Späte Gäste - Gertrud Leutenegger - E-Book

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Gertrud Leutenegger

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Beschreibung

Ein Dorf nahe der italienischen Grenze. Spät am Abend ist die Erzählerin nach einer Todesnachricht dort eingetroffen. Orion ist gestorben, mit dem sie viele Jahre ihres Lebens geteilt hat, ehe sie mit dem Kind die Flucht ergriff. Sie will die Nacht vor der Totenmesse im Wirtshaus am Waldrand zubringen, einer ehemals herrschaftlichen Villa. Doch diese ist wie ausgestorben, der sizilianische Wirt verreist, die Wirtschafterin wie jedes Jahr zur Fasnacht im Ort jenseits der Grenze, wo sich die Dorfbewohner als »Schöne und Hässliche« verkleiden. Zwar findet sie Zuflucht im unverschlossenen Gartensaal, wo sie früher oft zusammengesessen haben. Doch aufgestört von beunruhigenden Berichten aus dem benachbarten Tal, bedrängt von Erinnerungen an Orion und von Bildern aus der Kindheit, gerät die Erzählerin in einen zwischen Nachtwache und Schlaf oszillierenden Zustand. Nicht nur Szenen aus der Vergangenheit suchen sie heim, gegen Morgen tauchen auch maskierte Gestalten auf, die sie zugleich erschrecken und anziehen.

Auswandern und Vertriebensein, Verlust und Wiedergewinn, Trauer und das Irrlichtern während der Fasnachtszeit verbinden sich in Gertrud Leuteneggers Roman zu einer traumwandlerischen Gegenwart, »als würde alles, ein wenig nur von der Wirklichkeit verrückt, noch einmal neu gesehen werden können« Ulrich Rüdenauer, Der Tagesspiegel.

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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Gertrud Leutenegger

Späte Gäste

Roman

Suhrkamp

I

Abend

1

Es dunkelt schon, als ich den ovalen Platz unter den Bäumen betrete. Nichts rührt sich, nur der Kies knirscht unter meinen Schritten. Kein Luftzug geht hier oben, ein klarer Februarabend, in der Tiefe liegt über der Lombardei ein von diffusen Lichtern erhellter Nebelschleier. Lange lehne ich auf dem Friedhof den Kopf an die verriegelte Tür der Totenkapelle, im Sommer von Schwalbengezwitscher erfüllt, undurchdringliche Schwärze schlägt mir durch die zwei Türfenster entgegen, nicht den geringsten Umriß des Sargs kann ich erkennen. Orion ist gestorben! Unbemerkt in der Nacht. Furcht und Liebe, Zorn und Flucht, alle Glückseligkeiten und die bestürzende Unvernunft meines Herzens fallen in diesem einen Augenblick zusammen, da ich den Geruch der verschlossenen morschen Holztür einatme. Orion aber ist wieder jung, er sitzt auf dem Außendeck der Fähre über den Hudson River, zu seinen Füßen der verbeulte Fiberkoffer, mit den eingedrückten Beschlägen, den rostigen Schlössern, nie fühlt Orion sich leichter unterwegs als mit seinem Fiberkoffer. Auch jetzt hat er ihn mitgenommen, er muß neben dem Sarg stehen, ich kann ihn nur nicht sehen im Finstern der Totenkapelle, Orion hat geduldig gewartet, bis der Tod ihn holte zu dieser letzten Überfahrt. Er hat sich kein Leid angetan! Etwas wie Triumph durchzuckt mich. Wilde Dankbarkeit. An die Holztür gepreßt, neige ich den Kopf.

