Spätpubertär - Jana Kaminski - E-Book

Spätpubertär E-Book

Jana Kaminski

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Beschreibung

Nora wird 30 und ihr Leben geht systematisch den Bach hinunter. Statt gentrifizierter Neubauwohnanlage mit Tiefgarage mit Kind und Kegel zieht sie in eine abgerockte WG nach Kreuzberg mit einer psychisch auffälligen Mitbewohnerin, verlässt ihren langjährigen Freund und verliert ihren Job. Statt immer einen Plan zu haben, entwickelt sie den Mut, los- und sich fallenzulassen. Im Hinterkopf der stille Wunsch nach dem spießigen Einfamilienhaus am Rande der Stadt. Ein Buch, das zeigt, wie schön das Leben mit 30 sein kann, wenn man den Ausbruch aus der Komfortzone wagt und man sich erst verlieren muss, um sich selbst zu finden. Ein Buch, das wir unserer besten Freundin vor dem 30. Geburtstag schenken und auch nochmal zehn Jahre später, wenn wir scheinbar immer noch auf der Suche sind, uns aber längst damit abgefunden haben, ewig als Single in fragwürdigen WGs zu leben und regelmäßig beim Bierchen zu versacken. Ein Buch aus dem Berliner Kneipenleben mit guter Musik, was nicht nur Freunden der Indie- und Popkultur zum Lachen bringt und Lust auf ein Glas 1,99-Schraubverschluss-Wein mit der besten Freundin macht.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

DRAMAQUEEN

NASHVILLE STARLIGHTS

SCHAMHAARIGEL

BESTE FREUNDE

FRISCHFLEISCH

JOHNNY CASH

FEINE DAMEN VORM GRILL

SCHICKSALSSCHÄDEL

FICKHAAR

SCHWELLENPÄDAGOGIK

KOKSPOPEL

MISS SIXTY

BOHRINSELSMUTJE

WELCOME TO THE CLUB

LEBKUCHENMÄNNCHEN

TANTE GERDAS DREHMASCHINE

EIN ANSTÄNDIGER HAUSHALT

ANDI VON DER GÄNSERÄNSCH

WOHLSTANDSPUNKS

RATTENKÖNIG

KOSMETIKER JENS BESENSTÄDTER

LUCKY LOSER

HÖHENFLIEGERIN

ALEA IACTA EST

UNANGENEHME GÄSTE

GUMMIHAMMERBANDE

DRAMAQUEEN

Puh, da ist sie: die große 30. Früher dachte ich, ich würde mir in diesem Alter die pappigen Reiswaffelreste meiner Kinder aus den Haaren bürsten. Ich, Nora, die erfolgreiche Working Mum, Eigenheimbesitzerin, Ehefrau und Wochenend-Milf, würde meine Wäsche mit gut duftendem Weichspüler waschen, während der Kuschelweich-Bär draußen über die Wiese springt. Alles wäre dufte, perfekt organisiert und einfach nur wunderschön.

Meiner Vorstellung nach, war es immer selbstverständlich, dass mein Chaos namens Alltagsleben spätestens mit 30 ein Ende finden wird. Mit meinem Traummann würde ich den Machu Picchu erklommen und in Buenos Aires Tango getanzt haben, bevor unsere Familienplanung Fahrt aufgenommen hätte.

Wenn die Kinder es zulassen würden, würde ich mich zum Latte Macchiato mit meinen Freundinnen nach dem Yoga treffen. Dann noch schnell zwischendurch unseren nächsten New-York-Trip planen, bevor es dann wieder zurück in unser altes umgebautes Landhaus geht, am liebsten direkt in Berlin-Mitte. Natürlich an einem Ort, den es so nie geben wird, mit ganz viel Tieren mitten in der Stadt und einem großen Garten und Pool, die S-Bahn direkt vor der Tür. Mein gut bezahlter Autorinnenjob à la Carrie Bradshaw würde das finanziell schon richten und mich zusätzlich auch noch auf zahlreiche Konzerte von The Strokes bis Foo Fighters per Gästeliste mit kreativen und inspirierenden Menschen bringen. Wir trinken dann einfach mal so zehn Gin Tonic und haben weder einen Kater noch Augenringe, Kotzreiz oder einen dicken Schädel.

Dann am nächsten Tag feiern wir mit allen Freund*innen, Nachbar*innen, Katzen, Kindern und Hunden ein Mittsommerfest, von dem die Designer*innen des Ikea-Katalogs nur so träumen würden. Mit einer langen blumenbedeckten Tafel, Haarkränzen, dem frischen Duft des Holunderstrauchs und den leichten Easy Listening Klängen von der Salsa Version von „Wonderful life” genießen. Herrlich diese Utopie!

Und wie sah es wirklich aus? Der Monat hatte 30 Tage, fünfzehn davon habe ich bewusst erlebt.

Den Rest?

Katerstimmung.

Passiv durch die Gegend geglotzt, begleitet von den düsteren Klängen von The Editors und Bjork.

