die Winkelzüge sprachen sich herum, die Leute wurden aufmerksamer, dann war es an der Zeit, die Strategie zu wechseln. Das würde Honscha auch bald tun. Darauf einen Gasnebel! Doch noch war die Zeit dafür nicht gekommen, denn noch gelang die derzeitige Masche – wenn auch nicht mehr oft. Er hatte einen anderen Plan.

 

Immiks weiteres Schicksal entschied sich auf einem der langweiligsten und trostlosesten Planeten, die er bisher kennengelernt hatte. Honscha Sennrom setzte ihn dort aus.

3.

 

Schon der Landeanflug gestaltete sich bedrückend. Aus einer konturlosen grauen Kugel erwuchs eine regengraue Ebene. Eine lebensendgraue Fläche ohne Horizont bereitete sich aus. Und das Grau ihres Himmels war bar jeder Hoffnung. Die einzige Vielfalt, die es gab, war die der ungleichen Grautöne. Das tote, reglose Meer war anders grau, als es das gleichförmige graue Himmelszelt war, aus dem sich ein haltloser Regen ergoss, um auf schmutzgraue Felder niederzugehen, auf denen die pure Dürftigkeit wuchs.

Honscha bedeutete seinem Assistenten auszusteigen. Verstört schlich Immik von Bord.

»Das war’s, Junge«, blaffte der Handelsvertreter. »Hier kannst du dein Glück versuchen. Einen ehrlichen Taler machen, wenn du Arbeit findest. Musst aber ein bisschen suchen…« Er redete sich in Rage, erzählte Immik, was er von ihm hielt, dass er enttäuscht war. Er hatte ihn für einen Gauner unter Gleichen gehalten. »Da ich nicht undankbar bin und dir einen Lohn schulde, nimm dies zum Abschied«, höhnte er.

Honscha mühte sich, vor Regen triefend, eine – wie er meinte – vollständig wasserdichte Klimaanlage vom Schiff fortzuwuchten. Das Gerät verstand er als Dankeschön und Lohn für den erbrachten Dienst. Ohne ein weiteres Wort kehrte er der allseitigen Eintönigkeit den Rücken zu und schob ab in den über die Maßen grauen Himmel.

Das Wetter würde Immik mit dem Gerät nicht beeinflussen können, so viel war klar. Honscha hatte das auch gar nicht im Sinn gehabt. Vielmehr fand er, dass Immiks Chance darin läge, den Apparat jemandem aufzuschwatzen. Mehr müsse er nicht tun, dann wäre er aller Probleme ledig. Das war Honschas Vorstellung von der Welt. Einen besseren Gedanken hatte er nicht. Doch selbst wenn Immik dies hätte tun wollen, ein Problem stellte sich ihm nach wie vor, denn der Planet war unbesiedelt. Er war das einzige denkende Wesen auf dieser Welt. 

Wie allein kann jemand sein?

Immik besaß weder Regenkleidung noch Schutzausrüstung noch überhaupt irgendetwas, das ihm in dieser Lage hätte dienlich sein können. Der Stoff seines passenderweise grauen Overalls war zwar wasserfest, doch regnete es hinein. Bald war das Federkleid bis auf die Haut durchnässt und Immik begann zu frieren. Was sollte er in dieser Situation unternehmen? Auf besseres Wetter hoffen? Er entschloss sich, Honschas Klimaattrappe dem Grau zu überantworten und einige Schritte zu tun, um die Durchblutung anzuregen. Doch als hätte der Regen nur darauf gewartet, verstärkte er seine Bemühungen, Immiks Körper zu durchnässen. Er fiel dichter, trommelte fast schmerzhaft kräftig, versuchte den einzigen Gast, den der Planet beherbergte auf der Stelle zu halten. Immik gab es auf, hockte sich auf den Boden, zog sich den Anzug so weit wie möglich über den Kopf und verharrte die Nacht über in dieser Position.

Der Morgen begann zwar nicht weniger grau, doch der Klang des Regens hatte sich verändert. Die dumpfe Schwere war einem milderen, helleren Ton gewichen. Klamm, beschmutzt, durchgefroren. Der Overall hatte über Nacht einen Teil des Regens abgehalten und zeigte auch weiterhin seine Qualitäten. Der Stoff nahm keinerlei Feuchtigkeit auf, nicht einmal unter den harschen örtlichen Bedingungen. Die programmierten Gängeleien hatten aufgehört und waren wohl auch weiterhin nicht zu befürchten. Immik spürte einen Hauch von Trockenheit und zaghaft aufkommende Wärme. Doch das würde auf Dauer nicht genügen.

Der Ausblick hatte sich kaum verändert. Ein weiterer Grauton war über Nacht über das Land gezogen und hatte die aufgehende Sonne vom Himmel gewaschen. In der Ferne glaubte Immik, vage Umrisse zu erspähen. Er setzte sich in Bewegung. Krallen gruben sich schmatzend in den weichen rasenähnlichen Untergrund und übertönten für eine Weile das Geräusch des Regens.