In den getönten Bogenfenstern der kleinen Vorhalle erlischt der Blauton. Das gewaltige Bergmassiv über dem Dorf wird eins mit dem Nachthimmel. Da und dort schimmert noch ein Fotomedaillon, von verlassenen Grabstätten strömt ein Duft von Moos und Efeu. Zurück auf dem Platz unter den Bäumen, sehe ich erst jetzt bei den Roßkastanien zur Straße hin die Reste von Schnee, übersät von Konfetti. Und was ist mit diesen nach vorn geknickten rötlichen Ohren, die aus dem schmutzigen Weiß hervorragen? Ich ziehe nur etwas daran, da kommt die ganze Schweinsmaske mit plattgedrücktem Rüssel zum Vorschein. In den Nasenlöchern steckt Kies, die aufgemalten Augen sind übergroß, keineswegs schweinemäßig winzig und schief geschlitzt, sondern sehr dominant, vergnügt die schwarzen Pupillen rollend. Rasch, als würde sonst das Schweinchen gleich zu grunzen anfangen, bedecke ich es wieder mit Schnee und richte mich auf. Die Linden, die gegen den See unten in der Ebene den Platz begrenzen, neigen sich seitwärts, beladen von den Geschichten des Dorfes, sich krümmend unter der Herrschaft des Berges, die Kronen immer wieder beschnitten, jeden Frühling aufs neue ausschlagend. Und ich bin nie fortgewesen.

2

Heute nachmittag um drei Uhr wird für Orion die Totenglocke geläutet haben. Der seltsam hohe, eintönige Klang, bei dem uns jedesmal der Atem stockte, hat die Geräusche im Dorf unterbrochen, und in der jähen Stille dringt sein Klagelaut bis in die engsten Gassen. Nur der Wasserfall hinter dem Dorf tost noch vernehmlicher, ungestüm und ungerührt stürzt er sich die Felswand hinunter. Die Kinder, die schon ihren Fasnachtstag hinter sich haben, werden bald wissen, daß Orion gestorben ist. Sie brauchen nicht mehr schräg über den Platz davonzurennen, wenn er auftaucht, in der größten Sommerhitze in seinem langen schwarzen Mantel und dem breitkrempigen Hut, oder an einem frostigen Wintermorgen in einem flatternden Anzug, dünn wie Seidenpapier, den er an unserer Hochzeit trug. Seine stoische Unempfindlichkeit jedem Wetter gegenüber ließ ihn als ein Fabelwesen aus einer anderen Klimazone erscheinen, zudem schlief er tagsüber meist und starrte nachts in den letzten vom lombardischen Dunst ausgesparten Tiefen des Himmels nach den Sternen. Vielleicht wagen sich nun die Kinder, bei Dämmerung, in den Garten auf der Südseite des Dorfes vor, wo halb zugewachsen von Farnen und Brennesseln Orions Teleskop steht, sie befingern die rostigen Schrauben des Ungetüms, das wie eine abgestürzte Mondrakete zwischen den Büschen aufleuchtet, oft hat Orion versprochen, ihnen den Andromedanebel mit seinen drei kugelförmigen Zwerggalaxien zu zeigen, aber wenn sie sich dann zu verabredeter Stunde in die Nähe schlichen, war niemand da.

Vom Platz aus werfe ich nochmals einen Blick hinüber zur Totenkapelle auf dem Friedhof. Erst morgen kann ich die Hände, den Kopf auf Orions Sarg legen, nichts ist seiner Totenruhe angemessener als diese verriegelte Tür. Jahrelang stand sie offen, jahrelang schlug sie auf und zu, jahrelang war ich nicht fähig, mit Abstand und ohne Angst auf die hinter der Tür lauernden Schrecken zu blicken, waren sie denn nicht gleichzeitig da mit dem ganzen Glanz des Lebens? Wenn Orion die Tür zu seinen Abgründen aufstieß, war auch ich sofort jenseits der Schwelle, ich besaß zuviel Einbildungskraft, das war mein Verhängnis. Jetzt hat der Tod die Tür geschlossen. Der Nebelschleier über der Lombardei ist dichter geworden. Überrascht betaste ich meinen leichten Mantel, warum nur habe ich mich nicht wärmer angezogen? Unverzüglich, ohne die Kleider zu wechseln, eilte ich nach der Mitteilung von Orions Tod auf den Zug, ich wollte ihn noch sehen, noch ein Mal berühren, die Fahrt war lang, ich kann mich schon an nichts mehr erinnern. Nie prägt sich mir etwas von einer Hinreise in den Süden ein, nur von der Rückreise, jede Rückreise ein Schnitt mit dem Messer, tief hinein in den Wundkanal jener Fahrt über den Gotthardpaß, mit dem letzten Blick in die Leventina hinunter, zerrissen vor Schmerz, nur das Kind im Wagen, auf der Flucht.