Es war heute 1:30 Uhr mitten in der Nacht und ich fragte mich, wie man es in so kurzer Zeit eigentlich schafft, das Leben systematisch den Bach heruntergehen zu lassen. Die Anderen müssen daran Schuld sein, diese verdammten gescheiterten Existenzen. Die wahre Antwort lieferte aber ein Blick in den Spiegel. Irgendwo zwischen dunklen Augenrändern, knallroten Adern und verwischter Wimperntusche erkannte ich meine braunen glasigen Augen, die mich vorwurfsvoll ansahen. Sagt jetzt nichts.

Dabei sah doch alles so gut aus, oder nicht?

Acht Jahre Beziehung mit Micha, meinem Ex, in einer Dreizimmerwohnung mit Terrasse und Tiefgarage in einer gutsituierten Neubau-Wohnanlage in Friedrichshain lagen hinter mir. Ich, Human-Ressources-Managerin, war noch im Großunternehmen, mit stets geputzter Brille, biederen grauen Hosenanzügen - natürlich immer akkurat gebügelt - angestellt. Ich war heftig auf Karrierejagd. Am Wochenende gönnte ich mir abends ein Glas Wein. Wir hatten ein gutes Leben. Ausgeflippt sind wir auch, zum Beispiel, dann, wenn Micha und ich mit jeder eingeübten Pärchen-Routine unserer Heimat brachen: Wir aßen oft Fondue, und das nicht nur zu Silvester. Am liebsten mit unseren Pärchen-Freunden Katharina und ihrem Freund… Ihrem Freund, dessen Belanglosigkeit schon jetzt seinen Namen vergessen ließ.

Schön! Ja, das war schön.

Nett!

Wirklich nett.

Auto, Geld, Sicherheit, schlechter Sex: Es war einfach alles da. Im Überfluss. Bis zu diesem einen Sonntag im November.

19 Uhr. Es regnete. Der Flughafen Tegel konnte den Feierabend kaum erwarten. Eine Gruppe Outdoorjacken-Trägerinnen bereitete sich mit ihren großen Rucksäcken auf ihre Oman-Wandertour vor. Dunkelbraun gebrannte fettschürzentragende Rentnerpärchen leckten sich die Finger in baldiger Erwartung auf Tapas und Bier in ihren Ferienhäusern in Andalusien. Und dann überall, wo man hinsah: junge dynamische 24-Stunden-arbeitende Consultants mit ihren perfekt gebügelten Ralph-Lauren-Blusen, Louis-Vuitton-Taschen, edlem Halstüchern und Sneakern - es war ja Casual Sunday. Ich spiegelte mich in ihnen, verglich, bewunderte sie auf eine skurrile Art für ihren ekelhaften klebrigen Erfolg, der in jeder Ecke ihrer Aura verhaftet zu sein schien. Widerlich, dieses „Ich-bin-geil-Gefühl.”

Und ich: klein, dunkle, braune schulterlange Haare. Körperbau Modell weiblich, weiblich-gemütlich, kaschiert mit weiten Blusen und langweiligen Farben, fühlte nur eins: Ich hau hier gleich allen richtig auf die Fresse.

19:40 Uhr. Micha würde jetzt seinen Tatort-Abend vorbereiten. Die Consultants namens Bernadette und Georg nahmen mir mit ihren betonten Lobeshymnen wie: „Goooooolf ist ja soooo toll, aber mein Pferd nimmt sooooo viel Zeit ein, aber ich hab ja gar keine Zeit” jede Möglichkeit, ein bevorstehendes Durchdrehen meinerseits zu verhindern.

Also Leute, Showdown! Die Berater*innen konnten mit ihrem Unterhaltungsprogramm einpacken. Die Wartehalle sollte in Kürze zu meiner Bühne werden.

Aus unerklärlichen Gründen schien die Luft um mich herum mit jedem Atemzug dünner zu werden. Mein Puls stieg in die Höhe, mein Herz stolperte über die Buckelpiste. Der Kopf wurde labberig und die Extremitäten verloren jede körperliche Substanz und tauschten ihr Dasein gegen Taubheit und Stille. Ich spürte meinen Körper nicht mehr. Ich atmete hastig. Alles wurde grau. Alles leise. Druck. Panik. Eine handfeste doppelt dosierte Panikattacke sollte der Grund für die Stunde Verspätung des Flug LH693 nach München sein.

„Aufgrund eines medizinischen Zwischenfalls verzögert sich der Abflug um circa 30 Minuten. Wir bitten um ihr Verständnis”, schallte es durch die kratzende Anlage. Wohlgemerkt, ein Notfall war es nicht. Zwischenfall trifft es auch im Kontext meines weiteren Lebens ganz gut.

Vermutlich hatte ich tatsächlich das Bewusstsein für ein paar Sekunden verloren. Hausgemacht sozusagen. Durch viel zu schnelle Atmung und Geister im Kopf. Ich war durch und ging nach Hause. Flug LH693 würde mich an diesem Tage nicht zum Montagsmeeting nach München bringen. Ich war schlicht und einfach fertig mit den Nerven.

Ein Tag später.

