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Die 16-jährige Lexi de la Vega lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter Isabel in Barcelona. Als vielversprechende Pianistin und Sängerin ist sie Schülerin einer musisch-künstlerischen Akademie. Trotzdem muss sie in ihrem durch Konkurrenz- und Statusdenken geprägten Freundeskreis stets um Anerkennung kämpfen. Dann gerät sie auch noch mit dem Direktor der Akademie aneinander und wird vor eine schwierige Wahl gestellt. Höchst widerwillig übernimmt Lexi die Leitung eines gemeinnützigen Projektes, durch das zwei Welten aufeinandertreffen. Es scheint von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Und dann sind da noch ihre ständig wiederkehrenden Albträume von einem furchtbaren Unglück. Aber da ist auch Nick Cortes, ebenfalls Schüler der Akademie und wie sie zum Projekt verdonnert. Er scheint nicht viel von Lexi zu halten - bis sie eines Besseren belehrt wird und ihr Leben eine unvorhergesehene Wendung nimmt. Doch als plötzlich die Polizei in die Schule kommt und Lexi einem strengen Verhör unterzieht, gerät ihr Leben vollends aus den Fugen ...
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Carolin Oelschlegel ist Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Das Studium führte sie nach Leipzig, das in ihren Büchern auch des Öfteren als Schauplatz auftaucht.
Geboren wurde sie 1998 in Thüringen und hofft, sich ihre Begeisterungsfähigkeit für die kleinen Dinge im Leben sowie eine lebendige Einbildungskraft bewahren zu können.
Ihr Notizbuch ist ihr ständiger Begleiter, ganz gleich, ob auf Wandertouren quer durch Europa, in Zügen, in Cafés oder am Strand. Bislang hat es drei Kontinente kennengelernt. Jedes scheinbar banale oder auch skurrile Erlebnis und jede Begegnung bieten potenziell Stoff für neue Erzählungen.
Seit sie alle Buchstaben kennt, schreibt Carolin Oelschlegel Geschichten. Den Anfang bildete noch in der Grundschulzeit eine Ski fahrende Schwalbe mit Flugangst.
Inzwischen fühlt sich die Autorin neben dem Schreiben von Jugendbüchern auch in den Genres ›New adult fiction‹, ›Fantasy‹ und ›Romance‹ heimisch.
2024 erschien im selben Verlag ihr Roman ›Italienisches Blut‹ (siehe Anhang).
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Prolog
Die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht und wärmte ihre Haut. »Ich fang mir eine!«, verkündete sie siegesgewiss und drehte sich mit ausgebreiteten Armen lachend im Kreis.
»Nochmal, nochmal!«, rief das zweite kleine Mädchen sichtlich begeistert. Es trug einen Strohhut mit gepunktetem Band und saß auf einem Klappstuhl.
Gehorsam suchte die andere mit den Augen das Bootsdeck ab. Dann lief sie rasch zur Reling, ihre nackten Füßchen tapsten geräuschvoll durch Wasserpfützen, Überbleibsel eines vorherigen Spiels der Mädchen.
Die Seifenblase schwebte jetzt nur noch etwa zwanzig Zentimeter vor ihr, bunt schillernd und durchscheinend wie Libellenflügel. Freudig streckte die Kleine ihre Hände danach aus. Plötzlich kam ein Windstoß auf und trug ihren kostbaren Schatz fort. »Nein!«, rief sie bekümmert. Sie liebte Seifenblasen und diese war ein besonders schönes Exemplar.
»Hol sie zurück!«, forderte ihre Spielgefährtin.
Einen Moment lang wusste die Kleine nicht, was sie tun sollte. Ihr Blick fiel auf einen verlassenen Eimer. Rasch stellte sie ihn verkehrt herum an die Reling und stieg darauf. Von dort kletterte sie weiter auf das Geländer, wo sie die Hand siegesgewiss nach ihrer Seifenblase ausstreckte. Doch kaum berührten ihre Fingerspitzen die schillernde Blase, rutschte ihr nasser Fuß vom Metall, ihre Hände bekamen das Geländer nicht mehr zu fassen und sie stürzte mit einem gellenden Schrei ins Meer.
Die Wellen empfingen das Mädchen bereitwillig, erfreut über den Schatz, den sie zu sich gelockt hatten und nun für immer ihr Eigen nennen konnten.
Kapitel 1
Verschlafen und schlecht gelaunt tappte die sechzehnjährige Alejandra de la Vega, die von allen nur Lexi genannt wurde, ins Badezimmer und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Wie kam es eigentlich, dass sie in letzter Zeit immer dasselbe träumte? In ihrem Traum jagte ein kleines Mädchen auf einem Boot einer Seifenblase nach, rutschte von der Reling ab und fiel ins Wasser. Was danach geschah, erfuhr sie nie, denn an dieser Stelle wachte sie jedes Mal auf und fühlte sich wie erschlagen, fast als hätte sie die Sache am eigenen Leib erlebt.
Lexi wusste, dass Träume Botschaften des Unterbewusstseins waren. Nur fürchtete sie sich weder vor Wasser noch liebte sie Seifenblasen.