Man hat mir gesagt, ich würde bestimmt im Wirtshaus am Waldrand übernachten können, obwohl der Wirt seit langem keine Logiergäste mehr aufnimmt, man hat im Dorf nicht vergessen, daß ich früher dort oft Zuflucht suchte. Ich wisse ja, unter welchem Stein in der Gartenloggia der Wirt bei Abwesenheit den Schlüssel hinterlege, seit Sizilien dem Ansturm der Migranten ausgesetzt sei, fahre er häufiger nach Modica zurück. Hinter wenigen Fenstern im Dorf ist noch eine Lampe angezündet, hin und wieder ein heller Bildschirm in einem dunklen Zimmer. Ohne Zögern gehe ich durch die schmalen Gassen, die Hausmauern neigen sich gegeneinander und lassen nur einen Spalt des Nachthimmels frei. Als wäre ich in ein unterirdisches Labyrinth eingetreten, wandert das Echo des Wasserplätscherns aus den vielen Brunnen hin und her, Brunnentröge aus Granit, einstige Särge aus römischer Zeit. Flüche und Schreie der Tagesgeschäfte sind verstummt, aber plötzlich höre ich die leichtfüßigen Schritte hinter mir, mit den unregelmäßigen kleinen Hüpfern, die Schritte des Kindes, das Orion mir anvertraute wie einen Traum.

3

Die Kastanien am Waldrand sind so licht, daß ich beim Näherkommen jeden einzelnen Bogen der drei übereinanderliegenden Loggien erkennen kann, auch etwas beunruhigt feststelle, daß nirgends in der ehemals herrschaftlichen Villa eine Lampe brennt. Der ebenerdige Raum der Wirtschaft war um diese Zeit meist verlassen, aber im oberen Stockwerk sah man dann aus einem der Zimmer eine schwache Helligkeit in die mittlere Loggia fallen, die in doppelt so viele Bogen gegliedert ist und dem Säulenakkord der Gartenfassade jede Schwere nimmt. Wo ist nur der Wirt? Vielleicht finde ich keinen Schlüssel unter dem Stein und bleibe für diese Nacht, vor der verriegelten Totenkapelle und einem verschlossenen Haus, ausgesetzt zwischen Leben und Tod. Aber dachte ich denn überhaupt zu schlafen? Versunkene Szenen, Stimmen stürmen hoch. Und jähe Furchtlosigkeit. Entwaffnet, beginne ich Orion, wie ich das mit allen vertrauten Toten tue, zärtlich ruhelos zu bedrängen, jetzt, da du alles weißt, sag, was ging damals vor?