Mein Hausarzt lachte unangebrachter Weise laut vor sich hin: „Hehe, Sie haben wohl eine kleine Lebenskrise. Auf gut Deutsch gesagt ist das ein Burnout. Machen Se mal ne Pause.”

Ich sah ihn erschrocken an. Aber als professioneller Arzt wusste er die richtigen Fragen zu stellen.

So fragte er mich: „Kennen Sie Berni?”

„Oh Shit, ich halluziniere. Jetzt dreh ich durch. Was? Berni?

Wie bitte?”

„Sie kommen doch aus Göttingen, meine Mutter hat für die Uni das Maskottchen namens Berni entworfen.”

„Ok, Burnout, also - na ,kann ja nicht so schlimm sein.”

Nach drei Wochen auf dem Sofa mit den dunklen Gesängen von The XX und Leonard Cohen wurde es mir bewusst: Da läuft gerade was mächtig schief. So richtig. Alle Fotos, die es von mir aus dieser Zeit gab, eine Katastrophe. Entweder im Businessoutfit, auf irgendwelchen Recruiting-Events oder auf dem Sofa, mit Wollschal und Rotznase als Abbild einer Blasenentzündung mit Verspannungen bis in den Gesäßmuskel in Menschengestalt.

Krasser Scheiß!

Das Drama nahm ab sofort seinen Lauf. Die Kündigung meines Arbeitgebers trudelte aus München ein. Die weitere Zerstörung meines Lebens schien im Automatik-Modus voranzuschreiten.

Nun sitze ich mit meinem schlechten 1-99-Discounter-Montepulciano mit Schraubverschluss am klebrigen Rechner, krümle meinen WG-Küchentisch in Berlin-Kreuzberg mit Tabakresten voll und zwischen Radioheads “Creep” und einem Portishead-Massive-Attack-Björk-Medley mischen sich die dumpfen Bässe der gegenüber stattfindenden Technoparty. Die Reise konnte beginnen.

Es war der 31. März. 30 Jahre war ich seit 31 Tagen und vor Kurzem sah meine Welt ganz anders aus!

Da war alles in Ordnung, oder so, könnte man behaupten.

Aber sehen wir es positiv: Entgleisungen geben dem Leben einen Sinn, und welchen, werde ich bald herausfinden.

NASHVILLE STARLIGHTS

Es war ein grauer Wintertag im Dezember. Es regnete in Strömen, nass und kalt. Innerlich wie äußerlich. Mein Geburtsort, eine kleine Vorstadt bei Göttingen, in der ich es immerhin 21 Jahre aushielt, war das Reiseziel dieses ätzenden Tages.

Als Kind war das Leben in der Einöde okay und ziemlich unspektakulär. Alles, wie man es aus den Erzählungen von Dorfkindern kannte: Ja, wir konnten im Wald spielen, ja, wir hatten eine Bushaltestelle und irgendwann knutschten und fummelten wir am alten Apfelbaum vor dem Kirchplatz mit unseren 14-jährigen Liebschaften. Das übliche behütete Vororts-Wohlstands-Programm.

Kein Ausländer*innenanteil, kaum Arbeitslosigkeit, alles im Rahmen - die weiße Soße mit braunen Sprenkeln baute auf einem Weltbild, was so nicht der Realität entsprach. Die meisten meiner Freund*innen sind nach dem Abitur weggezogen, die Welt entdecken. Aber nun mal nicht alle. So zum Beispiel Dirk.

Michas alter Kumpel, akut in der ersten Midlife-Crisis steckend, lud uns an diesem grauen Tag in die Dorfschenke Zum heiteren Ochsen zu seinem 40. Geburtstag ein. Mit ernsthaften Absichten, sich bis zur Ohnmacht zu betrinken - so macht man das doch auf dem Dorf- wollte er richtig die Sau aus sich heraus knüppeln.

„Gibt immer einen Grund zum Saufen, Freunde!”, oder so ähnlich, begrüßte uns Dirk mit seinen verschwitzten Tentakeln. Im Hintergrund dudelte ein Best-of der allseits bekannten Partyclassics von The Police über New Order bis zum Pulp Fiction Soundtrack.

Noch im andauernden Depri-Modus, zwischen gerade gewechselter schluffiger Trainingshose und bestehender Ahnungslosigkeit, warf ich meine strähnigen Haare nach hinten über die Schulter.

„Nun gut, Nora, jetzt sind wir hier und machen das Beste daraus”, sprach ich mir selbst aufmunternd zu, während Micha schon die kleinen Feigenschnäpse mit Dirk am Tresen kippte.

Also, los ging es!

Dorfparty.

Ich wollte mich voller Vorfreude auf besinnungsloses Fußball-Gelaber an den Tresen zu Micha und Dirk setzen. Dieser zog mir unauffällig auffällig den Hocker weg.

„Schatz, setz dich doch zu den anderen Frauen, wird bestimmt voll lustig”, er wies mich ab und dann auch noch Richtung Frauentisch, während aus den Boxen Led Zeppelin mit „Stairway to heaven” die Dramatik des Abends perfekt einfing.