»So ein Quatsch«, brummte sie genervt. Aber diese Träume raubten ihr den Schlaf und schadeten ihrem Äußeren, wie ein Blick in den Badezimmerspiegel bewies. Die dunklen Ringe unter ihren grauen Augen waren unübersehbar. Victoria Alvarez, eine ihrer engsten Freundinnen, würde hierfür nur ein Wort verwenden: ungepflegt. Und wie Victoria mit Menschen umgehen konnte, die sie mit diesem Attribut belegte, hatte Lexi oft genug erlebt.
Entschlossen griff sie nach ihrer Foundation, deckte damit das Offensichtlichste so gut wie möglich ab und fixierte das Ergebnis mit Puder. Anschließend schnappte sie sich Eyeliner, Lidschatten und Mascara. Das sorgfältige Auftragen sorgte für Ablenkung. Lexi war froh, immer genügend Make-up vorrätig zu haben. Wobei, konnte man überhaupt je genug davon besitzen? Jetzt fiel ihr wieder die Lidschattenpalette ein, die sie neulich beim Onlinestöbern entdeckt hatte. Zu gern hätte sie sie direkt gekauft, aber sie wollte auch noch gemeinsam mit ihren Freundinnen zum Sale zu Massimo Dutti gehen.
Dort hatte Lexi schon vor Wochen den perfekten Jeansrock erspäht, ein wahres Kunstwerk und wie für sie gemacht. Die Verkäuferin hatte ihr allerdings keinen Rabatt darauf geben wollen. Seitdem sehnte sie den Schlussverkauf herbei und hoffte, dass niemand ihr den Rock wegschnappte.
Gedanklich wieder zurück in der Gegenwart, wandte sich Lexi ihrem umfangreichen Kleiderschrank zu. Sogleich kippte ihre Stimmung erneut. Wie sollte sie in diesem Durcheinander etwas Passendes finden? Längst hatte sie das Chaos beseitigen wollen, doch immer war etwas dazwischengekommen oder sie war schlichtweg zu faul gewesen. Ja, Letzteres kam tatsächlich vor, auch wenn Lexi das freiwillig niemals offen zugeben würde.
»Reiß dich zusammen!«, wies sie sich selbst zurecht und wühlte sich mit neuer Entschlossenheit durch einen der Klamottenberge, auf der Suche nach ihrem schwarzen Rock mit weißem Spitzenbesatz, der weißen Kragenbluse und dem mitternachtsblauen Bolero. Fündig wurde sie erst beim vierten Anlauf, doch ihre Erleichterung währte nur kurz. Entsetzt stellte sie fest, dass sie nach dem letzten Auftritt vergessen hatte, das Outfit zu waschen. An sich kein Problem – schließlich wurde es nicht von einem Mal Tragen unbrauchbar. Nach besagtem Auftritt waren ihre Mutter und sie aber zur Feier des Tages Eis essen gegangen. Das Ergebnis des Schlemmens sah sie nun, knapp zwei Monate später, in angetrockneter Form vor sich. »Ich hätte nicht Stracciatella nehmen sollen«, murmelte sie bedauernd, obwohl ihr klar war, dass sie immer wieder bei dieser Sorte landen würde.
Eine schnelle Handwäsche würde nicht ausreichen. Lexis Herz schlug unnatürlich schnell und ihre Kehle war wie ausgedörrt. Was sollte sie jetzt nur tun? Das Vorspiel begann in weniger als einer Stunde. Ob ihre Mutter Rat wusste?
»Du hast was?«, prustete Isabel de la Vega los, als sie von der Misere ihrer Tochter erfuhr.
»Das ist nicht lustig! Ich habe nichts anderes zum Anziehen«, entgegnete Lexi unwirsch und brachte Isabel damit nur noch mehr zum Lachen.
»Cariño1, wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Dein Kleiderschrank quillt buchstäblich über! Das könntest du verhindern, wenn du endlich mal Ordnung halten würdest.«
Den Vorwurf am Ende ignorierte Lexi gekonnt. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Anfang des Gesagten: »Aber heute spiele ich vor! Da kann ich nicht einfach irgendwas anziehen.«
»Schon gut. Was spielst du denn vor?«
»Ein von Mateo komponiertes Stück.«
»Modern oder klassisch?«
»Modern«, gab Lexi zurück, ohne zu verstehen, warum das wichtig sein sollte.
Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf Isabels Gesicht aus, das Lexi nur noch mehr verwirrte.
»Warum machst du dir dann überhaupt Sorgen wegen deines Outfits? Cariño, du bist sechzehn, eine Künstlerin und in Barcelona«, erwiderte Isabel, als würde das alles erklären. Als Lexi jedoch immer noch verständnislos dreinschaute, fügte sie hinzu: »Du ziehst einfach deine schickste Röhrenjeans an, die mit den Bronzeknöpfen an den Seiten, dazu das schwarze Polyestertop mit V-Ausschnitt, das vorne länger als hinten ist, und die weinrote Fadenjacke mit Blumenmuster. Dazu die karamellfarbenen Stiefeletten. Weißt du, welche?« Ohne Lexis Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Deine geflochtenen Armbänder und die Federohrringe, die ich dir zu Ostern geschenkt habe, passen auch ganz hervorragend. Außerdem leihe ich dir meine Glückskette. Die rundet das Ganze ab.«
Mit geöffnetem Mund starrte Lexi ihre Mutter an. Natürlich wusste sie, dass sich Isabel gern durch extravagante Mode von anderen abhob, aber zu einem Vorspiel, bei dem es den Dresscode gab, in Freizeitkleidung zu kommen, war gewagt.