Immik stieß auf eine wüste Ansammlung von übereinanderliegenden Blechen, Resten von Gemäuer und Kunststoffwänden. Ein kümmerliches Lager, von dem nicht viel geblieben war. Immerhin brachte er es zuwege, sich eine Art Unterstand daraus zusammenzustellen. Werkzeuge besaß er nicht, und wozu auch, sein Overall hatte keine Taschen. Doch Immik war nicht ungeschickt. Er nutzte, was er fand, stabilisierte seine kipplige Konstruktion und rollte sich in ihrem Innern zusammen. So konnte er dem Regen trotzen. Der Hunger trieb ihn bald wieder heraus. Immik stand in dem Trümmerfeld und blickte in das konturlose Grau. Ob Honscha zurückkehren würde? Vielleicht hatte der ihm nur einen Denkzettel verpassen wollen. Immik war selbst schuld, denn er hatte ihn und sein anrüchiges Handwerk immer wieder kritisiert. So übel war das alles doch gar nicht gewesen. Immerhin ernährte die fragwürdige Sache ihren Mann. Doch für Reue war es zu spät. Honscha kam nicht zurück. Dafür erschien etwas anderes. Eine Miniaturdrohne schälte sich aus dem Regenschleier.

»Bist du in Schwierigkeiten, Kumpel?« Vom Display der Drohne leuchtete ihm das Gesicht eines Humanoiden entgegen. Immik erkannte typische Merkmale: Da war die von einem Wulst umschlossene Sprechfressöffnung, eine haarige Gesichtsumrandung und ein grotesk wirkendes Geruchsorgan, das einem Gemüse ähnlich sah. Mehr Hässlichkeit ließ sich aus Immiks Sicht kaum auf einer so winzigen Fläche unterbringen.

»So kann man es ausdrücken«, antwortete er verzagt.

»Na, dann schlüpf hier hinein!«

Die Drohne sprang plötzlich in die Höhe, als sich ihr Gewicht abrupt verringerte. Sie hatte eine Box abgeworfen. Darin befand sich ein dünner hautfarbener Überzug.

»Wenn du drin bist, klink dich bei der Drohne ein!«

Immik entfaltete das Kleidungsstück, es handelte sich um einen Überlebensanzug. Umständlich stieg er hinein und verband sich wie geheißen mit der Drohne. Der Anzug blähte sich schlagartig auf und nahm eine überraschende Festigkeit an. Und schwupp! Die Drohne sauste dem Regenhimmel entgegen, Immik im Schlepptau. Was für ein Ritt! Das Gerät demonstrierte sein Können. Immik nahm den Himmelsfahrstuhl, 1000 Stockwerke per Eiltransport in die Höhe über die Wolken hinweg. Auch so geht Fliegen!

Anzug sei Dank, Immik konnte die kurze Passage durch das planetennahe All heil überstehen. Der Luftvorrat reichte gerade so aus. Ein roststarrendes Kastenschiff tauchte vor ihm auf, eine Luke gähnte ihm entgegen. Im nächsten Augenblick lag er in einer Schleuse. Nachdem Luft zum Atmen vorhanden war, begann er, sich aus dem Anzug zu häuten.

»Bisschen holprig, was?«, drang es aus der Drohne. »Aber da unten zu landen, wäre mir zu teuer gekommen. Treibstoff, du verstehst… Und wer weiß, ob meine mickrige Mühle das ausgehalten hätte.«

Nachdem Immik sich freigepellt hatte, leitete die Drohne ihn in den zentralen Raum.

»Ich bin übrigens Stenjo«, stellte sich das Gesicht vor. »Professioneller Satellitensammler.«

»Freut mich – Immik: Handelsreisender und Hüllenreiniger. Ebenfalls professionell.«

So grobschlächtig und roh das Schiff von außen wirkte, der Eindruck vertiefte sich in seinem Innern noch. Gänge, Schotten, Rohrleitungen, Fugen und Nähte waren in mehreren Schichten mit Rostschutz zugespachtelt. Der schiffstypische Atem von schwerem Maschinenöl schlug Immik entgegen. Hier war nichts verkleidet, verblendet oder vertäfelt, dieses Raumschiff bot schamlos sein Innerstes feil. Auch der zentrale Raum glich in seiner schroffen Grobheit mehr einer Werkstatt als einer Kommandozentrale. Und wenn hier von Werkstätten die Rede war, dann zweifelslos von einer schmutzstarrenden Werkstatt.

