Spatriati - Mario Desiati - E-Book

Spatriati E-Book

Mario Desiati

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Beschreibung

»Spatriati«, das sind in Apulien die Unbestimmten, die aus der Art Schlagenden, die Spinner, die Ziellosen und Alleinstehenden, kurz: die, die nicht dazugehören – so wie Claudia und Francesco. Claudia, leuchtend rotes Haar, mondweiße Haut, ist extravagant und durchsetzungsstark. Francesco, die »schwarze Traube«, akzeptiert stumm Geschlechterrollen und das »Gesetz des ruhigen Lebens« auf dem Land. Doch seine Mutter liebt ihren Vater. Und aus dem Ehebruch der Eltern entsteht eine ungleiche Freundschaft: Er verehrt sie abgöttisch, sie behandelt ihn wie den kleinen Bruder. Sie ist ihm stets zwei Schritte voraus, er sieht zu, wie sie an die falschen Männer gerät. Ihr lässt die Provinz keine Luft zum Atmen. Er ist den Traditionen Apuliens eng verbunden und kann dort doch nicht er selbst sein. Francesco folgt Claudia nach Berlin, wo ihn grenzenlose, auch sexuelle Freiheit erwartet – und neue Fremdheit. Tastend erzählt Mario Desiati von einer Herkunft, die einen nicht ohne Kratzer loslässt. Ein warmer, zarter Roman über den Schmerz der Selbstbefreiung und den späten Mut, es anders zu machen.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2024

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»Unsere Herkunft haftet an uns wie ein riesiges Muttermal, du kannst es so sehr bedecken, wie du willst, es bleibt doch immer da.«

Heimat schmeckt nach Borretschblüten: ein wundersam poetischer Roman über eine unverbrüchliche Freundschaft und eine Generation von Unbehausten, Grenzgängern und Liebesuchenden – nicht nur in Italien

Ausgezeichnet mit dem Premio Strega 2022

Mario Desiati

SPATRIATI

Roman

Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker

Verlag Klaus Wagenbach Berlin

… nie ganz zufrieden, nie ganz bei mir …

GIACOMO LEOPARDI

Erster TeilCRESTIENE

Subst. mask. Irgendeine Person, Mensch. Wie in anderen süditalienischen Dialekten. »Wir sind keine Christen – pflegen jene zu sagen –, Christus kam nur bis Eboli – Christ bedeutet in ihrem Dialekt Mensch« (Carlo Levi). Auch für Person christlichen Glaubens.

Wenn eine Kaltfront über Land auf eine Warmluftmasse trifft, steigt die warme Luft nach oben. So entstehen Gewitter. Regen und Blitze, Wasser und Feuer. Ich habe nie verstanden, wer von uns beiden warm und wer kalt ist, aber ich schätze mich glücklich, meiner mir entgegengesetzten Front in Claudia Fanelli begegnet zu sein, der spatriata, wie man hier die Unbestimmten nennt, die aus der Art Schlagenden, die, die sich nicht einordnen lassen, manchmal auch die Spinner oder die Waisen, die Alleinstehenden, die Unverheirateten, die Landstreicher und Vagabunden, oder vielleicht, wie in unserem Fall, die Befreiten.

Zum ersten Mal fiel sie mir auf dem Schulhof auf, ich fand sie anziehend, ihre roten Haare, ihre mondweiße Haut und ihre prominente Nase. Sie wirkte, als sei sie aus einer anderen Welt, einer fortschrittlicheren und aufgeklärteren, hier hingebeamt worden.

Ich heiße Francesco Veleno, ich bin das einzige Kind von Elisa Fortuna und Vincenzo Veleno, zweier ehemaliger Amateursportler, die sich bei einer Folge von Spiel ohne Grenzen ineinander verliebt und mich in der Hoffnung großgezogen hatten, ich würde sie eines Tages aus dem rätselhaften Unglück erlösen, mich in die Welt gesetzt zu haben. Noch war ich weit entfernt von der Erkenntnis, dass viele Beziehungen lediglich »aus Gründen der Staatsräson« aufrechterhalten werden, wie Claudia es einmal ausdrücken sollte. Und dank ihr würde ich zudem begreifen, dass es keine noch so zwingende Staatsräson gab, die drei derart unterschiedliche Menschen dazu verpflichtete, zusammenzuleben, es sei denn, es ginge darum, eine Strafe abzusitzen. Das Gericht, das Elisa und Vincenzo – trotz des offenkundigen Mangels an Liebe füreinander – dazu verurteilt hatte, zusammenzubleiben, berief sich auf das grausame Gesetz des ruhigen Lebens: ein harter Verhaltenskodex, der den Menschen vor allem in sehr kleinen Orten Disziplin und absolute Strenge abverlangt.

Bevor Claudia in mein Leben trat, war die Realität das, wovon sie mir erzählten, und nicht das, was ich sah. Ich gehörte zu jenen Menschen, die sich von anderen, von den Ereignissen, von Vorschriften und Vorurteilen leiten lassen. Das Ehepaar Veleno hielt mich zu einem unaufgeregten Leben ohne große Sprünge an, zum notwendigen Minimum, um mich über Wasser zu halten. Für sie hatte das, im Grunde genommen, gut funktioniert.

Er, ein stattlicher, draufgängerischer Sportlehrer – für eine kurze Zeit war er gemeinsam mit meiner Mutter zum Fechten gegangen –, der ständig mit einer Beretta M9 herumlief, deretwegen er zwar regelmäßig angezeigt wurde, von der er sich jedoch niemals trennen würde. Noch hatte ich nicht verstanden, dass sich weiße Männer mittleren Alters mit einer Pistole bewaffneten, um ihre verlorenen sexuellen Ruhmestaten zu kompensieren.

Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester im Krankenhaus von Martina Franca. In meiner Kindheit hatte sie mich eine Zeitlang »schwarze Traube« genannt, denn in Martina bauten alle weiße, säuerliche Verdeca-Trauben an, aus denen man einen trockenen Wein herstellt, der einem schon nach zwei Schlucken zu Kopf steigt. Sie hingegen hatte einen Sohn mit olivgrünem, dunklem Teint, wie ihn die Bauern am Ende des Sommers haben oder Sarazenen in den alten Geschichten. Aus der schwarzen Traube wird Primitivo oder Negramaro gemacht. Weine, die einem den Verstand vernebeln. Es wäre nützlich gewesen, mir das bei den impulsiven Entscheidungen meines Lebens ins Gedächtnis zu rufen.