»Mama, der Dresscode!«, erinnerte Lexi sie genervt. »Was sage ich, wenn sie fragen, warum ich mich so aufgebrezelt habe?«
»Wie wäre es mit: Die Musik hat mich zu etwas Aufregenderem als Rock und Bluse inspiriert? Da sie deine Musik lieben werden, können sie dir aus deiner Kleidung keinen Strick drehen«, verkündete Isabel siegesgewiss.
Kopfschüttelnd wandte sich Lexi ab und trottete die Treppe wieder hinauf. »Vertrau mir, du wirst toll aussehen«, rief ihr Isabel hinterher. Brummend zog Lexi die empfohlenen Kleidungsstücke an.
Zugegebenermaßen sah sie darin hübsch aus. Die noch immer dezent hervorschauenden Augenringe integrierten sich gut in die Farbkombination, wirkten beinahe beabsichtigt. Wegen dieses stilsicheren Blickes war Isabel so eine erfolgreiche Modedesignerin geworden. Ihre Kleider wurden weltweit auf Modenschauen vorgeführt. Nicht, dass Lexi schon mal bei einer dabei gewesen wäre, aber sie schaute sich jede Übertragung an. Nur allzu gern würde sie ihre Mutter begleiten, doch Isabel hielt sie davon fern.
Um auch die letzten Zweifel an ihrem Aussehen zu vertreiben, erklärte Lexi ihrem Spiegelbild: »Soy talentosa y hermosa.«2 Dieses Mantra wiederholte sie noch zweimal, zog ihren Lippenstift nach und lief nach unten.
Isabel verkündete zufrieden: »Ich hab´s dir ja gesagt.« Dabei hängte sie Lexi die angekündigte Glückskette um – ein traditionsreiches Ritual zwischen ihnen.
»Ich weiß«, räumte Lexi ein und küsste sie dankbar auf die Wange.
Dann verließ sie eilig das Haus. Zeit für Trödeleien gab es in ihrem Leben nicht, dafür war es viel zu aufregend.
Wie gewohnt herrschte um diese Tageszeit viel Betrieb auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln von Barcelona. Menschen waren unterwegs zur Arbeit, Schüler erwarteten mehr oder weniger motiviert die Haltestelle ihrer Schule und besonders eifrige Touristen glaubten, dass sie nicht anstehen mussten, wenn sie nur früh genug zu den Sehenswürdigkeiten aufbrachen. ›Anfänger‹, dachte Lexi belustigt.
Als sie in die Metro stieg, waren bereits alle Sitzplätze besetzt. Sie hatte allerdings keine Lust, die nächsten zehn Minuten zu stehen, sich bei jedem Halt und jedem Anfahren durchschütteln zu lassen und sich dadurch womöglich ihre perfekt sitzende Frisur zu ruinieren. Aus diesem Grund fing sie ein Gespräch mit einem vielleicht sechzehnjährigen Jungen an, der zwar nicht ihr Typ war, aber zumindest den Vorteil eines Sitzplatzes aufwies. Ein Haarsträhnendrehen hier, ein freundliches Lächeln da und schon hatten sie die Positionen getauscht. Auf ihren Charme konnte sich Lexi immer verlassen. Sobald sie saß, zog sie ihr Smartphone aus der Tasche, begann auf einer Schuhwebsite nach einem neuen Paar Riemchensandalen zu suchen und ignorierte den Jungen.
Als Lexi wenige Minuten später die Treppe zur Academia de Bellas Artes3 hinaufstieg, warteten ihre Freundinnen bereits ungeduldig auf sie.
»Wo warst du so lang?«, wollte Victoria Alvarez statt einer Begrüßung wissen.
»Zwanzig Minuten zu spät!«, fügte Claudia Hermanez unwirsch hinzu.
Es ärgerte Lexi, so empfangen zu werden.
»Mateo wartet auf dich«, meinte Victoria eine Spur vorwurfsvoller als zuvor. Bevor Lexi darauf eingehen konnte, erkundigte sich Claudia verwirrt: »Was hast du denn da an?«
Victoria und sie hatten sich den Vorgaben entsprechend angezogen und nur dezentes Make-up aufgetragen, sodass sich Lexi zwischen ihnen wie ein Regenbogenfisch vorkam. ›Erwischt‹, dachte sie zähneknirschend, wenn auch wenig überrascht. Modische Fehlentscheidungen entgingen den beiden nie. Jetzt galt es, Haltung zu bewahren und aus der Defensive auszubrechen. Deswegen sagte sie: »Es ist auch schön, euch zu sehen. Und ja, ich sehe schick aus. Viel weniger steif als ihr. Nehmt es mir nicht übel, aber wie soll man mit dem Herzen Musik machen, wenn man aussieht wie eine Stewardess? Ich meine, stellt euch nur mal eine Stewardess auf einer Bühne vor.« Sie verzog das Gesicht und schüttelte sich theatralisch. »Deswegen habe ich beschlossen, mir was Netteres anzuziehen. Ich bin sicher, die Kommission wird begeistert sein.«
Es gelang ihr tatsächlich, überzeugt zu klingen. Innerlich klopfte sie sich dafür auf die Schulter. Den schockierten Ausdruck auf den Gesichtern ihrer Freundinnen ignorierte sie geflissentlich.
Victoria öffnete den Mund zum Widerspruch. Offenbar war sie nicht überzeugt, darum musste schnell ein Strategiewechsel her.
