Spacecycling - Melanie Glötzl - E-Book

Spacecycling E-Book

Melanie Glötzl

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Beschreibung

Ein Vortrag über Korallen nimmt eine herzzerreißende Wendung und wirft Baptist völlig aus seiner bisher geruhsamen Lebensbahn. Die Forschung an seinen Bäumen kommt ihm fortan sinnlos vor. Sehen denn wirklich nur er selbst und ein paar Wenige die anrollende Klimakatastrophe? Auch Illona, Augusta und Richard ringen darum ihrer Arbeit eine echte Bedeutung zu geben: als freischaffende Müllsammlerin, Marketing-Expertin und charismatischer Forschungsleiter. Und falls sich tatsächlich weltweiter Erfolg einstellt, wie mit Richards wahnwitzigem Projekt Spacecycling, tauchen gleich Neider auf. Sollte man deren Drohungen etwa wirklich ernst nehmen?

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, foto-mechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und aus-zugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.

© 2024 united p. c. Verlag 

ISBN Printausgabe: 978-3-7103-5947-7

ISBN e-book: 978-3-7103-1269-4

Umschlagfoto: www.stablediffusionweb.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag 

www.united-pc.eu

Melanie Glötzl

Spacecycling

Live – Augusta

Augusta näherte sich der Menschenmenge. Immer wieder wurde ihr Blickfeld von hochgehaltenen Plakaten oder Luftballons eingenommen. Alles machte einen sehr bunten Eindruck. Eben schwebte ein Fahrrad an ihr vorbei, das aus Luftballons, solchen aus denen man auch Tiere formen konnte, gebastelt war. Es war mindestens drei Meter groß und stieß mit einem Plakat zusammen auf dem „Rettet die Meere“ stand. Fast erwartete sie, dass sich die Leute, die zu diesen Schaustücken gehörten, in die Wolle kriegen würden. Im Vorfeld hatte es sogar eine Diskussion gegeben, ob nicht Luftballons für das heutige Event verboten werden sollten. Aber dann hatten sie sich doch mit einem Appell begnügt, dass jeder darauf achten sollte, dass keine Gummireste liegen blieben oder gar ganze Ballons davonflögen. Dieser Zusammenstoß jedenfalls beschränkte sich auf das Ballonrad mit dem Plakat. Alle Besucher schienen ausgesprochen gute Laune zu haben, es herrschte Festival-Stimmung. Die Verlosung von fünf Re-Bikes wirkte natürlich wie ein Magnet. Gerade rechtzeitig war es einer ihrer wichtigsten Partnerfirmen gelungen die Produktion hochzufahren: Fahrräder zu hundert Prozent aus recycelten Windrädern hergestellt. Viele Besucher spielten auf ihren Geräten auch den Song laut ab. Da fast alle die Sessionfunktion nutzten, die es natürlich nur für angemeldete Nutzer gab, hörte es sich an, als würde ein vielstimmiger Chor das Lied singen. Es hatten so viele bekannte Musiker mitgemacht, dass man nun zwölf verschiedene Versionen abspielen konnte. „There is a Starship, waiting in the waste“. Augusta setzte ihren Weg in Richtung Bühne fort, das Gelände hatte eine leichte Kuppe und als sie den höchsten Punkt erreichte, konnte sie es sehen. Das Raumschiff. Es ragte fast fünf Meter in die Höhe und bewegte sich leicht im Wind. Die Reflektoren oder Lichter, oder was auch immer es war, das an einigen Stellen angebracht war, erzeugten sogar im hellen Licht des frühen Nachmittags ein aufregendes Funkeln. Das Raumschiff bestand aus einem Hauptrad - ein Zentrum, davon abgehende Speichen und einen Ring außen rum.

Davon führte an einer Stelle eine lange Röhre weg, die erst der Biegung des Hauptrades folgte und sich dann etwas abwandte und schließlich weg bog. Diese Röhre erinnerte Augusta etwas an einen Griff oder Hebel. An seinem Ende befand sich nochmals ein Rad, aber es war viel kleiner als das Erste. Das Gebilde sollte natürlich an eines der ersten echten Fahrräder erinnern. Und natürlich war das Raumschiff kein richtiges Raumschiff, sondern nur ein Kunstwerk. Eine Schulklasse hatte mit diesem Entwurf den Wettbewerb gewonnen, der eigens für den heutigen Tag ausgerufen worden war. Augusta versuchte automatisch sich an die Namen der Schüler zu erinnern, mit denen sie bereits videotelefoniert hatte. Da sie ihr nicht gleich einfallen wollten, suchte sie auf ihrem Handy danach. Und sie nutzte die Gelegenheit, um erneut zu prüfen, wo sich Richard gerade aufhielt. Natürlich konnte sie ihn tracken. Ihm gefiel das. Richard war keiner dieser Kommunikationstechnikskeptiker, von denen es in Augustas Augen viel zu viele unter den Umweltschützern gab. Heute befiel sie aber ein schlechtes Gewissen, oder eher eine leichte Unruhe, wenn sie an Richard dachte.

Vielleicht hätte sie es ihm doch sagen sollen? Aber er war gestern einfach so guter Dinge gewesen, voller Vorfreude auf den heutigen Tag. Wenn er in so einer Stimmung war, dachte sie immer, dass er fast strahlte. Richard konnte die Leute begeistern und mitreißen, eigentlich würde er gar keine Leinwände brauchen, um die Menschen hier zu erreichen. Seine sonore Stimme würde genügen. Die Worte und Vergleiche, die ihm einfach so einfielen, besser als bei jedem Werbetexter. Und die Idee, ihr Projekt, war schließlich das Beste auf der ganzen Welt.

Einzigartig. Ein Durchbruch und ein Wendepunkt würde es sein. Augusta merkte auch jetzt, wie Begeisterung und Leidenschaft sie durchströmten. Für das Projekt und für Richard. Sicherlich würde nichts passieren. Wer sollte denn einen Anschlag auf zehntausende von Umweltschützern verüben? Die Mail, die sie gestern Abend noch erhalten hatte, war einfach nur ein geschmackloser Scherz.

„Halten Sie sich von der Bühne fern, oder wir werden es euch heimzahlen!!! Ihr seid doch schlimmer als die ganze Erdöllobby zusammen! Eine Schande seid ihr, Scheiß-Pseudo-Öko-Imperialisten! Erstickt an eurem Scheiß!“

Unwillkürlich wanderte Augustas Blick wieder zur Bühne, um die sich bereits die dichteste Menschenmenge gebildet hatte. Täuschte es sie, oder waren dort auffällig viele Polizisten? Sie hatten mit den Behörden und der Polizei sehr gut zusammengearbeitet. Von keiner Seite wurde für den heutigen Tag Probleme erwartet. Alle stellten sich auf einen friedlichen und fröhlichen Ablauf ein. Das Sicherheits- und Hygienekonzept hatten sie eigens von einer Firma prüfen lassen, die sich auf Personenschutz spezialisiert hatte.

Augusta beschleunigte ihre Schritte, als sie eine Polizistin die Bühne betreten sah. Dann glaubte sie, eine bekannte Silhouette zu erkennen, schmal, bunt gekleidet, kurze Haare, die ebenfalls auf die Bühne zusteuerte. Augusta schlug die Vorsicht in den Wind und begann zu rennen, so gut es mit ihren Stöckelschuhen auf dem unebenen Terrain eben ging.