Die Sache mit dem Frauentisch? Ein Fehler, den Micha sein weiteres Leben zu spüren bekommen würde.

Sechs Bauernpärchen, fein säuberlich nach Geschlechtern getrennt, waren in dem holzvertäfelten Raum versammelt. Pokale von Fußballspielen, Feuerwehrwettbewerben und Fotos vom 500. jährigen Dorfjubiläum schmückten den Saal. Zwischen Buletten und Bier wuselten dicke Kleinkinder. Irgendwo schäumte noch eine Käse-Lauch-Suppe auf der mitgebrachten Camping-Kochplatte vor sich hin. Und die Bauernladies nippten allesamt fleißig ihre Haselnuss- und Kaffeeliköre vor sich hin.

Es war furchtbar langweilig.

Es war scheiße.

Sie, inklusive mir, saßen am Frauentisch, tranken Frauengetränke, redeten über Frauenthemen und kümmerten sich um ihre Sprösslinge. Frauen eben.

Und ich mittendrin.

Warum?

Während der nächste Likör namens “HaNuNaps”, wie sie es nannten, die Runde machte, Guano Apes mit „Lords of the Boards“ die Geister wieder zum Leben erweckte, kamen drei aufgeregte Kinder zu ihren Müttern gerannt. Sie streckten ihnen ihre mit schwarz-brauner Masse verklebten Hände entgegen: „Mamaa….Schokooooo.”

„Mensch Finn, du hast ja Schokolade an deinen Fingern kleben”, erschrak Mutter Dörte.

Drei der Mütter sprangen auf und holten ihre selbst gehäkelten Feuchttüchersäckchen hervor.

„Nimm meins.”

„Hier noch eins.”

Sie hielten zusammen.

Sie waren eins und wussten, was zu tun war.

Dörte begutachtete die Finger des Kleinen: „Finn, wo hast du denn die ganze Schokolade her? Es gibt hier doch gar keine.”

„Draußen”, lispelte der Dreijährige mit großen Augen.

Keine Schokolade in Sicht.

Sehr verwunderlich.

Dörte roch an dem verschmierten Taschentuch. Die Nase, noch mit Haselnusslikör und Kartoffelsalat beschäftigt, schickte sie das Taschentuch zur Riechprobe auf Wanderschaft am Stammtisch: „Mensch Kerstin, riech mal, ist das Scheiße oder Schokolade?”

Kerstin rieb mit ihrem kleinen Fingernagel vorsichtig daran und roch an dem Millimeter Kacke, der sich unter ihrem sorgsam manikürten French-Nail-Style-Nagel breitmachte.

„Kacke, eindeutig Kacke. Bestimmt schon älter, riecht kaum”, bestätigte sie nüchtern nickend.

Routiniert reichten sich die drei Ladies gegenseitig die Hygienesprays und Desinfektionsfläschchen, und zwar die mit Blümchen verzierten, die an ihren Handtaschen baumelten, hin und her.

Hier und da wurden nun acht Paar Kinderhände geputzt, gesäubert und gewaschen. Münder und Windeln kontrolliert und mit liebevoller Stimme erklärt, warum die eigenen Fäkalien nicht in Kinderhände gehören. Die Sache war geklärt.

Hier wieder ein Likörchen, da noch ein Stück Kacke am Nagel. Moby mit „Feeling so real“ ließ jedes Drama vergessen.

Weiter ging es.

Und die Männer?

Die kriegten davon einfach mal gar nichts mit.

Die tranken einfach weiter.

Die Frauen werden es ja schon richten.

Diese Schweine!

Ich flüchtete angewidert nach nebenan. Im kleineren Nachbarraum tobte die Stimmung, hier schienen Midlife-Crisis und Windelunfälle überwunden zu sein. „Happy Birthday, Mike” und eine große 55 standen auf einem Banner geschrieben. Das gab Hoffnung. Mit 55 scheint das Leben wieder ganz okay zu werden. Gut gelaunt schunkelte die illustre Gesellschaft zur Live-Performance von „Cotton Eye Joe” der Country-Band Nashville Starlights aus Hannover.

„Yeehaw, Kinder, Cowboys und Kartoffelsalat!”, jubelte Stefan, der Sänger der Band, mit enger Lederhose, armfreiem karierten Hemd und mystischen Tattoos seinen Fans, also insbesondere mir, zu.

Er war der Typ, der immer von den großen Bühnen träumte, es aber nie schaffte. Derjenige, der als Beruf Musiker angab, aber nie in der Lage war, mehr als ein paar Gigs in Dorfkneipen und auf Stadtfesten zu spielen. Und so schaffte er sich einfach seine ganz eigene Welt, voller imaginärem Ruhm und Erfolg. Dabei wollte er nur eines: Sein, wie die Jungs von BossHoss. Ja, so wollte er immer sein.