»Und jetzt los. Wenn wir hier noch länger herumstehen, fragen uns die Obdachlosen wahrscheinlich nach Almosen«, bemerkte Lexi, wohl wissend, dass dieser Einwand ihre Freundinnen zumindest vorerst von der Kleiderfrage ablenken würde.
»Die haben Krankheiten. Schnell weg!«, kreischte Victoria dann auch.
»Lexi!«, rief kurz darauf eine bekannte Stimme.
Lexi warf schwungvoll ihr Haar zurück und wandte sich lächelnd ihrem Freund Mateo Nunchez zu. »Hi Süßer«, begrüßte sie ihn und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.
»Wo hast du gesteckt? Wir wollten uns doch zusammen vorbereiten«, murrte Mateo, während er sie unsanft von sich weg schob.
Von seiner Zurückweisung enttäuscht, entgegnete Lexi kühl: »Mach mal keinen Stress. Davon kriegst du Falten und die würden dir gar nicht stehen.«
Stirnrunzelnd erwiderte Mateo: »Ich glaube nicht, dass du das Problem verstanden hast.«
Sie winkte ab. »Ich bin Künstlerin und somit immer im Dienst. Um vorbereitet zu sein, muss ich mich nicht einsingen.«
Er machte große Augen, während er seinen Blick über sie gleiten ließ. Dann bemerkte er nüchtern: »Na hoffentlich sehen das die Kommissionsmitglieder auch so. Vielleicht übergehen sie dann deine unmögliche Kleidung.«
Lexi gefiel die Richtung, die das Gespräch angenommen hatte, gar nicht, zumal Claudia und Victoria zustimmend nickten und gewiss gleich wieder loslegen würden. Bevor es so weit kommen konnte, zog sie einen Schmollmund und wandte sich beleidigt ab. »Sonst gefällt dir immer, was ich trage. Ich dachte, du würdest dich freuen, fröhliche Farben zu sehen. Stattdessen kritisierst du mich und bringst mich durcheinander. Das kann ich jetzt nicht brauchen.«
»Ich sage doch nur die Wahrheit«, verteidigte er sich.
»Die Wahrheit kann man auch freundlich sagen. So ist es einfach nur verletzend.«
»Sorry, das war nicht meine Absicht«, meinte Mateo reuevoll. »Wirklich nicht.«
»Okay. Du kannst es wiedergutmachen.«
»Wie?«, fragte er begierig.
»Gib heute vor der Kommission dein Bestes. Und lass uns eines meiner Lieder spielen.«
»Du willst den Song ändern?«, fragte Mateo verblüfft.
Lexi erwiderte: »Es sei denn, du stellst jetzt auch meinen Musikgeschmack infrage.«
Mateo seufzte schicksalsergeben. Lexi wusste, dass sie gewonnen hatte.
»Na gut, wenn du meinst …«, sagte er.
Erfreut küsste Lexi ihn ein weiteres Mal und rief: »Wir werden fantastisch sein!« Dann rauschte sie in Richtung Bühne davon, wobei ihr die genervten Blicke ihrer Freunde entgingen.
Der Auftritt verlief sogar noch besser als erwartet. Das Duett kam bei den Kommissionsmitgliedern gut an und die jeweiligen Einzelleistungen der beiden – Violine in Mateos, Piano in Lexis Fall – stießen auf großen Zuspruch.
Hinterher näherte sich der Direktor der Akademie, Pablo Martinez, dem Paar.
»De la Vega«, sprach er Lexi an und zog damit ihre Aufmerksamkeit auf sich.
»Direktor Martinez«, begrüßte sie ihn.
»Ihr Auftritt gerade war äußerst … überraschend.«
Sein Zögern vor dem letzten Wort beunruhigte Lexi. Äußerlich bemühte sie sich jedoch um eine arglose Miene.
Der Schulleiter fuhr fort: »Sie beide wollten doch ein anderes Stück vortragen.«
Mateo warf seiner Freundin einen unsicheren Blick zu und biss sich auf die Unterlippe. Frustriert dachte Lexi: ›Sonst hat er die große Klappe, aber kein Rückgrat, wenn´s drauf ankommt.‹ Es lag an ihr, die Situation zu retten. Wie eigentlich immer, wenn sie es recht überlegte. Zum Direktor sagte Lexi mit einem entschuldigenden Lächeln: »Das ist richtig. Wir haben uns aber kurzfristig umentschieden, um bestmöglich abzuschneiden. Und ich denke, dass uns das gelungen ist. Meinen Sie nicht auch?«
»Nun ja, das lässt sich nicht leugnen. Sie beide waren sehr überzeugend«, gab Direktor Martinez zu.