Baptist steigt aus

Baptist hatte seinen Kopf gegen das Fenster des Zuges gelehnt und spürte dem leichten Vibrieren nach. Zuerst hielt er die Augen geschlossen. Es war noch ganz früh am Tag und das kein ungewöhnliches Verhalten für einen Zugreisenden. Als er spürte, dass der Zug den Streckenabschnitt mit den vielen Kurven erreichte, öffnete er sie aber. Gerade noch zur rechten Zeit, um einen Blick hinunter in das enge Tal zu werfen. Vielleicht lag es an der Sonne, oder an den einzelnen Nebelschleiern, oder am zarten Grün, oder einfach an seinem Gemüt, jedenfalls war er da wieder. Der Gedanke, zusammen mit dem Schmerz. Baptist war, als würde er das kleine Tal mit den wenigen Häusern und den paar Nebengebäuden, der einen Straße, den Wiesen, zum letzten Mal so sehen. Praktisch betrachtet traf das natürlich zu. Sollte er diese Strecke nochmals fahren, auch wenn es bald wäre, so wäre dieser Ausschnitt der Welt ja nicht stehen geblieben, um auf seinen traurigen Blick aus dem Zugfenster zu warten. Baptist beschloss, nicht in Trübsal zu versinken und riss sich los. Vom Fenster, indem er energisch seinen ganzen Oberkörper abwandte. Von seinem Gefühl, indem er seine Konzentration auf sein Reiseziel richtete. Er würde sie heute tatsächlich besuchen! Und dazu brauchte er nicht viel zu tun. Eigentlich nur aussteigen, an der richtigen Haltestelle am besten. Aussteigen. Wie einfach das klang. Aber welch schwerwiegende Konsequenzen das Aussteigen oder Nicht-Aussteigen haben konnte. Einmal hatte es so ein bedeutendes Nicht-Aussteigen in seinem Leben schon gegeben. Baptist zuckte regelrecht zusammen, fast als ob jemand ein gleisendes Licht direkt auf seine Augen gerichtet hätte. Er war nicht ausgestiegen. Aber das war im Auto gewesen, nicht im Zug. Im Zug hätte es ja keinen Sinn gemacht. Baptist saß nun aufrecht in seinem Sitz und starrte doch wieder aus dem Fenster. Jetzt hatte er zwar den einen Gedanken im Zaum gehalten, aber dafür begannen sich die Ereignisse in seinem Kopf zu wiederholen. Stopp! Zu allem. Stopp.

Das hatte er doch längst hinter sich. Wenn er schon Ereignisse aus seinem Leben erneut und schmerzlich begutachten musste, so sollte er sich damit wenigstens auf den so lange hinausgezögerten Besuch bei Dagmar und Annika vorbereiten. Schließlich würde er sie sehr bald sehen und wollte einen halbwegs aufgeräumten Eindruck abgeben. Er musste nur aussteigen.

In den letzten Monaten hatte er ausreichend Gelegenheit gehabt, über seine Beziehung mit Dagmar nachzudenken und sich klar zu werden, was sie ihm bedeutete. Und wie es zu ihrer Trennung gekommen war. Das war ungefähr ein Jahr danach gewesen. Nach einem weiteren Ereignis, dem er in seinen Gedanken gar nicht erst die Gelegenheit geben wollte, sich nach vorne zu drängen und seine ganze Aufmerksamkeit und Willenskraft einzusaugen.

Erbärmlich, dass ein paar vergossene Tränen einen solchen Einfluss auf ihn entwickelt hatten.

Dagmar. Er war sich ziemlich sicher, dass sie an dem Tag, als sie sich von ihm trennte, ihre Haare offen getragen hatte. Ihre dunklen Locken, die bis zu den Schultern fielen und ihr ebenmäßiges, rundes Gesicht einrahmten. Mit dem flachen Kinn. Den braunen Augen, die oft verhalten blickten. An diesem Tag hatten sie einen entschlossenen Ausdruck gehabt. Dagmar hatte ihm erklärt, dass sie nicht länger mit ihm zusammenleben könnte, nicht wenn sie wusste, dass sie schwanger war.

Sie hätte es die letzten Monate versucht, ihn gebeten zu reden, sich Hilfe zu holen, sich zu besaufen, egal was, einfach irgendetwas zu tun. Ein Lebenszeichen von sich geben, hatte sie gesagt. Baptist war sich nicht mehr ganz sicher, er hatte dieses Gespräch so oft in seinen Erinnerungen nacherlebt, dass er nicht mehr recht wusste, was wirklich geschehen war und was er sich nachträglich dazu erdacht hatte. Aber jedenfalls glaubte er, nachgefragt zu haben – wahrscheinlich hatte er es nur gemurmelt – wieso sie dann von ihm schwanger hatte werden wollen. Die Begründung war so typisch für Dagmar. Nach immerhin zehn Jahren Beziehung und mit Mitte dreißig sei keine Zeit gewesen sich einen anderen Mann zu suchen. Und außerdem sei Baptist ja gesund, klug, gutaussehend. Und außerdem, sie habe ja nie behauptet, dass sie ihn nicht als Mann und Vater haben wolle. Vielmehr sei es so, dass er diese Rolle gerade nicht erfüllen könnte. Sie wünsche sich aufrichtig, dass es anders wäre.

Glaubte er ihr das? Ja. Etwas anderes konnte er sich gegenwärtig nicht erlauben.

Baptist war so in seinen Gedanken versunken gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass der Zug an einen Bahnhof gehalten hatte. Eine Frau betrat den Waggon, in dem Baptist saß und wählte einen Platz gegen die Fahrtrichtung aus. Kurz darauf ertönte ein Pfiff und der Zug fuhr wieder an. Die Frau holte eine Plastikbox aus ihrem Rucksack, nahm ihre Maske ab und holte ein Brot daraus hervor. Baptist bemerkte kurz darauf den Geruch von Leberwurst. Er sagte sich, dass es ihn nicht störte.

Die Frau hatte jedes Recht im Zug ein Leberwurstbrot zu essen. Man konnte Gerüche in Zügen nicht verbieten.

Offenbar hatte er sie zu intensiv angestarrt, denn als sie ihre Box wieder verstaut hatte, blickte sie auf und sah direkt ihn an. Sie lächelte leicht und hielt den Blickkontakt. Da Baptist nicht reagierte, verschwand ihr Lächeln und sie schaute auf ihr Brot und biss dann hinein.

Danach prüfte sie aber, was dieser andere Fahrgast trieb und sah nochmals zu Baptist. Sie versuchte es sogar mit einem weiteren freundlichen Lächeln. Er schaffte es zu nicken und wandte dann entschieden den Kopf ab. Nun hörte er sie kauen.

Für Baptist war es nichts Neues, dass ihm andere Menschen meist freundlich begegneten.

Zum tausendsten Mal in seinem Leben fragte er sich, woran das lag. Das Zugfenster bot kein gutes Spiegelbild seines Gesichts und er trug zudem eine blaue Maske, aber es reichte, um ihm zu zeigen, dass dieses immer noch …

einnehmend war. Er hatte ein harmloses Gesicht. Nicht rund, nicht lang, nicht kantig. Ganz normal. Seine Nase war gerade, ebenso wie sein Mund. Seine grauen Augen schafften es selbst dann nicht, wenn er sich vom Verhalten anderer genervt fühlte, einen wirklich durchdringenden Blick zu erzeugen. Die Frau mit dem Brot war ein weiterer Beweis dafür. Wahrscheinlich fand sie ihn sogar attraktiv. Baptist war mittelgroß. Er war schlank, fit, weil er sich gerne bewegte. Jedenfalls wirkte er sicherlich nicht einschüchternd.