Die Gäste liebten ihn, so wie er war. Er, der Held für eine Nacht. Auf der kleinsten Bühne seiner selbst. Und wenn er nicht alsbald etwas ändern würde, wird er bis zu seinem Tod als Alleinunterhalter auf schrecklichen Hochzeiten, mit schrecklicher Musik und schrecklichen Discolichtern Bestätigung suchen müssen. Heute bekam er aber zunächst meine. Auf eine mir bis dato unbekannten Art und Weise bewunderte ich ihn. Für seinen Ausbruch und für seinen Mut, ein wahrer Verlierer zu sein.

Dirks Geburtstagsbesäufnis im Nachbarraum war mittlerweile bei der Polonaise zu „Flieger, grüß mir die Sonne” angekommen. Micha torkelte als letzter hinterher, fiel immer wieder um und fand sich dabei sehr komisch.

Es war aber nicht lustig.

Er war nicht lustig.

Er lachte, die Mädels auch.

„Geh doch zur Frauenrunde…. Was für ein Loser, Idiot”, schoss es mir befreiend durch den Kopf. Loser, wie er seine Hose trägt, der ganze Hüftspeck quillt raus, und das Atmen durch seine dauerhaft mit Haaren verstopfte Nase, ein einziges Fauchen der ausgetrockneten Popel- und Borkenkruste.

Micha, du Loser!

Die Worte ratterten durch meinen nüchternen Kopf. Aus der tiefsten Ecke meines Unterbewusstseins schien sich ein kleiner Gedanke zu befreien, der wohl jahrelang vom Mief und Pief des Alltags eingesperrt war und wie Loch Ness für eine Millisekunde auftauchte, gesehen wurde und wieder verschwand. Und dabei mächtig Eindruck hinterließ.

Bis es wieder passierte: Dieser kleine feine Gedanke wuchs zu etwas großem Zähen, wie Teer klebendem Unbekannten heran und artikulierte sich, wie von selbst in meinem glasklaren Bewusstsein: Micha, mein Micha, ich kann dich nicht mehr sehen.

Deine viel zu weiche Art, wie du meine Hand hältst, die Geräusche beim Essen und wie du beim Orgasmus wie ein asthmatischer Hund klingst.

Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr.

Welche Erkenntnis.

Erneuter Raumwechsel.

Der unbekannte Gastgeber des 55. Geburtstages pogte mit seinen Gästen zu Paradise City von Guns’n’Roses durch den Tanzsaal. So wie es aussah, gesellte sich nun auch der örtliche Motorradclub auf die Tanzfläche. Es roch nach Öl und Schweiß. Und noch stärker nach Freiheit und Ausbruch. Es kitzelte in meiner Nase.

„Ein Bier, ein Schnaps”, bestellte ich zwischen Langhaarigen, Kutten und Bierbäuchen auf den Schock der durchgedrungenen Erkenntnis und des zuvor Erlebten.

„Kennste Kettenfett? Isn Lakritzlikör. Is kräftig, trinken wa immer. Rock’n’Roll forever”, einer der Rocker hielt mir seine Ghettofaust entgegen.

„Nehm ich, nur nichts mit Schokolade, bitte.”

„Also ein Bier, ein Kettenfett für die Lady!”, vergewisserte sich der Barmann mit hochgezogener Augenbraue.

Aufbruchstimmung.

Exzess, Sehnsucht.

Und hier und jetzt, in diesem unbedeutenden Vorort von Göttingen, an dem Eichemassiv-Tresen sitzend, ging ich indessen die ersten Schritte auf dem Weg zurück, zurück in mein Leben. Ich begriff mehr und mehr, was mir fehlte und vertiefte mit jedem Bier, mit jedem weiteren Kettenfett den mit Stolz gepflasterten Weg eines wundervollen Absturzes in die Tiefen der nun endlich erträglichen Leichtigkeit des Seins.

Die Angst vorm Alleinsein wich endlich der mangelnden Freiheit. Und an diesem wunderschönen schlammigen Winterabend sind Micha und ich, zusammen, jeder für sich, hässlich abgestürzt.

Nach jahrelanger Abstinenz und einem harmonisch belanglosen Lebensalltag, der auch ein Rentner-Dasein schmücken könnte, standen wir mit leeren Gedanken und geröteten Augen vor dem Schlammberg unserer Selbst.

Ohne Absicht, ohne Plan.

Kein Ziel in Sicht.

Der Moment, das wahre Leben.

Voller Wahrheit, voller Erkenntnis.

Wir wussten es Beide.

Wir gehörten nicht mehr zusammen.

Micha und ich fuhren am nächsten Tag zurück nach Berlin. Frontsau Stefans Nummer im Gepäck. Stille im Zug. Leere im Kopf. Dafür Erkenntnis, wie befreiend.

Der Winter schlug voll ein.

Es war Schluss und ich verließ damit unseren von Harmonie und Liebe getragenen gemeinsamen Regenbogen und verabschiedete mich in ein dunkelgraues Loch voller klebriger Hirnkotze, zerfressender Melancholie und vorbildlicher Hingabe an mein eigenes Selbstmitleid. Nur die Hoffnung auf eine Rückkehr des Vergangenen schien Bestand zu haben, denn der Wunsch nach Zukünftigem war noch nicht greifbar. Aber irgendwie roch es schon danach… Und der Vorgeschmack war irgendwo zwischen -ist das Scheiße oder Schokolade- zu schmecken.