Niemand in meiner Familie sah so aus wie ich. Niemand war so dunkel wie ich, niemand hatte einen so hohen Haaransatz, eine fliehende Stirn, niemand trug wie ich die Last der Trägheit, die mich ans Sofa fesselte, wo ich geistlose Zeitschriften las. Nachmittags war ich oft allein, meine Mutter lebte praktisch im Krankenhaus, manchmal verschwand sie für zwei oder drei Tage am Stück. Mein Vater verlor sich nach der Schule in den Bars des Orts, wo er mit seinen Abenteuergeschichten und seiner Athletenvergangenheit prahlte, um dann mit zerknitterter Kleidung und bedeutungsvollem Grinsen nach Hause zu kommen wie jemand, der eine Heldentat vollbracht hat und es kaum erwarten kann, davon zu erzählen. Aber er erzählte nie etwas. Vielleicht weil ich Angst hatte, nachzufragen, oder vielleicht weil er dachte, ich würde es ohnehin nicht verstehen.

Meine Mutter und mein Vater waren sehr unterschiedlich, und sie waren es auch hinsichtlich der Zeitformen, die sie verwendeten, wenn sie mit mir sprachen. Elisa war eine Frau des Präsens, oft in der ersten Person Plural: »Wir gehen aus«. Mein Vater kannte nur die Vergangenheitsform und manchmal, wenn er über mich sprach, das Futur. Er war ganz mit seinen Erinnerungen verflochten, einem Katalog von Anekdoten, die für ihn selbst glorreich waren, aber langweilig für alle anderen.

In einem stimmten Vincenzo Veleno und Elisa Fortuna jedoch auf wundersame Weise überein: Sie waren zwar selbst keinen einzigen Tag aufs humanistische Gymnasium gegangen, aber sie hegten der Schule gegenüber den Respekt, den man etwas Unerreichbarem entgegenbringt. Dort waren ihre Vorgesetzten ausgebildet worden, Chefärzte, Direktoren, Schulräte. Alles große Geister, die aus dem Titus-Livius-Gymnasium von Martina Franca hervorgegangen waren. Meine Eltern sagten, Latein würde mir alle Türen öffnen, ich würde dort die Kinder der wichtigen Familien kennenlernen. Für sie war dieser Weg der vielversprechendste. Sie waren Menschen, die die Wahrheit der anderen ganz genau kennen, die eigene jedoch nicht.

***

Für Claudia existierte ich zunächst überhaupt nicht. Sie war die Größte an der Schule, ihre roten Haare flimmerten um ihren Hals – sie hatten die Farbe der Maraska-Kirschen, die meine Großeltern im Sommer pflückten, um sie in granat- und amarantrote Konfitüre zu verwandeln. Claudias Augen waren verschiedenfarbig, eins hellbraun und eins blaugrün, was man hier »Waldaugen« nannte. Sie hatte hervorstehende Knochen, spitze Wangenknochen, ein langes und schmales Gesicht.

In den Pausen leerte sich der Schulhof des Gymnasiums, die Schüler flüchteten sich an die Mauern, wo es schattig war. Sie war die Einzige, die in der Sonne blieb. Wenn jemand das Quadrat des Schulhofs von oben hätte betrachten können, hätte er eine Asphaltwüste mit einem kleinen roten Punkt in der Mitte gesehen. Wir hatten einige schlechte Angewohnheiten gemeinsam: Auch sie fummelte sich im Gesicht herum und wickelte Haarsträhnen um ihren Zeigefinger. Unter ihren Büchern stachen die bunten Einbände der Mangas von Rumiko Takahashi hervor; wenn sie zur Schule kam, hörte sie Musik mit Kopfhörern, alle anderen waren ihr egal. In den Zwischenstunden spitzte ich Bleistifte in ihrer Nähe und unterhielt mich mit meinen Schulkameraden, Langweilern mit Quadratschädeln und Philip-Morris-Atem. Einmal belauschte ich das gemeine Verhör, dem sie von einer Schar Mitschüler unterzogen wurde: »Wieso bist du immer allein?«, »Wieso bist du nicht so wie die anderen?« Damit wollten sie sagen: »Wieso bist du so, wie du bist, und nicht so wie wir?« Scheinheilig drangen sie weiter in sie, ließen nicht von ihr ab, und Claudia antwortete: »Es ist schon schwer genug, so wie ich zu sein, wie sollte ich da auch noch wie die anderen sein.«

Unerwiderte Liebe ist ein einfacher Zufluchtsort für einsame, unsichere Jugendliche, die noch nicht wissen, wer sie sind, und ich wusste damals so gut wie nichts über mich. Alles, was ich bis dahin gewesen war, hielt ich verborgen, aus Angst davor, man könnte mich für untauglich halten. Meine Kindheit war geprägt von katholischen Jugendfreizeiten auf den Feldern und schlechten Provinzfußballmannschaften, von Trainern, die schnell handgreiflich wurden, und Pfarrern mit Holzbein, die sich ihre verstümmelten Glieder in der Sakristei einreiben ließen, während die Draufgängerischsten von uns in der leeren Kirche Fußball spielten und dabei den Altar als Tor benutzten.

Die Velenos schienen sich wegen der roten Male, von denen meine Beine übersät waren, keine Sorgen zu machen, ob ich betete oder sündigte, war ihnen egal, selbst wenn ich voller Dreck, Erniedrigung und Düngergeruch von den Feldern nach Hause kam.

Das Schuljahr war soeben zu Ende gegangen, der Sommer lag in weiten Mohn- und Getreidefeldern vor uns. Als ich nach Hause kam, war niemand da. Ich gab mich der Stille hin, dann der Abenddämmerung, die die Zimmer in Dunkelheit hüllte, und wurde melancholisch. Ich aß nur ein bisschen in Wasser getunktes Brot mit Salz und Tomaten, mein Abendessen, wenn meine Mutter Spätschicht hatte und mein Vater wegen irgendwelcher undurchsichtigen Besorgungen unterwegs war. Ich schlief auf dem Sofa ein. Morgens blieb die Wohnung still, nichts war zu hören von den Geräuschen, die mich normalerweise weckten, wenn meine Mutter vom Krankenhaus zurückkam oder mein Vater das Waschbecken zum Rasieren einlaufen ließ und vor dem Spiegel mit sich selbst sprach. Mit verklebten Augen und ausgetrockneter Kehle ging ich benommen und planlos umher, bis ich auf dem Resopaltisch – einer Schulbank, die mein Vater aus seiner Fachoberschule als Schreibtisch für mich hatte mitgehen lassen – einen weißen Umschlag fand: »Für meine schwarze Traube«. Ich hatte den Eindruck, meine Mutter habe das mehr für sich selbst als für mich geschrieben.

Ich musste weg, und du warst nicht da. Ich werde mit dir über die kommenden Tage sprechen. Ich werde dich im Krankenhaus erwarten.

Sie hatte das Futur verwendet, das beunruhigte mich.