Nur das Knarren dürrer Kastanienäste antwortet. Die eben noch blitzartig erleuchteten Szenen erlöschen, die Stimmen verstummen, das Leben Orions hat sich zusammengezogen in seinen verbeulten Fiberkoffer. Wenn die rostigen Schnappschlösser endlich mit Widerstand aufspringen, bleibt nichts davon übrig als der beißende Zigarettengeruch, der alles in Orions Nähe durchdringt, Mantel, Hut, Skizzen, Planrollen. Zigarettenasche nistet noch immer im Innern des Koffers, oder zerkrümelt das unbeschriftete Notenpapier, mit dem er ausgeschlagen ist, bräunlich blättert es an manchen Stellen ab. Etwas mottet im Koffer weiter. Sind es die zerschlagenen Hoffnungen der Entwürfe? Vielleicht hat dieses vergilbte Notenpapier im Kofferinnern Orion auf die Titel zu seinen Arbeiten gebracht. Der Fiberkoffer hat ein ungewohntes Längsformat, auch ein Musikinstrument, eine Oboe, eine Klarinette fände darin Platz, doch vor allem wurde er zum Aufbewahrungsort der ersten Entwürfe, festgehalten in jenen Augenblicken, da einen auf einmal ein leises Summen erfaßt, wie die durcheinanderschwirrenden Töne eines sich einstimmenden Orchesters, und man vor lauter glücklicher Unruhe abrupt aufstehen und umherlaufen muß. Je aussichtsloser zum vorneherein ein Wettbewerb war, desto klangvollere Titel wählte Orion für seine Modelle, immer rief er entsprechend dem Bauort die Flüsse, selbst die kleinsten, als seine Siegesgöttinnen an, so entstanden Il Canto della Melezza, della Breggia, della Sementina, della Magliasina, warum nur fiel unter den anonymen Eingaben der verzweifelte Sänger nicht auf? Wir hatten uns entschieden zu spielen und folgten den verklingenden Melodien, unserem einzigen Leben, jenseits aller Vernunft.

Hie und da veranstaltete Orion, je nach Wasserlauf des angerufenen Flusses, eine Untergangsfeier für das ausgeschiedene Modell. Er wollte nicht alle diese Kuben aus Plexiglas in seinem Arbeitslokal stapeln, ein Modell über dem andern, verstummte Vögel, eingesperrt in ihren Käfigen. Dann kauerten wir beim Eindunkeln am Ufer eines Flußbetts, zwischen uns das Modell, von seinem Glaskubus befreit, nur noch auf einer Platte befestigt, ein Observatorium, ein städtischer Platz, ein Turmhaus, und das Kind stopfte Seidenpapier in alle möglichen Ritzen. Orion trug das Modell schwankend, stolpernd, fast hinfallend zum Wasser und legte das Feuer. Er versetzte dem Modell einen Stoß, es loderte sofort auf, begann sich zu drehen und trieb flußabwärts, der Flammenschein tanzte auf den dunklen Wasserschnellen, am Ufer winkte und jauchzte das Kind. Rote Glut färbte auch den Abendhimmel, das brennende Modell überschlug sich und versank oder wurde von einem Hindernis aufgehalten, bevor es, ein immer schwächeres Irrlicht, in der Ferne verschwand. Irgendwo stand schwarz eine Zypresse, flutete Neonlicht aus einer Industriehalle die Autobahn, ein Güterzug raste an einer menschenleeren Station vorbei.

4

Wie lange stehe ich schon vor der lichtlosen Villa? Etwas in mir zögert, unter dem besagten Stein nach dem Schlüssel zu sehen. Wieder und wieder lasse ich den Blick über die Gartenfassade schweifen, die dreigeschossigen Loggien mit der ungleichmäßigen Folge von Intervallen, ein Anblick, der mich so oft mit einem weitausschwingenden Gefühl der Freude erfüllt hatte, als hörte ich die Anfangsklänge einer Symphonie. Jetzt schweigt alles. Die Stille im Innern der Totenkapelle herrscht auch hier. Ich sehe Orion vor mir, die scharf geschnittenen Gesichtszüge, die hohe Stirn, die stark gewölbten Brauen, die Augen geschlossen in den tiefen Höhlen. Sein Kopf ruht reglos auf einem weißen Kissen. Zu wem nur gehören diese Atemzüge, laut und entsetzlich, ein Röcheln, ein Rasseln, bald stockend, bald beschleunigend? Versteckt hinter Maschinen und Apparaturen muß ein Raubtier hocken. Ein Netz von Kanülen ist über Orion gebreitet, er ist betrunken gegen eine Mauer gerast, aber sie haben Orion dem Tod entrissen, die feinen durchsichtigen Kanülen verschlingen sich mit seinem blutverklebten langen schwarzen Haar, es sind die verletzten, noch zuckenden Tentakel einer riesigen bleichen Qualle, gestrandet am Meeresufer. In jener Nacht habe auch ich den Tod durchquert. Liegt das alles weit zurück? Wie oft sterben wir.