SCHAMHAARIGEL

Meine neue WG, ein ranziges Loch aus der Vorhölle in der Kreuzberger Manteuffelstraße konnte ich innerhalb weniger Wochen nach der Trennung von Micha beziehen. Ich teilte mir die 64 Quadratmeter mit Mitbewohnerin Elke. Unauffälliger Typ, 38 Jahre alt, ähnlich klein und farblos wie ich, aber mit einem Touch mehr sozialem Sonderstatus aufgrund auffälliger Neurosen. Sie war psychisch lädiert aus Gründen der elterlichen Trennung und der ständigen Suche nach Halt und Liebe, so sagte sie. Ich ahnte es schon beim Kennlerngespräch. Elke als Mitbewohnerin, die suchte man sich nicht freiwillig aus. Elke war sehr speziell.

Bereits am zweiten Tag unseres frischen, eigentlich unbefleckten Zusammenlebens stöberte sie voller Wonne in meiner Unterwäscheschublade, während ich duschte. Sie erwischte genau die Abteilung, wo ich diese grauen, zerlöcherten Zieh-ich-noch-zum-Joggen-an-jogge-aber-nie-Modelle lagerte. Diejenigen, die in der Werbung auf gebräunter Haut hell Weiß erstrahlen und bei den Models unschuldig und sommerfrisch aussehen. Bei mir in Größe L-XL hingegen sehen die Dinger eher nach Omas Windelhöschen aus. Grau in grau, mit meiner kalkigen Hautfarbe, meines faltigen Hinterns und ziemlich durchlöchert, schneiden sie mir ins Fleisch blaue Streifen herein.

Zum Joggen sollten sie ihren Zweck erfüllen. Zumindest gab ich die Hoffnung nicht auf, irgendwann mal mit denen wieder laufen zu gehen, in diesem Falle waren die Luftlöcher vermutlich außerordentlich praktisch. Und bis dahin, trug ich sie einfach auf. Oder eben Elke.

Ich kam am besagten Tag aus der Dusche. Elke freute sich wie Bolle, „erwischte” ich sie doch scheinbar dabei, wie sie meine Sachen durchstöberte: „Äh, Nori, kann ich mir kurz was leihen? Meine Wäsche… Deine Sachen sind echt voll schön.”

Fassungslos, sprachlos und absolut überrascht, verwies ich sie aus meinem Zimmer. Wohl merkend, dass sie sich heimlich, so dachte sie, eine meiner löchrigen grauen Oma-Panties geschnappt hatte.

Der Groschen war auf jeden Fall bei mir gefallen.

„Nora, wenn du das mit dieser Frau überleben möchtest, sei stark. Du wirst es nicht leicht haben.”

Elkes Habitus deckte sich im übrigen auch mit dem Zustand der Altbau-Wohnung. Sagen wir so, es gab bessere Zeiten. Das Sammelsurium antiker Schätze vergangener Bewohner*innen machte sich in jeder Ritze breit - würde ich hier die Herrin des Gedecks sein,… hach, was träumte ich, dann würde es nach 20 Jahren WG wahrscheinlich genauso aussehen.

Die Zweizimmerwohnung mit aufgequollenen Dielen, leicht gammligen Wänden und verstaubten Zwischenboden lag praktisch gelegen im Herzen von Kreuzberg. Die Lage und Verfügbarkeit rechtfertigten ihr Dasein in meinem Leben, der Rest war Mist. Immerhin hatte mein Zimmer einen kleinen Balkon. Die Einrichtung spärlich zusammengewürfelt. Kleiderstange, Paletten-Bett, ein paar einfache Funde von der Straße und viele bunte Bilder an den Wänden - das sollte reichen. Mein Zimmer war in kurzer Zeit äußerst gemütlich, wie ich fand. Im Vergleich zum Rest der Wohnung, inklusive der Mitbewohnerin.

Zurück zum Jetzt: Es war ein lebensbejahender sonniger Winter-Montag, der Umzug in die neue WG und die Wäscheaktion waren keine Woche her. Es hätte so schön sein können. Ein Neustart nach der langjährigen Beziehung. Doch mein Morgen begann mit einem dumpfen Hämmern im Schädel. Das erste Erwachen, viel zu früh, gab einen ersten Hinweis darauf, was bevorstehen würde.

Der gläserne Kopf mit seinem arhythmisch pochenden Gehirn zeigte sich heute eingehüllt in einem eingerosteten Gürtel, festgenagelt für die Ewigkeit, ans Bettlaken geschnürt. Ein Zustand namens Kater, geschuldet einem Liter Discounter-Rotwein, alleine zu Hause auf dem Balkon. Mit viel deprimierenden Songs der Smashing Pumpkins, Ben Howard und Madrugada - dazwischen die großen theatralen Soundtracks von Hans Zimmer und experimentierfreudige Ausflüge zu Federico Albanese. Kein Wasser zwischendurch.

Und nun? Schnell weiterschlafen, die Augen schließen, bloß weiterschlafen.