Zum ersten Mal betrat ich das Krankenhaus, und meine Nase wurde von einem benzinartigen Geruch erfüllt, das Getrappel von Schuhen auf dem Fußboden hallte in den halbleeren Fluren wider, die großen Fensterscheiben erstreckten sich bis zum Boden, und in den Zimmern wachten hinter angelehnten Türen kerzengerade Schatten bei in Weiß gehüllten Körpern. Meine Mutter erschien in ihrer Uniform, mit durchgedrückten Schultern, einem Paar Clogs und durchscheinenden Socken. Ihr Gesicht strahlte, ihre Augen funkelten und glänzten, ihre blonden Haare hatte sie zu einem strengen Dutt am Hinterkopf zusammengebunden. Sie umarmte mich fester als sonst, ihr Streicheln auf meinem Rücken fühlte sich an wie eine energische Massage, die Übertragung eines geheimen Codes zwischen mir und ihr, Tieren derselben Spezies, die einander erkennen. Sie roch nach Sonntagmorgen, nahm mich bei der Hand und führte mich ins Ärztezimmer, wo wir unsere Ruhe haben würden. Sie pfiff die Melodie von Matia Bazars Vacanze romane. Sie war glücklich, während ich Schwierigkeiten hatte, meine Nervosität im Zaum zu halten, wie konnte man an so einem Ort bloß glücklich sein? Sie redete über verschiedene Dinge, die mein Gehirn verarbeitete und sofort wieder entfernte, das Lächeln, mit dem sie mich empfangen hatte, verwandelte sich allmählich in einen ernsten Ausdruck der Betretenheit.

»Wir werden getrennt sein, aber nur für eine Weile, wir brauchen etwas Raum, jeder für sich.« Sie kam zum Punkt: Sie hatte meinen Vater verlassen.

»Später wirst du es verstehen«, beendete sie unser Gespräch.

Ganz ausgelaugt ging ich nach Hause zurück, wobei ich mich auf das Geräusch konzentrierte, das die Gummischuhe auf dem Asphalt machten.

»Die kommt schon wieder zurück, irgendwann kommen sie alle wieder zurück«, verkündete der Maulheld, mein direkter Vorfahre, als er mich mit meinen nicht geweinten Tränen und meinen unterdrückten Schreien auf der Schwelle stehen sah.

Die Routine unserer Tage veränderte sich, er brachte Pastagerichte von meiner Großmutter mit nach Hause, die in ein angewärmtes Küchenhandtuch gewickelt waren, oder er wärmte Tütensuppen auf, die er verlässlich anbrennen ließ, und schimpfte dann ebenso verlässlich auf Töpfe, Gasherde, Suppenhersteller. Nie war es seine Schuld, immer war jemand anderes schuld, aber noch hatte ich keine Ahnung von Menschen, die immer einen Sündenbock suchen, und wusste nicht, wie man mit ihnen umgeht. Unter der Asche meines sanftmütigen Äußeren schwelte eine heiße Wut, nicht weil sich meine Eltern getrennt hatten, sondern weil ich es nicht früher begriffen hatte.

***

An den folgenden Tagen war ich orientierungslos. Ich versuchte, so wenig wie möglich zu Hause zu sein, die Fenster blieben die ganze Zeit geschlossen, und in der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr. Ich lernte in der Bibliothek oder bei irgendeinem Freund zu Hause, aber schnell begannen meine Schulkameraden mich auf Abstand zu halten, denn schwarze Trauben haben immer faule Stellen: Ich hatte keine Lieblingsmannschaft, spielte kein Street Fighter, wenn man mir eine Ohrfeige verpasste, wehrte ich mich nicht, und ich kam gut mit den Pfarrern aus. Ich wurde mit dem Argwohn betrachtet, den man den etwas Andersartigen entgegenbringt, ich bewohnte die Grenze zwischen Vorsicht und Vertrautheit, zwischen den Besseren und den Schlechteren.

Einmal hielt mich eine Klassenkameradin von Claudia beim Verlassen der Schule auf. Giada, die mehrmals sitzen geblieben war, eine kleine Erwachsene mit nach unten weisenden Augenbrauen und Mundwinkeln: »Halt dich von Claudia fern, sie hasst dich!« Sie wirkte dabei nicht aufrichtig, aber anstatt zu Claudia zu gehen und sie nach dem Grund zu fragen, wurde ich noch verschlossener. Stundenlang wanderte ich an den heißen Nachmittagen im September oder jenen windigen im Oktober durch die von den Schornsteinen verrußten Gassen der Altstadt oder über frisch gemähte Feldwege. Ich betrachtete den Ort durch den Rauch der Nazionali-Zigaretten oder der Hornpfeifen der Alten, die sich in Grüppchen vor den Friseurläden versammelten. Fasziniert beobachtete ich, wie der Friseur die Borsten des Rasierpinsels aus Schweine- oder Dachshaar einweichte. Während der Rasierschaum durch seine kreisenden Pinselstriche immer weiter verteilt wurde, schlossen die alten Männer beinahe vollständig die Augen, öffneten ihre weiß gefärbten Lippen und ließen ihre roten Gaumen erkennen. Als sie jung waren, waren sie sicherlich genauso wie meine Freunde von der Jugendfreizeit gewesen, kernig, barsch, leicht reizbar, sonnenverbrannt. Der Friseur sagte immer, Dachs sei besser als Schwein, der werde im Herbst gejagt und in lange gereiftem Wein eingelegt. Im Spiegel betrachtete ich meinen langsam wachsenden Bartflaum und meine langen Haare: Ich sah aus wie ein kleiner dunkler Jesus.

Ich nahm an der Prozession der Rosenkranz-Madonna teil, in einer weißen Kutte, in der Hand ein Eisenkreuz, dessen Stange so lang war wie ich selbst und an dessen Spitze ein Christus aus Holz befestigt war. Don Bastone, der Pfarrer, betete in ein Megafon und stützte sich währenddessen auf zwei Ministranten, die ihn wie einen Müllsack herumschleiften, ein Dutzend aufgeregter Jugendlicher hantierte mit den Weihrauchfässern herum. Während ich betete, hielt ich das Kreuz umklammert, die Kälte des Eisens übertrug sich auf meine Hände. Es endete damit, dass die anderen einander die Kutten vom Leib zogen und mit den Weihrauchfässern aufeinander eindroschen, was Don Bastone wahnsinnig machte, der sich hierhin und dorthin wendete, ohne dass ihn irgendjemand beachtet hätte; mir rissen sie das große Kreuz aus der Hand und schlugen sich damit gegenseitig die Köpfe ein. Ich wollte lachen, ich wollte beten, beschränkte mich aber darauf, dem Aufstand zuzusehen, und dachte, dass wohl niemand im ganzen Universum so glücklich wäre wie Jesus, wenn er sah, wie seine Engel aufeinander einprügelten, nur damit die Prozession möglichst schnell zu Ende wäre und sie wieder weiterspielen konnten.

Ich spielte nicht weiter: Auf dem kurzen Anstieg zurück in den Ort, auf der Anhöhe zwischen der Ruine eines Hauses und einer in den Fels gehauenen Kapelle, sah ich sie.