Lexi verkniff sich ein selbstgefälliges Grinsen. Er bemerkte nicht einmal, wie sie ihn manipulierte, über den Regelverstoß hinwegzusehen. Eigentlich mussten nämlich sämtliche Programmänderungen im Vorfeld von ihm abgesegnet werden. Bevor sie sich jedoch in ihrem Erfolg sonnen konnte, sprach der Direktor schon weiter: »Eine Frage habe ich allerdings noch: Was hat es mit Ihrem Outfit auf sich?«
Beinahe hätte Lexi die Augen verdreht. Musste denn heute jeder etwas dazu sagen? Bemüht ruhig erwiderte sie: »Ich lebe für meine Musik. Umgekehrt lebt auch meine Musik durch mich. Wie soll sie das, wenn sie durch einen Dresscode eingeschränkt wird? Deswegen habe ich ihr Luft zum Atmen verschafft und damit die Möglichkeit, zu wachsen. Und das haben Sie gerade auf der Bühne gesehen, Direktor Martinez.«
Sie fand sich brillant. Der Schulleiter teilte diese Einstellung hingegen nicht, wie seine Reaktion bewies: »Ich kann Sie vielleicht nicht für Ihre unangekündigte Programmänderung zur Verantwortung ziehen, da die Kommission dies auch nicht getan hat. Sehr wohl steht es mir aber zu, Ihre Regelverdrehungen im Schulalltag entsprechend zu berücksichtigen.«
»Regelverdrehungen?«, fragte Lexi verwundert.
Energisch erwiderte Direktor Martinez: »In den nächsten Wochen werden Sie viel Zeit haben, sich über die Bedeutung von Regeln und über die Konsequenzen ihrer Verletzung Gedanken zu machen.«
»Wie meinen Sie das?«, hakte Lexi Unheil ahnend nach.
Direktor Martinez breitete die Arme aus und verkündete: »Sie helfen ab sofort dabei, das Ansehen der Akademie zu steigern, indem Sie mit Heimkindern ein Theaterprojekt durchführen.«
Lexis Gesichtszüge entgleisten. Und als wäre das nicht schon entsetzlich genug, fügte er noch hinzu: »Unentgeltlich natürlich.«
»Das soll wohl ein Witz sein«, platzte sie heraus.
»Keineswegs«, zerstörte er ihre Hoffnungen. »Morgen beginnt Ihr soziales Engagement. Und was Ihnen andernfalls droht, wissen Sie ja.«
1Schatz
2Ich bin talentiert und wunderschön.
3Akademie der Schönen Künste
Kapitel 2
Isabel erwürgte den Brokkoli in ihrer Hand, während sie empört ausrief: »Er hat was getan?«
Lexi verspürte Mitleid mit dem Gemüse. Sie hatte ihrer Mutter soeben von Direktor Martinez´ Disziplinarmaßnahmen berichtet.
»Das ist vollkommen ungerechtfertigt! Du hast nichts Falsches getan, sondern nur deine Persönlichkeit ausgelebt. Ich werde mit diesem aufgeblasenen Wichtigtuer ein ernstes Gespräch über Diskriminierung führen.« So, wie Isabel dreinblickte, bestand kein Zweifel daran, dass sie es tatsächlich tun würde.
Lexi gab zu bedenken: »Martinez wird seine Meinung nicht ändern. Es geht ihm nämlich gar nicht um mein Outfit. Er hat mich schon länger im Visier und nur auf eine passende Gelegenheit gewartet, sich als der große Boss aufzuspielen.«
»Glaubt er etwa, du hast nichts Besseres zu tun?«
Lexi schluckte. Wenn ihre Mutter so wütend war, verhielt sie sich wie eine tickende Zeitbombe. Fieberhaft überlegte sie, wie sie die Situation entschärfen könnte. Ein Handyklingeln nahm ihr diese Aufgabe ab.
Geschäftsmäßig meldete sich Isabel: »Design und Boutique de la Vega, was kann ich für Sie tun?« Lexi nutzte die Gelegenheit zum strategischen Rückzug.
In ihrem Zimmer rief sie per Konferenzschaltung Claudia und Victoria an. Beide hatten mittlerweile vom Dilemma ihrer Freundin erfahren und sie mit Dutzenden Nachrichten bombardiert, die sie bisher geflissentlich ignoriert hatte. Claudia versuchte es mit einem halbherzigen »Vielleicht wird es ja ganz lustig«.
Victoria gab ein falsches Lachen von sich und erwiderte: »Genauso lustig, wie meiner Oma beim Einkaufen zu helfen. Mach dir nichts vor, das wird der Horror. Denk nur mal daran, wie du in der Akademie dastehen wirst. Ich meine, wer seine Freizeit in der Schule verbringt, ist definitiv ein Streber. Besonders Olivia wird dafür sorgen, dass du an Ansehen verlierst. Sie ist schließlich schon ewig scharf auf deine Position.«
Jetzt hatte es Victoria eindeutig zu weit getrieben. Das konnte sich Lexi nicht gefallen lassen. »Ich sage, wo es langgeht. In der Rangfolge ist Olivia höchstens eine Kakerlake, die ich mit meinem Absatz zertrete. Ist das klar?«, fragte sie mit Nachdruck.
Nach einem Moment des Schweigens folgte die kleinlaute Antwort: »Kristallklar.«
Lexi beließ es dabei. Wenn sie in den letzten Jahren eins gelernt hatte, dann, dass das Ausüben von zu viel Druck nicht zweckdienlich war.
»Ich weiß, wie wir verhindern, dass die Leute dummes Zeug erzählen«, meinte sie plötzlich.
»Wie?«, fragten Claudia und Victoria wie aus einem Munde.
Mit der Antwort ließ sich Lexi Zeit und genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit.
»Jetzt sag schon!«, verlangte Victoria. Wenn sie eine Neuigkeit nicht sofort erfuhr, wurmte sie das gewaltig.
»Ihr begleitet mich«, antwortete Lexi schlicht.