Eher vertrauenserweckend. Seine blonden Haare trug er sehr kurz und ohne erkennbaren Schnitt. Sie waren dicht und zeigten keinerlei Wirbel oder Locken. Wenn er sich nicht glattrasierte, stutze er seinen Bart regelmäßig und hielt ihn etwas kürzer als die gerade schicken Hippster-Bärte waren.

Um sich von der kauenden Frau abzulenken, schaute er wieder aus dem Fenster und ließ sich erneut auf seine gedankliche Zeitreise ein. Er versuchte von oben auf die Ereignisse zu blicken. Geradeso, wie er eben von oben in das Tal geblickt hatte, weil die Bahnstrecke auf halber Höhe der Talflanke verlief. Da waren diese drei Gewichte, die Dellen der Schwerkraft in seinem Raum formten. In seinem geistigen Auge sahen sie irgendwie wie schwarze Glaskugeln aus. Darin war das eigentliche Ereignis eingeschlossen. Dadurch schienen sie abgeschlossen vom Rest der Welt. Aber eigentlich hatte sich natürlich Baptist abgewandt von der Welt.

Zuerst die Tränen. Dann die Trennung. Dann das Nicht-Aussteigen. Und jetzt?

Baptist und die Tränen

Eigentlich war diese internationale Tagung eine von Baptist liebsten. Seit mehreren Jahrzehnten trafen sich Biologen, Ökologen, Geo- und Bioökologen, Geographen, Geologen, Umweltingenieure, Klimawissenschaftler und Wissenschaftler aus verwandten Disziplinen. Die Leitfragen der Tagung drehten sich um die Folgen des Klimawandels auf verschiedene Ökosysteme, um Anpassungsstrategien, Resilienzen, Empfehlungen für die Politik. Er mochte die kleine Stadt am Meer mit ihrem historischen Stadtkern, den ebenfalls historischen Tagungsort, den Ablauf der Tagung. Fast alle der ca. 300 Teilnehmer kannten sich.

Nachwuchswissenschaftler wurden sofort unter die Fittiche genommen. Es gab eine Abendveranstaltung, die zwar gesellig, aber nicht feucht-fröhlich wurde. In diesem Jahr hatte Baptist wieder einen Vortrag.

„Generationsübergreifende Anpassungsstrategien an veränderte Klimabedingungen bei fagus sylvatica“. Sein eigentliches Forschungsgebiet war natürlich viel spezieller. Er untersuchte die Stressmarker in den Blättern der Rotbuchen. Seit Jahren. Dazu hatte er mehrere Bäume in seinem Wald mit Messgeräten ausgestatten. Der Wald gehörte wirklich ihm.

Genaugenommen seinem Vater, aber dieser hatte akzeptiert, dass ein Teil des Familienbesitzes nicht der ertragreichen forstlichen Nutzung diente, sondern Forschungsgegenstand war. Für die Präsentation zu seinem Vortrag hatte er mehrere Fotografien seines Lieblingsbaums verwendet. Baptist dachte an seine Rotbuche. Mindestens 150 Jahre alt, thronte sie oben auf der Abflachung des Hanggrundstücks, in dem er seine Forschungen vorantrieb. Ihre dicken Wurzeln krallten sich in den Kalkstein, ihre Rinde zeugte von den Ereignissen in ihrem Leben. Einer Verletzung, als ein nebenstehender Baum gefällt worden war. Einem Graffiti, L+M, mehreren alten Rissen in der Rinde, vielleicht von Frostereignissen. Die ziemlich ausladende Krone, die sich nach oben verjüngte, die unzähligen Astaugen. Er hatte Fotografien, die den Baum in seiner ganzen Erhabenheit zeigten, so aufgenommen, dass man den freien Himmel durch das zarte Frühlingsgrün sehen konnte. Und die Schäden, später im Jahr, die braunen Blattspitzen, als die Trockenheit dem alten Baum zunehmend zusetzte. Die stumpf scheinenden Blätter, vom Staub bedeckt. Baptist wollte sich aber nicht zu viele Sorgen um diesen Baum machen. Letztlich war er einfach nur ein Forschungsprojekt. Er ging den Weg vom Hotel zum Tagungsort zu Fuß. Die morgendliche Sonne wärmte seine Kleidung. Er trug schwarz. Seit seine alte braune Lederjacke fettige Flecken von einer belegten Semmel bekommen hatte, die er sich auf einer seiner Dienstreisen schnell am Bahnhof gekauft hatte, trug er eigentlich nur noch schwarz. Eine abgewetzte Cordhose und diese Jacken waren seine letzten Sachen gewesen, die eine andere Farbe als schwarz hatten. Unter dem eher leger gekleideten Volk der Tagung würde er in schwarzer Jeans und schwarzem Hemd nicht weiter auffallen. Eines der guten Dinge an seinem Beruf als Wissenschaftler war, dass die meisten Kollegen an anderen Instituten oder auch an Behörden eher locker waren und jeder tragen konnte, was ihm beliebte. Heute und morgen würden also Anzugträger zwischen Jeans und T-Shirts, Kostüme neben Sommerkleidern sitzen. Geschniegelt oder unrasiert und langhaarig. Es ging den Teilnehmern um die Sache. Und natürlich um gute Vorträge, Forschungsgelder, Publikationen. Baptist erwartete sich reges Interesse an seinem Beitrag und vielleicht die eine oder andere Forschungskooperation. Ganz nach seiner Wunschvorstellung fand sein Vortrag noch vor dem Mittagessen am ersten Tag statt. Da waren schon alle Teilnehmer da, aber es hatte sich noch keine Vortragsmüdigkeit breitgemacht.

Komischerweise konnte sich Baptist an seinen Vortrag nicht mehr genau erinnern. Er war sicher gut gelaufen.

Baptist sprach ein flüssiges Englisch mit nur geringem bayerischem Akzent. Er bereitete sich für große Tagungen immer gut vor und hatte den Vortrag mindestens zweimal vorher geprobt. Daher war dieser vielleicht wie auf Autopilot gelaufen. Er konnte schwach den Applaus der Zuhörer wahrnehmen, eine Frage hatte es gegeben, irgendwas zu statistischen Methoden.

Wahrscheinlich aber hatte sein Gehirn die nachfolgenden Ereignisse so übergroß abgespeichert, dass dahinter sein eigener aktiver Beitrag zur Veranstaltung versteckt blieb.

Bis zur Kaffeepause war alles gut gelaufen. Baptist hatte Bekannte, Kollegen, Freunde begrüßt. Wie so häufig waren die Männer in der Überzahl, aber es gab auch viele Frauen in seinem Forschungsbereich. Man hatte sich ausgetauscht, beruflich, manchmal auch privat. Beim Mittagessen hatte man sich die Teller am Büffet – heute nur vegetarisch – beladen und war dann in den Innenhof der alten Festung getreten. Danach in Grüppchen noch etwas durch den Garten geschlendert, hatte sich mit Kaffee versorgt und war wieder in den klimatisierten Tagungsräumen verschwunden. Einige eifrig ins Gespräch und den fachlichen Austausch Vertiefte, mussten die Aushilfen, meist Studenten der örtlichen Universität, höflich daran erinnern, dass es nun mit den Vorträgen weiter gehen würde. Baptist war ebenfalls als einer der Letzten in den Tagungsraum getreten. Er hatte keinen festen Sitzplatz und trug seine Mappe unterm Arm geklemmt. Vorne stand bereits die erste Referentin der Session. Links und rechts von ihr wurden auf Leinwände ihre Vortragsfolien projiziert. Richtig. Jetzt ging es um marine Ökosysteme.