In den letzten Wochen hatte sie sich ziemlich verändert: Sie hatte jetzt kurze Haare und trug Männerkleidung, weiße Hemden mit schwarzer Krawatte. An jenem Tag trug sie einen Hut aus Wollfilz und eine blaue Krawatte mit roten Punkten, ihr Gesicht war zu einem strengen Schmollmund verzogen. Als ich sie von unten sah, während ich, noch immer in meine Kutte verpackt, den Weg hinaufging, hatte ich den Eindruck, sie würde auf mich warten. Die aus der Oberstufe machten ihr den Hof, weil sie groß war, weil sie helle Haut hatte und weil das über ihren Kopf gestreute Rot den Eindruck erweckte, man könne ihre Gedanken brennen sehen. Ich hingegen liebte ihre große Nase und ihren breiten Mund.

»Hallo, Francesco.«

Ihre Stimme erzeugte das Schaudern, das einer Gänsehaut vorangeht. In den wenigen Sekunden zwischen ihrem Gruß und meiner Antwort dachte ich, es sei ein Wunder geschehen, da meine Hände vom Kreuztragen gerötet waren: Sie hatte meine Liebe und mein stilles Hofieren der letzten Monate erkannt.

»Claudia«, sagte ich schüchtern. Ihren Namen in den Mund zu nehmen, bereitete mir ein gänzlich neuartiges Vergnügen.

»Wir zwei müssen reden.«

»Ja, das glaube ich auch.« Hasst du mich wirklich?, wollte ich sie im nächsten Augenblick fragen.

Aber sie kam mir zuvor.

»Wie sind die Titten deiner Mutter so?«

»Das versteh ich nicht.«

»Du verstehst das sehr wohl, du sollst mir sagen, wie die Titten deiner Mutter sind.«

Mein Blick verschleierte sich.

»Willst du mir nicht antworten?«

»Ich weiß nicht.« »Ich weiß nicht« zu sagen kostete mich eine unglaubliche Anstrengung, denn irgendwo tief in mir spürte ich, dass ich sie bereits jetzt enttäuschte.

Aber meine Zurückhaltung war in ihrem Verhör genau vorgesehen, und so nahm sie den Faden ihres vorgefertigten Drehbuchs wieder auf, um zum eigentlichen Kern vorzudringen, der Wahrheit, die ich noch immer nicht begriffen hatte:

»Na gut, und wie geht’s deinem Vater?«, sie nahm ihren Hut ab und schüttelte den Kopf.

»Wieso fragst du mich das?«

»Weil es meiner Mutter nicht gut geht.«

Langsam begann sich vor meinen Augen ein neues Bild zusammenzusetzen, meine Eltern erschienen darin auf eine Art, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Fleisch, Sex, Menschlichkeit. Auch Claudia nahm ich nun in einem anderen Licht wahr: Sie war eine Tochter wie ich, und über ihre Eltern wusste ich nichts.

»Veleno, weißt du, wer mein Vater ist?« Dieser plötzliche Wechsel zum Nachnamen drängte mich zu einer würdevolleren Einsilbigkeit.

»Nein.«

»Mein Vater ist Chirurg in dem Krankenhaus, in dem deine Mutter arbeitet. Und sie leben jetzt zusammen.«

In Familien gibt es keine Geheimnisse, nur schmerzhafte, teils erbärmliche, teils unabdingbare Übereinkünfte des Ungesagten. Und in diesem Ungesagten liegen die tieferen Wahrheiten, die Krisen, der Kampf zwischen Gut und Böse, der Ursprung aller Beziehungen und aller Traumata. Mit der Zeit würde ich begreifen, dass Claudia in diesem Moment so etwas wie ein Gewinnerlos im Lotto mit mir teilte. Das Ungesagte lag dort, gut sichtbar ausgebreitet vor unserer Unschuld. Ich war so verstört, dass Claudia einen Ausdruck der Fassungslosigkeit annahm: Die gereizte Wut, mit der sie mich gerade in das Geheimnis unserer Familien eingeweiht hatte, verwandelte sich in unerwartete Fürsorglichkeit.

»Veleno, geht’s dir gut?«

»Ja!«, sagte ich, aber das stimmte nicht, und sie bemerkte es.

»Hast du das nicht gewusst?«

»Ich wusste gar nichts«, stammelte ich, und meine Augen schwollen an, ohne dass ich es wollte.

»Dann war’s ja gut, dass ich es dir gesagt habe.«

Nein, das war nicht gut, dachte ich, jetzt werden wir Stiefgeschwister, ich wollte doch mit dir zusammen sein, dich lieben.

Claudias Lippen verschwanden in ihrem Mund, sie atmete ein, und beim Einatmen schienen ihre Haare zu einem Heiligenschein aus Licht zu wachsen, Funken von Achat und Karneol markierten die Linie, die uns voneinander trennte und uns miteinander verband.

»Magst du mich nach Hause begleiten und ein bisschen drüber reden?«

Ein unangenehmer Wind wehte durch den Ort, die Straßenschilder quietschten. Wir gingen Straßen voller Menschen entlang, die von der durch die Schlägerei unterbrochenen Prozession kamen. Alle sahen uns an: ein Mädchen, das wie ein Mann gekleidet war, und ein Junge in einer langen Kutte, die bis auf den Asphalt hinunterreichte.

»Kinder, Karneval ist vorbei!«, rief irgendein Typ. Andere musterten uns aus den Augenwinkeln heraus.

»Hier kommen wir nicht unbeobachtet vorbei«, sagte ich.

»Was kümmert dich das, Veleno.«

»Gar nichts.«

»Tut es doch.«

»Das stimmt nicht.«

»Glaubst du eigentlich dran?«, fragte sie völlig unvermittelt.

»Woran?«

»An Gott.«

»Ja«, sagte ich in einem scharfen Ton. Ich wollte stolz wirken, aber es kam ein düsteres Quäken heraus.

»Und glaubst du auch an die anderen Sachen: die Prozession, den Gottesdienst?«

»Siehst du nicht, wie ich angezogen bin?«

»Der Schein trügt.«

»Und du bist angezogen wie ein Mann, bist du ein Mann?«, ich zeigte auf ihre blaue Krawatte mit den roten Punkten.

»Das sind Papas Klamotten.« Sie lockerte den Knoten der Krawatte, sagte, dank ihm habe sie angefangen, Mangas zu lesen, Rockmusik und Fabrizio de André zu hören, sie hielt ein kurzes Plädoyer, dessen Intensität sich mir einprägte.

»Ich liebe meine Mutter auch, aber ich ziehe mich deshalb nicht an wie eine Frau«, warf ich ein.

»Schade, würde dir stehen.«

Nun lächelte sie, sie lächelte mir zu.

Ich tat so, als hätte ich sie nicht verstanden.

Schweigend gingen wir weiter, nahmen Umwege, kamen zur alten Umgehungsstraße, man konnte Olivenhaine, Weinstöcke und Trulli sehen.

Mit fünfzehn, sechzehn Jahren ist Abneigung eine ebenso hohe und feste Mauer wie der Hass.

»Eigentlich wollte ich dich verprügeln«, sagte Claudia.