Darauf herrschte erst einmal Stille. Als die beiden nicht auf ihren Einfall reagierten, sah sich Lexi gezwungen, ihn näher auszuführen: »Wir helfen Kindern in Not. Klingt das nicht heroisch? Dafür werden uns alle noch mehr lieben als ohnehin schon und um jeden Preis so sein wollen wie wir.«
Nach weiteren ereignislosen Sekunden, in denen sie vorsichtshalber überprüfte, ob ihre Freundinnen auch tatsächlich noch in der Leitung waren, begann Victoria gehässig zu lachen. Claudia setzte etwas unsicher mit ein.
Als sich Victoria wieder beruhigt hatte, meinte sie: »Eher würde ich ungeschminkt das Haus verlassen. Lexi, das sind Heimkinder! Die haben Krankheiten und sind ungebildet. Ich möchte mich nicht anstecken oder auf ihr Niveau heruntergezogen werden.«
Angriffslustig fragte Lexi: »Du meinst also, das würde mir passieren? Dass ich deiner Freundschaft nicht mehr würdig wäre?«
Bevor Victoria eine sicherlich giftige Antwort geben konnte, schaltete sich Claudia in ihrer üblichen Vermittlerfunktion ein: »Wir sind die drei Diven, schon vergessen? Uns bringt nichts auseinander. Vici wollte nur sagen, dass du vorsichtig sein sollst, Lexi.« Victoria murmelte zustimmend. Lexi glaubte davon kein Wort.
»Gibt es denn keinen Weg, aus der Sache rauszukommen?«, wollte Claudia nun wissen. Seufzend antwortete Lexi: »Wenn ich kneife, sorgt Martinez dafür, dass ich es für den Rest meines Lebens bereue.«
»Wie denn?«, fragte Victoria wissbegierig.
Lexi überlegte einen Moment, ob es klug war, die Freundin mit solchem Zündstoff zu bewaffnen. Aber sie fürchtete, dass Victoria ohnehin durch einen ihrer vielen Informanten davon erfahren würde. War Lexi la reina de la academia4, so war Victoria die unangefochtene Gossip Queen5. Deswegen entschied Lexi, es ihr lieber selbst zu berichten. »Durch einen Verweis.«
Ihre Freundinnen stöhnten schockiert auf. Beide wussten, welch katastrophale Auswirkungen ein Schulverweis haben konnte. Zwar war es einem gestattet, weiterhin die Akademie zu besuchen, aber man hatte nie mehr dieselben Chancen wie zuvor. Sie waren erst einem einzigen Schüler in dieser Situation begegnet, doch er diente als abschreckendes Beispiel. Zuerst hatten sich all seine Freunde von ihm abgewandt, sodass es ihm schwerfiel, Partner bei Gruppenvorführungen zu finden. Genauer gesagt war es sogar unmöglich, denn kein anderer wollte etwas mit ihm zu tun haben und dadurch den eigenen Erfolg gefährden. Bei Prüfungen erschien er ohne Partner und bekam folglich schlechtere Bewertungen. Eines Tages hatte er das Klassenzimmer verlassen und ward nicht mehr gesehen.
»Du musst unbedingt mitmachen!«, rief Claudia mit Nachdruck.
»Ich weiß«, gab Lexi genervt zurück. Als ob sie nicht längst wüsste, dass sie eine vielversprechende Zukunft vor sich hatte und diese nicht einfach wegwerfen konnte.
»Was genau sollst du mit denen eigentlich machen?«, meldete sich Victoria zu Wort.
»Irgendein Theaterstück mit Musik und Tanz einstudieren. Martinez meinte, die Wahl läge bei mir. Der hat selber keinen Bock auf dieses Projekt und wälzt jetzt alles auf mich ab«, empörte sich Lexi.
»Was soll das überhaupt bringen, dieses Projekt?«, fragte Claudia verständnislos.
»Das Ansehen der Akademie steigern, mehr Fördergelder einstreichen oder so. Er hat mir seine Beweggründe nicht detailliert mitgeteilt«, meinte Lexi achselzuckend.
»Wann triffst du diese Typen denn zum ersten Mal?«
»Morgen nach der Schule«, beantwortete sie missmutig Victorias Frage.
»Aber dann kannst du nicht mit uns shoppen gehen«, entfuhr es der schockierten Claudia. Ihrem Tonfall zufolge hatte nichts sie bisher so entsetzt wie diese Mitteilung.
»Ja, leider«, gab Lexi zu. Am liebsten hätte sie ihre Wut über diese Ungerechtigkeit in die Welt hinausgeschrien. Seit Wochen schon planten die drei den Ausflug, denn einige ihrer Lieblingslabels hatten Schlussverkauf. Besonders wichtig: Massimo Dutti mit dem perfekten Jeansrock.
»Wir drücken dir die Daumen. Und vergiss dein Desinfektionsspray nicht«, riet Claudia gutmütig. Lexi verdrehte die Augen und legte auf.