Er kannte auch diese Wissenschaftlerin. Maria Garcia Hernandez. Eine Spanierin, um die fünfzig, die seit Jahren zu Korallen forschte. Auch an diesen Vortrag konnte sich Baptist nicht wirklich erinnern. Dennoch hatten ihn ihre Worte in den Bann gezogen. Ihr Englisch, fast fehlerfrei aber mit dem Rhythmus des Spanischen gesprochen, klang ihm auch jetzt noch deutlich in den Ohren. Sie hatte sich anfangs mehrmals geräuspert. Gesagt, dass sie sehr wichtige Ergebnisse habe. Auch ihr Vortrag enthielt spektakuläre Bilder und eine kurze Videosequenz, alles mit Unterwasserkameras aufgenommen. Daneben die Grafiken mit den Zahlen. Wachstumsraten, Artenvielfalt, Meerestemperatur, ph-Wert. Bei einigen Werten gab es Gemurmel im Publikum. Baptist war eigentlich klar, worauf dieser Vortrag zusteuerte, was die Messungen ergeben mussten. Er hätte gehen können. Den Raum, die Tagung, die Forschung verlassen. Aber er tat es nicht. Er lauschte gebannt Hernandez Sätzen, die an Eindringlichkeit zunahmen. Und dann machte sie eine Pause. Räusperte sich wieder. Und zeigte das letzte Bild.

Aufgenommen vor einer Woche. Hörbares Luftholen bei den Teilnehmern, Geraune, dann Schweigen. Alle warteten auf eine weitere Erläuterung. Sachliche Darstellung. Maria Garcia Hernandez wollte offensichtlich auch dazu ansetzen. Aber dann erstickte ihr erstes Wort. Und dann kamen die Tränen. Sie brach auf der Bühne in Tränen aus. Zuerst wandte sie sich ab.

Als aber niemand im Publikum zu lachen begann oder irgendeine abwertende Reaktion zeigte, sondern alle nur schwiegen, zeigte sie ihr weinendes Gesicht und klickte die nächsten beiden Folien her. Ein weiteres Bild des abgestorbenen Korallenriffs und eine Karte, die die Verbreitung des Korallensterbens zeigte. Dann sammelte sie sich genug und sprach unter Tränen aus, was nun alle schon wussten. „They are dead. My object of research is dead!“

Zunächst glaubte Baptist, dass er es hinkriegen würde.

Schließlich war dies wahrlich nicht die einzige verheerende Neuigkeit. Sicherlich gab es sogar bei dieser Tagung noch weitere Wissenschaftler, denen es ähnlich erging. Die mittlerweile nur noch vom Verlust eines weiteren kritischen Teils des Ökosystems berichten konnten, über das sie forschten. Die Klimadaten, gesammelt an den Messstellen rund um den Globus, waren ja allseits bekannt. Ungewöhnlich war nur der emotionale Ausbruch von Frau Hernandez. Baptist zog also seine Schutzmauer gänzlich hoch, achtete darauf, dass ihn nichts berühren konnte und setzte sich auf einen der freien Stühle. Er wartete ab, bis der Moderator Frau Hernandez sein aufrichtiges Beileid ausgesprochen hatte.

Er fand anscheinend sowohl passende als auch anrührende Worte, denn die Zuschauer applaudierten zum Schluss und einige standen sogar auf. Anderen war das zu viel an Gefühlen. Sie schauten auf ihre Handys, blätterten in Unterlagen, gingen aufs Klo oder sich einen Kaffee holen. Baptist beobachtete still. Irgendwann ging die Session weiter und der nächste Referent trat an das Rednerpult. Baptist konnte sich an keinen der Inhalte erinnern, die nach den toten Korallen kamen. In seinem Kopf dröhnte es und sein Herz raste. Er kannte sich mit marinen Ökosystemen nicht aus. Eigentlich war er Forstwissenschaftler. Buchen waren sicherlich robuster als Korallen. Ihre Umweltansprüche waren ganz bestimmt weniger spezifisch. Der Buchenbestand im bayerischen Jura war nicht akut gefährdet. Höchstens punktuell. Und das hatte ihn bisher immer motiviert weiterzumachen. Zu messen, auszuwerten, dann vergleichen, überprüfen, Vorträge und Artikel verfassen.

Berichten und wieder berichten. Auf wissenschaftlichen Tagungen.

Manchmal wurde er auch von Waldbesitzervereinigungen eingeladen. Und von Schulen oder Klimaschutzmanagern. Einmal hatte er ein Radiointerview gegeben. Das musste seine Wirkung zeigen. Die Menschen sahen die Gefahr, die Schüler protestieren. Es gab Greta.

Als Baptist die Tagung nach dem letzten Vortrag und der Abschlussdiskussion verließ, sah er Maria Garcia Hernandez von einer Gruppe von Leuten umringt. Sie standen dicht beieinander. Die Ellbogen berührten sich.

Der Austausch war rege. Ausgesprochene Sätze riefen eifriges Nicken hervor. Baptist eilte zum Ausgang und glücklicherweise hielt ihn niemand auf.

Er kannte rund um den Tagungsort fast jede Straße und Seitengasse. Er war in den vergangenen Jahren bereits in mehreren Hotels in der Nähe abgestiegen. Zuerst bemerkte er gar nicht, welchen Weg er unbewusst gewählt hatte, um zur Pension El Gato zu kommen. Erst als er an der vierspurigen Straße stand und die Menschen um ihn herum plötzlich los eilten, um eine Lücke im Verkehr zu nutzen und so unbeschadet auf die andere Seite zu kommen, fiel ihm der schöne Weg entlang des kleinen Parks ein. Aber er hatte sich die großen Straßen ausgesucht, vorbei an Tankstellen, Autowaschanlagen, einem Möbelgeschäft, mehrgeschossigen Wohnungen.

Bloß keine ruhigen Nebenstraßen, kein Grün und schon gar kein Baum. Als das nächste Mal die Passanten losliefen, um die Straße zu queren, ließ er sich mittreiben.

Auf der anderen Seite folgte er der großen Straße noch kurz und bog schließlich doch in eine Nebenstraße ab.

Kurz darauf stand er vor seiner Pension. Ziemlich sicher hatten sich auch andere Teilnehmer der Tagung für diese Unterkunft entschieden. Es war die günstigste Möglichkeit in der Nähe und Baptist wusste aus eigener Erfahrung, dass die Forschungsbudgets knapp waren.

Zwar sollten Erkenntnisse möglichst oft auf möglichst angesehenen Veranstaltungen präsentiert werden, aber die Kosten dafür wurden nur nach Prüfung von Einsparungsmöglichkeiten übernommen. Baptist näherte sich dem Eingang daher zögerlich. Das Haus stand etwas von der Straße abgesetzt, sodass ein kleiner Vorhof, mit Blumentöpfen, einer Bank und einem Aschenbecher ausgestattet, zu der Pension gehörte. Er versuchte durch die halb verglaste Eingangstür zu spähen. Weder im Hof noch in der kleinen, unspektakulären Lobby konnte er ein bekanntes Gesicht ausmachen. Schnell öffnete er die Tür und eilte durch den Eingangsbereich zum Treppenhaus und dann die drei Stockwerke zu seinem Dachzimmer hinauf. Er holte die Magnetkarte aus seinem Geldbeutel und öffnete damit die Tür zu seinem Zimmer. Im Vergleich zu Treppenhaus und Gang war die Luft warm, aber frischer. Er hatte die dicken Vorhänge zugezogen aber das Fenster, das auf den rückwärtigen Innenhof ging, geöffnet, bevor er heute Morgen zur Tagung aufgebrochen war. Baptist legte seine Tasche auf die Ablage bei der Garderobe und zog seine Halbschuhe aus.