Der rechteckige Raum war nur mäßig beleuchtet, auf zwei bodennahen Gestellen reihten sich schrankgroße Apparaturen vielfältigen Aussehens. Eine Bildwand zeigte die Außenwelt, das Schiff durchstach just einen Ausläufer des planetaren Graus – so schien es – und begann sich in der Schwärze einzurichten. Dieser Illustration hätte es jedoch nicht bedurft, Immik spürte das Manöver in den Beinen, der Kahn bebte und schlotterte. Immerhin fiel er nicht auseinander.

»Keine Sorge, Kollege. Sieht vielleicht nicht so aus, ist aber tipptopp in Ordnung, der Kahn.« Stenjo lachte. »Na ja, jedenfalls was Schweißnähte angeht. Ist alles selbst gemacht.«

Wo steckte sein Gastgeber eigentlich?

»Zeig dich mal, Stenjo,« forderte Immik ihn auf.

»Das wird schwierig. Ich habe einen äußerst engen Bezug zu meinem Schiff«, kam die Antwort. »Ich bin sozusagen das Schiff.«

Immik blieb skeptisch. Er ließ sich das näher erläutern und hörte eine erstaunliche Geschichte.

Stenjo war auf einem alternativen Wohnkometen aufgewachsen, auf dem seine Eltern einen freien Lebensstil gepflegt hatten. In dem Wohnprojekt gedachte man sich nicht von planetaren Gesetzen vereinnahmen zu lassen. Erfreulicherweise hatte das auch die Möglichkeit eingeschlossen, keine Steuern zahlen zu müssen. Das hatte einerseits enorme Freiheiten zur Folge gehabt, die andererseits durch die knappe Umgebung eingeschränkt wurden – der Schweifstern war ebenso bröckelig wie schmal. Für seine nachlässige Schulbildung war ein in die Jahre gekommener Roboter zuständig gewesen, dem schon beim Erwerb zahlreiche viel zu teure Updates gefehlt hatten. Von ihm erbte Stenjo die Liebe zu Metallarbeiten. Er bastelte und baute, schliff, feilte und fügte für sein Leben gern zusammen. »Bei allen Schweißnähten! Was willst du auch machen auf einem Kometen in einer Wohnzelle aus Metall, die du kaum verlassen kannst und wenn darüber hinaus dein Lehrer ein Roboter ist.«

Man überlebte die turnusmäßigen Sonnenpassagen ebenso wie die stillen Jahre in der Schwärze des Alls. Während seine Eltern, die Lage falsch einschätzend, glaubten, mit teurem Kometenwasser in selbst getöpferten Flakons ein Geschäft aufbauen zu können, blieben für Stenjo der Metallbau und das Studium der Sterne. Auf die Ebene handgezeichneter Flaschenetiketten wollte er sich nicht herunterziehen lassen. Als seine Eltern arm, aber alternativ gestorben waren, baute er die Wohnzelle in ein flugtüchtiges Raumschiff um. Stenjo erschuf sich im Laufe der Jahre eine schützende Rüstung aus Metallstreben, Trägern und Wänden. Als der Komet der Sonne zu nah kam und immer stärker ausgaste – die Bewohner des in der Bahn liegenden Planeten dürften entzückt ob des Anblicks gewesen sein – begann er seine Struktur zu verlieren. Stenjo setzte sich ab. Jetzt war er, was er immer hatte sein wollen: mobil. Und zwar auf die denkbar beste Weise, als Raumschiff! Er konnte reisen, wann und wohin er wollte. Ohne auf einem Kometenkern festzusitzen, ohne Fragen beantworten oder Vorbereitungen treffen zu müssen. Wenn er wollte, zog er los. Und er wollte. Er wollte immer. »Nie mehr Schweifstern in diesem Leben!«

»Und wie heißt dein Schiff, Stenjo?«

»Wie es heißt? Na, das Schiff bin doch ich. Also heißt es…«.

»STENJO!«

»Genau!«

Nachdem die anfängliche Begeisterung sich gelegt hatte, wurde es rasch knapp an allem. Vollständig mittellos trieb Stenjo im All. Da kam ihm seine Erziehung zugute. Hatte er doch elterlicherseits gelernt, sich durchzuschlagen und mit wenig Komfort und schmaler Kost auszukommen. Aus diesem Grund, ohne Einkommen oder die Möglichkeit dazu, begann er die Umlaufbahnen bewohnter oder ehemals bewohnter Welten freizuräumen. Denn Schutt und Schrott und Spreu gab es überall. Als feste Einheit zusammen mit dem Schiff war er für diese Tätigkeit wie gemacht.

»Und wie bist du auf mich gestoßen?«

»Bei allen Schweißnähten! Du passtest wahrlich nicht in mein Suchraster, Immik. Der tropfnasse Planet aber auch nicht. Der blaue Spindeltorus, ich wollte wissen, was der da zu suchen hatte. Wollte wissen, ob’s was zu holen gab.«

»Also habe ich meine wundersame Rettung deiner Neugier zu verdanken?«