Anschließend betrachtete sie gedankenverloren das Handy. Claudia, Victoria und sie waren sofort nach Aufnahme in die Akademie Freundinnen geworden, aber trotzdem kam sich Lexi in ihrer Gegenwart manchmal wie auf einer Bühne vor. Sie musste immer perfekt gestylt sein und die Kalorien, die sie zu sich nahm, genau im Auge behalten. Eine Schwäche zu zeigen, wäre ihr Todesurteil. Victoria schielte schon seit einer Weile auf Lexis Position, auch wenn sie das nie zugeben würde. Ihr Wunsch äußerte sich vielmehr in versteckten Sticheleien, getarnt als zweifelhafte Komplimente. Lexi musste sich jedoch auf jeden Fall gut mit ihr stellen, da Victoria Macht über Klatsch und Tratsch hatte. Ein Wort von ihr und die rufschädigenden Gerüchte waren in Umlauf gebracht. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie das unter Beweis stellte. Aus diesem Grund ließ sich Lexi ihr Verhalten gefallen und leitete keine ernstzunehmenden Konsequenzen ein.
Claudia dagegen war keine Intrigantin, sondern vermittelte bereitwillig zwischen ihren streitenden Freundinnen. Von sich aus würde sie nie etwas Verletzendes tun. Allerdings war Claudia durch ihr Streben nach Harmonie anfällig für Manipulationen. Da sie außerdem ein sehr gesprächiger Mensch war, erschien es Lexi ausgesprochen unklug, mit ihr allzu persönliche Informationen zu teilen.
Aus den genannten Gründen wusste auch keine der beiden von Lexis wiederkehrenden Albträumen. Einzig Isabel wusste Bescheid, seit Lexi eines Nachts schreiend und um sich schlagend aufgewacht war, als wäre sie selbst im Wasser und würde gegen hohe Wellen ankämpfen. Isabel hatte sie daraufhin tröstend im Arm gehalten und sich von dem Albtraum erzählen lassen. Er überraschte sie nicht, denn Lexi träumte bereits seit ihrer Kindheit immer mal wieder von zwei kleinen Mädchen, die sich ähnlich genug sahen, um Schwestern sein zu können. Gemeinsam spielten die Kinder im Sand, schwammen im Bassin oder fingen eine Katze. Als Kind hatte Lexi diese Träume geliebt, denn sie gaben ihr ein Gefühl von Geborgenheit. Sie hatte sich immer eine Schwester gewünscht und nachts wurde ihr dieser Wunsch erfüllt. Erklären konnte sie sich die wiederkehrenden Episoden allerdings nicht. Isabel meinte, sie habe eine blühende Fantasie.
Zehn Jahre nach ihrem ersten Besuch und anlässlich von Lexis vierzehntem Geburtstag machten die de la Vegas Urlaub auf Gran Canaria. Seitdem waren Lexis Träume zunehmend düsterer geworden. Zuerst hatte sie regelmäßig geträumt, wie sich die Mädchen stritten oder mit Kuscheltieren bewarfen, bis sie schließlich nur noch von dem Bootsunglück träumte.
Isabel blieb die innere Unruhe ihrer Tochter nicht verborgen, doch Lexis halbherzigen Vorschlag, sich deswegen in psychologische Betreuung zu begeben, wehrte sie ab. Die Schande, einen Knacks zu haben, würde man nie wieder loswerden, behauptete Isabel. Sehr anschaulich malte die Modeschöpferin ihrer Tochter den potenziellen Verlust aller sozialen Kontakte aus.
Lexi sah ein, wie unüberlegt ihre Idee gewesen war. Außerdem lieferte ihr Isabel eine plausible Erklärung für den wiederkehrenden Traum, indem sie Lexi von ihrem ersten Urlaub auf Gran Canaria berichtete. Daran erinnerte sich Lexi nur verschwommen.
Offenbar hatte sie sich dort mit einem gleichaltrigen Mädchen angefreundet. Der tägliche Badespaß hatte jedoch ein jähes Ende gefunden, als Lexis Freundin vom Beckenrand des Pools fiel, sich dabei den Kopf anstieß und das Bewusstsein verlor. Ohne das rasche Eingreifen des Bademeisters wäre sie ertrunken.
Isabel vermutete hinter dem Albtraum noch immer unverarbeitete Angst um die Freundin. Das leuchtete Lexi ein und sie war erleichtert, dass sich alles als relativ harmlos erwiesen hatte. Dennoch ergab eines keinen Sinn: Warum träumte sie weiterhin dasselbe, obwohl ihre Freundin überlebt hatte und sie nun die Ursache kannte? Um ihre Mutter nicht weiter zu beunruhigen, behauptete Lexi, die Träume hätten aufgehört, nachdem sie deren Ursprung erfahren hatte. Schminke und farbenfrohe Kleidung lenkten erfolgreich von ihrer müden Erscheinung ab.
Lexi setzte sich an ihren Laptop und begann nach Theaterstücken zu suchen. Sie vermutete, dass die Jugendlichen, mit denen sie arbeiten würde, noch nie ein Theater, geschweige denn eine Bühne betreten hatten. Das erschwerte die Situation. Alles war entweder zu anspruchsvoll oder uncool. Schnell verlor sie die Hoffnung, ihr Image aufrechterhalten zu können, und dachte frustriert, dass Victoria recht damit hatte, dass die Arbeit mit Heimkindern ihren guten Ruf zerstören würde. Damit würde Lexi Direktor Martinez nicht durchkommen lassen! Gleich morgen früh, noch vor der ersten Unterrichtsstunde, wollte sie ihn abpassen und davon überzeugen, ihre Strafe in Nachhilfestunden umzuwandeln.