Dann stand er im Zimmer. Und wusste nicht weiter.

Es musste ungefähr zwei Stunden später sein, als er das Zimmer wieder verließ. In genau denselben Sachen, die er auch vorher angehabt hatte. Nur trug er jetzt ein bequemeres Paar Schuhe. Schwarze Turnschuhe. Aus dem Kühlschrank im zweiten Stock, neben dem Frühstücksraum, hatte er sich zwei der großen Flaschen mit Bier geholt. Den Kühlschrank konnte man mit seiner Zimmerkarte öffnen. Da Baptist selten viel trank war er nun nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Ansonsten wusste er nicht zu sagen, ob er sich nun besser, schlechter oder genauso wie bei seiner Ankunft in der Pension fühlte. Er wollte ins historische Stadtzentrum gehen und das alteingesessene Gasthaus suchen, in dem die Abendveranstaltung stattfand. Er war seinem Ziel bereits ziemlich nahegekommen, als er vor sich andere Tagungsteilnehmer bemerkte. Er erkannte die Frau an ihren auffällig langen Haaren und dem mintgrünen Rock, den sie trug. Er ging zuerst etwas schneller und holte auf.

Dann schnappte er ein paar Fetzen des Gesprächs auf.

„jetzt unbedingt dranbleiben“ … „man müsste das irgendwie öffentlich machen, das sollte doch einen Aufschrei geben“ … „ich hab ja ganz ähnliche Zahlen“.

Baptist ließ sich wieder zurückfallen und blieb dann ganz stehen. Die Fußgänger mussten einen Bogen um ihn herum machen. Er konnte unmöglich zu dieser Veranstaltung gehen. Und sich das alles noch mal anhören. Vielleicht war die Hernandez sogar da.

Bestimmt. Warum auch nicht. Und außerdem, ganz nüchtern war er wirklich nicht mehr. Vorhin hatte ihm das schon als Ausrede gedient nicht zu Hause anzurufen.

Baptist bog bei nächster Gelegenheit in die falsche Richtung ab.

Illonas Aufgabe

Illona richtete sich an ihrem Lieblingsplatz in der Fußgängerzone ein. Sie breitete ihre Decke unter der Platane aus, die direkt neben dem kleinen Brunnen stand.

Die Metallstreben, die den kleinen Kreis aus offener Erde schützten und verhinderten, dass der Lieferverkehr gegen den Stamm fuhr, nutzte sie, um die Leine von Rica festzumachen. Die Hündin kannte den Platz und ihre Aufgabe. Sie trottete zum Brunnen, legte die Pfoten auf den Rand des kleinen Steinbeckens und trank etwas Wasser. Dann ging sie zur Decke zurück, legte sich in eine Ecke und drehte sich auf den Rücken, wobei sie ihre Füße in die Luft streckte. Bisher war noch nie jemand unaufgefordert in ihren Bereich vorgedrungen. Die Decke diente gleichsam als Zaun. Dennoch verfehlte Rica ihre Wirkung nicht. Mit ihrem langen, schwarz-weiß gesprenkelten Fell und den langen weichen Schlappohren zog sie die Menschen fast magisch an.

Illona kam sich manchmal wie die Statistin vor, als hätten sie die Rollen getauscht. Sie streichelte Rica am Kopf und nahm die Thermoskanne aus ihrem Rucksack, die sie heute Morgen aus dem Fluss geholt hatte. Sie stellte eines ihrer Schilder auf. Heute fühlte sie sich eher in friedlicher Stimmung, also fiel ihre Wahl auf „Ich sammle - Müll auf! Danke, dass Sie meine Arbeit unterstützen“. Das „Ich sammle“ war größer und dicker geschrieben als der Rest, mit Pinsel auf eine dünne Sperrholzplatte. Sie hatte auch noch andere Schilder, mit Sprüchen, die die Leute eher aufregen sollten, diese wählte sie aber eher abends aus und wenn sie Lust hatte zu diskutieren. Illona warf einige Münzen in die Thermoskanne und schüttelte sie einmal kräftig. Zufrieden nickte sie dem lauten und hellen Klingen zu. Das würde gehen. Tatsächlich stand bereits ein kleines Mädchen an der Hand seiner Mutter vor Rica und zeigte auf den Hund.

„Hallo, Sie können sie gerne streicheln, Rica liebt Kinder!“ Illona gab ihrer Hündin ein Zeichen, woraufhin diese zum Rand der Decke robbte und den Kopf vorsichtig zu der kleinen Hand austreckte. Das Mädchen quietschte begeistert und berührte das weiche Fell. Illona wandte sich in der Zeit an die Mutter.

„Wissen Sie, wo ich diese Thermoskanne gefunden habe?“ Sie schüttelte diese noch einmal. „Sie ist mitten im Fluss getrieben. Mit jeder Menge anderem Zeug. Vom Ufer aus sieht man das gar nicht. Ich habe in einer halben Stunde einen Sack Müll aufgefischt!“ Sie schaute die Frau freundlich an.

„Äh- arbeiten Sie bei der, äh, Stadtreinigung?“

„Nein, für so was fehlt fast immer das Geld. Ich fahre mit meinem Bord raus, so komme ich auch zu den Inseln im Fluss. Da sammelt sich der Müll an. Wollen Sie mich unterstützen? Ein Euro reicht schon, davon kann ich wieder neue Müllsäcke kaufen, oder Futter für Rica. Sie passt auf unsere Sachen auf, wenn ich Müllfischen bin.“

Illona lächelte so offen wie möglich und strich sich eine ihrer kurzen Strähnen hinter das Ohr.

„Ja, ja klar, das ist ja wirklich eine gute Idee!“

Die Frau kramte in ihrer Tasche und gab Illona etwas linkisch zwei Euro. Um sich nicht anhören zu müssen, warum es nur zwei Euro waren und der Mutter diese Verlegenheit zu ersparen, hielt sie ihr einfach die Thermoskanne hin und wandte sich dann an die Tochter.

Sie kramte ihrerseits in der Tasche und zog ein Leckerli für Rica hervor.