Erster Reality Check!

Wo bin ich?

Zu Hause. Wenn man das so nennen kann.

Bin ich Ich?

Ja, schon.

Irgendwie.

Nur falsch herum im Bett liegend, BH noch an.

Geht klar.

Bin ich alleine? Ja. Beruhigend.

Alles noch dran? Nichts gebrochen. BH nervt.

Auswurschteln, weiterschlafen.

Bitte, bitte einfach weiterschlafen.

Tweep tweep... tweep tweep.

Oh nein, war das ein Vogel? Wie spät ist es? Im Winter?

Ein Blick aufs Handy, es war erst 8 Uhr.

Mein Wecker schmetterte SEEED mit „Aufstehn” los.

„Baby wach auf, ich zähl' bis 10,

Das Leben will einen ausgeb'n,

Und das will ich seh'n ,

Lass uns endlich rausgeh'n Das Radio aufdreh'n,

Das wird unser Tag Baby, Wenn wir aufsteh'n.”

Ganz falscher Song gerade.

Ganz falsch.

Die Blase drückte.

Der gefühlte Kopfgürtel schnallte sich nach dem Aufwachen im Minutentakt per Selbstauslöser noch mal auf extra slim. Aufstehen, ab aufs Klo. Scheiße.

„Heeeeey, na du, ich hab Kaffee gekocht”, sang eine freundliche, scheiß freundliche Stimme, aus der Küche. Da saß sie. Elke. Fick dich.

Ein leises „Ahhhrg!” entwich meiner verrauchten Stimmritze, für mehr reichte es meinerseits noch nicht.

Ein erster Blick in den Spiegel bestätigte das Schlimmste: Augenringe, aufgequollen und dunkelschwarz.

Ein kurzer Check: Sind meine Augen gelb? Leber ok?

Nee, alles gut, wieder Glück gehabt.

Aua, fucking scheiße, ist mir übel.

Und während ich mich ungeschickt auf der hässlichen Strand-Motiv-Klobrille drapierte, die aufgrund ihres Postkartenbildes immer sauber aussah und so nicht verraten konnte, wie viele Besuchsurinspritzer die Brille zierten, versuchte ich das Gleichgewicht zu halten.

Hoch konzentriert, damit mein milchiger Blick bloß nicht in Kontakt mit der Pinzette in dem kleinen verpesteten Regal kam. Aber es war wie ein Verkehrsunfall, man fährt vorbei, will auf keinen Fall hinschauen und trotzdem verirren sich die Augen, wenn auch nur für einige Bruchstücke, und zack, hingeguckt.

Das Drama war riesig.

Eine Pinzette mit einem Büschel zwanghaft gezupfter Haare rund um Anus und Vulva von Elke lag genau dort in dem Regal. Die traumatisierenden Erinnerungen von gestern schossen in meinen Kopf. Der Grund für den Wein war Elke, genauer gesagt ihre gezupften Schamhaare.

Unsere WG war nicht schick, unsere WG war auch nicht schön. Es war ein versifftes Loch. Das wäre ja ok. Aber das hier, ging gar nicht: Ich sah sie gestern Abend, sie sah mich. Ich schrie, sie lachte.

„Soooorry, bin gleich fertig”, rief sie mir zu, als sie sich bei offener Badezimmertür ihre strammen spitzen Zehn-Kaliber-Haare per Pinzette einzeln entfernte. Haar für Haar, wohlig dabei lächelnd, während jeder der Kratzbürstenbüschel interessiert begutachtet wurde.

Ich rannte in mein Zimmer.

Schockstarre.

Wenige Minuten später, ein Kontrollblick.

Es war schlimmer als erwartet.

Scheinbar praktizierte sie die öffentliche Rupfmethode schon seit geraumer Zeit. Denn Elkes Schamhaar-Staub-Heuballen nisteten sich bereits zwischen den alten Holzdielen in der ganzen Wohnung ein.

Widerlich!

Ey, einfach nur widerlich.

Und eine Vernichtung aufgrund der Masse und präzisen Lückenfüllung schier unmöglich. Sie verkanteten sich im Innenleben.

Überall.

Nicht drüber hinwegzusehen.

Wahrscheinlich hatte sich bereits ein Wolligel-Imperium gebildet, das bald die Weltherrschaft an sich reißen würde. Während wir oberhalb der Dielen von nichts ahnen, würden die Straßen mit Schamhaar-Staub-Tumbleweed überrollt werden. Und sie, sie wäre die Herrin der neuen Weltordnung und regiert ihre Untertanen. Und täglich aufs Neue würde dieses erleichterte, aber schmerzerfüllte Ahhhh mit der Menschheit geteilt werden. Große Fassungslosigkeit meinerseits.

Das war also meine neue WG. Ich musste hier raus.

Für den Moment half allerdings nur eins. Ich besorgte mir beim Euroladen ums Eck umgehend Flur-Bad-Hausschuhe. So richtige massive grau-braune Männer-Pantoletten mit dicker Plastiksohle. Die sollten das abkönnen. Doch das Gefühl ließ mich bereits nach einmaligem Tragen nicht los, dass die Botten große Todessehnsucht per Strahlung, Kärcher oder Batteriesäure gespürt haben. Die armen Dinger.