»Und wieso hast du es nicht getan?«

»Als ich mit dir geredet habe, habe ich verstanden, dass es besser ist, wenn wir Verbündete sind.« Und mich mit flammenden Blicken durchbohrend fügte sie hinzu: »Wir müssen einander alles sagen.«

Während dieses kurzen gemeinsamen Spaziergangs schüttete ich ihr mein Herz aus. Ich erzählte ihr, wie mein Vater meine Mutter bei Spiel ohne Grenzen kennengelernt habe, bei der Vorbereitung für die Folge, die in Martina Franca gedreht wurde. Ich erzählte ihr, wie die beiden während des Trainings im Fitnessstudio an Kletterstangen hinaufkletterten und sich dort ineinander verliebt hatten.

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es nicht, aber mir gefällt die Vorstellung«, gab ich sofort zu. In diesem Herzen, das ich vor ihr ausschüttete, war nicht gerade viel.

Als wir bei ihr zu Hause ankamen, stellte ich fest, dass ihre Augen nicht mehr leuchteten, ein dunkler Schatten war auf ihr Gesicht gefallen. Ich fühlte mich unwohl, als ich das Fenster musterte, das auf den Garten hinausging. Beinahe tonlos sagte sie zu mir: »Vielleicht ist meine Mutter da, du solltest lieber gehen.«

Gleich darauf öffnete sich die Tür, als habe ihre Mutter uns belauscht. Ich sah, wie sie Claudia mit einem Zeichen anwies, sich die Schuhe gut an der Fußmatte abzutreten, dann wurde Claudia von der sich schließenden Tür verschlungen. Im Fenster sah ich, wie sich der Umriss von Etta, ihrer Mutter, in meine Richtung wandte, der ich noch immer ungläubig dorthin starrte.

Als ich allein war, fiel mir die Wahrheit wie Schuppen von den Augen: Meine Mutter war von zu Hause ausgezogen wie Millionen von Eltern auf der ganzen Welt, die sich in die richtige Person verlieben, nachdem sie die falsche geheiratet haben. Und ich war das Kind dieses Irrtums.

***

Claudia war in einer Welt der Makellosigkeit aufgewachsen. Weiße Kleidung, gestärkte Hemdchen, zugeknöpft bis zum Hals. Wenn sie im Wohnzimmer Purzelbäume geschlagen hatte, wurde ihr Schweiß danach unter den aufmerksamen Blicken ihres Vaters mit duftendem Puder getrocknet. Alles in ihrer Kindheit roch nach Puder, nach weißem Pulver aus Magnesium und Schwertlilienbutter.

Von ihr lernte ich, auf eine andere Art über meine Eltern zu sprechen, die für mich bislang so unantastbare wie verschwommene Figuren gewesen waren. Claudia war kritisch und warmherzig, sie liebte ihre Eltern, und einen Augenblick später schien sie sie zu verachten. Ihre Mutter, Etta Bianchi, verheiratete Fanelli, wurde mir als eine von Ordnungswahn Besessene beschrieben, eine Frau mit altmodischen Prinzipien und äußerst modernen Neurosen, sie war die Zweitgeborene der Bianchi Caracciolese, Bauernadel, Gutshof- und Großgrundbesitzer, die im Lauf der Jahre Macht, Geld und einen ihrer beiden Nachnamen eingebüßt hatten. Etta hatte eine Dorfschule besucht, und auf ihren Kinderfotos trug sie stets Musselinkleider mit Kragen, die aussahen wie bestickte Spitzendeckchen. In ihrem Kontrollzwang putzte sie Claudias Zimmer wie jemand, der in der Unordnung nach einer verborgenen Wahrheit sucht. Ettas Pedanterie wurde zudem von einigen Angewohnheiten begleitet, die ihre Tochter für geschmacklos hielt: Sie las heimlich ihr Tagebuch und hatte ihr, als Claudia zum ersten Mal ihre Tage hatte, einen Ring geschenkt und sie »Tautröpfchen« genannt.

Nach der Schule spazierten wir um die Altstadt herum, und manchmal wagte ich es, mein Handgelenk in die Hüfte zu stemmen und meinen Ellenbogen abzuwinkeln, in der Hoffnung, sie würde sich bei mir unterhaken. Wir kletterten auf das Dach eines verlassenen Klosters und genossen von dort aus den Anblick des Valle d’Itria und der weißen Krater von Ostuni und Locorotondo.

Seit meine Mutter ausgezogen war, war sie wesentlich mitteilsamer, ich traute mich zwar nicht, es mir einzugestehen, aber auch unser Verhältnis hatte sich dadurch verbessert.

Claudia erzählte mir noch die kleinsten Details mit einer Begeisterung, als vertraute sie mir ein lebenswichtiges Geheimnis an. Wie sehr sie die vergilbten Papierhüllen von Schallplatten liebte, und vor allem den Augenblick, wenn die Nadel des Plattenspielers über die schwarzen Rillen zu kratzen beginnt. Das kurze Rauschen, bevor die Musik einer 33er-LP erklang, war für sie das reinste Glück. Ihr Vater ging mit ihr in den Plattenladen. Er kannte sich aus, besichtigte mit ihr auch die allegorischen Prozessionswagen, die in großen Lagerhäusern am Ortsrand vorbereitet wurden, umgeben von Kieselsteinen, Brennnesseln und Müll. Er erlaubte ihr, den Kleister aus Wasser und Mehl zu probieren, mit dem die Pappmaschee-Meister die Papierstreifen an den Eisenkernen dieser Giganten festklebten. All ihre Erzählungen hatten einen bestimmten Unterton: Ihr Vater war schlicht großartig und genau der richtige Mann für alle Frauen mit großen Ambitionen.

Je enger unsere Beziehung wurde, desto mehr entfernten wir uns von den anderen. Claudia konnte sich besser ausdrücken als der Rest, sie las Osamu Tezuka und Banana Yoshimoto, aber sie war nicht Klassenbeste, in ihrer Männerkleidung fiel sie auf, zwinkerte aber nicht ihren Klassenkameradinnen zu, die sie bewunderten oder hassten, sie ging in die Kirche, aber nicht in den Religionsunterricht, sie war sensibel, aber die Witze über ihre Männernase oder ihre flache Brust trafen sie nicht, bei Schulversammlungen blieb sie stets für sich und vertrat Minderheitenpositionen oder extreme Ansichten. Am einen Tag war sie gegen Streiks, in der folgenden Woche sprach sie sich für Besetzungen aus. Man rief sie Mohnblume, und sie lachte darüber, im Frühling färbte der Mohn die weiten grünenden Felder im Süden rot, sie standen für den Beginn der Ferien, Sommer, unsere Jugend.