„Möchtest du ihr das geben?“

Aus den Augenwinkeln erspähte Illona bereits die nächste Familie, die von Ricas Charme eingewickelt wurde. Gut, sogar die Kinder hatten teure Ökolabels an, meistens spendeten diese Leute auch großzügig für Illonas Reinigungsunternehmen. Es lief gut. Sie war ein Ein-Frau-Unternehmen und manchmal hatte sie sogar richtig große Aufträge, bei denen sie für mehrere Tage bezahlt wurde. Am liebsten war es ihr, wenn sie vor und nach Festivals das Gelände absuchen konnte. Nach Müll, verlorenen Sachen, verletzten Tieren, etc. Meist bekam sie dann nämlich freien Eintritt und konnte so Bands sehen, die sie sich sonst nie leisten würde. Rica blieb dann bei einem Freund. Illona machte es einfach Freude Dinge aufzusammeln. Aber es gab auch andere Höhepunkte in ihrem Berufsleben. Einmal hatte sie ein älteres Paar kennengelernt, das ihr ausführlich über seine früheren Aktionen berichtete. Wie sie damals gegen Kernkraft demonstriert hätten. Und gegen die Atommülltransporte. Und dass sie ja so gerne die Fridays for Future Proteste unterstützen würden, aber sie fühlten sich einfach nicht mehr fit genug. Zwar waren diese Demonstrationen bisher immer friedlich verlaufen, aber offenbar saß die Angst tief, von der Polizei eingekesselt zu werden. Schließlich waren sie auf die Idee gekommen, dass sie Illona als Vertretung schicken könnten. Und so hatte sie 100 € dafür bekommen, dass sie für Klimaschutz marschierte. Sie hatte sich schon überlegt, dieses Angebot zu erweitern. „Rent a Protester“ oder so. Illona sah sich um und hoffte, dass kurz etwas Flaute sein würde, dann könnte sie schnell ihren Tabak auspacken und Eine rauchen. Schnorren, Hundestreicheln und dabei Qualmen kam meist nicht so gut an. Dafür öffnete sie ganz ohne schlechtes Gewissen das Radler, das ihr ein Passant aus seinem Einkaufskorb geschenkt hatte. Es war fast noch kalt. Sie prostete Rica zu und setzte die Flasche an. Wie fast jeden Tag nahm sie sich vor, es heute nicht zu übertreiben. Eigentlich war sie ganz zufrieden mit sich und damit, wie sie ihren Drogenkonsum handhabte.

Tagsüber arbeitete sie ziemlich oft und wenn sie Müll aus einem Fluss fischen wollte und dabei auf einem Bord stand oder lag und mit ihrem immer weiter verbesserten Dreizack hantierte, den Strömungen trotzte, den Angelschnüren auswich, dann brauchte sie einen klaren Kopf. Und beim Schnorren konnte sie mal ein Radler trinken, aber torkeln war nicht drin. Illona achtete darauf, sich und ihre Sachen regelmäßig zu waschen, und nicht nur in Flüssen zu baden. Sie und Rica sollten fesch und freundlich wirken. Wie erhofft waren gerade keine Kinder in Sicht, die Rica streicheln wollten und Illona drehte sich eine Zigarette.

Immer wieder wurde sie von Leuten, mit denen sie ins Gespräch kam, danach gefragt, wie sie eigentlich zum Müllfischen gekommen war. Illona erzählte meist bereitwillig ihre Geschichte, die mittlerweile eine gewisse Form angenommen hatte. Aber es stimmte ja tatsächlich. Sie wusste nicht, ob sie heute hier mit Rica sitzen würde, wenn sie damals nicht diesen Film im Fernsehen gesehen hätte. Sie konnte sich sehr gut an den Abend, oder eigentlich die Nacht, erinnern. Sie war spät nach Hause gekommen von einer Feier und hatte im Wohnzimmer noch den Fernseher angemacht und sich durch die Programme gezappt. Dabei war sie bei einem der öffentlich-rechtlichen Sender hängen geblieben. Der Film hatte wohl gerade erst begonnen. Es war eine Dokumentation über eine junge Frau, die ihr ganzes bisheriges Leben hinter sich gelassen hatte. Ein Satz dieser schmächtigen Person in der weiten Baumwollkleidung hatte Illona beeindruckt: Sie hatte erzählt, wie ihre beste Schulfreundin, kurz vor dem Abitur, eher so nebenbei gesagt hatte, dass sie eigentlich die Schule abbrechen und losziehen müsste, wenn sie nach ihren Überzeugungen leben wollte. Das hatte sie dann tatsächlich in die Tat umgesetzt, kein Abitur gemacht, alle Besitztümer hergegeben, alles aufgegeben, auch die Beziehungen. Diese Frau lebte im Wald, in Höhlen, ernährte sich nur von Fallobst und Spenden. In dieser Form wäre das nichts für Illona gewesen, sie hatte ihren Schulabschluss gemacht, sie besaß einige Sachen und sie hatte eine Aufgabe: Müll aufsammeln, vor allem aus Flüssen und Seen, dafür hatte sie ihr Bord und einige Werkzeuge. Illona hatte es nie übers Herz gebracht, nach dem Film im Internet zu suchen, er müsste wohl so aus den 1990er Jahren sein, würde sie schätzen. Sie hatte die vielleicht etwas irrationale Sorge, dass sie der Film heute nicht mehr so wie damals berühren würde, wenn sie ihn nochmals ansehen würde. Die Zeiten waren natürlich auch andere heutzutage. Illona hatte ein Smartphone und das war für sie einer ihrer wichtigsten Anker, der sie in der normalen Welt hielt, mit ihr verband aber ihr auch ihren Job in der Form erst ermöglichte, in der sie in lebte.

Sie zog jetzt ihr Handy aus der Tasche und prüfte die Uhrzeit. Später Nachmittag, wie sie eigentlich eh schon gewusst hatte. Eigentlich reichte es ihr für heute, sie wollte gerne ihre Ruhe haben und zurück zu ihrem Zelt, das am Flussufer, gut unter Weidenästen versteckt, aufgebaut war. Aber es lief gerade gut und man konnte ja nie wissen. Illona sammelte das Geld, das sie nicht direkt für sich und Rica ausgab, auf einem Konto und hatte mittlerweile ein gutes Polster. Klar, sie hätte sich auch ein neues Zelt kaufen können, vielleicht sogar einen Wohnwagen, sie hatte sogar einen Führerschein, aber darum ging es ihr ja gerade. Sie strich über ihre Hose aus verschiedenfarbigem Cord. Das war vor zwanzig Jahren in Mode gewesen und so alt war auch die Hose. Illona hatte sie secondhand gekauft. Wie alle Dinge, wenn sie sich schon dazu durchrang, überhaupt etwas zu kaufen.

Sie brauchte das alles nicht. Wenn man alles, was man besaß in einem Rucksack tragen musste, dann wurden viele Dinge überflüssig.

Einige Stunden später packte Illona endgültig ihre Decke und ihren Rucksack ein und hielt Rica an nochmal aus dem Brunnen zu trinken. Zeit den Abend ausklingen zu lassen. Jetzt wäre doch ein richtiges Abendessen gut, warm, lecker, vielleicht sollte sie doch in ein Lokal gehen?

„Rica, komm hierher!“ rief sie ihren Hund. Gerade steuerte ein Mann auf den Brunnen zu, er hielt sich an der Steinfassung fest und spritze sich etwas Wasser ins Gesicht. Sie lächelte ihm zu, aber er schien sie nicht wahrzunehmen, sah vielmehr an ihr vorbei. Unschlüssig stand er am Brunnen und das Wasser tropfte von seinem Gesicht auf das schwarze Hemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren. Dann bemerkte er das Schild, das neben ihrem Rucksack am Boden stand. Er verzog angewidert das Gesicht, oder zumindest machte es auf Illona diesen Eindruck. Jetzt rührte sich doch etwas von ihrem Kampfgeist und sie sprach den Kerl an.

„Wollen Sie mich auch unterstützen? Ich fahre mit meinem Bord raus und sammle Müll aus den Flüssen und Seen.“

Der Mann blickte kurz zu ihr auf und gab dann ein Geräusch von sich, das zwischen trockenem Lachen und Schnauben lag.

„Glückwunsch, da haben Sie für den Rest Ihres Lebens zu tun. Nicht mal wenn wir im Müll ersticken und der ganze Wald verdorrt ist-“.