Ich verlasse nun doch den Garten und gehe auf die Nordseite der Villa, ohne im geringsten auf ein erhelltes Fenster zu hoffen. Das schwere Eingangsportal unter dem steinernen Rundbogen wirkt so schwarz, daß es auch offen sein könnte, nahtloser Übergang der Nacht ins dunkle Hausinnere. So rhythmisch bewegt und luftig die Südfassade, so streng und abweisend in ihrer Geschlossenheit die Nordfront. Und doch ist ihr Anblick noch unauslöschlicher in mich eingeprägt. Risse wandern wie Spinnweben über den Verputz, da und dort wölbt er sich kaum merklich, von Ameisen unterwandert, von Flechten überzogen. Fiele Sonnenlicht darauf, weckte es Strukturen und Schattierungen in den verfallenden Mauern. Wenn ich sie betrachte, werde ich ruhig. In alten Häusern wird man jung. Sie haben Jahrhunderte vor uns gedauert, sie speichern das Leuchten erloschener Augen, nächtliches Weinen und aufgeregtes Erwachen, die Wärme gemeinsamer Mahlzeiten, die Stille versöhnlicher Gesten. Sie sind Gegenräume zur verrinnenden Zeit. In Neubauten lauert ein unerkannter Schrecken. Wir sind plötzlich alt, wenn wir sie betreten. Sie werden uns erbarmungslos überleben.

In den Palmen, welche die Villa flankieren, beginnt es hoch oben in den Wipfeln zu rascheln. Die Zitronenbäumchen in den Töpfen sind ganz unbewegt, aber das Geräusch der Palmenblätter steigert sich zu einem vernehmlichen Knattern. Zurück in der Gartenloggia hebe ich den Stein auf, unter dem sich jeweils der Schlüssel befindet. Ein Gewimmel von aufgestörten Kellerasseln jagt auseinander, mehrere fallen dabei auf ihren Rückenpanzer, undeutlich sehe ich sie mit den fadendünnen Beinchen zappeln. Der Schlüssel fehlt. Im Schutz der Loggia stehen immer noch die Rattansessel aus dem einstigen Hotel Washington in der Stadt. Von ihrem Panamaweiß geht ein matter Schimmer aus. Der Wirt hatte damals alles daran gesetzt, sie bei der Versteigerung des Hotelmobiliars zu erwerben, Sessel um Sessel transportierte er im offenen Kofferraum seines Fiats hinauf in die Villa am Waldrand, Leute vom Dorf hatten sich inzwischen auf dem ovalen Platz unter den Bäumen eingefunden und empfingen jeden einzelnen mit Willkommensgeschrei, das sich mit der wachsenden Anzahl frenetisch steigerte. Aufgesprungene Pinienzapfen liegen auf der Sitzfläche der Rattansessel, tote Fliegen, dürres Laub. Zerstreut drücke ich die Klinke der Glastür zum Gartensaal. Sie ist nicht geschlossen.

Meine Überraschung ist so groß, daß ich nicht einmal den anderen Türflügel aufhalte, der sogleich den Eintritt in den Saal freigibt. Mühelos nun doch ins Haus eingelassen, werde ich vom Gedanken an Orion, allein in der Totenkapelle, überfallen. Auf der Schwelle zum Gartensaal kann ich mich nicht mehr gegen das Schluchzen wehren, das aus einer nie gekannten Tiefe aufsteigt, konvulsivisch, unverstandener Schmerz. Blind vor Tränen stehe ich im Dunkel. Erst nach einiger Zeit suche ich die weißen Rattansessel zu erkennen, die der Wirt auch im Gartensaal den Wänden entlang gruppiert hatte. Die Anordnung ist unverändert. Immer noch ist die Saalmitte frei, für den Fasnachtsball, einen Hochzeitstanz, eine Tombola. Bei sommerlichen Platzregen oder während der berüchtigten pfingstlichen Regengüsse tauchten manchmal Radrennfahrer auf, die, des klatschnassen Herumflitzens an den steilen Talflanken überdrüssig, Schutz für ihre Fahrräder begehrten und diese einfach mitten im Gartensaal pausieren ließen. Früher, als noch ausgiebiger und heftiger getanzt wurde, fanden alle Bälle im Festsaal des Obergeschosses statt. Bereits vor vielen Jahren, als bei dem Gestampfe und Getrete immer mehr von den Stuckverzierungen der Gartensaaldecke herunterfiel, schloß der Wirt den Festsaal und richtete sich selbst dort ein. Die Zimmer in den beiden Seitentrakten wurden nun ausnahmslos für Übernachtungen genutzt. Den Festsaal habe ich nie gesehen.