In ihr brannte ein Licht, im Gegensatz dazu wirkten die anderen wie erloschen, alle identisch mit den gleichen Frisuren, den gleichen Sonnenbrillen. In der Pause kletterten sie aufs Dach der Schule und setzten sich mit dem Rücken zum majestätischen Horizont, vor dem sich die Türme der Stiftskirchen und Klöster, die grünen Flecken der Olivenhaine und die orangenen Flecken der Mazedonischen Eichen abzeichneten. Die anderen hießen Giuseppe, Luigi, Salvatore, Romina, Ilaria, Valentina, aber untereinander nannten sie sich alle »Bruder« und »Schwester«, sie gingen zwei Wochen lang miteinander, dann machten sie Schluss und kamen irgendwann wieder zusammen, sie spielten Erwachsene.

Uns hätte nie irgendjemand »Bruder« oder »Schwester« genannt, und wir hätten das auch gar nicht zugelassen.

Auch mein Ministranten-Christentum veränderte sich, sie lebte ihren Glauben wie etwas Erhebendes, ich folgte ihr, wenn sie im Gottesdienst das Hosanna anstimmte. Die Blumen auf dem Altar, das flackernde Licht der elektrischen Kerzen, das Sich-Bekreuzigen und das »Gehet hin in Frieden«. Im Buch Exodus offenbart sich Gott Moses mit den Worten: »Ich bin, der ich bin.« Claudia wiederholte diesen Satz wie ein Mantra. Die Klänge der elektrischen Orgel, der Kinderchor der katholischen Jugend, die Heilige Schrift, die von Gerechtigkeit, Liebe und Glauben sprach, die Papiergirlanden und natürlich die Musik des Hosanna, die zwischen den Kirchenmauern widerhallte. Wir erlebten die Segnungen der weißen Rosenblätter und fragten uns, ob das Himmelreich nicht genau so sein müsste: eine dicht gedrängte Ansammlung von Gebeten, Gesängen und Wohlgerüchen. Nach dem Gottesdienst betrachteten wir die Olivenbäume hinter den eisernen Glocken der letzten Kirche des Ortes.

In dieser Dehnung der Zeit, die der Jugend vorbehalten bleibt, wenn jeder Augenblick ein Zögern der Zukunft ist, träumte ich davon, schnellen Schrittes dem Sommer entgegenzueilen, auf eine Vespa zu steigen und auf grauen Straßen zwischen Aleppo-Kiefern hindurch ans Meer zu fahren, die Geheimnisse des gelben Sandes oder gewisser verlassener Häuserruinen in den blauen Buchten des Hafens zu erkunden, in denen die Frauen früher nackt schwimmen gegangen waren; ich träumte davon, bei Sonnenuntergang gemeinsam unter den silbernen Wolken zu beten, die durch das Nadelöhr des Himmels über dem Golf von Taranto ziehen.

Der Ehebruch unserer Eltern kam mir allmählich wie ein Segen vor. Ich war versucht, Claudia ein kleines Körnchen meiner Begeisterung zu beichten: Im Grunde genommen war meine Mutter perfekt für ihren Vater.

***

Nach ihrer Flucht in einen Bauernhof aus Lecce-Stein kehrten unsere treulosen Eltern zu Heiligabend nach Hause zurück. Weihnachten merzte die ehebrecherischen Leidenschaften aus und führte die beiden sogar wieder zurück in den Schoß der Heiligen Familie. Es war reine, unwiderstehliche Trägheit, die dafür sorgte, dass sie sich wieder in die Welt der perfekten und glücklichen Verwandten einreihten, die unterm Weihnachtsbaum Geschenke auspacken und eingehakt zur Mitternachtsmesse ziehen.

Etta empfing Enrico wie einen Helden, der aus dem Krieg zurückkehrt, sie umarmte ihn und wusch ihn mit ihren Tränen. Vor der ganzen Verwandtenschar, die sich zwischen angezündeten Kerzen, roten Servietten und zwei großen Tafelaufsätzen mit Stechpalmen daran machte, das Weihnachtsessen zu begehen, erhob sie sich in einem mystischen Delirium von ihrem Stuhl, ein amarantrotes Büchlein in Händen, um ihren Rachefeldzug zu beginnen, den sie bis ins kleinste Detail ausgeklügelt hatte. »Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe nie dein Gebot übertreten …«, Enrico begriff sofort, worauf das hinauslaufen würde, und schüttelte den Kopf: »Etta, Etta, Etta.« Aber sie deklamierte weiter: »Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Gut mit Huren vergeudet hat, hast du für ihn das gemästete Kalb geschlachtet … Du solltest aber fröhlich sein und dich freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, und er war verloren und ist wiedergefunden worden!« – Claudia sprang vom Tisch auf, lief in ihr Zimmer, suchte ihre Kopfhörer und drehte Come as you are auf volle Lautstärke, bis das Hämmern von Krist Novoselic’ Bass gegen ihre Schläfen dröhnte und das Schreien von Kurt Cobain sie überwältigte. Ihr Vater ging ihr nach und blieb auf der Schwelle ihres Zimmers stehen, ohne etwas zu sagen, er sah ihr in die Augen mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der auf unschuldig plädiert. »Ich kann nichts dafür, wenn ich mit Elisa glücklich bin«, hätte er ihr vermutlich sagen wollen. Als wir später am Abend miteinander telefonierten, wirkte Claudia melancholisch, ihre Stimme klang belegt, sie vertraute mir an, dass sie sich in ihrem Leben noch nie so sehr geschämt habe.

Die Rückkehr meiner Mutter in den Kreis der Velenos war weniger theatralisch. Mein Vater schien geradezu genervt, er hatte eine rauschende Silvesterparty in einer dubiosen Villa am Ortsrand mit ebenso dubiosen Personen des lokalen Nachtlebens geplant und hielt mir schon Vorträge, dass ich mehr Zeit mit meinen Großeltern verbringe solle, weil es denen nicht gut gehe. Seine Enttäuschung wuchs noch, als er das Geschenk meiner Mutter auspackte (er hegte keinerlei Absichten, ihr etwas zu schenken): eine Uhr mit einem Edelstahlarmband, die Vincenzo Veleno niemals anlegen würde. Wir wussten, dass sie dieses Geschenk nicht selbst ausgesucht hatte.

Es war wie jedes andere Weihnachten meines Lebens, wir aßen mit der ganzen Bande von Velenos und Fortunas zu Abend, mein Vater war sarkastisch und nervös, meine Mutter heuchelte ein vages Interesse für die Geschichtchen der Verwandten, ihr Lächeln glich jenem höflichen Gesichtsausdruck, den man aufsetzt, wenn man ein Angebot ablehnt. Es war offensichtlich, dass sie es gar nicht erwarten konnte, wieder ins Krankenhaus zu fahren, wo sie sich am Nachmittag des 25. für eine Schicht hatte eintragen lassen.