Er brach seinen Satz ab und griff in die Tasche seiner Jeans, die ebenfalls schwarz war. Aus seinem Geldbeutel zog er einen Zwanzig-Euro-Schein hervor und hielt ihn ihr hin.

„Na, dann weiterhin viel Erfolg, lange nach dem Müll suchen müssen Sie ja wohl kaum.“

Illona fiel auf, dass er etwas fahrig wirkte, entweder er nuschelte leicht oder vielleicht war er auch nicht ganz nüchtern. Plötzlich war er ihr sympathisch und das lag nicht an den hingereckten zwanzig Euro.

„Schlechten Tag gehabt?“

Der Mann sah sie nicht an, nickte aber und langte mit der freien linken Hand noch mal in den Brunnen und fuhr sich anschließend übers Gesicht.

„Ich heiße Illona. Was hältst du davon, wenn du die zwanzig Euro wieder einsteckst und mich lieber auf was zu Essen und zu Trinken einlädst?“

Nun sah er sie doch richtig an und lächelte sogar leicht.

„Ich heiße Baptist.“

Augustas neue Bekanntschaft

Der Kellner brachte ihre Hollunderblütenschorle in einem hohen, schlanken Glas, von dem das Wasser abperlte. Er stellte es vorsichtig am Rand des runden Tisches ab, den sie fast vollständig mit ihren Unterlagen bedeckt hatte, sodass auch der QR-Code für die Kontaktnachverfolgung verdeckt wurde. Es war noch warm genug um draußen zu sitzen heute. In einer fließenden Bewegung nahm er mit der gleichen Hand die leere Tasse mit und entfernte sich geräuschlos wieder.

Augusta schätze es sehr, dass sie bereits nach wenigen Wochen hier in dieser für sie neuen Stadt ein Café mit guter Arbeitsqualität gefunden hatte. Die Bedienungen merkten, wenn ihre Getränke aus waren und brachten leise die neue Bestellung. Und wenn sie richtig vermutete, würde sie in spätestens einer halben Stunde gefragt werden, ob sie vielleicht einen kleinen Snack wollte. Innerlich hatte sie sich bereits für den Fruchtjoghurt entschieden. Augusta arbeitete gerade an einem kleinen Freundschaftsauftrag und brachte den Internet-Auftritt einer noch wenig bekannten Designerin auf Vordermann. Nicht lukrativ, aber es machte einfach Spaß. Sie gab der Versuchung nach und sah sich eines der Kleider genauer an. Es war – wie alle diese Stücke – ein umgearbeitetes Modell eines der großen Designer.

Dem Stoff mit den kräftigen roten und blauen Streifen nach zu urteilen, war es schon vor einigen Saisons aktuell gewesen. Ihre neue Freundin hatte es zerteilt, mit einem sensationellen weißen Baumwollstoff mit gestickten Blüten kombiniert und in einen zeitlosen, taillierten Schnitt gebracht. Augusta wusste, dass ihr das Kleid stehen würde. Mit neuem Eifer wandte sie sich der Homepage zu und überlegte, wie sie diese mit einem gebührenden Wow-Effekt versehen konnte. Sie blickte durch ihre leicht getönte Brille etwas versonnen auf die Straße und beobachtete mit halber Aufmerksamkeit, wie ein Tesla schwungvoll neben ihren Renault Zero einparkte. Offenbar wollte der Fahrer die Ladestation nicht benutzen, an der ihr Auto gerade hing, denn er stieg aus und wandte sich dann direkt zur Straßenseite um und wartete auf eine Lücke im Verkehr, der in diesem beruhigten Innenstadtbereich vor allem von Radfahrern, Fahrern sämtlicher weiterer Gefährte mit Rädern und häufig Elektromotor sowie aus Fußgängern bestand. Und selbstverständlich Taxis, Bussen und einigen PKW.

Augusta war bereits wieder auf die Homepage konzentriert und fragte sich, ob nicht eine andere Farbgestaltung für einen besseren Aufmacher notwendig wäre, als sich der Mann an den Tisch neben ihr setzte.

„Die gehört sicherlich zu Ihnen?“

Augusta sah auf, als er sie ansprach und ihre Laptop-Tasche hochhielt. Unverkennbar war das ihre, mit den aufgedruckten zerknautschten, vielfarbigen Plastikflaschen und Verschlüssen, die fast wie ein Mosaik aussahen. Denn schließlich durfte man der Tasche gerne ansehen, dass sie aus 100 % recyceltem Material war.

„Ja, danke, tut mir leid, dass ich mich so ausgebreitet habe.“ Sie lächelte den Mann an und erntete im Gegenzug ein breites Lächeln und eine kleine Verbeugung.

„Aber ich bitte Sie, das sind doch keine Umstände!“

Er setzte sich an seinen Tisch, legte eine Ledermappe darauf ab und öffnete diese. Zufrieden widmete Augusta sich wieder ihrer Aufgabe. Der Typ schien nett zu sein.

Vielleicht etwas übertrieben schick gestylt, aber das war hier ja so üblich. Er saß mit der gleichen Blickrichtung zur Straße wie sie und begann Unterlagen durchzusehen.

Augusta hatte noch ungefähr einen Schluck ihrer Schorle übrig, als wie von ihr prophezeit, der nette Ober kam und sie nach ihren Wünschen fragte. Ob er ihr vielleicht die Tageskarte bringen dürfe. Sie blieb bei ihrem früheren Entschluss und bestellte den hausgemachten Joghurt mit regionalen Früchten der Saison. Augusta war schon immer kontaktfreudig gewesen und schließlich wollte sie sich hier einen neuen Freundeskreis, ein neues Zuhause aufbauen. Sie wandte sich also an ihren Tischnachbarn, als sie sah, dass dieser nicht mehr in seine Unterlagen sah, sondern einfach auf die Straße und deutete auf seinen Tesla.

„Wenn Sie ihr Auto aufladen möchten: Das ist meiner, der da gerade dranhängt, ich kann ihn gerne abstöpseln.“

Es fiel ihr schon viel einfacher ihren hochdeutschen Tonfall anzuschlagen. Nicht, dass sie sich ihres Dialektes geschämt hätte, aber für sie hatte es schon immer zum guten Ton gehört, ihre Aussprache an ihr Umfeld anpassen zu können. Zwar erreichte sie natürlich nicht dieses klingende Hanseatisch, aber das wollte sie ja auch gar nicht. Anscheinend war ihr Tischnachbar ebenfalls an einem Gespräch interessiert, denn er drehte seinen Stuhl leicht in ihre Richtung und wandte sich ganz ihr zu.

„Danke, aber das ist nicht nötig. Ein schönes Auto haben sie da. Großartige Farbe.“

Augusta lobte ihrerseits seinen Tesla und wusste schon nach ein paar gewechselten Worten, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Ihr Tischnachbar verstand sich wie sie bestens auf Small Talk und konnte wirklich sehr einnehmend lachen.

Nach diesen wenigen Sätzen schwiegen sie, jeder mit seinen Dingen beschäftigt. Er sah einmal zu ihr und lächelte. Er bestellte Essen, Toast mit gegrilltem Gemüse. Augusta versuchte sich vorzustellen, was die Kunden ihrer Freundin vom Online-Auftritt ihrer Lieblingsboutique erwarteten. Creative, Business, Classic, heimelig, ... Hoffentlich hatte sie nicht zu versponnen in die Luft geschaut, dachte Augusta, als der Ober sie aus ihrer Kontemplation schreckte. Sie sah zu ihrem Tischnachbarn und stellte fest, dass er sie ansah.