5

Ich bin in einem der Rattansessel eingenickt. Haben mich Schritte geweckt? Mit einem Mal weicht alle Müdigkeit von mir. Wach blicke ich in das dunkle Licht, mit dem die Februarnacht den Gartensaal durchdringt. Morgen kommt das Kind, das längst erwachsene, dem alle tiefe und bedingungslose Trauer zusteht, aus der fernen Großstadt. Und ich werde nicht mehr schlafen. Noch einmal werde ich auf das Unbegreifliche zugehen und es umarmen. Ganz klar sehe ich jeden einzelnen der mattweißen Sessel, die beiden Fresken, auf der östlichen und westlichen Saalwand, den Marmorkamin mit den herausgerissenen Sitzen. Aus dem Garten ist ein leises Scharren, Fiepen und Piepsen hörbar. Ich stehe auf, plötzlich beherrscht von versunkenen Sätzen: Der letzte Akt ist blutig, so schön die Komödie auch in allem übrigen sein mag. Schließlich wirft man uns Erde aufs Haupt, und das ist für immer.

Der Wirt muß nach Sizilien gegangen sein. Alles atmet jene belebte Verlassenheit, die in alten Häusern entsteht, wenn die Gegenwart erlischt und das Vergangene Raum gewinnt. Merkwürdig ist nur, daß der Gartensaal nicht geschlossen ist. Schläft jemand in einer der Gästekammern der Seitentrakte? Ich werde nachschauen, in und unter den Betten, das unterließ ich auch früher nie, wenn ich im obersten Stockwerk im sogenannten Himmelszimmer übernachten durfte. Serafina im Dorf, mit der ich nach dem Dreikönigstag telefonierte, hatte von seltsamen Ereignissen aus ihrem hinter der Grenze liegenden Tal berichtet. Sie stammte aus einer der höher gelegenen Ortschaften dort, in der jeweils in der Dreikönigsnacht mit Tanz und einem Mitternachtsmahl die Fasnacht eröffnet wurde. Der erregendste Augenblick war immer dann, wenn gegen Ende des mitternächtlichen Mahls die Saaltüren aufgingen und die Hauptgestalten der Fasnacht, die Schönen und die Häßlichen, maskiert sich hereindrängten. Serafina half wie jedes Jahr ihren Nichten, deren Männer zu der Fraktion der Schönen gehörten, bei den aufwendigen Vorbereitungen, dem Ausstopfen und Verzieren der imposanten Büste, dem Schmücken des Strohhutes, dem Befestigen der bunten flatternden Bänder. Sie waren unversehens in Zeitnot geraten, da die Nichten beschlossen hatten, die verblaßten Stoffblumen für die Strohhüte, Margeriten, Anemonen, Maiglöckchen, Nelken, mit Plastikblumen zu ersetzen, sich beim Annähen derselben jedoch dauernd in die Finger stachen und entsetzt die Blutspuren beseitigen mußten, bis eine der Nichten ausrief, und überhaupt, sieht das jetzt nicht aus wie ein Grabstein an Allerheiligen?! In der Aufregung waren die stolzen Fasanenfedern, das Prunkstück eines jeden Hutes, achtlos unter den Tisch gefallen, und als sich die Nichten nach ihnen bücken wollten, hatte sie der Kater bereits zerfetzt.