Elisa und Enrico hatten ihrer Liebe nicht entsagt. Sie trafen sich in einem Bauernhof mit weißem Gewölbedach, er war umgeben von einem schwarzen Feld, auf dem Hafer ausgesät worden war, man erreichte ihn über einen zypressenbestandenen Weg. Sie verließen das Krankenhaus durch zwei verschiedene Ausgänge und trafen sich an seinem Auto. Sie fuhren über kurvige Straßen an antiken Mauern entlang und hörten das aktuelle Album von Iggy Pop oder einen seltenen Konzertmitschnitt von Charlie Parker, von dem meine Mutter in ihrer großen Bescheidenheit sagte, sie verstehe ihn zwar nicht, finde ihn aber faszinierend. Sie passierten Weinberge und Olivenhaine und sangen mit heruntergelassenen Fenstern aus vollem Hals Franco Battiatos Sentimiento nuevo, bis zum Zypressenweg, der sie verschluckte und bei Einbruch der Nacht Arm in Arm und besiegt von ihrer Liebe wieder ausspuckte.

Elisa schminkte ihre Lippen kirschrot und zeichnete ihre Augenlinie blau nach, sie verließ das Haus frühmorgens und kam erst spätnachts wieder, mehrmals hatte ich sie dabei überrascht, wie sie alleine vor sich hin lachte. Enrico hatte die gleiche Nase wie Claudia und auch die gleichen kantigen Gesichtszüge, die bei ihm jedoch von einem kurzen Bart etwas abgeschliffen wurden, und er hatte eine glänzende Glatze: Seiner Tochter hatte er immer erzählt, seine Haare seien ihm ausgefallen, weil ihm so viele Ideen gewachsen seien. Wenn ich sie mir aus der Ferne zusammen vorstellte, schien sich das neue Liebespaar kunterbunt abzuheben vom grauen Alltagsleben der Eltern all meiner Bekannten. Vincenzo und Etta mussten sich um alle irdischen Angelegenheiten, die Kinder, die praktischen Dinge kümmern, den Ehebrechern hingegen wurde ein Glück zuteil, das auf mich unerklärlich und wie nicht von dieser Welt wirkte. Dieses Glück sollte ich mein ganzes Leben lang suchen.

Dieses neue Gleichgewicht, das mich beschützen sollte, fand ich selbst am unbefriedigendsten von allen. Das war der Preis, den ich zahlen musste: Mittag- und Abendessen mit einem zerstreuten und streitsüchtigen Vater, der zu sehr auf sich selbst fixiert war, und einer sündigen Mutter, die einen Nachteil auszugleichen hatte. Sie Opfer/ Täter und er Täter/Opfer. Beide waren unerträglich.

Als ich meine Mutter einmal dabei beobachtete, wie sie ihre blonde Haarmähne entwirrte, dachte ich, dass Enricos Hände wohl wesentlich mehr damit anfangen könnten als die groben Finger meines Vaters. Sie drehte sich zu mir und sagte: »Ich weiß, dass du mit Claudia befreundet bist …« Ich fühlte mich ertappt und verletzt. »Das ist nicht gut, Francesco«, fügte sie hinzu. Dann kam sie auf mich zu, blickte mir in die Augen und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Aber ich kann’s dir nicht verbieten«, stellte sie klar, als hätte sie schon lange darauf gewartet, mir das zu sagen. Darin lag der Sinn all dessen, was kommen würde: Niemand konnte mir verbieten, derjenige zu sein, der ich sein wollte.

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Claudia veränderte sich. Die scheinbare Routine des Zusammenlebens von Etta und Enrico schien sie zu besänftigen, sie kleidete sich weniger kreativ und hatte stets den Kopf in den Wolken, vielleicht um dieser heuchlerischen Idee vom ruhigen Leben zu entfliehen. Ich konnte die Veränderungen an ihren Händen ablesen. In ihren Fingern, die knorrig wie Zweige waren, hielt sie ständig einen Stift, mit dem sie in ihr Tagebuch schrieb. Ich war überzeugt davon, einer der Protagonisten ihrer Aufzeichnungen zu sein, aber als ich einmal, als sie das Tagebuch unbewacht gelassen hatte, heimlich darin las, war das eine Tragödie für mich: Ich kam kein einziges Mal vor. Rasend vor Zorn forderte ich Rechenschaft von ihr, und sie erwiderte: »Sprichst du mit Bäumen?« Angesichts meiner Sprachlosigkeit fügte sie hinzu: »Das, was in meinem Leben wirklich wichtig ist, erzähle ich den Bäumen, das schreibe ich nicht in mein Tagebuch. Leider haben mir die Bäume gesagt, dass es zwischen uns ein Problem gibt.«

»Welches denn?«, fragte ich perplex.

»Du bist kein Baum.«

Claudias surrealistische Phase hielt genauso lange an wie mein Racheplan. Ich erzählte ihr von einer geheimnisvollen weiblichen Präsenz, in die ich verliebt sei, aber die zu erobern mir nicht gelinge. Ich sähe sie jeden Tag in der Kirche, sagte ich, auch sie komme vom Land, wir verbrächten sehr viel Zeit miteinander und gingen Kaffee trinken, und sie habe mich sogar dazu gebracht, eine Zigarette zu rauchen. Claudia wirkte nicht eifersüchtig, als ich sie fragte, was ich tun müsse, um diese andere zu erobern. Sie zuckte mit den Schultern, dann sagte sie, dass dazu immer zwei gehören würden, dass das Mädchen mir, wenn sie mich denn mochte, deutlichere Zeichen geben würde als die, die ich beschrieben hatte. An einem Samstagnachmittag im Winter, als es früh dunkel wurde und der Himmel über Martina violett und metallisch war, suchten wir Zuflucht in der Kapelle des Allerheiligsten Sakraments des Heiligen Martin, eine Umarmung aus mehrfarbigem Marmor, Bronze und Holz. Sie war einer unserer Schlupfwinkel. Sicher vor dem Nordwind und anderen Störenfrieden erzählte ich ihr von dem geheimnisvollen Mädchen, in das ich mich gerade verliebte, aber ich dürfte nicht allzu überzeugend gewesen sein. Claudia ging vor mir am Altar vorbei, um Das Letzte Abendmahl von Domenico Carella aus der Nähe zu betrachten, sie zeigte auf die feurige Wunde, die sich über den Köpfen von Jesus und seinen Aposteln auftat: Für mich war das nur eine wärmespendende Feuerschale, aber für Claudia war es eine fliegende Untertasse. Zwei Arten, die Welt zu sehen. Und so platzte ich damit heraus: »Claudia, es gibt kein anderes Mädchen, das habe ich alles nur erfunden, dieses Mädchen bist du.«

»Das wusste ich schon die ganze Zeit.« Sie blinzelte. Von der Surrealistin zur Realistin mit einem einzigen Satz.

»Willst du mit mir gehen?«, schrieb ich auf einen Zettel, den ich auf ihre Schulbank legte. Wir hatten gerade Mathematik bei einem Vertretungslehrer. Sie stand auf und ging durch den Streifen Sonnenlicht, der die Schüler in der ersten Reihe blendete. Sie stellte sich mit dem Rücken zur Tafel vor mich hin, die Säule ihres kühlen Schattens fiel auf mich.