Wieder lächelte er.

"Ich wünsche Ihnen guten Appetit. "

Augusta entgegnete ebenso höflich und begann ihren Joghurt zu löffeln. Die Früchte waren sorgfältig geputzt und geschnitten. Keine Resteverwertung, sondern echte Zutaten. Und sie schmeckten. Zufrieden kaute und schluckte sie, stellte unterschiedliche Kombinationen auf ihren langstieligen Löffel zusammen. Heidelbeere und Pfirsich, Pfirsich und Birne. Birne und Beere. Als sie ihrerseits den Nachbartisch prüfte, begegnete sie seinem Blick erneut. Bevor sie sich beobachtet vorkommen konnte, ergriff der Mann das Wort. Zuerst räusperte er sich leicht.

"Hrm. Entschuldigen Sie, aber es macht einfach Freude, wenn jemand das Essen genießt. Sie dürfen mir dann auch zu sehen und beurteilen, ob ich meine Sache gut mache." Mehr Lächeln, mehr Zähne, Lachfalten um die Augen. Und, ja, er wurde im Kragen leicht rot, er fühlte sich also sehr wohl ertappt.

Augusta fühlte sich gleich sicherer.

"Ich nehme Sie beim Wort. Und ich muss Sie warnen, ich kenne den Toast schon, ich weiß, worauf es dabei ankommt! "

Da sie offensichtlich auf sein Spiel einging, drehte sich der Mann ihr samt seinem Stuhl noch etwas mehr zu.

"Tatsächlich? Dann kommen sie öfter hierher? Ich habe Sie noch nie gesehen. "

"Ich bin erst vor ein paar Wochen hergezogen."

Bis sein Essen kam, hatten sie sich offiziell vorgestellt.

Der Kerl war echt charmant.

„Darf ich mich vorstellen? Richard Lutterod.“

Er reichte ihr seine Hand über die Lehne seines Stuhls hinweg. Sie war warm und fest und fühlte sich irgendwie stabil an.

„Augusta Loskarn.“

Sie drückte leicht seine Hand und schob mit der anderen schließlich ihre Brille hoch und steckte sie in ihre Frisur.

Die Brille war zwar geschliffen, aber sie musste nur eine leichte Kurzsichtigkeit ausgleichen, es war einfach angenehmer für lange Stunden vor dem Bildschirm. Nun blendete das Licht etwas und sie kniff die Augen ein wenig zu. Dieser Richard sah auch im vollen Tageslicht gut aus. Sie schätze ihn auf ungefähr ihr Alter, vielleicht etwas älter. Er war blond – natürlich – und trug die Haare ziemlich lang und zurückgekämmt. Er war teuer und mit diesem Understatement gekleidet, das man nur durch lange Übung aus seinem Kleiderschrank zaubern konnte.

Die obersten Knöpfe seines Hemdes waren offen und gaben ihm einen unkonventionellen Touch. Dazu passten die Lederschuhe, die gut eingelaufen wirkten. Er war braun gebrannt und verströmte die Ausstrahlung von jemanden, der gut auf sich achtete und sich pflegte. Also gut, er gefiel ihr einfach, sie mochte schicke Männer und sie mochte es, dass dieser hier ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Augusta war sich bewusst, dass auch sie von Kopf bis zu den Fußnägeln hergerichtet war und außerdem schon immer ziemlich hübsch gewesen war. Ihr Hang zu aufwendigem Styling war für sie in ihrer bisherigen Arbeitswelt nicht immer einfach gewesen. Sie hatte die letzten 15 Jahre im Marketing für die verschiedensten Umweltinstitutionen und Firmen, die in diesem Bereich tätig waren, gearbeitet. Zwar war man in diesem Metier allgemein offen genug, um auch andere Geschmäcker als Baumwolle und Leinen zu tolerieren, aber manchmal war sie schon aufgefallen. Zum Glück war ihr Geschmack gleichzeitig immer ausgefallen und fetzig genug gewesen, dass er gerade noch durchging.

Dennoch, die letzten Jahre war sie fast immer diejenigen gewesen, die die obere Messlatte des Dresscodes vorgab.

Mittlerweile war sie auch selbstbewusst genug um ihre Lust auf teure Kleidung und abgestimmte Outfits einfach als ihr Markenzeichen vorzuzeigen.

Als der Ober den Toast mit dem gegrillten Gemüse am Nachbartisch platzierte, zwinkerte ihr Richard zu.

„Achtung, es geht los, Sie müssen mir sagen, wenn ich einen Fehler mache!“ Er nahm mit auffälligen Bewegungen, fast wie ein Theaterschauspieler, Gabel und Messer zur Hand und deutete an, dass er nun den Toast an einer Ecke anschneiden würde. Dabei sah er sie schelmisch grinsend an. „So richtig?“

„Ich bedaure, aber das Geheimnis liegt nicht in der Esstechnik.“

„Bitte, vergönnen Sie mir den optimalen Genuss und weihen Sie mich ein.“

Augusta musste richtig lachen. „Sie müssen etwas von dem Olivenöl“ – dabei deutete sie auf die kleine Flache, die der Ober zusammen mit Pfeffer und Salz, an den Tisch gebracht hatte – „über den Toast träufeln. Über den Toast, nicht das Gemüse.“

Richard sah sie leicht erstaunt an, wohl darüber, dass sie eine echte Empfehlung hatte, und folgte dann ihren Anweisungen. Sie beobachtete ihn ungeniert, als er den ersten Bissen probierte. Er nickte anerkennend und widmete sich dann seinem Essen. Augusta wollte nicht zu aufdringlich sein und sah eine Weile ihren Monitor an.

Als sie schließlich wieder zu ihrem Tischnachbarn blickte, sah dieser sie an. Er lächelte und aß weiter.

Ihre beiden Tische waren von den Speisetellern bereits wieder befreit, als Richard Lutterod seine Unterlagen einpackte und aufstand. Er ging um seinen Tisch herum und zu ihrem Platz. Fast automatisch erhob sich auch Augusta.

„Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen Frau Augusta. Darf ich mich darauf freuen, Sie in den nächsten Tagen erneut in diesem wunderbaren Café anzutreffen?“

Innerlich leicht schmunzelnd dankte und bestätigte Augusta und streckte Richard zum Abschied nochmals ihre Hand hin. Er hatte wirklich eine sehr galante Art, die aber ganz ungezwungen daherkam. Sie sah ihm nach, wie er zu seinem Tesla ging, seine Mappe auf den Beifahrersitz warf und sich dann umsichtig in den Verkehr einreihte. Gut, kein Rowdy beim Fahren, der sich hinter guten Manieren versteckte.

Richard nimmt dem Mund voll

Es war bereits nach zehn Uhr abends als Richard sein Loft betrat. Er ließ sein leichtes Sakko in der Garderobe verschwinden, zog seine Schuhe einfach aus, legte seine Mappe in die Ablage und steuerte seine Bar an. Was er nun brauchte, lag eindeutig im Prozentbereich von Whisky oder vielleicht Gin, Rum?

Er strich sich mit beiden Händen die Haare nach hinten und war versucht kräftig daran zu ziehen. Vielleicht sollte er doch seine PC hochfahren? Es war noch nicht zu spät, wenn er jetzt loslegte, dann könnte er-. Mit einem Seufzen entließ er seine dunkelblonden Haare aus seinem Griff. Dann könnte er wieder eine Nacht damit zubringen alle Studien, Materialeigenschaften, neue