Ziemlich aufgelöst und schwitzend trotz der Frostnacht trafen Serafina und ihre Nichten schließlich im Tanzsaal ein, wo sie am einen Ende des langen, mit weißem Papier überzogenen Tisches gerade noch Platz fanden. Das Mitternachtsmahl war in vollem Gang, die Polenta dampfte in den Schüsseln, und der Lorbeerduft des Kaninchenragouts stieg ihnen besänftigend in die Nase. Serafina war bald so in ihr Essen vertieft, daß sie nicht einmal bemerkte, wie sich die Flügeltüren des Saals öffneten. Erst als das beim Eintreten der Maskierten sonst leise Geraune und Gelächter stark anschwoll, schaute sie auf. Die Schönen waren von einer derart großen Anzahl von Häßlichen begleitet, daß sie unmöglich alle aus dem Dorf sein konnten. Auch trugen nur wenige unter ihnen die übliche Holzmaske, deren Ausdruck roh, abstoßend und düster ist, in allem der Gegensatz zu den hochmütigen Masken der Schönen mit dem mokanten Lächeln. Viele der Häßlichen hatten nur Stoffetzen, in die Augenschlitze und Mundlöcher eingeschnitten waren, ums Gesicht gebunden.

Am Telefon erzählte mir Serafina ausführlich davon, welch seltsame Stimmung sich gegen Mitternacht allmählich im Saal ausgebreitet hatte. Es wurde immer stiller, und eine Art Beklemmung ergriff die Essenden. Zwar schwangen einige der Häßlichen wie stets ihre ramponierten Reisekoffer und schlugen mit ihren Fuchsschwänzen auf die Tische, daß die Gabeln tanzten, aber die Fröhlichkeit, mit der man jeweils die Häßlichen empfing, war eigenartig gedämpft. Es waren zu viele. Wo kamen sie nur her? Freudig hatte man sie in jener Mitternachtsstunde immer begrüßt, als kehrten in den abgerissenen Gestalten die verstorbenen oder verschollenen Auswanderer zurück. Keine Familie im Tal, die nicht einen Emigranten zu den ihrigen zählte. Als Maurer, Steinhauer, Stukkateure schwärmten sie in alle Teile Europas und bis nach Übersee aus. Einige tauchten regelmäßig in den ersten Dezembertagen wieder auf und blieben bis zum letzten Fasnachtsball, andere verschwanden spurlos. Die Schönen unter den Maskierten schienen sich nicht um die vielen Häßlichen zu kümmern, mit erhobenem Kopf, spöttisch und unnahbar, machten sie sich gegenseitig ihre Referenzen.

Serafina kam gar nicht mehr dazu, sich um die Wirkung der Plastikblumen und der fehlenden Fasanenfedern ihrer Schönen Gedanken zu machen, so sehr war sie vom Verhalten der Häßlichen gebannt. Die Maskierten mußten stumm bleiben, die Schönen wie die Häßlichen, was den leichten Schauder wie vor zurückgekehrten Toten noch verstärkte, und nicht ohne Respekt bot man ihnen am Tisch einen Platz an. Jetzt aber drängten sich viele der Häßlichen, ohne eine Einladung abzuwarten, zu den Schüsseln mit Polenta und Kaninchenragout, ergriffen irgendeinen Löffel oder eine Gabel und begannen, ebenso zurückhaltend wie gierig, unverzüglich zu essen. Fuhren sonst die Häßlichen während des Mitternachtsmahls fort, sich grob und unflätig zu benehmen, schienen diese in Lumpen gehüllten Gestalten auf einmal alles außer dem Essen zu vergessen. Immer mehr Leuten vom Dorf fiel die ungewohnte Anständigkeit der Häßlichen auf. Bald waren die Schüsseln geleert, das weiße Papiertischtuch verkleckert und eingerissen, ein Schnapsglas rollte am Boden. Alle starrten nur noch schweigend auf die Häßlichen.