»Meinst du nicht, dass die Velenos und die Fanellis auf diesem Planeten schon genug Unheil angerichtet haben?«

»Es reicht mir nicht, nur mit dir befreundet zu sein«, sagte ich beschämt und kaum hörbar, schon in Erwartung ihres Widerspruchs.

»Ich hol dir einen runter.«

»Meinst du das ernst?«

»War natürlich nur ein Witz.«

Brüllend warf uns der Lehrer aus dem Klassenzimmer, er könne nicht glauben, was er da gehört hatte, er werde das dem Direktor melden. Claudia nahm seinen Wutausbruch gelassen hin, und wir redeten auf den verlassenen Fluren der Schule weiter. Die gedämpften Stimmen der Lehrer drangen durch die geschlossenen Türen.

»Francesco, wir können nicht zusammen sein.«

»Ich bin hier doch der Einzige, mit dem du redest, manche Dinge kann nur ich verstehen.« Und da war er, der verletzte, erpresserische Mann, der Komplizenschaft als Liebesbeweis vor sich her trägt.

»Mein Leben hier ist nicht gut, aber die Welt ist viel größer als wir beide.« Ihr Blick versetzte meiner Seele einen heftigen Stoß, und es war, als würde sie das, was sie gleich sagen würde, mehr Anstrengung kosten als meine amourösen Avancen abzuweisen.

»Ich kann hier nicht bleiben«, fuhr sie fort.

»An dieser Schule?«

»Nein, in Italien.«

Der Horizont wurde trüb, und die Lichtstrahlen, die durch die Fenster fielen, verwandelten sich in unerträgliche Blitze, das letzte Aufleuchten vor einer grausamen Betäubung.

»Weg aus Italien?«, stammelte ich, als hätte ich es nicht verstanden.

»Ja.«

Sie würde nach London gehen. In den Urlaub, dachte ich zuerst, aber sie würde das ganze vorletzte Schuljahr im Ausland verbringen und dann vielleicht für das letzte zurückkommen. Vielleicht.

»Bist du verrückt geworden, jetzt einfach wegzugehen?« Ich war gekränkt.

»Der Verrückte bist du, oder du bist betäubt, ich kann hier nicht frei atmen. Ich will an einem Ort sein, wo etwas passiert, und hier passiert nichts, ich lerne nichts.«

»Aber deine Eltern sind doch hier!« Eigentlich wollte ich sagen, dass ich hier war.

»Eben! Meine Eltern. Und genau deswegen sollten wir alle weggehen von dem Ort, an dem wir geboren wurden.« Zum ersten Mal dachte ich das auch. Als die Schulglocke ertönte, verabschiedeten wir uns, sie verließ das Gebäude, ohne ihren Mantel und ihren Rucksack aus dem Klassenzimmer zu holen: Kleinkram, Überflüssiges, Gegenstände, auf die man ebenso gut verzichten konnte.

Ich übte mich in der Kunst der Verdrängung, einer Technik, die man als Kind bei Traumata und scheußlichen Erlebnissen erprobt und im Jugendalter perfektioniert. Aber die Maitage gingen vorüber, ohne sich festhalten zu lassen, und im Juni verabschiedeten wir uns unter vielen Tränen.

»Stell nicht zu viel Unsinn an, solange ich weg bin.«

»Nein, ich werde nichts anderes tun, als auf dich zu warten«, sagte ich entsetzlich hingebungsvoll.

»Sei nicht so pathetisch, es stirbt doch niemand.«

»Rufst du mich an, wenn du mit jemandem zusammenkommst?«, fragte ich sie mit dem Blick eines Irren.

»Da wirst du aber viele Anrufe aus London bekommen«, antwortete sie lachend. Auch ich lächelte, mein Herz jedoch fühlte sich an wie ein Fetzen Seide.

Ihre leere Schulbank war für mich ein schwarzes Loch, in das ich jeden Tag hineinstarrte. Anstatt anzurufen schrieb sie mir ein paar Briefe, in denen sie von ihrer Gastfamilie berichtete, einem Oboisten und einer Nähmaschinenverkäuferin, die mit ihrem Hund wie mit einem Menschen redeten, an Claudia jedoch nur sehr selten vertrauliche Worte in einem für sie unverständlichen Englisch richteten, weshalb sie sich ständig wie inmitten einer Verschwörung fühlte.

Meine Einsamkeit spitzte sich derart zu, dass sogar mein Vater anfing, sich Sorgen zu machen; einmal schlug er vor, mich auf die Jagd mitzunehmen, aber als ich mitbekam, wie er im Schlafzimmer in altmodischer Tarnfarben-Kleidung sorgfältig den Lauf seines Gewehrs reinigte und dabei mit sich selbst redete (»Ich schieße auf alles, was sich bewegt, auch auf Schmetterlinge«, drohte er), tat ich so, als ginge es mir nicht gut. Ich blieb zu Hause und starrte die Zeilen an, die Claudia mir geschrieben hatte, was mich in jene tiefe, herzzerreißende Melancholie stürzte, die in diesem Alter noch einen angenehmen Nachgeschmack hat.

Monatelang flehte ich zu Gott, also auch zu Jesus, also auch zum Heiligen Geist, sich mir in einem kleinen Wunder zu offenbaren. Ich betete, dass sie ihr London-Abenteuer unversehens abbrechen und als Überraschung von jenseits des Ärmelkanals zurückkommen würde. Eines Tages erschien dann meine Mutter mit verschwörerischem Ausdruck auf der Schwelle meines Zimmers und sagte mit gerührter Stimme: »Es ist sie.«

»Wo?« Mein Herz begann zu flimmern.

»Am Telefon.« Mit versteinerter Miene stand ich auf und ging die wenigen Meter zum Hörer, der neben dem Telefon lag. Sie wollte also von ihrem ersten Abenteuer erzählen. Mein Kummer nahm mir den Atem.

»Is that you, my best friend?«, hörte ich vom anderen Ende der Leitung, ein leichtes Rauschen im Hintergrund. Meine Mutter verzog sich mit einem anspielungsreichen Lächeln, das zu sagen schien: »Nur wir beide wissen, wie wunderbar die Liebe zu einem Fanelli ist.«

Ich kam zum Punkt.

»Mit wem?« Ich hatte keine Zeit zu verlieren, ich musste umgehend die Wahrheit herausfinden und so bald wie möglich meine Verdrängungsmechanismen in Gang setzen.

»Ich habe mich verliebt«, antwortete sie.

»Das freut mich für dich.« Ich war tot.

»Ich habe mich in Techno verliebt.«

»Versteh ich nicht.«

»Na, Techno.«

Und sie erzählte mir mit Inbrunst, dass sie sich wirklich verliebt habe, ja, dass es bedingungslose Liebe sei. Elektronische Musik. An einem Sonntagnachmittag habe es sie wie der Blitz getroffen; am Tag