4Königin der Akademie
5Königin des Tratsches und der Gerüchte
Kapitel 3
Direktor Martinez´ Absage hallte in Lexis Kopf nach. Statt sich umstimmen zu lassen, hatte er mit Nachdruck auf seiner Vorgehensweise beharrt. Nun blieb Lexi keine andere Wahl mehr, als am Nachmittag zu dem Treffen mit den Heimkindern zu gehen. Trotzdem hoffte sie auf ein Wunder, das ihr ermöglichte, sich davor zu drücken und stattdessen mit ihren Freundinnen shoppen zu gehen.
Beim Mittagessen tauchte zu allem Überfluss auch noch Olivia Ramos auf, Lexis erklärte Feindin. Bereits von Weitem kündigte sich ihr Erscheinen an, denn ihre Pumps gehörten nicht gerade zur unauffälligen Sorte – Leopardenmuster, passend zu der Handtasche, die wie üblich eine ihrer Begleiterinnen trug.
»Hi, Lexi«, grüßte Olivia. Lexi nickte ihr zu. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass du zukünftig mit Externen zusammenarbeiten wirst«, kam Olivia gleich zum Punkt. Dabei verbarg sie weder ihre Neugier noch ihre Belustigung.
»Das hast du richtig gehört, Liv«, erwiderte Lexi, wohl wissend, dass ihr Gegenüber diesen Spitznamen hasste.
»Darf ich fragen, wie du auf diese Idee gekommen bist?«, bohrte Olivia weiter, diesmal mit zusammengekniffenen Augen.
Entschieden antwortete Lexi: »Nein, darfst du nicht.«
Dadurch ließ sich ihre Widersacherin jedoch nicht abschrecken, sondern zog lediglich die Augenbrauen zusammen. »Ist es richtig, dass dir Martinez einen Verweis angedroht hat, falls du nicht mitmachst?«
Innerlich verdrehte Lexi die Augen, erklärte aber mit aufgesetztem Lächeln: »Liv, ich möchte in Ruhe meinen Smoothie trinken und mich emotional auf meine Begegnung mit den Kindern vorbereiten, die unser Direktor meiner Obhut anvertraut hat.«
Olivias Gesichtsausdruck war absolut sehenswert, zumindest bis sie die Maske der Professionalität wieder aufgesetzt hatte.
»Du bist wirklich ein Vorbild, Lexi. Deine Eltern sind bestimmt stolz auf dich«, versicherte sie mit zuckersüßem Lächeln, bevor sie sich umwandte und davonstolzierte.
Wütend starrte Lexi ihr nach. Olivia hatte es tatsächlich geschafft, sie mit einem Seitenhieb auf ihre Familie aus der Fassung zu bringen. Es war allgemein bekannt, dass Isabel Lexi allein großgezogen hatte. Um nicht zugeben zu müssen, dass ihre Mutter und sie nicht wussten, was aus dem Erzeuger geworden war, nachdem Isabel ihm von der Schwangerschaft erzählte, hatte Lexi die Geschichte verbreitet, ihr Vater sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das hielt andere für gewöhnlich von Nachfragen ab. Olivia hingegen schien daran zu zweifeln, denn sie machte bei jeder Gelegenheit Anspielungen darauf.
Voller Abscheu dachte Lexi an das perfekte Familienleben der Familie Ramos. Seit zwanzig Jahren verheiratete Eltern und zwei wohlgeratene Kinder. Wobei man sich darüber auch streiten konnte. Olivia jedenfalls hätte Lexi am liebsten auf den Mond geschossen. Gemeinsam lebten sie in einem Anwesen mit Pool, Fitnessraum und Heimkino, umgeben von einer parkartigen Grünanlage. Zuhause bekam Olivia alles, was sie wollte, mit weniger als einem Fingerschnippen.
Dagegen gelang es ihr in der Akademie nicht, die Lehrer nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Auch die meisten ihrer Mitschüler ließen sich von ihr nicht einlullen. Darauf verstand sich allerdings Lexi.
Als die beiden Mädchen bei einem Klavierwettbewerb zum ersten Mal aufeinandergetroffen waren, hatten sie sich sofort innig gehasst. Aufgrund ihres gleichen Alters und ähnlichen Niveaus mussten sie direkt gegeneinander antreten. Als die Juroren sich für Lexi als Siegerin und Olivia als Zweitplatzierte entschieden, bekam Letztere einen Schreikrampf. Sie zeterte so lange und ohrenbetäubend, bis die Schiedsrichter nachgaben und die Platzierungen tauschten. Lexi war deswegen furchtbar wütend gewesen. Dieses Verhalten konnte sie Olivia nie verzeihen. Allerdings lernte sie daraus etwas sehr Wichtiges: Freundlichkeit und Nachsicht brachten sie nicht voran. Um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, durfte Lexi keine Schwäche zeigen. Stattdessen musste sie die Ellbogen ausfahren.
Sie fing an, sich anders auszudrücken, und trug schicke Kleidung. Mit Isabels Hilfe trat sie fortan immer stilsicher auf. Das half schon sehr.
Nach der letzten Stunde suchte Lexi die Waschräume auf, um ihr Make-up zu überprüfen und sich durch ihr Spiegelbild Mut zuzusprechen. Sie hatte den Eindruck, eine andere Person versuche dabei, sie aufzubauen. Ein tröstlicher und schöner Gedanke. Nachdem sich Lexi vergewissert hatte, dass alles richtig saß, gab es nichts mehr zu tun, um das Unvermeidliche weiter hinauszuzögern.