Das war bei meinem Ex Micha in unserer Neubauwohnung mit Fußbodenheizung, Putzfrau und -fimmel anders. Wie ein Gruß aus besseren Zeiten versteckte ich meine unschuldigen kuschlig-puschligen Bunny-Hausschuhe, die so bequem waren, dass sie aus weichen glitzernden Flauschewölkchen gemacht sein könnten, unter meiner Bettdecke. Mein Schatz!

Die Entscheidung fiel: Ich werde ab sofort Betthausschuhe tragen, ausschließlich der Erinnerung wegen. Der Entschluss fühlte sich gut an. Eine Hommage an eine heile Welt. Die Trennung der Hausschuhe war essenziell für das Überleben in meinem neuen geteilten Haushalt und das Sinnbild meiner Seele.

Heute war allerdings eher ich Fall für Kärcher und Batteriesäure, überall fühlte ich das pieksig-stachlige Kratzen. Die alkoholbedingte Unruhe ließ mich innerlich toben.

Auch die winterlichen morgendlichen Sonnenstrahlen, machten schon jede Menge Lust aufs Aufstehen, aber so sagte der Körper weiterhin nur eins: „Fick dich, du ausgelaugte Asbest-Latsche!”, und das war nicht an meine Hausschuhe gerichtet.

Auf der Suche nach dem Bunny-Modus meines Selbst verkroch ich mich an diesem Tage unter meiner Decke und shoppte erstmal neue schneeweiße, sehr groß aussehende Unterwäsche.

Ein kleiner hoffnungsvoller Neuanfang!

BESTE FREUNDE

Zwischen Allein- und Einsamsein gibt es bekannterweise ja große Unterschiede. Ich war an diesem Abend Beides. Einsam und alleine. Es war Freitagabend, die Bässe der seit Tagen stattfindenden Technoparty gegenüber ließen meine Fenster wackeln, hin und wieder kamen Wortfetzen und verwehte Jubelschreie bei mir im Zimmer an. Es klang nach mächtig viel Spaß, schönen Menschen und ausgelassener Feierei.

Das baute mich nicht unbedingt auf. Denn die Party versetzte voller Freude meine Wände in Schwingung, während ich, alleine, sozusagen der Kehrwagen hinter dem Karnevalsumzug war und nur noch den verschwommenen Dreck der Party in Form von ein paar ausgefransten Soundfetzen von Klangkarussell, Kölsch und Jan Blomqvist abbekam. Jetzt hatte ich den Salat. Ich starrte die Wand an und umrundete den Inner Circle meiner Alter Egos im Eiltempo und fand aber nur mich, eine ziemlich deprimierte Nora.

Meine alten Bekannten Katharina und ihren Freund konnte ich nicht nach einem Treffen fragen. Ein Pärchen-Abend mit einem Pärchen und einem Single fühlte sich doch komisch an. Da würde weder das Fondue schmecken, noch kann in irgendeiner Form dieses gegenseitige Bekräftigen und ausufernde Verherrlichen des Partners in Perfektion umgesetzt werden.

Dieses: „Mensch Nora, jetzt erzähl doch mal unseren Freunden von deinem leckeren Steinpilz-Risotto. Das war das Beste überhaupt!”

„Ach Micha. So toll war das doch gar nicht, so ganz ohne Trüffel, hör doch auf. Aber gut überredet, gerne.”

Oder: „Habt ihr gewusst, dass Katharina ihren Japanischkurs als Beste abgeschlossen hat?”

„Achim, das muss doch nicht. Aber gut. Ja, hab ich.”

Diese Glorifizierung der besseren Hälfte ist für Singles ziemlich hart und das plötzliche Fehlen nach einer Trennung macht es schwer, das Gute in sich selbst sehen zu können.

„Meld dich, wenn wir dir helfen können”, würden sie dann mitleidig, mit großen Augen zum Abschied sagen. Es wäre wirklich ernst gemeint, aufrichtig und aus vollstem Herzen. Eine wirklich rührend nette Geste, die ein gutes Gefühl hinterlassen würde. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie zusammen lachend und küssend ins Taxi einsteigen und sich auf das gegenseitige, schon lange entromantisierte Tête-à-Tête auf dem Sofa vorbereiten würden.

Es würde nicht heiß und besonders prickelnd vor sich gehen, dieser langweilige Beziehungssex, nein, ganz im Gegenteil. Routiniert würden sie sich beide die Unterhosen ausziehen, die Netflix-Serie stoppen und, so wie immer, maximal zehn Minuten gegenseitig ihre Geschlechtsteile reiben und rubbeln. Meistens sind es kaum mehr als zwei Minuten. Danach kichern sie beide wie beim ersten Mal, ziehen sich an und stopfen sich 100 Kilo Macadamia-Eis rein und werden so gemeinsam fett und alt.

Eine schöne Vorstellung.

Ich könnte ihr Glück nur leider nicht ertragen.